Der Ball, die Burschen und die Behörden

Christa Zöchling stellt in ihrem Artikel “Besucher- und Ehrenschwund” in profil 4/2014 die umfangreiche symbolische Unterstützung durch politische und akademische Eliten dar, die dem Ball der Wiener völkischen Studentenverbindungen über Jahrzehnte zuteil wurde. Dazu lässt sich anmerken, dass die freundliche Haltung der politischen Amtsträger und akademischen Behörden gegenüber dem völkischen Verbindungswesen, ausgedrückt im Ehrenschutz oder Besuch verbindungsstudentischer Veranstaltungen, keineswegs auf das Wiener Ballereignis beschränkt war. Die lokalen Rektoren in sämtlichen Universitätsstädten standen jahrzehntelang (und stehen zum Teil noch heute) für den Ehrenschutz der lokalen völkischen Bälle zur Verfügung und nahmen an Kommersen, Stiftungsfesten und “Heldengedenken” teil. Beim Salzburger Burschentag der Deutschen Burschenschaft von 1982 gaben Landeshauptmann Haslauer sen. (ÖVP) und Bürgermeister Josef Reschen (SPÖ) gar einen Empfang für die versammelten Burschenschafter. Im Ehrenschutz/Ehrenkomitee des Grazer Akademikerballs 2004 finden sich etwa die damaligen MinisterInnen Bartenstein (selbst korporiert im deutschnationalen Grazer Akademischen Turnverein) und Ferrero-Waldner sowie die Landeshauptleute Schausberger, Pröll und Klasnic (alle ÖVP). Josef Pühringer hält bis heute die Tradition hoch, wonach der oberösterreichische (ÖVP-)Landeshauptmann den Linzer Burschenbundball besucht, und verteidigt diese Haltung auch offensiv.

Was die Solidarität der akademischen Behörden mit den Verbindungen betrifft, so war diese wohl nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass ihnen letztere ihrem Habitus nach, aber auch politisch bedeutend näher standen als die um 1970 an Stärke gewinnende universitäre Linke. Im Umgang waren sie für die konservativen Spektabilitäten zweifellos angenehmer: so übernahmen es Korporierte 1968, linke Protestierende im Rahmen der Inauguration eines neuen Rektors der Universität Wien aus dem Saal zu befördern. Im selben Jahr stürmten RFS-Aktivisten einen von Linken besetzten Hörsaal, 1970 sprengten sie eine Vollversammlung der basisdemokratischen Wiener Institutsvertreterkonferenz.

Angesichts der kaum in den in althergebrachten akademischen Formen artikulierten linken Revolte musste es in professoralen Ohren wohltuend klingen, was gleichzeitig von burschenschaftlicher Seite zu vernehmen war: während die Hochschullinke „die Autorität des Vaters und Lehrers zu beseitigen” und „jahrhundertealte Institutionen deutscher Hochschulen lächerlich“ zu machen trachte, stünden die Korporationen für „sachliche Gespräche zwischen Professoren und Studenten“ ebenso zur Verfügung wie zur „Abwehr destruktiver Elemente“, führte ein Wiener Teutone auf dem Stiftungsfest seiner Verbindung 1968 aus. Diese Botschaften wurden auf Seiten der akademischen Würdenträger mit Wohlwollen vermerkt. Beispielsweise beschwor Günther Winkler in seiner Funktion als Prorektor der Universität Wien 1974 die „stete Verbundenheit der Hohen Schulen mit den Korporationen als Gegengewicht gegen den linken Terror“. Als Ort für diese bemerkenswerte Aussage hatte er sich das Stiftungsfest Olympias ausgesucht – eben jener Burschenschaft, die sich erst ein Jahr zuvor wieder unter diesem Namen konstituiert hatte, nachdem sie 1961 aufgrund ihrer Verwicklungen in den Südtirolterror der behördlichen Auflösung anheim gefallen war.

Ansätze der Distanzierung sind erst in den 1990er Jahren erkennbar – unter anderem wurde nun der allwöchentliche Couleurbummel des Wiener Korporationsrings aus der Aula der Universität Wien auf deren Rampe verbannt. Dennoch kehrten die Verbindungen nach einem Personalwechsel im Rektorat vereinzelt wieder in die Aula zurück, bis der „Siegfriedskopf” in den Arkadenhof verlegt wurde. Der Tradition eines jährlichen Totengedenkens ebendort machte das Rektorat 1996 ein Ende. Ab dem Folgejahr veranstaltete der WKR stattdessen ein Totengedenken zum 8. Mai im öffentlichen Raum.

Die Bedeutung der beschriebenen Solidaritätsgesten von politischer wie auch von akademischer Seite ist nicht zu unterschätzen: in den Nachkriegsjahren erlaubten sie es den völkischen Verbindungen, binnen kürzester Zeit Respektabilität (und einen Platz im Gesellschaftsleben der Zweiten Republik) zurückzugewinnen, die ihnen als Vorkämpfer und aktive Stützen des NS-Regimes kurzzeitig abhanden gekommen war. Bis heute dienen sie dazu, den Korporationen ein gewisses Maß an gesellschaftlicher Salonfähigkeit zu erhalten.

Bernhard Weidinger (@bweidin) für FIPU (@fipu_at)

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