Aus dem Innenleben einer Burschenschaft

(Text von Anfang 2000, Autor: Heribert Schiedel)

Alfred P., während der NS-Zeit aktiv im Widerstand, hat ein umfangreiches Dossier über seine Zeit beim Corps Arminia Turicensis zu Wien (im Folgenden kurz Arminia) verfaßt. Dieses bietet tiefe Einblicke in den politischen Charakter dieser Verbindung und ihrer führenden Aktivisten.

P. trat 1996 auf Einladung von Harald Eisenmenger, in den späten 1970er Jahren Aktivist der neonazistischen Aktion Neue Rechte (ANR) und mittlerweile Oberstaatsanwalt in Wiener Neustadt, als „Alter Herr“ in die Arminia ein. Glaubte er sich zunächst in einer katholisch-legitimistischen Verbindung, mußte er jedoch bald feststellen, „daß der deutschnationale Geist des Kernes der Arminia den Idealen meiner Jugend widersprach. Ich merkte, daß ich als ehemaliger Widerstandskämpfer, der bereits 1938 gegen das NS-Regime antrat und zu jenen Männern gehörte, denen die Aufstellung des 1. Österreichischen Freiwilligen-Bataillons innerhalb der Französischen Armee während des Zweiten Weltkrieges zu verdanken war, lediglich als ‘Aushängeschild’ des Corps diente.“ Mit ähnlichen Worten begründete P. seinen Austritt, den er Ende 1997 in einem Schreiben an die Arminia – zunächst noch folgenlos – bekannt gab. Neben der ideologischen Ausrichtung der Arminia wurde P. vom dort herrschenden Gewaltpotential abgeschreckt. Dieses entlud sich nicht nur beim Mensur-Fechten, sondern auch im (alkoholisierten) Verbindungsalltag. P. berichtet von Beleidigungen, Pöbeleien und körperlichen Insultationen durch Arminen. Im April 1999 wurde P. selbst vor den versammelten Corpsbrüdern von einem „jungen Arminen“ attackiert. Betroffen machte ihn dabei insbesondere das Verhalten „des Präsidiums und der anwesenden Corpsbrüder, insbesondere des Herrn Staatsanwaltes“ Eisenmenger. Mit ihrer Untätigkeit hätten diese „das in höchstem Maße skandalöse und uncorpsbrüderliche Verhalten des tobenden Arminen“ toleriert. Als Reaktion auf diesen Vorfall legte P. am 5. Mai 1999 sein Band zurück, womit er seine Mitgliedschaft für beendet wähnte. Der Corps-Convent ignorierte dies jedoch, um seinerseits P. mit 15. 5. 1999 „wegen Eidbruches und uncorpsbrüderlichen Verhaltens c.i.“ auszuschließen.

Die Arminia und der Rechtsextremismus

Die Geschichte der Arminia beginnt 1946 in der Schweiz mit der Gründung der Alten Teuteburger Gesellschaft durch den Neonazi Heinz Manz (vulgo Lützow) und andere. Bereits 1947 in Cheruskia umbenannt, erfolgte 1971 die neuerliche Umbenennung in Europaburschenschaft Arminia Zürich. Diese nahm 1974 den deutschen Neonazi Manfred Roeder (vulgo Nothung) in ihre Reihen auf. Im selben Jahr versicherte man dem mit „Herr Reichsminister“ angesprochenen Kriegsverbrecher Rudolf Heß in einem Brief ins Gefängnis die Solidarität. Manz, bis zu seinem Tod 1994 Verbindungsmann der Arbeitsgemeinschaft für demokratische Politik (AFP) in der Schweiz, verfügte über beste Kontakte zur heimischen Burschenschafterszene. Mit der Salzburger Korporation Falkenstein feierten die Arminen ab 1979 die Sommersonnenwende. 1984 hob die Arminia gemeinsam mit der Europaburschenschaft Nibelungia (Wien) den Delegiertenconvent Europäischer Corporationen (DCEC) aus der Taufe. Dieser tagte einmal jährlich als „Europa-Thing“, so auch 1991 in Perchtoldsdorf bei Wien. Über dieses Treffen berichtete Konstantin Rökk (Nibelungia) in der Aula: „Dipl.-Vw. Nachtmann, aB! Brixia, hielt die lebhaft akklamierte Festrede, deren klare volkstreue Richtung allen Anwesenden zu Herzen ging. In der Redefreiheit war eine eindeutige Aussage gegen den Brüsseler Zentralismus, gegen ein Europa der Krämer und Händler und gegen ein von den ‘Oneworldmachern’ freimaurerisch zionistisch dominiertes Europa zu hören.“ (Aula, 12/1991)

Bereits 1986 sah sich die Schweizerische Vereinigung für Studentengeschichte zu einer Klarstellung bezüglich des DCEC veranlaßt. Demnach pflegt diese „keine Kontakte“ mit dem DCEC und bittet alle Mitglieder schweizerischer Korporationen „um Vorsicht bei Kontakten mit dem DCEC“. Weiters heißt es: „Bei der Arminia handelt es sich um eine Vereinigung, die leider nationalsozialistische und antisemitische Ideologien vertritt. […] Dem Spiritus Rector und Führer dieser Vereinigung, Dr. med. Heinz Manz, hat der Corporationenverband Zürich schon 1948 jede Honorigkeit aberkannt. 1950 steckte ihn der Schweizerische Waffenring in den perpetuellen Waffenverruf.“ (acta studentica, 63/1986) Unmittelbar davor distanzierte sich bereits die Falkenstein von der Arminia.

Nach dem Tod von Manz setzte die 1994 gegründete Europaburschenschaft Arminia Turicensis zu Wien die Tradition der Schweizer Arminia fort. Unter den Gründungsburschen: Staatsanwalt Harald Eisenmenger (vulgo Wahnfried). Neben der Nibelungia und der Wiener Arminia zählten sich folgende österreichische Korporationen dem DCEC zu: Burschenschaft Tafelrunde zu Wien, pennale Burschenschaft Frankonia zu Hollabrunn, Katholisch-deutsche Burschenschaft Waregia zu Wien, pennales Corps Normannia zu Wien. Als Aktivisten der Tafelrunde traten Wilhelm Ehemayer (Nationalkonservative Union) und der Wiener Neustädter FPÖ-Landtagsabgeordnete Wolfgang Haberler in Erscheinung. In die Schlagzeilen geriet diese Verbindung 1992: Der in Wien verhaftete deutsche Neonazi Stefan W. gab gegenüber den Behörden an, das bei ihm beschlagnahmte NS-Material sei für die Tafelrunde gedacht gewesen. Die pB! Frankonia zu Hollabrunn wurde von Martin B., FPÖ-Pressesprecher im Bezirk Korneuburg, angeführt. Bei diesem wurde im Zuge der Ermittlungen zur ersten Briefbombenserie Ende 1993 Hakenkreuz-Armbinden und „Freiheit für Gottfried Küssel“-Aufkleber beschlagnahmt.

Im März 1995 wurden die Räume der 1991 gegründeten Europaburschenschaft Arminia Zürich zu Heidelberg Ziel einer polizeilichen Hausdurchsuchung. Angesichts der dort beschlagnahmten Menge an NS-Material sprach das Landeskriminalamt vom „umfangreichsten Fund seiner Art in Baden-Württemberg“. Der „Altherrenverband“ der Arminia löste darauf hin die „Aktivitas“ auf, mittlerweile hat sich diese jedoch wieder rekonstruiert. Im Herbst 1999 traten die ehemaligen Rechtsterroristen Manfred Roeder und Peter Naumann bei der Heidelberger Arminia auf.

Die negative Presse zeitigte Folgen: 1995 trat die Wiener Armina aus dem DCEC aus. Als Grund für diesen Schritt wird angegeben, „daß eine Gruppe versucht, […] den DCEC in eine ideologisch einheitlich ausgerichtete Truppe umzuwandeln. Diese Gruppe hat durch den von Arminia erweckten Namen ‘DCEC’ für sich gepachtet, sodaß uns nur die Konsequenz bleibt, gemäß unserem Toleranzprinzip einen Trennstrich zu ziehen. Die Activitas hat sich mit Beschluß vom 3. 11. ‘95 dem Wiener Senioren-Convent W.S.C. angeschlossen.“ (Circular Europa-Burschenschaft Arminia Zürich zu Wien, Folge 12, Dez. 1995) Kurz darauf wurde der Name von Europaburschenschaft in Corps geändert, wobei die Traditionsträgerschaft der Züricher Arminia nicht abgelegt wurde.

Im Juni 1997 mußte man sich aber neuerdings mit dem Vorwurf der NS-Nähe auseinandersetzen: Mitglieder der auf die Bude der Arminia geladenen pennalen Burschenschaft Germania Liberia aus Mistelbach/NÖ stimmten SA-Gesänge an. Die Arminen reagierten darauf mittels Beschluß, wonach die Germanen in Zukunft nicht mehr eingeladen und die beiden Corpsbrüder, welche in die Nazi-Gesänge einstimmten, verwarnt werden. Darüber hinaus wurden die Arminen mit einem Wiederbetätigungsverbot belegt: „Jeder Armine, der sich im nationalsozialistischen Sinne öffentlich betätigt (nicht nur durch Singen), ist mit einer großen Corpsstrafe zu entlassen; Füchse sind als unbrauchbar abzugeben.“ (Circular, Folge 19, Sept. 1997)

Noch im selben Jahr versandte Eisenmenger eine „vertrauliche“ Corpsliste, den „Gefallenen und Verstorbenen zum Gedenken“: „Sie hielten Arminia die Treue bis in den Tod und gingen uns in die nur noch geistige Corpsbrüderlichkeit voraus. Wir werden ihnen stets ein ehrendes Andenken bewahren“. Unter den derart Geehrten finden sich Nationalsozialisten, SS-Schergen und Kriegsverbrecher wie

*Dr. Herbert Boehme (SA-Obersturmführer und Reichsfachschaftsleiter in der NS-Reichsschrifttumskammer; nach 1945 Führungskader im deutsch-österreichischen Neonazismus)

*Herbert Kappler (SS-Obersturmbannführer und Polizeichef in Rom; als Hauptverantwortlicher für das Massaker in den Adreatinischen Höhlen zunächst 1948 zum Tode verurteilt, dann aber zu lebenslanger Haft begnadigt; floh 1977 aus römischem Militärspital)

*Hans Ulrich Rudel (hochdekorierte Fliegerlegende und nach 1945 zunächst vom argentinischen Exil aus eine der Zentralfiguren im internationalen Neonazinetzwerk)

*Walter Reder (SS-Obersturmführer; 1951 als Hauptverantwortlicher für das Massaker in Marzabotto von italienischem Militärgericht zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt; 1985 vorzeitig aus der Haft entlassen)

Nachdem Format (42/1999) über diese Form des Andenkens berichtet hatte, ging der gerade vor seiner Beförderung zum Oberstaatsanwalt stehende Eisenmenger auf Distanz zur Arminia. In einem Leserbrief an das Nachrichtenmagazin behauptet er: „Weiters lege ich Wert auf die Feststellung, daß ich bereits vor Ihrem Artikel freiwillig aus dem Corps Arminia Zürich zu Wien ausgetreten bin.“ (Format, 44/1999) Alfred P. will demgegenüber von einem Arminen erfahren haben, dass Eisenmenger seine angesichts dieser Distanzierung „aufgebrachten Corpsbrüder beruhigte. Er bleibe natürlich nach wie vor strammer Armine.“

Zurück zur Startseite

Kommentare deaktiviert für Aus dem Innenleben einer Burschenschaft

Eingeordnet unter Hintergründe

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.