Zwischen Sexualisierung und ­Verharmlosung

Der fragwürdige Umgang mit rechtsextremen Frauen

Judith Goetz

erschienen in Malmoe 66

Seit der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) und seine rassistisch motivierten Morde an mindestens zehn Menschen bekannt wurden, läuft die sensationsorientierte Berichterstattung über das deutsche Neonazi-Trio auf Hochtouren. Dass sich Beate Zschäpe im November 2011 den Behörden stellte und sich seit Mai letzten Jahres als Hauptangeklagte in einem Prozess zu verantworten hat, bot aber auch den (längst) notwendigen Anlass, sich erneut mit der Bedeutung von Frauen in der extremen Rechten auseinanderzusetzen.

„Gefährliche Mitläuferin“?

Vor allem die anfängliche stereotype Berichterstattung, die in Beate Zschäpe eine „gefährliche Mitläuferin“ (Bild) oder ein sexualisiertes Anhängsel der „eigentlichen Täter“ Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sehen wollte, veranlasste das Forschungsnetzwerk „Frauen und Rechtsextremismus“ sogar dazu, sich mit zwei Briefen, in denen diese Aspekte auf Basis jahrelanger Forschung zur Thematik kritisiert wurden, an die Öffentlichkeit zu wenden. Auch in der rechtsextremen Szene selbst wird mit Beate Zschäpe unterschiedlich umgegangen. Stellt sie für die einen eine Heldin dar und wird mit Liebesbriefen umworben, blieben dauerhafte Solidaritätskampagnen dennoch aus.

Die Süddeutsche wiederum sprach vom „Herz der Terrorfamilie“ und in der Frankfurter Rundschau war zu lesen, dass Zschäpe „eine der wenigen aktiven Frauen in der rechtsextremen Szene“ gewesen sei und sich „politisch kaum engagiert“ habe. Damit wurde von Seiten der Medien an die Klischeevorstellung unpolitischer Frauen angeknüpft, die eine Verharmlosung und Unsichtbarmachung des politischen (und in manchen Fällen auch gewaltförmigen) Engagements von Frauen in der extremen Rechten zur Folge hat. Im Gegensatz dazu hat die seit Ende der 1980er Jahre im deutschsprachigen Kontext betriebene Forschung aufgezeigt, dass Frauen in den unterschiedlichsten Spektren des Rechtsextremismus aktiv waren und sind, und auch verschiedene Aufgaben und Positionen innerhalb rechtsextremer Organisierung übernehmen. Zudem sind es ebenso wie bei Männern meist Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus, die rechtsextremes Gedankengut für Frauen attraktiv machen, und nicht, wie oftmals fälschlicherweise angenommen, frauenpolitische Themen. Gleichzeitig stabilisiert und normalisiert die Frauenpräsenz die rechte Szene, weil sie nicht nur nach außen das Image verbessern, sondern auch leichter Eingang in zivilgesellschaftliche Bereiche wie Elternbeiräte, Vereine etc. haben. „Diese Unterschätzung kann und wird z.T. auch in rechtsextrem orientiertem Milieu bewusst eingesetzt, beispielsweise bei der Anmietung von Räumen für Veranstaltungen, bei der Sammlung von Daten (vermeintlicher) politischer GegnerInnen, des Fotografierens derselben, die Ansprache von BürgerInnen bei Infoständen oder beim Betrieb von Internetportalen.“ 1 So wird zumindest von der Bundesanwaltschaft betont, dass Zschäpe die „unverzichtbare Aufgabe“ gehabt hätte, „dem Dasein der terroristischen Vereinigung den Anschein von Normalität und Legalität zu geben“. Dabei ist sie nicht alleine gewesen. Im Gegenteil konnte der NSU laut APABIZ auf ein UnterstützerInnennetzwerk von rund 200 Personen zählen – etwa 20 % davon waren Frauen. Neben unzähligen anderen Ermittlungspannen und weiterhin offenen Fragen wird aber weder den Frauen noch dem Unterstützungsumfeld als solchem im Prozess gebührend Bedeutung zugemessen. Für den Prozess gegen Beate Zschäpe und vier weitere mutmaßliche Unterstützer des NSU stellt es tatsächlich die größte Herausforderung dar, Zschäpe die Beteiligung an den verübten Morden tatsächlich auch nachzuweisen. Zu den Anklagepunkten zählen neben der Gründung des NSU sowie der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung u.a. Brandstiftung, die Ermordung von zehn Menschen sowie zwei Sprengstoffanschläge sowie 14 Banküberfälle. Obwohl der Prozess bis Ende 2014 anberaumt ist, bleibt fraglich, ob alle Morde in dieser Zeit geklärt werden können und die Angehörigen auf diese Weise auch Aufklärung bekommen. Das komplette Versagen der Behörden sowie der hinter den Morden und Ermittlungspannen steckende Rassismus sind ohnehin kein Thema des Prozesses gewesen und so bleibt zu befürchten, dass statt Aufklären bald Abhaken auf der Tagesordnung stehen wird.

Österreichische Verhältnisse

Großes Unwissen gibt es aber im österreichischen Kontext über rechtsextreme Frauen, obwohl sich zahlreiche Beispiele finden lassen. Während im Umfeld der bekannten neonazistischen Internetplattform alpen-donau.info, die zwischen April 2009 und März 2011 online war und deren Betreiber und Initiatoren inzwischen zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, keine Frauen bekannt sind, die entscheidende Rollen übernommen hatten, sieht es im Kontext des Neonazi-Vereins Objekt 21 anders aus. Isabella Kordas, deren Künstlerinnenname als NS-„Liedermacherin“ „Sterbehilfe“ lautet, war bereits mit dabei gewesen, als der „Kulturverein“, ein Bauernhof nahe Attnang-Puchheim, aufflog. Im Mai 2009 wurden bei einer zufälligen Polizeikontrolle des Autos von Jürgen Windhofer verbotene Waffen und zahlreiche NS-Devotionalien gefunden. Im darauf folgenden Wiederbetätigungsprozess wurden Ende letzten Jahres vom Landesgericht Wels alle sieben Angeklagten u.a. wegen Verherrlichung nationalsozialistischer Ideologie schuldig gesprochen. Auch im Umfeld der „Identitären Bewegung“, die Ideen der sogenannten „Neuen Rechten“ aufgreift und in ihrer teilweise aktionistischen Agitation für die „Aufrechterhaltung“ einer nationalen bzw. europäischen Identität (gegen eine vermeintliche „Islamisierung“) auftritt, beteiligten sich Frauen immer wieder an einzelnen Aktionen. Zudem organisieren sich Frauen auch verstärkt in sogenannten „BürgerInneninitiativen“ wie beispielsweise der „Bürgerinitiative Dammstraße“ in Wien, auch bekannt als „Moschee Ade“, die sich gegen den Ausbau eines islamischen Kulturzentrums starkmacht. Ansonsten scheinen sich Anhängerinnen rechten bzw. rechtsextremen Gedankenguts in Österreich beispielsweise in der FPÖ-Frauenorganisation „Initiative Freiheitlicher Frauen“ (IFF) zu engagieren. Nicht zu vergessen sind an dieser Stelle jedoch auch die Wählerinnen rechtsextremer Parteien wie der FPÖ, die durch ihre Stimmabgabe zeigen, dass sie kein Problem mit rassistischen, antisemitischen, sexistischen und homophoben Politiken haben, und diese somit stärken. Aber auch deutschnationale Burschenschafter haben ein weibliches Pendant: Mädelschaften oder Damenverbindungen nennen sich jene Zusammenschlüsse von Frauen, die in Bezug auf völkischen Nationalismus ihren männlichen Gesinnungskameraden um nichts nachstehen. Sie unterscheiden sich einerseits durch ihren geringeren gesellschaftlichen Einfluss als auch dadurch, dass Mitglieder von Mädelschaften keine Mensuren fechten dürfen. Ihnen wird nämlich, so wie allen Frauen, die Satisfaktionsfähigkeit abgesprochen.

Nicht ernst genommen

Um die Auseinandersetzung mit rechten/rechtsextremen Frauen scheint es auch in Österreich äußerst dürftig bestellt. Zwar besteht phasenweise ein (nicht selten sensationsorientiertes) Interesse an der Thematik. Sie werden jedoch meist nicht als Anhängerinnen menschenfeindlicher Ideologien ernst genommen. So beispielsweise bei einer Veranstaltung über rechtsextreme Frauen im Linzer Autonomen Zentrum, zu der auch vier Mitglieder der deutschnationalen Mädelschaft „Iduna zu Linz“ gekommen waren. Während bei öffentlichen Veranstaltungen zum Thema Rechtsextremismus beispielsweise in den Hörsälen von Universitäten Burschenschafter oftmals „toleriert“ werden, weil es kein ausgesprochenes Verständnis darüber gibt, wer bei derartigen Veranstaltungen „erwünscht“ ist, verhält es sich im Kontext eines autonomen Zentrums anders. In seinem Selbstverständnis heißt es eindeutig: „Deswegen dürfen Rassismus, Sexismus, Heteronormativität, Antisemitismus, Nationalismus sowie Verhalten, das dies wiedergibt bzw. andere Personen – egal auf welche Weise – unterdrückt, keinen Platz haben.“ 2 Dennoch zeigte sich ein großer Teil der BesucherInnen der Veranstaltung nach dem „Outing“ der Mädelschafterinnen nicht unbedingt entschlossen, sie auf Basis des Selbstverständnisses zum Gehen zu bewegen, und so musste der Rausschmiss erst durchgesetzt werden. Jene, die mit ihnen diskutieren wollten, setzten die Diskussion sogar vor der Tür fort. Traurige Bilanz: Wären es deutschnationale Burschenschafter gewesen, die sich ins Autonome Zentrum getraut hätten, wäre wohl anders mit ihnen umgegangen worden.

Judith Goetz

(1)2. Offener Brief zum Prozessbeginn gegen die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe und zur Beteiligung weiterer Frauen im Netzwerk des Nationalsozialistischen Untergrunds http://www.frauen-und-rechtsextremismus.de/cms/images/medienarbeit/offener-brief-2013-04-12.pdf

(2)http://az-linz.servus.at/?page_id=30

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