Die Bilder „der Beate“

Zum Beginn des NSU-Prozesses kritisiert das Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus erneut die Verharmlosung von Frauen in der extremen Rechten

Der Prozessbeginn gegen die mutmaßliche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe wurde angesichts der Debatten um die Platzvergabe im OLG München auf den 06. Mai 2013 vertagt. Zschäpe werden die Gründung des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU), die Mittäterinnenschaft an zehn Morden, an Sprengstoffanschlägen, besonders schwerer Brandstifung sowie Beihilfe zum Raub vorgeworfen. Zschäpe, die sich selbst den Behörden gestellt hatte, will nach Angaben der AnwältInnen beim Prozess die Aussage verweigern. Angesichts der Beweislage gehen ExpertInnen davon aus, dass es besonders bei Zschäpe schwierig werden wird, ihr die Mittäterinnenschaft im Rahmen der NSU-Morde nachzuweisen.

Trotz der offenen Fragen sowie des Schweigens von Zschäpe selbst lassen die Spekulationen über die Rolle von Zschäpe inner- sowie außerhalb des NSU jedoch stereotype Muster erkennen, die dem gängigen bzw. sexistischen Klischee der „unpolitschen Frau“ entsprechen. So wurde bspw. im Rahmen der behördlichen Ermittlungen sowie der medialen Berichterstattung angenommen, Zschäpe wäre vor allem als „liebende Frau und Freundin“ emotional mit dem NSU verstrickt gewesen oder hätte zumindest keinen der Morde direkt verübt. Unter dem Titel Und warum ist das Interessanteste an einer militanten Rechtsextremistin ihr Liebesleben?“ 1) versuchte das Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus im November 2011 die strukturelle Verharmlosung der Rolle (und Wirksamkeit) von Frauen innerhalb der extremen Rechten im Rahmen eines offenen Briefes zu thematisieren. „Der öffentliche und der wissenschaftliche Diskurs im Hinblick auf die Wahrnehmung weiblicher Rechtsextremistinnen ist seit jeher mit der Einschätzung konfrontiert, dass dieser Bereich einen Nebenschauplatz darstelle. Konkreter ausgedrückt bedeutet dies: es dominieren (Vor-)Urteile die Wahrnehmung, wie z.B. dass Rechtsextremistinnen aufgrund ihrer geringen Präsenz vernachlässigt werden könnten oder in ihren politischen Aktivitäten nicht ernst genommen zu werden bräuchten, da sie weitgehend in der Funktion als Freundin oder Ehefrau auftreten würden.“ Angesichts derartiger Inszenierungen werden somit nicht zuletzt auch die rassistischen und antisemtischen Motivationen der Taten selbst relativiert.

Verharmlosende Darstellungen von Frauen in der extremen Rechten könnten auch beim NSU-Prozess zum Tragen kommen, unter anderem im Rahmen von Zschäpes Verteidigungsstrategie. Sich stereotyper Weiblichkeitkeitsbilder zu bedienen erweist sich innerhalb der Nazi-Szene als bewährte Praxis. So werden beispielsweise illegale Neo-Nazi Veranstaltungen, die als harmlose Grill- und Gartenfeste getarnt werden sollen, gerne von Frauen angemeldet. Frauen wie Zschäpe selbst sind jedoch offenkundigstes Beispiel dafür, dass sich die Funktion von Frauen innerhalb des modernen Rechsextremismus weder auf die Rolle der Mutter noch auf jene des Anhängsels beschränken lässt.

Anlässlich des Prozessbeginnes veröffentlichte das Forschungsnetzwerk am 12. April 2013 einen zweiten Brief 2) um auf die konstitutive „Funktion Zschäpes und anderer Frauen für das Funktionieren des NSU als rechtsterroristischem Netzwerk“ hinzuweisen. „Extrem rechte Frauen handeln ebenso wie ihre männlichen Kameraden gewalttätig und aus politischer Überzeugung. Sie sind mit Nichten als das ,friedfertige Geschlecht´ anzusehen, als das sie mitunter dargestellt werden. (…) Im Gegenteil: Ohne das Engagement von Mädchen und Frauen würde die extreme Rechte weder lebensweltlich noch ideologisch funktionieren: sie sind aktiver Part in Skinheadgruppen, Kameradschaften, extrem rechten Parteien und Terrorgruppen. Häufig üben sie Funktionen in den Bereichen Vernetzung, Kommunikation, Organisation, Logistik, Finanzierung, Tarnung, Recherche- und Öffentlichkeitsarbeit aus – und übernehmen damit Aufgaben, ohne die extrem rechte Terrorakte, Morde und Überfälle kaum denkbar wären.“

Weiters stehe zu befürchten, dass „im Prozess diesen Unterstützerinnen zu wenig Beachtung geschenkt wird – bisher ist nur eine der Frauen vorgeladen.“ Neben Zschäpe werden vier weitere Männer als Unterstützer bzw. Beihelfer angeklagt. „In dem Umfeld und Unterstützungsnetzwerk des NSU, dem nach Angaben der Ermittlungsbehörden weit über einhundert Personen zugerechnet werden können, beträgt der Frauenanteil laut Recherchen des ‚Antifaschistischen Pressearchivs und Bildungszentrums e.V. (APABIZ)‘ rund 20 Prozent. Die Frauen aus diesem Umfeld haben Ausweise und Wohnungen bereit gestellt, Kontakte gepflegt und vermittelt. Zschäpe selbst nutzte neun weibliche Pseudonyme von realen Frauen. Einige davon waren bzw. sind in der extremen Rechten aktiv.“ Insofern müsse in dem Prozess alles dafür getan werden, „die Formen ihrer und der Beteiligung anderer Frauen jenseits von Geschlechterstereotypen genau zu rekonstruieren. Ziel aller Beteiligten muss es sein, die Verbindungen des gesamten Netzwerkes NSU dezidiert aufzudecken, um erfassen zu können, ob, und wenn ja, in welcher Weise von diesen Strukturen noch immer Gefahren ausgehen.“

Diesen Worten schließen wir uns gerne an.

Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit

1) „Und warum ist das Interessanteste an einer militanten Rechtsextremistin ihr Liebesleben?“ Offener Brief des Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus zur Berichterstattung über die Rechtsextremistin Beate Zschäpe

2) 2. Offener Brief zum Prozessbeginn gegen die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe und zur Beteiligung weiterer Frauen im Netzwerk des Nationalsozialistischen Untergrunds

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