„Training gegen Stammtischparolen reicht nicht“

Übernommen aus: Der sozialdemokratische Kämpfer Nr. 2/2016

Ende 2015 ist im Mandelbaum-Verlag das zweites Buch der Forschungsgruppe Ideologie und Politiken der Ungleichheit,„Rechtsextremismus – Band 2: Prävention und politische
Bildung“, erschienen. Der Band schließt thematisch an den 2014 erschienenen FIPU-Erstling „Rechtsextremismus: Entwicklungen und Analysen“ an. Redakteur Maximilian Zirkowitsch hat mit Mitautorin Eva Grigori gesprochen.
DSK: Vor kurzem erschien der zweite Band der Reihe Rechtsextremismus, die von der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit herausgegeben wird. Worum geht es?
Eva Grigori:Der zweite Bandbeschäftigt sich mehr mit Formen der Prävention von und
politischer Bildung zu Rechtsextremismus, während der erste sich vornehmlich Begrifflichkeiten und Strukturen in Österreich gewidmet hat. Das Buch wirft einen Blick
aufs pädagogische Feld, auf die Schule, allgemein auf politische Bildung in Erziehungszusammenhängen. Dabei geht es unter anderem um Jugendarbeit. Mein Thema ist allerdings die Soziale Arbeit nach der Jugend.
Wie beurteilen Sie den Stellenwert, den die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus inder Pädagogik hat?
Zu Österreich muss man festhalten, dass die Formen von Prävention und politischer Bildung zu Rechsextremismus fast ausnahmslos an Schulen stattfinden. Da sollte es auch 600 vom Ministerium finanzierte Workshops geben, welche meines Wissens nach nie stattgefunden haben. An den Schulen zeigt sich, dass die Initiativen und Akzente die in Prävention und Bildung gesetzt werden vor allem in einer historischen Logik verhaftet sind. Was hier passiert ist meist Holocaust Education, die keineswegs unwichtig ist. Allerdings ist es aufgrund der Verbreitung rechtsextremer Handlungen, Straftaten und Einstellungsmuster damit bei weitem nicht getan. In den letzten Jahren bewegte sich die sogenannte Extremismusprävention vor allem in Richtung Djihadismus und Neosalafismus. Da wurde durchaus Initiativen an Schulen gesetzt. Dazu lässt sich im Chor mit dem Verfassungsschutz sagen, dass es sich um ein abnehmendes und ohnedies
marginales Phänomen handelt.
Aus dem Bereich der Kindergartenpädagogik ist mir gar nichts bekannt. Rechtextremismus ist hier völlig unbearbeitet. In der Jugendarbeit gibt es zwar Angebote, allerdings vor allem was die Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen betrifft. Zur rechtsextremen Orientierung Jugendlicher kenne ich drei Projekte. Es könnten auch mehr sein. Die Vernetzung ist schlecht. Präventive Arbeit mit
Erwachsenen findet einfach nicht statt. Es gibt zivilgesellschaftliche Initiativen wo politische Bildung und Prävention Platz haben. Sie sind aber von den professionellen Angeboten abgeschieden.
Wie grenzen Sie Djihadismus und Neosalafismus vom Rechtsextremismus ab? Sie verwenden ja den Begriff von Holzer.
In Österreich hat Rechtextremismus nicht zwangsläufig mit einer undemokratischen Haltung zu tun. Er ist durchaus demokratiefähig. Davon unterscheiden sich Djihadismus und Neosalafismus aufgrund ihres religiösen Bezugsrahmens. Das ist universalistischer als ein völkischer Bezug. Faktengebunden muss man es auch quantitativ abgrenzen. Natürlich gibt es auch Gemeinsamkeiten, Biologismus, Antisemitismus und der Hang zu Verschwörungstheorien etwa. Das scheint mir beachtenswert und soll künftig mehr in den Fokus genommen werden. Auf einer praktischen Ebene ist es gefährlich und verharmlosend, zu sagen, wir hätten mit beidem, Rechtsextremismus und Dijhadismus gleiche Probleme.

Sind rechtsextreme Handlungen und Einstellungen einen Fall für Pädagogik und Soziale Arbeit?
Ja und nein. Ich meine, dass sie nicht der Hauptgegenstand Sozialer Arbeit sind, aber wo
SozialarbeiterInnen vernetzt, sozialraumorientiert tätig sind, haben sie die Möglichkeit demokratiepolitisch zu arbeiten und präventiv zu wirken, nicht erst als Feuerwehr. Eine Kultur des Miteinanders, eine demokratische Gesprächskultur und demokratisches Ausverhandeln sind da zu unterstützen und auf- bzw. auszubauen.
In Anbetracht dessen, wie verbreitet rechtsextreme Einstellungsmuster, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, in Österreich sind wäre es naiv zu glauben, dass die Sozialarbeit keinen rechtsextremen Taten und Erzählungen begegnet. Das hat auch meine Forschung angeleitet: Rechtsextremismus wird als Jugendphänomen verstanden und die Jugend als letzte Phase, in der pädagogisch eingegriffen werden darf. Natürlich gibt es eine gewisse Anfälligkeit in dieser Lebensphase. Allerdings zeigen Studien, dass rechtsextreme Einstellungen sich ungefähr ab dem 35. Lebensjahr verfestigen und zunehmen. Es ist höchst an der Zeit auch auf die Erwachsenen zu schauen! Wie reagieren SozialarbeiterInnen im Altersheim, in der Wohnungslosenhilfe, im Gefängnis, … auf rechtsextreme Aussagen und Selbsterklärungsmuster? Dazu gibt es keine wissenschaftliche Literatur. In meinen Daten hat sich gezeigt, dass alle PraktikerInnen geeint waren in ihrer Lähmung. Sie erinnern sich alle, wussten nicht, was sie tun oder sagen sollten und haben deswegen in der Regel geschwiegen. Unterstützung durch KollegInnen und Vorgesetzten gab es ebenfalls nicht. Meine zweite Frage war, was
Sozialarbeit aus der Jugendarbeit lernen kann, etwa Fall- und Gesprächsführung, Sozialraumorientierung.
Ein Argumentationstraining gegen Stammtischparolen reicht nicht, wenn man mit jemandem zusammenarbeitet, der sich und seine Lebenswelt rechtsextrem erklärt. Aus der Wiener Jugendarbeit kommt ein ganzheitliches Fallmodell, das sich bei rechten und rechtsextremen Jugendgruppen anwenden lässt.
Ab Herbst werden Sie mehr in Lehre und Forschung tätig sein. Welche Vorhaben nehmen Sie uns ihrer praktischen und Forschungsarbeit mit?
Ab Herbst wird es ein Forschungsprojekt dazu an der FH St. Pölten geben. Dieses Semester hatte ich die Ehre die Lehrveranstaltung zu Gender und Diversity mit Michaela Moser

zu leiten. Es ging sehr viel um Vorurteile und wie sich Rechte durch Vielfalt bedroht fühlen. Da reicht ein Argumentationstraining nicht.
Rechte als Zielgruppe sehe ich nicht, sondern Rechtsextremismus als Querschnittsmaterie die SozialarbeiterInnen überall begegnet. In den Köpfen existiert immer noch vielfach der Stiefelnazi, der erst als rechtsextrem gilt, wenn er „Heil Hitler!“ schreit, anstatt diese Einstellung als ein Bündel von Haltungen zu begreifen, die unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Das begegnet uns täglich, steckt in Äußerungen, Perspektiven, Strategien. Da braucht es, meine ich, Grundlagenarbeit, das zu erkennen.
Welchen politischen Auftrag leiten Sie aus Ihren Ergebnissen und den anderen Publikationen des 2. Bandes ab?
Es gibt zwar mittlerweile Beratungshotlines, aber in Österreich fehlen nach wie vor Beratungsangebote für Fachkräfte. In einigen deutschen Bundesländern werden MultiplikatorInnen wie SozialarbeiterInnen, ErzieherInnen oder ReferentInnen am Sozialamt bewusst fortgebildet und eingesetzt. Deswegen sind österreichische

Projekte immer noch auf die Kooperation mit Deutschland angewiesen. Da gibt es einfach
eine Leerstelle bei uns. In mobilen, deutschen Fachstellen unterstützen Menschen BeratInnen, Familien, KollegInnen. Dafür wird auch genügend Geld zur Verfügung gestellt. Was gänzlich fehlt ist Beratung für Opfer rechtsextremer Gewalt, lediglich allgemeine Opferberatung. Und was eindeutig fehlt ist Ausstiegshilfe. Und damit müsste man im Justizvollzug anfangen.

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