Zur Symbolliebe des Rechtsextremismus

Heribert Schiedel, erschienen in fiber #24

Dass extreme Rechte auch und vor allem mit Symbolen(1) und Codes arbeiten, manche davon sogar der Linken entwendet haben, wird vielerorts zum Skandal oder gegenwärtigen Hauptproblem stilisiert. Dabei ist dieses Phänomen weder neu, noch stellt es eine Besonderheit dar. Bereits Ernst Bloch sprach im Zusammenhang mit der Symbolsprache und den Inszenierungen der Nazis von „Entlehnung[en] aus der Kommune“, welche für die Gewinnung des nazistischen Massenanhangs maßgeblich verantwortlich gewesen wären.(2) Und dass die extreme Rechte, die wie keine andere politische Kraft nicht auf rationale Argumentation, sondern auf Mythenbildung und Gefühle (Ressentiments) setzt, in der Wahl ihrer agitatorischen Mittel vor allem auf das Bildhafte und Stereotype zurückgreift, liegt in der Sache selbst begründet. Es drängt sich vielmehr der Verdacht auf, dass mancherorts die intensive aber gleichzeitig oberflächliche Beschäftigung mit den Symbolen und Codes des Rechtsextremismus die kritische Auseinandersetzung mit seinen Inhalten und Ursachen ersetzen soll. Dazu kommt insbesondere im pädagogischen Feld die Gefahr, dass eine reine Reproduktion rechtsextremer Bildersprache manche Jugendliche erst dem Sog aussetzt, gegen welchen sie eigentlich immunisiert werden sollten.

Darum möchte ich im Folgenden keine weitere Auflistung extrem rechter Symbole und Codes liefern, sondern ein paar grundlegende Fragen in diesem Zusammenhang zumindest gestellt haben. Ausgehend von der Analyse des Rechtsextremismus als eine Politik der Gefühle, die nicht an die Vernunft sondern an den gesellschaftlich deformierten Alltagsverstand(3) appelliert und vor allem „Begriffsfetische“(4) produziert, interessieren mich die Funktionen, welche den Symbolen und Codes im rechtsextremen Diskurs zukommen. Gleiches gilt für (vormals) linke Symbole und Diskurse, die von Rechten übernommen werden. Abschließend soll die Frage nach den Anschlussstellen, die derartige Diskurspiraterie erleichtern, zumindest gestellt werden.

Magisches Denken

Als antimoderne Gegenbewegung zur Aufklärung bricht der Rechtsextremismus auch mit deren Vernunftverständnis. Individuelle Rationalität wird nicht kritisiert, sondern (als „jüdisch“ und „zersetzend“) denunziert. Ihr wird eine, an die „Rasse“ oder das „Volk“ gebundene Fähigkeit zum „Schauen“ (des „Ganzen“) entgegengesetzt. Symbole sind hier nicht länger nur Zeichen, die auf etwas verweisen, sondern unmittelbar erfahrbare Wesenheiten. Es war einer der Theoretiker des Männerbundes, Alfred Bäumler, der den bis heute gültigen essentialistischen Symbolbegriff der extremen Rechten etablierte. Nach seinem Verständnis vermag nur das Symbol (Mythologem) als repräsentierender Teil des „Ganzen“ die völkische Einheit oder Gemeinschaft stiften, während der vernunftgeleitete Gebrauch von Wörtern nur Zwietracht säe und konfliktvolle Gesellschaftlichkeit stifte.
In der Psychoanalyse hat Hanna Segal dafür den Begriff der symbolischen Gleichsetzung etabliert: Symbol und Symbolisiertes werden als identisch erlebt.(5) Wie das magische Denken, die Annahme, die äußere Realität gehorche den inneren Wunschbildern, stellt die symbolische Gleichsetzung einen frühkindlichen Wahrnehmungsmodus dar. Wird sie im Verlauf der Entwicklung zumeist auch überwunden, so droht insbesondere in Zeiten schwerer Krise der Rückfall (Regression). Dies gilt auch beim Eintritt in die pathologische Gruppe (Masse), bei welchem der jüngere psychische Oberbau der Einzelnen abgetragen wird und sich ein gemeinsames Massen-Ich an seine Stelle setzt. Dabei leidet zuallererst die Realitätsprüfung, was die Mitglieder solcher Gruppen derart anfällig für suggestive Kraft von Mythen werden lässt.
Vor diesem Hintergrund wird der Stellenwert einer Politik des Symbolischen für die extreme Rechte hoffentlich deutlich. Subjekt ihrer Anrufungen ist weder das Individuum noch die Interessensgruppe (Klasse), sondern die als „natürlich“ oder „organisch“ bezeichnete (homogene) Gemeinschaft, das „Volk“, das permanent als Masse inszeniert wird. Denn erst durch den massenhaften Glauben an sie werden Mythologeme wahr und wirksam oder Gemeinschaft stiftend. Die „Volksgemeinschaft“ war jenseits der Illusion aber nur durch Zwang, Terror und Vernichtung der Nicht-Identischen zu haben. Nach der Befreiung vom Nazismus – von extremen Rechten bis heute treffend als „Zusammenbruch“ bezeichnet – blieben als Einheit stiftenden Kraft bloß Symbole über, dementsprechend zentral ist ihre Bedeutung für den Rechtsextremismus nach 1945. Dass dauernde und stabile Massen heute in der Regel virtuelle sind, verkleinert die Erfolgsaussichten symbolischer Politik nicht, zumal extreme Rechte schnell lernten, sich die Virtualität des Internets nutzbar zu machen. Inwieweit ihnen dabei die inneren Gesetzmäßigkeiten der neuen Medien und Kommunikationstechnologien entgegenkommen, müsste jenseits der Maschinenstürmerei noch zum Gegenstand von Kritik werden.
Während der Diskurs der extremen Rechten also von Mythologemen dominiert wird, könne nach Roland Barthes „eine eigentlich revolutionäre Sprache keine mythische Ausdrucksweise sein.“(6) Dieser Anti-Mythos meint aber weder einen Rückfall hinter die Kritik der Aufklärung und des Rationalismus, noch den totalen Verzicht auf eine Politik mit Symbolen. Dabei wäre jedoch der Unterschied zur Rechten in den eigenen Praxen zu berücksichtigen: Es müsste schon beim ersten Hinsehen deutlich werden, dass das verwendete Symbol nicht mehr ist als ein mit Bedeutung aufgeladenes Zeichen. Dies gelingt am ehesten durch Distanzierung, etwa in Form der Selbstironie und des Spielerischen, begleitet von blasphemischen Angriffen auf die Sozialgottheiten der Rechten. Aber erste Aufgabe radikaler Linker bleibt, das soziale Bedürfnis nach dem Mythos durch gesellschaftliche Aufklärung zu minimieren – bis zur Überwindung der Verhältnisse, die durch permanente Versagungen dieses Bedürfnis (re-)produzieren.

Es lockt das Symbol

Aus meiner jahrelangen Arbeit mit Jugendlichen ist mir die faszinierende Wirkung von Symbolen nur zu gut bekannt. Aber immer noch staune ich, wie stark etwa der imaginäre (gesellschaftlich vermittelte) Sog ist, der vom Hakenkreuz ausgeht. Dies hätte auch die antifaschistische Bildersprache mehr zu berücksichtigen, dementsprechend müsste auf die Verwendung dieses Symbols – in welcher Form auch immer – weitgehend verzichtet werden. Das daneben stärkste oder wirksamste Symbol der Rechten ist heute das „Sonnenrad“ oder die „Schwarze Sonne“, die im apokalyptischen Denken die auf das allgemeine Blutbad folgende neue Zeit ankündigt. Gerade von Identitätsdiffusion bedrohte Adoleszente scheinen extrem anfällig für den Mythos vom kollektiven Untergang und von den paradiesischen Zuständen, die auf die Apokalypse folgen. Neonazis laden insbesondere männliche Jugendliche in (vor allem gesungenen) Worten und in Bildern ein, von RAHOWA(7) zu phantasieren.
Auch wenn die Grenze im Alltag nicht immer klar zu ziehen ist, kann zwischen „positiven“ und „negativen“ Symbolen der extremen Rechten unterschieden werden. Unter letzteren ist vor allem „der (ewige) Jude“, gerne auch „Weltfeind“ genannt, herauszuheben. Bis heute stellt die Karikatur das zentrale Medium des Antisemitismus dar, jüngst sorgte Heinz-Christian Strache mit einer auf facebook veröffentlichten Schmähzeichnung für einen Skandal.(8) In der antisemitischen „Alltagsreligion“ (Detlev Claussen) kommt es daneben seit jeher zu einer Plünderung religiöser Symbolik, wobei nicht nur auf die ohnehin schon antijüdische Bildersprache des Christentums zurückgegriffen wird. Vielmehr bedient sich der Antisemitismus auch an den jüdischen Selbstbezichtigungen, wie sie sich etwa im Bild des „Goldenen Kalbes“ ausdrücken. Dass diese Ikone des Antisemitismus 2003 bei einer Kundgebung der Antiglobalisierungsbewegung in Davos mitgetragen wurde, verweist auf seine anhaltende (auch unbewusst wirkende) Macht – und den reflexionsfreien Zustand vieler Linker. Zuletzt waren es Mitarbeiter_innen der Wiener Grünen, die partout nicht einsehen wollten, warum eine Krake, die mit ihren Tentakeln die Welt umspannt, nur von Neonazis verwendet werden sollte.
Während die an Bedeutung übervollen Symbole Einheit im Großen stiften, schweißen die Codes die jeweiligen Gruppen zusammen. Im Falle des Antisemitismus kommt ihnen jedoch ebenfalls Gemeinschaft bildende Funktion zu: Seine Geheimsprache bindet die Verstehenden zur esoterischen Gruppe und verleiht deren wissenden Mitglieder eine enorme narzisstische Zufuhr. Daneben sollen antisemitischen Codes wie etwa „US-amerikanische Ostküste“ oder „internationale Hochfinanz“ vor sozialer Ächtung und behördlicher Verfolgung schützen. Letzteres gilt auch für die Ersatzzeichen der Neonazis wie der beliebte Zahlencode „88“ für „Heil Hitler“.

Geländegewinne und Gegenwehr

Neben diesen Tarnversuchen und Codierungen wird seit geraumer Zeit auch das Eindringen sogenannter „Neuer Rechter“ in linke oder für links gehaltene Diskurse beklagt. Beginnend in Frankreich und mit dem Recht auf (kulturelle) Differenz, das im Neorassismus zur Pflicht geriet, wurden immer mehr Parolen und Begriffe entwendet. In vielen Fällen ist das auch gar nicht schade und Linke, die mit Rechten ernsthaft über die Deutungshoheit von Begriffsfetischen wie „Nation“, „Heimat“ oder (kollektive) „Identität“ streiten, kommen ihnen auf halbem Weg entgegen. Diese Worthülsen von mythischer Qualität sollten vielmehr als solche entlarvt und ruhigen Gewissens aus dem eigenen Angebot gestrichen werden. Dies bedeutet nicht, alle von extremen Rechten okkupierten Diskurs-Felder kampflos zu räumen, ihnen wichtige Geländegewinne zu gönnen. Nur weil Neonazis etwa auf grün oder friedensbewegt machen, ist kritische Ökologie und Antimilitarismus nicht aus linken Diskursen zu verbannen. Gleiches gilt für den rechten Antikapitalismus oder völkischen (symbolischen) Sozialismus, auf den mit einer präzisierenden Wiederaufnahme der Kritik der politischen Ökonomie zu antworten wäre. Aber anstatt den Kapitalismus in seiner Totalität und als komplexes gesellschaftliches Verhältnis zu kritisieren, wird von Linken noch immer viel zu oft die Einheit von Produktion und Zirkulation auf gespalten und die Ausbeutung dem bösen Charakter von „Kapitalisten“ zugeschrieben. Wenn extreme Rechte und radikale Linke am 1. Mai ein Transparent mit der Aufschrift „Kampf dem internationalen Finanzkapital“ hochhalten (so 2000 in Leipzig und Wien), meinen aber nur erstere damit „Friede dem nationalen Produktionskapital“. Letztere erklärten mir die Verwendung dieser strukturell antisemitischen Parole damals mit der Tatsache, dass ein „Kampf dem Kapital“ auf weniger Zustimmung stoßen würde. Tatsächlich ist es neben theoretischer Verlotterung vor allem die populistische Orientierung auf die Massen und den Alltagsverstand, die solche politisch verheerenden Ergebnisse zeitigt.
Dass der Linken die Symbolik entwendet werden kann, ist stets auch ihrer hegemonialen Schwäche zuzuschreiben. Mit dem Siegeszug und alternativlos Werden des Kapitalismus brach das revolutionäre Symbolsystem zusammen. Daneben liegt es aber an manchen Symbolen selbst, dass sie derart leicht von extremen Rechten übernommen werden können. Dies gilt etwa für den von den neonazistischen „Autonomen Nationalisten“ entliehenen Habitus des „Schwarzen Blockes“, der jedoch aufgrund seines vielerorts überschießenden Maskulinismus und Militanzfetischs innerhalb der radikalen Linken schon länger kritisiert wurde. Die bereits in den 1990er Jahren auch in Wien sich langsam etablierenden bunten und LGBT-Blöcke eignen sich demgegenüber nicht für rechte Piraterie.
In manchen musikalischen Subkulturen wie etwa Punk, HC, Rap oder Hip-Hop liefert ebenfalls der Gewalt affine Männlichkeitswahn, die offen zelebrierte Homophobie und Misogynie Anknüpfungspunkte für extreme Rechte, die diese Formen dann nur zu leicht übernehmen können. Erfolgreicher Widerstand dagegen scheint mir nur aus der jeweiligen Szene heraus und unter Berücksichtigung dieses Faktums möglich zu sein. Schließlich bildet der Mythos der „Arbeiterklasse“ und ihrer Gewalt seit jeher eine Klammer zwischen Nationalismus und (antimarxistischen) Sozialismus und damit den Kern des Faschismus. Nicht erst die Tatsache, dass dieser, sich im verbreiteten Bild des Zahnrades und muskelbepackter Arbeiter ausdrückende Mythos bis heute von zentraler Bedeutung für Neonazis ist, sollte ihn für Linke unbrauchbar machen. Neben dem inhärenten Antiintellektualismus, wie er sich in den Lobgesängen auf die „Arbeit“ und den Adel der schwieligen Hände artikuliert, drückt sich in ihm auch längst zu überwindendes Hauptwiderspruchsdenken aus. Demgegenüber hat es die rechte Diskurspiraterie überall dort schwer, wo Kritik der Intersektionalität mehr ist als bloßes (akademisches) Schlagwort.
Das Anfang der 1990er Jahre insbesondere in Frankreich und Deutschland zu konstatierende Überlaufen vormals kritischer Intellektueller wurde durch deren geistige Verfassung begünstigt. Verena Krieger beschreibt dies am Beispiel Heiner Müllers Begeisterung für Ernst Jünger:

„Meine These ist, daß das Jüngersche Amalgam von Dekadenz, Gewalt und Potenz ein in den letzten Jahren etwas aus der Mode gekommenes revolutionäres Heroentum wieder zum Erglühen bringt und ihm neue Gestalt verleiht – eine neue Gestalt, die ihren reaktionären Charakter erst jetzt offenbart, der im Grunde immer schon darin angelegt war. Dieser chauvinistische Heroismus impliziert eine grundsätzliche und abgrundtiefe Verachtung gegenüber allem Schwachen, Weiblichen und Unterlegenen. Auf die gegenwärtige gesellschaftliche Situation bezogen, bedeutet das auch, gegenüber einer Position der Niederlage, Ratlosigkeit und Perspektivlosigkeit. Genau diese Niederlage und Ratlosigkeit aber ist es, in der sich Linke oder besser gesagt: alle die in kritischer Opposition zur herrschenden Realität stehen, befinden – jedenfalls wenn sie ehrlich sind.“(9)

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Fußnoten:

1) Unter Symbol soll hier zunächst ein mit Sinn aufgeladenes Zeichen verstanden werden. Darüber hinaus kann aber auch einer Handlung oder Tat Symbolcharakter zukommen. Während der Bedeutungsgehalt des Zeichens relativ willkürlich und beliebig ist, transportieren Symbole stets einen bestimmten (oft auch überschießenden) Sinn. Diskursiv verdichtete Symbole bilden einen Mythos und können mit Jürgen Link auch als vor allem unbewusst wirkende „Kollektivsymbole“ bezeichnet werden.
2) Bloch, Ernst: Erbschaft dieser Zeit. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1973, S.70
3) Alltagsverstand soll hier kritisch bestimmt werden als Medium der Verkennung, als sozial (durch permanente Versagung) produzierte Struktur von Wünschen nach Eindeutigkeit und Stereotypen. Was von extremen Rechten als „gesundes Volksempfinden“ angerufen wird, sollte radikalen Linken nicht als Anknüpfungspunkt dienen. Damit möchte ich jedoch nicht einem intellektuellen Snobismus und Defätismus das Wort reden. Vielmehr ginge es darum, sich der Tradition der Arbeiter_innenbewegung zuallererst als (sich permanent selbst reflektierende) Bildungsbewegung zu erinnern und in den notwendigen Kämpfen um Hegemonie nicht in Populismen zu verfallen.
4) Lenk, Kurt: Zur Sozialpsychologie der Mythenbildung (1971). In: Lenk, Kurt: Rechts, wo die Mitte ist. Studien zur Ideologie: Rechtsextremismus, Nationalsozialismus, Konservativismus. Baden-Baden: Nomos 1994, S.85. Lenk spricht am Beispiel der „Nation“ oder des „Volkes“ auch von „Übersubjekten“ und „Sozialgottheiten“, denen normativer und imperativer Charakter zukomme.
5) Segal, Hanna: Traum, Phantasie und Kunst. Stuttgart: Klett-Cotta 1996
6) Barthes, Roland: Die Mythen des Alltages, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1964, S.135
7) Akronym für „Racial Holy War“.
8) Vgl. Peham, Andreas: Zum antisemitischen Gehalt einer Karikatur. Auf: http://www.erinnern.at/bundeslaender/vorarlberg/bibliothek/dokumente/warum-ist-die-karikatur-auf-der-hc-strache-facebookseite-antisemitisch/erinnern%20strache%20antisem%20_2_.pdf
9) Krieger, Verena: Rechtsentwicklung der Linksintellektuellen? In: Das Argument 211, 37. Jg., H. 5/1995, S.662

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