Zum AGjus-Skandal

Leicht überarbeitete Version des FIPU-Redebeitrags von Bernhard Weidinger auf der Kundgebung „Gegen jede Diskriminierung“ der Jüdischen österreichischen HochschülerInnen (JÖH) und der ÖH Uni Wien vor dem Wiener Juridicum am 16. Mai 2017.

Das ist das Schema der antisemitischen Reaktionsweise. Um den Augenblick der autoritären Freigabe des Verbotenen zu zelebrieren, versammeln sich die Antisemiten, er allein macht sie zum Kollektiv, er konstituiert die Gemeinschaft der Artgenossen. Ihr Getöse ist das organisierte Gelächter.“ (Adorno/Horkheimer: Dialektik der Aufklärung – Elemente des Antisemitismus)

Ich habe in meinem Leben viel Zeit in Fußballteams und ihren Umkleiden verbracht – oder in ‚Männerkollektiven‘, wie es im AGjus-Jargon heißt. Dabei habe ich einiges an locker room talk mitbekommen. Aber nichts, was dort in schweissgeschwängerter Atmosphäre gesagt wurde – ob in der USI-Kurs-Umkleide unter Akademikern oder in der Kabine des Obdachlosen-Fußballteams – kam auch nur nahe dem, was in den internen Chats der AGjus zu sehen und zu lesen war. Bekannt ist mir derartiger Stoff aber durchaus, nämlich aus Neonazi-Foren. Bestürzend an der Causa AG ist nicht nur, dass hier von angehenden Juristen einer vermeintlichen Fraktion der „Mitte“ dieselben Memes verbreitet wurden wie in jenen Foren – sondern auch, dass sie auf dieselbe Weise verhandelt (oder nicht verhandelt) wurden: geteilt, geliket und feixend kommentiert. Ich weiß nicht, ob es sich bei den involvierten Personen um Neonazis handelt oder nur um ganz gewöhnliche [zensiert]. Ersteres halte ich zumindest für möglich, zumal das apolitische Selbstverständnis der AG, das Aktivist_innen nicht abverlangt, sich für oder gegen irgendetwas zu bekennen, Platz für Leute unterschiedlichster Weltanschauung lässt. Ich weiß nicht, ob diese Leute auf Basis eines geschlossen rechtsextremen Weltbildes operierten, oder ob hier nur eine umfassende politisch-moralische Verwahrlosung zum Ausdruck kam; und falls letzteres, ob diese Verwahrlosung sich auf einen Teil der AGjus erstreckt, auf die gesamte AGjus, auf die gesamte AG, oder gar auf Teile des Juridicums. Was ich weiß ist, dass mich der Gedanke zutiefst beunruhigt und verstört, dass diese Leute schon in wenigen Jahren Positionen innehaben könnten, in denen sie Entscheidungen im Bereich des Minderheiten- und Diskriminierungsschutzes zu fällen haben.

Ebenfalls bestürzend an der Causa war und ist der Umgang der AG mit den Vorfällen – ein Umgang, der von Abwiegelung, Verschleierung, Relativierung und Verharmlosung gekennzeichnet ist. Das verstört umso mehr, als es sich bei der AG bekanntlich nicht einmal um den rechten Rand des studierendenpolitischen Spektrums handelt, sondern es da ja noch einen RFS gibt, der sich nicht veranlasst sah, inhaltlich auf Distanz zu den skandalösen Postings zu gehen (wohl im Wissen, wie man selbst kommuniziert und welcher Art der „Satire“ man selbst fröhnt, wenn man unter sich ist). Stattdessen wird von den schmissbewehrten Jungfreiheitlichen lediglich versucht, wahlpolitisches Kapital aus dem Skandal zu schlagen, indem man darauf hinweist, dass die AG im Chaos versinke und eine Stimme für den RFS daher das einzig verlässliche Votum „gegen links“ sei.

Angesichts all dessen verwundert es nicht, dass viele sich aktuell an die 50er oder 60er Jahre erinnert fühlen, in denen die österreichischen Unis Horte der Reaktion waren. Oder gar an die Jahrhundertwende und die Zwischenkriegszeit, wo sie als Nährboden des Menschenhasses bis hin zum Vernichtungsantisemitismus dienten. Ich glaube nicht, dass die österreichischen Unis heute eine solche Funktion erfüllen. Sehr wohl aber ist es notwendig, alles zu tun, damit sie sich nicht wieder dahin zurückentwickeln. In diesem Sinne fordert die Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit eine konsequente Aufarbeitung und Ahndung des AGjus-Skandals – und konsequent meint: anders als bisher.

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