Zum Wiener Couleur(bummel)-Streit

Erweiterte Antworten auf APA-Fragen an Bernhard Weidinger (FIPU) zu den Auseinandersetzungen um den „Farbenbummel“ des Wiener Korporationsrings (WKR) und zur Debatte um ein Couleurverbot an der Universität Wien. Der APA-Beitrag mit O-Tönen ist hier abrufbar.

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Seit wann gibt es den Widerstand linker Gruppierungen wegen des Burschenschafter-Bummels? Gab es ihn historisch gesehen schon immer?

Wann erstmals gezielt gegen den Couleurbummel mobilisiert wurde, ist mir nicht bekannt. Auseinandersetzungen auf Hochschulboden bzw. in nächster Nähe der Universität gab es in der Zweiten Republik jedoch schon früh, etwa anlässlich des rechtsextremen Ring-Aufmarsches 1959, aufgehängt am 200. Geburtstag Friedrich Schillers, oder der Borodajkewycz-Affäre von 1965. Generell lässt sich festhalten, dass zwei Prozesse das politische Klima für das universitäre Verbindungswesen nachhaltig verschlechtert haben: die um 1970 einsetzende soziale Öffnung und begleitende Demokratisierung der Universitäten, die auch mit einem Erstarken der universitären Linken einherging, sowie – gerade im Fall der deutschnationalen Verbindungen – das wachsende vergangenheitspolitische Bewusstsein von Studierenden und akademischen Behörden. Keiner dieser Prozesse ist freilich unumkehrbar, wie gerade am erstgenannten Punkt ersichtlich ist.


Ist das ein breit getragener Widerstand oder kommt er, so wie es bei den Mini-Gegendemos wirkt, nur von einer überschaubaren Gruppe antifaschistischer Studierender?

Die Beteiligung variiert über die Jahre und Wochen je nach Mobilisierungsstrategie und -aufwand, aber auch nach Dauer des jeweiligen Protestzyklus. Wiederholt kam es zu Kundgebungen mit dreistelligen TeilnehmerInnenzahlen.  Zumeist ist die Beteiligung deutlich geringer, in aller Regel jedoch höher als jene am Couleurbummel selbst.


Was genau tun die Burschenschafter beim Bummel, außer sich auf der Rampe vor der Uni zu versammeln? Pilgern sie noch regelmäßig zum Siegfriedskopf, seitdem er in den Arkadenhof versetzt und mit historischen Erklärungen versehen wurde?

Der Bummel dient dazu, Präsenz zu zeigen, sich als fester Bestandteil des Wiener Unilebens zu positionieren und entsprechend Raum zu reklamieren. Bisweilen, wenn auch selten, wird dabei über das Verteilen von Flugzetteln offensiv Propaganda betrieben. Der Siegfriedskopf wird seit der Verlegung nur selten angesteuert, es ist von Seiten der Universität auch nicht erwünscht. Gleichzeitig steht derzeit die Rampe als gewohnter Aufmarschort nicht zur Verfügung, weil die ÖH dort ihrerseits bis auf absehbare Zeit allwöchentliche Kundgebungen angemeldet hat. Anders als bei freiheitlichen Kundgebungs-Scheinanmeldung der Vergangenheit, die nur dazu dienten, antifaschistischen Protest am jeweiligen Ort zu obstruieren, finden diese Kundgebungen auch tatsächlich statt.


Was halten Sie von der Idee, Couleurtragen an der Uni Wien zu verbieten?

Mir ist unklar, wie die Universität als staatliche Einrichtung dieser Idee nähertreten könnte, ohne den Boden der österreichischen Rechtslage zu verlassen – auch wenn zwischen 1945 und 1954 ein ebensolches allgemeines Couleurverbot bestand. Darüber hinaus halte ich für ausgeschlossen, dass aufseiten der akademischen Behörden ein entsprechender Wille vorhanden wäre, eine solche Regelung zu implementieren – zumal davon neben den völkischen auch die im universitären und hochschulpolitischen Betrieb ungleich besser verankerten katholischen Verbindungen betroffen wären.


Ist das nicht, wie auch die jährlich wiederkehrenden Proteste, eher Werbung für eine sonst marginalisierte Gruppe?

Ein erhöhter Zustrom zu Burschenschaften infolge von Protesten war in der Vergangenheit nicht feststellbar. Grundsätzlich bewegt antifaschistischer Protest sich aber stets im Spannungsfeld von Bewusstseinsbildung und vermeintlicher Werbung. Zum anderen ist er von einem Bedürfnis getragen, unerträglich Empfundenes nicht unwidersprochen geschehen zu lassen, bestimmte Zustände nicht länger als Teil von „Normalität“ zu akzeptieren – ein Bedürfnis, das sich um öffentliche Meinung und mediale Repräsentationsmuster nicht oder erst in zweiter Linie kümmert. Die Auseinandersetzung an der Uni Wien ist Ergebnis einer solchen Aufkündigung von Normalität. Sie ist im Kern ein Streit um die Geltung gegensätzlicher Wertegebäude auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Rampe, Universität, Couleur und Mittwochsbummel sind dabei letztlich nur Symbole.

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