Monatsarchiv: März 2015

Teutonische Trilogie

Bernhard Weidinger

Das Internetmagazin VICE hat sich einem herausfordernden Unterfangen gestellt, die Wiener Burschenschaft Teutonia über einen längeren Zeitraum begleitet und daraus eine ca. 25-minütige Dokumentation in 3 Teilen gestaltet. Diese bietet seltene Einblicke – und doch kaum Erkenntnis, die das politische (nicht persönliche) Wagnis von embedded journalism unter Burschenschaftern rechtfertigen würde. Dazu ein paar unsystematische Gedanken.

  • Die Frage, ob Rechtsextremen ohne Not (d. h. ohne z.B. durch ein ORF-Gesetz dazu gezwungen zu sein) überhaupt eine Plattform gegeben werden soll – und wenn ja, warum -, soll hier nicht näher erörtert werden (Überlegungen dazu finden sich hier). VICE hat sie offenkundig mit Ja beantwortet, und das nicht zum ersten mal: u. a. wurde dort schon vor zwei Monaten dem in der Doku erneut ausgiebig gefeaturten Teutonen-Sprecher Mayer die Gelegenheit geboten, ausufernd und unkommentiert den Reiz des Burschenlebens zu schildern. In beiden Fällen kam dabei genau jene österreichische Burschenschaft zu Publizität, die in den letzten Jahren (aber etwa auch um 1990) am häufigsten und eindeutigsten im rechtsextremistischen Sinn auffällig wurde.
  • Mit der grundsätzlichen Bereitschaft, Rechtsextremen eine Bühne zu bieten, ist freilich noch nicht entschieden, wie das Ergebnis ausfällt. Variabel erschiene etwa der Anteil der Sendezeit, der den Rechtsextremen verfügbar gemacht wird, um sich in einer Weise darzustellen, die sie für sympathisch halten. (In puncto sympathieträchtiges Auftreten hat man in Burschenkreisen augenscheinlich dazugelernt, wenn eins die vorliegende Teutonen-Performance etwa mit diversen TV-Auftritten von Silesen, Brunen, Cruxen und Teutonen aus den 90er Jahren vergleicht, die eher als nachdrückliche Anti-Werbung in eigener Sache einzustufen waren.) Im vorliegenden Fall wurde ganz offenkundig sehr viel mehr Zeit und Energie in das Sammeln von exklusivem Videomaterial von burschenschaftlichen Veranstaltungen investiert als in die kritische Überprüfung/Kommentierung des dort Vorgefundenen (siehe unten) – was dem Produkt anzumerken ist.
  • Wenn eins sich entscheidet, Rechtsextreme dermaßen ausufernd ins Bild zu rücken, sich dabei aber nicht zum Teil einer Imagekampagne der Portraitierten machen will, schiene es (mir) notwendig, deren Selbstdarstellungen kritisch zu kommentieren – sei es durch die RedakteurInnen selbst, sei es durch ExpertInnen. Eine solche Kommentierung findet hier durch Judith Goetz und einen Aussteiger des katholischen Verbindungswesens auch statt, und das in durchaus kenntnisreicher Weise. Sie verbleibt allerdings weitgehend auf der Ebene des Grundsätzlichen und Allgemeinen, was freilich nicht den Interviewten anzulasten ist: sie beantworten die Fragen, die ihnen gestellt werden. Umgekehrt können die portraitierten Korporierten sehr viel konkretere Angaben machen, die für ZuseherInnen anschaulicher und greifbarer werden als die referierte Kritik – und (zu) wenig kritische Kommentierung erfahren. Eine Reihe burschenschaftlicher Nebelgranaten wird in der Sendung wiedergegeben, ohne dass sie als (falsche) Schutzbehauptungen kenntlich gemacht würden. So darf etwa Jörg Mayer vor der Ahnengalerie SS-uniformierter Teutonen insinuieren, diese seien zu ihrer (lt. Nürnberger Prozess) verbrecherischen Organisation „eingezogen“ worden – anstatt sich (in aller Regel jedenfalls) freiwillig gemeldet zu haben. Er kann die von ihm möglicherweise selbst geglaubte Erzählung der Altherrenschaft wiedergeben, wonach der neonazistischen VAPO Anfang der 90er Jahre nur zwei von zehn Aktiven angehört hätten, was schließlich nicht „repräsentativ“ sei. Tatsächlich fanden sich auf den bei Gottfried Küssel gefundenen Mitgliederlisten nicht weniger als acht Teutonen. Bernhard Rösch wiederum, Gothe und Wiener freiheitlicher Landtagsabgeordneter, darf unwidersprochen die Holocaustleugnung eines nicht namentlich genannten Olympia-Gastvortragenden – gemeint ist wohl David Irving – als „Ente“ bezeichnen.
  • Auf der Faktenebene ist gegen die Dokumentation ansonsten nicht viel einzuwenden – was auch damit zu tun hat, dass VICE selbst nicht allzu viele Fakten präsentiert. Es fehlt dazu aufgrund der gewählten Schwerpunktsetzung auf burschenschaftliche O-Töne schlicht die Zeit. Schief geraten sind allerdings die Zahlenangaben: 4000 Mitglieder erreicht das völkische Verbindungswesen allenfalls insgesamt: in Aufaddierung der Mitgliederzahlen aller akademischen und pennale Verbindungen, von Burschenschaften über Corps bis hin zu den Vereinen Deutscher Studenten. Beschränkt eins sich auf akademische Burschenschaften, ist die Zahl um ein Vielfaches überhöht – dafür wäre in diesem Fall (allerdings nur dann) die Angabe der rund 20 Verbindungen im Einleitungstext annähernd zutreffen, wenn auch etwas zu tief angesetzt.
  • Notabler noch (wenn auch nicht allzu überraschend) als die mutmaßliche Irving-Apologie Röschs scheint mir dessen Rede von der NS-Zeit als den „sechs (sic) schlimmsten Jahren“ der österreichischen Geschichte. Richtig schlimm wurde es in seiner Wahrnehmung offenbar erst mit Kriegsbeginn 1939. Das erste Jahr nationalsozialistischer Herrschaft, jenes der Pogrome, wilden „Arisierungen“ und der Dachau-Transporte, war demnach vergleichsweise erträglich – was für den durchschnittlichen Burschenschafter (männlich, „arisch“ und politisch zuverlässig) auch tatsächlich zutraf, aus dem Mund eines gewählten Mandatars im Österreich von 2015 aber dennoch eine bemerkenswerte Einschätzung darstellt. Es handelt sich um einen der Momente in der Dokumentation, an der eine kritische Nach-Frage wohltuend und interessant gewesen wäre, wie die VICE-Redakteurin sie an anderen Stellen auch tätigt.
  • Wenn aktuelle Aktive der Teutonia vors Mikrofon gebeten werden, wäre meines Erachtens von vorrangigem Interesse gewesen, wie diese sich zu rechtsextremistischen Auffälligkeiten verhalten, die sie selbst aus nächster Nähe erlebt haben oder an denen der eine oder andere von ihnen möglicherweise persönlich beteiligt war – konkret etwa diverse revanchistische, antisemitische und gedenkpolitisch eigenwillige Flugblattaktionen der jüngeren und jüngsten Vergangenheit; oder die Umtriebe des teutonischen Faktotums der heutigen extremen Rechten in Österreich, Jan Ackermeier (näheres bei Bedarf hier oder oder hier). Stattdessen spricht man über die VAPO, die ein heutiger Aktiver logischerweise nur vom Hören und (offenbar wenig faktengetreuen bis apologetischen) Sagen der Alten Herren kennt.
  • Der hohe Stellenwert von Brauchtumsfragen im Allgemeinen und der Mensur im Besonderen (gemessen an der diesen Fragen gewidmeten Zeit) in der Dokumentation entspricht einem gängigen Muster in der medialen Auseinandersetzung mit Burschenschaften: eine exotistische Herangehensweise, die den Gegenstand in erster Linie geheimnisvoll und faszinierend erscheinen lässt und über diese Faszination ideologische und politische Charakteristika tendenziell in den Hintergrund treten lässt – jedenfalls stärker, als es (mir) angezeigt erschiene. Dabei ließen diese Charakteristika sich anhand des Brauchtums vortrefflich illustrieren. Doch so ausführlich in der Dokumentation auch über das studentische Fechten geredet wird, kommt dessen ideologischer Kern – soldatische Männlichkeit (ihre Einübung, performative Herstellung und Beschwörung) sowie völkischer Nationalismus (versinnbildlicht in der symbolischen Aufopferung des Einzelnen für das völkische Kollektiv) – nicht zur Sprache.

Mein Fazit: die Dokumentation bietet einige interessante Einblicke, v. a. in Form von Charakterstudien, die – das sei fairerweise vermerkt – ohne längere burschenschaftliche Sprechpassagen wohl nicht in dieser Plastizität zu haben gewesen wären. Diese Einblicke wurden von VICE aber mit einem hohen Preis bezahlt. Ob entsprechend etwaiger vorab getroffener Vereinbarungen oder aus eigenem „Verschulden“, bewegt sich das Ergebnis (für meinen Geschmack) allzu nahe am Imagevideo nach Teutonen-Gusto: geeignet, Interesse bei potenziell Rekrutierbaren zu wecken und die restliche Öffentlichkeit zumindest aufgeschlossener (oder auch indifferenter) zu stimmen. Inwieweit das bei ausführlicherer Hinterfragung und Kommentierung der breiten Raum einnehmenden Selbstdarstellungsreden anders ausgefallen wäre, sei dahingestellt. Das Video wird VICE sicherlich viele Klicks bringen – und den Teutonen sonst schwer zu gewinnende Publizität. Insofern eine win-win-Situation. Erkenntnisgewinne für eine kritische Öffentlichkeit drängen sich dagegen wenig auf – jenseits der eher banalen Einsicht, dass Burschenschafter auch nur Menschen sind, sollte irgendjemand daran Zweifel gehegt haben.

Zurück zur Startseite

Kommentare deaktiviert für Teutonische Trilogie

Eingeordnet unter Quick Takes

Preisfragen

Seit 1965 verleiht die Österreichische Volkspartei den Leopold-Kunschak-Preis. In der Sparte Wissenschaften wurde heuer auch meine Dissertation über Burschenschaften in Österreich für preiswürdig befunden. Wer sowohl mit meiner Arbeit, als auch mit der politischen Biografie Kunschaks vertraut ist, wird einen scharfen Kontrast nicht übersehen können: während die Kritik von Ideologien der Ungleichheit im Zentrum meiner wissenschaftlichen Tätigkeit steht, verbinden viele Menschen – darunter auch ich selbst – mit dem christlichsozialen Reichsratsabgeordneten, ÖVP-Mitbegründer und Nationalratspräsidenten Kunschak zuallererst wüsten Antisemitismus.

Die sich aus diesem Kontrast für manche/n wohl ergebende Frage, weshalb ich einen solchen Preis anzunehmen gedenke, lässt sich zunächst wie folgt beantworten: weil ich meine Arbeit aus eigenem Antrieb für den Preis eingereicht hatte und es mir inkonsequent erschiene, eine Auszeichnung abzulehnen, um die man sich zuerst beworben hat. Die Bewerbung entsprang einer Motivlage, in der akademische Eitelkeit ebenso eine Rolle spielte wie das meinem halben Jahreseinkommen als Unilektor entsprechende Preisgeld und die Neugier, ob die Auszeichnung einem Werk bzw. Autor verliehen würde, das bzw. der sich dem politischen Konservatismus im Allgemeinen und dem katholischen Verbindungsstudententum im Speziellen gegenüber gänzlich unapologetisch verhält. (Kunschak selbst gehörte dem katholischen Verbindungswesen als Ehrenmitglied einer CV-Verbindung etwa ebenso an wie die Vorsitzenden des Kunschak-Kuratoriums und der diesem beigestellten wissenschaftlichen Begutachtungskommission). Nun, da ich den Preis zuerkannt bekommen habe, freue ich mich darüber, insofern er eine Anerkennung meiner Arbeit darstellt – und aus einem Lager kommt, bei dem kaum von einer politisch motivierten a-priori-Begeisterung für mein Wirken ausgegangen werden kann. Gerade für einen auf politisch umkämpftem Feld Forschenden ist diese Art der Anerkennung von hohem Wert.

Insofern die jährliche Preisverleihung neben der Ehrung der jeweils Ausgezeichneten auch eine – wenn auch differenzierte – Ehrung des Namensgebers einschließt, sehe ich meine Freude über den Preis getrübt. Ja, Kunschak war – Achtung Gemeinplatz – eine facettenreiche Persönlichkeit: sozialpolitisch am linken Flügel seiner Partei angesiedelt, stärker pro-demokratisch und anti-faschistisch eingestellt als der Großteil seines Lagers (wobei seine Gegnerschaft zum Faschismus auch jenen der Heimwehr einschloss), unter NS-Herrschaft zweimal inhaftiert, Kontakte zum katholischen Widerstand; gleichzeitig war Kunschak einer der prononciertesten und fanatischsten Wortführer des politischen Antisemitismus im katholischen Lager, wobei er sich einer Rhetorik befleißigte, die von nationalsozialistischer Agitation kaum zu unterscheiden war.

Die umstrittene Frage, ob Kunschak seinen Antisemitismus auch nach 1945 beibehalten hat*, ist meines Erachtens keineswegs belanglos, nicht aber ausschlaggebend für die Beurteilung seiner Eignung als Namensgeber einer Ehrung, die nach dem Zivilisationsbruch Auschwitz und u. a. für Arbeiten zur Förderung des „friedlichen Zusammenlebens der Völker“ verliehen wird. Durchaus im Bewusstsein über Kunschaks Verdienste auf sozialpolitischem Gebiet kann ich die Aufrechterhaltung dieser Benennungspraxis seitens der ÖVP nicht nachvollziehen – umso weniger vor dem Hintergrund, dass wiederholt Arbeiten zur Aufarbeitung des Antisemitismus in Österreich mit dem Preis ausgezeichnet wurden; dass die Auseinandersetzung mit Kunschak seitens des parteieigenen Vogelsang-Instituts oder auch des CV durchaus als differenziert bezeichnet werden kann**; und dass das christlichsoziale Lager fraglos zahlreiche Frauen und Männer hervorgebracht hat, von einer Auszeichnung unter deren Namen sich auch GegnerInnen des Antisemitismus geehrt fühlen könnten.

Vor dem Hintergrund des dargestellten Zwiespalts freue ich mich, die gesamte Preissumme zu gleichen Teilen den folgenden Einrichtungen bzw. Zwecken zuführen zu können: ESRA, das als psychosoziales Zentrum der jüdischen Gemeinde Wiens die Spätfolgen dessen bearbeitet, was Rhetorik wie jene Kunschaks vorbereiten half; der Realisierung einer geplanten Publikation meiner Forschungsgruppe (FIPU) zu historischen und aktuellen Formen des Antisemitismus; dem Verein Romano Centro, weil er hervorragende Arbeit für die Interessen einer weiteren europäischen Minderheit mit umfangreicher Diskriminierungserfahrung – Roma und Romnja – leistet; sowie dem Projekt Sisters Against Violence Europe, weil es eminent wichtig (und gleichzeitig zuwenig bekannt) ist.

Bernhard Weidinger

* Vgl. zur Debatte und zum Antisemitismus Kunschaks allgemein die 2013 im STANDARD ausgetragene Kontroverse zwischen Kurt Bauer und Paul Mychalewicz.

** Dies gilt interessanter Weise nicht in selbem Maße für den Umgang des Vogelsang-Instituts mit seinem Namensgeber Karl von Vogelsang, einem weiteren katholischen Sozialreformer, und dessen Antisemitismus.

Zur Startseite

Kommentare deaktiviert für Preisfragen

Eingeordnet unter Quick Takes

Kritik am Rechtsextremismus und der Kritik daran

Die Wiener Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit(FIPU) hat ihren ersten Sammelband herausgegeben. Rechtsextremismus, so der Titel, bedeutet in Österreich etwas anderes als in Deutschland nicht nur deswegen ist er lesenswert. Von Nikolai Schreiter

Wenn eine Rezension zu schreiben ist und man sich nicht entscheiden kann, welche der neun Kapitel man zuerst, welche vielleicht gar nicht lesen will, ist das ein gutes Zeichen. Im Fall des vorliegenden Sammelbandes Rechtsextremismus. Entwicklungen und Analysen Band 1spiegelt sich darin die Relevanz der behandelten Themen: Akteure, Theorie, Dokumentation und Antifa, alles ist drin. Einem Publikum, das Rechtsextremismusin erster Linie als totalitarismustheoretischen Kampfbegriff aus Deutschland kennt, der allen, um damit auch „linken Extremismus“ in Abgrenzung zur freiheitlich-demokratischen Grundordnungder Bundesrepublik verwirft, sei der Einstieg mit Bernhard Weidingers Text Verteidigung des Rechtsextremismusbegriffs gegen seine Proponent*innenempfohlen.

Darin entfaltet er die Unterschiede zwischen dem deutschen und dem österreichischen Begriff, zwischen der Apologetik der ‚politischen Mitte‘ und dem kritischen Rechtsextremismusbegriff. Den verwendet auch die herausgebende Wiener Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) und fasst ihn als militante Steigerungsform der zentralen Werte und Ideologien spätbürgerlicher Gesellschaftenzusammen. In Österreich verläuft die Grenze zwischen legalem Rechtsextremismus und militanten Neonazismusentlang des NS-Verbotsgesetzes. Heribert Schiedel vollzieht in seinem Beitrag National und liberal verträgt sich nichtdiesseits wie jenseits dieser Grenze die ideologischen Machtverschiebungen in der FPÖ nach, die in Umfragen regelmäßig die stärkste österreichische Partei ist.

Irre Biologisierung des Sozialen

Judith Goetz spart in ihren lesenswerten Beiträgen nicht mit wohl argumentierter Kritik sowohl an der Forschung über Rechtsextremismus als auch am politischen Kampf dagegen: Die Forschung weise blinde Flecken im Bezug auf die Kategorie Geschlechtauf. Ein zentrales Element von Rechtsextremismus ist die Naturalisierung und Biologisierung gesellschaftlicher, also menschlich geschaffener Ungleichheiten. Wenn Rechtsextreme also Angriffe auf das naturalisierte Geschlechterverhältnis zuließen, würde mit dessen „Unveränderlichkeit“ auch die „Unveränderlichkeit“ anderer naturalisierter gesellschaftlicher „Tatsachen“, etwa die der „Volksgemeinschaft“, Schaden nehmen. Die naheliegende Frage danach, warum gesellschaftliche Verhältnisse nicht nur im Rechtsextremismus ideologisch als natürlich betrachtet werden, bearbeitet der Band leider nicht explizit. Sie wären Dreh- und Angelpunkt des im Buch sehr wohl analysierten Zusammenhangs zwischen bürgerlicher und rechtsextremer Ideologie.

In ihrem zweiten Beitrag Ausgetanzt!bilanziert Goetz den erfolgreichen politischen Kampf gegen den Wiener Akademikerball und seine burschenschaftliche Vorgängerveranstaltung, den WKR-Ball. Auch hier wurde, so Goetz, die Kritik an der burschenschaftlichen Vorstellung vom Geschlechterverhältnis oft nur mitgemeint. Außerdem kritisiert sie die Unschärfe bei der Charakterisierung des völkischen Eventsals lediglich rechtsaußen, Rechts-Eventoder rechtspopulistisch. Insbesondere beanstandet sie, dass linke Bündnisse den Antisemitismus zu wenig kritisieren, der die Veranstaltungen ideologisch trägt und an konkreten Äußerungen rund um den Ball sichtbar wird. Diese Kritik kann antifaschistischer Politik durchaus auch bei anderer Gelegenheit dazu dienen, solche Leerstellen zu vermeiden.

Ein Auftakt nach Maß

Der Beitrag von Lucius Teidelbaum zu Obdachlosenfeindlichkeit und BettlerInnenhassschließlich setzt ein auch in emanzipatorischer Wissenschaft marginalisiertes Thema. Die Chronologie des Rechtsextremismus in Österreich 2013gibt einen Einblick in österreichische Zustände. Carina Klammers Beitrag diskutiert den verschleiernden Begriff Islamophobieund sein Verhältnis zu Rassismus und Antisemitismus. Alles in allem ist dieser erste Band theoretisch wie politisch der Auftakt wichtiger Kritik für Akademia und Antifa.

Zurück zur Rezensionen-Übersicht

Kommentare deaktiviert für Kritik am Rechtsextremismus und der Kritik daran

Eingeordnet unter Rezensionen

Rezension: Rechtsextremismus. Entwicklungen und Analysen

Aus: unique – Zeitschrift der ÖH an der Uni Wien

Die Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) versucht gleich mehrere Leerstellen mit dem vorliegenden Projekt zu füllen, von dem der vorliegende nur der erste Band ist. Zum Einen bringt der Sammelband wichtige Stimmen der Rechtsextremismusforschung zusammen, um verschiedene Ideologieansätze aufzuzeigen. Erfreulicherweise gelang das mit einem ausgewogenem Geschlechterverhältnis, was leider alles andere als selbstverständlich ist. Dieses Aufzeigen ist besonders gut im Kapitel zu Obdachlosenhass und Bettler_innenfeindlichkeit gelungen, was leider ein medial wenig präsenter Teil rechtsextremer Ideologie ist. Zum Zweiten birgt der vorliegende Band auch eine Bestandsaufnahme der Forschung selbst. Richtigerweise wird darauf hingewiesen, dass es im akademischen Rahmen kaum Raum für kritische Auseinandersetzung mit aktuellen Formen des Rechtsextremismus gibt. Wenn dies geschieht, dann immer auf Intiative engagierter Studierendenvertreter_innen. Das Buch zeigt zudem wichtige Akteuer_innen und aktuelle Vorfälle auf. Dies ist wichtig, um nicht nur abstrakt zu diskutieren, sondern die Debatten in der Realität zu verankern. Bemerkenswert ist das Kapitel zum Verfassungsschutz, das klar aufzeigt, dass das Rechtsextremismus und seine Agitation nicht im luftleeren Raum passiert, sondern durch verschiedenste Umstände befördert wird. Einzig das Kapitel zu den Protesten fällt ab, da dort das eigene Bündnis in den Himmel gelobt wird, während alle anderen Antifaschist_innen naturgemäß alles falsch machen, was die Lektüre dieses Kapitels dementsprechend langweilig macht. Abgesehen davon ist das Buch zu empfehlen und bietet viele spannende Anregungen, die es lohnen systematisch und in kritischen und solidarischen Diskursen weitergeführt zu werden. Dieses Buch ist hierfür sicherlich ein erster guter Startpunkt.

Natascha Strobl ist Politikwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Rechtsextremismusforschung

Zurück zur Rezensionen-Seite

Kommentare deaktiviert für Rezension: Rechtsextremismus. Entwicklungen und Analysen

Eingeordnet unter Rezensionen