Für und wegen…

Bernhard Weidinger

Mein Buch ist sieben Menschen gewidmet, die ich die Freude hatte kennenlernen zu dürfen und deren Bekanntschaft nicht nur für die Entstehung dieses Buches, sondern für meinen persönlichen Werdegang insgesamt bedeutsam war.

widmung

Im folgenden möchte ich diese Menschen vorstellen, weil es mir wichtig erscheint, dass sie und ihre Geschichten nicht in Vergessenheit geraten. Ich beginne mit den ersten drei Genannten.

Die Gugigs und Leo Kuhn lernte ich in den frühen 90ern kennen. Kuhn und Willi Gugig besuchten über mehrere Jahre hinweg als Zeitzeugen Schulen in meinem Heimatbezirk, dem Salzburger Lungau. Erika (Riki) Gugig begleitete ihren Mann, sofern es ihr Gesundheitszustand zuließ. Eingeladen hatte die drei mein Vater, damals Hauptschul-Geschichtelehrer. Im Rahmen wechselseitiger Essenseinladungen zwischen ihnen und meinen Eltern während ihrer Lungau-Aufenthalte lernte ich sie näher kennen. Viele Details erfuhr ich allerdings erst nach ihrem Ableben, im Zuge meines Aktenstudiums im DÖW und der Lektüre autobiographischer Schilderungen.

Wilhelm (Willi) Gugig, ca. 1947.

Wilhelm (Willi) Gugig, ca. 1947.

Willi Gugig, geboren 1921 in Ottakring, war zusammen mit seinem Vater Leiser im September 1939 „aus rassischen Gründen“ sowie unter dem Vorwurf kommunistischer Betätigung in Wien verhaftet worden – von als Hilfspolizisten eingesetzten Nachbarn, mit denen die beiden kurz zuvor noch Karten gespielt hatten. Eine Ausreisemöglichkeit in die USA hatten Willi und seine vier Jahre jüngere Schwester Margit nicht wahrgenommen, da sie ohne die Eltern hätten fahren müssen. Andere Optionen ergaben sich für die Familie in Ermangelung der nötigen Ressourcen nicht. Drei Wochen waren Willi und sein Vater im Prater-Stadion (heute: Ernst-Happel-Stadion) interniert. „Einmal sah ich meine Mutter und meine Schwester am Zaun“, schreibt Willi in seinen Lebenserinnerungen. „Das war das letzte Mal, dass ich sie sah. Wir konnten nicht miteinander reden. Ich weiß bis heute nicht, ob sie mich sahen.“ Die männlichen Gugigs wurden nach Buchenwald deportiert, wo Willi – bei der Ankunft 17 Jahre alt – sein Möglichstes tat, den Vater vor den Prügeln und sonstiger Drangsalierung durch die Aufseher zu schützen. Leiser Gugig war 45 „und konnte nicht mehr so gut laufen. Ich versuchte stets in seiner Nähe zu bleiben, und dadurch kamen wir [bei der bzw. auf dem Weg von der Arbeit im Steinbruch, Anm.] ans Ende der Kolonne und gleichzeitig in die Gefahrenzone der SS.“ Im Oktober 1942 wurde Leiser Gugig nach Auschwitz verbracht und dort ein Monat später vergast. Willi Gugig überlebte rund fünfeinhalb Jahre Buchenwald dank der dortigen, von „Politischen“ getragenen illegalen Häftlingsorganisation, die von der Lagerleitung übertragene Verantwortung nutzte, um Mitinhaftierten Erleichterungen zu verschaffen, sie nach Möglichkeit zu schützen und die Mordmaschinerie der SS zu sabotieren. Noch vor der Ankunft der Amerikaner übernahm die Häftlingsorganisation die Kontrolle über das Lager. Als noch kurz zuvor alle verbliebenen jüdischen Inhaftierten zur mutmaßlichen Liquidation antreten sollten, halfen die „Politischen“, sie zu verstecken. Willis Schilderungen der unter Todesgefahr gelebten Solidarität unter den Lagerinsassen beeindruckten mich zutiefst. Erschütternd waren dagegen die Nachrichten über den Verbleib seiner Familie. Mutter Lea und Schwester Margit waren im Februar 1941 nach Opole deportiert worden. Ein Jahr später wurde das dortige Ghetto liquidiert und wurden seine BewohnerInnen in die Vernichtungslager Belzec und Sobibor überstellt. Unter den 2.003 vom Wiener Aspangbahnhof nach Opole deportierten Wiener Jüdinnen und Juden sind lediglich 28 Überlebende dokumentiert. Lea und Margit Gugig waren nicht darunter. Willis Großvater wurde in Theresienstadt ermordet, eine Tante und ein Onkel wurden nach Riga deportiert und kehrten nie zurück. Mit Ausnahme eines weiteren Onkels, dem die Flucht in die USA gelang, verlor Willi seine gesamte Familie in der Shoah.

Erika Gugig (damals: Uhlir) und ihre Mutter Maria Hrybal, 1941 (Fotos aus der Gestapo-Kartei).

Erika Gugig (damals: Uhlir) und ihre Mutter Maria Hrybal, 1941 (Fotos aus der Gestapo-Kartei).

Auf dem Weg zurück nach Wien lernte Willi in Salzburg Erika (Riki) Uhlir kennen, die selbst im „Altreich“ in politischer Haft gewesen war und die er schließlich ehelicht. Riki, geboren und aufgewachsen 1920 in Wien-Brigittenau als Erika Hrybal, hatte schon als Jugendliche für Treffen illegalisierter AntifaschistInnen Schmiere gelegen, Flugblätter abgezogen und sich anderweitig an Widerstandsaktivitäten gegen den Austrofaschismus beteiligt. Ihre Mutter, Maria (Marie) Hrybal, die Riki unter ärmlichen Verhältnissen allein aufzog, wurde unter Kanzler Schuschnigg zweimal wegen „kommunistischer Betätigung“ (der Aufbewahrung einschlägiger Schriften, Fahnen und Wimpel) bestraft, u. a. durch eine sechswöchige Inhaftierung. Im Rahmen einer der ersten Verhaftung folgenden Hausdurchsuchung, schreibt Riki, wurde in der Wohnung der Hrybals „eine Papptafel“ gefunden, auf der ich mit roten Nelken FREIHEIT geschrieben hatte“. Die Nelken hatte Riki mit Freundinnen gebastelt und eigentlich am 1. Mai verkaufen wollen. „Ich brachte es nicht fertig, jemanden anzureden, brachte die roten Nelken wieder nach Hause und bewahrte die Tafel einfach auf.“ Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurde Marie Hrybal 1941 unter dem Vorwurf erneut verhaftet, sie habe einem KPÖ-Funktionär ihre Adresse als Postanlaufstelle zur Verfügung gestellt. Riki, die tatsächlich lose an illegalisierte KP-Kreise angebunden war, wurde von der Gestapo verhaftet, nachdem (nicht aber weil) sie angeboten hatte, eine etwaige Haftstrafe an ihrer Mutter statt anzutreten. Wegen „Vorbereitung zum kommunistischen Hochverrat“ wurde Riki im Oktober 1942, im Alter von 22, zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Ihre Mutter, 44, wurde vom selben Delikt freigesprochen – und statt in ein Zuchthaus in das Frauen-KZ Ravensbrück eingewiesen. Riki kam erst in das Frauengefängnis Aichach, dann nach Kolbermoor, wo sie die Zwangsarbeit in einer Gasmaskenfabrik nach Möglichkeit obstruierte, und schließlich nach Laufen-Lebenau (wie die beiden anderen Stationen in Bayern gelegen). Ein Gnadengesuch, das ihr Vater, der Metallarbeiter Roman Hrybal, über einen Anwalt einbringt, wird abgelehnt. Einen zweiten Anlauf lehnt der Anwalt – der Burschenschafter Hadmar Schandl (Libertas Wien) – ab, wie aus einer im DÖW einsehbaren Korrespondenz hervorgeht. Ihm sei „mittlerweile bekannt geworden …, dass die ursprünglich gemeldeten Gründe [für eine Enthaftung, Anm.] nicht zurecht bestehen. Heil Hitler!“ Nach der Befreiung trifft Riki zunächst auf Willi und schließlich in Wien auf ihre Mutter. Alle drei bleiben für den Rest ihres Lebens in Wien wohnhaft.

Die österreichischen Nachkriegsrealitäten erweisen sich für die Überlebenden als frustrierend. Sie müssen feststellen, schreibt Willi, „dass die Regierung für uns nicht viel übrig hatte. Um die Nazis hingegen bemühte sich das Land sehr. Später bekamen wir durch das Ausland Unterstützung, und die Regierung musste etwas für die ehemaligen Häftlinge tun.“ „Enttäuschend“ sei auch gewesen, „dass wir in dieser Zeit öfter demonstrieren mussten, um gegen rechtsgerichtete Veranstaltungen Widerstand zu leisten. Das hat viel Nervenkraft gekostet. Daher war unser Freundeskreis nicht groß. Wir misstrauten allen.“ Als ein Freund Willi eine Stellung in der SPÖ anträgt – in ein paar Jahren würde er es von dort zum Gemeinderat bringen – lehnt er ab. „(I)ch fühlte mich der KPÖ verpflichtet, weil die Alfthäftlinge von der kommun. Häftlingsorganisation ihr eigenes Leben riskiert hatten, um einigen von uns jungen Häftlingen das Überleben zu ermöglichen.“ Die KPÖ, genauer gesagt ihr Globus-Verlag, wird auch zum Arbeitgeber Willis, Rikis und ihrer Mutter. Die letzteren beiden finden in der Verlagsgarage eine Anstellung, Willi in der Auslieferung der Parteizeitung „Volksstimme“. Später wird er Betriebsratsobmann und bleibt dies bis zu seiner Pensionierung. Von der KPÖ entfernt er sich nach der Niederschlagung des Prager Frühlings und wegen Wahrnehmungen von Antisemitismus auch in der Partei des Widerstandes. Ab den 1980er Jahren geht er als Zeitzeuge an Schulen, üblicherweise gemeinsam mit Leo Kuhn. „Die Schilderung unserer Leiden ist sehr belastend, aber wenn wir zu zweit sind, hat der andere unterdessen Zeit, seine Gefühle wieder in den Griff zu bekommen.“

Leo Kuhn.

Leo Kuhn.

Kuhn, geboren 1908 in Graz, hatte fast die gesamte NS-Zeit in Österreich wegen kommunistischer Widerstandsaktivitäten in Haft verbracht. 1934 war er von der Sozialdemokratischen Partei zur KPÖ gewechselt. Schon im Ständestaat war er erstmals inhaftiert, nach dem „Anschluss“ bleibt er antifaschistisch aktiv und wird mit seiner Gruppe im November 1938 ausgehoben. Auf Gestapo-Haft und -Folter am Morzinplatz folgen die Internierung in Berlin-Moabit und eine Verurteilung zu acht Jahren Haft. 1941 wird er ins Zuchthaus Stein an der Donau überstellt. In dessen Außenlager Moosbierbaum organisiert er zusammen mit anderen Kommunisten maßgeblich den Häftlingswiderstand, der u. a. für Sabotageakte und Flugblattaktionen im Umland verantwortlich zeichnet. Nach seiner Denunziation durch einen Gestapo-Spitzel kommt Kuhn im Jänner 1945 nach St. Pölten. Dort und in Stein selbst forciert Johann Stich (wie Anwalt Schandl Mitglied der Burschenschaft Libertas) gegen Kriegsende eifrig Todesurteile in Standgerichtsverfahren. In Stein werden im April unter maßgeblicher Mitwirkung Stichs und auf Befehl eines weiteren Burschenschafters, des Gauleiters Hugo Jury (Teutonia Wien), 44 Inhaftierte ermordet. Kuhn sollte nach seiner Überstellung von St. Pölten in Mauthausen umgehend liquidiert werden – die Annahme der Identität eines verstorbenen Insassen ermöglicht ihm das Überleben. Er wird nach Ebensee transportiert und erlebt dort am 7. Mai die Befreiung durch die Amerikaner. Nach dem Krieg ist Kuhn als Sportfunktionär für die KPÖ, den Allgemeinen Sportverband (ASVÖ) und den Österreichischen Handballbund (ÖHB) tätig.

Auch er ist im postnazistischen Österreich mit dem Unwillen der Behörden den Überlebenden der NS-Verbrechen gegenüber konfrontiert. Viele Jahre liefert er sich eine Auseinandersetzung mit Sozialministerium und Amt der Wiener Landesregierung um Haftentschädigung für seine Frau Hermine (Herma, geb. Löwenstein) zugunsten des 1949 geborenen gemeinsamen Sohnes Leo junior. Herma war fast sechs Jahre (ab Juli 1939) in Aichach bzw. Ravensbrück  interniert gewesen. Die Entschädigung wurde vorenthalten, weil sie zwei Tage vor Inkrafttreten der relevanten Opferfürsorgegesetzenovelle (aber Monate nach der Beschlussfassung über diese) 1952 an den Folgen der Haft verstorben war. Noch in den 1960er Jahren unternimmt Kuhn – bei erneut veränderter Gesetzeslage – einen weiteren Anlauf. Sein Antrag wird diesmal mit der Begründung abgelehnt, dass Herma kein Arbeitseinkommen bezogen habe und es an Kuhn selbst sei, den überwiegenden Lebensunterhalt des Sohnes zu bestreiten (was er, unter Entbehrungen, ohnehin tut, um Leo jun. ein Studium zu ermöglichen). Ab den 1970ern leistet er Zeitzeugenarbeit – und tut dies bis zu seinem 95. Geburtstag im Jahr 2003.

Nach meinem studienbedingten Wohnsitzwechsel nach Wien habe ich Leo Kuhn, den ich als freundlichen, ruhigen und distinguierten älteren Herrn erlebte, nicht wieder gesehen, auch wenn er weiterhin mit meinen Eltern korrespondierte. Er starb am 5. November 2004. Willi Gugig, den ich mit seiner jovialen, verschmitzten Art als sehr Wienerisch wahrnahm (respektive als das, was ich als Kind der Provinz dafür hielt), traf ich in Wien noch einmal im Rahmen einer Zeitzeugenveranstaltung. Er starb kurz darauf, am 21. Dezember 2001. Riki Gugig und ihrem trockenen Schmäh durfte ich im Rahmen meines Zivildienstes bei ESRA 2007 mehrmals wiederbegegnen. Sie besuchte gelegentlich den wöchentlichen SeniorInnentreff, dessen BesucherInnen ich mit Kaffee, Mehlspeisen und Schnittlauchbroten bewirtete. Ihr Tod im selben Jahr kam überraschend. Für das Begräbnis am Wiener Zentralfriedhof ging ich auf Zeitausgleich.

In seinen Lebenserinnerungen schreibt Willi, dass er unmittelbar nach der Befreiung angesichts der katastrophalen Resultate des nationalsozialistischen Wütens eine Wiederkehr desselben für ausgeschlossen hielt. Doch  „(a)ls wir längere Zeit nach unserer Befreiung die Ansichten der Bevölkerung hörten, mussten wir feststellen, dass diesem menschenverachtenden System teilweise nachgetrauert wurde. Man kann noch heute, wenn über diese Zeit gesprochen wird, hören, dass wir besiegt und nicht befreit worden sind. Wir nahmen die schwere und undankbare Aufgabe, Aufklärungsarbeit zu leisten, auf uns. Das waren wir den Millionen Toten schuldig. Ob wir unsere Kraft nicht unnütz verschwendet haben, wird die ferne Zukunft weisen.“

Zum zweiten Teil: Anna und Rosa Redlinger

Zum dritten Teil: Poldi Schnabl

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