Für und wegen (III): Poldi Schnabl

Bernhard Weidinger

Teil I: Willi und Erika Gugig, Leo Kuhn

Teil II: Anna und Rosa Redlinger

Von allen FreundInnenschaften im engeren Sinn, die ich je unterhalten habe, war jene zu Poldi Schnabl die mit der größten Altersdifferenz. Nicht weniger als 57 Lebensjahre hatte sie mir voraus. Unser erstes Zusammentreffen erfolgte 2007 im Rahmen meines Zivildienstes. Ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam, da ich eigentlich nicht in der Abteilung tätig war, die sie betreute. Da wir uns aber gleich bei meinem ersten Hausbesuch hervorragend verstanden und in der Folge beide den Wunsch deponierten, einander wieder zugeteilt zu werden, sorgte ESRA dafür, dass das auch passierte. Ich fand Poldis Geschichten faszinierend, sie war ihrerseits froh, jemanden zum politisieren zu haben, zumal sie aus gesundheitlichen Gründen kaum mehr außer Haus gehen konnte.

Poldi Schnabl (damals Hirsch), späte 1940er Jahre.

Poldi Schnabl (damals Hirsch), späte 1940er Jahre.

Informationen über Poldis Leben verdanke ich neben ihren Erzählungen vor allem schriftlichen Aufzeichnungen ihres Neffen Peter Hirsch. Aus diesen geht hervor, dass Poldi 1925 als zweite Tochter (nach Hermine) von Hermann und Salomea Hirsch in Wien geboren wurde. Die Mutter wanderte wenig später nach Palästina aus. Der Vater verspielte seinen Besitz und konnte die Töchter nicht mehr erhalten. Sie wurden zunächst in die Kinderbewahrungsstelle der Gemeinde Wien ein- und später einer Pflegemutter zugewiesen. Diese ehelichte schließlich den leiblichen Vater der beiden. Die Mädchen gingen in Meidling zur Schule. Nach dem „Anschluss“ wurde Poldi ausgeschult und sollte fortan eine Schule für als jüdisch eingestufte Kinder besuchen. Aufgrund des langen und – nicht zuletzt aufgrund ständiger antisemitischer Anfeindungen und Übergriffe – beschwerlichen Weges ging sie nur selten hin. Schwester Hermine wurde schließlich als „Mischling zweiten Grades“ im Sinne der Nürnberger Gesetze eingestuft (der Vater galt als „arisch“, die leibliche Mutter entstammte einer „Mischehe“ und war – wie die Töchter – mosaischer Konfession). Sie fand eine Beschäftigung als Kranführerin und übte diese aus, bis sie schwanger wurde. Poldi erhielt ihrerseits 1941 eine Vorladung in die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“. Statt hinzugehen, tauchte sie unter und erledigte Botengänge für eine Widerstandsgruppe. Zwei Jahre lebte sie als „U-Boot“ mit wechselnden Aufenthaltsorten, zuletzt auf einem Bauernhof. Im Herbst 1943 wird sie in Salzburg von der Gestapo verhaftet. Sie kommt in Polizeihaft (im bayerischen Laufen, das die letzte Station der Gefangenschaft Riki Gugigs war) und schließlich in ein Arbeitslager.

Nach dem Krieg kehrt Poldi zunächst nach Wien zurück und arbeitet dann in wechselnden österreichischen und deutschen Städten in der Gastronomie. 1977 kann sie ihr eigenes Lokal eröffnen. Nur ein Jahr später stirbt ihr zweiter Mann, den sie 1975 geheiratet hat. Sie gibt das Lokal auf (oder muss es aufgeben). In weiterer Folge wird sie zunehmend politisch aktiv. Trotz Anbindung an die

Poldi Schnabl als Friedensaktivistin (späte 1980er?).

Poldi Schnabl als Friedensaktivistin (vermutlich späte 1980er).

SPÖ-Frauen findet sie ihr politisches Hauptbetätigungsfeld außerhalb von Parteistrukturen – vor allem in der Friedensbewegung (und hier nicht zuletzt als wesentliche Protagonistin der „Kriegsgeneration gegen den Krieg“), aber auch im Einsatz gegen Antisemitismus und neofaschistische Tendenzen. Weil ihr die in der Leistungsgesellschaft übliche Geringachtung und Bevormundung älterer Menschen zuwider ist, engagiert sie sich für SeniorInnenrechte. In allen Belangen war sie eine widerständige Frau. Peter Hirsch gibt in seinem Nachruf auf Poldi seinen Eindruck wieder, dass

ihr Judentum mehr ein Protest gegen den latenten oder auch offenen Antisemitismus war als das Ergebnis religiöser Überzeugung. Sie hat nur die rationell begründbaren religiösen Gebote eingehalten; in die Synagoge ist sie, soviel ich weiß, nur bei besonderen Konzerten gegangen. Der Davidsstern, den sie bis zu ihrem Tod als Schmuck trug, war mehr Bekenntnis zu einer diskriminierten Minderheit und vielleicht Provokation als sonst was. Die mannigfache Hilfe durch die Esra hat sie aber jedenfalls sehr geschätzt.“

Als ich Poldi als ESRA-Zivi kennenlerne, ist ihr Aktivitätsradius durch körperliche Gebrechen bereits stark eingeschränkt, auch lesen kann sie wegen eingeschränkter Sicht nicht mehr. Ihr politisches Bewusstsein jedoch blieb wach bis zuletzt. Sie starb am 10. Oktober 2009.

Zu Teil IV: Herta Reich

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