Preisfragen

Seit 1965 verleiht die Österreichische Volkspartei den Leopold-Kunschak-Preis. In der Sparte Wissenschaften wurde heuer auch meine Dissertation über Burschenschaften in Österreich für preiswürdig befunden. Wer sowohl mit meiner Arbeit, als auch mit der politischen Biografie Kunschaks vertraut ist, wird einen scharfen Kontrast nicht übersehen können: während die Kritik von Ideologien der Ungleichheit im Zentrum meiner wissenschaftlichen Tätigkeit steht, verbinden viele Menschen – darunter auch ich selbst – mit dem christlichsozialen Reichsratsabgeordneten, ÖVP-Mitbegründer und Nationalratspräsidenten Kunschak zuallererst wüsten Antisemitismus.

Die sich aus diesem Kontrast für manche/n wohl ergebende Frage, weshalb ich einen solchen Preis anzunehmen gedenke, lässt sich zunächst wie folgt beantworten: weil ich meine Arbeit aus eigenem Antrieb für den Preis eingereicht hatte und es mir inkonsequent erschiene, eine Auszeichnung abzulehnen, um die man sich zuerst beworben hat. Die Bewerbung entsprang einer Motivlage, in der akademische Eitelkeit ebenso eine Rolle spielte wie das meinem halben Jahreseinkommen als Unilektor entsprechende Preisgeld und die Neugier, ob die Auszeichnung einem Werk bzw. Autor verliehen würde, das bzw. der sich dem politischen Konservatismus im Allgemeinen und dem katholischen Verbindungsstudententum im Speziellen gegenüber gänzlich unapologetisch verhält. (Kunschak selbst gehörte dem katholischen Verbindungswesen als Ehrenmitglied einer CV-Verbindung etwa ebenso an wie die Vorsitzenden des Kunschak-Kuratoriums und der diesem beigestellten wissenschaftlichen Begutachtungskommission). Nun, da ich den Preis zuerkannt bekommen habe, freue ich mich darüber, insofern er eine Anerkennung meiner Arbeit darstellt – und aus einem Lager kommt, bei dem kaum von einer politisch motivierten a-priori-Begeisterung für mein Wirken ausgegangen werden kann. Gerade für einen auf politisch umkämpftem Feld Forschenden ist diese Art der Anerkennung von hohem Wert.

Insofern die jährliche Preisverleihung neben der Ehrung der jeweils Ausgezeichneten auch eine – wenn auch differenzierte – Ehrung des Namensgebers einschließt, sehe ich meine Freude über den Preis getrübt. Ja, Kunschak war – Achtung Gemeinplatz – eine facettenreiche Persönlichkeit: sozialpolitisch am linken Flügel seiner Partei angesiedelt, stärker pro-demokratisch und anti-faschistisch eingestellt als der Großteil seines Lagers (wobei seine Gegnerschaft zum Faschismus auch jenen der Heimwehr einschloss), unter NS-Herrschaft zweimal inhaftiert, Kontakte zum katholischen Widerstand; gleichzeitig war Kunschak einer der prononciertesten und fanatischsten Wortführer des politischen Antisemitismus im katholischen Lager, wobei er sich einer Rhetorik befleißigte, die von nationalsozialistischer Agitation kaum zu unterscheiden war.

Die umstrittene Frage, ob Kunschak seinen Antisemitismus auch nach 1945 beibehalten hat*, ist meines Erachtens keineswegs belanglos, nicht aber ausschlaggebend für die Beurteilung seiner Eignung als Namensgeber einer Ehrung, die nach dem Zivilisationsbruch Auschwitz und u. a. für Arbeiten zur Förderung des „friedlichen Zusammenlebens der Völker“ verliehen wird. Durchaus im Bewusstsein über Kunschaks Verdienste auf sozialpolitischem Gebiet kann ich die Aufrechterhaltung dieser Benennungspraxis seitens der ÖVP nicht nachvollziehen – umso weniger vor dem Hintergrund, dass wiederholt Arbeiten zur Aufarbeitung des Antisemitismus in Österreich mit dem Preis ausgezeichnet wurden; dass die Auseinandersetzung mit Kunschak seitens des parteieigenen Vogelsang-Instituts oder auch des CV durchaus als differenziert bezeichnet werden kann**; und dass das christlichsoziale Lager fraglos zahlreiche Frauen und Männer hervorgebracht hat, von einer Auszeichnung unter deren Namen sich auch GegnerInnen des Antisemitismus geehrt fühlen könnten.

Vor dem Hintergrund des dargestellten Zwiespalts freue ich mich, die gesamte Preissumme zu gleichen Teilen den folgenden Einrichtungen bzw. Zwecken zuführen zu können: ESRA, das als psychosoziales Zentrum der jüdischen Gemeinde Wiens die Spätfolgen dessen bearbeitet, was Rhetorik wie jene Kunschaks vorbereiten half; der Realisierung einer geplanten Publikation meiner Forschungsgruppe (FIPU) zu historischen und aktuellen Formen des Antisemitismus; dem Verein Romano Centro, weil er hervorragende Arbeit für die Interessen einer weiteren europäischen Minderheit mit umfangreicher Diskriminierungserfahrung – Roma und Romnja – leistet; sowie dem Projekt Sisters Against Violence Europe, weil es eminent wichtig (und gleichzeitig zuwenig bekannt) ist.

Bernhard Weidinger

* Vgl. zur Debatte und zum Antisemitismus Kunschaks allgemein die 2013 im STANDARD ausgetragene Kontroverse zwischen Kurt Bauer und Paul Mychalewicz.

** Dies gilt interessanter Weise nicht in selbem Maße für den Umgang des Vogelsang-Instituts mit seinem Namensgeber Karl von Vogelsang, einem weiteren katholischen Sozialreformer, und dessen Antisemitismus.

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