Für und wegen (II): Anna und Rosa Redlinger

Bernhard Weidinger

Ich setze die Erklärung meiner Buchwidmungen (Einleitung und erster Teil siehe hier) mit den Schwestern Rosa und Anna Redlinger fort. Sie habe ich während meines Zivildienstes bei ESRA in Wien kennengelernt. Das Ende meiner Arbeitswoche bestand darin, in die kleine Penzinger Wohnung von Anna zu fahren, ihren wöchentlichen Einkauf zu erledigen und eine Runde mit ihr zu plaudern, bevor es in das Wochenende ging. Die Einkaufsliste sah von Woche zu Woche fast identisch aus. Fixer Bestandteil waren die Kürbiskernweckerln, die nur vor Pessach von der Liste rutschten. Ebenfalls obligat waren diverse Süßigkeiten, die Anna zu ihrem Montagstermin bei ESRA mitbrachte, um sie dort an das Personal zu verteilen. Die ESRA-Termine wurden mit jenen von Rosa so koordiniert, dass die beiden Schwestern einander regelmäßig sehen konnten. Eingeschränkte Mobilität machte für Treffen einen Fahrtendienst erforderlich und Besuche zwischen Penzing und Hernals damit sehr kostspielig. Die Schwestern hatten vieles gemeinsam, über Eltern und Geburtsort (Mattersburg) hinaus. Sie sahen einander nicht unähnlich, waren beide herzlich, gänzlich unprätenziös und ungemein liebenswert. Beide riefen mich – wie niemand zuvor oder seither mit Ausnahme Herta Reichs, die im abschließenden Teil dieser Reihe vorgestellt wird – beharrlich „Herr Bernhard“. Zu den Unterschieden gehörte, dass Anna ein Pflaster trug, wenn sie unter Leute ging; darunter die Auschwitz-Nummer.

anna rosa

Anna (l.) und Rosa Redlinger, 1932.

Anna (die selbst in offiziellen Quellen zum Teil als „Anni“ aufscheint und von ihrer Schwester auch so gerufen wurde) wird am 7. Februar 1919, ein Jahr vor Rosa, geboren. Der Vater verlässt die Familie, als sie acht Jahre alt ist. Die Mutter Else übersiedelt schließlich mit ihren drei Töchtern (Anna, Rosa und Selma) und Sohn Leopold nach Wien. Anna bricht die Ausbildung zu ihrem Wunschberuf der Diätschwester (heute: Diätassistentin, Ernährungsberaterin) ab, um ihrer Mutter in deren Café-Konditorei zu helfen. Der antifaschistisch aktive Bruder wird 1936 von den Austrofaschisten bereits zum zweiten Mal inhaftiert und nach seiner Enthaftung 1937 des Landes verwiesen. Wie auch Anna ist er aufgrund des Vaters, der aus Bratislava stammt und nach dem Zerfall der Monarchie offiziell Tschechoslowake wurde, ohne österreichische Staatsbürgerschaft. Das Lokal der Mutter wird im März 1938 vom „Anschluss“-begeisterten Mob verwüstet. Drei Monate später werden Anna und Else Redlinger unter dem (falschen) Vorwurf verhaftet, Widerstands-Kontakte zu unterhalten. „Politisch war ich ja nicht. Ich bin ja weggekommen, weil ich Jüdin bin“, wird Anna in einem Artikel von Katrin Auer zitiert, dem alle hier angeführten Zitate und viele der biographischen Informationen entstammen (1). Nach achtstündigem Gestapo-Verhör werden die beiden Frauen aus dem Deutschen Reich ausgewiesen, ihre Wohnung ist zu diesem Zeitpunkt bereits von einem SA-Mann „arisiert“ worden. Ihre Flucht führt sie erst nach Bratislava und dann, 1941, ins nordslowakische Žilina. Selma gelingt unterdessen die Flucht nach Frankreich. Rosa – die eine Lehre als Modistin im ersten Bezirk begonnen hat und nun abbrechen muss – kann nach England entkommen, wo sie in einem Kinderheim in Broadhurst Arbeit findet. Während der weiterhin politisch aktive Leopold 1942 von den slowakischen Tiso-Faschisten inhaftiert wird, bleiben Anna und ihre Mutter vorerst in prekärer Freiheit, sehen sich aber unter dem Kollaborationsregime zunehmender antisemitischer Drangsalierung ausgesetzt. Trotz eines Lebens von der Hand in den Mund „(wären) wir … zufrieden gewesen, wenn man einen in Ruh gelassen hätte”.

Anna, Rosa und Leopold Redlinger (v.l.n.r.) in Bratislava, 1937.

Anna, Rosa und Leopold Redlinger (v.l.n.r.) in Bratislava, 1937.

Im März 1943 wird Anna, inzwischen 24 Jahre alt, nach Auschwitz-Birkenau deportiert, ihre Mutter wenig später ebenfalls. Wie bei Willi Gugig in Buchenwald gilt auch Annas oberste Sorge fortan dem mit ihr internierten Elternteil, das es gegen die Quälereien der SS und die Arbeitsbelastungen abzuschirmen gilt, so gut es geht. „Ich hab sechs Monate geschaut, daß ich mir meine Mutter halten kann, war in der Außenarbeit zuerst, bin mit ihr mitgegangen, hab für sie geschaufelt und Häuser geräumt und das möglichste gemacht.” Doch Else Redlinger, bereits 56 Jahre alt, wird krank und schließlich als nicht mehr arbeitsfähig ermordet – mit ihr auch Annas engste Freundin Mirjam Gross. „Anna kann dies nie verwinden”, schreibt Herta Neiß in einem Nachruf. „Trauer und Selbstvorwürfe, daß sie ihre Mutter nicht beschützen konnte, bestimmen Anna Redlingers Erinnerungen bis heute”, bemerkt auch der Text von Katrin Auer.

In einem mehrtägigen Gewaltmarsch und anschließendem Transport in offenen Waggons bei Eiseskälte kommt Anna im Jänner 1945 nach Ravensbrück (wo auch Leo Kuhns Frau Herma und Riki Gugigs Mutter Maria Hrybal interniert sind) und ein Monat später in dessen Außenlager Malchow (Mecklenburg). Sie überlebt unter widrigsten Bedingungen. Ihr Bruder, der seine jüdische Herkunft geheimhalten kann, wird erst im Februar 1945 von seinem slowakischen Gefängnis erst nach Mauthausen und dann nach Ebensee überstellt. Auf der Zwischenstation Amstetten trifft er mit Leo Kuhn zusammen, von dem er im April erfährt, dass die Rote Armee Wien bereits eingenommen hat. Kuhn scheint auch in der KZ-Verbands-Akte Redlingers als Bürge auf. Nach 1945 heuert Leopold Redlinger, wie die Gugigs, zunächst beim Globus-Verlag an, engagiert sich in der KPÖ und im Weltgewerkschaftsbund. Schwester Rosa kehrt 1948 aus England zurück, Selma bleibt in Frankreich. Während die Geschwister Krieg und Shoah überlebt haben, wurde ihre Vorgängergeneration mütter- wie väterlicherseits von den NationalsozialistInnen vollständig ausgelöscht. Die Spur des Vaters endet im Ghetto von Łódź.

Anna Redlinger, 2001.

Anna Redlinger, 2001.

Mit Kriegsende und Befreiung enden weder die Leiden an Verlust und den eigenen Erinnerungen, noch die antisemitischen Anfeindungen. Ein Arbeitskollege Annas, die Schreibmaschine und Steno lernt und eine Bürotätigkeit ergreift, wirft ihr vor, „ich bin schuld, daß der Jesus umgekommen ist“. Die politischen Entwicklungen auch der jüngsten Geschichte der Zweiten Republik erschweren eine Verarbeitung des Geschehenen mehr, als sie zu erleichtern  so jedenfalls der Eindruck aus meinen Gesprächen mit Anna, die immer wieder Beunruhigung durch die tagespolitische Situation erkennen ließen. Die Geschichte der abendlichen Rückkehr Annas vom Arbeitskommando in die leere Baracke, dorthin, wo sie die Mutter in der Früh krank hatte zurücklassen müssen, war auch in diesen Gesprächen ständig präsent – mal verbalisiert, mal als atmosphärischer Grundton. Bis zuletzt laborierte sie an schlechtem Gewissen aufgrund ihres Überlebens dessen, was so vielen den Tod gebracht hatte. Wie Anna an ihren Traumata litt  eine Belastung, die nach Auskunft ihrer Nichte Elisabeth Vykoukal (2) mit der Pensionierung noch zunahm , litt Rosa (über deren Leben ich nur spärliche Informationen finden konnte) am Leiden Annas, auf das sie mich immer wieder ansprach. Sie starb 2013. Anna war vier Jahre zuvor verstorben. Einmal hatte ich sie noch im Maimonides-Heim der Israelitischen Kultusgemeinde besucht, in das sie inzwischen umgezogen war.

(1) Katrin Auer (2001): „Politisch war ich ja nicht. Ich bin ja weggekommen, weil ich Jüdin bin“: Anna Redlinger. In: Helga Amesberger/Brigitte Halbmayr (Hg.innen): Vom Leben und Überleben – Wege nach Ravensbrück, Band 2: Lebensgeschichten. Wien, 182-186. Vgl. Als weitere Quelle zu Anna Redlinger den Nachruf von Ildikó Cazan-Simányi im Mitteilungsblatt der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück und FreundInnen, Dezember 2009, 27.

(2) Ich danke Frau Vykoukal, der Tochter von Leopold Redlinger, für die Zurverfügungstellung der Jugendfotos ihres Vaters und ihrer Tanten.

Zu Teil III: Poldi Schnabl

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