Von nah und fern

Nächstenliebe kann nicht nur eine Fernstenliebe sein.“

Wir müssen zuerst auf unsere Leut’ schauen.“

Wir können nicht alles Leid dieser Welt lindern.“

Was Bundespräsident in spe Andreas Khol gestern – wie berichtet wird, unter dem Applaus des Nationalratsklubs der Volkspartei  zum Besten gab, klang wohlvertraut. Schon Jörg Haider, Heinz-Christian Strache oder Mölzer hatten einst dasselbe Verständnis von Nächstenliebe öffentlich entfaltet, teils in auffälliger Wortgleichheit, verkündet (Mölzer z.B. hier); die FPÖ hatte erst 2013 sogar ihre Nationalratswahlkampagne um das Motiv der Nächstenliebe aufgebaut („LIEBE deine NÄCHSTEN  für mich sind das unsere ÖSTEREICHER“).

Diese Leute hatten sich freilich auch einiges an erbosten Reaktionen von berufener Seite anhören müssen. Es muss nicht bis zur theologischen Unterweisung Haiders durch die Bischofskonferenz 1997 zurückgegangen werden, um ein recht klares Bild über die in den christlichen Kirchen hierzulande vorherrschende Lehrmeinung einzuholen.

Den Kern der Botschaft Jesu bildet die Liebe und Achtsamkeit für die Ausgegrenzten, für die an den Rand Gedrängten, für die Armen und Schwächsten der Gesellschaft, und die Solidarität mit den Notleidenden. Die FPÖ agitiert gerade gegen die Schwächsten in der Gesellschaft, die sich nicht wehren können, und gegen Menschen, die Hilfe brauchen: gegen Asylbewerber, die bei uns das Grundrecht des Schutzes vor Verfolgung und Krieg in Anspruch nehmen, gegen Flüchtlinge und Ausländer.“ 

– So stand es in einer ob ihrer Deutlichkeit (Christen: Widersteht der FPÖ und ihrer Propaganda“) auch heute lesenswerten Resolution von führenden RepräsentantInnen katholischer Fakultäten, Orden und Lai*innenorganisationen von 2009 zu lesen. Die Frage ist nicht, wer ist uns nah, sondern, sind wir bereit, selbst zum Nächsten zu werden?“ Nächstenliebe sei „keine Abstandsmessung, sondern eine Aufgabe, die sich Christinnen und Christen täglich aufs Neue stellen kann“, erklärte in Reaktion auf die FPÖ-Kampagne 2013 von evanglischer Seite Diakonie-Direktor Michael Chalupka, der sich auch nun wieder im selben Sinne geäußert hat (vgl. ZIB2 vom 14.1.2016). Die von der FPÖ vertretene Beschränkung von Nächstenliebe allein auf Einheimische habe „nichts mit dem christlichen Verständnis von Nächstenliebe zu tun“, assistierten Bischof (AB) Michael Bünker und Oberkirchenrätin Hannelore Rainer. Der Wiener katholische Jugendseelorger Gregor Jansen wiederum ließ Strache ausrichten, dass nach christlicher Lehre „wir uns nicht aussuchen können, wer denn unser Nächster ist“. Für Christ*innen gelte eine „glasklare“ Richtschnur: „Lebe so, dass du dich dem gegenüber, der es jetzt braucht, als Nächster erweist. Unbesehen seiner Herkunft, seiner Religion oder seiner Hautfarbe. Oder seiner Staatsangehörigkeit.“ (alle Zitate hier)

Auch im Feuilleton stieß die freiheitliche Nächstenliebe-Exegese auf breite Ablehnung. Von den christlichen Grundlagentexten her ist … völlig klar, dass eine ethnozentrische, nationalistische Interpretation der Nächstenliebe eine universalistische Dimension ins Gegenteil verkehrt“, erläuterte Ernst Fürlinger in einem STANDARDKommentar der Anderen. Edwin Baumgartner entfaltete in der Wiener Zeitung, dass „der Nächste … der Bedürftige“ sei, der ethnisch und religiös durchaus „der Entfernteste“ sein könne und nicht, wie in freiheitlicher Sicht, ein „zum eigenen Volk Gehörige(r)“ zu sein habe. (Baumgartner vergaß auch nicht darauf hinzuweisen, dass „irregeleitetes Christentum“ im geschichtlichenVerlauf „virtuos Feindbilder entwarf, um knallharte eigene Interessen zu vertreten“.)

Selbst die erzkonservative Partei „Die Christen“ hatte  bereits einen Nationalratswahlkampf zuvor  Wert auf Distanz zur FPÖ gelegt, da „(d)er rechtsextreme Rassismus von Strache … mit christlicher Nächstenliebe unvereinbar“ sei (Kleine Zeitung vom 20.5.2008, S. 30).

Freilich legen Vertreter der bis in die 1990er Jahre stramm antiklerikalen FPÖ, wenn sie Begriffe wie Nächstenliebe im Mund führen, Wert auf die Feststellung, dass es sich dabei um allgemeine ethische Grundsätze handle, die zu monopolisieren die christlichen Kirchen kein Recht hätten, und man an theologischen Erörterungen hierzu entsprechend uninteressiert sei (vgl. etwa hier). Vor diesem Hintergrund kann aus christlicher Sicht kritisiert werden, dass Strache einen Begriff usurpiere; sein Argument, dass er sich, weil Kulturchrist, an christliche Lehrmeinungen nicht gebunden fühle, ergibt aber zumindest eine einigermaßen kohärente Position (nachgeholte Firmung und Ministrantenvergangenheit aside).

Khol dagegen repräsentiert eine sich – durchaus nicht nur im kulturellen Sinn – als christlich begreifende Partei, gilt selbst als prononciertester Repräsentant dieses christlichen Erbes innerhalb derselben, die katholische Laieninitiative mitbegründet und gehört mehreren Männerbunden an, die katholische Konfession als Aufnahmevoraussetzung führen.

Nun haben dieser Blog und der Autor dieser Zeilen mit christlicher Dogmatik ähnlich viel zu schaffen wie der freiheitliche Bundesparteiobmann (wenngleich auch FIPU Leute mit Ministriererfahrung in ihren Reihen hat). Inwieweit Khols christlichsoziales Wertgefüge intakt ist, muss dieser mit seinem Gott (oder den von der katholischen Kirche zur Verfügung gestellten Vermittlungsinstanzen) ausmachen, und auch über den Grad an moralischer Verwahrlosung der christlichsozialen Bewegung in Österreich mögen andere richten. Politisch interessant ist aber, dass just der profilierteste dezidiert christlichsoziale Politiker des Landes sich seinen Nächstenliebe-Begriff ohne Zwang von Kickl & Co. diktieren lässt offenbar in der Hoffnung, beim freiheitlichen Anhang Eindruck zu schinden und den blauen Parteistrategen deutlich zu machen, dass eine eigene Kandidatur zur Präsidentschaftswahl einer Verschwendung finanzieller und zeitlicher Ressourcen gleichkäme. Das aus FPÖ-Sicht höchst unerfreuliche Ende der von Khol mitorchestrierten blau-schwarzen Partnerschaft ab 2000 scheint ihm einen derartigen Zuverlässigkeitsnachweis nötig zu machen.

Ob Khols Buhlen um die Gunst der Blauen Erfolg zeitigt, bleibt einstweilen offen. Ebenso die Frage, wie Khol reagiert, sollte er mit ähnlichem Gegenwind von christlicher Seite konfrontiert werden wie ein Strache vor ihm. Greift er zum ultimativen Schritt, wie sein nun-wohl-doch-nicht-Gegenkandidat Norbert Hofer, inzwischen dritter Nationalratspräsident? Dieser war 2009 der oben zitierten FPÖ-kritischen Resolution und ihren Unterzeichner*innen per OTS begegnet:

Ihre widerliche Aktion bestärkt mich in meiner Überzeugung, dass der Glaube eine höchst persönliche Angelegenheit ist und sich nicht in Vereinen und Kirchen organisieren muss. Ich bin froh, dass ich mit meinem Kirchenbeitrag diese Leute nicht länger unterstützen muss. Ich bleibe den Lehren Jesu, dem Frieden, der Freiheit und der Nächstenliebe verbunden. Ich bleibe Christ. Die katholische Amtskirche hat mich aufgrund der scheinmoralischen Aktivitäten ihrer linken Neo-Inquisitoren, falscher Frömmler und wahrer Heuchler endgültig verloren.“

Bernhard Weidinger

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