Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (Wien) (Hrsg.) Rechtsextremismus. Entwicklungen und Analysen. Band 1

Von Christoph Kopke (Portal für Politikwissenschaft)

„So erfolgreich die extreme Rechte, so überschaubar und so wenig institutionalisiert ist ihre kritische Erforschung.“ (13) Das 2011 gegründete österreichische Netzwerk „Forschungsgruppe Ideologien und Praktiken der Ungleichheit (FIPU)“ will diesem Zustand mit der Herausgabe einer Schriftenreihe entgegensteuern.

Dieser erste Band gliedert sich in vier Kapitel und schließt mit einer Dokumentation. Einige Texte sollen hier vorgestellt werden: So bilanziert Bernhard Weidinger den Stand der „Rechtsextremismusforschung in Österreich“. Jenseits des Dokumentationszentrums Österreichischer Widerstand (DÖW), so der zentrale Befund, ist die Forschung „weder inner‑ noch außeruniversitär institutionalisiert“ (29), gleichwohl mangele es an Schrifttum zum Gegenstand nicht. In einem weiteren Beitrag verteidigt Weidinger den „Rechtsextremismusbegriff gegen seine Proponent*innen“ (69), indem er – bei dezidierter Ablehnung der normativen Extremismustheorie deutscher Prägung – auf die von dem Klagenfurter Historiker Willibald Holzer entwickelte spezifische Definition von Rechtsextremismus verweist. Holzers Ansatz ist in verschiedenen Publikationen des DÖW schon seit Ende der 1970er‑Jahre in seinen Grundzügen ausgearbeitet: „die Bestimmung von Rechtsextremismus als ‚Syndromphänomen‘; der mehrdimensionale Zugang über ideologische, einstellungsbezogene und organisationale Merkmale sowie solche des politischen Stils; die Betonung der den gesellschaftlichen Status quo durch Leugnung, Übertünchung und Re‑Framing von Interessenskonflikten stabilisierenden und gegen Demokratisierung gerichteten sozialen Funktion von Rechtsextremismus; und die – nicht zuletzt mit dieser Funktion begründete – Behauptung einer Wesensverwandtschaft von Rechtsextremismus und Konservatismus.“ (70) Damit eigne sich dieser Ansatz nicht zur Gleichsetzung von links und rechts und zur Verharmlosung eines Extremismus der gesellschaftlichen Mitte. Judith Goetz konstatiert ein weitgehendes Fehlen einer geschlechtertheoretischen Perspektive der (österreichischen) Fachdiskussion. Weitere Autoren und Autorinnen beanstanden den „engen und formalistischen“ (89) Begriff von Rechtsextremismus beim österreichische Verfassungsschutz (Mathias Falter), thematisieren den „rechtsextremen Charakter der FPÖ“ (Heribert Schiedel), verwerfen das Konzept „Islamophobie“ (Carina Klammer) oder analysieren den Hass auf sozial marginalisierte Randgruppen, wie Obdachlose und bettelnde Menschen (Lucius Teidelbaum). Insgesamt hat das Netzwerk FIPU einen interessanten Sammelband vorgelegt, dessen kritische Beiträge auch die deutsche Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus befruchten dürften.

Christoph Kopke, Prof. Dr., Professur für Politikwissenschaft und Soziologie, Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR).

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