Burschenschaften und 1848: das FIPU-FAQ

War 1848 tatsächlich eine burschenschaftliche Revolution?

Auf der Akteursebene: kaum. Burschenschaften konnten aufgrund der Metternichschen Repression auf dem Gebiet des heutigen Österreich erst um 1860 entstehen. Burschenschaftlichen Quellen zufolge existierten im Vormärz klandestine Zusammenschlüsse, die auch führend in den Ausbruch der Revolution involviert gewesen sein sollen. Auch wenn dies stimmen sollte, gingen diese Zusammenschlüsse in der weiteren Folge in der Akademischen Legion auf und stellten dort eine kleine Minderheit dar.

Auf ideologischer Ebene lässt sich argumentieren, dass die Forderungen der studentischen Revolutionäre von 1848 weitreichende Überschneidungen mit jenen der frühen deutschen Burschenschafterbewegung aufwiesen (wobei jeweils eine beträchtliche ideologische Bandbreite feststellbar ist).

Was hat es mit dem „Bündnis von Arbeitern und Studenten“ 1848 auf sich, das Burschenschafter gerne beschwören?

Tatsächlich waren in die Revolute von 1848 in Wien neben Studenten und Bürger_innen und Proletarier_innen involviert. Unter ersteren beiden herrschte allerdings eine instrumentelle Haltung gegenüber letzteren vor: die Beteiligung der lohnabhängigen Massen war willkommen, um den Druck auf die Reaktion zu erhöhen; Tendenzen, die politische zu einer sozialen Revolution weiterzutreiben, wurden allerdings von bürgerlicher und studentischer Seite mit großer Sorge beäugt und nötigenfalls auch gewaltsam durch die Nationalgarde unterbunden. Bei allem revolutionärem Drang: die Eigentumsordnung und das eigene Klasseninteresse sollten gewahrt bleiben. Das hindert FPÖ-Vertreter heute nicht daran, die FPÖ als vermeintliche Erbwahrerin der Revolution als logische Verbündete (bzw.: Anführerin) der Unterprivilegierten zu positionieren: „Dass heute eine Funktionärsschicht aus bürgerlichen Nationalliberalen zu Vorkämpfern für die Interessen des viel zitierten ‚kleinen Mannes‘ geworden ist, steht in dieser historischen Tradition [von 1848, Anm.]“, schrieb Andreas Mölzer 2009 in der PRESSE.

Sind Burschenschafter „Demokraten der ersten Stunde“?

Zumindest für den österreichischen Fall ließe sich dies nur äußerst waghalsig argumentieren. Akzeptierte eins großzügig die Einstufung von 1848 in Wien als „burschenschaftliche Revolution“, so wäre immer noch darauf zu verweisen, dass der Mainstream der damaligen Revolutionär_innen weniger Demokratie als eine konstitutionelle Monarchie anstrebte. Auf die bloße Zusicherung einer Verfassung hin brachte die Akademische Legion dem Kaiser am 15. März 1848 „Vivat!“-Chöre dar. Selbst wo Demokratie gefordert wurde, sollte sie auf Männer beschränkt bleiben. Richtet eins den Blick auf burschenschaftliche Geschichte in Österreich im engeren Sinn, d. h. auf die Zeit ab den 1860er Jahren, so ist hier von demokratischem Pioniergeist wenig zu erkennen. Die burschenschaftliche Opposition zum Hause Habsburg war nicht demokratischer, sondern anti-dynastischer Art: während die österreichische Ausformung der Monarchie abgelehnt wurde, verehrte man Preußen und Bismarck.Die Einführung des allgemeinen und gleichen Männerwahlrechts 1906 wurde vom völkischen Lager bekämpft (das Frauenwahlrecht sowieso). Es sei schließlich nicht einzusehen, dass „ein deutscher Universitätsprofessor politisch dasselbe Gewicht haben sollte, wie ein in einem Erdloch hausender Bewohner des östlichen Galiziens“, wie der Chronist von Germania Innsbruck noch 1965 rückblickend festhielt. In weiterer Folge wurden die Burschenschaften zu frühen und verlässlichen Stützen der nicht eben Demokratie-affinen nationalsozialistischen Bewegung und des NS-Regimes.

Warum gedenkt der Olympe Gerhard Schlüsselberger, Obmann des Veranstaltervereins des „Festes der Freiheit“, lieber 1848 als der Zeit zwischen 1938 (wo burschenschaftliche Ziele doch viel erfolgreicher verwirklicht wurden) und 1945?

Darüber gibt er indirekt in den Burschenschaftlichen Blättern von 2009 Auskunft: „Die Aufforderung `Niemals vergessen!´ hat ihre vollste Berechtigung dort, wo es um die Errungenschaften unseres Volkes geht. … um die Kehrseite der Medaille (also `unsere´ Verfehlungen) müssen wir uns nicht kümmern, denn die wird uns dankenswerter Weise … Tag für Tag von willfährigen Medien und deren Handlangern in Erinnerung gerufen.“ Schlüsselberger ist einer, der „den künstlich aufgeladenen Ballast der `Schuld´, `Scham´, `Verantwortung´ etc. ab()werfen“ will. Eine historische „Verantwortung des Deutschen Volkes“ sieht er nicht – entscheidend sei vielmehr „die Frage, was für das Deutsche Volk gut oder schlecht ist“.

Seriously, warum dieses Fest?

Die Burschenschaften in Österreich waren nach 1945 nicht bereit, grundlegende Konsequenzen aus ihrer Einlassung mit dem Nationalsozialismus zu ziehen. Man machte weiter wie zuvor – und forderte dennoch ein, als legitime politische Akteure wahrgenommen zu werden. Um diese Legitimiät zu erlangen, setzen die Erben der Mitveranstalter von Aggressionskrieg und Auschwitz nun auf einen geschichtspolitischen Kurswechsel: weniger Bezugnahmen auf 1938, stattdessen werden sympathischere Momente burschenschaftlicher Geschichte in den Vordergrund gerückt. Gleichzeitig zieht man Parallelen zwischen der Metternichschen Repression und der heutigen, vermeintlichen Diktatur von Vergangenheitsbewältigung und „political correctness“. Nicht zuletzt soll über den Verweis auf schwarz-rot-gold als Farben der 1848er Revolte der für die Burschenschaften nach wie vor prägende Deutschnationalismus in Österreich rehabilitiert werden.

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