Geschlecht gegen den (Schluss-)Strich denken – Vergeschlechtlichte Körperbilder im Postnazismus

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Von Carina Klammer

Artikel erschienen in: Tortuga 3 Körper {Heft 1} SCHÖNER, 2017
http://tortuga-zine.net

Der Nationalsozialismus sowie sein Danach lassen sich nicht als statische Phasen begreifen. Auch der Körper und dessen Darstellungen erweisen sich in diesem Sinne als Orte, an denen historische Kontinuitäten, Leerstellen sowie Brüche verhandelt werden. Geschichte geht hierbei nicht nur „unter die Haut“, sonder­n schreibt sich auch in diese ein. Im Folgenden wird die Bildproduktion des Nationalsozialismus sowie seine Fort- und Nachwirkungen im visuellen Gedächtnis nach 1945 thematisiert.

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Schöner Schein – Körperbilder im Nationalsozialismus

„Wie sieht der ideale Deutsche aus? Blond wie Hitler, groß wie Goebbels, schlank wie Göhring, keusch wie Röhm.“ (Witz aus der NS-Zeit)

Der oben angeführte Witz aus der NS-Zeit thematisiert das Ideal des Arischen[1] im Gegensatz zu seiner wahrgenommenen Wirklichkeit. Er verweist nicht nur auf ein vorhandenes Bewusstsein darüber, dass es sich hierbei um ein fiktives Konstrukt handelte, dem es unmöglich war zu entsprechen, sondern auch auf die damit verbundenen Ängste. Mit dem Verweis, dass selbst die obersten Nazi-Größen nicht besonders arisch waren, wurde sich Erleichterung verschafft.

Wer sich mit dem Körper beschäftigt, stößt immer auch auf ein Spannungsverhältnis zwischen dem Körper als physische Gegebenheit, Bildern und Vorstellungen über den Körper sowie dem Körper als gesellschaftliche Praxis. Für den NS gilt dies umso mehr, da seine Körpersymboliken zugleich eine Systematik der Machtpolitik begründeten, die über Leben und Tod entschied. Die rassistisch/antisemitische Reorganisation der Gesellschaft und die Utopie[2] eines neuen Menschen waren Ziel und Motor der NS-Ideologie, in deren Zentrum der arische Körper stand. Das Rassenkonstrukt verband äußerliche Merkmale (Haare, Körperbau, Augenfarbe etc.) und nicht-sichtbare innere Körpervorgänge (Blut, Erbgut) sowie psychische Prozesse(die Annahme eines rassespezifischen Kultur- bzw. Seelenlebens) zur individuellen wie kollektiven Identität. Bei der Generierung des Arier-Mythos wurde auf eine Vielzahl bereits bestehender Narrative und Mythen zurückgegriffen, wobei eine Einigung dieses ikonographischen Eklektizismus nur bedingt forciert wurde. Als Einflüsse wirkten etwa die „Marmorleiber“[3] der Antike oder die Lebensreform-Bewegung, die sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte hatte. Es ermangelte hierbei ebenso einer einheitlichen Definition des Ariers wie auch seine angeblichen Ursprünge ungeklärt blieben. Auch innerhalb der NSDAP konkurrierten unterschiedliche Vorstellungen über das Germanentum und die nordische Rasse. Verwandtschaft wurde etwa bei den Kelten, in Skandinavien oder dem alten Griechenland gesucht. Alfred Rosenberg, einer der führenden NS-Ideologen, versuchte mit seiner Schrift „Der Mythos des 20. Jahrhunderts“ (1930) eine Systematisierung der NS-Lehre, aber auch Rosenberg war trotz seiner einflussreichen Positionen selbst in der NSDAP keine unumstrittene Figur sowie im Konkurrenzkampf mit Goebbels. Hitler hingegen verwehrte sich, auch auf Drängen, gegen allzu rationalistische Beweisversuche der Rassen-Ideologie. Dies führte umso mehr zu einer mythischen Stilisierung des angeblich Offensichtlichen, für die Bilder eine spezielle Funktion innehatten.[4] Dass nicht einmal die Deutschen wüssten, wie eine höherwertige Rasse eigentlich aussehen würde, galt den NS-Ideologen als ernsthaftes Problem. Die NS-Propaganda entwickelte eine gegensätzliche Bildpolitik die gleichermaßen auf Ideal- und auf Feindbilder aufgebaut war und der vor allem eine erzieherische Wirkung zugesprochen wurde. Durch zahllose Bildbände sollte das Rassebewusstsein intuitiv erlernt und gestärkt werden. Dies galt besonders für die Partner*innenwahl.[5] Ästhetisch überhöht und biologisch-rassistisch begründet bekam die Figur des Ariers selbst einen Kunstwerkcharakter. Daran anknüpfend beschrieb auch Joseph Goebbels den Politiker als Künstler, der es verstehe die „Rohstoffmasse Mensch“ zum „Volkskörper“[6] zu formen. Dies ging so weit, dass die Nazis selbst noch ihre eigene Mythenproduktion penibel dokumentierten, etwa als sie im Spiel- und Propagandafilm mit der Beleuchtung experimentierten, um den perfekten arischen Hautton zu finden. Dieser sollte aus einer gesunden Farbe bestehen, die weder schweinchenrosa noch totenbleich wirken durfte.[7]

Die Darstellung von Bildern über den (idealen) Körper und die Etablierung von Körperpraxen (als Bearbeitung der Körper selbst) erweisen sich hierbei als verschränkt. Beide zielten nicht nur auf einen Transformationsprozess des physischen Körpers, sondern auch auf eine Veränderung des Körpergefühls, der Wahrnehmungsmuster sowie des Selbst- und Kollektivbildes ab.[8] Analog zur Nation war auch der Körper stets mit Ängsten seiner drohenden Auflösung besetzt und umgekehrt wurde die Nation und ihr Zusammenhalt wie ein Körper gedacht. Die Haut fungierte hierbei auch als Ort der Grenzmarkierung zwischen einem als feindlich wahrgenommen Äußeren und dem eigenen Inneren, welches von fremden Einflüssen rein gehalten werden müsse.[9] So heißt es etwa zu Beginn des NS-Films „Opfer der Vergangenheit“: „Wer ist erbkrank?“ Und die Stimme aus dem Off beantwortet die Frage sogleich: „Erbkrank ist ein Mensch, dessen Krankheit in der Erbanlage seiner Vorfahren vorhanden war. Dabei braucht die Krankheit bei seinen Vorfahren gar nicht immer in Erscheinung getreten zu sein. Sie trugen sie unerkannt in sich.“[10] Die Befürchtungen selbst rassisch unrein zu sein und die schlechten Eigenschaften im eigenen Körper bzw. in den Volkskörper zu tragen, wurden hierbei zugleich nach außen gekehrt und auf den Juden projiziert. Die antisemitische Vorstellung, dass Juden und Jüdinnen vielmehr hinter den Erscheinungen wirken würden als direkt erkennbar, verabsolutierte sich im Vorwurf der Verjudung, der nunmehr gegen alles Unerwünschte eingesetzt werden konnte.

Die arischen „Ganzheitskörper“[11] wurden durch ein Ideal konstruiert, das ihr Scheitern ebenso kaschierte wie konstitutiv miteinbezog. Als Bindung an die Macht fungierte auch, dass sich selbst die zertifizierten Arierihres Status niemals sicher sein konnten. Als undeutsch galt nicht nur nicht blond und nicht blau-äugig zu sein, sondern auch unerwünschtes Verhalten wie mangelnder Gehorsam. Das Schicksal aller Natur gelte auch für die selbsternannte Herrenrasse und verdichtete sich in einem Entweder-Oder-Endzeitszenario: Untergang oder Emporstieg. Demzufolge hänge alles am Willen zur Reinheit und der Veredelung – der Rassenzucht – ab. Dies umfasste nicht minder physiologische Fragen wie jene der Erziehung. So schrieb der NS-Pädagoge Peter Petersen 1934:

„Vor der Fahne strafft sich der Körper; beim Gruß nimmt man sich zusammen; in der Uniform wird man ein anderer Mensch; beim Singen des politischen Kampf- und Trutzliedes, der Nationalhymne, die gleiche Haltung. Kurz irgendwie ,pariert´ man, d.h. kommt zum Stehen, […] Denken und Fühlen sind aus der gewöhnlichen Bahn hinausgewiesen, und zwar ist es stets der Alltag, das Gewöhnliche, aus dem man herausgenommen wird, und die neue Richtung ist die auf menschliches Leben in höherer Ordnung“[12]

Walter Benjamin verwies darauf, dass die zunehmende Ästhetisierung der Politik weniger für den Faschismus als spezifisch gelte, als für die Moderne und ihren Machbarkeitsphantasien insgesamt. Dies betraf auch den Körper, der nun nicht mehr schlichtweg als gottgegeben oder Manifestationsort des Schicksals betrachtet wurde. Der Topos des neuen Menschen entwickelte sich quer über die politischen Lager hinweg und wurde so zum fixen Bestandteil des imaginären und kulturellen Repertoires jener Zeit. Dies beinhalte auch eine Faszination für das Thema der Massen, deren Bewegung nicht zufällig ein bevorzugtes Thema des frühen Filmes darstellte. Zugleich sind die Masseninszenierungen der 1930er Jahre ohne die anhand von Fotografie und Film entwickelten Wahrnehmungsmuster nicht zu denken. Der NS zeichnete sich hierbei durch eine strenge Choreographie der Masse aus, die man zugleich zwang „sich überall selbst zu erblicken“ und deren Erhöhung stets auch die Disziplinierung der Einzelnen implizierte.[13]

Der Mythos des Ariers funktionierte bis zum Ende des NS-Regimes als selbstreferenzielle Durchhalteparole. So zog Goebbels gegen Kriegsende für den Film „Kolberg“ (Regie: Veit Harlan) tausende Wehrmachtssoldaten von der Front ab, um diese als Statisten einzusetzen. So verkehrte sich das Verhältnis zwischen Realität und Propaganda vor allem gegen Ende des zweiten Weltkriegs zum perversen Selbstzweck. Damit der Schein erhalten bliebe, sollte alles, bis auf den letzten Mann, geopfert werden.[14]

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„Die deutsche Frau raucht nicht, die deutsche Frau trinkt nicht, die deutsche Frau schminkt sich nicht…“ – Geschlechtermythen vor und nach 1945

Die ersten Analysen der Geschlechterverhältnisse im NS wurden vor allem durch Feministinnen eingefordert sowie mitgeprägt. Während die Malestream Geschichtsschreibung jener Zeit – sowie bis heute – die Kategorie Geschlecht entweder ignorierte oder für stereotype Erklärungsmuster heranzog, war die Frage der Mittäter*innenschaft von Frauen im NS seit Ende den 1970er Jahre ein Konfliktthema innerhalb der zweiten Frauenbewegung. Vor allem am Buch von Maria-Antonietta Macciocchi – „Jungfrauen, Mütter und ein Führer“ – wurde zum ersten Mal deutlich, dass ein beträchtlicher Teil der deutschen und österreichischen Frauenbewegung den Opferstatus von Frauen verabsolutierte und mit einer Kritik an der Beteiligung von Frauen an faschistischen Bewegungen nicht viel anfangen konnte. In diesem Sinne wurden die repressiven Seiten des NS besonders für Frauen weiterhin betont, während ein möglicher Lustgewinn aus dem NS den Männern zugeschrieben wurde.

Schon die Anhänger*innen der „Sexuellen Revolution“ reflektierten wenig, inwiefern ihre eigene Praxis nicht nur Brüche sondern auch Kontinuitäten zu den Körper- und Sexualitätsbildern des NS aufwies. Die 68er-Bewegung hatte ihre Kämpfe noch in engem Zusammenhang mit den repressiven Nachwirkungen des Faschismus gesehen und somit eine Vorstellung des NS als genuin lust- und sexualitätsfeindlich geprägt.[15] Dieses Bild entwickelte sich einerseits aus einer vorschnellen Verallgemeinerung der Politik der Rassenschande, anderseits wurde auch anhand der Stellung der NS-Frau als Mutter angenommen, dass die Ideale der bürgerlichen Kleinfamilie im NS schlichtweg übernommen wurden. Im NS stand Mütterlichkeit in ihrem Kern jedoch nicht mehr ausschließlich für weibliche Passivität und das „Heimchen am Herd“, sondern pries auch eine „Muttermacht“ an, die dem Manne um nichts nachstehen würde. Eine Mütterlichkeit, die über das Kind nicht mehr das Begehren zum (komplementären) Mann, sondern die eigenständige Liebe zum Volk ausdrückte. Darüber hinaus fand sich im NS Platz für unterschiedliche Frauenbilder, auch wenn diese nicht gleichermaßen akzeptiert waren, von Fragen der jeweiligen Klasse abhingen oder schlichtweg in den Hinterzimmern quer zu offiziellen Normen ausgelebt wurden. NS-Frauen sahen vor allem in den Anfängen der Entwicklung der NS-Ideologie Potenzial, ihre Anliegen und Interessen voranzutreiben, wie sich beispielsweise anhand der Matriarchatsdiskussionen[16] im NS verdeutlicht. Im Lichte der Rassenfrage wurden auch das Ehe- und  das Scheidungsrecht innerhalb der NSDAP durchaus kontrovers diskutiert, wobei daran anschließende Reformen einen punktuellen Autonomiezuwachs für Frauen implizieren konnten. Vor allem angesichts ihrer Glorifizierung des NS und ihrer Regimetreue wollten viele dieser Frauen nicht wahrhaben, wie tief Patriachat und Nationalsozialismus ineinander verwoben waren.

Im Rahmen seiner ideologischen Entwicklung knüpfte der NS aber weder bruchlos an die christliche Moral- und Verbotslehre noch an die bürgerliche Sittsamkeit an. Die Idee des „sündigen bösen Körpers“ und der „edlen, guten und schönen Seele“[17] wurde ebenso verworfen wie die Körperverachtung als Element der liberalen „Epoche des Geistes“ galt. Nacktheit wurde nicht nur als naturverbunden angesehen, sondern diente auch der sozialen Kontrolle. Sie signalisierte, dass eine Person nichts zu verbergen hätte, sowie über einen rundum gesunden Körper verfüge. Aber: Nacktheit wäre nicht gleich Nacktheit. Prüderie und die daraus resultierenden Lüsternheit wurden in engem Zusammenhang begriffen und jeweils als unnatürlich verworfen.[18] Vielmehr bräuchte es eine „Aufklärung ohne Moralgefasel“, die Sexualität als etwas Unschuldiges darzustellen habe. Sexualität im NS wurde weder einfach freigesetzt oder geleugnet, sondern vielmehr desexualisiert. All ihrer Liebe, Leidenschaft und zwischenmenschlichen Erotik entleert, wird sie zur sauberen Sache und für den Erhalt der Volksgemeinschaft funktionalisiert. Für Frauen, die über ihre Sexualität für gewöhnlich das Deckmäntelchen der Liebe streifen mussten, um Gefühle der Scham zu überwinden, stellte dies jedoch durchaus ein verändertes Identifikationsangebot dar. Dort, wo die Balance bzw. die „Harmonie der Geschlechter“ ins Wanken zu geraten schien, wurde von ihrer Verjudung gesprochen. Zwar blieben diese Vorstellungen stets mit einem starren Geschlechterdualismus verknüpft, aber der NS verschob zugleich die bürgerlichen Grenzen von öffentlicher und privater Sphäre auf fundamentale Weise.

Die gängigen Darstellungen der Geschlechter- und Sexualpolitik des NS zeichnen sich bis heute durch eine gewisse Einseitigkeit aus. Laut der Historikerin Dagmar Herzog bestand einer der Haupteffekte, warum die sexfreundlichen Seiten des Nationalsozialismus in Vergessenheit gerieten, im Normalisierungsprozess der fünfziger Jahre: „Vor den eigenen Kindern oder dem Rest der Welt zuzugeben, dass man am Dritten Reich durchaus Vergnügen gefunden hatte, ließ sich mit der erfolgreichsten Taktik der Nachkriegsdeutschen im Umgang mit ihrer Schuld […] nicht vereinbaren“.[19]

 

Fascinating Fascism – Fascinating Bodies? oder: Hitler „history’s first rock star[20]

Die Frage, warum der Faschismus eine solche Faszination ausüben konnte, die außerdem kein Ende zu nehmen scheint, bleibt bis heute lvirulent. In seinem Werk „Kitsch und Tod – Der Widerschein des Nazismus“ versucht der Historiker Saul Friedländer nachzuzeichnen, inwiefern sich gegen Ende der sechziger Jahre „das Bild des Nazismus in der ganzen westlichen Welt“ sowie quer durch die politischen Lager zu verändern begann.[21] Bezeichnend für einen neuen Diskurs über den Nazismus wäre laut Friedländer, dass sich dieser auf der imaginären Ebene, im Bereich der Bilder und der Gefühle entfalten würde. Ob hierbei von einem neuen Diskurs gesprochen werden kann, mag dahingestellt sein, jedenfalls begann man sich ab den 1970er Jahren besonders mit Fragen der faschistischen Ästhetik und der durch sie ausgelösten Affekte zu beschäftigen.[22]

Auch wenn das Perverse oder das Obszöne die Suche nach den Hintergründen der nationalsozialistischen Verbrechen immer schon begleitet hatte,[23] wurde der Faschismus nun verstärkt als das älteste Spiel der Welt gezeichnet: jenes der sexuellen Verführung und Unterwerfung. Tatsächlich war „der Führer“ im NS auch amourös besetzt, wie etwa die zahlreichen Liebesbriefe veranschaulichen, die Hitler von Frauen erhielt. Das Narrativ der Verführung erwies sich aus mehreren Gründen jedoch auch als problematisch. Einerseits weil es eine universalistische Deutung für den NS anbot, die ihre Stabilisierung jedoch vielmehr über die heteronormative Geschlechterordnung erhielt. Andererseits war es kein Zufall, dass sich auch die Formen der Schuldabwehr in diesem Sinne zu verschieben begannen. In Zeiten wo der Satz „Man habe doch nichts gewusst!“ immer weiter entkräftet wurde, gewann die Rede von der Verführung an Bedeutung.

Sexualisierende Darstellungen von Täter*innen fanden sich in dieser Periode zwar gehäuft im Film[24], aber auch in anderen Bereichen wurde der Verlust von Normalität, Kontrolle sowie jeglicher Menschlichkeit nunmehr eng mit Dekadenz, Ekstasen sowie dem Sadomasochismus verknüpft. Diese hypersexualisierten NS-Darstellungen müssen auch angesichts einer grundlegenderen Lust an der Enttabuisierung des Faschismus bzw. dem Wunsch seines Exorzismus betrachtet werden. Der Gestus, das bis dato Nicht-Gezeigte oder Versteckte hervorzuholen und sichtbar zu machen, blieb jedoch widersprüchlich, da sowohl das Wegschauen als auch das voyeuristische Hinschauen auf das Grauen keine Befriedigung verschaffte. Er verweist auf nichts als auf den Zusammenbruch der Menschlichkeit selbst. Denn das bloße Hinschauen – auf was eigentlich?  – liefert noch keine Erklärung. Diese entzieht sich uns zugleich und scheint uns dadurch wiederum aufzufordern, noch näher hinzusehen. Mit demselben Ergebnis. Die Schriftstellerin, Literaturwissenschafterin und Shoah-Überlebende Ruth Klüger analysierte den pornographischen Blick in engem Zusammenhang mit Fetischbildungen. Diese sollen Sinn in Aussicht stellen, wo keiner war – und somit auch Trost. In ihrer Ästhetisierung reduzieren sie jedoch das Menschliche sowie die historischen Ereignisse auf sentimentalen Kitsch – wie etwa die häufig in KZ-Gedenkstätten ausgestellten Kinderschuhe.[25] Der pornographische Blick, der sich in sich selbst verläuft, bringt somit auch die Gefahr mit sich, den NS zum entpolitisierten Stereotyp seiner selbst verkommen zu lassen.

Mit der Enttabuisierung des Faschismus war dieser auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen, jedoch nicht selten in der Form eines totgeglaubten Schreckgespenstes. Es ist bezeichnend, dass sich in Folge eine neue Form der Schuldabwehr etablieren konnte, für die eine semantische Überdetermination des Faschismus-Begriffs bezeichnend ist. Faschismus, das waren nunmehr irgendwie alle, irgendwie niemand, jedenfalls „das Böse“ ergo: „die Anderen“. So kann schließlich etwa gleichermaßen vom „Ökofaschist“ wie vom „Hühner-KZ“ gesprochen werden. Eine Entwicklung, die laut Georg Seeßlen schon in den Jugendkulturen der 1980er Jahre angelegt war: „Die Lust an der Widersprüchlichkeit zwischen Zeichen und Verhalten war ein letzter Teil von Widerständigkeit, aber mit der Entwertung der Zeichen verlor sich auch ihre Fähigkeit zur Subversion.“[26] Im Sinne dieser Entleerung konnte der Faschismus auch zum selbstverständlichen Repertoire der populärkulturellen (Körper-)Inszenierungen übergehen. Sei es, dass sich David Bowie und Mick Jagger unbedingt von Leni Riefenstahl fotografieren lassen wollten oder, dass Lady Gaga ihre Solidarität für die Gay-Community ausdrückt, indem sie in ihrem Video zu „Alejandro“ durch eine Schar stählerner Männerkörper in frivolem Nazi-Chic tanzt. Während die Überlieferung des NS lange Zeit durch jene Bilder charakterisiert war, die vom Regime selbst zu Propagandawecken produziert wurden, wird das Bild des NS in Zukunft vor allem durch die massenindustriellen Bilder der Pop-Kultur geprägt sein. In diesem Sinne ist es auch kein Zufall, dass sich neofaschistische Jugendgruppen wie die „Identitären“ in ihrer Bildproduktion und Symbolik nur mehr beschränkt direkt auf den historischen Faschismus beziehen, sondern sich ihre Codes aus der Populärkultur zusammenbasteln. „Aber“, wie Seeßlen betont, „natürlich ist es ganz und gar nicht so einfach.“ Populäre Kultur vermag „ebenso Faschisierungsprozesse begleiten, wie sie polymorphe Fantasien dagegen mobilisieren kann.“[27]

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Fußnoten:

[1] Die Wiedergabe von NS-Begriffen wird, soweit nicht anders ausgewiesen, kursiv gesetzt.

[2] Die NS-Ideologie war in ihrem Kern jedoch vielmehr dystopisch denn utopisch ausgerichtet.

[3] Möring, Maren: Marmorleiber: Körperbildung in der deutschen Nacktkultur (1890-1930). Köln, 2004.

[4] Für die NS-Propagandist*innen hatte das gesprochene Wort und (noch viel mehr) die Schrift, welche als blutleer und intellektualistisch galten, stets auch einen verschmähenswerten, wenn nicht sogar gefährlichen Charakter.

[5] Bestrebungen die Geschlechterordnung und die Rassen-Politik mittels einer entsprechenden sozialästhetischen Erziehung in Einklang zu bringen gab es nicht erst seit dem NS. Schon im Jahrhundert davor wurde problematisiert, dass der Sexualtrieb des Mannes stets nur das Echt-Weibliche suchen würde, nämlich die bestimmten Geschlechtsmerkmale, und sein Geschmack erst in zweiter Linie vom Rassen-Typus gefesselt sei.

[6] Goebbels, Joseph (1934): Der Faschismus und seine praktischen Ergebnisse. Schriften der Deutschen Hochschule für Politik. Hg. Von Paul Meier-Benneckenstein. Berlin. 7.

[7] Zu sehen in der Dauerausstellung der Deutschen Kinemathek (Berlin).

[8] Diehl, Paula (2006): Körper im Nationalsozialismus: Bilder und Praxen. München.

[9] Vorstellungen von Gesellschaft als einem Körper finden sich zwar schon bei bürgerlichen Aufklärern wie Jean-Jacques Rousseau, mit dem Unterschied jedoch, dass bei diesen erste (bewusstseinslose bzw. biologische) und zweite (gesellschaftliche) Natur noch nicht wie im NS in eins gefallen waren.

[10]  „Opfer der Vergangenheit“, Regie: Gernot Bock-Stieber, 1937

[11] Diehl, Paula: Macht – Mythos – Utopie: Die Körperbilder der SS-Männer. Berlin, 2005, 242.

[12] Zitiert nach: Kraas, Andreas: Lehrerlager 1932-1945: politische Funktion und pädagogische Gestaltung. Bad Heilbrunn, 2004, 135.

[13] Kracauer, Siegfried: Das Ornament der Masse. Frankfurt a. M., Jahreszahl, 38. Kracauers Betonung der Inszenierung und des Scheins ging jedoch so weit, dass er fälschlicherweise annahm, der Parteitag sei überhaupt primär abgehalten worden, damit Leni Riefenstahl ihren Propaganda-Film drehen konnte.

[14] „Meine Herren, in hundert Jahren wird man einen schönen Farbfilm über die schrecklichen Tage zeigen, die wir durchleben. Möchten Sie nicht in diesem Film eine Rolle spielen? Halten Sie jetzt durch, damit die Zuschauer in hundert Jahren nicht johlen und pfeifen, wenn Sie auf der Leinwand erscheinen.“ Zitiert nach: Leiser, Erwin: „Deutschland, erwache!“ Propaganda im Film des Dritten Reichs. Reinbek bei Hamburg, 1978, 106.

[15] Eine Fehlanalyse auf die schon Theodor W. Adorno die Studierenden aufmerksam zu machen suchte: „Die Lebensborn-Gestüte der SS, die Ermunterung der Mädchen zu temporären Beziehungen mit jenen, die sich selber zur Elite erklärt und als solche eingerichtet hatten, sind, wie viele Pionieruntaten des Dritten Reiches, bloß die extreme Vorwegnahme gesamtgesellschaftlicher Tendenzen. So wenig jedoch der SS-Staat das Reich der erotischen Freiheit war, so wenig ist es die Badestrand- und Campinglibertinage von heute, die übrigens in jedem Augenblick zurückgepfiffen werden kann auf den Stand dessen, was in der Sprache der Tabus gesunde Ansichten heißt.“ (Adorno, Theodor W.: Sexualtabus und Recht heute, in: Ders.: GS 10.2. Frankfurt/Main 1997, 537f).

[16] Vgl. Schmidt, Ina: Die Matriarchats-Patriarchats-Geschlechterdiskussion unter NationalsozialistInnen in der Weimarer Republik und NS-Zeit. In: Korotin, Ilse / Serloth, Barbara, (Hg.), Gebrochene Kontinuitäten? Zur Rolle und Bedeutung des Geschlechterverhältnisses in der Entwicklung des Nationalsozialismus. Innsbruck et al. 2000, 91-130.

[17] BDM-Werk „Glaube und Schönheit“ Rednerdienst 1938 zit. nach Miller-Kipp, Gisela: „Auch Du gehörst dem Führer“: die Geschichte des Bundes Deutscher Mädel (BDM) in Quellen und Dokumenten. Weinheim, 2001, 79.

[18] Vgl. Winter, Sebastian: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung Das Schwarze Korps. Gießen, 2013.

[19] Herzog, Dagmar: Die Politisierung der Lust. Sexualität in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, München 2005, 130.

[20] David Bowie

[21] Friedländer, Saul:  Kitsch und Tod – Der Widerschein des Nazismus. München, 1986, 8.

[22] Prägend für die Auseinandersetzung wirkte u.a. Susan Sontags zweiteiliger Aufsatz „Fascinating Fascism“ aus dem Jahr 1975. Im selben Jahr sorgte auch Paolo Pasolinis letzter Film „Die 120 Tage von Sodom“, der den Faschismus als Orgie inszenierte, für Kontroversen.

[23] Entsprechende Bilder wurden schon zu Kriegszeiten von den Alliierten bedient.

[24] Vgl. Stiglegger, Marcus: Sadiconazista. Faschismus und Sexualität im Film. St. Augustin, 2000.

[25] Klüger, Ruth: Von hoher und niedriger Literatur. Wallstein, 1996.

[26] Seeßlen, Georg: Das zweite Leben des „Dritten Reichs“. (Post)nazismus und populäre Kultur. Teil 1. Berlin, 2013, 201.

[27] Ebend. 138.

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