Mythologia Germanica

Die jüngsten Proteste gegen burschenschaftliche Ballveranstaltungen und das damit einhergehende Medieninteresse haben völkische Korporierte zu einer Reihe von Entgegnungen auf vermeintliche Fehlrepräsentationen veranlasst. Unverändert spiegeln sie die in völkischen Korporiertenkreisen vorherrschende Weigerung wider, auch unangenehme Erkenntnisse der seriösen Geschichtswissenschaft zu akzeptieren und vom Modus trotziger Apologie zu einer selbstkritischeren Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte im Allgemeinen (und jener zwischen 1930 und 1945 im Besonderen) überzugehen. Der Leserbrief von Wendelin Mölzer an die Zeitschrift PROFIL (7/2014) bildet hier keine Ausnahme. Eine Richtigstellung.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Wendelin Mölzer vermeintliche „Klischees und Mythen“ in Christa Zöchlings Artikel mit Halb- und Viertelwahrheiten zu entkräften hofft. Entgegen der von ihm behaupteten ideologischen Unvereinbarkeit von völkischem Verbindungsstudententum und Nationalsozialismus ist auf die (politisch früh realisierte) Kompatibilität beider im fanatischen Irredentismus und Antisemitismus hinzuweisen. Mölzers vermeintlicher Beleg – die Auflösung der Verbindungen durch das NS-Regime – blamiert sich an den Fakten. Nicht wegen demokratischer Gesinnung oder ideologischer Unzuverlässigkeit wurden die völkischen Verbindungen aufgelöst, sondern aufgrund der Grundtendenz des Regimes, keinerlei Organisierung außerhalb seiner eigenen Strukturen zu dulden. Unschwer zu erkennen ist dies für jeden, der es wissen will, daran, dass katholische, liberale und zionistische Korporationen 1938 zerschlagen, die völkischen dagegen in den NS-Studentenbund überführt wurden. Dies nicht zuletzt aus Dank für ihre emsige, bereits Anfang der 1930er Jahre einsetzende Wühlarbeit im Dienste der NS-Bewegung. Die von Mölzer – wohl nicht zum letzten Mal in diesem Jahr – versuchte Vereinnahmung der 1848er-Revolte für die „Waffenstudenten“ erscheint insofern wenig überzeugend, als ein studentisches Verbindungswesen in Österreich zu diesem Zeitpunkt nur in zarten Ansätzen existierte. Wenn Mölzer schließlich darauf pocht, dass Burschenschafter wie Victor Adler und „Friedrich“ (korrekt: Ferdinand) Lassalle mit an der Wiege der Sozialdemokratie standen, wäre er auch daran zu erinnern, weshalb Burschenschaft und Sozialdemokratie keine gemeinsame Zukunft beschieden war: in etwa zeitgleich mit der Herausbildung letzterer wurden völkischer Nationalismus, rabiater Antisemitismus und militanter Anti-Internationalismus unter österreichischen Burschenschaftern hegemonial.

Bernhard Weidinger

Zurück zur Startseite

Kommentare deaktiviert für Mythologia Germanica

Eingeordnet unter Quick Takes

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.