Rechtsextremismus. Entwicklungen und Analysen – Band 1 Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU), Mandelbaum, Wien 2014

Die Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) ist ein Zusammenschluss mehrerer WissenschafterInnen, die ihr gemeinsames Forschungsinteresse im akademischen Betrieb wenig verankert sehen. Unter der Beschäftigung mit Ungleichheitsideologien versteht sie nicht nur, die leicht fassbaren Ausprägungen von unter anderem Rassismus, Antisemitismus und Sexismus innerhalb der äußeren Rechten in den Blick zu nehmen, sondern auch Manifestationen dieser Ideologeme gesamtgesellschaftlich zu kritisieren. Das tut die Gruppe seit 2011 auf ihrem Blog forschungsgruppefipu.wordpress. com, über den sie sich auch in tagespolitische Debatten einmischen. Ihre AkteurInnen teilen nicht die Auffassung von einer wertfreien Wissenschaft, sondern wollen radikal-reflexiv einen Beitrag zu emanzipatorischer Theorie und Praxis beisteuern.

Unter dieser Prämisse stellt die Beschäftigung mit Rechtsextremismus den Auftakt der als mehrbändig konzipierten Reihe dar. Als „Antiegalitarismus sans phrase“ (S. 11) eignet sich dieser gut als Parameter späterer Betrachtungen. Zielgruppe des vorliegenden Bandes sind nicht nur WissenschaftlerInnen, sondern auch Personen, die ein theoretisches Rüstzeug für ihre politische Arbeit suchen.

Der erste Abschnitt beschäftigt sich mit Kritischer Rechtsextremismusforschung. In zwei Artikeln gibt Bernhard Weidinger zuerst einen kenntnisreichen Überblick über die österreichischen Forschungs-und Publikationstätigkeiten, denen er mangelnde Institutionalisierung attestiert. Ausgehend von der Rechtsextremismus-Definition Willibald Holzers, der diesen als ‚Syndromphänomen‘ versteht, skizziert er anschließend die Missstände der bundesdeutschen Extremismusdebatte. Zudem verdeutlicht die Analyse wie anfällig auch große Teile der österreichischen Medien-und Politiklandschaft dafür sind, die aus dem Extremismus- Begriff resultierende Gleichsetzung von Links und Rechts zu übernehmen, um die ‚Mitte‘ politisch zu entlasten. Eine willkommene Erweiterung um die Kategorie Geschlecht nimmt Judith Goetz vor. Sie betont, dass, obwohl Geschlechterkonstruktionen vom männlich dominierten Forschungsbetrieb oft nur miterwähnt werden, diese ein Schlüssel zur Erkenntnis sein können, wieUngleichheitsdenken und Naturalisierungsstrukturen einerseits konstituierende Merkmale des Rechtsextremismus sind, andererseits mit der gesellschaftlichen Mehrheit transzendieren.

Im Abschnitt Akteur_Innen analysiert Heribert Schiedel, die verschiedenen historischen Phasen der FPÖ. Er stellt hier einen Rechtsruck nach 2005 fest, seit dem die völkischen Elemente der Partei dominieren. Gegen den Islamophobie-Begriff wendet sich Carina Klammer im Abschnitt Ideologien. Die Autorin betont hier, dass der Begriff ein Sprechen über Rassismus verhindere und die Kulturalisierung sozialer Ungleichheiten fördere.

Im Abschnitt Reflexion antifaschistischer Praxis beschreibt Judith Goetz den Kampf verschiedener antifaschistischer Bündnisse gegen den WKR-Ball und welch unterschiedliche Kritik sie dabei formulieren. Im Abschnitt Dokumentation hält Schiedel den österreichischen Status Quo im Beitrag Unvollständige Chronik des Rechtsextremismus in Österreich 2013 fest. Durch die Bündelung an Vorfällen, die meist als Zeitungskurzmeldungen nur Einzelfallcharakter hatten, schafft er eine rekontextualisierte Öffentlichkeit. Die Stärke des Bandes ist es, verschiedene Manifestationen von Rechtsextremismus mit theoretischer Klarheit zu erfassen und sehr pointierte Kritik an jenen Diskursen zu üben, die das verhindern. Band zwei der Reihe mit dem Titel Rechtsextremismus – Band 2: Prävention und politische Bildung erscheint in Kürze.

Lukas Dünser

Die Rezension erschien in: GEDENKDIENST, 4/2015.

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