Bei den »Identitären« ist Heimatliebe nicht nur Männersache

Judith Götz im Gespräch über die Bedeutung der völkisch nationalistischen Strömung und ihr Frauenbild

Von Nina Böckmann und Fabian Hillebrand erschienen in Neues Deutschland vom 16.6.2017

In ihren medienwirksamen Aktionen greifen die völkisch nationalistischen»Identitären« nicht selten geschlechterpolitische Themen auf. Sie versuchen dabei einerseits Frauenrechte zu instrumentalisieren, andererseits werfen sie »den Linken« vor, nicht nur mit »Multikulti« sondern auch mit der Pluralisierung von geschlechtlichen Identitäten »Gleichmacherei« zu betreiben. Die Wissenschaftlerin Judith Götz beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit Frauen im Rechtsextremismus. Sie spricht von den »Identitären«, denn mit dem Begriff »Identitäre Bewegung« würden sich die Rechtsextremen nur größer machen wollen, als sie eigentlich sind. Mit ihr sprachen für »nd« Nina Böckmann und Fabian Hillebrand.

Die »Identitären« bezeichnen sich selbst als »Neue Rechte«. Bedienen sie tatsächlich ein anderes Frauenbild als die klassische Rechte?
Ich würde mit dem Begriff der »Neuen Rechten« vorsichtig umgehen. Es trifft zwar zu, dass die »Identitären« sich auf Theoretiker der sogenannten neuen Rechten beziehen. Sie beziehen sich aber genauso auf faschistische Theoretiker. Der Begriff der »Neuen Rechten« ist ein Stück weit eine euphemistische Selbstbezeichnung und Teil einer Normalisierungsstrategie. Die Bezeichnung wird genutzt, um sich als modernisierte und harmlosere Variante der Rechten darzustellen. Wenn man sich aber ihr Denken genauer ansieht, ihre Theoriebildung und ihre Ideologie untersucht, dann zeigt sich sehr deutlich, dass zahlreiche Elemente dem Rechtsextremismus und dem Neonazismus entnommen sind. Das spiegelt sich auch im Frauenbild wieder.

Inwiefern?
Das Geschlechterbild der »Identitären« ist sehr biologistisch. Es gibt bei Ihnen ausschließlich zwei Geschlechter, die komplementär und hierarchisch zueinander stehen. Das drückt sich in dem Credo »gleichwertig aber nicht gleichartig« aus. Die Vorstellung ist, dass Frauen und Männer von Natur oder von Kultur aus unterschiedlich seien und ihnen damit unterschiedliche Aufgaben in der Gesellschaft zufallen, die in ihrem Wesen begründet liegen.

Es gibt verschiedene Weiblichkeitskonzeptionen innerhalb der Gruppierung der Identitären. Da ist zum einen das Weiblichkeitskonzept der Mutter, die als Erhalterin des eigenen Volkes gesehen wird. Auch ihr Aufgabenbereich ist damit klar abgesteckt. Dann gibt es das Bild des sexualisierten Objektes. Hier geht es darum die Schönheit des eigenen Volks zu betonen. Das drückt sich in Parolen wie »zu schön für einen Schleier« aus. Solche Darstellungen der eigenen Aktivistinnen macht die Bewegung auch für Männer attraktiv. Dann gibt es noch das Bild der Gefährtin, die den Männern im Kampf gegen den großen Bevölkerungsaustausch, den sie imaginieren, als treue Begleiterin zur Seite steht.

Sie sagen, es gebe gewisse Faktoren, die die »Identitären« für Männer attraktiv machen. Was glauben Sie, macht die Gruppierung für Frauen attraktiv?
Ich glaube, dass für Frauen Erklärungsmuster greifen, die wir aus der klassischen geschlechterreflektierten Rechtsextremismustheorie kennen. Hier wird davon ausgegangen, dass selbst wenn eine Frau in der Gesellschaft Diskriminierung oder Benachteiligung erfährt, sie trotzdem durch den Anschluss oder die Einbindung in eine Dominanzstruktur einen psychischen Gewinn oder eine Aufwertung erfährt. Die Frauen erfahren also zwar einerseits Diskriminierung, können aber gleichzeitig Diskriminierung gegenüber anderen ausüben. Es geht also um einen Ausgleich der eigenen Diskriminierungserfahrungen.

Lässt sich eine Position der »Identitären« bezüglich verschiedener sexueller und geschlechtlicher Orientierungen ausmachen?
Zu Homosexualität lassen sich verschiedene Positionen ausmachen, wobei hier in erster Linie die männliche Homosexualität verhandelt wird. Die bisherigen Ergebnisse meiner Untersuchungen sind, dass es ein sehr breites Spektrum an unterschiedlichen Positionen innerhalb der »Identitären« gibt: Einerseits eine starke Ablehnung von Homosexualität, also klassische homofeindliche Positionen gegen Diskriminierungsschutz, Adoptionsrechte, Ehe für alle und mehr. Andererseits finden wir aber auch positive Bezugnahmen auf Homosexualität, nämlich dort, wo sie ebenso wie Frauenrechte instrumentalisiert werden für antimuslimischen Rassismus.

Wie drückt sich das aus?
»Identitäre« in Thüringen haben beispielsweise bei einer öffentlichen Aktion eine Hinrichtung von homosexuellen Menschen im Islam dargestellt. In einem Begleittext hieß es sinngemäß, dass wer homosexuelle Menschen diskriminiert, in unserer Gesellschaft nichts verloren habe.

Es gibt aber noch eine dritte Position zu Homosexualität aus Bezugnahmen auf Jack Donovan, einem wichtigen Theoretiker für die »Identitären«. Donovan ist Schriftsteller und Bodybuilder. In seinem Buch »Der Weg der Männer« führt er aus, dass Homosexualität nicht an sich verwerflich ist, sondern dass das Problem eigentlich nur die verweiblichte und verweichlichte Homosexualität ist. Solche Männer hätten das schlimmste Verbrechen begangen, sich nämlich mit den Feministinnen eingelassen. Feministinnen wollen ihm zufolge Männlichkeit abschaffen, deswegen seien sie der größte Feind. Solche Homosexuellen führten letztlich dazu, dass es keine wehrhaften Männer mehr gibt. Im Gegensatz dazu wird eine homosexuelle Hypermaskulinität durchweg als etwas Positives verhandelt. Denn das seien ja noch richtige Männer, die sich wehren können.

An diesem Samstag demonstrieren die »Identitären« in Berlin. Was könnten Ihrer Meinung nach Strategien gegen ihre Aktionen sein?
Grundsätzlich finde ich, dass Aktionen gegen die »Identitären« so funktionieren sollten, dass ihre Störungs- und Vereinnahmungsversuche nur die Vorshow der eigentlichen Veranstaltung sind. Sie sollen nicht die Hauptbühne bekommen, sondern eben nur der Voract zu dem sein, was wir selber machen. Gleichzeitig finde ich es ganz wichtig, ihre Denkmuster zu erkennen und zu entlarven. Nach wie vor ist die Ansicht weit verbreitet, dass die »Identitären« eine harmlosere Variante rechter Politik darstellen als die alten Neonazis. Die von Ihnen beispielsweise propagierte Gewaltfreiheit nehmen ihnen viele Menschen ab, obwohl sich die »Identitären« immer wieder durch Gewalttaten hervortun. Erst vor wenigen Tagen haben sie in Halle am Uni-Campus Studierende angegriffen. Ein Großteil ihrer Aktionen hat einen strukturell sehr gewaltförmigen Charakter, wenn man daran denkt, dass sie Theaterstücke gestürmt haben, bei denen Geflüchtete auf der Bühne standen. Für die Geflüchteten war das traumatisch.

Genügen denn Protestaktionen, um den »Identitäten« den Wind aus den Segeln zu nehmen?
Für mich ist es wichtig, daran zu arbeiteten, ihren eigentlichen Charakter offenzulegen und gleichzeitig nicht permanent ihre Selbstinszenierungen zu reproduzieren. Sei das jetzt dadurch, dass Medien ihr Bildmaterial wiederverwenden oder ihre Sprache aufgreifen. Die »Identitären« sind sehr bemüht darum, ihren eigenen Sprachgebrauch in der Öffentlichkeit zu reproduzieren. Das ist Teil ihres metapolitischen Konzepts. Deshalb müssen wir da ganz vorsichtig sein. Und anstatt über jeden ihrer Versuche zu berichten, Aufmerksamkeit zu bekommen, sollten wir eher inhaltlich-analytische Auseinandersetzung betreiben, in der wir tatsächlich Kritik gewährleisten und nicht einfach nur der Selbstinszenierung der »Identitären« auf den Leim gehen.

Judith Götz ist Literatur- und Politikwissenschaftlerin und Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit sowie des Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus. Im Herbst 2017 erscheint der von ihr mitherausgebene Sammelband »Untergangster des Abendlandes. Ideologie und Rezeption der rechtsextremen ‘Identitären’«.

 

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