Das beredte Schweigen der anti-political correctness

National-konservative Autor_innen bis hin zu Vertreter_innen der neuen Rechten kontextualisieren „political correctness“ im deutschsprachigen Raum häufig mit dem Schreckgespenst us-amerikanischer Verhältnisse. Was sie in der aufgeregten Beschreibung der „Totalität von Gedanken- und Sprachpolizei“ auslassen, ist der Umstand, dass der PC-Diskurs schon seit den späten 1980er Jahren vielfach von Neocons und neuen Rechten besetzt und umgedeutet worden war.

Es war Mitte der 1980er Jahre als sich an den us-amerikanischen Universitäten eine Kontroverse über andro- und ethnozentristische Lehrpläne und Studienordnungen entfachte. Während Studierende bspw. an der Universität von Stanford 1987 gegen das Pflichtfach „westliche Zivilisation“ aufbegehrten, veröffentlichte Allan Bloom im selben Jahr The closing of the American Mind, in dem er den Sittenverfall der Studierenden auf die „Entwertung“ des westlichen Bildungskanons zurückführt. Das Buch wurde ein Bestseller. In den so genannten „Canon Wars“ fochte die us-amerikanische Rechte für den Leistungsgedanken und marktförmige Konkurrenz, indem sie die Repräsentanz von Frauen und gesellschaftlichen Minderheiten angriff – und damit zugleich ihre Privilegien gegen Antidiskriminierungs- und Gleichstellungsmaßnahmen verteidigte. In diesem akademischen Diskurs wurde auch das Konzept der politcal correctness – und eine davon ausgehende Sprachkritik – geprägt. Während der Begriff zu Beginn der Debatte noch überwiegend als (oft ironische) Selbstbezeichnung bzw. -kritik fungierte wurde dieser zunehmend unter dem Deckmäntelchen der freien Meinungsäußerung zur Diskreditierung emanzipatorischer Forderungen der Frauen- und Civil-Rights-Bewegung verwendet. In seinem Buch über die political correctness Debatte an den US-Universitäten charakterisiert John K. Wilson seine ersten Erfahrungen mit „politisch korrektem“ Verhalten bereits hauptsächlich als Mythos, der von Konservativen ins Feld geführt wurde:
„When I began to hear about politcal correctness as a senior at the University of Illinios in 1990, I wondered what I was missing. (…) Where was politcal correctness? (…) I don´t recall hearing anyone called „racist“ or „sexist“ or „homophobic“, and I certainly never hearded anyone (except perhaps the conservatives) use the phrase politically correct.“
Es war angesichts dieses konservativen Backlashes, als die Kontroverse um „pc or not pc?“ ab den 1990 Jahren im medialen bzw. öffentlichen Diskurs der USA regelrecht zu boomen begann. Der Diskurs um anti-diskriminierende Sprachkritik und soziale Praxen, gelangte somit als von rechts codierter Import in die europäische Wahrnehmung, und fand im Begriff der „political correctness“ – oder kurz „pc“ – seine pejorative Manifestation.

Als die Rede von der „politischen Korrektheit“ Mitte der 1990er Jahre schließlich in Österreich ankam, waren die Begrifflichkeiten zusätzlich durch den diskursiven Durchlauferhitzer der bundesdeutschen neuen Rechten gegangen, die „political correctness“ als „Beweis“ einer angeblich „linken Hegemonie“ bzw. eines „linken Gesinnungsterrors“ in Szene setzten, und damit einhergehend zu ihrem Bedauern einen feministischen und antirasstischen gesellschaftlichen Grundkonsens ausgemacht hatte. Katrin Auer beschreibt diese Imagination als ideologischen Code, den die neue Rechte in ihren „Kulturkampf“-Diskursen funktionalisiert. Er wird zur Klammer des Bedrohlichen, all dessen, was die männlich-weiße Dominanz gefährdet: Feminismus, Homo-Bi-(Inter)Transsexualität, Antirassismus, Anti-Antisemitismus und Antifaschismus. Die Abwehr des vermeintlichen Diktats, und damit einhergehend, die politische Delegitimation von Maßnahmen zum Abbau von Herrschaftsverhältnissen, begrenzte sich dabei aber von Anfang an nicht auf die konservative bis neonazistische Rechte, so titelte die Süddeutsche Zeitung bereits 1991: „Multi-kultureller Joghurt. In amerikanischen Universitäten greift ein neuer Sprach-Terror um sich“. Im bundesdeutschen und österreichischen Sprachgebrauch kam noch ein weiterer Begriff hinzu, die „Gutmenschen“ werden als „politisch korrekte“ Akteur_innen ausgemacht, benannt und verspottet. Dabei handelt es sich aber um keine reine Feindbildzuschreibung in Politik und Medien. Vielmehr war der Begriff noch Mitte der 1990er Jahre auch eine Selbstbezeichnung kritischer Linker, die die Moralisierung und Entpolitisierung von Sprache aufzeigen wollten. Das Projekt muss derzeit als gescheitert betrachtet werden – die kritische Auseinandersetzung mit Phrasen wie „Mein Freund ist Ausländer“ oder „Bunt statt Braun“, fiel hinter die kulturkämpferischen Interventionen der neuen Rechten zurück.
Im „political corectness“-Diskurs steht nicht die tatsächliche politische Aussage im Focus, es geht vielmehr um eine kommunikative Meta-Ebene. Eine Ebene, in deren nationalistisch normierendem Sinne sich auch die beiden aktuellen Debatten um anti-diskriminierende literarische Veränderungen in Kinderbüchern und die Selbstbezeichnung „Mischling“ durch die Redaktion der Zeitung Das Biber verhalten.
Zu letzterem zuerst: Die April-Ausgabe coverte mit einem Quiz und der Schlagzeile „Mischlinge. Erkennst du den Mix?“ (04/13). Auf Kritik reagierten die Redakteur_innen mit Unverständnis, die Verwendung des „Mischling“ Begriffs wurde mit persönlich-biographischen Scheinargumenten erklärt, oder ins Humoristische bagatellisiert. Beides hilft in der Auseinandersetzung um Aneignung von Begriffen und Selbstbezeichnungen nicht weiter, sondern führt in inhaltslose „pc“-Diskussionen. Für eine grundlegende Kritik müssen die rassistischen Tradierungen im post-nazistischen Österreich mit einbezogen werden, und zwar in dem zum einen, die Verwendung des Begriffs „Mischling“ auf Grund seiner Bestimmung in den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 universell abzulehnen ist. Zum anderen muss die zynische Normierungsstrategie der nationalen Inpflichtnahme von Menschen deren Eltern und Großeltern nicht Teil der nationalsozialistischen Täter_innengeneration waren kritisiert werden. Die ausgebliebene beziehungsweise unvollständige Konfrontation mit dem Nationalsozialismus in Österreich, wird nun als nationale Fleissaufgabe jenen Menschen abverlangt, die von anderen Ebenen der gesellschaftlichen Teilhabe strukturell ausgeschlossen bleiben.
Anders, aber nicht minder rassistisch, verhält es sich in der Debatte um anti-rassistische Änderungen in Kinderbüchern. Im Focus stehen hierbei Werke Astrid Lindgrens und Otfried Preußlers. Änderungen von rassistischen Benennungen werden, ganz „pc“ konform, als Zensur diskursiviert. Der Ruf nach der „Freiheit der Kunst“ steht dabei unwidersprochen neben dem Wehklagen über die verlorene „Werktreue“. Dabei wird auch immer wieder behauptet, die bei Lindgren und Preußler verwendeten Begriffe, wären damals in einer sprachlichen Neutralität niedergeschrieben wurden, die Autor_innen wie der damalige Zeitgeist ergo von Rassismus unbeleckt. In der Debatte scheint eine national-kulturalistische Sentimentalität durch, die das Kindheitserlebnis als weisse Autochtone romantisiert, während sie Kindern und Jugendlichen eine antirassistische Leseerfahrung abspricht. Als sich die neunjährige Ishema Kane mit den Worten „Ich finde es total scheiße!“ an die Redaktion der Zeit gegen die Verwendung des N* Wortes wandte, wurde ihr Leserinnenbrief verschwörungstheoretisch als Fälschung angegriffen.
Zu der aktuellen Debatte haben beispielsweise die Zeitung Falter mit seinem Aufmacher zum Thema „Darf man noch *** sagen?“ (16/13) und die Sendung Pro und Contra, die am 22.04.2013 zum Thema „‘Umvolkung‘, ‚Mischlinge‘ und ‚geheilte Schwule‘: Wo sind die Grenzen der Meinungsfreiheit?“ augestrahlt wurde, wenig Erhellendes beigetragen. Im Diskussionsformat des Senders Puls 4 erhielt der FPÖ-Abgeordnete Johann Gudenus zum x-ten Mal die Möglichkeit sich auf das Orwellsche 1984 zu beziehen. Kein_e Autor_in wird im Anti-pc-Diskurs so oft zitiert und so stark gebogen. Zu einem richtigen Erfassen der Sprach- und Sozialkritik George Orwells empfiehlt sich nicht nur für Gudenus die Lektüre von Orwells Text Politics and the English Language, sondern auch das Lesen seines ersten Romans Down and Out in Paris and London: „Ich werde niemals wieder denken, alle Landstreicher wären betrunkene Schurken, noch werde ich glauben, dass ein Bettler dankbar ist, wenn man ihm einen Penny gibt (…).“

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