Offener Brief an die Veranstalter*innen des This Human World – Filmfestival

Liebe Veranstalter*innen des This Human World – Filmfestival,

wir wenden uns an euch, da uns ein Film in eurem Programm aufgefallen ist, den wir für politisch nicht tragbar halten, vor allem bei einem Menschenrechtsfilmfestival.

Gemeint ist die Dokumentation „#Widerstand“, welche drei Frauen portraitiert, darunter Ingrid Weiss‏, Mitglied der vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands als rechtsextrem und neofaschistisch eingestuften „Identitären“.

Untragbar halten wir das Konzept der Filmemacherin, völlig „wertfrei“ verschiedene politische Ideologien nebeneinanderzustellen, den Einsatz für Geflüchtete mit menschenfeindlichen, rassistischen Ressentiments gleichzusetzen und völkische Reinheitsphantasien und rassistische Ausschlusspraktiken als „Widerstand“ zu adeln. Die neofaschistischen „Identitären“ verhalten sich nicht widerständig zur herrschenden Ordnung, sie wollen diese zuspitzen, eine „noch ordentlichere Ordnung“ (Johannes Agnoli). Das ist ihre konformistische Revolte: Sie greifen die liberalen Versprechungen dieser Gesellschaft an, wollen Schluss machen mit der Idee der unveräußerlichen, universalen Menschenrechte, wollen die autoritäre Gemeinschaft anstelle der offenen Gesellschaft. Wie anders als durch massive Gewalt ist es denn vorstellbar, eine „ethnisch homogene Gemeinschaft“ (Identitäre Bewegung Österreich) in einer von Migration geprägten Gesellschaft herzustellen? Ihr Konzept von „Identität“ läuft auf die Vernichtung des Nicht-Identischen, des Anderen hinaus. Das wird auch ganz offen zugegeben, indem man sich beispielsweise auf die (Vor-)Denker des europäischen Faschismus bezieht, wie Carl Schmitt, der „Kronjurist des Dritten Reiches“, der programmatisch jenes Konzept von Politik vorgab, den die Identitären bis heute folgen: „Zur Demokratie gehört also notwendig erstens Homogenität und zweitens – nötigenfalls – die Ausscheidung oder Vernichtung des Heterogenen. (…) Die politische Kraft einer Demokratie zeigt sich darin, daß sie das Fremde und Ungleiche, die Homogenität Bedrohende zu beseitigen oder fernzuhalten weiß“ (Carl Schmitt). Dass dies eine mörderische Ideologie ist, hat die historische Erfahrung des Nationalsozialismus deutlich gemacht.

Die Erinnerung an diese Erfahrung scheint jedoch zu verblassen. Heute gilt es als Ausweis genuin demokratischen Bewusstseins, ganz vorurteilsfrei über Faschismus zu plaudern. Die Filmemacherin gibt dafür in einem Interview die Schlagworte vor: „wertfrei“, „konstruktiv“ und auf „Dialog“ getrimmt will sie jenen gegenübertreten, deren Ideologie den Anreiz zu Ausschluss, Gewalt und Verbrechen beinhalten. Anstatt Position zu beziehen, werden Selbstorganisierungsprojekte von Geflüchteten in Athen mit organisierten Rassismus in Österreich als „jeweils andere Extreme“ auf eine Ebene gestellt.

Das Konzept des Films ist also aus unserer Sicht höchst kritikwürdig. Es bietet darüber hinaus einer neofaschistischen Kleingruppe eine enorme Bühne, welche die rechtsextremen „Identitären“ gerne zu nützen wissen werden. Nicht nur dass sie von der Kinoleinwand ihre menschenverachtenden Botschaften unwidersprochen verbreiten können, auch im Publikum werden sie am 7.12. im TOP Kino sein. Ihnen geht es nicht um den Dialog, nicht um den Wettstreit des besseren Arguments, sondern um die Zerstörung der demokratischen Debatte. „Unser Ziel ist keine Beteiligung am Diskurs, sondern sein Ende als Konsensform“ (Identitäre Bewegung). Dass dies auch in Gewalt gegen jene kulminiert, die den „Identitären“ als Feindbilder dienen, dass mussten Antifaschist*innen oder Migrant*innen in der Vergangenheit des Öfteren erleben.

Worin besteht nun die „Provokation“, von der die Filmemacherin spricht? Ist es das Abbilden und zur Schau stellen rechtsextremer Ideologien? Dazu reicht ein Blick in die österreichische Tagespolitik oder in die auflagenstärkste Tageszeitung um zu sehen, das rechtsextreme Ideologien in dieser Gesellschaft kein Tabubruch mehr sind, sondern mehrheitsfähig. Auch wenn Rechtsextreme gerne in diese rebellische, #widerständige Pose schlüpfen, um ihren Kampf gegen vermeintliche fremde Mächte als konformistische Revolte zu führen – ihr autoritäres, konservatives Weltbild in ein hippes Protestkostüm zu packen. Sollten wir da mitspielen? Wir glauben: Nein.

Gerade in der jetzigen gesellschaftlichen Situation, in der rechtsextreme Ideologien in der Regierung normalisiert werden, in der massenhaft Menschen an den Grenzen der Europäischen Union sterben, in der Menschen aus ihrem Leben herausgerissen und in Länder abgeschoben werden, in denen der sichere Tod auf die wartet – gerade jetzt gilt es Position zu beziehen. Position gegen Neofaschismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit. Der Film gibt diesen Positionen eine Bühne und arbeitet an deren Verharmlosung. Gerade von einem Menschenrechtsfilmfestival erwarten wir uns etwas anderes.

Wir würden uns wünschen, dass der Film aus dem Programm genommen wird. Falls er doch gezeigt wird, fänden wir es wichtig, wenn die Filmpräsentation mit einem Rahmenprogramm begleitet wird, wo Antifaschist*innen, Rechtsextremismusforscher*innen und Betroffene rechtsextremer, rassistischer Gewalt zu Wort kommen. Und dass es eine Türpolitik gibt, die es Faschist*innen und Rassist*innen nicht ermöglicht, auch im Publikum ihre menschenverachtenden Positionen stark zu machen.

(Zitate der Filmemacherin aus https://vimeo.com/297342194)

Unterzeichner*innen:
autonome antifa [w]
an.schläge. Das feministische Magazin
Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU)
GRAS – Grüne und Alternative Student_innen Wien

Herausgeber*innen des Sammelbands „Untergangster des Abendlandes. Ideologie und Rezeption der rechtsextremen ,Identitären‘“
Hochschüler_innenschaft an der Universität Wien
Redaktion MALMOE

Antwort des Filmfestivals

Liebe Unterzeichner*innen,

zu aller erst möchten wir festhalten, dass eine frühere Antwort aufgrund des regulären Festivalbetriebs nicht möglich war.

Nun zum Inhalt:
Trotz der heftigen Kritik an uns möchten wir uns bei euch für euer Feedback bedanken.
Auch wir sehen die IBÖ nicht als eine Organisation der man wertfrei gegenüber treten kann.
Nichtsdestotrotz ist der Film zeigenswert, gerade im Rahmen eines Menschenrechtsfestivals und nicht zuletzt im Sinne einer künstlerischen Freiheit.

Die Filmemacherin bezieht sehr deutlich Position. Sie tut dies zwar nicht mit einer Erzählstimme oder mit kritischen Fragen, sondern arbeitet mit der Zusammensetzung/Abfolge der Szenen. #Widerstand ist bei weitem nicht der einzige Festivalfilm, der mit dem Stilmittel des Unkommentierten gegenüber untragbaren gesellschaftspolitischen Entwicklungen Position im Sinne der Menschenrechte bezieht.

Ob die IBÖ im Kinosaal sein werden, damit beschäftigen sich die zuständigen Behörden.

Im Anschluss an den Film wird es ein Q&A mit Britta Schoening und Poetry-Slammerin Aicha geben. Dieses Q&A ist uns sehr wichtig, da wir eine kritische Diskussion des Films ermöglichen wollen. Dazu möchte ich euch alle sehr herzlich einladen.
Liebe Grüße
das team von this human world

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