Die Awareness der „Alphas“

*Triggerwarnung: dieser Text behandelt den Umgang mit sexualisierter Gewalt bzw. einen misslungenen Versuch, eine Debatte darüber zu initiieren.*

Ich hatte gestern eine Kontroverse auf Twitter – und wie die meisten dort ausgetragenen Kontroversen ging auch diese weitestgehend am eigentlichen Thema vorbei. Sie begann so:

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Die folgende Auseinandersetzung zwischen ZIB2-Moderator Armin Wolf und mir kreiste schließlich um die Frage, ob ich Wolf (und seinen Mitdiskutanten) unterstellt hatte, selbst Vergewaltigungsdrohungen getätigt oder sich irgendwie positiv auf solche bezogen zu haben. Let’s get it out of the way: wie bereits auf Twitter festgehalten, habe ich das nicht und liegt es mir gänzlich fern, das zu tun. Mein Kommentar bezog sich nicht isoliert auf die (im obigen Screenshot nur ausschnitthaft wiedergegebene) Kurzdebatte um die Mitgliedschaft im Alpha-Klub, sondern verortete diese als Fortführung einer Tage zuvor begonnenen, breiteren Debatte (siehe unten). Die Vergewaltigungsdrohung, die an deren Ursprung stand, war den von mir Angesprochenen offenbar verborgen geblieben.

Rückblickend war es, denke ich, ein Fehler, die Debatte auf diese zu Missverständnissen einladende Weise zu eröffnen. Auf dem Feld sexualisierter Gewalt sind solche Missverständnisse folgenschwer, lenken Aufmerksamkeit vom eigentlichen Problem auf Nebengleise ab, und bloß weil große Teile der Twitter-Gemeinde die Thematik mit der selben Rotzigkeit, Arroganz und Ignoranz handhaben wie Diskussionen über Fußball oder übers Wetter, hätte ich mich dem nicht anschließen müssen – nicht anschließen sollen [weswegen der entsprechende Tweet inzwischen von mir gelöscht wurde]. Also: ich schätze Wolf und seine Diskussionspartner für ihre Expertise in ihrem jeweiligen Arbeitsbereich. Keinem unterstelle ich Sympathien für Gewalttäter oder gar entsprechende eigene Dispositionen. Und dass Wolf sich ereifert, wenn er diesen Vorwurf gegen sich im Raume glaubt, finde ich gut. (Dass er auf Twitter auch stichhaltige Kritik an seiner Person in eher autoritärer Weise zu verarbeiten pflegt, steht auf einem anderen Blatt.)

Worum gings mir also? Es ging mir um diesen Tweet und um die Debatten, die er in Gang setzte:

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Dieser Tweet wurde in zahlreichen Reaktionen als Vergewaltigungsdrohung interpretiert. Und auch wenn der Begriff „Penetrationstest“ in IT-Kreisen eine spezifische abweichende Bedeutung kennt: wer es sich antut, weitere Meldungen desselben Accounts rund um das Wiener FemCamp zu lesen, kann keine Sekunde lang daran zweifeln, dass diese Interpretation zutreffend ist. (Den unterirdischen Inhalt dieser Tweets – explizite sexualisierte Drohungen gegen konkrete Feministinnen, „Witze“ über Gewalt an Frauen und sonstiger misogyner Bullshit der schlimmsten Sorte – gebe ich an dieser Stelle bewusst nicht wieder.) Peter Rabl, kürzlich von PULS4 reaktivierter Grandseigneur der (konservativen) Publizistik in Österreich, widmete dem Account offenbar genau 0 Sekunden seiner Aufmerksamkeit, bevor er den zitierten, von ihm dem Anschein nach als amüsant empfundenen Tweet teilte [Ergänzung: und tags darauf eine Klarstellung dazu vornahm*]. Was folgte, war eine Welle der Kritik an Rabl und – nachdem ein notorischer Troll mit bekannt antifeministischer Neigung sich an Rabls Seite gestellt hatte – auch an diesem.

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In der Kritik an Rabl und Fußi wurde wiederholt (und in Fortführung früherer Auseinandersetzungen) auf deren Status als „Alphas“ hingewiesen – als, so jedenfalls mein Verständnis des Begriffs, meist männliche Twitterer, die eine für österreichische Verhältnisse große Zahl an Followers aufweisen, untereinander persönlich bekannt (bzw. meist befreundet) sind und eine hohe, nicht themengebundene Twitteraktivität an den Tag legen. (Manche würden als weiteres Kriterium ausgeprägte Kritikresistenz respektive Selbstkritikunfähigkeit ergänzen.) Im weiteren Verlauf der Debatte wurde, über die Erörterung der Rabl- und Fußi-Tweets hinaus, zunehmend auch das (Nicht-)Verhalten anderer Alphas thematisiert. Weshalb, so wurde gefragt, sähen jene, die doch sonst zu alles und jedem eine Meinung absonderten, sich nicht veranlasst, ihre Verhaberung mit Rabl und Fußi für einen Tweet zu unterbrechen und sich explizit gegen deren Männersauna-artigen Umgang mit Vergewaltigungsdrohungen zu stellen [wie es der Politikwissenschafter Hubert Sickinger in einem von mir zunächst übersehenen Tweet tat, in dem er Fußi zu einer Entschuldigung aufforderte]?

Natürlich kann ein solcher Einspruch keinem (keiner) vorgeschrieben werden, und wenn Wolf und andere vor dem Hintergrund der zitierten Äußerungen mit Fußi lieber jovial über dessen neues Profilfoto parlieren, als ihn zu fragen, ob er vielleicht „wo angrennt“ sei (wie Wolf es mit mir tat), dann ist das ihre Sache. Ärgerlich fand und finde ich aber, wenn Alphas schließlich doch in die Kontroversen um das FemCamp einsteigen, dazu aber nur spöttische Kommentare über dort verwendete Begrifflichkeiten („Cis-Männer“ etc.) oder u. a. zur Hintanhaltung von Übergriffen eingesetzte „Awareness-Teams“ beizutragen haben; wenn nach allzu vielen Anlässen, sich über sexualisierte Gewalt und ihre Verharmlosung zu entrüsten, Entrüstung erst ausbricht, wenn einer sich persönlich angegriffen fühlt; und wenn Alphas die Kritik an ihnen als ebensolche zwar offensichtlich rezipieren, ihre einzige Reaktion darauf aber darin besteht, sie zum Gegenstand ihrer Scherzereien zu machen. Die von anonymen Antifeministen ausgelöste und von Rabl und Fußi angeheizte Debatte hätte den Alphas die Gelegenheit geboten, von ihrer meinungsbildenden Funktion Gebrauch zu machen, um einen Kontrapunkt zum Umgang vieler Männer (auf und abseits von Twitter) mit der Thematik sexualisierter Gewalt an Frauen zu setzen: einem Umgang, der jegliches Problembewusstsein und jegliche Sensibilität missen lässt, ja viel zu oft – ob in Form der Gutheißung, der Relativierung oder des Kokettierens – selbst als Teil des Problems bestimmt werden muss. Diese Gelegenheit wurde von vielen – nicht nur und vielleicht nicht einmal vorrangig von den im Eingangstweet Angesprochenen – versäumt. Ebenso versäumt wurde offenbar die Gelegenheit, über die eigene Alpharolle und die damit verknüpften Politiken und Privilegien ernsthaft zu reflektieren. Damit sei nicht behauptet, dass diese Reflexion individuell nicht geleistet wird; die Verwitzelung der Alpha-Kritik, die gestern auf Twitter mitzuverfolgen war, war freilich wenig dazu angetan, dahingehende Zweifel zu beseitigen.

Vor diesem Hintergrund mag mein gestriger Eingangstweet jenen etwas verständlicher erscheinen, die ihn unnachvollziehbar, überzogen oder einfach nur jenseitig fanden. Eine solche Klärung auf Twitter herbeizuführen, war offenbar nicht erschöpfend möglich. Wie Twitter – mit seiner Anfälligkeit für Fehldeutungen, seiner beschränkten Eignung zur Ausräumung derselben und seiner generellen Komplexitätsfeindlichkeit – überhaupt denkbar ungeeignet scheint, die Thematik sexualisierter Gewalt auf eine Weise zu bearbeiten, die nicht in einem kommunikativen Fiasko endet. Die Lösung kann selbstverständlich weder im Beschweigen (oft werden einer – und seltener einem – einschlägige Debatten schließlich aufgezwungen) und schon gar nicht in „mehr Gelassenheit“ bestehen. Nötig erscheint stattdessen ein Mehr an Selbstreflexionsbereitschaft, an Vorsicht und an Empathie für die Gefühle der aktiv und passiv an der Diskussion Beteiligten. Jede dritte Frau in der Europäischen Union hat seit ihrem 15. Lebensjahr physische und/oder sexualisierte Gewalt erfahren. Zynisch ist vor diesem Hintergrund nicht nur das Leugnen oder Ignorieren des Problems, sondern auch jede Verhaltensweise, die es relativiert oder trivialisiert. Dazu gehört das pubertäre Herrenwitzeln über „Penetrationstests“. Dazu gehört meines Erachtens aber auch das Lächerlichmachen von Präventionsmaßnahmen wie Awareness-Teams. Und möglicherweise gehört dazu auch das wenig selbstreflexive Geplänkel unter Meinungsmachern übers Meinungsmacher-Sein, wenn es klare Worte gegenüber den Herrenwitzlern in den eigenen Reihen ersetzt. Wo, wenn nicht beim Thema sexualisierte Gewalt wäre es angesagt, das für Twitter kennzeichnende, ewige Streben nach dem noch geistreicheren Tweet vorübergehend einzustellen? Manche „Alphas“ haben sich in diesen Tagen zum Teil des Problems gemacht. Andere haben zumindest eine Gelegenheit nicht wahrgenommen, Teil der Lösung zu sein.

-bw- (@bweidin)

* Die Klarstellung Peter Rabls:

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