Sachen zum Lachen

@bweidin

Es begann alles damit, dass ich auf Twitter einen Witz erzählte. Der ging so: Treffen sich zwei Grüne. Sagt der eine zum andern: „Unterm Hitler war nicht alles schlecht!“ – Darauf der andere: „Ja, aber das mit den Autobahnen hätt er besser gelassen!“

Nun wäre ich nicht überrascht gewesen, hätten Grüne daraufhin ihr Missfallen geäußert. Tatsächlich gehe ich nicht davon aus, dass Ansichten wie die hier karikierten in grünen Parteikreisen auch nur annähernd salonfähig sind. Die Entrüstung erreichte mich jedoch von gänzlich anderer Seite. Ein Burschenschafter der Innsbrucker Suevia, der – obwohl von mir geblockt – meine Tweets offenbar sehr aufmerksam verfolgt, griff ihn negativ kommentierend auf. Was folgte, war diese Frage/Aufforderung des Journalisten Wolfgang Ainetter an mich:

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Näher über meine vermeintliche Verfehlung unterrichtet wurde ich von vorerwähntem Schwaben:

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Freilich: mit Verharmlosung und NS-bezogenen Schäbigkeiten kennt der Herr sich aus. Dass er als Bundesbruder von Zeitgenossen wie Herbert Fleissner, Doyen rechtsextremer Publizistik im deutschen Sprachraum, neben dem Aufzeigen von NS-Verharmlosungen überhaupt noch zum (Kampf-)Twittern kommt, nötigt Respekt ab. Ebenso, dass er eine so hohe geschichtspolitische Sensibilität in einem akademischen Männerbund ausbilden konnte, der in seiner Chronik Weltkrieg, NS und die Opfer dieser Zeit wie folgt erinnert:

(D)er gewaltige Schicksalskampf des deutschen Volkes um seine weitere Existenz brach von neuem an. Nach 5½jährigem heldenhaftem Ringen um die Verteidigung des deutschen Lebensraumes gegen eine Welt von Feinden folgte das Chaos des Jahres 1945. Deutschland war zertrümmert … Seine Städte lagen in Trümmern und Millionen Deutsche waren an den Fronten und in der Heimat dem Kriege zum Opfer gefallen. Von noch ungeheuerlicherem Ausmaße aber war die deutsche Passion, die dem Kriege folgte, da 18 Millionen Deutsche ausgeplündert und des Letzten beraubt, von ihrer Heimatscholle vertrieben oder in grausamer Weise von diabolischen Rachegelüsten erbarmungsloser Feinde hingemordet wurden. Alle Werte und Ideale schienen vernichtet, die Menschenrechte zu Boden getreten und eine hoffnungslose Zukunft lag vor uns allen.“ (Suevia 1958, 13f.)

Wer nun meint, das sei nun aber doch etwas gar selektiv erinnert, sei beruhigt: schonungslos im Rückblick spart die Chronik freilich auch die Sache mit den Lagern nicht aus. Wie könnte man, angesichts „zahlloser aufrechter Volksgenossen, die [nach 1945, Anm.] für ihre Gesinnung und Treue zu ihrem Volke zu Verbrechern gestempelt, ihrer Existenzen beraubt, mit ihren Familien in Not und Elend gestoßen und in Kerker und Konzentrationslager gezwungen wurden.“ (ebd., 101)

Allerdings hat sich bei den Schwaben seither offenbar etwas getan. Ihre Stellungnahme zur „Schändung“ ihres Denkmals am Innsbrucker Westfriedhof 2013 (wiedergegeben hier) gehört zum gedenkpolitisch Reflektiertesten und im positiven Sinne Unzweideutigsten, das von einer Burschenschaft hierzulande bislang zu haben war. Sie betraf die Haltung der Verbindung zu SS-Studentensturmführer Gerhard Lausegger, der während des Novemberpogroms in Innsbruck 1938 führend an der Ermordung des lokalen Kultusgemeinde-Vorstands Richard Berger – er wurde am Innufer gesteinigt – mitgewirkt hatte. Der Ergänzungsband von 1968 zu vorerwähnter Verbindungschronik verschwieg diesen Umstand und wies stattdessen auf die „harten Schicksalsschläge“ hin, die Lausegger nach dem Krieg habe erdulden müssen. Die Trauerkneipe nach seinem Ableben 1966 habe gezeigt, „wie sehr A.H. [Alter Herr, Anm.] Dr. Lausegger von seinen Bundesbrüdern geschätzt wurde.“ (Suevia 1968, 54f.) Inzwischen hat Suevia – irgendwie – historische Verantwortung übernommen. Nur rund 47 Jahre dauerte es, bis man vor einigen Monaten am Denkmal einen Vermerk anbrachte, der die Rolle Lauseggers offenlegt – und zwar immerhin für jede/n, der/die ein Smartphone bei sich hat und etwas mit QR-Codes anzufangen weiß.

Doch zurück zum Ausgangstweet. Im zunächst impliziten Vorwurf der Geschmacklosigkeit wie auch der Verharmlosung erblickte ich ein Missverständnis Herrn Ainetters (an dessen antifaschistischer Einstellung ich keinen Zweifel hege) die Aussage des Witzes betreffend, und wies darauf hin, dass er keineswegs die nationalsozialistischen Verbrechen oder deren Opfer zum Gegenstand macht, sondern ganz im Gegenteil bestimmte Formen des postnazistischen Umgangs damit kritisch überzeichnet, nämlich NS-Relativierung und -Apologie im Allgemeinen (referenziert durch das Klischee von den Autobahnen) sowie von Seiten jener im Besonderen, denen Bäume mehr bedeuten als Menschen. (Dass das auf die Grüne Partei in Österreich keineswegs zutrifft, sei zur Vermeidung weiterer Missverständnisse an dieser Stelle explizit betont. Mein eigener Autohass übertrifft den des/der durchschnittlichen Grünen übrigens bei weitem.)

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Mein Erklärungsversuch rief Martin Brenner, ehemaliger konservativer Studentenpolitiker und Mitglied des katholischen Cartellverbands (Bajuvaria Wien) auf den Plan. Auch er ging in Sachen empörungswürdiger Einlassungen durch eine harte verbindungsstudentische Schule, gehören seiner Verbindung doch mit Albert Pethö und Matthäus Thun-Hohenstein auch die Herausgeber der fundamentalistisch-katholischen Hetzblatts “Die weisse Rose” an, die Größen des heimischen Nachkriegs-Antisemitismus wie Friedrich Romig zu ihren Autoren zählt. Mit dem Einwand, dass der Witz, von einem Rechten erzählt, andere Reaktionen hervorrufen würde, hat Brenner wohl nicht unrecht. Das halte ich auch für durchaus angemessen, liegt doch nahe, dass Rechte mit dem Erzählen des Witzes keineswegs eine kritische Intention verfolgten, sondern vielmehr die Absicht, von historischen Verstrickungen des eigenen Lagers in Nationalsozialismus und dessen Apologie nach 1945 abzulenken bzw. diese zu relativieren. Dass der Standpunkt die Bedeutung (zumindest mit-)bestimmt, konnte ich Herrn Brenner nicht vermitteln.

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Zuzugestehen ist ihm, dass Sprechposition in der Humorkritik in der Tat nicht allein ausschlaggebend sein sollte. Manches halte auch ich für ungeachtet des Sprechers bzw. der Sprecherin für indiskutabel – nicht zuletzt “Witze” über die Opfer. Nun mag es sein, dass der Bajuvare und der Schwabe, in ihren Verbindungen vermutlich regelmäßig mit “Geschmacklosigkeiten” konfrontiert, schon einmal die Verhöhnung der Opfer mit jener der Täter (und ihrer ApologetInnen) verwechseln. Genauso plausibel scheint freilich, dass sie interessiert daran sind, die Grenze zwischen beiden zu verwischen, um von problematischen Traditionslinien des eigenen Lagers abzulenken (wenn dabei gleichzeitig ein/e Korporationskritiker/in diskreditiert werden kann, umso besser). Der eine als Vertreter eines katholischen Verbindungswesens, das sich bis heute in der “historisierenden” Verharmlosung bis Rechtfertigung des österreichischen Imitationsfaschismus – einschließlich der Arierparagraphen-Forderungen eines Engelbert Dollfuß – übt (siehe Abbildung). Der andere als Angehöriger jenes völkischen Milieus, das dem Nationalsozialismus den Weg an die Hochschulen ebnete, ihn und seine Verbrechen wesentlich trug und dessen Ausläufer bis heute weit in den Neonazismus hineinragen.

Für den Fall, dass auf Seiten meiner Kritiker eine grundsätzliche Bereitschaft zu verstehen vorhanden ist, hier zur Illustration des angesprochenen Unterschieds ein kleines Beispiel: wenn im Rahmen einer verbindungsstudentischen Geburtstagsfeier am 31. 5. 2014 für einen in MKV und CV weidlich bekannten Rechtsauslager der Wiener Borussia (MKV) der Vorsitzende des Wiener MKV-Stadtverbandes eine selbst ersonnene Persiflage von Thomas Bernhards “Heldenplatz” zum Besten gibt, so ist das nichts für geschichtspolitisch sensible Gemüter. Da ist die Rede von der “Borussenverfolgung” durch den Verband, wegen derer der Jubilar habe aus Wien auswandern müssen; von “Hass und Verachtung” gegenüber den Borussen; von der Verbrennung ihrer Verbindungszeitung; vom “Lateinerpogrom”, unter dem der Jubilar als alter Humanist ebenfalls zu leiden gehabt habe. Die Reaktionen von Herrn Brenners Verbandsbrüdern vor Ort? – Nicht allzu irritiert: “(S)eriöseste Herren wieherten rosinantengleich vor Vergnügen” und emittierten “wallende Wogen philantrophischen Gelächters”, berichtet die Verbindungszeitung über diesen “Höhepunkt des Abends”, dargebracht “(z)um allgemeinen Gaudium der anwesenden Festgäste” (Borussenecho Nr. 405, August 2014, S. 6-9).

Mir scheint erwähnte “Bernhardiade” geschmacklos, und zwar ungeachtet der Person des Vortragenden – der, by the way, im November letzten Jahres eine Debatte zwischen MKV/CV und ÖH Uni Wien, let’s just say, „moderierte“ – , des (katholisch-konservativen) Publikums oder ihrer Aufführung in bierdunstig-männerbündischer Atmosphäre im Land der Täter, wiewohl die genannten Umstände kaum geeignet sind, die Geschmacklosigkeit zu mildern. Der Kern letzerer liegt eben darin, dass hier Anspielungen auf die Verbrechen selbst zur Pointe gemacht und dadurch die Opfer der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Angesichts der mir im Zuge der gegenständlichen Twitter-Kontroverse nahegebrachten Einschätzung, ich hätte als Hitler-Witze reißender Rechtsextremismusforscher wohl meinen Beruf verfehlt, möchte ich mit der Offenlegung eines kleinen Berufsgeheimnisses schließen. Es ist nämlich genau umgekehrt: die Arbeitshaltung, die mich solche Witze erzählen lässt, ermöglicht mir erst, den „Beruf“ [insert academic precarity reference here] zu machen, ohne selber Faschist, zynisch oder schwer psychotisch zu werden. Wer sich über einen längeren Zeitraum tagtäglich intensiv mit rechtsextremer Bild- und Textproduktion beschäftigt, braucht Strategien, um Distanz vom Gegenstand zu gewinnen. Eine der effektivsten Strategien ist Humor. Niemand muss sich gezwungen fühlen, mit mir zu lachen. Aber wenn ausgerechnet konservative Verbindungsstudenten aus Österreich meinen, mir die Grenzen des guten Geschmacks in zeitgeschichtlichen Dingen darlegen zu müssen, bleibt mir nur eins zu sagen: ich lach dann später.

Akad. B! Suevia zu Innsbruck (1958): Geschichte der akademischen Burschenschaft Suevia zu Innsbruck 1868 bis 1958, zweite Auflage.

Dies. (1968): Geschichte der akademischen Burschenschaft Suevia zu Innsbruck, Nachtrag 1958-1968.

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