Einige kurze Notizen zur zurecht vieldiskutierten Presseaussendung von ÖVP-Klubobmann August Wöginger zur SPÖ-Initiative für eine Reform des Staatsbürgerschaftsrechts.

Wöginger behauptet in dieser Aussendung bekanntlich, „[d]ie Links-Parteien wollen mittels Masseneinbürgerungen die politischen Mehrheitsverhältnisse im Land ändern“ bzw. „eine potenziell neue Wählerschaft […] generieren, die ihnen in Folge eine parlamentarische Mehrheit sichern soll“.

Zurecht wurde darauf hingewiesen, dass Wöginger sich damit gegen einen (überfälligen) Demokratisierungsschritt mit dem bezeichnenden Argument stellt, er würde der Rechten schaden und dass er im Sinne der von „Identitären“ und aus dem Christchurch-Manifest bekannten „Bevölkerungssaustausch“-Erzählung argumentiert.

Genauer gesagt greift Wöginger den „identitären“ Topos der „ethnischen Wahl“ auf: demnach würden Migrant*innen ihre Wahlentscheidung nicht individuell und nach politischer Überzeugung fällen, sondern im „ethnischen Block“ und allein nach ethno-religiöser bzw. „tribaler“ Interessenlage abstimmen.

Menschen ohne Staatsbürger*innenschaft werden damit gleich in doppelter Weise zu politischen Nicht-Subjekten erklärt. Einerseits durch den Ausschluss vom Wahlrecht und damit der Möglichkeit, eine Gesetzgebung repräsentativ-demokratisch mitzugestalten, der sie unterworfen sind. Zum anderen werden sie als unfähig und/oder unwillig dargestellt, solche Subjektivität zu leben, würde sie ihnen zugestanden werden: im Kontrast zum mit Wertesystem und Weltanschauung ausgestatteten, aufgeklärten autochthonen Bürger erscheinen sie als bloße Stimmmaschinen – in ihrem (Wahl-)Verhalten durch das vermeintlich einheitliche Interesse des ethnischen Kollektivss determiniert.

Diese Gedanken trommelt ein Martin Sellner seit Jahren. Sie finden sich aber etwa auch im Manifest des Terroristen von El Paso (2019, siehe Auszug unten), der sich darin wiederum als Unterstützer des Massenmörders von Christchurch bekennt (Näheres dazu beim DÖW).


Fixer Bestandteil des Sellnerschen Narrativs von der „ethnischen Wahl“ ist darüber hinaus die Behauptung, dass Demokratie überhaupt nur unter den Bedingungen ethnischer Homogenität funktionieren könne – bzw., im Umkehrschluss, ethnische Vielfalt die Demokratie unterminiere. Zumindest dorthin ist Wöginger Sellner – noch? – nicht gefolgt.

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Judith Goetz, FIPU, Markus Sulzbacher (Hg.)


Rechtsextremismus Bd. 4

Herausforderungen für den Journalismus

Das Erstarken der extremen Rechten bringt auch für den Journalismus und in den Sozialen Medien zahlreiche Herausforderungen und Fragen mit sich:
Welche Bedeutung spielen Medien beim Aufstieg der extremen Rechten? Soll mit Rechten geredet werden und wenn ja wie? Warum werden rechte Narrative immer wieder unkommentiert in der Berichterstattung übernommen, welche Verantwortung haben Journalist*innen und wie gehen Redaktionen damit um? Wie kann über Rechte berichtet werden, ohne ihnen eine Bühne zu bieten? Was sind DOs & DON’Ts kritischer Berichtserstattung? Wie wird von Rechten mit kritischen Journalist*innen umgegangen und welchen verbalen und physischen Angriffen sind sie ausgesetzt? Wie ist es um die rechtsextreme Medienlandschaft aktuell bestellt, welche Bedeutung hat sie?

Der vierte Band der Rechtsextremismus-Reihe von FIPU bringt Beiträge von Journalist*innen, Wissenschaftter*innen und Aktivist*innen zusammen, die ausgehend von aktuellen Entwicklungen der extremen Rechten in Österreich Antworten auf die skizzierten Fragen liefern.

Von FIPU sind im Mandelbaum Verlag auch lieferbar:

Rechtsextremismus Bd. 2

Rechtsextremismus Bd. 3

Inhaltsverzeichnis


Einleitung

Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit: Entnormalisierung und Positionierung. Über Rechte reden in rechten Zeiten. Mit Rechten reden zur rechten Zeit?

Judith Goetz: Rechtsextremismus und Medien. Ein einführender Überblick

Bernhard Weidinger: Ungewollte Komplizenschaft. Über gängige Fallstricke in der medialen Bearbeitung von Rechtsextremismus

Markus Sulzbacher: Der stille Pakt

Brigitte Bailer: Provokationen, Ängste, Katastrophen. Das rechtsextreme und rechtspopulistische Spiel mit den Medien

Judith Goetz: »… in die mediale Debatte eindringen«. Identitäre Selbstinszenierungen und ihre Rezeption
durch österreichische Medien

Ingrid Brodnig: Die rechte Eroberung des Cyberspace

Florian Zeller: Verschwörungsmythen in den Medien. Die (Un-)Möglichkeiten der Berichterstattung

Fabian Schmid: Zwischen Einhegung und Drohungen. Rechtsextreme Umgangsformen mit Journalist*innen

Bianca Kämpf: »Beautys lieben’s blau«. Zum Sexismus in der Berichterstattung über rechte Frauen am Beispiel von Philippa Strache

Mahriah Zimmermann: Rechtsextremismus vor Gericht Verantwortung und Leerstellen der Prozessberichterstattung

Mathias Lichtenwagner: Kooperation, Kontrolle, Korrektiv Journalismus, Polizeiarbeit und NS-Wiederbetätigung

Antifaschistische Recherche Graz, Dirk Müllner: Gretchenfrage Antifa Zum ambivalenten Umgang von Journalist*innen mit Antifa-Recherchen

Andreas Hechler: Beharrliche Bilder. Bildsprache und Rechtsextremismusprävention

Fanny Rasul: Zur Anatomie rechter Shitstorms und wie eins sich dagegen wehren kann


Kurzbiografien

Bernhard Weidinger

Der Suhrkamp-Verlag hat jüngst einen bislang nur auf Tonträger vorgelegenen Adorno-Vortrag aus 1967 veröffentlicht. Er enthält wenig, das Adorno nicht anderswo schon gesagt oder geschrieben hätte. Zitabel ist er trotzdem.

Sie kennen das: Sie sitzen an der Proseminararbeit aus Politikwissenschaft, dem kulturkritischen Essay für die Wochenendbeilage oder dem längst überfälligen Eintrag für ihren antifaschistischen Blog, oder befinden sich auf einer Studierendenparty in einem angeregten Gespräch über die triste Lage der Welt. Plötzlich dämmert Ihnen siedendheiß, dass sie schon seit 3000 Zeichen oder 15 Minuten kein Adorno-Zitat mehr gedroppt haben – und die drei oder vier, die Sie kennen, erscheinen Ihnen so ausgelutscht, dass sie nur mehr Augenrollen zu ernten geeignet sind anstelle des eigentlich angestrebten, anerkennenden Kopfnickens.

58737Hier schafft der Suhrkamp-Verlag nun Abhilfe: „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ lautet der Titel der von Adorno 1967 im Neuen Institutsgebäude in Wien (also jenem Ort, an dem manche von Ihnen Ihre Proseminararbeiten einzureichen pflegen) abgestatteten Wortspende. Es handelt sich dabei gleichzeitig um einen Vorabdruck aus einem im Herbst erscheinenden Sammelband von Adorno-Vorträgen. Das Bändchen hat gleich mehrere Vorteile: es ist angesichts seines dünnen Umfangs in Windeseile gelesen, für Adorno-Verhältnisse – dem gesprochenen Wort sei Dank – locker-flockig formuliert und bietet vom Großmeister der Kritischen Theorie anderswo schon entwickelte Gedanken in teils neuer (im Sinne von: so noch nicht gelesener) Formulierung. Der perfekte Fundus also, um mit wenig Aufwand das Arsenal an Adornismen aufzufrischen. Für jene, die selbst diesen Aufwand scheuen, ist die nachfolgende, sanft kommentierte Auswahl gedacht, bei welcher besonderer Wert auf hohe Alltagstauglichkeit gelegt wurde.


  • Wenn Sie in einer Buzzword-Bingo-Session gefangen sind und jemand „Digitalisierung“ sagt (was fraglos passieren wird), so replizieren Sie:

„Die Technologie mag neu sein, der Prozess samt seiner gesellschaftlichen und sozialpsychologischen Implikationen ist es nicht. Hat doch Adorno schon 1967 ‚das Gespenst der technologischen Arbeitslosigkeit‘ benannt, das damals bereits unter dem Schlagwort der ‚Automatisierung‘ umging. Die Konsequenz ist diesselbe, nämlich dass ‚die Menschen, die im Produktionsprozeß drinstehen, sich bereits als potentiell überflüssig […], sich als potentielle Arbeitslose eigentlich fühlen.‘” (Adorno 2019, S. 11f.; kursive Textstellen unter einfachen Anführungszeichen markieren Zitate aus Adornos Vortrag)

  • Wenn jemand Unverständnis darüber äußert, dass ausgerechnet in einer globalisierten Welt und der fortgeschrittenen europäischen Integration der Nationalismus wieder seine hässliche Fratze reckt – das sei doch paradox! –, so reagieren sie souverän:

Tatsächlich hat ‚der neue Nationalismus oder Rechtsradikalismus […] angesichts der Gruppierung der Welt heute […] etwas Fiktives. Es glaubt eigentlich niemand mehr so ganz daran. Die einzelne Nation ist in ihrer Bewegungsfreiheit […] außerordentlich beschränkt.‘ Die nationalistische Reaktion muss nicht wunder nehmen, ist es doch ’sehr oft so, daß Überzeugungen und Ideologien gerade dann, wenn sie eigentlich durch die objektive Situation nicht mehr recht substantiell sind, ihr Dämonisches, ihr wahrhaft Zerstörerisches annehmen.‘ (S. 13) ‚Ähnliches dürfte es mit dem, wenn ich es so nennen darf, „pathischen“ Nationalismus heute auch auf sich haben.‘ (S. 14)

  • Wenn Ihnen jemand einreden will, Rechtsextremismus sei eben eine „pathologische Normalität“ liberaler Demokratien und vielmehr Beleg für deren Funktionieren als für das Gegenteil, so kontern Sie ebenso respektvoll wie treffsicher:

Der empirische Gehalt Ihrer Aussage ist zu bejahen – doch gleichzeitig, bei aller Wertschätzung, steckt doch ‚darin so ein gewisses quietistisch bürgerlich Tröstendes, wenn man sich das so vorsagt.‘ Ja, das von Ihnen benannte Phänomen existiert allenthalben – ‚aber doch nur als Ausdruck dessen, daß dem Inhalt nach, dem gesellschaftlich-ökonomischen Inhalt nach, die Demokratie eben bis heute nirgends wirklich und ganz sich konkretisiert hat, sondern formal geblieben ist. Und die faschistischen Bewegungen konnte man in diesem Sinn als die Wundmale, als die Narben einer Demokratie bezeichnen, die ihrem eigenen Begriff eben doch bis heute noch nicht voll gerecht wird.‘” (S. 17f.)

  • Wenn eine Erörterung des Katastrophischen als Merkmal rechter bis rechtsextremer Diskurse sich bereits erschöpft zu haben scheint, sind Sie noch lange nicht fertig:

Dass Rechte ständig den Untergang von allem beschwören, das wahr, gut und schön ist, und sich gleichzeitig als jene inszenieren, die allein im Stande wären, eben diese Entwicklung aufzuhalten, ist trivial. Der entscheidende Punkt ist doch, dass sie ‚in gewisser Weise die Katastrophe wollen, daß sie von Weltuntergangsphantasien sich nähren‘. (S. 19f.) Psychoanalytisch gesprochen, appellieren sie ‚an den unbewußten Wunsch nach Unheil, nach Katastrophe‘. Und weil ich den Widerspruch schon aus Ihren, von Ressentiment gegen die Psychoanalyse triefenden Augen ablesen kann: ja, dieser Wunsch hat, neben der psychologischen Komponente, auch eine ‚objektive Basis‘. Denn ‚[w]er nichts vor sich sieht und wer die Veränderung der gesellschaftlichen Basis nicht will, […] der will aus seiner eigenen sozialen Situation heraus den Untergang, nur eben dann nicht den Untergang der eigenen Gruppe, sondern wenn möglich den Untergang des Ganzen.‘” (S. 20)

  • Wenn jemand wieder einmal mit der „Erkenntnis“ langweilt, dass man eines der FPÖ schon lassen müsse: in ihrer Nutzung der neuen sozialen Medien sei sie allen anderen weit voraus, bringen Sie mit nachfolgendem Zitat etwas gesellschaftstheoretischen Tiefgang in die Runde:

Tatsächlich beruht der Erfolg der Freiheitlichen nicht zuletzt auf einer ‚außerordentliche[n] Perfektion der Mittel, nämlich in erster Linie der propagandistischen Mittel in einem weitesten Sinn‘ – freilich ‚kombiniert mit Blindheit, ja Abstrusität der Zwecke, die dabei verfolgt werden.‘ Und ebenjene Gleichzeitigkeit atmet letztlich den Geist der ‚zivilisatorischen Gesamttendenz, die ja überhaupt auf eine solche Perfektion der Techniken und Mittel hinausläuft, während der gesamtgesellschaftliche Zweck dabei eigentlich unter den Tisch fällt.‘” (S. 23)

  • Wenn Ihnen jemand eine Petition zuleitet, die gegen den rassistischen Normalzustand und seine ExekutorInnen in Regierungsverantwortung mehr „Menschlichkeit“ in Stellung bringen will (oder Sie auf den Donnerstagsdemos gegen Schwarz-Blau III ab Jänner 2020 entsprechender Schilder ansichtig werden), geben Sie mit Adorno die Spielverderberin:

„‘Man soll nicht in erster Linie mit ethischen Appellen, mit Appellen an die Humanität operieren, denn das Wort ‚Humanität‘ selber und alles, was damit zusammenhängt, bringt ja die Menschen, um die es sich handelt, zum Weißglühen, wirkt wie Angst und Schwäche, etwa ähnlich so, wie in bestimmten Vorgängen, die mir bekannt sind, die Erwähnung von Auschwitz zu Rufen wie ‚Hoch Auschwitz‘ geführt hat und die bloße Erwähnung jüdischer Namen bereits zum Gelächter.‘” (S. 27f.)

Dazu eine kleine Fußnote: Adorno spielt hier auf Ereignisse an, die sich wenige Jahre zuvor in Wien zugetragen hatten. Der Mann, der durch die Erwähnung jüdischer Namen in seinen Vorlesungen verlässlich Gelächter geerntet hatte, war Taras Borodajkewycz (Hochschule für Welthandel, heutige WU). „Hoch Auschwitz“ war eine Parole der Alt- und Neonazis gewesen, die sich den antifaschistischen Demonstrationen gegen Borodajkewycz entgegenstellten.

  • Wenn Sie nach Ihrer Intervention über die Sinnlosigkeit von Humanitätsappellen vor die Frage gestellt werden, wie denn sonst der Herausforderung von rechts zu begegnen sei, können Sie es hiermit versuchen:

„‘[D]as einzige, was mir nun wirklich etwas zu versprechen scheint, ist, daß man die potentiellen Anhänger des Rechtsradikalismus warnt vor dessen eigenen Konsequenzen, daß man ihnen klar macht eben, daß diese Politik auch seine eigenen Anhänger unweigerlich ins Unheil führt und daß dieses Unheil von vornherein mitgedacht worden ist […]. Also man muß, wenn man gegen diese Dinge im Ernst angehen will, auf die drastischen Interessen derer verweisen, an die sich die Propaganda wendet.‘” (S. 28)

  • Selbst, wenn Ihr Gegenüber sich dadurch nicht überzeugen lässt und empirische Belege für die Sinnhaftigkeit der von Ihnen ins Spiel gebrachten Strategie fordert, sind Sie vorbereitet (wobei es sich empfiehlt, die Entstehungszeit ihrer empirischen Referenz zu verschweigen):

Es hat sich in den Studien zur autoritären Persönlichkeit gezeigt, ‚daß auch die vorurteilsvollen Persönlichkeiten, die also durchaus autoritär, repressiv, politisch und ökonomisch reaktionär gewesen sind, an der Stelle, wo es sich um ihre eigenen durchsichtigen, für sie selbst durchsichtigen Interessen gehandelt hat, ganz anderes reagieren‘ undsich relativ rational verhalten.‘” (S. 52)

  • Wenn Sie Ihrer Abscheu gegen Gabalier Ausdruck verleihen und Ihr Gegenüber entgegenhält, dass man diesem Trachtenzombie doch bitte nicht soviel Aufmerksamkeit widmen sollte – es gäbe ja nun wirklich politisch relevantere Teilphänomene des allgemeinen Rechtsrucks –, entgegnen Sie, dass

auch unter dem Gesichtspunkt der Politik die Symptome der Kulturreaktion und der angedrehten Provinzialisierung mit besonderer Wachsamkeit beobachtet werden müssen, weil das, einfach weil die außenpolitische Bewegungsfreiheit diesen Bewegungen abgeht, der Bereich ist, in dem sie am meisten sich austoben können und sicherlich versuchen und noch mehr versuchen werden, sich auszutoben.‘” (S. 30)

  • Wenn jemand „Silberstein!“ sagt / Wenn Sie eine beliebige Presseaussendung oder Wortmeldung aus dem Kreis der Neuen Volkspartei vor sich haben, versetzen Sie wissend:

[N]och das Tabu über der Erwähnung der Juden wird zu einem Mittel der antisemitischen Agitation, nämlich so mit diesem Augenzwinkernden: ‚Wir dürfen ja nichts darüber sagen, aber wir verstehen uns unter uns. Wir alle wissen, was wir meinen.‘ Und die bloße Erwähnung etwa eines jüdischen Namens genügt dieser Technik der Anspielung bereits, um bestimmte Effekte hervorzurufen.‘” (S. 35)

  • Wenn Ihnen jemand weismachen will, dass die von rechtsaußen ständig erhobene Forderung nach „mehr (direkter) Demokratie“ wohl doch Zeugnis davon ablege, dass diese Gruppierungen ihre Frontstellung gegen die Demokratie aufgegeben hätten, erinnern Sie daran, dass

„‘diese Ideologie durch die Gesetzgebung an ihrer vollen Äußerung verhindert [ist]. […] [D]er Zwang zur Anpassung an demokratische Spielregeln bedeutet auch eine gewisse Änderung in den Verhaltensweisen, und insofern liegt darin doch auch ein Moment […] der Gebrochenheit, die diese Bewegungen im Stadium ihres Revenanttums nun einmal haben. Das offen Antidemokratische fällt weg. Im Gegenteil: Man beruft sich immer auf die wahre Demokratie und schilt die anderen antidemokratisch.‘” (S. 37)

  • Wenn Ihnen jemand einen Kommentar zu Ibiza abringen will, obwohl dazu doch nun wirklich schon alles gesagt ist (und zwar von jedem), ziehen Sie sich mit Adorno in Tweetlänge aus der Affäre:

Am Ende des Tages haben Strache und Gudenus eindrucksvoll das wenig (mir aber durchaus) bekannte Diktum von Adorno über den Rechtsextremismus bestätigt: ‚ich halte das Ideologische gegenüber dem politischen Willen dranzukommen wirklich für ganz sekundär‘.” (S. 37)

  • Wenn Sie beim Zeitungsstudium im Café das aberhundertste Erklärstück über die vermeintlich so „neuen“ Rechten lesen, seufzen Sie gequält, nehmen einen Schluck aus der Espressotasse und murmeln, für den Nachbar*innentisch gerade noch hörbar:

„‘Es ist erstaunlich, wenn man die Dokumente liest, wie wenig zu dem alten Repertoire an Neuem hinzugekommen ist, wie sekundär und aufgewärmt es ist.‘” (S. 37)

–  Womit Sie sowohl die Geisteswelt von „Identitären“ & Co., als auch das Gros der journalistischen Erzeugnisse über ebenjene treffend charakterisiert hätten.

  • Wenn Ihnen jemand erklärt, Herbert Kickl sei zwar politisch unverträglich, aber sein polit-kommunikatorisches Genie müsse man wohl neidlos anerkennen, werfen Sie relativierend ein, dass es sich bei dem Repertoire des vermeintlich Genius doch

„‘um eine relativ kleine Zahl immer wiederkehrender standardisierter und vollkommen vergegenständlichter Tricks handelt, die ganz arm und dünn sind, die aber auf der anderen Seite gerade durch ihre permanente Wiederholung ihrerseits einen gewissen propagandistischen Wert für diese Bewegungen gewinnen.‘” (S. 43f.)

  • Wenn man daraufhin von Ihnen wissen will, wie diesen Tricks denn zu begegnen sei, haben Sie dank Onkel Teddy auch darauf eine Antwort parat:

Man sollte sie ‚dingfest machen, ihnen sehr drastische Namen geben, sie genau beschreiben, ihre Implikationen beschreiben und gewissermaßen versuchen, dadurch die Massen gegen diese Tricks zu impfen, denn schließlich will niemand ein Dummer sein, oder, wie man in Wien sagt, niemand will die ‚Wurzen‘ sein. Und daß das Ganze auf eine gigantische psychologische Wurztechnik, auf einen gigantischen psychologischen Nepp herausläuft, das ist wohl durchaus zu zeigen.‘” (S. 54)

  • Wenn Ihnen jemand einbläuen will, dass die Linke viel zu lange einen Bogen um die Themen Islam, Einwanderung und Integration gemacht habe und den Erfolgslauf der Rechten nie eindämmen werde können, solange sie sich den Sorgen und Ängsten der Autochthonen über die entstehenden Parallelgesellschaften nicht offensiv zuwende, erinnern Sie daran, dass

„‘dieser ganze Komplex der autoritätsgebundenen Persönlichkeit und der rechtsradikalen Ideologie in Wirklichkeit seine Substanz gar nicht an den designierten Feinden hat, gar nicht an denen hat, gegen die man dabei tobt, sondern daß es sich dabei um projektive Momente handelt, also daß die eigentlichen Subjekte einer Studie, die, die man zu begreifen und zu verändern hätte, die Rechtsradikalen sind und nicht die, gegen die sie ihren Haß mobilisiert haben.‘” (S. 52f.)

  • Wenn jemand – vermutlich derselbe Mensch wie eben – fordert, die Linke müsse selbst populistischer werden, mit denselben Mechanismen operieren wie das politische Gegenüber, eröffnen sie gönnerhaft:

Fürwahr, man muss dem Rechtsextremismus, ‚abgesehen vom politischen Kampf mit rein politischen Mitteln, in seiner eigensten Domäne‘ – jener der Propaganda nämlich – ’sich stellen. Aber nun nicht Lüge gegen Lüge setzen, nicht versuchen, genauso schlau zu sein wie er, sondern nun wirklich mit einer durchschlagenden Kraft der Vernunft, mit der wirklich unideologischen Wahrheit dem entgegenarbeiten.’” (S. 54f.)

  • Wenn Ihnen schlussendlich jemand mitteilt – und wenn Sie die vorliegende Handreichung fleißig zum Einsatz bringen, ist das nur eine Frage der Zeit –, Sie mögen bitte nicht ständig so obergescheit daherreden und überdies nicht alle zwei Sätze Adorno zitieren, haben Sie hiermit einen garantierten Winner (der zwar das Gegenüber nicht befrieden, aber doch zumindest eine Weile zähneknirschend schweigen lassen wird):

Wie Adorno schon wusste: ‚vor allem solange man nicht offen antisemitisch sein kann und solange man auch nicht die Juden umbringen kann, weil das ja bereits geschehen ist, sind besonders verhaßt die Intellektuellen‘.” (S. 32)

Da Sie vermutlich auch dem einen oder der anderen Bewegungslinken über den Weg laufen werden, an denen Adorno-Referenzen grundsätzlich abprallen, da dieser doch – anders als Marcuse! – von seinem akademischen Elfenbeinturm aus soziale Bewegungen mit seinen kritischen Einwürfen gelähmt und ihnen eingeredet habe, es lasse sich ohnehin nichts machen, seien Ihnen abschließend noch die folgenden Worte an die Hand gegeben, die Adorno ganz am Schluss seines Wiener Vortrags sprach:

Die Frage, wie es mit dem Rechtsextremismus wohl weitergehe, sei ‚falsch, denn sie ist viel zu kontemplativ. In dieser Art des Denkens, die solche Dinge von vornherein ansieht wie Naturkatastrophen, über die man Voraussagen macht wie über Wirbelwinde oder über Wetterkatastrophen, da steckt bereits eine Art von Resignation drin, durch die man sich selbst als politisches Subjekt eigentlich ausschaltet, es steckt darin ein schlecht zuschauerhaftes Verhältnis zur Wirklichkeit. Wie diese Dinge weitergehen und die Verantwortung dafür, wie sie weitergehen, das ist in letzter Instanz an uns.‘ (S. 55)

Das Buch: Theodor W. Adorno (2019 [1967]), Aspekte des neuen Rechtsradikalismus – Ein Vortrag. Mit einem Nachwort von Volker Weiss. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

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Monographie:

Helga Amesberger, Brigitte Halbmayr, Elke Rajal (2019): „Arbeitsscheu und moralisch verkommen“. Verfolgung von Frauen als „Asoziale“ im Nationalsozialismus (mandelbaum verlag)

9783854765967

Nähere Informationen auf der Verlags-Website (https://www.mandelbaum.at/buch.php?id=897&menu=buecher)

Artikel und Buchbeiträge (Auswahl):

Rajal, Elke (2018): Mit Bildung gegen Antisemitismus? Möglichkeiten und Grenzen antisemitismuskritischer Bildungsarbeit. In: SWS-Rundschau (58.Jg.), Heft 2/2018, 132-152.

Rajal, Elke (2017): Offen, codiert, strukturell – Antisemitismus bei den ‚Identitären‘. In: Goetz, Judith/ Sedlacek, Joseph Maria/ Winkler, Alexander (Hg.), „Untergangster des Abendlandes“. Ideologie und Rezeption der neofaschistischen ‚Identitären‘. Hamburg: marta press, 309-350.

Niederkofler, Heidi/Rajal, Elke (2017): Melting Pot Ottakring!? Distinktionsprozesse und Disziplinierungsbestrebungen an den Rändern des Urbanen. Ein Projektbericht. In: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Band 3/2017, 196-222.

Rajal, Elke (2015): Holocaust Education in Austria in the Light of the Frankfurt School. In: Journal for the Study of Antisemitism. Volume 7 Issue #2 2015, 53-67.

Rajal, Elke (2015): Anmerkungen zur schulischen Vermittlung des Nationalsozialismus und seiner Verfolgungs- und Vernichtungspolitik. In: Aistleitner, Judith/ Lorenz, Laurin/ Wallerberger, Thomas (Hg.): Grenzüberschreitungen: Didaktische Materialien zur Exilliteratur. Wien: Resch Druck, 16-18.

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Monographie:

„Im nationalen Abwehrkampf der Grenzlanddeutschen“: Akademische Burschenschaften und Politik in Österreich nach 1945 (Wien: Böhlau-Verlag 2015)

205-79600-8_PB_weidinger.indd

Nähere Informationen und Volltext auf der Verlags-Website.

Buchbeiträge (Auswahl):

Traditionsreiche Symbiose mit Konfliktpotenzial. Völkische Studentenverbindungen und die FPÖ, in: Stephan Grigat (Hg.), AfD & FPÖ. Antisemitismus, völkischer Nationalismus und Geschlechterbilder (Baden-Baden: Nomos 2017, S. 121-136)

9783848738052

Extreme Rechte in Österreich, in: Klaus Ahlheim/Christoph Kopke (Hg.), Handlexikon Rechter Radikalismus (Ulm: Klemm+Oelschläger 2017, S. 35-37)
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The Far Right in Austria: Small on the Streets, Big in Parliament, in: Maik Fielitz/Laura Lotte Laloire (Hg.), Trouble on the Far Right. Contemporary Right-Wing Strategies and Practices in Europe (Bielefeld: transcript 2016, S. 43-48)

9783837637205kCTuidgSrogm0_600x600

Deutsche Burschenschaften in Österreich, in: Wolfgang Benz (Hg.), Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, Bd. 5: Organisationen (Berlin: de Gruyter 2012, S. 140-145)

61Gqm-iM+AL

1968 und die Reaktion(en): Neuer akademischer Kulturkampf und rechter Richtungsstreit an österreichischen Universitäten um 1970, in: Max Livi/Daniel Schmidt/Michael Sturm (Hg.), Die 1970er Jahre als schwarzes Jahrzehnt. Politisierung und Mobilisierung zwischen christlicher Demokratie und extremer Rechter (Frankfurt/M.: Campus 2010, S. 147-170)

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Zum Verhältnis von Rassismus, Antisemitismus und Israelkritik, in: Bea Gomes/Andreas Hofbauer/Walter Schicho/Arno Sonderegger (Hg.), Rassismus. Beiträge zu einem vielgesichtigen Phänomen (Wien: Mandelbaum 2008, S. 227-255)

9783854762386

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Aviso: Dritter FIPU-Band erscheint in Kürze im Mandelbaum-Verlag

Band 3 der von der Wiener Forschungsgruppe ­Ideologien und Politiken der Ungleichheit herausgegebenen Rechts­extremismus-Reihe befasst sich mit Verhandlungen von Geschlecht im Rechtsextremismus. Der Band versucht sowohl einen Überblick über den ­gegenwärtigen Forschungsstand zu geben als auch auf bislang kaum be­arbeitete Themenaspekte und Akteur*innen ­einzugehen. Dazu gehören etwa Phänomene wie die aktive ­Partizipation von Trans*-Personen innerhalb des rechts­extremen Spek­trums oder auch die grundlegende Inter- und Trans*-Feindlichkeit der Szene. Weiters wird näher auf die Bedeutung von unterschiedlichen Männlichkeitskonstruktionen innerhalb der extremen Rechten eingegangen. Ein Fokus wird zudem auf antifeministische Mobilisierungen gelegt, die verstärkt eine Scharnierfunktion zu anderen Akteur*innen und Ungleichheitsideologien wie Antisemitismus und Rassismus bilden.

Der Band schließt thematisch an den 2014 erschienenen FIPU-Erstling „Rechtsextremismus: Entwicklungen und Analysen“ sowie den 2016 erschienen Sammelband „Rechtsextremismus – Band 2: Prävention und politische Bildung“ an.

Inhalt

Brigitte Bailer

Die Rolle von Frauen im Rechtsextremismus

Ein Vorwort

FIPU

Zur Einleitung

Judith Goetz

Gender und Rechtsextremismus

Ein Überblick über die geschlechterreflektierte Rechtsextremismusforschung in Österreich

Carina Klammer

Körper- und Geschlechterbilder im Nationalsozialismus

Kontinuitäten und Brüche

Andreas Hechler

„Missbildung“

Interdiskriminierung in der extremen Rechten

Judith Goetz

„Sittliche Gefährdungen samt Irreleitung des Geschlechtertriebes“

Trans*feindlichkeit und rechte Trans*personen in Österreich

Lisa Auzinger

„Für unsere Kinder, unsere Kindeskinder, für unser Volk“

Geschlechterkonstruktionen und Erziehung im rechtsextremen Lager

—-

Matthias Falter & Verena Stern

Zum „Schutz des Volkes“ gegen Gender

Eine geschlechterpolitische Verortung der FPÖ

—-

Stefanie Mayer & Judith Goetz

Mit Gott und Natur gegen geschlechterpolitischen Wandel

Ideologie und Rhetoriken des rechten Antifeminismus

Carina Klammer & Nico Bechter

„Anti-Gender“ als kultureller Code?

Theoretische Überlegungen zum gegenwärtigen Antifeminismus

Heribert Schiedel

Angry White Men

Männlichkeit(en) und Rechtsextremismus

Anna Jungmayr, Judith Goetz & Katharina Nöbl

„Hätt’ Maria abgetrieben …“

Eine kritische Auseinandersetzung mit den Protesten gegen organisierte Abtreibungsgegner_innen

Von Max Rigele

Immer wieder gerät Sexualaufklärung ins Visier rechter AkteurInnen. Unter dem Kampfbegriff der “Frühsexualisierung” wird gegen die Bearbeitung geschlechtlicher und sexueller Vielfalt im Unterricht gewettert. Mit Kindern und Jugendlichen offen und umfassend über Sex zu sprechen darf nicht sein. Wo jedoch liegen die Wurzeln dieser Aversion? Eine psychoanalytische Auseinandersetzung verspricht Erkenntnisse.

Knapp zwei Jahre ist es her, dass eine Welle der Anfeindung über den Grazer Aufklärungsverein liebenslust* hereinbrach. Von “besorgten Eltern” bis zur FPÖ wurde dem Verein die Gefährdung kindlichen Wohlbefindens angelastet. Verstörend und überfordernd seien die angebotenen Workshops.[1] Das freiheitliche Parteiorgan Wir Steirer witterte gar die “gezielte Verwirrung der Kinder bezüglich ihrer geschlechtlichen Identität”.[2] Anstelle der abgelehnten Sexualpädagogik wünscht man sich Aufklärung primär im Rahmen der Familie.[3]

Der Vorwurf der “Frühsexualisierung” steht dabei mal implizit, mal explizit im Raum.[4] Sexualität wird so als Kindern fremd postuliert. Von außen aufoktroyiert, führe sie bloß zu Unglück. Gleichzeitig befürwortet man zwar eine “altersgerechte, respektvolle und sensible” Aufklärung, doch deren Gehalt bleibt weitgehend unklar. Lediglich ihre Kontextualisierung wird deutlich: Werte wie Familie, Treue und Partnerschaft gilt es zu vermitteln.[5]

Infantile Sexualität und Wissbegier

Die Annahme einer “unschuldigen” Kindheit ist allerdings illusionär. Sexualität, als Streben nach Lust, ist von Beginn an Teil des menschlichen Lebens. Sie erstreckt sich vom genüsslichen Lutschen des Säuglings, über die genitalen Spiele des Kindes bis zu ihrer erwachsenen Ausprägung. Kinder begehren somit auf ihre spezifische Art, aber sie begehren.[6] Darüber hinaus setzen sie sich eigenständig mit ihrer Umwelt auseinander. Eine Beschäftigung mit Sexualität ergibt sich dabei notwendigerweise. Quelle der Wissbegier kann etwa die Angst vor einem potenziellen Geschwister sein. Um die eigene innerfamiliäre Position besorgt, drängt sich dem Kind die Frage auf: Woher kommen die Babys?[7] Wie bereits Annie Reich in der Aufklärungsbroschüre Wenn dein Kind dich fragt… verdeutlicht, muss auf solches Interesse ehrlich und umfassend eingegangen werden. Andernfalls wird sich das Kind auf eigene Faust Wissen aneignen, “das von falschen, qualvoll beunruhigenden Wirkungen nur so wimmelt.”[8]

Das Dilemma der Sexualität

Sexualität erscheint im Weltbild der extremem Rechten folglich in verzerrter Form. Sie ist dabei nicht nur Gegenstand reaktionärer Aufregung, sondern auch ein wesentlicher Schlüssel zu deren Verständnis. Im Spannungsfeld von Trieb und Gesellschaft ist Sexualität einer konflikthaften Entwicklung unterworfen.[9] An ihrem Anfang steht dabei eine Phase der Ungeschiedenheit. So ist der Mensch zu Beginn des Lebens Noch-Nicht-Subjekt. Weder sieht er sich als eins mit seiner Umgebung, noch als getrennt von ihr. Stattdessen werden Objekt und Subjekt als “vielfältig situativ fragmentiert und durchmischt”[10] erlebt. Erst die “Not des Lebens, […] das Ausbleiben der unmittelbaren leiblichen Befriedigung”[11] führt zu Differenzerfahrung. Die Verschiedenheit von Selbst und Welt wird also im Fernbleiben der Lustquelle deutlich. In Folge ihrer Abwesenheit identifiziert das Kind sie erstmals als Äußere. Befriedigung erscheint ihm dabei als Zustand “homöostatischer Einheit”[12], “als Zeit vor der Differenz”[13]. Dieser Zustand hat real jedoch nie existiert, vielmehr wird er rückwirkend in die Vergangenheit hineingelegt. Das retrospektiv Erzeugte ist immer schon verloren.[14]

Einmal mit Befriedigung assoziiert bleibt das Jenseits der Differenz Ziel des Triebes. Notwendigerweise gerät es demnach außer Reichweite. Die Eigenständigkeit des Objekts führt unausweichlich zu Versagung: Sie gewährt Lust, verweigert aber die objektlose Einheit. Ergo bleibt vollständige Befriedigung unerreicht. Sie tritt stets nur bis zu einem gewissen Maß ein. Dabei kennzeichnet sie fehlende Ewigkeit. Ist das Objekt gerade nicht verfügbar, tritt zumindest temporär Unlust auf. Dementsprechend ist das Verhältnis des Subjekts zum Objekt ambivalent. Einerseits wird das Objekt im Wunsch nach Befriedigung begehrt. Andererseits wird es für die zugemuteten Entsagungen gehasst. Zudem reizt das Objekt, da es durch die Versagung der Befriedigung Verlangen hervorruft und damit auf die eigene Abhängigkeit verweist.[15] Die Struktur des Triebes ist folglich dialektisch. Sie bringt “aus sich heraus das Begehren nach dem Objekt und den Widerwillen gegen dieses [hervor]”[16]. Hierin liegt das Dilemma der Sexualität.

Eine Möglichkeit, die Ambivalenz gegenüber dem Objekt handhabbar zu machen, findet sich in der Geschlechterdifferenz. Sie stellt eine gesellschaftliche “Übersetzungshilfe”[17] für die Spannungen der kindlichen Sexualität dar. “Die Rekategorisierung des Erlebens des ‘Sexualitätsdilemmas’ unter dem Vorzeichen der Geschlechterdifferenz bewirkt eine so schmerzliche wie entlastende Vereinseitigung: Erfahrungen der identifikatorischen Nähe und Sympathie – der Differenzlosigkeit – werden weiblich, jene der autonomen Distanz und narzisstischen-wütenden Selbstbehauptung – der Differenz – männlich codiert.”[18] Was sich dieser Dualität entzieht oder der eigenen Geschlechtszuweisung widerspricht, wird verdrängt.[19] Anfangs wird diese Trennung jedoch nicht dauerhaft und eindeutig vollzogen. Noch identifiziert sich das Kind mit Vater und Mutter. Erst im Zuge des Ödipuskomplexes werden klare Geschlechtergrenzen gesetzt.[20] Eigens betrachtet werden müsste die kindlich Auseinandersetzung mit Geschlecht, in Familienkonstellation jenseits der hier untersuchten Vater-Mutter-Kind Triade.

Der Ödipuskomplex – Verfestigung geschlechtlicher Unterschiede

Der Ödipuskomplex verläuft bei Junge und Mädchen unterschiedlich. Der Junge beginnt in der ödipalen Phase seinen Vater zu fürchten. Dieser wird als Konkurrent um die begehrte Mutter wahrgenommen. In der Phantasie des Jungen droht durch ihn die Kastration. Um dieser zu entgehen, entsagt der Junge letztlich seinem Objekt und verinnerlicht die väterliche Autorität.[21] Diese verbietet jedoch nicht nur das Begehren der Mutter, sondern auch die Identifikation mit ihr. So sein wie der Vater, heißt männlich sein. Für das Sexualitätsdilemma bedeutet dieser Prozess die schon oben beschriebene Vereinseitigung hin zur Differenz. Der Penis wird hierfür zum Symbol. Narzisstisch besetzt, mit Omnipotenzphantasien aufgeladen und somit zum Phallus geworden, steht er für die Unabhängigkeit von der Mutter. Die Spannung zwischen Differenz und Differenzlosigkeit, zwischen Anziehung und Abstoßung gegenüber dem Objekt wird scheinbar aufgelöst. Eine tatsächliche Überwindung des ambivalenten Objektverhältnisses gelingt jedoch nicht. Der “phallische Herr”[22] bleibt real von seinem Objekt abhängig, besitzt sein Penis doch einen Doppelcharakter: “autarker Phallus und dem Objekt der Lust gegenüber heteronom reagierender Penis”.[23] Die sexuelle Lust an sich verhindert demnach vollständige Autonomie. Das Sexualitätsdilemma wurde so in ein Männlichkeitsdilemma verwandelt. Das widersprüchliche Verhältnis zum Objekt setzt sich fort, jedoch unter anderen Vorzeichen.[24]

Genau wie der Junge identifiziert sich das Mädchen präödipal mit beiden Elternteilen. Aus diesem Nebeneinander ergibt sich aber bald ein Widerspruch. So verspricht das väterliche Ideal Autonomie und Macht. Gleichzeitig ist es unvermeidlich mit einer Abwertung von Weiblichkeit verbunden. Die Identifikation des Mädchens mit der Mutter, also mit Weiblichkeit, wird so zum Problem für eigene Unabhängigkeitsbestrebungen.[25] Das Mädchen sieht sich folglich im Nachteil gegenüber dem Jungen, ist ihm doch ein Mehr an Macht und damit an Autonomie möglich. Enttäuscht gibt das Mädchen die Schuld an ihrer Lage der Mutter. In der Vorstellung des Mädchens hat sie es ohne Penis und damit mit weniger Möglichkeiten ausgestattet. In Konsequenz verwirft das Mädchen die Mutter als Liebesobjekt. Die Identifikation mit dem Vater hingegen wird in libidinöses Begehren gewendet. Damit beginnt der weibliche Ödipuskomplex.[26]

Der Liebe zum Vater ist ihr “narzisstischer Ursprung”[27] dabei deutlich anzumerken. Worauf sie zielt, ist die “Teilhabe an seiner Phallizität”[28]. Von hier an kommt es zu einer, dem Ödipuskomplex des Jungen, ähnlichen Entwicklung. Wie der Junge den Vater, fürchtet das Mädchen die Mutter als Konkurrentin. Aus Selbstschutz identifiziert es sich mit ihr und verinnerlicht ihre Autorität.[29]

Psychische Abwehr und das Kind als Projektionsfläche

Wie rigide die Abwehr nicht geschlechtskonformer Selbstanteile vor sich geht, ist variabel. Eine große Rolle hierbei spielt die Art und Weise, wie Zweigeschlechtlichkeit lebensgeschichtlich durchgesetzt wurde. Passiert dies zu repressiv, liegen Konformismus und eine Unfähigkeit zu Kritik nahe.[30] Pseudomaskulinität beziehungsweise -feminität sind die Folge. Diese entsprechen “konsequent den gesellschaftlichen Normen hinsichtlich dichotomer Geschlechterverhältnisse und Geschlechterrollen”[31]. Pseudomaskulinität und Pseudofeminität stellen somit widerspruchsfreie Identitäten dar. Sie konstituieren sich durch den Ausschluss des Nicht-Passenden und lassen keinen Spielraum für Abweichung. Die Widersprüche in der eigenen Geschlechtlichkeit müssen vehement verleugnet werden.

Das bedeutet eine Abwehr aller nonkonformen Regungen im Inneren, aber auch jener äußeren Einflüsse, die an sie erinnern.[32] Jegliche Auseinandersetzung mit kindlicher Sexualität tut genau dies. Die Vermutung liegt nahe, dass ihre Anerkennung die Pseudomaskulinen und -femininen gefährlich nahe an eigene verdrängte Selbstanteile heranführen würde. Sollten Kinder eine Sexualität besitzen, wie sah es dann in ihrer eigenen Kindheit mit sexuellen Wünschen aus? Wenn Sexualität sich entwickelt, müsste dann nicht auch in ihrem Leben Entwicklung stattgefunden haben? Wird kindliche Sexualität zum Thema, bleibt folglich nur, diese als Ideologie abzutun. Im selben Atemzug wird der Sexualpädagogik vorgeworfen zu propagieren, was man bei sich selbst heimlich fürchtet: verschwimmende Geschlechtergrenzen und nicht-normgerechte Sexualität. Dabei machen die “Frühsexualisierungs”-GegnerInnen ihr eigenes Nicht-Wissen-Wollen an Kindern fest. Diesen wird Desinteresse am Sexuellen oder Verstörung durch das Sexuelle attestiert. So werden sie zur Projektionsfläche für die Angst und Ablehnung ihrer vermeintlichen Beschützer. Letztlich sind es also innerpsychische Konflikte und ihre Abwehr, die als treibende Kraft hinter dem Hass auf “Frühsexualisierung” stehen.[33]

Fußnoten:

[1] Vgl. Schattleitner, Christoph: Wie ein Grazer Aufklärungsverein gegen Falschinformationen von Rechtspopulisten kämpfen muss. Online unter: https://www.vice.com/de_at/article/wj87pb/sex-hardcore-christen-krone-fpo-und-putin-die-unglaubliche-geschichte-des-grazer-aufklarungsvereins-liebenslust (letzter Zugriff am 30.12.2018)

[2] K.A.: Landesregierung fördert fragwürdige “Sexualpädagogik”. In: Wir Steirer 2/2017, S.14f.

[3] Vgl. Moitzi, Liane: “Förderungen sofort stoppen”. In: Wir Steirer 2/2017, S.15.

[4] Vgl. die bereits genannten Artikel aus “Wir Steirer”, Leserbriefe der Kronen Zeitung (11.02.2017) und Kleinen Zeitung (16.02.2017), sowie die folgende Anfrage bzw. den folgenden Antrag aus dem Steirer Landtag:

https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/BR/J-BR/J-BR_03228/imfname_623792.pdf

https://www.fpoe-stmk.at/fileadmin/user_upload/www.mkunasek.at/PDFs/2017/stopp_der_foerderungen_an_den__selbstaendiger_antrag_1547_1.pdf (letzter Zugriff jeweils am 30.12.2018)

[5] Vgl. Moitzi, Liane: “Förderungen sofort stoppen”. S.15.

[6] Vgl. Quindeau, Ilka: Sexualität. Gießen, 2014, siehe insbesondere das Kapitel “Umschriften: Entwicklungen und Variationen des Sexuellen”.

[7] Vgl. Freud, Sigmund: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Frankfurt am Main, 2009, S.96.

[8] Reich, Annie: Wenn dein Kind dich fragt … Gespräche , Beispiele und Ratschläge zur Sexualerziehung. In: Freie Assoziation. Zeitschrift für psychoanalytische Sozialpsychologie. 1/2016, S.26.

[9] Vgl. Uhlig, Tom David; Rudel, Max: Wenn einem die Natur kommt. Das Identitätsversprechen im Antifeminismus. In: Busch, Charlotte; Dobben, Britta; Rudel, Max; Uhlig, Tom David (Hg): Der Riss durchs Geschlecht. Feministische Beiträge zur Psychoanalyse. Gießen, 2018, S.220.

[10] Winter, Sebastian: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. Eine psychoanalytisch-sozialpsychologische Studie. Gießen, 2013, S.356.

[11] Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. S.352.

[12] Ebd.

[13] Ebd. [Hervorhebung im Original]

[14] Vgl. ebd. sowie Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. S.356.

[15] Vgl. Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. S.354f.

[16] Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. S.355.

[17] Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. S.361.

[18] Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. S.362.

[19] Vgl. Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps.S.361f.

[20] Vgl. Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. S.370f.

[21] Uhlig; Rudel: Wenn einem die Natur kommt. S.217.

[22] Vgl. Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. S.373.

[23] Ebd.

[24] Vgl. Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. S.372f.

[25] Vgl. Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. S.375f.

[26] Vgl. Radonic, Ljiljana: Psychoanalyse als Gendertheorie. Freud und seine Kritikerinnen. In: Göllner, Renate; Radonic, Ljiljana (Hg.): Mit Freud. Gesellschaftskritik und Psychoanalyse. Freiburg, 2007, S.96f und S.100.

[27] Winter: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung das Schwarze Korps. S.376.

[28] Ebd.

[29] Radonic: Psychoanalyse als Gendertheorie. S.100.

[30] Vgl. Radonic, Ljiljana: Psychopathologie der Normalität. Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Kritische Theorie. In: Grigat, Stefan (Hg.): Feindaufklärung und Reeducation. Kritische Theorie gegen Postnazismus und Islamismus. Freiburg, 2006, S.84f .

[31] Stögner, Karin: Antisemitismus und Sexismus. Historisch-gesellschaftliche Konstellationen. Baden-Baden, 2014, S.41.

[32] Vgl. Stögner: Antisemitismus und Sexismus. S.41ff

[33] Fritzsche, Christopher: Vaterideologie im familialistischen Antifeminismus. In: Freie Assoziation. Zeitschrift für psychoanalytische Sozialpsychologie. 1/2018, S.103

Liebe Veranstalter*innen des This Human World – Filmfestival,

wir wenden uns an euch, da uns ein Film in eurem Programm aufgefallen ist, den wir für politisch nicht tragbar halten, vor allem bei einem Menschenrechtsfilmfestival.

Gemeint ist die Dokumentation „#Widerstand“, welche drei Frauen portraitiert, darunter Ingrid Weiss‏, Mitglied der vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands als rechtsextrem und neofaschistisch eingestuften „Identitären“.

Untragbar halten wir das Konzept der Filmemacherin, völlig „wertfrei“ verschiedene politische Ideologien nebeneinanderzustellen, den Einsatz für Geflüchtete mit menschenfeindlichen, rassistischen Ressentiments gleichzusetzen und völkische Reinheitsphantasien und rassistische Ausschlusspraktiken als „Widerstand“ zu adeln. Die neofaschistischen „Identitären“ verhalten sich nicht widerständig zur herrschenden Ordnung, sie wollen diese zuspitzen, eine „noch ordentlichere Ordnung“ (Johannes Agnoli). Das ist ihre konformistische Revolte: Sie greifen die liberalen Versprechungen dieser Gesellschaft an, wollen Schluss machen mit der Idee der unveräußerlichen, universalen Menschenrechte, wollen die autoritäre Gemeinschaft anstelle der offenen Gesellschaft. Wie anders als durch massive Gewalt ist es denn vorstellbar, eine „ethnisch homogene Gemeinschaft“ (Identitäre Bewegung Österreich) in einer von Migration geprägten Gesellschaft herzustellen? Ihr Konzept von „Identität“ läuft auf die Vernichtung des Nicht-Identischen, des Anderen hinaus. Das wird auch ganz offen zugegeben, indem man sich beispielsweise auf die (Vor-)Denker des europäischen Faschismus bezieht, wie Carl Schmitt, der „Kronjurist des Dritten Reiches“, der programmatisch jenes Konzept von Politik vorgab, den die Identitären bis heute folgen: „Zur Demokratie gehört also notwendig erstens Homogenität und zweitens – nötigenfalls – die Ausscheidung oder Vernichtung des Heterogenen. (…) Die politische Kraft einer Demokratie zeigt sich darin, daß sie das Fremde und Ungleiche, die Homogenität Bedrohende zu beseitigen oder fernzuhalten weiß“ (Carl Schmitt). Dass dies eine mörderische Ideologie ist, hat die historische Erfahrung des Nationalsozialismus deutlich gemacht.

Die Erinnerung an diese Erfahrung scheint jedoch zu verblassen. Heute gilt es als Ausweis genuin demokratischen Bewusstseins, ganz vorurteilsfrei über Faschismus zu plaudern. Die Filmemacherin gibt dafür in einem Interview die Schlagworte vor: „wertfrei“, „konstruktiv“ und auf „Dialog“ getrimmt will sie jenen gegenübertreten, deren Ideologie den Anreiz zu Ausschluss, Gewalt und Verbrechen beinhalten. Anstatt Position zu beziehen, werden Selbstorganisierungsprojekte von Geflüchteten in Athen mit organisierten Rassismus in Österreich als „jeweils andere Extreme“ auf eine Ebene gestellt.

Das Konzept des Films ist also aus unserer Sicht höchst kritikwürdig. Es bietet darüber hinaus einer neofaschistischen Kleingruppe eine enorme Bühne, welche die rechtsextremen „Identitären“ gerne zu nützen wissen werden. Nicht nur dass sie von der Kinoleinwand ihre menschenverachtenden Botschaften unwidersprochen verbreiten können, auch im Publikum werden sie am 7.12. im TOP Kino sein. Ihnen geht es nicht um den Dialog, nicht um den Wettstreit des besseren Arguments, sondern um die Zerstörung der demokratischen Debatte. „Unser Ziel ist keine Beteiligung am Diskurs, sondern sein Ende als Konsensform“ (Identitäre Bewegung). Dass dies auch in Gewalt gegen jene kulminiert, die den „Identitären“ als Feindbilder dienen, dass mussten Antifaschist*innen oder Migrant*innen in der Vergangenheit des Öfteren erleben.

Worin besteht nun die „Provokation“, von der die Filmemacherin spricht? Ist es das Abbilden und zur Schau stellen rechtsextremer Ideologien? Dazu reicht ein Blick in die österreichische Tagespolitik oder in die auflagenstärkste Tageszeitung um zu sehen, das rechtsextreme Ideologien in dieser Gesellschaft kein Tabubruch mehr sind, sondern mehrheitsfähig. Auch wenn Rechtsextreme gerne in diese rebellische, #widerständige Pose schlüpfen, um ihren Kampf gegen vermeintliche fremde Mächte als konformistische Revolte zu führen – ihr autoritäres, konservatives Weltbild in ein hippes Protestkostüm zu packen. Sollten wir da mitspielen? Wir glauben: Nein.

Gerade in der jetzigen gesellschaftlichen Situation, in der rechtsextreme Ideologien in der Regierung normalisiert werden, in der massenhaft Menschen an den Grenzen der Europäischen Union sterben, in der Menschen aus ihrem Leben herausgerissen und in Länder abgeschoben werden, in denen der sichere Tod auf die wartet – gerade jetzt gilt es Position zu beziehen. Position gegen Neofaschismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit. Der Film gibt diesen Positionen eine Bühne und arbeitet an deren Verharmlosung. Gerade von einem Menschenrechtsfilmfestival erwarten wir uns etwas anderes.

Wir würden uns wünschen, dass der Film aus dem Programm genommen wird. Falls er doch gezeigt wird, fänden wir es wichtig, wenn die Filmpräsentation mit einem Rahmenprogramm begleitet wird, wo Antifaschist*innen, Rechtsextremismusforscher*innen und Betroffene rechtsextremer, rassistischer Gewalt zu Wort kommen. Und dass es eine Türpolitik gibt, die es Faschist*innen und Rassist*innen nicht ermöglicht, auch im Publikum ihre menschenverachtenden Positionen stark zu machen.

(Zitate der Filmemacherin aus https://vimeo.com/297342194)

Unterzeichner*innen:
autonome antifa [w]
an.schläge. Das feministische Magazin
Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU)
GRAS – Grüne und Alternative Student_innen Wien

Herausgeber*innen des Sammelbands „Untergangster des Abendlandes. Ideologie und Rezeption der rechtsextremen ,Identitären‘“
Hochschüler_innenschaft an der Universität Wien
Redaktion MALMOE

Antwort des Filmfestivals

Liebe Unterzeichner*innen,

zu aller erst möchten wir festhalten, dass eine frühere Antwort aufgrund des regulären Festivalbetriebs nicht möglich war.

Nun zum Inhalt:
Trotz der heftigen Kritik an uns möchten wir uns bei euch für euer Feedback bedanken.
Auch wir sehen die IBÖ nicht als eine Organisation der man wertfrei gegenüber treten kann.
Nichtsdestotrotz ist der Film zeigenswert, gerade im Rahmen eines Menschenrechtsfestivals und nicht zuletzt im Sinne einer künstlerischen Freiheit.

Die Filmemacherin bezieht sehr deutlich Position. Sie tut dies zwar nicht mit einer Erzählstimme oder mit kritischen Fragen, sondern arbeitet mit der Zusammensetzung/Abfolge der Szenen. #Widerstand ist bei weitem nicht der einzige Festivalfilm, der mit dem Stilmittel des Unkommentierten gegenüber untragbaren gesellschaftspolitischen Entwicklungen Position im Sinne der Menschenrechte bezieht.

Ob die IBÖ im Kinosaal sein werden, damit beschäftigen sich die zuständigen Behörden.

Im Anschluss an den Film wird es ein Q&A mit Britta Schoening und Poetry-Slammerin Aicha geben. Dieses Q&A ist uns sehr wichtig, da wir eine kritische Diskussion des Films ermöglichen wollen. Dazu möchte ich euch alle sehr herzlich einladen.
Liebe Grüße
das team von this human world

Gastbeitrag von Daniel Herzog

Wie bereits im Mai berichtet, bedient die Monatszeitschrift „Alles roger?“ antisemitische Stereotypen, indem sie George Soros zum einen als „Heuschreckenspekulanten“ (03/2017, S. 22) bezeichnet und zum anderen ihn als „Liebkind mächtiger Kreise wie der Rothschilds“ (05/2018, S. 9) darstellt. Die Familie Rothschild dient der Zeitschrift dabei als antisemitische Projektionsfläche, die es ermöglicht, eine jüdische Weltverschwörung zu insinuieren, ohne dabei umgehend als offen antisemitisch entlarvt zu werden.

George Soros‘ vermeintliche Verbindung zu den ominös-allmächtigen Rothschilds dient dabei nur als Aperitif für einen zumindestens strukturellen Antisemitismus, der sich zu einem Gebilde von Verschwörungstheorien verhärtet. Der vermeintlich von den Rothschilds gesteuerte „Mega-Spekulant“ (05/2018, S. 8) Soros wird in weiterer Folge als „Leiter der Masseneinwanderung“ (09/2017 S. 12) bezeichnet und Verbindungen zu Christian Kern und Sebastian Kurz (09/2017, S. 12 / 04/2017, S. 33) werden unterstellt.
In anderen Fällen muss George Soros nicht als antisemitisches Verbindungsglied herhalten, sondern es werden direkte Verbindungen zwischen Rothschilds und politischen Entscheidungsträgern hergestellt. Der französische Präsident Emmanuel Macron wird etwa als „Rothschild-Agent“ (06/2017, S. 12) bezeichnet und unmissverständlich festgestellt: „Hinter Macron steht die Familie Rothschild.“ (12/2017, S. 36)

Das Weltverschwörungskonstrukt von „alles roger?“ erschöpft sich jedoch nicht in den Phantasien, dass George Soros, Emmanuel Macron und die „Masseneinwanderung“ von der Familie Rothschild gesteuert werden. Bereits in den frühesten Ausgaben finden sich Artikel wie „Veranstalten die Rothschilds okkulte Zeremonien?“ (Ausgabe #4) und „Zerstören die Rothschilds Afrika?“ (Ausgabe #3). Im fünften Heft treffen Geschichtsrevisionismus und antisemitische Verschwörungstheorie auf besondere Weise aufeinander. Neben leichter Lektüre über den James-Bond-Film „Spectre“, einem Interview mit Heinz-Christian Strache und einer Reportage über die Dating-App „Tinder“ findet sich ein anonym verfasster Artikel mit dem Titel „Der Zynismus des Zionismus“.

In vermeintlich investigativ-journalistischer Manier wird zu Beginn des Textes „aufgedeckt“, dass die Flüchtlingsunterkunft in Traiskirchen von einer „Schweizer Aktiengesellschaft“ betrieben wird. Am Ende einer langen Kette an Beteiligungsverhältnissen würde die Barclays-Bank stehen, die wiederum – man ahnt es schon – „von der Bankier-Familie Rothschild maßgeblich beeinflusst wird.“ Doch der journalistischen Sorgfaltspflicht wäre nicht genüge getan, würde nicht nach den Hintergründen für die Beteiligung der Rothschilds in Traiskirchen gefragt. Profitinteressen als Motiv seien eine „oberflächliche Erklärung.“ Den Rothschilds gehe es vielmehr um Macht. „Sie sind Profis darin, Konflikte zu schüren und diese geopolitisch zu steuern.“ Internationale Flüchtlingsbewegungen würden von der Familie Rothschild orchestriert werden und zwar nicht nur heutzutage, sondern auch schon 1933.

An dieser Stelle beginnt sich der Geschichtsrevisionismus von „Alles roger?“ zu entfalten. So habe die Familie Rothschild sich in den 1920er Jahren als Unterstützerin und Finanzier des Zionismus erwiesen. Im Nahen Osten sollte mithilfe jüdischer Emigranten und Emigrantinnen aus Europa ein neuer Staat entstehen. Laut „Alles roger?“ habe sich bald gezeigt, dass die Bereitschaft vieler Juden und Jüdinnen, einen neuen Staat aufzubauen, nicht den zionistischen Vorstellungen entsprach. „Ein Scheitern war für den Zionismus jedoch nicht vorgesehen. Um der Bewegung zu ihrem großen Erfolg zu verhelfen, musste eine langfristige Bedrohung des Judentums in ganz Europa her.“ Besagte Bedrohung, die demnach erst von außen geschaffen werden musste, sollte in einem „aufgeklärten Land“ in Europa entstehen – in Deutschland. Die Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung sei demnach bewusst von Zionisten wie den Rothschilds eingefädelt worden, um die europäischen Juden und Jüdinnen zur Ausreise in den Nahen Osten zu zwingen. Der verschwörerische Plan der Rothschilds ging auf, ist man sich bei „Alles roger?“ sicher. Denn „viele Menschen auch nichtjüdischer Herkunft, wurden infolge des nationalsozialistischen Rassismus zu Befürwortern des Zionismus. Der Holocaust ließ viele Menschen zum Schluss kommen, Juden müssten einen eigenen Staat haben.“ Den Jüdinnen und Juden wäre schließlich keine andere Wahl geblieben, als, entsprechend der Wünsche der Rothschilds, den heutigen Staat Israel aufzubauen. Doch nicht nur die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten sei auf die Rothschilds zurückzuführen, sondern auch die restriktive Flüchtlingspolitik vieler Staaten wie etwa Frankreichs, Neuseelands, Kanadas, Australiens und der USA. „Den deutschen Juden blieben wenig andere Optionen, als ins heutige Israel zu flüchten, so wie der Zionismus sich das vorgestellt hatte.“

Nach dieser Tirade an antisemitischer Geschichtsfälschung stellt der oder die anonyme Autor/in in fast schon zynischer Anmaßung fest: „Autoren, die sich negativ über die Rothschilds äußern, werden oft und gerne als ‚Antisemiten‘ verleumdet.“ Dass die Zuweisung der Schuld am Holocaust an die jüdische Familien Rothschild antisemitisch ist, stößt bei „alles roger?“-Autor/innen anscheinend auf vollkommenes Unverständnis. So wird etwa in einem Artikel mit dem selbstbemitleidenden Titel „Warum alles roger? so bekämpft wird“ festgestellt: „Besonders gerne wird gegen alternative Medien die Nazi-Keule geschwungen. In unserem Fall deshalb, weil wir uns erlaubten, die Familie Rothschild zu kritisieren und nach Hintergründen der Asylanteninvasion zu fragen.“ (05/2017, S. 51)

Finanziert werden solch hetzerische Geistesblitze unter anderem durch Inserate der Regierungspartei FPÖ und Ministerien der FPÖ (alleine in den Ausgaben 01/2018 bis 06/2018 finden sich vier Inserate der FPÖ und zwei von freiheitlichen Ministerien). Aber auch die ÖVP in der Person von Johanna Mikl-Leitner hat zumindestens einmal in der Zeitschrift eine Werbeanzeige geschalten. (01/2018)

Fehlende Berührungsängste mit der offenkundig antisemitischen wie rassistischen Zeitschrift zeigen sich jedoch auch darin, dass Politiker und Politikerinnen immer wieder dem Blatt für Interviews zur Verfügung stehen. So findet man in dem Weltverschwörungsblatt etwa Interviews mit Herbert Kickl (05/2018), Marlene Svazek (04/2018), Norbert Hofer (03/2018), Dominik Nepp (02/2018), Udo Landbauer (01/2018), Heinz-Christian Strache (11/2017), Ursula Stenzel (02/2017), Johanna Mikl-Leitner (06/2017), Werner Amon (04/2017) und Erwin Pröll (Ausgabe 04/2015).

Das besonders hetzerische Potenzial und die damit einhergehende gesellschaftliche Fanatisierungsgefahr von „Alles roger?“ besteht nicht zuletzt drin, dass harmlose Lifestyle-Artikel wie „Robben-Babys auf Helgoland“ (01/2018) oder „Tiergarten Schönbrunn: Warum Tiere Schneemänner lieben“ (12/2017) neben rassistischen und antisemitischen Verschwörungsphantasien abgedruckt werden. Ein genauerer Blick auf die Zeitschrift zeigt, dass sie nicht nur „tendeziell antisemitisch“ ist, sondern vielmehr seit den drei Jahren ihres Bestehens gezielt antisemitische Vorurteile bedient und schürt.

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