No balls, no game?

Geschlechterpolitiken im (österreichischen) Flag Football

Wer je einen flüchtigen Blick auf eine Partie der amerikanischen National Football League (NFL) oder ihres österreichischen Pendants (AFL) erhascht hat, wird American Football als geradezu archetypische Arena viriler Männlichkeit wahrnehmen: gestählte (oder jedenfalls schwere) Männerkörper prallen beständig aufeinander, alphamännliche Imponiergesten prägen das Bild zwischen den Spielzügen. Von Flag Football, auch geläufig als die „Speed-Variante“ des Spiels, wäre anderes zu erwarten, wird es doch – jedenfalls der Theorie nach – „körperlos“ betrieben: anders als im „richtigen“ (oder „Tackle-“)Football wird der/die Ballträger_in nicht durch Zu-Boden-Bringen gestoppt, sondern durch das Ziehen einer an ihrem/seinem Gürtel befestigten „flags“. Nicht zuletzt aufgrund der damit verbundenen Bedeutungsminderung physischer Unterschiede im Allgemeinen und von „strength“ und Masse im Besonderen stehen im Flag Football – präziser: im österreichischen Flag Football, dank entsprechender Anpassung der internationalen Wettspielordnung – häufig gemischtgeschlechtliche Teams auf dem Platz, anstatt eine Hierarchie zwischen Männer- und Frauenligen einzuziehen oder Frauen von vornherein die Rolle der Zuschauer- oder Cheerleaderin zuzuweisen (1).

Trotz dieser günstigen Ausgangsbedingungen ist die real existierende, kleine Welt des österreichischen Flag Football freilich kein herrschaftsfreies Post-Gender-Paradies. Was falsch an der Gesellschaft, stellt auch das Eierlaberl nicht kurzerhand richtig. Je kompetitiver die Liga bzw. Spielsituation, umso weniger Frauen werden in der Regel in den Teams bzw. am Feld zu finden sein. Die Frauen auf den aktuellen Kaderlisten der höchsten Spielklasse, der Flag Liga Austria (FLA), lassen sich an einer Hand abzählen. Auch in den unteren Ligen, der FLA II und der Flag Liga Start, tummeln sich zahlreiche reine Männer-Teams und stellen Frauen in Summe eine deutliche Minderheit dar. Als Ausnahmen sind die Amazing Austrian Amazones (weitgehend personalident mit dem österreichischen Damen-Nationalteam) und die Rangers aus Mödling (beide FLA II) zu nennen. Auch eine geschlechtstypische Arbeitsteilung ist spürbar – am häufigsten werden Frauen in gemischten Teams auf jenen Positionen eingesetzt, in denen Athletik (vermeintlich) am wenigsten zum Tragen kommt – Linebacker, Blitzer, Center. Wer Fotoaufnahmen des Herren-Nationalteams studiert, wird überhaupt feststellen, dass die theoretische „Körperlosigkeit“ des Spiels der faktischen Herausbildung eines bestimmten Ideal-Körpertyps (groß, schlank, athletisch) nicht entgegensteht (2).

Abseits der Frage des Frauen-Männer-Verhältnisses in quantitativer und qualitativer Hinsicht sind auch im Flag Football jene sozialen Phänomene zu beobachten, die in männerbündischer Umgebung stets zu höchster Entfaltung gelangen: Auch in Flag-Teams können Hackordnungen über interne Hahnenkämpfe ausgefochten werden; auch auf Flag-Feldern wird die eigene Männlichkeit von manchen über die Abwertung alternativer Männlichkeiten, die eigene Heterosexualität über die Distanzierung von anderen Begehrensformen bekräftigt; auch hier gilt ein flatternder Pass manchem als „schwul“, obwohl der US-Football-Lingo hierfür die schöne Bezeichnung „duck“ bereithalten würde. Wer chronisch solche Enten anstelle der als erstrebenswert geltenden „tight spirals“ oder „lasers“ produziert, wirft nach dem Urteil mancher „wie ein Mädchen“ – eine Einschätzung, die jenseits ihres sexistischen Gehalts auch pragmatischer Weise von jedem schleunigst verworfen werden müsste, dessen Defense je von Amazones-Quarterback Saskia Stribrny und ihren europameisterlichen Kolleginnen zerzaust worden ist (3).

Während Imponiergehabe und maskulinistische Selbstvergewisserung ohnehin einen fruchtbaren Boden finden, wo immer Männer zusammenkommen und vorwiegend unter sich sind, werden entsprechende Tendenzen im Flag augenscheinlich durch das Vorbild des Tackle Football noch verstärkt. Die meisten Flag-Begeisterten verfolgen insbesondere die amerikanische Profiliga mit großer Passion – eine Liga, in der Attribute wie „hard hitter“ oder „bruising back“ als Ehrentitel gelten, soldatische Tugenden wie Disziplin, Schmerztoleranz und Selbstaufopferung in geradezu religiöser Weise beschworen werden, das Fachvokabular durchmilitarisiert ist wie die Grenzregion Kaschmir („air raid“, „blitz“, „battle in the trenches“, etc.) und Reviermarkierungen („This is our house!“) zum obligatorischen Vorgeplänkel jeder Partie zählen. Wenig verwunderlich insofern, dass das bei fortwährendem Konsum dieses Produkts beiläufig erlernte Repertoire an mann-männlichen Posen und Verhaltenweisen – von der Bizeps-Flexerei bis zu den „chest bumps“ als Touchdown-Celebration – und Vergemeinschaftungsriten wie dem niedrigfrequenten Gebrüll im Huddle auch auf Flag-Feldern eifrig kopiert wird. Die Körpersprache, „attitude“ und letztlich Ideologie des American Football findet sich im Werbespruch eines AFL-Sponsors – „No balls, no game“ – prägnant zusammengefasst (4).

Spürbar ist der Tackle-Einfluss auch in der Namenswahl der Teams: zwischen „Steelsharks“ und „Studs“, „Spartans“ und „Vipers“ ist alles vertreten, was Gegner_innen Furcht einzuflößen geeignet scheint. Während Angst vor physischem Schmerz im Tackle-Football höchst rational und ihre Erzeugung daher realer Erfolgsfaktor ist (dass Chicagos NFL-Team „Bears“ heißt und nicht den Namen „Cubs” von einem lokalen Baseball-Team übernahm, war der Legende nach dem zu wenig aggressiven Charakter der „Bärenkinder“ geschuldet), erscheint dieselbe Namenswahl im Flag als Imitation – und letztlich als Ausdruck einer ausgeprägten Bereitschaft zur Selbstironisierung. [Dass diese freilich auch ihre Grenzen hat weiß, wer dem eigenen (damals) all-male-Team jemals den Vorschlag unterbreitet hat, den Teamnamen auf „Vienna Sparkleponies“ und die Trikotfarben auf Pink&Silver zu ändern. Nochmaligen Dank an dieser Stelle für die Ja-Stimmen!]

Nicht zuletzt dieser Hang zur Selbstironie ist es, der Flag Football sympathisch macht – sympathischer allemal als etwa den Männer-Fußball und die grölenden Horden Oberteil-averser Männerfanblocks, Schlägertrupps und Spiegeltrinker, die er (unter anderem) mobilisiert. Die weitverbreitete Selbstwahrnehmung als softe Variante, als kleine Schwester des Tackle, als Option für jene, denen dieser zu brutal, zu schmerzhaft oder zu körperlich fordernd ist, lässt die Flag-Community Gebräuche des „richtigen“ Football nie ganz ungebrochen reproduzieren, sondern stets mit einem gewissen Augenzwinkern. Zumindest wäre dies meine Antwort auf die Frage, weshalb ich an mancher der erwähnten Verhaltensweisen partizipiere. Mit Blick auch auf die (bei allen erwähnten Abstrichen) im österreichischen Flag realisierte Geschlechtergemischtheit erscheint alles in allem nicht unplausibel, dass Homophobie, Sexismus, Maskulinismus und Männerbündelei hier geringer ausgeprägt sein könnten als in manch etablierter Breitensportart. In diesem Sinne: Go Bees! Go Ponies! -bw-

Der Autor spielt seit 2011 Flag Football, seit 2013 als Safety/Linebacker bei den Vienna Honeybees (FLA II).
Praktische Informationen zur Sportart sind auf
www.flagfootball.at
abrufbar.

(1) Hinsichtlich der Geschlechterverhältnisse im österreichischen Tackle-Football werden von führenden Funktionären des Verbandes (AFBÖ) gemischte Signale ausgesendet: während Präsident Michael Eschlböck in seiner Funtion als NFL-Co-Kommentator auf PULS4 immer wieder auf das Bestehen von Frauen-Tackle-Teams und des Cheerleading als Option auch für Männer hinweist, propagierte einer seiner Vizepräsidenten noch kürzlich in einem Interview „einen Football für jeden Burschen, Pom-poms für jedes Mädchen” als Devise zur weiteren Popularisierung der Sportart in Österreich.

(2) Spätestens auf FLA-Niveau erweist sich, dass „kontaktarm“ eine treffendere Charakerisierung als „körperlos“ ist: (Antritts-)schnelligkeit, Wendigkeit, Körperbeherrschung, kurze Reaktionszeiten und peripheres Sehen sind nur einige der Assets, die beim Flag nicht schaden. Was, jedenfalls bei sympathischen Teams, glücklicherweise nicht bedeutet, dass sie Voraussetzung für eine spaßbetonte Mitwirkung wären.

(3) Wer narzisstische Befriedigung aus der Leistung anderer Landsleute zieht wird erfreut sein zu erfahren, dass Österreich im Flag als Supermacht gelten kann. Es sind der Sportarten wenige, in denen die Alpenrepublik über amtierende Welt- (Herren, 2012) und Europameister_innen (Damen, 2013) verfügt.

(4) Die Wahl der oberösterreichischen Gute-Laune/Dicke-Hose-Rapper Trackshittaz als Interpreten des offiziellen Songs zur Football-WM 2011 in Österreich kann insofern als passend bezeichnet werden. Die Inszenierung der Sportart in Text und Video des Songs illustriert Football-typische Maskulinität und Geschlechterverhältnisse in trefflicher Weise. Dass der Gestik, Sprache und anderweitigen Interaktion im Tackle Football auch eine gehörige homoerotische Komponente innewohnt, hat u. a. der Anthropologe Alan Dundes in seinem instruktiven Artikel „Into the End Zone for a Touchdown: A Psychoanalytic Consideration of American Football“ von 1978 ausgeführt.

Zur Startseite

Kommentare deaktiviert für No balls, no game?

Eingeordnet unter Hintergründe

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.