Dem Rechtsextremismus den Boden entziehen, auf dem er gedeiht, oder: Geschlecht und Politische Bildungsarbeit

von Karin Kuchler

Beitrag zur Präsentation des Bandes Rechtsextremismus – Band 2: Prävention und politische Bildung.

Ausgehend von der Frage, welche Rolle die Kategorie Geschlecht in der politischen Bildungsarbeit spielte, ist zunächst anzumerken dass mancher Leute Meinung nach Geschlecht überhaupt keine Rolle in der politischen Bildungsarbeit spielt. Mechthild Oechsle und Katrin Wettauer haben in ihrem im Jahr 2000 erschienen Sammelband eine solche Haltung als An- und Abstoßpunkt gewählt, indem sie den damaligen Bundesvositzenden der Bundeszentrale für politische Bildung mit folgendem Zitat wiedergeben: „Politische Bildung ist geschlechtsneutral.“ Dies steht nicht nur den gegebenen Geschlechterverhältnissen derer, die im Bereich politische Bildung arbeiten, als contrafaktisch entgegen, sondern auch im Gegensatz zu Debatten über Geschlecht und Vergeschlechtlichung sowohl in der Praxis politischer Bildungsarbeit wie auch in den unterschiedlichen Stammdisziplinen derselben.

Diese Debatte befindet sich sehr stark im Übergang von der Frage nach der Teilhabe und der politischen Partizipation von _Mädchen_ und _Frauen_ hin zu einer Infragestellung der Kategorie Geschlecht an sich und wie diese Infragestellung überhaupt vermittelt werden kann. In diesem Zusammenhang steht auch die berechtigte Frage von Oechsle und Wetterau ob überhaupt von einer geschlechtergerechten politischen Bildung die Rede sein kann, wenn von geschlechterdifferenzierten Bildungsangeboten ausgegangen wird, welche, indem sie bspw. Jugendliche in zu bildende _Mädchen_ einerseits und zu bildende _Jungen_ andererseits einteilt, womit freilich wiederum geschlechtliche Zugehörigkeit festgeschrieben wird. Andererseits ist der Erfolg geschlechterdifferenzierter Angebote für Cisfrauen, Transfrauen, Lesben und Mädchen auch aus meiner eigenen Erfahrung als Erwachsenenbildnerin kaum zu unterschätzen, und so bewegt sich auch dieser Beitrag in diesem Spannungsfeld. Völlig ungelingend hingegen ist die Vorstellung, Geschlecht könnte beim Eintritt in einen Raum politischer Bildung an der Tür abgegeben werden, vielmehr ist mit Dagmar Richter davon auszugehen dass ein solcher falscher Universalismus nur bedeutet dass in diesem imaginären Raum dann meist von einer heterosexuellen Männlichkeit als dem Normalen, und Richtigen, ausgegangen werden würde.

Darüber hinaus ist gerade im Zusammenhang mit einer der Fragen die im Band “Rechtsextremismus – Band 2: Prävention und politische Bildung” gestellt wurden, nämlich der Frage nach Möglichkeit oder Unmöglichkeit in Hinsicht auf Rechtsextremismus präventiv wirkender politischer Arbeit, die Frage nach dem Geschlecht zentral: Wenn politische Bildung zur Mündigkeit und zu Widerständigkeit erziehen soll, es also gilt, dem Rechtsextremismus den Boden zu entziehen auf dem er gedeiht, so muss die Aufgabe politischer Bildungsarbeit eben gerade auch sein, die Naturalisierung von Geschlechterrollen und damit die vergeschlechtlichte gesellschaftliche Arbeitsteilung ins Wanken zu bringen. Denn die Vorstellung einer natürlichen Geschlechterordnung ist, wenn auch kein hinreichender, so doch eine notwendiger Bestandteil rechtsextremer Weltvorstellungen, insoweit es Notwendigkeit im menschlichen Handeln und Vorstellen gibt. Auch sind antisemitische und rassistische Vorstellungen keineswegs getrennt von Vergeschlechtlichung zu betrachten, indem beispielsweise _Frauen_ als Güter in den vorgestellten Ressourcenkampf miteingerechnet werden oder aber feminisierende bzw. hypermaskuline Zuschreibungen auf so vorgestellte _Andere_ projiziert werden. Dies wäre auch in einer Analyse der jetzt aktualisierten gesellschaftlichen Verhandlung sexualisierter Gewalt, für welche die Stadt Köln zur Chiffre geworden ist, zu berücksichtigen.

In diesem Zusammenhang steht auch die wohl interessanteste unter den rezenten Debatten im Schnittfeld von politischer Bildung, Vergeschlechtlichung und einer möglichen Prävention von Rechtsextremismus. Diese bezieht sich auf die Gruppe von jugendlichen und jungen _Männern_, die vor allem in der medialen, aber auch in der wissenschaftlichen Diskussion um Prävention praktisch alle anderen Fragen ausblendend im Fokus stehen, wohl auch weil weiterhin das vorgesellte Normsubjekt rechtsextremer und vor allem neonazistischer Haltungen eben dieses, ein junges und männliches Subjekt ist. Trotzdem auch die Präventionsarbeit stark auf diese Gruppe fixiert ist, hat die kritische Männlichkeitsforschung bislang wenig Eingang in die pädagogische Praxis gefunden. Sie böte jedoch eine große Chance: wie Andreas Hechler bemerkt liegt eine mögliche Attraktion des Rechtsextremismus darin, dass hier die Möglichkeit geboten wird, ein „echter Mann“ zu sein. Und zwar, wie Olaf Stuve bemerkt, sowohl in Form einer körperbetonten Hypermaskulinität, aber durchaus auch in Formen neuer Männlichkeiten, dies betrifft vor allem neuere rechtsextreme Bewegungen wie die Identitären. Der Versuch diesen Angeboten ein Einüben in andere Formen „richtiger“ Männlichkeiten entgegenzustellen – wie zum Beispiel durch neue Formen sogenannter „körperlicher Ertüchtigung“ wie etwa Boxkursen – wird, wie Andreas Hechler ausgeführt hat, nicht aufgehen: die Angebote des Rechtsextremismus werden hier immer bessere sein, da hier eben davon ausgegangen wird dass es eine solche richtige Männlichkeit tatsächlich gibt. Vielmehr gilt es, wie oben angeführt, die Geschlechterordnung die eine solche Männlichkeit voraussetzt ins Wanken zu bringen.

Nun mag sich die geneigte Leserin fragen, wie das funktionieren soll, und dies ist eine ebenso berechtigte wie interessante Frage die auch in den nächsten Jahren wohl Gegenstand einer der interessantesten Debatten bleiben wird. Ich möchte darauf mehrere Hinweise geben, die auf der theoretischen Ebene bleiben. Ich gehe davon aus dass es jedenfalls nicht funktionieren wird, wenn, wie leider zu bemerken ist, weiterhin die Frage welche Angebote an „richtiger Weiblichkeit“ jungen _Frauen_ und _Mädchen_ im rechtsextremen Umfeld gemacht werden, fast völlig ausgeblendet bleibt. Auch historisch orientierte politische Bildungsarbeit, die ausschließlich privilegierte _Frauen_ in den Kanon einzuschreiben sucht, wird wohl mehr Schaden anrichten als Nutzen. Weiters gehe ich davon aus dass eine gelungene Praxis geschlechterreflektierter Bildungsarbeit im besten Fall ermächtigend wirken wird, indem sie eine gemeinsame Sprache entwickelt für Gemeinsamkeiten und Unterschiede, mittels derer zumindest in der gegebenen Gruppe Arbeitsteilungen und Entscheidungen neu ausgehandelt werden können. Judith Krämer hat dies wie folgt beschrieben: „Geschlechterreflektierende Pädagogik möchte Jugendlichen Räume eröffnen, in denen sie ihre subjektiven Handlungsfähigkeiten erweitern können. Dies geschieht über die Reflexion von Diskriminierungen, rigiden Zuschreibungen, hierarchisierenden Strukturen, einengenden Normen und damit einhergehenden Bewertungen. So sollen gesellschaftliche Ungleichheitsverhältnisse aufgeweicht und kollektive Selbstbildungsprozesse ermöglicht werden.“ Dies setzt auch voraus dass politische Bildner_innen an ihrer eigenen Vergeschlechtlichung arbeiten. In Summe, es gilt nicht zu lernen, dass wir mehr sind als unser Geschlecht, sondern vielmehr, unsere Vergeschlechtlichung als ein Ensemble an Handlungsmöglichkeiten unter vielen anderen begreifbar zu machen. So sind auch Strategien der Vervielfältigung wohl unter den gelingendsten in der praktischen Umsetzung. Offen bleibt hingegen die Frage, wie die vielfältigen Angebote an Präventionsarbeit ihr als defizitär vorgestelltes Subjekt überhaupt erst herstellen.

Zum Weiterlesen:

FIPU (Hg.in, 2014): Rechtsextremismus – Band 2: Prävention und politische Bildung. Wien: Mandelbaum.

Literatur:

Hechler, Andreas (2012): Männlichkeitskonstruktionen, Jungenarbeit und Neona- zismus-Prävention. In: Dissens e. V. / Debus, Katharina et al. (Hg.Innen), a. a. O., S. 73–92.

Krämer, Judith (2013): Queere Perspektiven in der geschlechterreflektierenden Bil- dungsarbeit mit Jugendlichen. In: Ernstson, Sven / Meyer, Christine (Hg. Innen): Praxis geschlechtersensibler und interkultureller Bildung. Wies- baden: Springer, S. 117–142.

Oechsle, Mechtild / Wetterau, Karin (Hg.innen, 2000): Politische Bildung und Geschlechterverhältnis. Opladen: Leske + Budrich.

Richter, Dagmar (2002): Wege zur Förderung der politischen Partizipation von Frauen im Rahmen der Globalisierung. In: Butterwegge, Christoph / Hentges, Gudrun (Hg.Innen): Politische Bildung und Globalisierung. Opladen: Leske + Budrich, S. 143–159

Wieland, Melanie (2014): Wann ist ein Mann ein Mann? Rechtsextreme Män- ner und geschlechterreflektierende Präventionsarbeit. Ein Interview mit Olaf Stuve. http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremis- mus/197046/wann-ist-ein-mann-ein-mann-rechtsextreme-maennerbil- der-und-geschlechterreflektierende-praeventionsarbeit

 

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