Für und wegen (IV): Herta Reich

Bernhard Weidinger

Teil 1: Willi und Erika Gugig, Leo Kuhn

Teil 2: Anna und Rosa Redlinger

Teil 3: Poldi Schnabl

Herta Reich war die letzte der sieben in meinen Buchwidmungen erwähnten Personen, die ich kennenlernen durfte. Heimo Gruber, ein gemeinsamer Bekannter meiner Freundin und mir, hatte uns 2009 erstmals von ihr erzählt und uns das Buch übergeben, das ihre Flucht erzählt. Es ist die Erzählung einer dramatischen Odyssee, die sich trotz ihr eingeschriebener Liebesgeschichte kaum zur Romantisierung eignet (1).

Herta Reich wurde 1917 als Herta Eisler in Mürzzuschlag geboren. In der steirischen Provinz lebten damals kaum Jüdinnen und Juden. Dass dennoch auch hier teils rabiater Antisemitismus grassierte, stellten dem Historiker Haimo Halbrainer zufolge die völkischen Fanatiker um Georg Schönerer sicher, der in burschenschaftlichen Kreisen bekanntlich seine treueste Gefolgschaft fand (1). Hertas Vater besaß ein Textilgeschäft, das sie später führen sollte, weshalb sie auch die Handelsschule in Wien absolvierte. Nach dem “Anschluss” wird Herta, im Sommer 1938, von der Gestapo verhaftet, während lokale Nazis das Geschäftslokal der Familie Eisler verwüsten. Grund der Verhaftung war ihr Briefkontakt mit einem Jugendfreund, dem Spanienkämpfer Karl Lotter. Binnen zwei Tagen muss sie das Land verlassen. Vater Ignaz und Bruder Erich werden im Zuge des Novemberpogroms 1938 verhaftet und nach Dachau deportiert, von wo sie zum Jahresende zurückkehren. Das Geschäft wurde inzwischen “arisiert”, die Familie wird der Stadt verwiesen und geht nach Wien.

Herta und Romek Reich während ihrer Flucht in Italien, 1943.

Herta und Romek Reich während ihrer Flucht in Italien, 1943.

Hertas erster Fluchtversuch hat die Niederlande zum Ziel, der zweite führt sie nach Belgien. In beiden Fällen wird sie aufgegriffen und ins Deutsche Reich zurückgeschoben. Sie taucht in Wien unter und findet dort Anschluss an zionistische Kreise, die die Auswanderung nach Palästina vorbereiten. Weil die Nachbarländer jüdischen Flüchtlingen keine Transitvisa mehr ausstellen, wird die Donauroute zum Schwarzen Meer gewählt. Hertas Transport startet im November 1939 mit rund 800 Flüchtlingen, ab Bratislava sind es 1000. Da an der Donaumündung kein Schiff für den Weitertransport bereitsteht, verweigern erst die Donaudampfschifffahrtsgesellschaft und dann die rumänischen Behörden die Weiterreise. Die PassagierInnen müssen in Kladovo (im heutigen Serbien) zunächst auf den eingefrorenen Schiffen, dann in einem Lager, unter schlimmen hygienischen Bedingungen und prekärer Ernährungssituation überwintern. Im Frühjahr stößt eine Gruppe junger Polen hinzu. Herta freundete sich mit Romek, einem von ihnen, an. Im September bewegen die Schiffe sich wieder, aber in die falsche Richtung. Sie legen nun in Šabac an. Die Polen haben inzwischen Eigeninitiative entwickelt und suchen einen Fluchtweg über Land. Herta, die Romek im März 1941 geheiratet hat, geht mit ihnen. Die Gruppe gelangt nach Italien, wo sie in Rom verhaftet und ab August in den Abruzzen interniert wird. Der Kladovo-Transport sitzt indes immer noch in Šabac fest. Im Oktober ermorden die Nazis alle Männer des Transports, die Frauen und Kinder werden im folgenden Jänner in das KZ Sajmište deportiert und dort noch im ersten Halbjahr 1942 in Gaswägen ermordet (2). Herta und die Polen fliehen im Herbst 1943, nach der Entmachtung Mussolinis, vor den vorrückenden Deutschen hinter die britischen Linien. Herta und Romek erhalten Arbeit in einem britischen Militärlager. Herta wird schwanger, doch

(i)n so einem provisorischen Dasein wollte ich auf keinen Fall ein Kind. Ein polnisch-jüdischer Arzt, mehr Scharlatan als Arzt, gab mir irgendein Medikament. Ich bekam einen Blutsturz und man fuhr mich in ein kleines Spital zehn Kilometer vom Camp. Dort waren nur Nonnen, die um jeden Preis das Kind erhalten wollten. Und ich wollte es unbedingt verlieren. In der dritten Nacht hatte ich genug von der Fürsorge und flüchtete in der Nacht aus dem Spital ins Camp und war weiter schwanger. […] Eines Tages hob ich einen schweren Kessel in der Kantine und das war der Anfang vom Ende der Schwangerschaft. Zu Beginn des sechsten Monats.”

Romek, in einer zionistischen Jugendorganisation groß geworden, bemüht sich unablässig um Reisepapiere für Palästina – und ist schließlich erfolgreich. Mitte 1944 erreichen Herta und er Tel Aviv, wo sie Hertas Eltern wiedertreffen, die seit November 1940 in Palästina leben. Schwester Lilly war auf der Flucht verunglückt – durch einen zu groß dimensionierten Sprengsatz der Hagana, der die Briten hätte zwingen sollen, die PassagierInnen des Fluchtschiffes an Land zu lassen. Die Eltern kehren 1948 wegen trister materieller Lage nach Österreich zurück. Herta und Romek sind inzwischen selbst Eltern eines einjährigen Sohnes geworden. Romek aber fällt noch im selben Jahr im israelischen Unabhängigkeitskrieg. Herta kehrt 1950 ein letztes Mal nach Mürzzuschlag zurück – und ist deprimiert von der dortigen Situation der Eltern. Der Vater schlägt sich als Bürstenbinder durch, während der “Ariseur” das Eislersche Textilgeschäft weiter führt. Nach dem Tod des Vaters geht Mutter Käthe wieder nach Israel, ebenso Hertas Bruder Erich.

reich widmung

Buchwidmung, Jerusalem 2010.

Ich traf Herta Reich 2010 mit meiner Freundin zusammen in Jerusalem. Trotz ihres hohen Alters bewirtete sie uns in ihrer Wohnung und plauderte lange mit uns. In weiterer Folge blieben wir in herzlichem Brief- und Telefonkontakt. Die ausweglose Situation im Nahostkonflikt betrübte sie ebenso wie das, was sie über Satelliten-TV an Nachrichten aus Österreich empfing – etwa „die Hetzkampagne Straches“ in Wien, wie sie im Oktober 2010 schrieb. Meinen eigenen Medienkonsum betreffend trug sie mir auf, anstelle der konservativen Jerusalem Post fortan die linksliberale Haaretz zu lesen. Gerne hätten wir sie noch einmal besucht, doch dazu kam es nicht. Herta Reich starb im Februar 2012. Sie konnte daher nicht mehr erleben, dass das Bundesgymasium in ihrer Heimatstadt im November desselben Jahres umbenannt wurde. Wer im Internet heute www.herta-reich.at eintippt, erreicht die Webpräsenz des “Herta Reich Gymnasiums Mürzzuschlag”.

(1) Die Darstellung hier beruht wesentlich auf einem online zugänglichen Text von Haimo Halbrainer, der auch Herausgeber dieses Buches ist: Zwei Tage Zeit. Herta Reich und die Spuren jüdischen Lebens in Mürzzuschlag. Die Flucht einer Mürzzuschlager Jüdin 1938 – 1944. Graz: Clio 1998. 2014 erschien eine von Heimo Gruber co-editierte, stark erweiterte Neuauflage.

(2) Vgl. weiterführend Gabriele Anderl / Walter Manoschek (2001): Gescheiterte Flucht. Der „Kladovo-Transport“ auf dem Weg nach Palästina 1939-1942. Wien: Mandelbaum.

Zurück zur Startseite

Kommentare deaktiviert für Für und wegen (IV): Herta Reich

Eingeordnet unter Hintergründe

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.