„Diese reproduktive Selbstbestimmung ist nicht emanzipatorisch…“

Kirsten Achtelik im Interview mit Judith Goetz über Probleme pränataler Diagnostik

erschienen in MALMOE 1/2016

Im kürzlich erschienenen Buch „Selbstbestimmte Norm“ analysiert Kirsten Achtelik die Forderung nach Selbstbestimmung und dem Recht auf Abtreibung innerhalb der autonomen Frauen*- und Behinderten- bzw. Krüppelbewegungen sowie die Geschichte der pränatalen Diagnostik (PND) in Deutschland. MALMOE sprach mit der Sozialwissenschaftlerin und Journalistin über behindertenfeindliche Facetten feministischer Politiken, gesellschaftliche Normierungsprozesse sowie die Änderungen im österreichischen Fortpflanzungsmedizingesetz.

Du greifst in deinem Buch eine innerhalb feministischer Debatten lange Zeit tabuisierte Frage auf, nämlich welche Problematiken sich durch die Nichtthematisierung von pränataler Diagnostik und selektiven Abtreibungen innerhalb von Pro-Choice-Kämpfen ergeben. Welche Erklärungen hast du bei deinen Recherchen für die mangelnde Bereitschaft von Feminist_innen, sich damit auseinanderzusetzen, gefunden?

Das Thema wird entweder marginalisiert oder dem unbedingten Recht der Frau, über ihren eigenen Körper und ihre Lebensgestaltung zu entscheiden, untergeordnet. Die Forderung geht bei manchen Feminist_innen so weit, dass sie das Recht auf ein genetisch eigenes, gesundes Kind beinhaltet. Das Argument kam auch bei der österreichischen Debatte um das 2015 in Kraft getretene, sehr liberale Fortpflanzungsmedizingesetz.

Ein anderer Grund ist, dass die neue Frauenbewegung in den westlichen Ländern argumentative Strategien entwickelt hat gegen die Infantilisierung von Frauen, deren Entscheidungen als wertlos galten. In den Kampagnen gegen die Abtreibungsparagraphen hat sich der Topos herausgebildet, dass die Schwangere jene Entscheidung treffen wird, die für sie selbst am besten ist. Die Frau muss nicht über ihre Gründe sprechen, soll sich nicht rechtfertigen müssen. Daher wird jede Diskussion darüber, warum abgetrieben wird, abgelehnt und als Infragestellung der Entscheidungsbefugnis der Frau empfunden. Über einen Abbruch nach der pränatalen Feststellung einer Behinderung des Fötus und Fragen wie „Warum will die Frau* überhaupt durch PND eine mögliche Behinderung wissen?“ oder „Was findet sie so schlimm an der Vorstellung eines Lebens mit einem behinderten Kind?“ kann man dann logischerweise auch nicht sprechen.

Du zeigst auf, dass die Forderung nach Selbstbestimmung und jene nach dem Recht auf Abtreibung nicht notwendigerweise das Gleiche bedeuten, sondern sich gerade daran die Widersprüchlichkeiten feministischer Diskussionen aufzeigen lassen. Welche behindertenfeindlichen Komponenten sind (bis heute) innerhalb feministischer Debatten anzutreffen?

Die Idee der Selbstbestimmung ist häufig mit der Vorstellung von einem autonomen Subjekt verbunden, das frei und alleine über sein Leben bestimmt. Ein solches Subjekt gibt es ja aber nun gar nicht und ich finde das auch nicht besonders erstrebenswert. Menschen sind immer aufeinander angewiesen, sind soziale Wesen. Dieses Aufeinander-Angewiesensein zu problematisieren, wertet offensichtlich die Menschen ab, die stärker als andere auf Unterstützung angewiesen sind.

Daneben gibt es das gesellschaftlich tatsächlich vorhandene Problem, dass vor allem Mütter die Verantwortung für die Kinder übernehmen und dass es eine enorme Herausforderung sein kann, ein Kind mit einer Beeinträchtigung zu haben. Dieses Problem zu umgehen, indem man versucht, ein Kind mit Behinderung zu vermeiden, mag individuell verständlich sein, besonders feministisch ist es nicht. Diese Bestrebung aber im Sinne der „Selbstbestimmung“ aufzuwerten, statt für eine Verbesserung der Lebensbedingungen von behinderten Menschen, Kindern mit Behinderung und deren Familien zu kämpfen, ist eher neoliberal als emanzipatorisch.

Feminist_innen, die sich für das Recht auf Abtreibung einsetzen, sind entsetzt, wenn es um Abtreibungen aufgrund des Geschlechts geht, und sagen, dass das Diskriminierung sei. Abtreibungen wegen einer diagnostizierten Behinderung würden sie aber nicht als diskriminierend empfinden. Warum? Weil ein Kind mit einer Behinderung eine objektive Belastung sei, ein Mädchen aber nicht. Hier einen Unterschied zu machen, finde ich behindertenfeindlich.

Ob Kinder oder keine, entscheiden Frauen* alleine“, heißt es oftmals kämpferisch auf Pro-Choice-Demos. Übersehen werden dabei allerdings gesellschaftliche Normierungsprozesse, die sich auf die beschworene Wahlfreiheit auf vielfältige Art und Weise auswirken. Welche Faktoren beeinflussen deiner Meinung nach (selbstbestimmte) Entscheidungsprozesse von Frauen*, wenn es darum geht, Kinder zu bekommen oder abzutreiben, und wie stehen diese in Zusammenhang mit PND?

Die Faktoren sind so vielfältig wie bei den meisten Entscheidungen, die einen großen Einfluss auf das weitere Leben haben werden: Vorstellungen über das eigene Leben, berufliche Pläne, Einkommen, Beziehungen und Partnerschaften…, ob man sich gesettelt fühlt, oder ob man auf der Suche ist. Die Gründe für einen Schwangerschaftsabbruch ohne PND sind ja auch recht divers: Abgesehen von dem recht klaren Fall, dass eine Frau einfach keine Kinder haben will, ist es oft nicht der richtige Zeitpunkt. Da liegen ökonomische Zwänge schon auf der Hand, weil es ja nicht zwangsläufig ein Problem sein müsste, während der Ausbildung schwanger zu sein oder Kinder zu haben, bevor frau sich zu einer höheren Position vorgearbeitet hat..

Nach der PND verändern sich diese Gründe. Die Föten, die nach der Diagnostizierung einer Behinderung abgetrieben werden, waren ja gewünscht. Das Kind dann nicht zu bekommen, hat schon viel mit Angst vor Behinderung zu tun, die sich die Beteiligten meist auch in den allerschlimmsten Varianten ausmalen. Eines der Argumente, das ich am bedenklichsten finde, behauptet, man erspare damit dem Kind ein unzumutbares Leben. Das verwenden auch Feminist_innen gerne, weil es zeigen soll, wie verantwortungsbewusst diese Frauen handeln. Was sagt das aber über die vermutete Lebensqualität von Menschen aus, die diese Behinderung haben?

Du zeichnest in deinem Buch auch die Geschichte der deutschsprachigen Krüppel- und späteren Behindertenbewegung nach und zeigst dabei auf, dass es in der Vergangenheit durchaus stärkere Zusammenarbeit mit (autonomen) Frauen*/feministischen Bewegungen gab. Warum scheint dies heute anders zu sein und was kann aus der historischen Zusammenarbeit für künftige Bündnisse und gemeinsame Kämpfe gelernt werden?

Nun, zum einen sind beide Bewegungen heute sehr viel kleiner, weniger dynamisch, dafür institutionalisierter als noch in der 1980er Jahren. Dass sich eine neue Generation von Feminist_innen wieder für das Abtreibungsthema interessiert, ist relativ neu. Als wir 2008 in Berlin angefangen haben, gegen den „Marsch für das Leben“ zu mobilisieren, mussten wir uns das ganze Wissen neu aneignen. Das war ja auch einer der Gründe, warum ich das Buch geschrieben habe: Damit man die Geschichte darin nachschlagen kann und nicht jede Gruppe das selbst ausbuddeln muss. Beide Bewegungen haben sich seit den 1990er Jahren auseinanderentwickelt und ich sehe es schon als Riesenfortschritt, wenn die Aktivist_innen sich jetzt wieder kennen, die jeweiligen Kämpfe auf dem Schirm haben und sich gegenseitig sensibilisieren und unterstützen.

Wie schätzt du aktuelle Entwicklungen in Österreich in Bezug auf die neue Gesetzgebung ein, die zwar einerseits Befruchtungsmöglichkeiten für Lesben regelt, andererseits aber auch Präimplantationsdiagnostik (PID) zulässiger macht?

Der Anlass für die Reform des österreichischen Fortpflanzungsmedizingesetzes war die Klage von zwei lesbischen Frauen vor dem Verfassungsgerichtshof, die sich durch den Ausschluss von einer Samenspende diskriminiert sahen. Was dann legalisiert wurde, ging allerdings weit über die Nichtdiskriminierung von Lesben hinaus, nämlich Präimplantationsdiagnostik und Eizellen“spende“. Also einerseits eine eindeutig selektive Technik zum Ausschluss von Embryonen mit genetischen Behinderungsdispositionen. Und zum anderen eine Technik, bei der jüngeren Frauen unter starker Hormonbehandlung und mit einem invasiven Eingriff gegen Geld Eizellen entnommen werden. Aber ohne das problematische Ziel eines eigenen, möglichst gesunden Kindes würden alle diese Techniken gar keinen Sinn machen. Diese Art der „reproduktiven Selbstbestimmung“ halte ich nicht für emanzipatorisch, sondern für tendenziell behindertenfeindlich. Schockierend fand ich das Desinteresse der österreichischen Linken, Feminist_innen und Queers an den damit verbundenen Problemen und den Debatten.

In deinem Buch kritisierst du auch, dass Kritik an pränataler Diagnostik nicht christlichen Fundamentalist_innen überlassen werden sollte. Welche Versäumnisse bestehen hier von Feminist_innen, aber auch von Linken allgemein?

Wenn man die radikalen Abtreibungsgegner_innen und „Lebensschützer“ nur mit Selbstbestimmungs-Parolen zu bekämpfen versucht und an PND und PID keinerlei Kritik übt, überlässt man denen das Thema. Menschen mit Behinderung, die eine Kritik an diesen selektiven Techniken haben, aber die Möglichkeiten zu legalen Abtreibungen nicht eingeschränkt sehen wollen, haben dann in den Protesten keinen Platz. „Lebensschützer“ sind konservativ und rechts, Religion und reaktionäre Werte sind keine Antwort auf die Suche nach einem guten Leben für alle.

Wie können und sollten feministische Positionen aussehen, die sich zwar einerseits für Entscheidungsfreiheit und somit für das Recht auf Abtreibung einsetzen, andererseits aber auch gegen selektive Abtreibungen auftreten?

Kurz gesagt: Die Forderung nach der Abschaffung des § 218 in Deutschland bzw. äquivalent des § 96 in Österreich muss zusammen diskutiert werden mit Forderungen nach einem Verbot von selektiven pränataldiagnostischen Untersuchungen. Selektive Untersuchungen haben keinen gesundheitlichen Mehrwert, weder für die Schwangere noch für das spätere Kind, sondern sollen nur „Normabweichungen“ und Anzeichen für Behinderungen aufspüren. Die Selbstverständlichkeit, mit der diese Untersuchungen angeboten, nachgefragt und in Deutschland auch von den Krankenkassen übernommen werden, zeigt die ableistische gesellschaftliche Grundstruktur. Jeder Mensch sollte über seinen eigenen Körper entscheiden können, dafür müssen wir auf allen Ebenen weiter kämpfen. Wir sollten aber das Konzept von Selbstbestimmung nicht so weit ausdehnen, dass darüber eine individuelle Wunscherfüllung nach eigenen, gesunden Kindern abgeleitet werden kann!

Interview: Judith Goetz

Kirsten Achtelik: „Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung“, Verbrecher Verlag, Berlin 2015

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