Burschennacht in Eisenach

Die Wartburgstadt zur Burschentagszeit zu besuchen, also parallel zum Jahrestreffen des Dachverbandes Deutsche Burschenschaft (DB), ist mit gewissen Risiken und Nebenwirkungen verbunden. So kann es dem oder der Reisenden passieren, mit einem Wehrmachtsschlager als Ohrwurm die Heimreise antreten zu müssen.

Auf Einladung der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung kam ich nach Eisenach, um auf der Tagung “Rechte Burschen. Traditionslinien nationalistischen und völkischen Denkens in Deutschland” zu referieren (siehe Programm). Die Veranstaltung war bewusst in Eisenach und parallel zum traditionell dort abgehaltenen DB-Burschentag angesetzt worden. Dass es just in diesem Jahr dazu kam, ist vor dem Hintergrund des (weiteren) Rechtsrucks zu sehen, der den Charakter des Verbandes in den letzten Jahren verändert, bzw. treffender: vereindeutigt hat. Seit Anfang der 1970er Jahre war die DB von Flügelkämpfen zerzaust worden. Spätestens in den 1990er Jahren hatte die Rechtsaußenfraktion Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG) – in der die österreichischen DB-Mitgliedsbünde fast geschlossen organisiert sind – Dominanz erlangt. Die Auseinandersetzungen eskalierten, als die BG den Verband 2011 reichlich explizit auf einen Rassestandpunkt festzulegen versuchte (nachzulesen in den Tagungsunterlagen des damaligen Burschentages auf S. 51f.). Im weiteren Verlauf kehrten über 40 von knapp über hundert Bünden der DB den Rücken.

Schon im Vorfeld hatte die Tagung der Landeszentrale für einiges Aufsehen in Korporiertenkreisen gesorgt. Nachdem die im Graubereich zwischen Rechtskonservatismus und Rechtsextremismus angesiedelte Wochenzeitung Junge Freiheit via Facebook auf die Veranstaltung hingewiesen hatte, gingen massenhaft Anmeldungen von Burschenschaftern aus ganz Deutschland ein. Die meisten davon wurden mit der Begründung abgewiesen, dass die Landeszentrale statutarisch auf eine Thüringer Klientel festgelegt sei. Dem entgegnete nun die DB mit Protestschreiben, in denen die Zusammenstellung der ReferentInnen als unausgewogen kritisiert wurde: die Hälfte der Eingeladenen – Alexandra Kurth, Dietrich Heither und Gerhard Schäfer, die 1997 gemeinsam mit Michael Gehler den Sammelband „Blut und Paukboden. Eine Geschichte der Burschenschaften“ (Verlag Fischer) vorgelegt hatten – seien bekannte GegnerInnen der Burschenschaften und nicht als seriöse ExpertInnen zur Thematik anzusehen. Auch sei kein Fürsprecher der Burschenschaften eingeladen worden. Der Forderung, im Sinne der Ausgewogenheit DB-Archivar Harald Lönnecker zur Veranstaltung zuzulassen, kam die Landeszentrale nicht nach. [Allerdings würdigte sie entsprechende Eingaben zumindest einer Antwort, was ich von meinen wiederholten Anfragen an die DB, ob ich den Verhandlungen des Burschentages beobachtend beiwohnen könne, nicht behaupten kann.]

Traditionelles Gruppenbild der Deutschen Burschenschaft im Wartburghof - dieses Jahr ohne Deutsche Burschenschaft.

Traditionelles Gruppenbild der Deutschen Burschenschaft im Wartburghof – dieses Jahr ohne Deutsche Burschenschaft.

Generell schlägt der DB in Reaktion auf deren jüngste Entwicklung in Eisenach zunehmend Gegenwind entgegen. Die 2012 gewählte Oberbürgermeiserin Katja Wolf (Die Linke), die erste Frau in dieser Funktion, hat eine Verlängerung des Nutzungsvertrages für die Werner-Aßmann-Halle, in der die Verhandlungen des Burschentages stattfinden, bereits ausgeschlossen. Allerdings läuft der vor Wolfs Amtszeit abgeschlossene aktuelle Vertrag noch bis 2017. Einen Tag vor Beginn des diesjährigen Burschentages wurde zudem bekannt, dass die Wartburg-Stiftung den Burghof ab sofort nicht für den traditionellen Festakt der Burschenschafter zur Verfügung stellt – angesichts der historischen Verbundenheit letzterer mit dem Bau, Schauplatz der beiden Wartburgfeste 1817 und 1848, ein herber Verlust. Mit der Schrumpfung des Verbandes, welche die Teilnehmerzahl der Burschentage gegenüber früheren Werten mehr als halbiert hat, sinkt auch die Umwegrentabilität der Veranstaltung – und mit ihr der Rückhalt durch lokale Gewerbetreibende. Einzig die örtliche NPD zeigt sich nach wie vor bemüht, in der Stadt ein „burschenfreundliches Klima“ zu schaffen, wie es in einer Stadtrats-Resolution vom März hieß, und macht den Fackelzügen der DB zum Burschenschaftsdenkmal gegenüber der Wartburg ihre Aufwartung.

Das Empfangskomitee...

Das Empfangskomitee…

Als ich am Donnerstag, dem 12. Juni, zusammen mit den anderen ReferentInnen am Ort der LPB-Tagung einlange, empfängt uns vor dem Eingang eine rund zehnköpfige Abordnung der DB, die Flugblätter und Folder an PassantInnen und die TeilnehmerInnen der Tagung (hauptsächlich PädagogInnen) verteilen. Der Folder präsentiert Burschenschafter als „Wegbereiter des deutschen Verfassungsstaates“, freilich ohne auf ihre jüngere Rolle bei der Unterminierung und letztlich Zerstörung von Verfassung und Demokratie in Deutschland und Österreich einzugehen. Auch das Flugblatt zeichnet burschenschaftliche Geschichte in einigermaßen tollkühner Selektivität nach – und lädt die Eisenacher Bevölkerung für Sonntag zu einem Frühschoppen am Burschenschaftsdenkmal ein.

... und seine Botschaft.

… und seine Botschaft.

Auf der Rückseite prangt eine Aussendung von DB-Pressesprecher Walter Tributsch, seines Zeichens Mitbegründer und Verleger der rechtsextremen österreichischen Zur Zeit und Mitglied der Teutonia Wien, die noch 2010 per Flugblatt forderte, halb Europa als vermeintlich deutsche Gebiete der Bundesrepublik anzugliedern. Die Aussendung nimmt die Tagung der Landeszentrale im Allgemeinen und die drei schon genannten ReferentInnen im Besonderen ins Visier – insbesondere Gerhard Schäfer, sei dieser doch Mitglied der Marx-Engels-Stiftung gewesen. Eine glatte Lüge, aber dienlich im Rahmen der Agenda, die gesamte Tagung als kommunistisch/marxistisch eingefärbt zu präsentieren und im postrealsozialistischen Thüringen entsprechende Ressentiments zu aktivieren. Ich selbst komme vergleichsweise billig davon: anders als Schäfer wird mir nichts angedichtet, sondern etwas abgesprochen – nämlich mein Doktorgrad. Mit dem Hinweis, dass meine Dissertation noch unpubliziert sei (korrekt – sie erscheint Ende d.J./Anfang 2015 bei Böhlau) wird insinuiert, dass ich zum Führen desselben gar nicht berechtigt sei. Dass hierzulande diese Berechtigung eine Publikation der Arbeit nicht zur Bedingung hat, ist dem Österreicher Tributsch selbstverständlich bekannt.

Auch auf der Tagung selbst wird in Publikumsbeiträgen teils burschenschaftliche Kritik (geäußert von Thüringer Korporierten) laut, die Debatten verlaufen aber respektvoll und ertragreich. Am Vormittag verortet Wolfgang Benz zunächst die Burschenschaften in der deutschen politischen und Ideengeschichte des 19. Jahrhunderts, bevor Gerhard Schäfer ihre Rolle in der Weimarer Republik darstellt. Nach der Mittagspause spricht Michael Grüttner über die studentischen Korporationen im Nationalsozialismus, im Anschluss daran teilen sich die TeilnehmerInnen in zwei Gruppen auf. Eine bearbeitet mit Dietrich Heither, Autor einer höchst lesenswerten Geschichte der DB (“Verbündete Männer”, Papyrossa 2000) die Morde von Mechterstädt. In diesem beschaulichen Weiler zwischen Eisenach und Gotha erschossen Korporierte 1920 im Zuge des Kapp-Putsches 15 Arbeiter. Parallel dazu erörtert Alexandra Kurth mit der zweiten Gruppe das konflikthafte Verhältnis von Männerbund und Demokratie (vgl. dazu ihr Standardwerk “Männer – Bünde – Rituale”, Campus 2004). Zum Abschluss der Tagung bin ich an der Reihe und darf die DB im Kontext des deutschen und österreichischen Rechtsextremismus nach 1945 verorten – in unter 45 Minuten ein herausforderndes Unterfangen. Teile des Publikums geben mir zu verstehen, dass ich zu milde und in meiner Handhabung des Rechtsextremismus-Begriffes zu zurückhaltend sei, was mir (wie noch andere Ereignisse dieses Tages) zu denken gibt.

Die Werner-Aßmann-Halle im gleißenden Sonnenlicht. Jenseits ihrer Schwelle sind Frauen dieser Tage vorrangig als Servier- und Säuberungskräfte willkommen.

Die Werner-Aßmann-Halle im gleißenden Sonnenlicht. Jenseits ihrer Schwelle sind Frauen dieser Tage vorrangig als Servierkräfte anzutreffen.

Nach Ende der Tagung, die ich trotz des vertrauten Gegenstands als sehr bereichernd empfand, gebe ich dem Deutschlandfunk ein kurzes Interview und werfe mich ins abendliche Eisenach. Ich stelle fest, dass hunderte Korporierte in einer Stadt dieser Größe schwer zu übersehen sind. Nicht nur im Umkreis der Aßmann-Halle (die für die geschrumpfte DB eigentlich eine Nummer zu groß scheint), sondern allenthalben: in Supermärkten, in Lokalen, auf der Straße, im Hotel… Zur Sichtbarkeit trägt das Ausgehen in Farben entscheidend bei. Im Rahmen des Kampfes um Eisenach als Burschentags-Standort ist letzteres einerseits funktional, wird so doch den lokalen Geschäftsleuten klar vor Augen geführt, wer ihnen Umsatz bringt. Allerdings dürfte es meinem bescheidenen Eindruck nach im Sinne der Imagepflege zweckmäßig sein, das Farbentragen auf die Zeit vor Sonnenuntergang (oder vor dem fünften Bier, je nachdem, was früher eintritt) zu begrenzen.

Zum Abendessen lasse ich mich in einem Lokal nieder, neben mir ein Tisch Burschenschafter, darunter ein hoher Verbandsfunktionär.Wie schon mehrmals an diesem Tag – beim Warten in der Hotellobby oder am Zebrastreifen, beim Anstellen im Supermarkt – müsste ich schon aktiv weghören, um nicht mit Verbandsinterna behelligt zu werden. Nicht, dass irgendetwas davon überraschend käme: klamme Finanzen und kein überzeugender Plan, wie dem beizukommen sei; die Volkstumsarbeit engagiert, aber ineffektiv; der Wiener Funktionär xy: ein Wichtigtuer; die Hochschulen an Fühlung mit „ihren“ Burschenschaften denkbar uninteressiert und die Studenten in Zeiten Bolognas zu pragmatisch; der ständige Gegenwind durch Antifa und Medien zehrt an den Nerven, und auch der Massenexodus der letzten Jahre hat, trotz aller hoffnungsfrohen Parolen nach außen, die Moral vieler Verbandsbrüder schwer in Mitleidenschaft gezogen. Der Verein der Freunde der DB, der einzelne Burschenschafter in ausgetretenen Bünden an den Verband binden soll, kommt nicht recht in die Gänge.

Der Eisenacher Brunnen-Keller bei Tageslicht.

Der Eisenacher Brunnen-Keller bei Tageslicht.

Später, nach dem Eröffnungsspiel der Männer-Fußball-WM, mache ich noch einmal eine Exkursion in die Innenstadt, die sich nach Mitternacht wie ausgestorben präsentiert. Ausnahme ist der Brunnen-Keller am zentralen Markt. Hier herrscht dank korporierter Kundschaft noch Hochbetrieb. Männergesang dringt an mein Ohr, ich erkenne das Lied: “Bomben auf Engeland”, ein Klassiker aus dem Fundus der Wehrmacht. Noch etwas wirkt vertraut: der sprachlichen Färbung nach sind es eindeutig Österreicher und/oder Bayern, die hier den Ton angeben. Allerdings sind vor Ort vielerlei Mützen vertreten, österreichische wie deutsche. Es handelt sich vermutlich um die für diesen Abend angesetzte Kneipe der BG, der zuvor erwähnten Rechtsaußenfraktion innerhalb der Burschenschaften. Schon 2009 hatten rassistische Vorfälle am Rande des Burschentages (hier dargestellt im Spiegel verbandsinterner Dokumente) im selben Lokal für Verwerfungen in der DB gesorgt. Ob nationalsozialistisches Liedgut in der heutigen, zurechtsgeschrumpften DB noch Irritationspotenzial hat, bleibt abzuwarten. Die Bomben auf Engeland waren jedenfalls kein Einzelfall – kurz darauf wurde, im wie auch vor dem Lokal, “Auf Kreta” intoniert – ein Lied der Verherrlichung eines Feldzuges, im Rahmen dessen die nazideutschen Invasoren sich vom Widerstand der Lokalbevölkerung zu einer Reihe von Kriegsverbrechen provoziert sahen.

Als Fazit dieser Beobachtung ließe sich festhalten, dass offenbar kein Klischee über besoffene ostmärkische Buxen abgeschmackt genug ist, nicht von der Realität noch locker eingeholt zu werden. Mit Blick auf aktuelle Versuche von Burschenschaftern in Österreich, wie bereits in den 1990er Jahren erfolglos eine vermeintlich entnazifizierte “Neue“ oder „identitäre“ Rechte in Österreich zu etablieren, ist das damalige Insider-Urteil von Jürgen Hatzenbichler auch heute von geradezu kitschiger Passgenauigkeit: „Was nutzen neurechte-konservativrevolutionäre Theorieseminare, wenn abends, nach dem dritten Bier, im Keller erst recht „Die Fahne hoch“ erklingt, wieder der „Bomben auf Engelland“ (sic) gedacht und in heißem Streit zum hunderttausendsten Mal der Rußlandfeldzug gewonnen wird?“ (Junge Freiheit Nr. 44/1998)

In vergangenen Jahren sorgten Vorfälle wie diese immer wieder für Streit an und zwischen Burschentagen. Ob in der weitgehend auf ihren völkisch-fundamentalistischen Kern eingedampften DB hinreichend Kräfte verblieben sind, die an solchem Verhalten und der dahinterstehenden Geisteshaltung Anstoß nehmen, wird sich weisen. Thüringen wird jedenfalls bis auf weiteres ein heißer Boden für Debatten um die Burschenschaften bleiben – schon allein aufgrund der anstehenden Jubiläen 2015 (200 Jahre Jenaer Urburschenschaft) und 2017 (200 Jahre Erstes Wartburgfest). Es hat nicht den Anschein, als würde die Bespielung dieser physischen und symbolischen Erinnerungsorte den Burschenschaften allein überlassen bleiben. -bw-

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