Eilige Gedanken zu Ball, Verbot, Gewalt und Medien

Ich erhalte in den Tagen und Wochen vor dem WKR-/Akademikerball viele Anfragen – heuer sind es mehr denn je. Das freut mich, weil es Interesse an meiner Arbeit über Burschenschaften bezeugt. Was mich weniger freut ist, dass der Inhalt der Anfragen, je näher der Ball rückt, verlässlich immer weiter von Burschenschaften weg- und zu Demonstrationen, Polizei und juristischem Drumherum hinrückt. Das journalistische Interesse an diesen Belangen ist natürlich legitim, ich bin dafür aber schlicht kein geeigneter Ansprechpartner. Die antifaschistischen Bündnisse, die Proteste organisieren, können sehr gut für sich selbst sprechen. Von Polizeitaktik wiederum hab ich keine und von Versammlungsrecht nur rudimentäre Ahnung.

Nun mag die Vermutung naheliegen, dass erwähnte Fokusverschiebung der (verbal?-)radikalen Linken anzulasten sei, die durch militantes Auftreten die Problematik eines Stelldicheins der äußersten akademischen Rechten in der Hofburg in den Hintergrund dränge. Diese Sichtweise wäre m.E. allerdings zu kurz gegriffen. Zum einen scheint mir in Teilen der journalistischen Zunft eine geradezu reflexhafte Bereitschaft vorhanden, inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Stein des Anstoßes ein- oder zumindest hintanzustellen, sobald die redaktionelle Hoffnung auf kamerataugliche Pflastersteinwürfe, Scheibenbrüche und Barrikadenbau erste Nahrung erhält. Zum anderen hat die Veranstaltung selbst, also der nun unter anderem Label abgehaltene WKR-Ball, den österreichischen Journalismus über fünf Jahrzehnte hinweg genau gar nicht interessiert. Das Interesse sowohl der Medien, als auch des bürgerlichen Antifaschismus wurde in dem Moment geweckt, in dem autonome Antifaschist*innen die Veranstaltung in der Hofburg durch erst unangemeldeten und später auch untersagten Protest auf die Agenda setzten. (Jene bürgerlichen/liberalen Antifaschist*innen, die nun durch das üble Wirken der radikalen Linken ihren Protest delegitimiert sehen, könnten sich die Frage stellen, wie viele weitere Jahrzehnte sie ohne Initialzündung durch die radikale Linke zugewartet hätten, diesen Protest in Angriff zu nehmen. Es ist nicht so, dass der Ball bis 2008 im Geheimen stattgefunden hätte.)

Zur Frage der Demountersagung nur eine Bemerkung: die Öffentlichkeitsarbeit des noWKR-Bündnisses mag eins misslungen, kontraproduktiv oder gar skandalös finden. Mir ist heuer aus dieser Ecke allerdings nichts an Militanz oder Gewaltandrohungen zu Ohren gekommen, was über die Ansagen vergangener Jahre hinausginge. Sofern ich nichts überhört habe (was natürlich denkbar ist), schließe ich daraus, dass entweder sämtliche noWKR-Demos der vergangenen Jahre hätten verboten werden müssen – oder aber auch die heurige nicht zu verbieten war. Für letzteres spricht der bekannte Umstand, dass das Demoverbot 2011 vom VfgH nachträglich als verfassungswidrig eingestuft wurde. Auf die rechtliche Einschätzung des heurigen Verbots bin ich dementsprechend gespannt.

Was die Debatte über „Gewalt gegen Sachen“ als politische Aktionsform betrifft, liegen alle Meinungen auf dem Tisch. Nicht dort liegt interessanterweise folgender Aspekt: die Meisterschaft von Burschenschaftern in dieser Disziplin, unter Beweis gestellt u. a. in Südtirol/Alto Adige, werden Antifaschist*innen hierzulande wohl nie erreichen (so sie das überhaupt wollten); geschweige denn die Gleichgültigkeit gegenüber Menschenleben, die die burschenschaftlich durchsetzten Südtirol-Bumser in weiterer Folge an den Tag legten – wofür sie in burschenschaftlichen Kreisen bis heute als „Freiheitskämpfer“ glorifiziert werden. Eine Gewaltakzeptanz- und Militanzdebatte, in der Burschenschafter nur noch als Opfer vorkommen, sagt nicht nur vor diesem Hintergrund einiges über die Konfiguration des polit-medialen Diskurses in Österreich aus.

Bernhard Weidinger

PS: Zum populären „Rechtsextremismus ignorieren, dann geht er weg“-Ansatz hat FIPU als Kollektiv vor rund einem Jahr hier Stellung genommen.

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