Fantifaschistische Anstöße

Von Judith Goetz

Erschienen in Unique 1/16

Die durch feministische Antifagruppen ausgelösten Debatten rund um das Verhältnis von Feminismus und Antifaschismus regten politische sowie wissenschaftliche Auseinandersetzungen an. Ein Blick auf ihre Anliegen verdeutlicht, dass zentrale Überlegungen bis heute nicht an Aktualität eingebüßt haben.

Feministische und Frauen-Antifagruppen wurden Anfang der 1990er Jahre gegründet, vor allem als Antwort auf die männerdominierten Auswüchse klassischer gemischter Antifagruppen sowie deren geringe Bereitschaft, eigene Verwobenheiten in sexistische und patriarchale Privilegienstrukturen zu reflektieren. Wie in der Interviewsammlung Fantifa1 nachgelesen werden kann, gab es in den 90ern rund 25 deutschlandweit miteinander vernetzte Gruppen, die u. a. rechtsextreme Frauen sowie deren Bezugnahmen auf frauenpolitische Themen oder umgekehrt Anknüpfungspunkte feministischer Esoterik zu neugermanisch-heidnischen Frauenbildern kritisch in den Blick nahmen. Neben der Kritik an männlichen Dominanz- und Machtverhältnissen sowie mangelnder Sensibilität in Bezug auf Sexismus in herrschaftskritischen Gruppen, versuchten Fantifa-Gruppen, Faschismus- und Nationalsozialismusanalysen um geschlechtersensible und feministische Perspektiven zu ergänzen. Sie lieferten einen bedeutenden Anstoß zur Auseinandersetzung mit (Mit-)Täterinnen im NS und zeigten die patriarchalen Komponenten faschistischer Ideologien auf. Auch vom Mythos der friedfertigen Frauen, die kollektiv dem NS zum Opfer gefallen seien, wurde Abstand genommen.

Aufarbeitungen vergessener Frauenlager

Die von Fantifa-Gruppen initiierten Debatten lieferten zudem einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte von Frauen in den ehemaligen Arbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslagern sowie im Widerstand gegen den NS. Das männlich geprägte Bild des heroischen Partisanen wurde beispielsweise um die vielfältigen Formen, mit denen Frauen sich im Partisan_innenkampf beteiligten, ergänzt. Kritik galt u. a. dem Umstand, dass nicht nur die Geschichtsschreibung selbst, sondern auch die Erinnerung an die Shoah mit herrschenden Geschlechterbildern und -mythen durchzogen ist und bestimmte geschlechtsspezifische Erinnerungen im hegemonialen Diskurs sowie der Gedenkkultur bis heute verdrängt oder marginalisiert werden. Dies zeigt sich in Österreich u. a. am Beispiel des ehemaligen KZ Mauthausen. Weder die Geschichte der ehemaligen Frauenlager von Mauthausen, noch die der betroffenen Frauen ist substanziell in einen gesellschaftlich etablierten Erinnerungsdiskurs integriert worden. Von den rund 50 kaum bekannten Außenlagern fungierten gleich mehrere als ,Frauenlager‘. So wurden KZ-Insassinnen von Mauthausen in die ehemaligen Lager Schloss Mittersill, Lenzing, Amstetten, Schloss Lannach und St. Lambrecht deportiert und gezwungen, Fabriks- und Bahnbauarbeiten sowie Reinigungstätigkeiten zu verrichten.

Ein anschauliches Beispiel liefert auch die vergessene Geschichte des ehemaligen Frauen-KZs Hirtenberg. In der kleinen Gemeinde im Bezirk Baden erinnert bis auf wenige, von Bäumen überwachsene, Fundamentreste am Gelände der ehemaligen Produktionsanlagen und einen Grabstein am Friedhof nichts an die Existenz des ehemaligen KZs, in dem Frauen Zwangsarbeit in der bis heute bestehenden Munitionsfabrik verrichten mussten. Rund 400 mehrheitlich politische sowie wenige als ,asozial‘ verfolgte oder jüdische Frauen wurden dort ab September 1944 in zwölfstündigen Schichtdiensten zu gefährlichen und gesundheitsschädlichen Arbeiten mit explosiven Materialien gezwungen. Obgleich das Mauthausen Komitee (MKÖ) seit 2011 Begleitungen durch das ehemalige KZ anbietet, werden diese, nicht zuletzt wegen der geringen Bekanntheit des ehemaligen Lagers, selten in Anspruch genommen. 2015 wurde zum ersten Mal in Hirtenberg eine Gedenkfeier für die ehemaligen Zwangsarbeiter_innen abgehalten.

Feministisches Gedenken

Auch in Mauthausen wird erst seit wenigen Jahren von autonomen FrauenLesben versucht, ein feministisch-antifaschistisches Gedenken zu etablieren. Im Vordergrund steht die Erinnerung an die rund 4.000 Frauen2, die zwischen 1942 und 1945 aus unterschiedlichen Gründen nach Mauthausen deportiert worden waren, insbesondere jene, die als „Asoziale“ stigmatisiert im KZ Zwangsprostitution leisten mussten.3 So fand in den letzten Jahren zeitgleich zur offiziellen Befreiungsfeier in Mauthausen auch eine autonom gestaltete Gedenkfeier vor der Baracke 1, dem so genannten ehemaligen „Lagerbordell“, statt. An der Geschichte der Lagerbordelle, die die männlichen KZ-Insassen zu Mehrarbeit anspornen sollten, wird nicht nur die geschlechtsspezifische Benachteiligung innerhalb des KZ-Systems deutlich. Lagerbordelle wurden darüber hinaus nach 1945 weitgehend totgeschwiegen und Stigmatisierungen als „asozial“ nach Kriegsende fortgesetzt, sodass Betroffenen bis in die 1990er Jahre der Status „Opfer des Nationalsozialismus“ abgesprochen wurde und sie auch keine Entschädigungszahlungen erhielten. Insofern fungiert das in Mauthausen angeregte feministische Gedenken auch als bedeutsame Strategie gegen andauernde Tabuisierungen und den Ausschluss frauenspezifischer Erfahrungen aus der Erinnerungs- und Gedenkkultur.

Jedoch muss kritisch angemerkt werden, dass in den Aufruftexten leichtfertige tagespolitische Bezüge und Analogien gezogen werden und der Begriff (Mit-)Täterschaft nicht gegendert wird. Wenngleich es ein Verdienst feministisch-antifaschistischer Auseinandersetzungen mit dem NS war, diesen als auch patriarchale Ideologie zu analysieren, greift seine Klassifizierung als frauenverachtendes System, unter dem alle Frauen Opfer gewesen wären, ebenso zu kurz wie bestimmte Vorstellungen spezifisch weiblicher Täterinnenschaft. So war es auch ein Anliegen feministischer Forschung, derartige dichotome Denkschemata aufzubrechen und ihnen ein differenziertes Bild entgegenzusetzen, das Täterinnenschaft sowie die komplexen Handlungsräume von Frauen während des NS anerkennt, ohne dabei Vorstellungen vermeintlich abnormaler Weiblichkeit oder Sexualität zu reproduzieren.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die in den 90ern von Fantifa-Gruppen formulierte Kritik an männlichen (Macker-)Antifas (Sexismus, Hierarchien, Machtstrukturen und Männlichkeitsreproduktionen), an der deutschen Frauenbewegung (Entlastung von Täterinnen) sowie der Aufarbeitung frauenspezifischer Geschichte im NS (Marginalisierung, Unsichtbarmachung) kaum an Aktualität verloren hat. Umso bitterer, dass es kaum noch Fantifa-Gruppen gibt.

Anmerkungen:

1 Herausgeber_innenkollektiv (Hg.innen): Fantifa. Edition Assemblage. Münster 2013

2 Obgleich die ersten Frauen bereits 1942 nach Mauthausen gebracht wurden, einerseits um dort am ,Führergeburtstag‘ ermordet oder andererseits im ,Häftlingsbordell‘ zu einem ,Bordelldienst‘ gezwungen zu werden, kam es erst im September 1944 zur Errichtung des ,Frauenkonzentrationslagers Mauthausen‘ mit eigener Nummernserie.

3 Dem Historiker Robert Sommer zufolge wurden in zehn KZs und Vernichtungslagern rund 210 Frauen zur Prostitution in Lagerbordellen gezwungen.

Judith Goetz ist Literatur- und Politikwissenschaftlerin sowie Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (www.fipu.at).

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