Fuchsenstunde

Jeden Mittwoch während des Semesters veranstaltet der Wiener Korporationsring (WKR), die zentrale Plattform akademisch-völkischer Studentenverbindungen in Wien, mittags seinen Farbenbummel, üblicherweise auf der Rampe der Universität Wien. Der heutige (27. 1. 2016) stach gegenüber sonstigen in mehrerlei Hinsicht hervor: es war der letzte des Wintersemesters, der letzte vor dem Wiener Akademikerball am Freitag und man hatte – wohl aus eben diesem Grund – wieder einmal ein Megaphon mitgebracht, um den anwesenden Antifaschist*innen eine Rede darzubringen. Diese bot, neben Erwartbarem („Wir! Bleiben! Standhaft!“, „Diesen Freitag gehört die Hofburg uns!“) auch eine weniger politisch als historiographisch bemerkenswerte Aussage: „Die Polizei ist niemals unser Feind gewesen und wird es auch nicht sein.“

Nun ist die burschenschaftliche Tendenz nicht neu, Teile der eigenen Geschichte auszublenden. Die eigene Geschichte gar nicht zu kennen, verwundert da schon eher. Zumal gerade das historisch mehr als durchwachsene Verhältnis von Burschenschaften und Polizei üblicherweise gerne als Beleg für die rebellischen, subversiven Gehalte der burschenschaftlichen Geschichte angeführt (und nicht selten missdeutet) wird, sofern in der Gegenwart an diese angeknüpft werden soll.

Vor 1848 konnten Burschenschaften und ähnliche Vereinigungen in Österreich aufgrund polizeilicher Repression überhaupt nur klandestin existieren. 1848 avancierte das Lied „Was kommt dort von der Höh'“ zum Schlager der Revolution, der bis heute in Korporiertenkreisen gesungen wird. Die „Höh’/Heh“ bezog sich auf die Polizei – weshalb letztere in Wien bis heute auch unter dieser Bezeichnung geläufig ist. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts blieben behördliche Überwachung und (oftmals auch realisierte) Auflösungsdrohungen – teilweise aus besseren Gründen als unter Metternich – ständige Begleiter. Hier nur einige Beispiele behördlicher Auflösungen noch heute bestehender Burschenschaften in diesem Zeitraum:

1870: Silesia (wg. Beteiligung an Tumulten im Rahmen eines Kommerses)

1878: Libertas (wg. des Inhalts von Stiftungsfestreden)

1888: Teutonia (wg. einer antisemitischen Festrede)

1892: Ostmark (spätere Alania) und Gothia

1894: Teutonia

1896: Ostmark, Teutonia, Gothia u. a. (wg. Satisfaktionsverweigerung gegenüber Juden)

1897: Silesia

Auch unter Dollfuß kam es zu behördlichen Auflösungen (z.B. Ostmark 1934). Der Nationalsozialismus brachte die Selbstauflösung der völkischen Verbindungen, oft begleitet von der Überführung in die Strukturen des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes. Zumindest mancherorts war das Verhältnis zur Polizei nun exzellent: so fand das Stiftungsfest der Wiener Alben 1940 unter dem persönlichen Schutz ihres prominentesten Bundesbruders, des „Höheren SS- und Polizeiführers Donau“ und späteren zentralen Holocaust-Logistikers Ernst Kaltenbrunner, statt (vgl. Weidinger 2015, 50f.).

Unter den demokratischen Verhältnissen der Zweiten Republik erschien den Burschenschaften ihr rechtliches Standing noch längere Zeit prekär, den Sicherheitsbehörden wurde mit großem Misstrauen begegnet. 1954 diskutierte man im Rahmen des österreichischen Burschenschaften-Dachverbandes (ADC), diesen nicht als Einheitsverband, sondern als lose Arbeitsgemeinschaft aufzusetzen, weil eine solche „niemals einer behördlichen Auflösung verfallen“ könne (ebd., 28). 1961 waren „Gerüchte“ Gegenstand der Diskussion, wonach „in allen Sicherheitsdirektionen Auflösungsbescheide“ gegen die Burschenschaften lägen (ebd., 29). Wie würde das (rote) Innenministerium auf die damals angestrebte (und 1971 realisierte) Bildung eines gemeinsamen, deutsch-österreichischen Verbandes reagieren? (vgl. ebd., 258) Würde sie darin einen Verstoß gegen Bestimmungen des Staatsvertrags (Stichwort Verbot von Anschlusspropaganda und -bestrebungen) erblicken? Die Antwort lautete Nein. Dennoch ereilte einen Bund eben in diesem Jahr das befürchtete Schicksal: Olympia Wien fiel – u. a. nach umfangreichen polizeilichen Hausdurchsuchungen – tatsächlich behördlicher Auflösung anheim, allerdings im Zusammenhang mit dem Engagement vieler ihrer Mitglieder im Südtirolterror. Faktisch konnte sie unter dem Namen Vandalia weiterbestehen und sich 1973 widerstandslos auch formal wiedererrichten. Kurz vor der Auflösung 1961 war es übrigens zu einem weiteren Aufeinandertreffen von Olympen und Polizei gekommen: drei Mitglieder der Verbindung waren auf der Ringstraße festgenommen worden, nachdem sie dort, ein NS-Lied schmetternd, angehalten worden und gegenüber den Polizisten ausfällig geworden waren. Einer hatte ihnen gedroht, sie mögen nur warten, „bis der Hitler wieder kommt, dann lasse ich euch alle aufhängen, ihr roten, demokratischen Schweine!“ (ebd., 426).

Noch in den 1990ern entschlugen sich die österreichischen Burschenschaften größtenteils dem Projekt der Erstellung eines (ohnehin nur Burschenschafts-intern zu verbreitenden) Verzeichnisses aller Burschenschafter Deutschlands und Österreichs, da man fürchtete, dieses könnte als Grundlage für Repressalien dienen. Auch während der Briefbomben-Ermittlungen sah man sich als Gegenstand behördlicher Verfolgung (Teutonia Wien musste eine Hausdurchsuchung über sich ergehen lassen). Und noch 2000 beschwerte Andreas Mölzer sich über die „Gesinnungsschnüffelei“ des Verfassungsschutzes „in korporierten Kreisen“ (ebd., 538). Diese wurde dann unter Schwarzblau auch bald eingestellt. Zumindest seither kann das Verhältnis von Burschenschaften und Sicherheitsbehörden wohl in der Tat als entspannt bezeichnet werden.

Zu resümieren bleibt, dass im WKR Geschichtsvergessenheit heute selbst unter jenen Leuten vorzuherrschen scheint, die er zu Kundgebungsrednern auserkiest (ja, das heißt im Präsens tatsächlich so) – und die selbst ihrem antifaschistischen Gegner, wie wörtlich auch heute, gerne Horizontverengung attestieren.

Bernhard Weidinger

Alle nach Zitate nach id. (2015): „Im nationalen Abwehrkampf der Grenzlanddeutschen“. Akademische Burschenschaften und Politik in Österreich nach 1945″, Wien/Köln/Weimar: Böhlau. Im Volltext hier.

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