Erklärungs-Bedarf

Am 21. April verkündete der Burschenschafter (Albia Wien) und freiheitliche Wiener Landtagsabgeordnete Udo Guggenbichler per OTS, dass er „(g)emeinsam mit anderen prominenten Vertretern von schlagenden Studentenverbindungen“ eine Erklärung unterzeichnet habe, die eine deutliche Verurteilung des antisemitischen Treibens früherer verbindungsstudentischer Generationen wie auch „jede(r) Form von Antisemitismus“ enthält. Zweck der Erklärung sei es, „der Israelitischen Kultusgemeinde das Bemühen für ein von gegenseitiger Achtung geprägtes Verhältnis zu zeigen“.

Dieses Ansinnen ist selbstverständlich begrüßenswert – und angesichts der zentralen Rolle des Antisemitismus in der Geschichte (und Gegenwart?) des völkischen Korporationswesens weniger bedeutungsarm, als es auf den ersten Blick erscheinen mag [1]. Mindestens bis in die 1960er Jahre erkannten die Wiener Burschenschaften allein „ehrenhafte arische Akademiker“ als genugtuungsfähig an [2]. Die antisemitische Kontinuität in den österreichischen Burschenschaften sorgte selbst bei deren bundesdeutschen Waffenbrüdern für Beunruhigung. Die Deutsche Burschenschaft, die sich 1958 – noch ohne österreichische Mitgliedsbünde – in einer Erklärung „von jedem Antisemitismus und Rassenwahn“ distanziert und sich zu deren Bekämpfung bekannt hatte, forderte entsprechende Distanzierungsschritte auch von den Österreichern, um den Weg zur von diesen angestrebten Fusion von DB und DBÖ (Deutsche Burschenschaft in Österreich) frei zu machen. In Reaktion darauf gingen die österreichischen Burschenschaften 1959 so weit zum Antisemitismus auf Distanz, wie ihre ideologische Verfasstheit es eben zuließ, und bekundeten ihre „Duldsamkeit“ in Fragen von „Rasse und Menschenwürde“ [3]. Intern bezeichneten manche der Österreicher sich nun als „asemitisch“: man habe der aktiven Bekämpfung der Juden abgeschworen, wollte jedoch auch weiterhin von ihnen unbehelligt bleiben [4]. Oder, wie die Chronik der Wiener Teutonen von 1968 es ausdrückte: „das Judentum“ sei weiterhin „eine biologische, kulturelle und wirtschaftliche Gefahr für unser Volk“ und ein „Gegner“, gegenüber dem „(r)einliche Scheidung … nach wie vor erwünscht“ sei [5]. Noch 1994 hielten die damals acht in der „ARGE Deutsche Burschenschaft in Österreich“ zusammengeschlossenen Bünde in einem (internen) Rundschreiben fest, dass keine Verpflichtung bestehe, „Fremdrassigen – d. h. jenen, die offensichtlich nicht der germanischen Volks-, Sprach- und Kulturgemeinschaft angehören –, Genugtuung zu geben“ [6].

Vor diesem Hintergrund erscheint nachvollziehbar, dass die Guggenbichlersche Erklärung auf einiges Misstrauen stieß – bei der vorgeblichen Adressatin (IKG), aber auch beim DÖW, dem grünen Abgeordneten Harald Walser oder dem Grünen-nahen Blog Stoppt die Rechten. Letztgenannter Kommentar tat, was die heimische Medienlandschaft interessanter Weise weitgehend unterließ, und argwöhnte, wer denn nun überhaupt hinter der Erklärung stehe. In der Tat wirft die Erklärung mehr Fragen auf, als sie beantwortet: Wieso sind die Unterzeichner nicht bereit, ihre Ablehnung des Antisemitismus auch mit ihrem Namen zu dokumentieren? Wieso weigert Udo Guggenbichler sich – und dies nicht nur mir gegenüber -, auf Nachfrage Auskunft über die Unterzeichner zu erteilen? Welchen Wert hat eine anonyme Erklärung dieser Art überhaupt?

Vielleicht sollte derselbe Fragenkomplex ohnehin anders angegangen werden: wer ist denn nun NICHT bereit – und warum? -, 70 Jahre nach der Befreiung der nationalsozialistischen Vernichtungslager gegen Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart Stellung zu beziehen? Wieso musste Guggenbichler seine Erklärung als Privatperson veröffentlichen? Warum war der WKR, dessen Ballausschuss Guggenbichler seit Jahren vorsteht, augenscheinlich nicht bereit, die Erklärung korporativ zu verabschieden? Die DBÖ? Oder zumindest einzelne Verbindungen, wie Guggenbichlers Albia? Wieso ist, von einem knappen Tweet der Alben abgesehen, keinerlei wahrnehmbare Zustimmung aus den Verbindungen zu verzeichnen?

Es wäre wohl zu einfach, die Antwort hierauf einzig im forstbestehend hohen Ausmaß des Antisemitismus im völkischen Verbindungsstudententum zu vermuten. Tatsächlich dürfte der Großteil der heutigen Korporationsstudenten kein ernstes inhaltliches Problem mit der Distanzierung vom Antisemitismus – jedenfalls auf einer abstrakten, unbestimmten Ebene, wie in der Erklärung der Fall – haben. Wohl aber mit dem Akt des Ableistens einer solchen Erklärung an sich: wohl ein Kniefall vor dem Zeitgeist, ein Einknicken vor dem Diktat der political correctness in den Augen (allzu?) vieler. Was auch immer der Grund, die erzielte Optik ist, gemessen an Guggenbichlers mutmaßlichen Erwartungen, fatal: eine (in Zahlen: 1) Person aus dem völkischen Verbindungswesen, die bereit ist, sich öffentlich von Antisemitismus zu distanzieren? Damit erscheint die Aktion weniger als Beleg für die Überwindung der antisemitischen Tradition im völkischen Verbindungswesen denn als eindrucksvoller Nachweis eines unverändert verkrampften Verhältnisses zu ebenjener Tradition – eine Verkrampfung, die ohne Blick auf antisemitische Kontinuitäten bis ins Heute kaum zu erklären ist.

Ein zweites zentrales Problem von Guggenbichlers Initiative, auf welches das DÖW bereits hingewiesen hat, sei abschließend noch kurz angerissen: selbst, wenn mehr Verbindungs-Männer oder gar ganze Verbindungen/Verbände hinter der Erklärung stünden, lässt der Text doch völlig unbestimmt, was als antisemitisch verstanden wird – und bleibt damit auch weitestgehend unverbindlich. An der Blattlinie der AULA etwa dürfte er nichts ändern. Noch im März kokettierte das Zentralorgan des völkischen Verbindungswesens in Österreich mit der Leugnung von „Gaskammern in deutschen KL zum Zwecke der Tötung von Juden“ und ließ sich ausgiebig und unter Aufbietung der einschlägigen Stereotype über den „jüdischen Spekulanten“ George Soros aus (vgl. die entsprechende Meldung des DÖW). Das April-Heft huldigte dem antisemitischen Professor Taras Borodajkewycz und illustrierte einen Artikel über Nahostpolitik mit einem der antisemitischen Machwerke des Holocaustleugners und Hitler-Fans David Dees. [UPDATE: auch die Mai-AULA lieferte Antisemitismusforscher*innen reichen Stoff.] Wenn derlei unter den Antisemitismusbegriff der Korporierten-Erklärung fällt: wo bleiben hier die öffentlichen Distanzierungen oder kritischen Eingaben Guggenbichlers und seiner anonymen Mitstreiter? Wenn aber nicht – ist eine solche Erklärung dann überhaupt die OTS wert, mit der sie ausgesandt wurde?

Ob es im völkischen Verbindungswesen tatsächlich zu einem Umdenken gekommen ist, werden die öffentlichen Einlassungen seiner Vertreter und Organe in der Zukunft zeigen. Eine konsequente Verabschiedung vom Antisemitismus könnte über kurz oder lang freilich auch den deutschvölkischen Nationalismus selbst, der die Bilder vom Juden von seiner Geburt an als Negativfolie benötigt hat, nicht unberührt lassen – und damit den Angelpunkt des burschenschaftlichen Denkens selbst.

Bernhard Weidinger

[1] Vgl. dazu meinen Beitrag „Deutsche Burschenschaften in Österreich“ in Wolfgang Benz (Hg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Band 5: Organisationen. Berlin: de Gruyter, 140-145.

[2] Schlägerbrauch der Wiener örtlichen Burschenschaft, 1960, § 4.

[3] Ergänzung zum Bericht der ADC-Vorsitzenden über das Geschäftsjahr 1958/59, Anhang zur Niederschrift des ADC-Tages in Salzburg 1959.

[4] Vgl. Michael Gehler (1996): „…erheb‘ ich, wie üblich, die Rechte zum Gruß…“. Rechtskonservativismus, Rechtsextremismus und Neonazismus in österreichischen Studentenverbindungen von 1945 bis 1995. In: Ders./Dietrich Heither/Alexandra Kurth/Gerhard Schäfer: Blut und Paukboden. Eine Geschichte der Burschenschaften. Frankfurt/M.: Fischer, 187-222, hier: S. 196.

[5] Otto Mühlwerth (Hg., 1968): Hundert Jahre Burschenschaft Teutonia Wien, S. 113.

[6] Zit. n. Harald Seewann (1995): Das „Waidhofener Prinzip“. Die versuchte Ehrabsprechung Juden gegenüber als Manifestation studentischen Antisemitismus an österreichischen Hochschulen im Jahr 1896. In: Einst und Jetzt. Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, 149-190, hier: S. 169.

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