Projektionsfläche Kind

Von Max Rigele

Immer wieder gerät Sexualaufklärung ins Visier rechter AkteurInnen. Unter dem Kampfbegriff der “Frühsexualisierung” wird gegen die Bearbeitung geschlechtlicher und sexueller Vielfalt im Unterricht gewettert. Mit Kindern und Jugendlichen offen und umfassend über Sex zu sprechen darf nicht sein. Wo jedoch liegen die Wurzeln dieser Aversion? Eine psychoanalytische Auseinandersetzung verspricht Erkenntnisse.

Knapp zwei Jahre ist es her, dass eine Welle der Anfeindung über den Grazer Aufklärungsverein liebenslust* hereinbrach. Von “besorgten Eltern” bis zur FPÖ wurde dem Verein die Gefährdung kindlichen Wohlbefindens angelastet. Verstörend und überfordernd seien die angebotenen Workshops.[1] Das freiheitliche Parteiorgan Wir Steirer witterte gar die “gezielte Verwirrung der Kinder bezüglich ihrer geschlechtlichen Identität”.[2] Anstelle der abgelehnten Sexualpädagogik wünscht man sich Aufklärung primär im Rahmen der Familie.[3]

Der Vorwurf der “Frühsexualisierung” steht dabei mal implizit, mal explizit im Raum.[4] Sexualität wird so als Kindern fremd postuliert. Von außen aufoktroyiert, führe sie bloß zu Unglück. Gleichzeitig befürwortet man zwar eine “altersgerechte, respektvolle und sensible” Aufklärung, doch deren Gehalt bleibt weitgehend unklar. Lediglich ihre Kontextualisierung wird deutlich: Werte wie Familie, Treue und Partnerschaft gilt es zu vermitteln.[5]

Infantile Sexualität und Wissbegier

Die Annahme einer “unschuldigen” Kindheit ist allerdings illusionär. Sexualität, als Streben nach Lust, ist von Beginn an Teil des menschlichen Lebens. Sie erstreckt sich vom genüsslichen Lutschen des Säuglings, über die genitalen Spiele des Kindes bis zu ihrer erwachsenen Ausprägung. Kinder begehren somit auf ihre spezifische Art, aber sie begehren.[6] Darüber hinaus setzen sie sich eigenständig mit ihrer Umwelt auseinander. Eine Beschäftigung mit Sexualität ergibt sich dabei notwendigerweise. Quelle der Wissbegier kann etwa die Angst vor einem potenziellen Geschwister sein. Um die eigene innerfamiliäre Position besorgt, drängt sich dem Kind die Frage auf: Woher kommen die Babys?[7] Wie bereits Annie Reich in der Aufklärungsbroschüre Wenn dein Kind dich fragt… verdeutlicht, muss auf solches Interesse ehrlich und umfassend eingegangen werden. Andernfalls wird sich das Kind auf eigene Faust Wissen aneignen, “das von falschen, qualvoll beunruhigenden Wirkungen nur so wimmelt.”[8]

Das Dilemma der Sexualität

Sexualität erscheint im Weltbild der extremem Rechten folglich in verzerrter Form. Sie ist dabei nicht nur Gegenstand reaktionärer Aufregung, sondern auch ein wesentlicher Schlüssel zu deren Verständnis. Im Spannungsfeld von Trieb und Gesellschaft ist Sexualität einer konflikthaften Entwicklung unterworfen.[9] An ihrem Anfang steht dabei eine Phase der Ungeschiedenheit. So ist der Mensch zu Beginn des Lebens Noch-Nicht-Subjekt. Weder sieht er sich als eins mit seiner Umgebung, noch als getrennt von ihr. Stattdessen werden Objekt und Subjekt als “vielfältig situativ fragmentiert und durchmischt”[10] erlebt. Erst die “Not des Lebens, […] das Ausbleiben der unmittelbaren leiblichen Befriedigung”[11] führt zu Differenzerfahrung. Die Verschiedenheit von Selbst und Welt wird also im Fernbleiben der Lustquelle deutlich. In Folge ihrer Abwesenheit identifiziert das Kind sie erstmals als Äußere. Befriedigung erscheint ihm dabei als Zustand “homöostatischer Einheit”[12], “als Zeit vor der Differenz”[13]. Dieser Zustand hat real jedoch nie existiert, vielmehr wird er rückwirkend in die Vergangenheit hineingelegt. Das retrospektiv Erzeugte ist immer schon verloren.[14]

Einmal mit Befriedigung assoziiert bleibt das Jenseits der Differenz Ziel des Triebes. Notwendigerweise gerät es demnach außer Reichweite. Die Eigenständigkeit des Objekts führt unausweichlich zu Versagung: Sie gewährt Lust, verweigert aber die objektlose Einheit. Ergo bleibt vollständige Befriedigung unerreicht. Sie tritt stets nur bis zu einem gewissen Maß ein. Dabei kennzeichnet sie fehlende Ewigkeit. Ist das Objekt gerade nicht verfügbar, tritt zumindest temporär Unlust auf. Dementsprechend ist das Verhältnis des Subjekts zum Objekt ambivalent. Einerseits wird das Objekt im Wunsch nach Befriedigung begehrt. Andererseits wird es für die zugemuteten Entsagungen gehasst. Zudem reizt das Objekt, da es durch die Versagung der Befriedigung Verlangen hervorruft und damit auf die eigene Abhängigkeit verweist.[15] Die Struktur des Triebes ist folglich dialektisch. Sie bringt “aus sich heraus das Begehren nach dem Objekt und den Widerwillen gegen dieses [hervor]”[16]. Hierin liegt das Dilemma der Sexualität.

Eine Möglichkeit, die Ambivalenz gegenüber dem Objekt handhabbar zu machen, findet sich in der Geschlechterdifferenz. Sie stellt eine gesellschaftliche “Übersetzungshilfe”[17] für die Spannungen der kindlichen Sexualität dar. “Die Rekategorisierung des Erlebens des ‘Sexualitätsdilemmas’ unter dem Vorzeichen der Geschlechterdifferenz bewirkt eine so schmerzliche wie entlastende Vereinseitigung: Erfahrungen der identifikatorischen Nähe und Sympathie – der Differenzlosigkeit – werden weiblich, jene der autonomen Distanz und narzisstischen-wütenden Selbstbehauptung – der Differenz – männlich codiert.”[18] Was sich dieser Dualität entzieht oder der eigenen Geschlechtszuweisung widerspricht, wird verdrängt.[19] Anfangs wird diese Trennung jedoch nicht dauerhaft und eindeutig vollzogen. Noch identifiziert sich das Kind mit Vater und Mutter. Erst im Zuge des Ödipuskomplexes werden klare Geschlechtergrenzen gesetzt.[20] Eigens betrachtet werden müsste die kindlich Auseinandersetzung mit Geschlecht, in Familienkonstellation jenseits der hier untersuchten Vater-Mutter-Kind Triade.

Der Ödipuskomplex – Verfestigung geschlechtlicher Unterschiede

Der Ödipuskomplex verläuft bei Junge und Mädchen unterschiedlich. Der Junge beginnt in der ödipalen Phase seinen Vater zu fürchten. Dieser wird als Konkurrent um die begehrte Mutter wahrgenommen. In der Phantasie des Jungen droht durch ihn die Kastration. Um dieser zu entgehen, entsagt der Junge letztlich seinem Objekt und verinnerlicht die väterliche Autorität.[21] Diese verbietet jedoch nicht nur das Begehren der Mutter, sondern auch die Identifikation mit ihr. So sein wie der Vater, heißt männlich sein. Für das Sexualitätsdilemma bedeutet dieser Prozess die schon oben beschriebene Vereinseitigung hin zur Differenz. Der Penis wird hierfür zum Symbol. Narzisstisch besetzt, mit Omnipotenzphantasien aufgeladen und somit zum Phallus geworden, steht er für die Unabhängigkeit von der Mutter. Die Spannung zwischen Differenz und Differenzlosigkeit, zwischen Anziehung und Abstoßung gegenüber dem Objekt wird scheinbar aufgelöst. Eine tatsächliche Überwindung des ambivalenten Objektverhältnisses gelingt jedoch nicht. Der “phallische Herr”[22] bleibt real von seinem Objekt abhängig, besitzt sein Penis doch einen Doppelcharakter: “autarker Phallus und dem Objekt der Lust gegenüber heteronom reagierender Penis”.[23] Die sexuelle Lust an sich verhindert demnach vollständige Autonomie. Das Sexualitätsdilemma wurde so in ein Männlichkeitsdilemma verwandelt. Das widersprüchliche Verhältnis zum Objekt setzt sich fort, jedoch unter anderen Vorzeichen.[24]

Genau wie der Junge identifiziert sich das Mädchen präödipal mit beiden Elternteilen. Aus diesem Nebeneinander ergibt sich aber bald ein Widerspruch. So verspricht das väterliche Ideal Autonomie und Macht. Gleichzeitig ist es unvermeidlich mit einer Abwertung von Weiblichkeit verbunden. Die Identifikation des Mädchens mit der Mutter, also mit Weiblichkeit, wird so zum Problem für eigene Unabhängigkeitsbestrebungen.[25] Das Mädchen sieht sich folglich im Nachteil gegenüber dem Jungen, ist ihm doch ein Mehr an Macht und damit an Autonomie möglich. Enttäuscht gibt das Mädchen die Schuld an ihrer Lage der Mutter. In der Vorstellung des Mädchens hat sie es ohne Penis und damit mit weniger Möglichkeiten ausgestattet. In Konsequenz verwirft das Mädchen die Mutter als Liebesobjekt. Die Identifikation mit dem Vater hingegen wird in libidinöses Begehren gewendet. Damit beginnt der weibliche Ödipuskomplex.[26]

Der Liebe zum Vater ist ihr “narzisstischer Ursprung”[27] dabei deutlich anzumerken. Worauf sie zielt, ist die “Teilhabe an seiner Phallizität”[28]. Von hier an kommt es zu einer, dem Ödipuskomplex des Jungen, ähnlichen Entwicklung. Wie der Junge den Vater, fürchtet das Mädchen die Mutter als Konkurrentin. Aus Selbstschutz identifiziert es sich mit ihr und verinnerlicht ihre Autorität.[29]

Psychische Abwehr und das Kind als Projektionsfläche

Wie rigide die Abwehr nicht geschlechtskonformer Selbstanteile vor sich geht, ist variabel. Eine große Rolle hierbei spielt die Art und Weise, wie Zweigeschlechtlichkeit lebensgeschichtlich durchgesetzt wurde. Passiert dies zu repressiv, liegen Konformismus und eine Unfähigkeit zu Kritik nahe.[30] Pseudomaskulinität beziehungsweise -feminität sind die Folge. Diese entsprechen “konsequent den gesellschaftlichen Normen hinsichtlich dichotomer Geschlechterverhältnisse und Geschlechterrollen”[31]. Pseudomaskulinität und Pseudofeminität stellen somit widerspruchsfreie Identitäten dar. Sie konstituieren sich durch den Ausschluss des Nicht-Passenden und lassen keinen Spielraum für Abweichung. Die Widersprüche in der eigenen Geschlechtlichkeit müssen vehement verleugnet werden.

Das bedeutet eine Abwehr aller nonkonformen Regungen im Inneren, aber auch jener äußeren Einflüsse, die an sie erinnern.[32] Jegliche Auseinandersetzung mit kindlicher Sexualität tut genau dies. Die Vermutung liegt nahe, dass ihre Anerkennung die Pseudomaskulinen und -femininen gefährlich nahe an eigene verdrängte Selbstanteile heranführen würde. Sollten Kinder eine Sexualität besitzen, wie sah es dann in ihrer eigenen Kindheit mit sexuellen Wünschen aus? Wenn Sexualität sich entwickelt, müsste dann nicht auch in ihrem Leben Entwicklung stattgefunden haben? Wird kindliche Sexualität zum Thema, bleibt folglich nur, diese als Ideologie abzutun. Im selben Atemzug wird der Sexualpädagogik vorgeworfen zu propagieren, was man bei sich selbst heimlich fürchtet: verschwimmende Geschlechtergrenzen und nicht-normgerechte Sexualität. Dabei machen die “Frühsexualisierungs”-GegnerInnen ihr eigenes Nicht-Wissen-Wollen an Kindern fest. Diesen wird Desinteresse am Sexuellen oder Verstörung durch das Sexuelle attestiert. So werden sie zur Projektionsfläche für die Angst und Ablehnung ihrer vermeintlichen Beschützer. Letztlich sind es also innerpsychische Konflikte und ihre Abwehr, die als treibende Kraft hinter dem Hass auf “Frühsexualisierung” stehen.[33]

Fußnoten:

[1] Vgl. Schattleitner, Christoph: Wie ein Grazer Aufklärungsverein gegen Falschinformationen von Rechtspopulisten kämpfen muss. Online unter: https://www.vice.com/de_at/article/wj87pb/sex-hardcore-christen-krone-fpo-und-putin-die-unglaubliche-geschichte-des-grazer-aufklarungsvereins-liebenslust (letzter Zugriff am 30.12.2018)

[2] K.A.: Landesregierung fördert fragwürdige “Sexualpädagogik”. In: Wir Steirer 2/2017, S.14f.

[3] Vgl. Moitzi, Liane: “Förderungen sofort stoppen”. In: Wir Steirer 2/2017, S.15.

[4] Vgl. die bereits genannten Artikel aus “Wir Steirer”, Leserbriefe der Kronen Zeitung (11.02.2017) und Kleinen Zeitung (16.02.2017), sowie die folgende Anfrage bzw. den folgenden Antrag aus dem Steirer Landtag:

https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/BR/J-BR/J-BR_03228/imfname_623792.pdf

https://www.fpoe-stmk.at/fileadmin/user_upload/www.mkunasek.at/PDFs/2017/stopp_der_foerderungen_an_den__selbstaendiger_antrag_1547_1.pdf (letzter Zugriff jeweils am 30.12.2018)

[5] Vgl. Moitzi, Liane: “Förderungen sofort stoppen”. S.15.

[6] Vgl. Quindeau, Ilka: Sexualität. Gießen, 2014, siehe insbesondere das Kapitel “Umschriften: Entwicklungen und Variationen des Sexuellen”.

[7] Vgl. Freud, Sigmund: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Frankfurt am Main, 2009, S.96.

[8] Reich, Annie: Wenn dein Kind dich fragt … Gespräche , Beispiele und Ratschläge zur Sexualerziehung. In: Freie Assoziation. Zeitschrift für psychoanalytische Sozialpsychologie. 1/2016, S.26.

[9] Vgl. Uhlig, Tom David; Rudel, Max: Wenn einem die Natur kommt. Das Identitätsversprechen im Antifeminismus. In: Busch, Charlotte; Dobben, Britta; Rudel, Max; Uhlig, Tom David (Hg): Der Riss durchs Geschlecht. Feministische Beiträge zur Psychoanalyse. Gießen, 2018, S.220.

[10] Winter, Sebastian: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. Eine psychoanalytisch-sozialpsychologische Studie. Gießen, 2013, S.356.

[11] Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. S.352.

[12] Ebd.

[13] Ebd. [Hervorhebung im Original]

[14] Vgl. ebd. sowie Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. S.356.

[15] Vgl. Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. S.354f.

[16] Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. S.355.

[17] Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. S.361.

[18] Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. S.362.

[19] Vgl. Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps.S.361f.

[20] Vgl. Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. S.370f.

[21] Uhlig; Rudel: Wenn einem die Natur kommt. S.217.

[22] Vgl. Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. S.373.

[23] Ebd.

[24] Vgl. Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. S.372f.

[25] Vgl. Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. S.375f.

[26] Vgl. Radonic, Ljiljana: Psychoanalyse als Gendertheorie. Freud und seine Kritikerinnen. In: Göllner, Renate; Radonic, Ljiljana (Hg.): Mit Freud. Gesellschaftskritik und Psychoanalyse. Freiburg, 2007, S.96f und S.100.

[27] Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. S.376.

[28] Ebd.

[29] Radonic: Psychoanalyse als Gendertheorie. S.100.

[30] Vgl. Radonic, Ljiljana: Psychopathologie der Normalität. Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Kritische Theorie. In: Grigat, Stefan (Hg.): Feindaufklärung und Reeducation. Kritische Theorie gegen Postnazismus und Islamismus. Freiburg, 2006, S.84f .

[31] Stögner, Karin: Antisemitismus und Sexismus. Historisch-gesellschaftliche Konstellationen. Baden-Baden, 2014, S.41.

[32] Vgl. Stögner: Antisemitismus und Sexismus. S.41ff

[33] Fritzsche, Christopher: Vaterideologie im familialistischen Antifeminismus. In: Freie Assoziation. Zeitschrift für psychoanalytische Sozialpsychologie. 1/2018, S.103

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