„Don’t speak!“ – Ein Aufruf zum Boykott!

erschienen in fiber #24: boykott

Judith Goetz

Der Besuch deutschnationaler Mädelschafterinnen im Autonomen Zentrum Linz gibt Anlass, Umgangsformen mit rechten/rechtsextremen Frauen zu überdenken.

Ernst nehmen!

Um die Auseinandersetzung mit rechten/rechtsextremen Frauen (1) ist es in Österreich äußerst dürftig bestellt. Zwar besteht phasenweise ein (nicht selten sensationsorientiertes) Interesse an der Thematik, ein tiefer reichender Diskurs und daraus abgeleitete Umgangsformen stehen jedoch – auch in linken und feministischen Kreisen – weitgehend aus. Rechte/Rechtsextreme Frauen werden meist als politische Subjekte sowie als Anhängerinnen menschenfeindlicher Ideologien nicht ernst genommen und exotisiert. Damit werden sexistische Denkweisen fortgesetzt und ihre systemstabilisierende Funktion verkannt. So beispielsweise bei einer Veranstaltung über rechtsextreme Frauen im Linzer Autonomen Zentrum, zu der auch vier Mitglieder der 2013 gegründeten deutschnationalen, akademischen Mädelschaft Iduna zu Linz gekommen waren. Während bei öffentlichen Veranstaltungen zum Thema Rechtsextremismus, beispielsweise in den Hörsälen von Universitäten, Burschenschafter oftmals „toleriert“ werden, weil es kein ausgesprochenes Verständnis darüber gibt, wer bei derartigen Veranstaltungen „erwünscht“ ist oder weil Veranstalter_innen einen fragwürdigen Begriff von „Toleranz“ an den Tag legen, verhält es sich im Kontext dieses autonomen Zentrums anders. In dessen Selbstverständnis heißt es eindeutig: „Deswegen dürfen Rassismus, Sexismus, Heteronormativität, Antisemitismus, Nationalismus sowie Verhalten, das dies wiedergibt bzw. andere Personen – egal auf welche Weise – unterdrückt, keinen Platz haben.“ (2) Gerade diese Ideologien sind, wie beim Vortrag selbst auch sichtbar gemacht wurde, selbstverständlicher Bestandteil des in deutschnationalen Mädelschaften kultivierten Denkens. Dennoch zeigte sich ein großer Teil der Besucher_innen der Veranstaltung nach dem „Outing“ der Mädelschafterinnen nicht unbedingt entschlossen, sie auf Basis dieses Selbstverständnisses zum Gehen zu bewegen, und so musste der Rausschmiss erst durchgesetzt werden. Jene, die mit dem „exotischen“ Besuch Gespräche führen wollten, setzten die Diskussion sogar vor der Tür fort und wurden dafür auf der Facebookseite der Mädelschaft auch noch bejubelt: „Nach dem Rauswurf bei einem Vortrag zum rechtsextremen Geschlecht von Judith Goetz, gab es immerhin fünf, die eine angemessene Gesprächskultur an den Tag legen konnten… Danke für den vorurteilsfreien Abend!“ (3) Wenngleich der „vorurteilsfreie Abend“ eher sarkastisch gemeint sein dürfte, verdeutlicht gerade die Unfähigkeit, den „Mädels“ entschlossene Handlungen entgegen zu setzen, die mangelnde adäquate Umsetzung von linken bzw. feministischen Ansprüchen in die Praxis. Als traurige Bilanz des Abends liegt einerseits die Vermutung nahe, dass wohl andere Konsequenzen gezogen worden wären, hätte es sich um deutschnationale Burschenschafter gehandelt, die das Autonome Zentrum besuchten. Andererseits ergibt sich durch den Vorfall ein dringender Anlass, Fragen nach zufriedenstellenden Umgangsformen mit rechten/rechtsextremen Frauen und der Notwendigkeit einer Gesprächsverweigerung im Sinne eines konsequenten Boykotts erneut zu stellen.

Kritisieren!

Aber nicht nur in linken Kreisen trifft mensch auf die zunehmende Bereitschaft mit AnhängerInnen rechten/rechtsextremen Gedankenguts in Dialog zu treten. Dies lässt sich beispielsweise auch bei diversen Fernsehformaten wie Pro&Contra oder Im Zentrum feststellen, wo eine inklusive Einladungspolitik gegenüber rechtsextremen AkteurInnen unter dem Deckmantel der „ausgewogenen Berichterstattung“ zum Tagesgeschehen zählt. Gerade ihre medialen Inszenierungen tragen weniger zu einer Imageverschlechterung bei als zur Steigerung der Salonfähigkeit ihrer Positionen und zur Fortsetzung des rassistischen, sexistischen, antisemitischen Normalzustandes in Österreich. Eine Problematisierung derartiger Integrationsmöglichkeiten in öffentliche Debatten im Zuge dieser Veranstaltungspolitiken hingegen findet kaum noch statt. Im Gegenteil werden jene, die das Gespräch konsequent boykottieren, mit dem Vorwurf konfrontiert, den Rechten den Raum zu überlassen. Die logische Konsequenz wäre jedoch vielmehr eine kritische Berichterstattung über sie als das Gespräch mit ihnen oder die unkommentierte Wiedergabe rechtsextremer „Stilblüten“ und „Ausfälligkeiten“, die es Rechten/Rechtsextremen erneut ermöglicht, ihre menschenfeindliche Inhalte bei großer öffentlicher Aufmerksamkeit „unters Volk“ zu bringen. Gerade der Anschein eines Dialogs auf Augenhöhe bringt den Trugschluss mit sich, rechtes Gedankengut demaskieren oder offenlegen zu können. Doch wurde in der Vergangenheit auf vielfältige Weise evident, dass gerade die propagandistischen und manipulativen Techniken rechtsextremer Gesprächsführung, die sich hinter dem Ruf nach vermeintlicher Meinungsfreiheit verbergen, das gewünschte Resultat verunmöglichen.

Boykottieren!

Durch den Zusammenschluss rechter/rechtsextremer Frauen beispielsweise in einer Mädelschaft erfahren die beteiligten Frauen nicht nur politische Anerkennung, sondern machen sich auch menschenfeindliche Denkangebote zu eigen. Durch die Gesprächsbereitschaft einzelner Veranstaltungsteilnehmer_innen in Linz wurde den Mädelschafterinnen ein Podium für dieses reaktionäre Gedankengut gegeben, anstatt es schonungslos zu kritisieren. Dieser Propaganda selbst an einem linksradikalen Ort Raum zu geben, trägt in Folge zur weiteren Normalisierung rechtsextremer Ideologien als politisch gleichwertig bei und setzt die Legitimierung derartiger Diskurse ebenfalls fort. Zudem hat sich in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass es gerade der Einstieg in die von ihnen geführten Diskurse ist, der selbige auch befördert und nicht die Denunziation bzw. die Kritik an den in ihren Kreisen verbreiteten nationalistischen, rassistischen und antifeministischen Ideologien. Hinzu kommt, dass dabei verkannt wird, inwieweit insbesondere die Frauenpräsenz die rechte Szene auch normalisiert, weil Frauen nicht nur nach außen das Image verbessern, sondern auch leichter Eingang in zivilgesellschaftliche Bereiche wie Elternbeiräte, Vereine etc. und offensichtlich auch linke Strukturen haben. „Diese Unterschätzung kann und wird z.T. auch im rechtsextrem orientierten Milieu bewusst eingesetzt, beispielsweise bei der Anmietung von Räumen für Veranstaltungen, bei der Sammlung von Daten (vermeintlicher) politischer GegnerInnen, des [sic!] Fotografierens derselben, die [sic!] Ansprache von BürgerInnen bei Infoständen oder beim Betrieb von Internetportalen.“ (4) Mädelschaften andere Handlungen entgegenzusetzen als Burschenschaftern, bedeutet letztendlich sie immer noch nicht als potentielle Bedrohung ernst zu nehmen und somit auf sexistische Art und Weise zu verharmlosen.

Anstatt den rechten/rechtsextremen Selbstinszenierungen und -darstellungen als TabubrecherInnen und gesprächsbereite DemokratInnen in die Hände zu spielen, scheint ihre Delegitimation nicht nur an linken Orten längst überfällig. Eine „Entwöhnung“ (5) von diesen österreichischen Zuständen kann jedoch nur durch eine Gesprächsverweigerung im Sinne eines konsequenten Boykotts erzielt werden!

Judith Goetz*

Judith Goetz ist Mitglied der Forschungsgruppe FIPU (www.fipu.at).

  1. Nachdem rechte/rechtsextreme Frauen von einer biologistisch definierten, dichotomen Geschlechterdifferenz ausgehen, wird an dieser Stelle davon abgesehen, die Kategorie Frau/en mit einem * zu versehen. Politiken und Ideologien rechter/rechtsextremer Frauen richten sich explizit gegen eine sozialkonstruktivistische Vorstellung von Geschlechteridentitäten.
  2. http://az-linz.servus.at/?p=175
  3. https://www.facebook.com/permalink.php?id=621014437924467&story_fbid=819549671404275
  4. Offener Brief des Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus zur Berichterstattung über die Rechtsextremistin Beate Zschäpe: http://blogs.fu-berlin.de/gender_diversity/files/2011/11/offener-Brief-Forschungsnetzwerk-Frauen-und-Rechtsextremismus.pdf.pdf
  5. https://forschungsgruppefipu.wordpress.com/2013/02/06/entwohnung-tut-not/

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