Wissenschaft als Intervention

Von Stefanie Mayer, Wissenschaftskompass

Die in Wien beheimatete Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) legt mit dem ersten Band ihrer geplanten Buchreihe zum Thema Rechtsextremismus einen starken Auftakt vor. Eine Empfehlung.

„Forschungsgruppe“ und „Rechtsextremismus“ – das klingt nicht gerade nach Lesevergnügen, doch der vorliegende erste Band der geplanten Reihe straft dieses Vorurteil Lügen. Engagierte Wissenschaft zeigt sich hier als spannendes und facettenreiches Unternehmen, das Überraschungen bereithält und Aha-Erlebnisse ebenso liefert wie Stoff für Diskussionen. In der Einleitung legt die Forschungsgruppe offen, dass sie sich „weniger über den Forschungsgegensand ‚Extreme Rechte‘ als über die Kritik an antiegalitären, antiemanzipatorischen und gruppenbezogen-menschenfeindlichen Anschauungen und Praktiken im Allgemeinen“ definiert und bringt damit auch den gemeinsamen Anspruch des Sammelbandes auf den Punkt. Fast alle Beiträge versuchen die Zusammenhänge zwischen der viel beschworenen „politischen Mitte“ und rechtsextremen Ideologien und Praktiken aufzuzeigen und distanzieren sich von einem Extremismus-Begriff, der das „Extreme“ als Gegensatz zum „Normalen“ definiert und an den „Rändern“ der Gesellschaft verortet.

Thematisch wie stilistisch unterscheiden sich die Beiträge stark voneinander – das macht das Lesen abwechslungsreich. Gleichzeitig hält jedoch die sorgfältige Begriffs- und Konzeptarbeit (die allerdings an einigen Stellen Redundanzen mit sich bringt) den Band zusammen, so dass die unterschiedlichen Aspekte sich tatsächlich zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Ohne hier alle behandelten Themen anführen zu können, seien einige – vom subjektiven Blick der Rezensentin gefärbte – Beispiele herausgegriffen: Im ersten Abschnitt, der sich der kritischen Rechtsextremismusforschung widmet, findet sich ein prominent platzierter Beitrag von Judith Götz zur fehlenden Berücksichtigung der Kategorie „Geschlecht“ in der Forschung zu Rechtsextremismus, dem es gelingt, sowohl die vorhandenen Ansätze zu würdigen, wie auch die Lücken kritisch auszuleuchten. Im zweiten Abschnitt, der sich wichtigen AkteurInnen widmet, überrascht ein Beitrag von Matthias Falter, der sich kritisch mit der Rolle des österreichischen Verfassungsschutzes auseinandersetzt und diesen als „Teil des Problems“ beschreibt. Als wichtige ideologische Elemente rechtsextremen Denkens wird von Lucius Teidelbaum die – bislang in der Rechtsextremismusforschung kaum behandelte – BettlerInnen- und Obdachlosenfeindlichkeit aufgegriffen und als Äußerungsform sozialdarwinistischen Denkens analysiert. Ein weiterer Beitrag von Carina Klammer widmet sich dem virulenten antimuslimischen Rassismus. Schließlich macht eine kritisch-solidarische Analyse antifaschistischer Proteste gegen den WKR-Ball das politische Anliegen des Buches noch einmal ganz deutlich: Die HerausgeberInnen sehen sich einer „radikal-reflexiven“ Wissenschaft verpflichtet, die sich „auch und vor allem an Menschen [richtet], denen an der Kritik und letztendlichen Überwindung herrschender Verhältnisse gelegen ist.“

Es ist die Mischung aus konzeptueller Grundlagenarbeit, teils überraschenden Themen und neuen Perspektiven und der explizit politischen Perspektive, die diesen Sammelband auszeichnet. Die geplante Fortsetzung der Reihe – die im Kontext des ehrgeizigen Ziels steht, der Rechtsextremismusforschung in Österreich eine akademische Plattform zu schaffen – kann deshalb mit Spannung erwartet werden.

– sm

Lesetipp:

Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (Hg.in): Rechtsextremismus. Entwicklungen und Analysen – Band 1. Wien: Mandelbaumverlag. 2014.

WWW: https://forschungsgruppefipu.wordpress.com/

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