Bildung (nicht nur) für die Antifa

Eine Rezension zum neuerschienenen Sammelband „Rechtsextremismus. Entwicklungen und Analysen“

Von Stefanie Mayer, erschienen in der Malmoe Nr. 69 / 2014

Gleich vorweg: Mit ihrem als ersten Band einer Reihe gedachten Buch legt die „Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ (FIPU) ein „must-read“ für alle antifaschistisch Engagierten vor. Der Band versammelt dabei ganz unterschiedliche Zugänge, die aber durch die Bank theoretisch fundierte Einsichten bieten, die über eine bloße Beschreibung rechtsextremer Gruppierungen weit hinausgehen. Dem in der Einleitung vorgestellten Selbstverständnis von FIPU, sich „weniger über den Forschungsgegenstand ‚Extreme Rechte‘ als über die Kritik an antiegalitären, antiemanzipatorischen und gruppenbezogen-menschenfeindlichen Anschauungen und Praktiken im Allgemeinen“ zu definieren, wird das Buch jedenfalls gerecht: Fast alle Beiträge versuchen den Leser_innen den Zusammenhang von rechtsextremen Ideologien und jenen der sogenannten „Mitte“ plausibel zu machen. Große Unterschiede zwischen den Beiträgen in thematischer wie auch stilistischer Hinsicht machen das Buch abwechslungsreich – einige Redundanzen ergeben sich allerdings, etwa dass mehrere Beiträge sehr ausführlich dieselbe grundlegende Definition des Begriffs Rechtsextremismus diskutieren. Andererseits schafft gerade diese sorgfältige Arbeit an den eigenen Arbeitsbegriffen auch gemeinsame Bezugspunkte, die die unterschiedlichen Artikel zusammenhalten und bei der Leserin, dem Leser ein Gesamtbild entstehen lassen.
Der Band leistet zunächst ganz zentrale Begriffs- und Grundlagenarbeit und gibt einen Überblick über den – überraschend lückenhaften – Stand der Forschung, bei dem auch Publikationen abseits der Wissenschaft ihren Platz finden. Angesichts der Randständigkeit von feministischen und geschlechterkritischen Zugängen in der Rechtsextremismus-Forschung ist es eine sehr erfreuliche Überraschung, dass gleich der zweite Beitrag von Judith Götz sich mit der Notwendigkeit der systematischen Einbeziehung von „Geschlecht“ in der Forschung auseinandersetzt. Er gibt einen kritischen Überblick über vorhandene (und oft wenig rezipierte) Arbeiten ebenso wie über die klaffenden Lücken. Ein weiterer Beitrag von Bernhard Weidinger verteidigt den (hier inhaltlich fundierten) Begriff Rechtsextremismus gegen seine Verwendung in Extremismus-Theorien, in denen er der Entlastung der „Mitte“ dient. Der zweite Abschnitt des Bandes widmet sich Akteur_innen des Rechtsextremismus – und auch hier gibt es eine Überraschung: Neben einem Beitrag zur FPÖ von Heribert Schiedel findet sich hier ein zweiter von Matthias Falter verfasster zum Verfassungsschutz, der diesen als „Teil des Problems“ ausweist. Der folgende mit „Ideologien“ überschriebene Abschnitt zeigt die Kontraste innerhalb des Bandes wohl am deutlichsten: Der Beitrag zu antimuslimischem Rassismus von Carina Klammer ist sicher der voraussetzungsvollste des ganzen Buches. Um seinem doppelten Anliegen gerecht zu werden, einerseits eine Kritik des Konzepts Islamophobie und andererseits eine Analyse der gesellschaftlichen Funktion des antimuslimischen Rassismus zu leisten, diskutiert er eine Vielzahl komplexer Theorieansätze. Im Unterschied dazu lässt sich Lucius Teidelbaum in seiner Analyse von Obdachlosenhass und Bettler_innenfeindlichkeit ganz vom Konzept des Sozialdarwinismus leiten. Nicht zuletzt zeigt sich hier auch, wie unterschiedlich gut bzw. schlecht aufgearbeitet einzelne Formen der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ sind, gibt es doch zu manchen eine fast unüberschaubare Literatur, während andere bisher kaum Beachtung fanden. Im vorletzten Beitrag des Buches reflektiert Judith Götz solidarisch-kritisch die antifaschistischen Mobilisierungen gegen den WKR- bzw. FPÖ-Akademiker-Ball und zeigt hier u.a. das weitgehende Fehlen einer Kritik des Antisemitismus und die mangelnde Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse als Probleme aktueller Antifa-Arbeit auf. Eine Chronologie rechtsextremer Aktivitäten in Österreich im Jahr 2013 rundet das Buch ab.
Die gelungene Mischung aus Grundlagenarbeit, ungewöhnlichen Themenstellungen und einer klaren politischen Perspektive macht den FIPU-Sammelband so lesenswert. Bleibt zu hoffen, dass bald weitere Bücher folgen.

FIPU (Hg.in): „Rechtsextremismus. Entwicklungen und Analysen – Band 1“, Mandelbaumverlag, Wien 2014

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