Über die Maßen befremdlich

Erst vor kurzem haben wir uns in einem Text mit der gesellschaftlichen Salonfähigkeit des Rechtsextremismus in Österreich auseinandergesetzt. Als ein Beispiel dafür, wie rechtsextreme Ideologeme über die vergangenen Jahrzehnte (erneut) in die gesellschaftliche „Mitte“ gerückt sind, haben wir den Begriff der „Überfremdung“ angeführt (und zu dessen Geschichte auf die Darstellung des DÖW verwiesen). Als hätte es noch eines Beleges bedurft, meldete sich Ende Jänner der Salzburger AK-Präsident Siegfried Pichler zu Wort und beklagte eine „Überfremdung“ durch ausländische Arbeitskräfte in der Tourismusbranche – nicht ohne den Nachsatz, dass es sich dabei um keinen „billige(n) Populismus gegen Ausländerbeschäftigung“ handle. Rund zwei Wochen später berichteten die Salzburger Nachrichten von einer geplanten Demonstration von Studierenden des Mozarteums gegen eine vermeintliche „Überfremdung durch Deutsche“ an den Salzburger Hochschulen.

Rückblende: rund 100 Jahre zuvor bestand „(d)ie politische Tätigkeit“ österreichischer Burschenschafter wesentlich im „Kampf gegen die damals beginnende Überfremdung unserer Hochschulen“, wie ein Alter Herr der Wiener Silesen noch 1989/90 in nostalgisch-romantisierender Weise in deren Semesternachrichten berichten durfte. „Diese Kämpfe, besonders auf der Rampe der Universität, mit den damals getragenen Spazierstöcken besten Kalibers ausgetragen, gehörten zu den Höhepunkten `äußerer´ Tätigkeiten.“ Ziel der burschenschaftlichen Aggression waren damals Juden, Slawen und Italiener (`Welsche´).

Es kann als Treppenwitz der Geschichte gelten, dass ein Jahrhundert nach den Prügelorgien deutsch-völkischer Studenten heute an österreichischen Universitäten just Deutschen dieselbe Parole entgegenschallt. Dass aber Kunststudierende sich anno 2013 gerade unter diesem Begriff formieren; dass eine Qualitätszeitung daran lediglich „kurios“ findet, dass sich unter den Beteiligten auch Deutsche finden, anstatt sich über die ethnisierte Rahmung von Verteilungskämpfen um Bildungschancen zumindest zu wundern; dass, wie bei dem Sozialdemokraten Pichler, das Ü-Wort in einem Atemzug mit einer Distanzierung* von Hetzreden gebraucht werden kann: all dies unterstreicht einmal mehr die Notwendigkeit nicht nur einer aktiven Delegitimierung  rechtsextremer Akteur_innen. Mindestens ebenso dringlich hätte es um die Delegitimierung des von ihnen verbreiteten Denkens zu gehen – namentlich der Umdeutung sozialer (Interessen-)Konflikte in ethnische, die nach wie vor das Kerngeschäft der extremen Rechten darstellt .

* Die Glaubwürdigkeit dieser Distanzierung hat sich dem Autor dieser Zeilen in einem privaten Mailwechsel erschlossen.

Nachtrag: Wie die SN am 25. 2. 2013 (Regionalbeilage, S. 2) berichteten, handelte es sich bei der Aktion – wie zu hoffen war – tatsächlich um ein „Kunstprojekt“ von Schauspiel- und Regie-Studierenden des Mozarteums. Anliegen sei es gewesen, „auf überzogene Art und Weise … Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken. Der Umgang mit und zwischen aus- und inländischen Studenten lasse in Salzburg zu wünschen übrig.“ Die oben gezogenen Schlüsse werden durch den Verlauf der Aktion allerdings eher bestätigt als widerlegt. Zum einen angesichts der beschriebenen Art der Berichterstattung, zum anderen durch die Demonstration selbst. Obwohl Forderungen wie „Piefke raus“ oder jene nach „deutsch-freie(n) Unis“ skandiert und schließlich mit „Göbbels-ähnliche(m) (sic) Ton“ vorgetragen wurden, blieben die Publikumsreaktionen zur Enttäuschung der Darsteller_innen laut SN-Bericht ausgesprochen zurückhaltend.

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