Internationale des Deutschnationalismus?

Deutschnationale Burschenschaften in Chile

erschienen in Frauen*solidarität Nummer 127 (1/2014) Schwerpunkt: Maskulinismus

Judith Goetz

Im deutschsprachigen Raum sind Studentenverbindungen an beinahe allen Hochschulen vertreten. Diese elitären Männerbünde lassen sich jedoch nicht nur hierzulande antreffen, sondern beispielsweise auch in Chile, wo sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts Studenten zusammenfanden, um eine Burschenschaft nach deutschem Vorbild zu gründen.

Elitäre Männerbünde
Deutschnationale Burschenschaften sind elitäre Männerbünde, die sich seit ihres Bestehens durch den Ausschluss von – in ihren Kreisen nicht als „satisfaktionsfähig“ geltenden – gesellschaftlichen Gruppen wie beispielsweise Juden und Jüdinnen oder Frauen* auszeichnen. Insbesondere das Wesen der Mensur (Fechtkampf), das deutschnationale Burschenschaften auch von anderen Studentenverbindungen wie beispielsweise konfessionell orientierten unterscheidet, dient als brutale Erziehungsmethode, die zur Herausbildung einer sich für die Gemeinschaft aufopfernden, „wehrhaften“ Männlichkeit beiträgt.

Durch einen gemeinsam eingeübten Habitus, bestimmte Traditionen, Rituale und das in den Verbindungen geltende Regelwerk (Comment) werden gemeinschaftsbildende Grundlagen geschaffen, die gemäß dem Lebensbundprinzip einen „lebenslangen Zusammenhalt bestimmter Männer“ absichern sollen. Die hierarchisch organisierte männerbündische Struktur fungiert dabei nicht zuletzt als Schutz vor gesellschaftlichen Transformationen wie der zunehmenden Veränderung von Geschlechterordnungen und der Infragestellung männlicher Hegemonieansprüche. Im deutschsprachigen Raum sind Studentenverbindungen an beinahe allen Hochschulen vertreten, so dass es aktuell ca. 900 Studentenverbindungen mit rund 150 000 Mitgliedern gibt. In Österreich fallen deutschnationale Burschenschaften vor allem immer wieder durch NS-Verharmlosung und ihre Verstrickungen zu neonazistischen Vorfällen und Organisationen auf. Mit ihrem rechten bis rechtsextremen Gedankengut stellen sie dabei leider kein gesellschaftlich marginalisiertes Randphänomen dar. Immerhin fungieren deutschnationale Burschenschaften in Österreich bis heute als Bindeglied zwischen dem organisierten Neonazismus der Straße und dem parteiförmig organisierten Rechtsextremismus im Parlament. So sitzen beispielsweise hierzulande in den Reihen der FPÖ aktuell 14 deutschnationale Burschenschafter im Parlament. Hinzu kommt ein FPÖ-Nationalratsabgeordneter, der Mitglied in einer katholischen Verbindung (MKV) ist, sowie zwei Nationalratsabgeordnete der FPÖ, die Mitglieder in deutschnationalen Mädelschaften, dem weiblichen Äquivalent zu Burschenschaften, sind. Deutschnationale Mädelschaften und Damenverbindungen unterscheiden sich von ihren männlichen Kameraden ideologisch kaum, jedoch ist es ihnen untersagt, Mensuren zu fechten.

Völkisches Vaterland
Im Mittelpunkt (antifaschistischer wie auch feministischer) Kritik stehen neben dem Prinzip des Männerbundes und den damit verbundenen Männerseilschaften auch der in burschenschaftlichen Kreisen virulente Rassismus und Antisemitismus sowie das großdeutsche Gedankengut. Der in burschenschaftlichen Reihen kultivierte völkische Nationalismus basiert nicht auf einem staatlichen Vaterlandsbegriff, sondern orientiert sich an der Zugehörigkeit zu einer imaginierten „deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft“.  Obgleich beispielsweise Österreich als „deutscher Staat“ betrachtet wird, finden derartige Bezugnahmen eher verklausuliert statt, da im österreichischen Staatsvertrag (Art. 4 Abs. 2) pangermanische Bestrebungen wie großdeutsche Propaganda und Handlungen, welche auf den „Anschluss“ an Deutschland abzielen, verboten wurden. Dem Gedankengut folgend, mag es dennoch nicht verwundern, dass deutschnationale Burschenschaften sogenannte „Auslandsdeutsche“ als Teil dieses von ihnen beschworenen „Volks“ begreifen und sich für diese einsetzen. In diesem Sinne heißt es beispielsweise im Kurzporträt der „Deutschen Burschenschaft“, einer Art Dachverband, in dem an die 120 Burschenschaften organisiert sind: „Die Deutsche Burschenschaft sieht das deutsche Vaterland unabhängig von staatlichen Grenzen in einem freien und einigen Europa, welches Osteuropa einschließt. […] Deshalb setzt sich die Deutsche Burschenschaft aktiv dafür ein, daß in einem freien Europa  den Angehörigen aller Völker, insbesondere auch allen deutschen Volksgruppen in anderen Staaten, die uneingeschränkte kulturelle Entfaltung und Selbstbestimmung gewährleistet wird.“

Von Jena bis Santiago
Weniger bekannt ist jedoch, dass von „Deutschgesinnten“ bzw. Nachfahren deutscher Einwanderer auch im Ausland Burschenschaften gegründet wurden. Als bedeutendstes Beispiel ist in diesem Zusammenhang Chile zu nennen, wo bereits Ende des 19. Jahrhunderts die erste von insgesamt fünf Burschenschaften gegründet wurde. Die Burschenschaft „Araucania“ (benannt nach einer Region in Chile) wurde 1896 u. a. vom Sohn eines Mitglieds der 1815 in Jena gegründeten „Urburschenschaft“ ins Leben gerufen. Dieser Vater wurde in Chile durch „die Revolution von den Pflichten des Stadtarztes und Leiters des Hospitals in Puerto Montt enthoben“, wie es in der schwulstigen Gründungsgeschichte auf der Homepage der Verbindung heißt, und verfügte demnach „über genügend Zeit, um seinen Sohn für die Tradition der Jenaer Burschenschaft zu begeistern“.

In den 1920ern folgten weitere Burschenschaftsgründungen in Chile, und so wurden die „Montania“ (1924 in Concepción) und die „Andinia“ (1926 in Santiago de Chile) gegründet, die beiden weiteren jedoch erst nach dem 2. Weltkrieg („Ripuaria“ 1949 in Valparaíso und „Vulkania“ 1963 in Valdivia). Gemeinsam sind sie im 1959 ins Leben gerufenen Dachverband „Bund chilenischer Burschenschaften“ organisiert, der auch ein Freundschafts- und Arbeitsabkommen mit der oben genannten „Deutschen Burschenschaft“ pflegt und u. a. in Form von Stipendien Auslandsaufenthalte von deutschen und österreichischen Burschenschaftern in Chile organisiert und umgekehrt. Zudem finden sich in Chile auch drei Mädelschaften, zu denen die 1969 gegründete Mädchenschaft „Erika Michaelsen Koch“ in Santiago, die 1991 gegründete „Amankay“ in Valdivia und die „Viktoria“ in Concepción zählen.

Gemeinsamkeiten/Unterschiede
Wenngleich die männer- und lebensbündische Struktur, die Verbindungsfarben (z. B. Schwarz-Rot-Gold bei der „Araucania“ oder Schwarz-Weiß-Rot bei der „Ripuaria“) sich kaum von jenen im deutschsprachigen Raum unterscheiden und die Wahlsprüche „Ehre, Zucht, Einigkeit“ („Araucania“) oder „Zucht, Arbeit, Freude“ („Ripuaria“) einiges über die in den Verbindungen kultivierten Werte auszusagen vermögen, lassen sich doch auch einige Unterschiede zu den deutschnationalen Burschenschaften hierzulande festmachen. So sind die chilenischen Burschenschaften freischlagend, was bedeutet, dass die Verbindung ihren Mitgliedern freistellt zu fechten und sie folglich keine Pflichtmensuren fechten müssen (was nicht zuletzt damit zu tun hat, dass die rechtliche Grundlage der Mensur in Chile nicht geklärt zu sein scheint). Anders als im deutschsprachigen Raum, wo die „deutsche Herkunft“ neben dem Bekenntnis zur „deutschen Volksund Kulturgemeinschaft“ eine entscheidende Rolle für die Aufnahmebedingungen in einer Burschenschaft zu sein scheint, reichen in Chile gute deutsche Sprachkenntnisse sowie „aktives Interesse an dieser Sprache und Kultur“ bzw. „an der Erhaltung des deutschen Kulturguts“ oder die Versicherung, „sich fürs Deutsche engagieren“, als Voraussetzungen aus – wobei die Mädchenschaft „Erika Michaelsen Koch“ jedoch hervorhebt: „Mädchen deutscher Abstammung werden bevorzugt.“

Gemäß der Internetpräsenz anderer rechter/rechtsextremer Organisationen, die Anglizismen verteufeln, lassen sich auf einigen (fast ausschließlich in Deutsch gehaltenen) „Heimatseiten“ chilenischer Burschenschaften ebenfalls meist nur „Verweise“ und keine Links finden. Das Semesterprogramm der unterschiedlichen Verbindungen lässt auf eine ähnliche Begeisterung für hohen (deutschen) Bierkonsum wie hierzulande schließen und reicht von Gründungsfesten über Burschenräte bis hin zu „Stammtisch im Lili Marleen“ (?!).

Wenngleich die Homepages vor allem dazu dienen, Mitglieder zu werben, und sich wenig politisch geben, werden bei genauerer Betrachtung sehr wohl auch die ideologischen Hintergründe deutlich. Die Geschichte der Burschenschaft „Araucania“ beispielsweise gibt Auskunft über ihre Beziehung zu Deutschland. Nachdem sich nämlich in Deutschland und Österreich nach dem „Anschluss“ 1938 ein Großteil der deutschnationalen Burschenschaften selbst aufgelöst und in die NSDAP eingegliedert hatte, existierten 1939 nur mehr die chilenischen Burschenschaften, was diese in eine komplizierte Situation brachte. Relativ unverblümt heißt es über die „Suspension der Aktivität der Burschenschaft Araucania“: „Als die Lage Deutschlands hoffnungslos wurde und nur noch der Zusammenbruch des Reiches erwartet werden konnte, sah man in der vorläufigen Einstellung jeglicher Aktivität der Burschenschaft die beste Lösung.“ Und an anderer Stelle werden die „Folgen“ des Militärputsches 1973 bejubelt: „Die Universitäten übernahmen wieder ihr früheres Ziel und entwickelten sich in einem friedlichen Milieu.“

Obgleich die chilenischen Burschenschaften mit der deutschen Community in Chile gut vernetzt zu sein scheinen, ergibt sich dennoch ein entscheidender Unterschied zu den Burschenschaften im deutschsprachigen Kontext: der weniger geringe gesellschaftliche wie auch politische Einfluss chilenischer Burschenschafter – und so wird Osvaldo Koch Krefft (ehemaliger chilenischer Justiz-, Innen- und Außenminister) als bekanntestes Mitglied der Burschenschaft „Araucania“ wohl eher eine Ausnahme bleiben.

Lesetipps:

Heither, Dietrich (2000): Verbündete Männer. Die Deutsche Burschenschaft – Weltanschauung, Politik und Brauchtum. Köln.

»Österreichische Hochschüler_innenschaft der Uni Wien [Hrsg.in] (2009): Völkische Verbindungen. Beiträge zum deutschnationalen Korporationsunwesen in Österreich. Wien.
Zur Autorin:  Judith Goetz ist Politik- und Literaturwissenschaftlerin sowie Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (www.fipu.at). Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählen Rechtsextremismus (und Geschlecht), Gedenkpolitik und Gedenkkultur in Österreich sowie feministische/frauenpolitische Fragestellungen.

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