In memoriam Ceija Stojka

Heribert Schiedel: Laudatio anlässlich der Verleihung der Professorinnenwürde an Ceija Stojka durch BM Dr. Claudia Schmied am 16. 10. 2009.

Sehr geehrte Frau Bundesministerin, liebe Familie Stojka, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Ceija!

„Das gehört nicht mir, das gehört den Zigeunern!“ hast Du vor ein paar Tagen entgegnet, als man Dir zur Verleihung des Professorinnentitels gratulieren wollte. Wer Dich kennt, weiß, dass hier vieles am Werk war – nur nicht Koketterie. Und dass es daher nicht leicht ist, eine Lob- und Dankrede auf Dich zu halten.

Wenn Du, liebe Ceija, auch jetzt eine Professorin bist – eine Lehrerin bist Du mir seit ich in den späten 1980ern die ersten Zeilen von Dir gelesen habe. Fast zehn Jahre darf ich nun schon mit Dir an Schulen gehen und gemeinsam mit Dir versuchen, Jugendlichen eine Vorstellung vom unsäglichen Grauen zu vermitteln. Hunderten, ja Tausenden Schülerinnen und Schülern hast Du mittlerweile vom Erlittenen erzählt. Öffentlich über Auschwitz und all die verlorenen Geliebten zu sprechen, hast Du einmal mit Gewalt in Zusammenhang gebracht. Ich sehe aber, wie das aufmerksame Zuhören der Jugendlichen, Eure leidenschaftliche Interaktion, Deinen Schmerz etwas mildert. Dennoch kann Dir gar nicht genug gedankt werden dafür, dass Du Dich immer wieder diesen so belastenden Situationen aussetzt.

Auschwitz, Ravensbrück, Bergen-Belsen – die Erinnerung an die Lager verfolgt Dich in den Schlaf. Dazu kommt der anhaltende Hass, der den Überlebenden entgegenschlug und ihren Nachkommen bis heute entgegenschlägt. Denken wir etwa an jenen Burgenländer, der Dich Jahre nach der Befreiung als „dreckige Zigeunerin“ beschimpfte und schrie, dass Hitler vergessen habe, Dich zu vergasen. Es sind Erlebnisse wie diese, welche Dich fürchten lassen, dass Auschwitz nur im Tiefschlaf sei.

Auf den Überlebenskampf folgte ein retraumatisierender Kampf um Anerkennung. Gerade aus den Fängen der Nazi-Schergen befreit, stießen insbesondere Roma und Sinti über Jahrzehnte auf eine mehr oder minder brüske Zurückweisung ihrer Entschädigungsansprüche. Oftmals sprachen jene Ärzte, die zuvor über die „Rassehygiene“ der „Arier“ gewacht hatten, nun den Überlebenden jede Beeinträchtigung ab, um sie ja nicht in den Genuss von Opferrenten kommen zu lassen. Fehlende Papiere oder Einträge ins Grundbuch, eine Vorstrafe wegen Bettelei, keine Belege für geraubtes Eigentum – der Einfallsreichtum der Bürokratie war schier grenzenlos, wenn es darum ging, die Ansprüche der immer noch für „asozial“ gehaltenen „Zigeuner“ abzuwehren.

1948 hieße es in einem Schreiben des Innenministeriums an alle Bundespolizeibehörden, dass sich „Zigeuner“ in betrügerischer Absicht als KZler ausgeben würden und „das Zigeunerunwesen in einigen Gegenden des Bundesgebietes wieder im Zunehmen begriffen“ sei. Offen wurde schon wieder die „Außerlandschaffung“ angedacht.

Du wurdest unmittelbar mit solcher Geisteshaltung konfrontiert: Denken wir etwa an jenen Beamten, der Dich so behandelte, wie er’s als Übermensch gewohnt war. Aber nun ernten solche Leute weniger Deine Angst als Deinen Stolz: „Ich dachte so vor mich hin: ‚Mein Gott, ist dieser Mensch arm, arm in seinem eigenen verbissenen Leben’.“

Auch den österreichischen Umgang mit dem Nationalsozialismus musstet ihr am eigenen Leib erfahren: Die von geflohenen Nazis zurückgelassene und euch zugewiesene Wohnung wurde nach wenigen Wochen euch wieder genommen und an die vormaligen Besitzer zurückgegeben. Es waren, wie Du sie immer nennst, „entnazifizierte“ – also von jeder Schuld freigesprochene – Nazis, die nach Wien zurückkehrten, nachdem sie bemerkt hatten, dass ihnen keine Gefahr drohte, ihre Verbrechen weitgehend ungesühnt bleiben würden, das Geraubte behalten werden könne.

Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Vehemenz, mit welcher über Jahrzehnte die Opferthese vertreten wurde und der übergroßen Schuld, die Österreicherinnen und Österreicher auf sich geladen haben. Wie viele andere Zeuginnen und Zeugen der Vernichtung erzählst auch Du oft, dass die SS-Männer und -Frauen aus der „Ostmark“ die anderen an Hass und sadistischer Grausamkeit noch übertrafen.

In der Erklärung der Provisorischen Regierung vom 27. April 1945 wurden die zu opportunistischen Mitläufern erklärten Nazis zur Rückkehr in die „Gemeinschaft des Volkes“ eingeladen. Wie wenig Platz auch in dieser Gemeinschaft für die wenigen Überlebenden bestand, musstet ihr früh erfahren: „Um uns hat sich überhaupt niemand gekümmert, was sollen sie sich auch kümmern? Es heißt ja, sie sind selbst besetzt worden, 1938 sind die Deutschen eingereist und haben alles kaputt gemacht. Also was hat das Ganze mit den Österreichern zu tun? Gar nichts. Vielleicht wäre es besser gewesen, wir wären drinnen geblieben in Auschwitz, dann hätten sie keine Schwierigkeiten.“

Wir wollen aber heute auch von den Gerechten reden. Wer Deine Erzählungen kennt, weiß von den Nicht-„Zigeunerinnen“, die wie Frau Brösel oder das Ehepaar Sprach geholfen haben. Erinnert sei heute auch an diejenigen, die Widerstand leisteten und die noch im Lager Menschen retteten. Du machst etwa Frau Riha, eine politische Gefangene in Ravensbrück, für Dein Überleben mitverantwortlich.

Aber nur die Schicksalsgemeinschaft mit den Jüdinnen und Juden überdauerte die Befreiung. Nur diese gaben Dir auch danach das Gefühl der Verbundenheit und Nähe, während Du Dich bei den „Politischen“ lange nicht willkommen fühltest. Als Mitarbeiter einer Institution, die von politischen Gegnerinnen und Gegnern des Nationalsozialismus gegründet wurde, beschämt es mich jedes Mal, wenn Du Deine Kränkung darüber artikulierst.

Liebe Ceija, Du wirst zu Recht für ein neues Selbstbewusstsein der österreichischen Roma mitverantwortlich gemacht. Als eine der Ersten gingst Du Ende der 1980er Jahre mit Deinen Erinnerungen an die Öffentlichkeit, wagtest Du den Schritt aus dem Verborgenen.

Gleichzeitig versperrst Du Dich allen Idealisierungsversuchen des „lustigen Zigeunerlebens“, wenn Du von der Scham schreibst, mit welcher das Hausieren belegt war. Wenn Du immer wieder betonst, wie sehr sich Dein Vater und mit ihm die ganze Familie nach einem festen Dach übern Kopf gesehnt haben. Aber jene, die ihre verpönten Freiheitswünsche auf die Roma projizieren, nehmen euren Alltag nicht war. Sie verklären ihn. Sie lieben nicht dich, sondern ein Klischee. Das gilt etwa für jene Frau mittleren Alters, die dich einmal beim Mittagessen erkannte und sogleich fragte, ob Du auch Karten legen oder gar aus der Hand lesen kannst…

Dass Du heute diese verdiente Würdigung erfährst, zeigt uns aber auch, dass sich in diesem Land etwas verändert hat. Du hast mit Deinen von Karin Berger herausgegebenen Büchern, mit den Filmen und den unzähligen Vorträgen einen wichtigen Beitrag dazu geleistet. Heute liegt es an uns, zumindest zu verhindern, dass Österreich wieder wird, was es war. Jeder Ruck nach rechts, jedes Hakenkreuz an der Wand bedeutet ein mehr an Angst – nicht nur für Dich.

Ja, wir wissen von Deiner Angst, dass wieder Züge in Vernichtungslager rollen, Deiner Angst vor Neonazis und rechten Hetzkampagnen a la „Daham statt Islam!“, deiner Angst um die Kinder, Enkel und Urenkel. Im „Friedensprojekt EU“ werden Roma und Sinti nicht nur diskriminiert – es wird wieder Jagd auf sie gemacht. Hinter den Bildern der brennenden Romahäuser in Italien und Ungarn schimmern am Horizont die Öfen von Auschwitz.

Immer wieder bittest Du am Ende Deiner Besuche die Schülerinnen und Schüler Dich, deine Familie, die Sinti und Roma, ja alle Schwachen und schwach Gemachten zu schützen. Nur dieser Schutz nehme Dir ein wenig von Deiner unsäglichen Angst. Seit ich mich zu jenen zählen darf, die Du als Deinen Schutzmantel bezeichnest, frage ich mich täglich, ob ich wirklich genug mache, um dieser Verantwortung auch gerecht zu werden.

Wie unerträglich ist der Gedanke: Für die sich ruhig verhaltenden „Arier“ hat sich nicht viel verändert. Demgegenüber steht euer Erleben: „Immer wieder verglichen wir die Zeit vor den Nazis mit der danach. Immer wieder sahen wir, wie viele Menschen uns weggenommen worden sind, wie leer wir waren.“

Nach 1945 wuchs die Fremdheit der „Zigeuner“ noch: Ihr musstet nun unter Menschen leben, die vom erlittenen Grauen nichts wissen, die nicht erinnert werden wollten.

Es sind Auszeichnungen wie die heutige, die Dir hoffentlich das Gefühl der Fremdheit ein wenig nehmen, den Schmerz der Ablehnung etwas lindern. Deine Sorge um die Kinder, Enkel und Urenkel können aber wir versuchen zu mildern: mit unserem Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus und für Verhältnisse, die keine Angst mehr machen – niemandem.

„Du stehst dort wie ein schwarzer Punkt“: So beschreibst Du, liebe Ceija, Dein Gefühl als Dir von den Nazis der Schulbesuch verboten wurde. Die Rassisten und Rassistinnen haben Dir verboten zu lernen – nun darfst Du den Titel Professorin tragen. Weil ich weiß, dass Du es nicht tun wirst: Lass mich bitte stellvertretend meine Genugtuung darüber ausdrücken! Die Genugtuung über den kleinen, späten Sieg, der nicht schmecken will.

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