Archiv der Kategorie: Rezensionen

Erziehung zur Kritikfähigkeit

von Tina Füchslbauer erschienen in Versorgerin #111

Die Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) widmet sich in ihrem zweiten Sammelband dem Thema der Prävention und politischen Bildung. Eine fundierte Auseinandersetzung mit der Frage, wie rechtsextremen Tendenzen in der Pädagogik und in der sozialen Arbeit begegnet werden, beziehungsweise wie solchen Entwicklungen vorgebeugt werden kann, ist wichtig und notwendig, denn politische Bildung steckt im postnazistischen Österreich noch in den Kinderschuhen. »Zwischen Symbolpolitik und hektischem Aktivismus« verorten die Forscher_innen von FIPU bisherige Versuche seitens der Politik, Extremisierungstendenzen zu begegnen. Politische Bildung pendelt hierzulande somit zwischen völliger Bedeutungslosigkeit und absoluter Überhöhung hin- und her.

Nach einem historischen Überblick über die Geschichte der politischen Bildung von Günther Sandner folgt von Nico Bechter eine Einschätzung dessen, wie neoliberale Ideologien Einfluss auf die österreichische Bildungspolitik haben. Stefanie Mayer und Bernhard Weidinger stellen in ihrem Beitrag die Frage, ob Pädagogik gegen Rechts einem Kampf gegen Windmühlen gleichkommt und untersuchen Erkenntnisse der kritischen Antisemitismus-, Rassismus-, und Rechtsextremismusforschung auf ihre Relevanz für die politische Bildungsarbeit. Ihre eingangs formulierte Feststellung, dass die Gründe für den Hass auf die imaginierten »Anderen« im hassenden Subjekt und nicht in jenen, die angefeindet werden, zu suchen sind, mag banal klingen, bildet aber die Basis für pädagogische Interventionen.

Karin Kuchler diskutiert die Bedeutung der Kategorie Geschlecht in der politischen Arbeit und zeigt Potentiale geschlechterreflektierter Pädagogik auf. Die Feststellung, dass die Normsetzung heterosexueller Lebensweisen und der gesellschaftliche Zwang, sich in einem Zweigeschlechtersystem zu verorten, rechtsextremen Ansichten förderlich ist, führt zur logischen Schlussfolgerung, dass politische Bildung auch Kritik an Geschlechterverhältnissen implizieren muss. Ihr Aufsatz endet mit dem Aufruf, Sojourner Truth endlich jene feministische und rassismuskritische Vorreiterinnenrolle zuzusprechen, die sie verdient.
Elke Rajal und Heribert Schiedel widmen sich der Rechtsextremismusprävention in der Schule. Eine folgenreiche Fehlannahme ist, dass bei vielen pädagogischen Ansätzen davon ausgegangen wird, dass eine feindliche Einstellung den vermeintlich »Anderen« gegenüber in einem fehlenden Wissen über sie wurzelt. Deshalb macht es, so Rajal und Schiedel, wenig Sinn, Schüler_innen etwas über das Judentum zu erzählen, um im Sinne Adornos dazu beizutragen, dass Ausschwitz sich nicht wiederholen möge. In diesem Aufsatz zeigt sich ein grundlegendes Problem der politischen Bildung: Sie kann auf qualitative Art und Weise nur von jenen geleistet werden, die selbst einen gewissen Grad an Auseinandersetzung mit dem Thema aufweisen. Da Diskriminierungen jedweder Art an den Ausbildungsstätten für Pädagog_innen unzureichend behandelt werden, kann bislang nicht davon ausgegangen werden, dass Rassismus- und Antisemitismuskritik selbstverständlich in den Lehrplan Einzug finden.

Wer sich einfache Rezepte gegen Rechtsextremismus erwartet, wird enttäuscht. Zurecht, denn dazu ist das Thema zu komplex. Judith Goetz räumt mit der Annahme auf, der Besuch von Gedenkstätten, wie er in vielen Schulen vorgesehen ist, würde automatisch zu einer nachhaltigen Sensibilisierung führen. »Entgegen weit verbreiteter Erwartungshaltungen und Wunschvorstellungen funktionieren KZ-Gedenkstättenbesuche eben nicht als ,Allheilmittel‘, ,Schutzimpfung‘ oder ,Immunisierung‘ gegen rechtsextremes oder neonazistisches Gedankengut«, so die Wissenschaftlerin. Der Umkehrschluss, dass diese sinnlos wären, sei allerdings ebenso falsch. Auch hier steht die Qualität in engem Zusammenhang mit der Qualifizierung der Begleiter_innen und den Zeitressourcen, die für diese Besuche geschaffen werden.

Da insbesondere die Primärprävention zu wenig Aufmerksamkeit genießt, stellt der Beitrag von Jana Sommeregger zu Kinder- und Jugendliteratur zum Thema eine Besonderheit dar. Dass einige der von ihr erwähnten Bücher nicht nur auf junge Menschen, sondern auch auf Erwachsene Einfluss haben, zeigt die Bedeutung von Autorinnen wie Christine Nöstlinger, Käthe Recheis und Mira Lobe.
In dem Beitrag mit dem provokanten Titel »Die hilflose Profession« beschäftigt sich Eva Grigori mit dem Umgang mit rechtsextremen Erwachsenen in Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit. Sie weist darauf hin, dass Beziehungsarbeit politische Kritik nicht ausklammern darf. Allerdings hängt es, so die Autorin, bislang vom Engagement Einzelner ab, rechtsextremen Tendenzen etwas entgegenzusetzen.

Carina Klammer, von der im ersten Band der FIPU-Reihe ein Artikel über antimuslimischen Rassismus zu finden ist, erforscht in diesem Beitrag den Begriff der »Deradikalisierung«, dessen Blüte eben ein Ausdruck dieses Rassismus ist. Fabian Reicher knüpft daran thematisch mit seinen Ausführungen zur sozialarbeiterischen Praxis in der Jugendarbeit an.

Im letzten Beitrag gehen Judith Goetz und Matthias Falter auf aktuelle Entwicklungen rund um Pegida in Österreich ein, wobei der Fokus nicht auf rassistischen Täter_innen, sondern auf »der« Linken liegt, die – so die Autor_innen – teils problematische Erklärungsmuster für die Entstehung der Bewegung hat.

Abschließend sei mit Carina Klammer festgestellt, dass pädagogische und sozialarbeiterische Präventionsarbeit zwar wichtig ist, dass es für umgreifende Veränderungen aber vor allem eines braucht: »eine solidarische, antirassistische, antifaschistische und emanzipatorische Zivilgesellschaft.« Das Buch ist deshalb nicht nur für Pädagog_innen und Sozialarbeiter_innen geeignet, sondern bietet für uns alle wichtige Implikationen zur eigenen Politisierung.

FIPU (Hg.in):
»Rechtsextremismus. Band 2: Prävention und politische Bildung.«
Mandelbaumverlag, Wien 2016

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Befähigung zur Gesellschaftskritik als Präventionsarbeit

Von Katharina Gruber erschienen auf progress-online

Der zweite Rechtsextremismus-Band der Forschungsgruppe „Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ (FIPU) widmet sich der Prävention und der politischen Bildung. In der Schule, in der außerschulischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und in der Sozialen Arbeit stellt sich die Frage nach sinnvoller Prävention, aber auch nach einem adäquaten Umgang mit rechtsextremen Einstellungsmustern. Die Stärke des Bandes liegt in der Vielfalt der Zugänge zum Thema, da viele der Autor_innen sowohl in der Rechtsextremismusforschung verankert sind, als auch über Praxiswissen aus dem Schulalltag und der Sozialarbeit verfügen.

Die Bedeutung der Erziehung zur Mündigkeit – oder anders ausgedrückt: der Befähigung zur Ideologiekritik – zieht sich als roter Faden durch den Sammelband. So argumentieren etwa Stefanie Mayer und Bernhard Weidinger, dass autoritäre Denkweisen und die Vorstellung einer hierarchischen Gesellschaftsordnung durch eine Gesellschaft begünstigt werden, in der alles einem kapitalistischen Konkurrenzprinzip unterworfen ist. An diese Denklogiken könnten rechtsextreme Ideologien leicht anknüpfen. Mayer und Weidinger plädieren dafür, die Projektionsmechanismen des Rechtsextremismus zum Thema zu machen und die Reflexion der eigenen Abwertung anderer in den Mittelpunkt zu stellen. Ziel davon sei es, „äußere Zumutungen und innere Konflikte in einer Weise zu bearbeiten, die ohne Projektion auf andere und Verfolgen des Projizierten an diesen auskommt.“ Einem ähnlichen Ansatz folgen Elke Rajal und Heribert Schiedel, die der Frage nachgehen, was diese Überlegungen für die rassismus- und antisemitismuskritische Bildungsarbeit in der Schule bedeuten. Eine Schwierigkeit der Selbstreflexion sehen sie darin, dass rechtsextreme Vorstellungen nicht einfach aufgelöst werden können, weil sie oft von grundlegender Bedeutung für das Selbstbild sind und als Problemlösungsstrategien in den Lebenswelten vieler Jugendlicher verankert sind. Die kritische Analysefähigkeit von Kindern und Jugendlichen müsse nach Rajal und Schiedel ebenso gestärkt werden wie ihre Handlungskompetenz. Dadurch werden Ohnmachtsgefühle, die den Rechtsextremismus begünstigen, gemindert.

Neben Selbstermächtigung und Ideologiekritik ist ein zentraler Begriff des Bandes jener der Anerkennung. Da gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit oft auf einem Anerkennungsdefizit fuße, sei es wichtig den Jugendlichen mit Respekt und Anerkennung zu begegnen und sich verstehend auf sie einzulassen. Erst wenn ein Vertrauen hergestellt sei, könne sinnvoll an problematischen Einstellungen gearbeitet werden. Politische Sozialisation erfolge, so Fabian Reicher in seinem Beitrag, durch das Erlernen anhand von dem, was vorgelebt wird. Werden Jugendliche als Problemfälle identifiziert und behandelt, wird ihnen undemokratisches Verhalten vorgelebt. Insofern ist das Buch auch sehr bereichernd für alle, die sinnvolle Reflexionsanregungen für die eigene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen suchen.

Katharina Gruber hat Politikwissenschaft in Wien studiert und ist in der politischen Bildungsarbeit und im Journalismus tätig.

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Rezensionen zum Sammelband Rechtsextremismus – Prävention und politische Bildung (hg. von FIPU)

  • Mit Bildung gegen Rechts?

Von Paul Pumsenberger erschienen auf syntaxblog.at

Welche Bildung braucht es, um die Verbreitung rechtsextremer Ideologien zu verhindern?

Dass Antifaschist_innen nicht ausschließlich durch ‚normale‘ Bildungskarrieren ‚produziert‘ werden, scheint mittlerweile sehr offensichtlich. Doch wie können Jugendliche im Umgang mit diskriminierenden Ideologien geschult werden? Wiener Wissenschafter_innen haben sich damit in einem heuer erschienen Buch beschäftigt. Eine Rezension. Weiterlesen

  • Befähigung zur Gesellschaftskritik als Präventionsarbeit

von Katharina Gruber erschienen auf progress-online

Der zweite Rechtsextremismus-Band der Forschungsgruppe „Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ (FIPU) widmet sich der Prävention und der politischen Bildung. In der Schule, in der außerschulischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und in der Sozialen Arbeit stellt sich die Frage nach sinnvoller Prävention, aber auch nach einem adäquaten Umgang mit rechtsextremen Einstellungsmustern. Die Stärke des Bandes liegt in der Vielfalt der Zugänge zum Thema, da viele der Autor_innen sowohl in der Rechtsextremismusforschung verankert sind, als auch über Praxiswissen aus dem Schulalltag und der Sozialarbeit verfügen. Weiterlesen

  • Mehr als historische ­Faktenvermittlung

von Julia Edthofer erschienen in malmoe 76

Rezension des FIPU-Bandes zu Prävention & Bildung gegen Rechtsextremismus

Die Forschungsgruppe „Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ legt mit ihrem zweiten Rechtsextremismus-Band eine beeindruckend praxisbezogene Auseinandersetzung mit Rechtsextremismusprävention und politischer Bildung in der postnazistischen Migrationsgesellschaft vor. Weiterlesen

  • Erziehung zur Kritikfähigkeit

von Tina Füchslbauer erschienen in Versorgerin #111

Die Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) widmet sich in ihrem zweiten Sammelband dem Thema der Prävention und politischen Bildung. Eine fundierte Auseinandersetzung mit der Frage, wie rechtsextremen Tendenzen in der Pädagogik und in der sozialen Arbeit begegnet werden, beziehungsweise wie solchen Entwicklungen vorgebeugt werden kann, ist wichtig und notwendig, denn politische Bildung steckt im postnazistischen Österreich noch in den Kinderschuhen. »Zwischen Symbolpolitik und hektischem Aktivismus« verorten die Forscher_innen von FIPU bisherige Versuche seitens der Politik, Extremisierungstendenzen zu begegnen. Politische Bildung pendelt hierzulande somit zwischen völliger Bedeutungslosigkeit und absoluter Überhöhung hin- und her. Weiterlesen

  • Politische Bildung zwischen Anspruch und Wirklichkeit

von Soma Mohammad Assad erschienen in Unique 5/16

Anschließend an den ersten Sammelband der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheiten (FIPU), in dem die AutorInnen attestieren, dass der Rechtsextremismus kein Randphänomen, sondern sein Potential in der sogenannten ‚Mitte‘ der Gesellschaft zu finden ist, wird im zweiten Band der Schwerpunkt auf Prävention und politische Bildung gelegt. Weiterlesen

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Mehr als historische ­Faktenvermittlung

von Julia Edthofer erschienen in malmoe 76

Rezension des FIPU-Bandes zu Prävention & Bildung gegen Rechtsextremismus

Die Forschungsgruppe „Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ legt mit ihrem zweiten Rechtsextremismus-Band eine beeindruckend praxisbezogene Auseinandersetzung mit Rechtsextremismusprävention und politischer Bildung in der postnazistischen Migrationsgesellschaft vor.

„Theorie und Praxis zusammendenken“ –so lässt sich die große Stärke des zweiten FIPU-Bandes zusammenfassen. Die Autor_innen beschäftigen sich darin aus transdisziplinärer Perspektive mit politischer Bildung und Extremismusprävention und beziehen bildungspolitische Rahmenbedingungen, aktuelle Debatten und Vermittlungsarbeit aufeinander. Das Buch ist zwar in theoretisch-konzeptionelle und praxisbezogene Beiträge gegliedert, doch die Grenzen verschwimmen—und das ist beabsichtigt und gut so, denn immerhin geht es um politische Interventionen.

DIE EINLEITENDEN BEITRÄGE von Günther Sandner und Nico Bechter illustrieren die schlechten institutionellen Rahmenbedingungen für politische Bildung in Österreich und berücksichtigen sowohl historische Faktoren, wie fehlende Entnazifizierung und Re-Education nach 1945, als auch aktuelle Hemmnisse, wie den neoliberalen Umbau von Bildungseinrichtungen. Karin Kuchler diskutiert geschlechtsspezifische Leerstellen: sie problematisiert den anhaltenden Fokus auf hegemoniale Männlichkeit in der Rechtsextremismusprävention und schlägt vor, feministische Ansätze und kritische Männlichkeitsforschung stärker in die pädagogische Arbeit zu integrieren. Eine Perspektivenverschiebung nehmen Stefanie Mayer und Bernhard Weidinger vor, die Herausforderungen antifaschistischer Bildungsarbeit in der Migrationsgesellschaft reflektieren und sich dabei an dominanzgesellschaftliche Personen richten. Eine Quintessenz der Überlegungen ist, dass eine solche Bildungsarbeit nicht im „Sich-Informieren über die Anderen“ bestehen kann, sondern eine Auseinandersetzung mit der eigenen Verstrickung in Dominanzverhältnisse erfordert. Auf anderer Ebene verfolgen Judith Götz und Matthias Falter ebenfalls einen reflexiven Ansatz: sie beschäftigen sich mit linken Positionen zum Phänomen PEGIDA und problematisieren die Tendenz, die F-wählende „gesellschaftliche Mitte“ (immerhin 50%) auszublenden und extremistische Ideologien an den rechten Rand zu schieben. Auch linke Spannungsfelder in puncto Rassismuskritik werden aufgegriffen und anhand von zwar solidarisch gemeinten, jedoch essentialistisch-homogenisierenden Gruppenkonstruktionen von „den Muslim_innen“, Auslassungen bei der Kritik von antimuslimischem Rassismus thematisiert.

DIE AUF DIE PÄDAGOGISCHE ­PRAXIS bezogenen Beiträge beleuchten die Settings Schule und Soziale Arbeit. Elke Rajal und Heribert Schiedel fordern, schulische Rechtsex­tremismusprävention nicht nur als historische Faktenvermittlung, sondern stärker als antisemitismus- und rassismuskritische Bildungsarbeit anzulegen und plädieren mit Verweis auf aktuelle Debatten über islamisierten Antisemitismus für antirassistisch-entkulturalisierende Zugänge. Die Annahme, dass Gedenkstättenpädagogik eine ausreichende Prävention darstellt, wird auch von Judith Götz in Frage gestellt—und passend dazu im nächsten Beitrag von Jana Sommeregger ein kritischer Überblick über antifaschistische Kinder- und Jugendliteratur gegeben. Danach illustriert Eva Grigori die Leerstelle Rechtsextremismusprävention bei Erwachsenen in der Sozialen Arbeit und schlägt vor, Konzepte aus der Jugendarbeit zu adaptieren. Die letzten Beiträge spannen den Bogen zurück zu migrationsgesellschaftlichen Debatten: Carina Klammer illustriert die Blitzkarriere von Deradikalisierungsprävention und kritisiert, dass durch den Fokus auf Muslim_innen „autochthoner“ Rechtsextremismus mitunter aus dem Blick gerät. Gleiches stellt Fabian Reicher im Bereich Jugendarbeit fest und warnt vor einer Stigmatisierung durch die Verknüpfung von Prävention und sicherheitspolitischen Diskursen, da jegliche pädagogische Intervention auf Respekt und Anerkennung fußt.

Der rote Faden, der alle Beiträge verbindet, ist die Frage nach politischer Intervention über eine „Erziehung zur Mündigkeit“, oder anders gesagt: zur (Ideologie-)Kritikfähigkeit. Dabei wird prinzipiell die kapitalistische Konkurrenzlogik als auslösender Faktor für autoritäre Ideologien thematisiert und der wohl aktuellsten Frage nachgegangen, was Prävention und politische Bildung in der postnazistischen Migrationsgesellschaft heißt. Dass all dies von Autor_innen reflektiert wird, die sowohl in der Vermittlungsarbeit als auch in der Forschung tätig sind, macht das Buch zu einem großen Gewinn—nicht nur für Praktiker_innen.

FIPU (Hg.): „Rechtsextremismus. Band 2: Prävention und politische Bildung“, Mandelbaum, Wien 2016

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Kritik am Rechtsextremismus und der Kritik daran

Die Wiener Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit(FIPU) hat ihren ersten Sammelband herausgegeben. Rechtsextremismus, so der Titel, bedeutet in Österreich etwas anderes als in Deutschland nicht nur deswegen ist er lesenswert. Von Nikolai Schreiter

Wenn eine Rezension zu schreiben ist und man sich nicht entscheiden kann, welche der neun Kapitel man zuerst, welche vielleicht gar nicht lesen will, ist das ein gutes Zeichen. Im Fall des vorliegenden Sammelbandes Rechtsextremismus. Entwicklungen und Analysen Band 1spiegelt sich darin die Relevanz der behandelten Themen: Akteure, Theorie, Dokumentation und Antifa, alles ist drin. Einem Publikum, das Rechtsextremismusin erster Linie als totalitarismustheoretischen Kampfbegriff aus Deutschland kennt, der allen, um damit auch „linken Extremismus“ in Abgrenzung zur freiheitlich-demokratischen Grundordnungder Bundesrepublik verwirft, sei der Einstieg mit Bernhard Weidingers Text Verteidigung des Rechtsextremismusbegriffs gegen seine Proponent*innenempfohlen.

Darin entfaltet er die Unterschiede zwischen dem deutschen und dem österreichischen Begriff, zwischen der Apologetik der ‚politischen Mitte‘ und dem kritischen Rechtsextremismusbegriff. Den verwendet auch die herausgebende Wiener Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) und fasst ihn als militante Steigerungsform der zentralen Werte und Ideologien spätbürgerlicher Gesellschaftenzusammen. In Österreich verläuft die Grenze zwischen legalem Rechtsextremismus und militanten Neonazismusentlang des NS-Verbotsgesetzes. Heribert Schiedel vollzieht in seinem Beitrag National und liberal verträgt sich nichtdiesseits wie jenseits dieser Grenze die ideologischen Machtverschiebungen in der FPÖ nach, die in Umfragen regelmäßig die stärkste österreichische Partei ist.

Irre Biologisierung des Sozialen

Judith Goetz spart in ihren lesenswerten Beiträgen nicht mit wohl argumentierter Kritik sowohl an der Forschung über Rechtsextremismus als auch am politischen Kampf dagegen: Die Forschung weise blinde Flecken im Bezug auf die Kategorie Geschlechtauf. Ein zentrales Element von Rechtsextremismus ist die Naturalisierung und Biologisierung gesellschaftlicher, also menschlich geschaffener Ungleichheiten. Wenn Rechtsextreme also Angriffe auf das naturalisierte Geschlechterverhältnis zuließen, würde mit dessen „Unveränderlichkeit“ auch die „Unveränderlichkeit“ anderer naturalisierter gesellschaftlicher „Tatsachen“, etwa die der „Volksgemeinschaft“, Schaden nehmen. Die naheliegende Frage danach, warum gesellschaftliche Verhältnisse nicht nur im Rechtsextremismus ideologisch als natürlich betrachtet werden, bearbeitet der Band leider nicht explizit. Sie wären Dreh- und Angelpunkt des im Buch sehr wohl analysierten Zusammenhangs zwischen bürgerlicher und rechtsextremer Ideologie.

In ihrem zweiten Beitrag Ausgetanzt!bilanziert Goetz den erfolgreichen politischen Kampf gegen den Wiener Akademikerball und seine burschenschaftliche Vorgängerveranstaltung, den WKR-Ball. Auch hier wurde, so Goetz, die Kritik an der burschenschaftlichen Vorstellung vom Geschlechterverhältnis oft nur mitgemeint. Außerdem kritisiert sie die Unschärfe bei der Charakterisierung des völkischen Eventsals lediglich rechtsaußen, Rechts-Eventoder rechtspopulistisch. Insbesondere beanstandet sie, dass linke Bündnisse den Antisemitismus zu wenig kritisieren, der die Veranstaltungen ideologisch trägt und an konkreten Äußerungen rund um den Ball sichtbar wird. Diese Kritik kann antifaschistischer Politik durchaus auch bei anderer Gelegenheit dazu dienen, solche Leerstellen zu vermeiden.

Ein Auftakt nach Maß

Der Beitrag von Lucius Teidelbaum zu Obdachlosenfeindlichkeit und BettlerInnenhassschließlich setzt ein auch in emanzipatorischer Wissenschaft marginalisiertes Thema. Die Chronologie des Rechtsextremismus in Österreich 2013gibt einen Einblick in österreichische Zustände. Carina Klammers Beitrag diskutiert den verschleiernden Begriff Islamophobieund sein Verhältnis zu Rassismus und Antisemitismus. Alles in allem ist dieser erste Band theoretisch wie politisch der Auftakt wichtiger Kritik für Akademia und Antifa.

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Rezension: Rechtsextremismus. Entwicklungen und Analysen

Aus: unique – Zeitschrift der ÖH an der Uni Wien

Die Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) versucht gleich mehrere Leerstellen mit dem vorliegenden Projekt zu füllen, von dem der vorliegende nur der erste Band ist. Zum Einen bringt der Sammelband wichtige Stimmen der Rechtsextremismusforschung zusammen, um verschiedene Ideologieansätze aufzuzeigen. Erfreulicherweise gelang das mit einem ausgewogenem Geschlechterverhältnis, was leider alles andere als selbstverständlich ist. Dieses Aufzeigen ist besonders gut im Kapitel zu Obdachlosenhass und Bettler_innenfeindlichkeit gelungen, was leider ein medial wenig präsenter Teil rechtsextremer Ideologie ist. Zum Zweiten birgt der vorliegende Band auch eine Bestandsaufnahme der Forschung selbst. Richtigerweise wird darauf hingewiesen, dass es im akademischen Rahmen kaum Raum für kritische Auseinandersetzung mit aktuellen Formen des Rechtsextremismus gibt. Wenn dies geschieht, dann immer auf Intiative engagierter Studierendenvertreter_innen. Das Buch zeigt zudem wichtige Akteuer_innen und aktuelle Vorfälle auf. Dies ist wichtig, um nicht nur abstrakt zu diskutieren, sondern die Debatten in der Realität zu verankern. Bemerkenswert ist das Kapitel zum Verfassungsschutz, das klar aufzeigt, dass das Rechtsextremismus und seine Agitation nicht im luftleeren Raum passiert, sondern durch verschiedenste Umstände befördert wird. Einzig das Kapitel zu den Protesten fällt ab, da dort das eigene Bündnis in den Himmel gelobt wird, während alle anderen Antifaschist_innen naturgemäß alles falsch machen, was die Lektüre dieses Kapitels dementsprechend langweilig macht. Abgesehen davon ist das Buch zu empfehlen und bietet viele spannende Anregungen, die es lohnen systematisch und in kritischen und solidarischen Diskursen weitergeführt zu werden. Dieses Buch ist hierfür sicherlich ein erster guter Startpunkt.

Natascha Strobl ist Politikwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Rechtsextremismusforschung

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Alles, was rechts ist

Von Maria Sterkl, DER STANDARD (Print)

Es ist paradox: Die Verurteilungen wegen NS-Wiederbetätigung steigen stetig, gleichzeitig beruhigt der Verfassungsschutz: Es gehe keine akute Gefahr von der rechtsextremen Szene aus. Auch der Umfang des Rechtsextremismus-Kapitels im jährlichen Verfassungsschutzbericht schrumpft beständig, 2007 waren es noch 36 Seiten, im Vorjahr nur noch neun. Das sei kein Zufall, sondern Symptom, erklärt der kluge Analyseband Rechtsextremismus. Herausgegeben wurde dieser von jungen Forschern der Universität Wien mit dem eher sperrigen Dachnamen „Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit“. Sie skizzieren, was es mit dem Schwinden der rechtsextremen Szene in der öffentlichen Debatte auf sich hat – und wie das mit der aktuell heiß diskutierten Frage der „linken Gewalt“ zusammenhängt. Verfassungsschutz, Polizei, auf Polizeiinformationen basierende Medienberichterstattung stützten sich auf eine sehr enge Definition von Rechtsextremismus, die nur Bewegungen meine, die sich gegen demokratische Einrichtungen stellen, so die Forscher. Damit werde aber ein wichtiger Teil der rechtsextremen Szene ausgeblendet – und zwar jener, der in die politischen Institutionen des Landes eingesickert ist und sich demokratischer Mechanismen bedient, um an Macht zu gewinnen. Auch auf vernachlässigte Aspekte des Rechtsextremismus – wie dessen Antifeminismus – geht der Band ein. Wer sich einen raschen Überblick über rechtsextreme Gewalt der jüngsten Vergangenheit verschaffen will, wird im letzten Kapitel des Buchs bedient.

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Wissenschaft als Intervention

Von Stefanie Mayer, Wissenschaftskompass

Die in Wien beheimatete Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) legt mit dem ersten Band ihrer geplanten Buchreihe zum Thema Rechtsextremismus einen starken Auftakt vor. Eine Empfehlung.

„Forschungsgruppe“ und „Rechtsextremismus“ – das klingt nicht gerade nach Lesevergnügen, doch der vorliegende erste Band der geplanten Reihe straft dieses Vorurteil Lügen. Engagierte Wissenschaft zeigt sich hier als spannendes und facettenreiches Unternehmen, das Überraschungen bereithält und Aha-Erlebnisse ebenso liefert wie Stoff für Diskussionen. In der Einleitung legt die Forschungsgruppe offen, dass sie sich „weniger über den Forschungsgegensand ‚Extreme Rechte‘ als über die Kritik an antiegalitären, antiemanzipatorischen und gruppenbezogen-menschenfeindlichen Anschauungen und Praktiken im Allgemeinen“ definiert und bringt damit auch den gemeinsamen Anspruch des Sammelbandes auf den Punkt. Fast alle Beiträge versuchen die Zusammenhänge zwischen der viel beschworenen „politischen Mitte“ und rechtsextremen Ideologien und Praktiken aufzuzeigen und distanzieren sich von einem Extremismus-Begriff, der das „Extreme“ als Gegensatz zum „Normalen“ definiert und an den „Rändern“ der Gesellschaft verortet.

Thematisch wie stilistisch unterscheiden sich die Beiträge stark voneinander – das macht das Lesen abwechslungsreich. Gleichzeitig hält jedoch die sorgfältige Begriffs- und Konzeptarbeit (die allerdings an einigen Stellen Redundanzen mit sich bringt) den Band zusammen, so dass die unterschiedlichen Aspekte sich tatsächlich zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Ohne hier alle behandelten Themen anführen zu können, seien einige – vom subjektiven Blick der Rezensentin gefärbte – Beispiele herausgegriffen: Im ersten Abschnitt, der sich der kritischen Rechtsextremismusforschung widmet, findet sich ein prominent platzierter Beitrag von Judith Götz zur fehlenden Berücksichtigung der Kategorie „Geschlecht“ in der Forschung zu Rechtsextremismus, dem es gelingt, sowohl die vorhandenen Ansätze zu würdigen, wie auch die Lücken kritisch auszuleuchten. Im zweiten Abschnitt, der sich wichtigen AkteurInnen widmet, überrascht ein Beitrag von Matthias Falter, der sich kritisch mit der Rolle des österreichischen Verfassungsschutzes auseinandersetzt und diesen als „Teil des Problems“ beschreibt. Als wichtige ideologische Elemente rechtsextremen Denkens wird von Lucius Teidelbaum die – bislang in der Rechtsextremismusforschung kaum behandelte – BettlerInnen- und Obdachlosenfeindlichkeit aufgegriffen und als Äußerungsform sozialdarwinistischen Denkens analysiert. Ein weiterer Beitrag von Carina Klammer widmet sich dem virulenten antimuslimischen Rassismus. Schließlich macht eine kritisch-solidarische Analyse antifaschistischer Proteste gegen den WKR-Ball das politische Anliegen des Buches noch einmal ganz deutlich: Die HerausgeberInnen sehen sich einer „radikal-reflexiven“ Wissenschaft verpflichtet, die sich „auch und vor allem an Menschen [richtet], denen an der Kritik und letztendlichen Überwindung herrschender Verhältnisse gelegen ist.“

Es ist die Mischung aus konzeptueller Grundlagenarbeit, teils überraschenden Themen und neuen Perspektiven und der explizit politischen Perspektive, die diesen Sammelband auszeichnet. Die geplante Fortsetzung der Reihe – die im Kontext des ehrgeizigen Ziels steht, der Rechtsextremismusforschung in Österreich eine akademische Plattform zu schaffen – kann deshalb mit Spannung erwartet werden.

– sm

Lesetipp:

Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (Hg.in): Rechtsextremismus. Entwicklungen und Analysen – Band 1. Wien: Mandelbaumverlag. 2014.

WWW: https://forschungsgruppefipu.wordpress.com/

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Bildung (nicht nur) für die Antifa

Eine Rezension zum neuerschienenen Sammelband „Rechtsextremismus. Entwicklungen und Analysen“

Von Stefanie Mayer, erschienen in der Malmoe Nr. 69 / 2014

Gleich vorweg: Mit ihrem als ersten Band einer Reihe gedachten Buch legt die „Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ (FIPU) ein „must-read“ für alle antifaschistisch Engagierten vor. Der Band versammelt dabei ganz unterschiedliche Zugänge, die aber durch die Bank theoretisch fundierte Einsichten bieten, die über eine bloße Beschreibung rechtsextremer Gruppierungen weit hinausgehen. Dem in der Einleitung vorgestellten Selbstverständnis von FIPU, sich „weniger über den Forschungsgegenstand ‚Extreme Rechte‘ als über die Kritik an antiegalitären, antiemanzipatorischen und gruppenbezogen-menschenfeindlichen Anschauungen und Praktiken im Allgemeinen“ zu definieren, wird das Buch jedenfalls gerecht: Fast alle Beiträge versuchen den Leser_innen den Zusammenhang von rechtsextremen Ideologien und jenen der sogenannten „Mitte“ plausibel zu machen. Große Unterschiede zwischen den Beiträgen in thematischer wie auch stilistischer Hinsicht machen das Buch abwechslungsreich – einige Redundanzen ergeben sich allerdings, etwa dass mehrere Beiträge sehr ausführlich dieselbe grundlegende Definition des Begriffs Rechtsextremismus diskutieren. Andererseits schafft gerade diese sorgfältige Arbeit an den eigenen Arbeitsbegriffen auch gemeinsame Bezugspunkte, die die unterschiedlichen Artikel zusammenhalten und bei der Leserin, dem Leser ein Gesamtbild entstehen lassen.
Der Band leistet zunächst ganz zentrale Begriffs- und Grundlagenarbeit und gibt einen Überblick über den – überraschend lückenhaften – Stand der Forschung, bei dem auch Publikationen abseits der Wissenschaft ihren Platz finden. Angesichts der Randständigkeit von feministischen und geschlechterkritischen Zugängen in der Rechtsextremismus-Forschung ist es eine sehr erfreuliche Überraschung, dass gleich der zweite Beitrag von Judith Götz sich mit der Notwendigkeit der systematischen Einbeziehung von „Geschlecht“ in der Forschung auseinandersetzt. Er gibt einen kritischen Überblick über vorhandene (und oft wenig rezipierte) Arbeiten ebenso wie über die klaffenden Lücken. Ein weiterer Beitrag von Bernhard Weidinger verteidigt den (hier inhaltlich fundierten) Begriff Rechtsextremismus gegen seine Verwendung in Extremismus-Theorien, in denen er der Entlastung der „Mitte“ dient. Der zweite Abschnitt des Bandes widmet sich Akteur_innen des Rechtsextremismus – und auch hier gibt es eine Überraschung: Neben einem Beitrag zur FPÖ von Heribert Schiedel findet sich hier ein zweiter von Matthias Falter verfasster zum Verfassungsschutz, der diesen als „Teil des Problems“ ausweist. Der folgende mit „Ideologien“ überschriebene Abschnitt zeigt die Kontraste innerhalb des Bandes wohl am deutlichsten: Der Beitrag zu antimuslimischem Rassismus von Carina Klammer ist sicher der voraussetzungsvollste des ganzen Buches. Um seinem doppelten Anliegen gerecht zu werden, einerseits eine Kritik des Konzepts Islamophobie und andererseits eine Analyse der gesellschaftlichen Funktion des antimuslimischen Rassismus zu leisten, diskutiert er eine Vielzahl komplexer Theorieansätze. Im Unterschied dazu lässt sich Lucius Teidelbaum in seiner Analyse von Obdachlosenhass und Bettler_innenfeindlichkeit ganz vom Konzept des Sozialdarwinismus leiten. Nicht zuletzt zeigt sich hier auch, wie unterschiedlich gut bzw. schlecht aufgearbeitet einzelne Formen der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ sind, gibt es doch zu manchen eine fast unüberschaubare Literatur, während andere bisher kaum Beachtung fanden. Im vorletzten Beitrag des Buches reflektiert Judith Götz solidarisch-kritisch die antifaschistischen Mobilisierungen gegen den WKR- bzw. FPÖ-Akademiker-Ball und zeigt hier u.a. das weitgehende Fehlen einer Kritik des Antisemitismus und die mangelnde Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse als Probleme aktueller Antifa-Arbeit auf. Eine Chronologie rechtsextremer Aktivitäten in Österreich im Jahr 2013 rundet das Buch ab.
Die gelungene Mischung aus Grundlagenarbeit, ungewöhnlichen Themenstellungen und einer klaren politischen Perspektive macht den FIPU-Sammelband so lesenswert. Bleibt zu hoffen, dass bald weitere Bücher folgen.

FIPU (Hg.in): „Rechtsextremismus. Entwicklungen und Analysen – Band 1“, Mandelbaumverlag, Wien 2014

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“Kaum institutionalisiert, nicht systematisch”

Von Tanja Malle, Ö1 Wissenschaft

Was die Aufarbeitung des historischen Faschismus und des Nationalsozialismus betrifft, haben in Österreich mittlerweile viele wissenschaftliche Institutionen gute Arbeit geleistet. Anders sieht es hingehen beim aktuellen Rechtsextremismus aus: Seine Erforschung ist laut Experten “kaum institutionalisiert”.

Erstmals widmet sich nun ein kürzlich erschienener Sammelband der Erforschung und Darstellung des Rechtsextremismus von 1990 bis in die Gegenwart.

Überschaubarer Forschungsbereich

Ob an der Universität Klagenfurt/Celovec oder an den Universitäten in Wien, Linz, Salzburg, Innsbruck und Graz: Die zeitgeschichtliche, sozialpsychologische und politikwissenschaftliche Forschung zum Rechtsextremismus nach 1990 hing und hängt vom Interesse und Engagement von Einzelpersonen ab.

Die Rechtsextremismusforschung in Österreich leidet an fehlender Institutionalisierung – die einzige Ausnahme bildet das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, kurz DÖW. “Eine Folge davon ist die fehlende Kontinuität. Der systematische Aufbau von Wissen wird dadurch nahezu unmöglich gemacht”, sagt Bernhard Weidinger von der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit, die kürzlich den Sammelband “Rechtsextremismus. Band 1: Entwicklungen und Analysen” herausgegeben hat.

“Die Forschung vollzieht sich oft unter prekären Bedingungen von Projektarbeit. Mit fehlender Absicherung und fehlender langfristiger Perspektive. In der Folge wenden sich viele Leute von der Thematik ab und Themen zu, die wissenschaftlich stärker in Mode sind, wo man eher Chancen hat, Geld zu lukrieren”, so der Politologe.

Roter Faden: FPÖ

Den Großteil der österreichischen Rechtsextremismusforschung bilden Bachelor- Master- und Diplomarbeiten, sowie einzelne Dissertationen. So divers diese qualitativ sind, eine inhaltliche Gemeinsamkeit verbindet sie, sagt Bernhard Weidinger:

“Die Arbeiten zum Rechtsextremismus in Österreich nach 1990 machen deutlich, dass es einen zentralen Akteur gibt, mit dem praktisch alle Sektoren der Szene in irgendeiner Weise verbunden sind. Das ist die Freiheitliche Partei. Es ist kaum möglich, Arbeiten aus diesem Forschungsbereich vorzulegen, ohne sich in der einen oder anderen Weise mit dieser Partei zu beschäftigen.”

Forschungslücke: Rechtsextremismus im Alltag

Was die thematischen Schwerpunkte der Rechtsextremismusforschung betrifft, nennt der Politologe Bernhard Weidinger mehrere Lücken. Erstens fehlt es an systematischer Forschung zu rechtsextremen Organisationsstrukturen in der Provinz. “Die stärkste Verankerung von Rechtsextremismus in der Alltagskultur ist in ländlichen Gegenden zu verzeichnen. Im so genannten ‘Braunen Gürtel’ – also im Innviertel, zum Teil in Tirol, sowie im Grenzraum von Bayern, Salzburg und Oberösterreich.”

Eine weitere Forschungslücke bildet der so genannte nicht-autochthone Rechtsextremismus, das heißt rechtsextreme Einstellungen von Migrantinnen und Migranten bzw. Mitgliedern der so genannten zweiten oder dritten Generation. Dazu zählt beispielsweise die Verehrung der Ustascha- und der Tschetnik-Bewegung, die im Zweiten Weltkrieg am Balkan mit den Nationalsozialisten kollaborierte. Oder die so genannten Grauen Wölfe, eine rechtsextreme Gruppe, die in den 1960er Jahren in der Türkei gegründet wurde.

Ein weiteres Forschungsdesiderat bilden langfristige angelegte Studien zu Einstellungen in der Allgemeinbevölkerung, so Bernhard Weidinger: “Eine Untersuchung der Verbreitung bestimmter Einstellungen in der gesellschaftlichen Mitte könnte etwa nach dem Vorbild der Reihe “Deutsche Zustände” gestaltet werden,) die der Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer über zehn Jahre lang in Deutschland durchgeführt hat.”

Immer seltener in Verfassungsschutz-Berichten

Im Sammelband “Rechtsextremismus” räumen gleich mehrere Beiträge der kritischen Betrachtung des Extremismus-Begriffs in der deutschen und österreichischen Forschung, sowie in der Berichterstattung von Medien und Behörden viel Platz ein. “Auffallend ist, dass in den Berichten des Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung der Rechtsextremismus zusehends verschwindet”, sagt der Politologe Matthias Falter vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien:

“Rechtsextremismus wird in den Verfassungsschutzberichten zunehmend zu einem abstrakten Phänomen, das zwar nicht geleugnet wird, dessen konkrete Auswirkungen jedoch nicht deutlich genug thematisiert und aufgezeigt werden.”

Als Beispiel nennt Matthias Falter, dass Verbindungen zwischen dem rechten Rand und der politischen Mitte aus dem Blickfeld geraten: “So werden deutschnationale Burschenschaften nicht mehr erwähnt, Akteurinnen und Akteure des Rechtsextremismus werden nicht mehr namentlich genannt und auch rechtsextreme Vorfälle werden nicht mehr thematisiert und dokumentiert.”

Liste rechtsextremer Vorfälle

Eine unvollständige Chronik des Rechtsextremismus in Österreich im Jahr 2013 findet sich daher im letzten Beitrag des Sammelbandes. Zusammengetragen hat diese Heribert Schiedel vom DÖW. Er listet Dutzende Vorfälle auf. Etwa: rassistisch motivierte tätliche Übergriffe, fallen gelassene Anklagen, Verurteilungen, hetzerische Beiträge in einschlägigen Medien oder Facebook-Seiten, die Neonazis huldigen.

Laut Justizministerium gab es 2013 668 Anzeigen nach dem Verbotsgesetz, und 241 nach dem Verhetzungsparagraphen. Die Zahl der Anzeigen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen, und auch die Zahl der Verurteilungen nimmt zu. Dass der Rechtsextremismus dennoch langsam aus den Verfassungsschutzberichten verschwindet, erklärt Matthias Falter zum Teil damit, dass das Bundesamt einem sehr eng gefassten und formalistischem Rechtsextremismus-Begriff folgt: “Als rechtsextrem gilt, wer Demokratie ablehnt und autoritäre Vorstellungen von Staat und Gesellschaft hat.”

Verallgemeinerndes Extremismus-Verständnis

Das zweite Problem, das Matthias Falter erkennt, ist das verallgemeinernde Extremismus-Verständnis, dem der Verfassungsschutz folgt. Dieses habe mitunter zur Folge, dass rechter Extremismus und Antifaschismus gleichgesetzt würden. An einem Beispiel wird das in den Berichten des Verfassungsschutzes besonders deutlich:

“Es ist zum Beispiel so, dass rechtsextreme Veranstaltungen, die bis in die gesellschaftliche Mitte reichen, wie etwa der Ball des Wiener Korporationsringes, der jetzt Akademikerball heißt, nur noch in Zusammenhang mit der Thematisierung von ‘Linksextremismus’ genannt werden und nicht mehr als rechtsextreme Veranstaltung per se kenntlich gemacht werden.”

Die Gründe dafür sucht Matthias Falter jedoch nicht allein beim Verfassungsschutz, sondern beim allgemeinen gesellschaftlichen Rechtsruck.

Das Buch:

“Rechtsextremismus. Entwicklungen und Analysen – Band 1, Hrsg.: Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU), 272 Seiten, Mandelbaum Verlag

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