Archiv der Kategorie: Rezensionen

Adorno für Eilige

Bernhard Weidinger

Der Suhrkamp-Verlag hat jüngst einen bislang nur auf Tonträger vorgelegenen Adorno-Vortrag aus 1967 veröffentlicht. Er enthält wenig, das Adorno nicht anderswo schon gesagt oder geschrieben hätte. Zitabel ist er trotzdem.

Sie kennen das: Sie sitzen an der Proseminararbeit aus Politikwissenschaft, dem kulturkritischen Essay für die Wochenendbeilage oder dem längst überfälligen Eintrag für ihren antifaschistischen Blog, oder befinden sich auf einer Studierendenparty in einem angeregten Gespräch über die triste Lage der Welt. Plötzlich dämmert Ihnen siedendheiß, dass sie schon seit 3000 Zeichen oder 15 Minuten kein Adorno-Zitat mehr gedroppt haben – und die drei oder vier, die Sie kennen, erscheinen Ihnen so ausgelutscht, dass sie nur mehr Augenrollen zu ernten geeignet sind anstelle des eigentlich angestrebten, anerkennenden Kopfnickens.

58737Hier schafft der Suhrkamp-Verlag nun Abhilfe: „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ lautet der Titel der von Adorno 1967 im Neuen Institutsgebäude in Wien (also jenem Ort, an dem manche von Ihnen Ihre Proseminararbeiten einzureichen pflegen) abgestatteten Wortspende. Es handelt sich dabei gleichzeitig um einen Vorabdruck aus einem im Herbst erscheinenden Sammelband von Adorno-Vorträgen. Das Bändchen hat gleich mehrere Vorteile: es ist angesichts seines dünnen Umfangs in Windeseile gelesen, für Adorno-Verhältnisse – dem gesprochenen Wort sei Dank – locker-flockig formuliert und bietet vom Großmeister der Kritischen Theorie anderswo schon entwickelte Gedanken in teils neuer (im Sinne von: so noch nicht gelesener) Formulierung. Der perfekte Fundus also, um mit wenig Aufwand das Arsenal an Adornismen aufzufrischen. Für jene, die selbst diesen Aufwand scheuen, ist die nachfolgende, sanft kommentierte Auswahl gedacht, bei welcher besonderer Wert auf hohe Alltagstauglichkeit gelegt wurde.


  • Wenn Sie in einer Buzzword-Bingo-Session gefangen sind und jemand „Digitalisierung“ sagt (was fraglos passieren wird), so replizieren Sie:

„Die Technologie mag neu sein, der Prozess samt seiner gesellschaftlichen und sozialpsychologischen Implikationen ist es nicht. Hat doch Adorno schon 1967 ‚das Gespenst der technologischen Arbeitslosigkeit‘ benannt, das damals bereits unter dem Schlagwort der ‚Automatisierung‘ umging. Die Konsequenz ist diesselbe, nämlich dass ‚die Menschen, die im Produktionsprozeß drinstehen, sich bereits als potentiell überflüssig […], sich als potentielle Arbeitslose eigentlich fühlen.‘” (Adorno 2019, S. 11f.; kursive Textstellen unter einfachen Anführungszeichen markieren Zitate aus Adornos Vortrag)

  • Wenn jemand Unverständnis darüber äußert, dass ausgerechnet in einer globalisierten Welt und der fortgeschrittenen europäischen Integration der Nationalismus wieder seine hässliche Fratze reckt – das sei doch paradox! –, so reagieren sie souverän:

Tatsächlich hat ‚der neue Nationalismus oder Rechtsradikalismus […] angesichts der Gruppierung der Welt heute […] etwas Fiktives. Es glaubt eigentlich niemand mehr so ganz daran. Die einzelne Nation ist in ihrer Bewegungsfreiheit […] außerordentlich beschränkt.‘ Die nationalistische Reaktion muss nicht wunder nehmen, ist es doch ’sehr oft so, daß Überzeugungen und Ideologien gerade dann, wenn sie eigentlich durch die objektive Situation nicht mehr recht substantiell sind, ihr Dämonisches, ihr wahrhaft Zerstörerisches annehmen.‘ (S. 13) ‚Ähnliches dürfte es mit dem, wenn ich es so nennen darf, „pathischen“ Nationalismus heute auch auf sich haben.‘ (S. 14)

  • Wenn Ihnen jemand einreden will, Rechtsextremismus sei eben eine „pathologische Normalität“ liberaler Demokratien und vielmehr Beleg für deren Funktionieren als für das Gegenteil, so kontern Sie ebenso respektvoll wie treffsicher:

Der empirische Gehalt Ihrer Aussage ist zu bejahen – doch gleichzeitig, bei aller Wertschätzung, steckt doch ‚darin so ein gewisses quietistisch bürgerlich Tröstendes, wenn man sich das so vorsagt.‘ Ja, das von Ihnen benannte Phänomen existiert allenthalben – ‚aber doch nur als Ausdruck dessen, daß dem Inhalt nach, dem gesellschaftlich-ökonomischen Inhalt nach, die Demokratie eben bis heute nirgends wirklich und ganz sich konkretisiert hat, sondern formal geblieben ist. Und die faschistischen Bewegungen konnte man in diesem Sinn als die Wundmale, als die Narben einer Demokratie bezeichnen, die ihrem eigenen Begriff eben doch bis heute noch nicht voll gerecht wird.‘” (S. 17f.)

  • Wenn eine Erörterung des Katastrophischen als Merkmal rechter bis rechtsextremer Diskurse sich bereits erschöpft zu haben scheint, sind Sie noch lange nicht fertig:

Dass Rechte ständig den Untergang von allem beschwören, das wahr, gut und schön ist, und sich gleichzeitig als jene inszenieren, die allein im Stande wären, eben diese Entwicklung aufzuhalten, ist trivial. Der entscheidende Punkt ist doch, dass sie ‚in gewisser Weise die Katastrophe wollen, daß sie von Weltuntergangsphantasien sich nähren‘. (S. 19f.) Psychoanalytisch gesprochen, appellieren sie ‚an den unbewußten Wunsch nach Unheil, nach Katastrophe‘. Und weil ich den Widerspruch schon aus Ihren, von Ressentiment gegen die Psychoanalyse triefenden Augen ablesen kann: ja, dieser Wunsch hat, neben der psychologischen Komponente, auch eine ‚objektive Basis‘. Denn ‚[w]er nichts vor sich sieht und wer die Veränderung der gesellschaftlichen Basis nicht will, […] der will aus seiner eigenen sozialen Situation heraus den Untergang, nur eben dann nicht den Untergang der eigenen Gruppe, sondern wenn möglich den Untergang des Ganzen.‘” (S. 20)

  • Wenn jemand wieder einmal mit der „Erkenntnis“ langweilt, dass man eines der FPÖ schon lassen müsse: in ihrer Nutzung der neuen sozialen Medien sei sie allen anderen weit voraus, bringen Sie mit nachfolgendem Zitat etwas gesellschaftstheoretischen Tiefgang in die Runde:

Tatsächlich beruht der Erfolg der Freiheitlichen nicht zuletzt auf einer ‚außerordentliche[n] Perfektion der Mittel, nämlich in erster Linie der propagandistischen Mittel in einem weitesten Sinn‘ – freilich ‚kombiniert mit Blindheit, ja Abstrusität der Zwecke, die dabei verfolgt werden.‘ Und ebenjene Gleichzeitigkeit atmet letztlich den Geist der ‚zivilisatorischen Gesamttendenz, die ja überhaupt auf eine solche Perfektion der Techniken und Mittel hinausläuft, während der gesamtgesellschaftliche Zweck dabei eigentlich unter den Tisch fällt.‘” (S. 23)

  • Wenn Ihnen jemand eine Petition zuleitet, die gegen den rassistischen Normalzustand und seine ExekutorInnen in Regierungsverantwortung mehr „Menschlichkeit“ in Stellung bringen will (oder Sie auf den Donnerstagsdemos gegen Schwarz-Blau III ab Jänner 2020 entsprechender Schilder ansichtig werden), geben Sie mit Adorno die Spielverderberin:

„‘Man soll nicht in erster Linie mit ethischen Appellen, mit Appellen an die Humanität operieren, denn das Wort ‚Humanität‘ selber und alles, was damit zusammenhängt, bringt ja die Menschen, um die es sich handelt, zum Weißglühen, wirkt wie Angst und Schwäche, etwa ähnlich so, wie in bestimmten Vorgängen, die mir bekannt sind, die Erwähnung von Auschwitz zu Rufen wie ‚Hoch Auschwitz‘ geführt hat und die bloße Erwähnung jüdischer Namen bereits zum Gelächter.‘” (S. 27f.)

Dazu eine kleine Fußnote: Adorno spielt hier auf Ereignisse an, die sich wenige Jahre zuvor in Wien zugetragen hatten. Der Mann, der durch die Erwähnung jüdischer Namen in seinen Vorlesungen verlässlich Gelächter geerntet hatte, war Taras Borodajkewycz (Hochschule für Welthandel, heutige WU). „Hoch Auschwitz“ war eine Parole der Alt- und Neonazis gewesen, die sich den antifaschistischen Demonstrationen gegen Borodajkewycz entgegenstellten.

  • Wenn Sie nach Ihrer Intervention über die Sinnlosigkeit von Humanitätsappellen vor die Frage gestellt werden, wie denn sonst der Herausforderung von rechts zu begegnen sei, können Sie es hiermit versuchen:

„‘[D]as einzige, was mir nun wirklich etwas zu versprechen scheint, ist, daß man die potentiellen Anhänger des Rechtsradikalismus warnt vor dessen eigenen Konsequenzen, daß man ihnen klar macht eben, daß diese Politik auch seine eigenen Anhänger unweigerlich ins Unheil führt und daß dieses Unheil von vornherein mitgedacht worden ist […]. Also man muß, wenn man gegen diese Dinge im Ernst angehen will, auf die drastischen Interessen derer verweisen, an die sich die Propaganda wendet.‘” (S. 28)

  • Selbst, wenn Ihr Gegenüber sich dadurch nicht überzeugen lässt und empirische Belege für die Sinnhaftigkeit der von Ihnen ins Spiel gebrachten Strategie fordert, sind Sie vorbereitet (wobei es sich empfiehlt, die Entstehungszeit ihrer empirischen Referenz zu verschweigen):

Es hat sich in den Studien zur autoritären Persönlichkeit gezeigt, ‚daß auch die vorurteilsvollen Persönlichkeiten, die also durchaus autoritär, repressiv, politisch und ökonomisch reaktionär gewesen sind, an der Stelle, wo es sich um ihre eigenen durchsichtigen, für sie selbst durchsichtigen Interessen gehandelt hat, ganz anderes reagieren‘ undsich relativ rational verhalten.‘” (S. 52)

  • Wenn Sie Ihrer Abscheu gegen Gabalier Ausdruck verleihen und Ihr Gegenüber entgegenhält, dass man diesem Trachtenzombie doch bitte nicht soviel Aufmerksamkeit widmen sollte – es gäbe ja nun wirklich politisch relevantere Teilphänomene des allgemeinen Rechtsrucks –, entgegnen Sie, dass

auch unter dem Gesichtspunkt der Politik die Symptome der Kulturreaktion und der angedrehten Provinzialisierung mit besonderer Wachsamkeit beobachtet werden müssen, weil das, einfach weil die außenpolitische Bewegungsfreiheit diesen Bewegungen abgeht, der Bereich ist, in dem sie am meisten sich austoben können und sicherlich versuchen und noch mehr versuchen werden, sich auszutoben.‘” (S. 30)

  • Wenn jemand „Silberstein!“ sagt / Wenn Sie eine beliebige Presseaussendung oder Wortmeldung aus dem Kreis der Neuen Volkspartei vor sich haben, versetzen Sie wissend:

[N]och das Tabu über der Erwähnung der Juden wird zu einem Mittel der antisemitischen Agitation, nämlich so mit diesem Augenzwinkernden: ‚Wir dürfen ja nichts darüber sagen, aber wir verstehen uns unter uns. Wir alle wissen, was wir meinen.‘ Und die bloße Erwähnung etwa eines jüdischen Namens genügt dieser Technik der Anspielung bereits, um bestimmte Effekte hervorzurufen.‘” (S. 35)

  • Wenn Ihnen jemand weismachen will, dass die von rechtsaußen ständig erhobene Forderung nach „mehr (direkter) Demokratie“ wohl doch Zeugnis davon ablege, dass diese Gruppierungen ihre Frontstellung gegen die Demokratie aufgegeben hätten, erinnern Sie daran, dass

„‘diese Ideologie durch die Gesetzgebung an ihrer vollen Äußerung verhindert [ist]. […] [D]er Zwang zur Anpassung an demokratische Spielregeln bedeutet auch eine gewisse Änderung in den Verhaltensweisen, und insofern liegt darin doch auch ein Moment […] der Gebrochenheit, die diese Bewegungen im Stadium ihres Revenanttums nun einmal haben. Das offen Antidemokratische fällt weg. Im Gegenteil: Man beruft sich immer auf die wahre Demokratie und schilt die anderen antidemokratisch.‘” (S. 37)

  • Wenn Ihnen jemand einen Kommentar zu Ibiza abringen will, obwohl dazu doch nun wirklich schon alles gesagt ist (und zwar von jedem), ziehen Sie sich mit Adorno in Tweetlänge aus der Affäre:

Am Ende des Tages haben Strache und Gudenus eindrucksvoll das wenig (mir aber durchaus) bekannte Diktum von Adorno über den Rechtsextremismus bestätigt: ‚ich halte das Ideologische gegenüber dem politischen Willen dranzukommen wirklich für ganz sekundär‘.” (S. 37)

  • Wenn Sie beim Zeitungsstudium im Café das aberhundertste Erklärstück über die vermeintlich so „neuen“ Rechten lesen, seufzen Sie gequält, nehmen einen Schluck aus der Espressotasse und murmeln, für den Nachbar*innentisch gerade noch hörbar:

„‘Es ist erstaunlich, wenn man die Dokumente liest, wie wenig zu dem alten Repertoire an Neuem hinzugekommen ist, wie sekundär und aufgewärmt es ist.‘” (S. 37)

–  Womit Sie sowohl die Geisteswelt von „Identitären“ & Co., als auch das Gros der journalistischen Erzeugnisse über ebenjene treffend charakterisiert hätten.

  • Wenn Ihnen jemand erklärt, Herbert Kickl sei zwar politisch unverträglich, aber sein polit-kommunikatorisches Genie müsse man wohl neidlos anerkennen, werfen Sie relativierend ein, dass es sich bei dem Repertoire des vermeintlich Genius doch

„‘um eine relativ kleine Zahl immer wiederkehrender standardisierter und vollkommen vergegenständlichter Tricks handelt, die ganz arm und dünn sind, die aber auf der anderen Seite gerade durch ihre permanente Wiederholung ihrerseits einen gewissen propagandistischen Wert für diese Bewegungen gewinnen.‘” (S. 43f.)

  • Wenn man daraufhin von Ihnen wissen will, wie diesen Tricks denn zu begegnen sei, haben Sie dank Onkel Teddy auch darauf eine Antwort parat:

Man sollte sie ‚dingfest machen, ihnen sehr drastische Namen geben, sie genau beschreiben, ihre Implikationen beschreiben und gewissermaßen versuchen, dadurch die Massen gegen diese Tricks zu impfen, denn schließlich will niemand ein Dummer sein, oder, wie man in Wien sagt, niemand will die ‚Wurzen‘ sein. Und daß das Ganze auf eine gigantische psychologische Wurztechnik, auf einen gigantischen psychologischen Nepp herausläuft, das ist wohl durchaus zu zeigen.‘” (S. 54)

  • Wenn Ihnen jemand einbläuen will, dass die Linke viel zu lange einen Bogen um die Themen Islam, Einwanderung und Integration gemacht habe und den Erfolgslauf der Rechten nie eindämmen werde können, solange sie sich den Sorgen und Ängsten der Autochthonen über die entstehenden Parallelgesellschaften nicht offensiv zuwende, erinnern Sie daran, dass

„‘dieser ganze Komplex der autoritätsgebundenen Persönlichkeit und der rechtsradikalen Ideologie in Wirklichkeit seine Substanz gar nicht an den designierten Feinden hat, gar nicht an denen hat, gegen die man dabei tobt, sondern daß es sich dabei um projektive Momente handelt, also daß die eigentlichen Subjekte einer Studie, die, die man zu begreifen und zu verändern hätte, die Rechtsradikalen sind und nicht die, gegen die sie ihren Haß mobilisiert haben.‘” (S. 52f.)

  • Wenn jemand – vermutlich derselbe Mensch wie eben – fordert, die Linke müsse selbst populistischer werden, mit denselben Mechanismen operieren wie das politische Gegenüber, eröffnen sie gönnerhaft:

Fürwahr, man muss dem Rechtsextremismus, ‚abgesehen vom politischen Kampf mit rein politischen Mitteln, in seiner eigensten Domäne‘ – jener der Propaganda nämlich – ’sich stellen. Aber nun nicht Lüge gegen Lüge setzen, nicht versuchen, genauso schlau zu sein wie er, sondern nun wirklich mit einer durchschlagenden Kraft der Vernunft, mit der wirklich unideologischen Wahrheit dem entgegenarbeiten.’” (S. 54f.)

  • Wenn Ihnen schlussendlich jemand mitteilt – und wenn Sie die vorliegende Handreichung fleißig zum Einsatz bringen, ist das nur eine Frage der Zeit –, Sie mögen bitte nicht ständig so obergescheit daherreden und überdies nicht alle zwei Sätze Adorno zitieren, haben Sie hiermit einen garantierten Winner (der zwar das Gegenüber nicht befrieden, aber doch zumindest eine Weile zähneknirschend schweigen lassen wird):

Wie Adorno schon wusste: ‚vor allem solange man nicht offen antisemitisch sein kann und solange man auch nicht die Juden umbringen kann, weil das ja bereits geschehen ist, sind besonders verhaßt die Intellektuellen‘.” (S. 32)

Da Sie vermutlich auch dem einen oder der anderen Bewegungslinken über den Weg laufen werden, an denen Adorno-Referenzen grundsätzlich abprallen, da dieser doch – anders als Marcuse! – von seinem akademischen Elfenbeinturm aus soziale Bewegungen mit seinen kritischen Einwürfen gelähmt und ihnen eingeredet habe, es lasse sich ohnehin nichts machen, seien Ihnen abschließend noch die folgenden Worte an die Hand gegeben, die Adorno ganz am Schluss seines Wiener Vortrags sprach:

Die Frage, wie es mit dem Rechtsextremismus wohl weitergehe, sei ‚falsch, denn sie ist viel zu kontemplativ. In dieser Art des Denkens, die solche Dinge von vornherein ansieht wie Naturkatastrophen, über die man Voraussagen macht wie über Wirbelwinde oder über Wetterkatastrophen, da steckt bereits eine Art von Resignation drin, durch die man sich selbst als politisches Subjekt eigentlich ausschaltet, es steckt darin ein schlecht zuschauerhaftes Verhältnis zur Wirklichkeit. Wie diese Dinge weitergehen und die Verantwortung dafür, wie sie weitergehen, das ist in letzter Instanz an uns.‘ (S. 55)

Das Buch: Theodor W. Adorno (2019 [1967]), Aspekte des neuen Rechtsradikalismus – Ein Vortrag. Mit einem Nachwort von Volker Weiss. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

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Erziehung zur Kritikfähigkeit

von Tina Füchslbauer erschienen in Versorgerin #111

Die Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) widmet sich in ihrem zweiten Sammelband dem Thema der Prävention und politischen Bildung. Eine fundierte Auseinandersetzung mit der Frage, wie rechtsextremen Tendenzen in der Pädagogik und in der sozialen Arbeit begegnet werden, beziehungsweise wie solchen Entwicklungen vorgebeugt werden kann, ist wichtig und notwendig, denn politische Bildung steckt im postnazistischen Österreich noch in den Kinderschuhen. »Zwischen Symbolpolitik und hektischem Aktivismus« verorten die Forscher_innen von FIPU bisherige Versuche seitens der Politik, Extremisierungstendenzen zu begegnen. Politische Bildung pendelt hierzulande somit zwischen völliger Bedeutungslosigkeit und absoluter Überhöhung hin- und her.

Nach einem historischen Überblick über die Geschichte der politischen Bildung von Günther Sandner folgt von Nico Bechter eine Einschätzung dessen, wie neoliberale Ideologien Einfluss auf die österreichische Bildungspolitik haben. Stefanie Mayer und Bernhard Weidinger stellen in ihrem Beitrag die Frage, ob Pädagogik gegen Rechts einem Kampf gegen Windmühlen gleichkommt und untersuchen Erkenntnisse der kritischen Antisemitismus-, Rassismus-, und Rechtsextremismusforschung auf ihre Relevanz für die politische Bildungsarbeit. Ihre eingangs formulierte Feststellung, dass die Gründe für den Hass auf die imaginierten »Anderen« im hassenden Subjekt und nicht in jenen, die angefeindet werden, zu suchen sind, mag banal klingen, bildet aber die Basis für pädagogische Interventionen.

Karin Kuchler diskutiert die Bedeutung der Kategorie Geschlecht in der politischen Arbeit und zeigt Potentiale geschlechterreflektierter Pädagogik auf. Die Feststellung, dass die Normsetzung heterosexueller Lebensweisen und der gesellschaftliche Zwang, sich in einem Zweigeschlechtersystem zu verorten, rechtsextremen Ansichten förderlich ist, führt zur logischen Schlussfolgerung, dass politische Bildung auch Kritik an Geschlechterverhältnissen implizieren muss. Ihr Aufsatz endet mit dem Aufruf, Sojourner Truth endlich jene feministische und rassismuskritische Vorreiterinnenrolle zuzusprechen, die sie verdient.
Elke Rajal und Heribert Schiedel widmen sich der Rechtsextremismusprävention in der Schule. Eine folgenreiche Fehlannahme ist, dass bei vielen pädagogischen Ansätzen davon ausgegangen wird, dass eine feindliche Einstellung den vermeintlich »Anderen« gegenüber in einem fehlenden Wissen über sie wurzelt. Deshalb macht es, so Rajal und Schiedel, wenig Sinn, Schüler_innen etwas über das Judentum zu erzählen, um im Sinne Adornos dazu beizutragen, dass Ausschwitz sich nicht wiederholen möge. In diesem Aufsatz zeigt sich ein grundlegendes Problem der politischen Bildung: Sie kann auf qualitative Art und Weise nur von jenen geleistet werden, die selbst einen gewissen Grad an Auseinandersetzung mit dem Thema aufweisen. Da Diskriminierungen jedweder Art an den Ausbildungsstätten für Pädagog_innen unzureichend behandelt werden, kann bislang nicht davon ausgegangen werden, dass Rassismus- und Antisemitismuskritik selbstverständlich in den Lehrplan Einzug finden.

Wer sich einfache Rezepte gegen Rechtsextremismus erwartet, wird enttäuscht. Zurecht, denn dazu ist das Thema zu komplex. Judith Goetz räumt mit der Annahme auf, der Besuch von Gedenkstätten, wie er in vielen Schulen vorgesehen ist, würde automatisch zu einer nachhaltigen Sensibilisierung führen. »Entgegen weit verbreiteter Erwartungshaltungen und Wunschvorstellungen funktionieren KZ-Gedenkstättenbesuche eben nicht als ,Allheilmittel‘, ,Schutzimpfung‘ oder ,Immunisierung‘ gegen rechtsextremes oder neonazistisches Gedankengut«, so die Wissenschaftlerin. Der Umkehrschluss, dass diese sinnlos wären, sei allerdings ebenso falsch. Auch hier steht die Qualität in engem Zusammenhang mit der Qualifizierung der Begleiter_innen und den Zeitressourcen, die für diese Besuche geschaffen werden.

Da insbesondere die Primärprävention zu wenig Aufmerksamkeit genießt, stellt der Beitrag von Jana Sommeregger zu Kinder- und Jugendliteratur zum Thema eine Besonderheit dar. Dass einige der von ihr erwähnten Bücher nicht nur auf junge Menschen, sondern auch auf Erwachsene Einfluss haben, zeigt die Bedeutung von Autorinnen wie Christine Nöstlinger, Käthe Recheis und Mira Lobe.
In dem Beitrag mit dem provokanten Titel »Die hilflose Profession« beschäftigt sich Eva Grigori mit dem Umgang mit rechtsextremen Erwachsenen in Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit. Sie weist darauf hin, dass Beziehungsarbeit politische Kritik nicht ausklammern darf. Allerdings hängt es, so die Autorin, bislang vom Engagement Einzelner ab, rechtsextremen Tendenzen etwas entgegenzusetzen.

Carina Klammer, von der im ersten Band der FIPU-Reihe ein Artikel über antimuslimischen Rassismus zu finden ist, erforscht in diesem Beitrag den Begriff der »Deradikalisierung«, dessen Blüte eben ein Ausdruck dieses Rassismus ist. Fabian Reicher knüpft daran thematisch mit seinen Ausführungen zur sozialarbeiterischen Praxis in der Jugendarbeit an.

Im letzten Beitrag gehen Judith Goetz und Matthias Falter auf aktuelle Entwicklungen rund um Pegida in Österreich ein, wobei der Fokus nicht auf rassistischen Täter_innen, sondern auf »der« Linken liegt, die – so die Autor_innen – teils problematische Erklärungsmuster für die Entstehung der Bewegung hat.

Abschließend sei mit Carina Klammer festgestellt, dass pädagogische und sozialarbeiterische Präventionsarbeit zwar wichtig ist, dass es für umgreifende Veränderungen aber vor allem eines braucht: »eine solidarische, antirassistische, antifaschistische und emanzipatorische Zivilgesellschaft.« Das Buch ist deshalb nicht nur für Pädagog_innen und Sozialarbeiter_innen geeignet, sondern bietet für uns alle wichtige Implikationen zur eigenen Politisierung.

FIPU (Hg.in):
»Rechtsextremismus. Band 2: Prävention und politische Bildung.«
Mandelbaumverlag, Wien 2016

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Befähigung zur Gesellschaftskritik als Präventionsarbeit

Von Katharina Gruber erschienen auf progress-online

Der zweite Rechtsextremismus-Band der Forschungsgruppe „Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ (FIPU) widmet sich der Prävention und der politischen Bildung. In der Schule, in der außerschulischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und in der Sozialen Arbeit stellt sich die Frage nach sinnvoller Prävention, aber auch nach einem adäquaten Umgang mit rechtsextremen Einstellungsmustern. Die Stärke des Bandes liegt in der Vielfalt der Zugänge zum Thema, da viele der Autor_innen sowohl in der Rechtsextremismusforschung verankert sind, als auch über Praxiswissen aus dem Schulalltag und der Sozialarbeit verfügen.

Die Bedeutung der Erziehung zur Mündigkeit – oder anders ausgedrückt: der Befähigung zur Ideologiekritik – zieht sich als roter Faden durch den Sammelband. So argumentieren etwa Stefanie Mayer und Bernhard Weidinger, dass autoritäre Denkweisen und die Vorstellung einer hierarchischen Gesellschaftsordnung durch eine Gesellschaft begünstigt werden, in der alles einem kapitalistischen Konkurrenzprinzip unterworfen ist. An diese Denklogiken könnten rechtsextreme Ideologien leicht anknüpfen. Mayer und Weidinger plädieren dafür, die Projektionsmechanismen des Rechtsextremismus zum Thema zu machen und die Reflexion der eigenen Abwertung anderer in den Mittelpunkt zu stellen. Ziel davon sei es, „äußere Zumutungen und innere Konflikte in einer Weise zu bearbeiten, die ohne Projektion auf andere und Verfolgen des Projizierten an diesen auskommt.“ Einem ähnlichen Ansatz folgen Elke Rajal und Heribert Schiedel, die der Frage nachgehen, was diese Überlegungen für die rassismus- und antisemitismuskritische Bildungsarbeit in der Schule bedeuten. Eine Schwierigkeit der Selbstreflexion sehen sie darin, dass rechtsextreme Vorstellungen nicht einfach aufgelöst werden können, weil sie oft von grundlegender Bedeutung für das Selbstbild sind und als Problemlösungsstrategien in den Lebenswelten vieler Jugendlicher verankert sind. Die kritische Analysefähigkeit von Kindern und Jugendlichen müsse nach Rajal und Schiedel ebenso gestärkt werden wie ihre Handlungskompetenz. Dadurch werden Ohnmachtsgefühle, die den Rechtsextremismus begünstigen, gemindert.

Neben Selbstermächtigung und Ideologiekritik ist ein zentraler Begriff des Bandes jener der Anerkennung. Da gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit oft auf einem Anerkennungsdefizit fuße, sei es wichtig den Jugendlichen mit Respekt und Anerkennung zu begegnen und sich verstehend auf sie einzulassen. Erst wenn ein Vertrauen hergestellt sei, könne sinnvoll an problematischen Einstellungen gearbeitet werden. Politische Sozialisation erfolge, so Fabian Reicher in seinem Beitrag, durch das Erlernen anhand von dem, was vorgelebt wird. Werden Jugendliche als Problemfälle identifiziert und behandelt, wird ihnen undemokratisches Verhalten vorgelebt. Insofern ist das Buch auch sehr bereichernd für alle, die sinnvolle Reflexionsanregungen für die eigene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen suchen.

Katharina Gruber hat Politikwissenschaft in Wien studiert und ist in der politischen Bildungsarbeit und im Journalismus tätig.

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Rezensionen zum Sammelband Rechtsextremismus – Prävention und politische Bildung (hg. von FIPU)

  • Mit Bildung gegen Rechts?

Von Paul Pumsenberger erschienen auf syntaxblog.at

Welche Bildung braucht es, um die Verbreitung rechtsextremer Ideologien zu verhindern?

Dass Antifaschist_innen nicht ausschließlich durch ‚normale‘ Bildungskarrieren ‚produziert‘ werden, scheint mittlerweile sehr offensichtlich. Doch wie können Jugendliche im Umgang mit diskriminierenden Ideologien geschult werden? Wiener Wissenschafter_innen haben sich damit in einem heuer erschienen Buch beschäftigt. Eine Rezension. Weiterlesen

  • Befähigung zur Gesellschaftskritik als Präventionsarbeit

von Katharina Gruber erschienen auf progress-online

Der zweite Rechtsextremismus-Band der Forschungsgruppe „Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ (FIPU) widmet sich der Prävention und der politischen Bildung. In der Schule, in der außerschulischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und in der Sozialen Arbeit stellt sich die Frage nach sinnvoller Prävention, aber auch nach einem adäquaten Umgang mit rechtsextremen Einstellungsmustern. Die Stärke des Bandes liegt in der Vielfalt der Zugänge zum Thema, da viele der Autor_innen sowohl in der Rechtsextremismusforschung verankert sind, als auch über Praxiswissen aus dem Schulalltag und der Sozialarbeit verfügen. Weiterlesen

  • Mehr als historische ­Faktenvermittlung

von Julia Edthofer erschienen in malmoe 76

Rezension des FIPU-Bandes zu Prävention & Bildung gegen Rechtsextremismus

Die Forschungsgruppe „Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ legt mit ihrem zweiten Rechtsextremismus-Band eine beeindruckend praxisbezogene Auseinandersetzung mit Rechtsextremismusprävention und politischer Bildung in der postnazistischen Migrationsgesellschaft vor. Weiterlesen

  • Erziehung zur Kritikfähigkeit

von Tina Füchslbauer erschienen in Versorgerin #111

Die Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) widmet sich in ihrem zweiten Sammelband dem Thema der Prävention und politischen Bildung. Eine fundierte Auseinandersetzung mit der Frage, wie rechtsextremen Tendenzen in der Pädagogik und in der sozialen Arbeit begegnet werden, beziehungsweise wie solchen Entwicklungen vorgebeugt werden kann, ist wichtig und notwendig, denn politische Bildung steckt im postnazistischen Österreich noch in den Kinderschuhen. »Zwischen Symbolpolitik und hektischem Aktivismus« verorten die Forscher_innen von FIPU bisherige Versuche seitens der Politik, Extremisierungstendenzen zu begegnen. Politische Bildung pendelt hierzulande somit zwischen völliger Bedeutungslosigkeit und absoluter Überhöhung hin- und her. Weiterlesen

  • Politische Bildung zwischen Anspruch und Wirklichkeit

von Soma Mohammad Assad erschienen in Unique 5/16

Anschließend an den ersten Sammelband der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheiten (FIPU), in dem die AutorInnen attestieren, dass der Rechtsextremismus kein Randphänomen, sondern sein Potential in der sogenannten ‚Mitte‘ der Gesellschaft zu finden ist, wird im zweiten Band der Schwerpunkt auf Prävention und politische Bildung gelegt. Weiterlesen

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Mehr als historische ­Faktenvermittlung

von Julia Edthofer erschienen in malmoe 76

Rezension des FIPU-Bandes zu Prävention & Bildung gegen Rechtsextremismus

Die Forschungsgruppe „Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ legt mit ihrem zweiten Rechtsextremismus-Band eine beeindruckend praxisbezogene Auseinandersetzung mit Rechtsextremismusprävention und politischer Bildung in der postnazistischen Migrationsgesellschaft vor.

„Theorie und Praxis zusammendenken“ –so lässt sich die große Stärke des zweiten FIPU-Bandes zusammenfassen. Die Autor_innen beschäftigen sich darin aus transdisziplinärer Perspektive mit politischer Bildung und Extremismusprävention und beziehen bildungspolitische Rahmenbedingungen, aktuelle Debatten und Vermittlungsarbeit aufeinander. Das Buch ist zwar in theoretisch-konzeptionelle und praxisbezogene Beiträge gegliedert, doch die Grenzen verschwimmen—und das ist beabsichtigt und gut so, denn immerhin geht es um politische Interventionen.

DIE EINLEITENDEN BEITRÄGE von Günther Sandner und Nico Bechter illustrieren die schlechten institutionellen Rahmenbedingungen für politische Bildung in Österreich und berücksichtigen sowohl historische Faktoren, wie fehlende Entnazifizierung und Re-Education nach 1945, als auch aktuelle Hemmnisse, wie den neoliberalen Umbau von Bildungseinrichtungen. Karin Kuchler diskutiert geschlechtsspezifische Leerstellen: sie problematisiert den anhaltenden Fokus auf hegemoniale Männlichkeit in der Rechtsextremismusprävention und schlägt vor, feministische Ansätze und kritische Männlichkeitsforschung stärker in die pädagogische Arbeit zu integrieren. Eine Perspektivenverschiebung nehmen Stefanie Mayer und Bernhard Weidinger vor, die Herausforderungen antifaschistischer Bildungsarbeit in der Migrationsgesellschaft reflektieren und sich dabei an dominanzgesellschaftliche Personen richten. Eine Quintessenz der Überlegungen ist, dass eine solche Bildungsarbeit nicht im „Sich-Informieren über die Anderen“ bestehen kann, sondern eine Auseinandersetzung mit der eigenen Verstrickung in Dominanzverhältnisse erfordert. Auf anderer Ebene verfolgen Judith Götz und Matthias Falter ebenfalls einen reflexiven Ansatz: sie beschäftigen sich mit linken Positionen zum Phänomen PEGIDA und problematisieren die Tendenz, die F-wählende „gesellschaftliche Mitte“ (immerhin 50%) auszublenden und extremistische Ideologien an den rechten Rand zu schieben. Auch linke Spannungsfelder in puncto Rassismuskritik werden aufgegriffen und anhand von zwar solidarisch gemeinten, jedoch essentialistisch-homogenisierenden Gruppenkonstruktionen von „den Muslim_innen“, Auslassungen bei der Kritik von antimuslimischem Rassismus thematisiert.

DIE AUF DIE PÄDAGOGISCHE ­PRAXIS bezogenen Beiträge beleuchten die Settings Schule und Soziale Arbeit. Elke Rajal und Heribert Schiedel fordern, schulische Rechtsex­tremismusprävention nicht nur als historische Faktenvermittlung, sondern stärker als antisemitismus- und rassismuskritische Bildungsarbeit anzulegen und plädieren mit Verweis auf aktuelle Debatten über islamisierten Antisemitismus für antirassistisch-entkulturalisierende Zugänge. Die Annahme, dass Gedenkstättenpädagogik eine ausreichende Prävention darstellt, wird auch von Judith Götz in Frage gestellt—und passend dazu im nächsten Beitrag von Jana Sommeregger ein kritischer Überblick über antifaschistische Kinder- und Jugendliteratur gegeben. Danach illustriert Eva Grigori die Leerstelle Rechtsextremismusprävention bei Erwachsenen in der Sozialen Arbeit und schlägt vor, Konzepte aus der Jugendarbeit zu adaptieren. Die letzten Beiträge spannen den Bogen zurück zu migrationsgesellschaftlichen Debatten: Carina Klammer illustriert die Blitzkarriere von Deradikalisierungsprävention und kritisiert, dass durch den Fokus auf Muslim_innen „autochthoner“ Rechtsextremismus mitunter aus dem Blick gerät. Gleiches stellt Fabian Reicher im Bereich Jugendarbeit fest und warnt vor einer Stigmatisierung durch die Verknüpfung von Prävention und sicherheitspolitischen Diskursen, da jegliche pädagogische Intervention auf Respekt und Anerkennung fußt.

Der rote Faden, der alle Beiträge verbindet, ist die Frage nach politischer Intervention über eine „Erziehung zur Mündigkeit“, oder anders gesagt: zur (Ideologie-)Kritikfähigkeit. Dabei wird prinzipiell die kapitalistische Konkurrenzlogik als auslösender Faktor für autoritäre Ideologien thematisiert und der wohl aktuellsten Frage nachgegangen, was Prävention und politische Bildung in der postnazistischen Migrationsgesellschaft heißt. Dass all dies von Autor_innen reflektiert wird, die sowohl in der Vermittlungsarbeit als auch in der Forschung tätig sind, macht das Buch zu einem großen Gewinn—nicht nur für Praktiker_innen.

FIPU (Hg.): „Rechtsextremismus. Band 2: Prävention und politische Bildung“, Mandelbaum, Wien 2016

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Kritik am Rechtsextremismus und der Kritik daran

Die Wiener Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit(FIPU) hat ihren ersten Sammelband herausgegeben. Rechtsextremismus, so der Titel, bedeutet in Österreich etwas anderes als in Deutschland nicht nur deswegen ist er lesenswert. Von Nikolai Schreiter

Wenn eine Rezension zu schreiben ist und man sich nicht entscheiden kann, welche der neun Kapitel man zuerst, welche vielleicht gar nicht lesen will, ist das ein gutes Zeichen. Im Fall des vorliegenden Sammelbandes Rechtsextremismus. Entwicklungen und Analysen Band 1spiegelt sich darin die Relevanz der behandelten Themen: Akteure, Theorie, Dokumentation und Antifa, alles ist drin. Einem Publikum, das Rechtsextremismusin erster Linie als totalitarismustheoretischen Kampfbegriff aus Deutschland kennt, der allen, um damit auch „linken Extremismus“ in Abgrenzung zur freiheitlich-demokratischen Grundordnungder Bundesrepublik verwirft, sei der Einstieg mit Bernhard Weidingers Text Verteidigung des Rechtsextremismusbegriffs gegen seine Proponent*innenempfohlen.

Darin entfaltet er die Unterschiede zwischen dem deutschen und dem österreichischen Begriff, zwischen der Apologetik der ‚politischen Mitte‘ und dem kritischen Rechtsextremismusbegriff. Den verwendet auch die herausgebende Wiener Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) und fasst ihn als militante Steigerungsform der zentralen Werte und Ideologien spätbürgerlicher Gesellschaftenzusammen. In Österreich verläuft die Grenze zwischen legalem Rechtsextremismus und militanten Neonazismusentlang des NS-Verbotsgesetzes. Heribert Schiedel vollzieht in seinem Beitrag National und liberal verträgt sich nichtdiesseits wie jenseits dieser Grenze die ideologischen Machtverschiebungen in der FPÖ nach, die in Umfragen regelmäßig die stärkste österreichische Partei ist.

Irre Biologisierung des Sozialen

Judith Goetz spart in ihren lesenswerten Beiträgen nicht mit wohl argumentierter Kritik sowohl an der Forschung über Rechtsextremismus als auch am politischen Kampf dagegen: Die Forschung weise blinde Flecken im Bezug auf die Kategorie Geschlechtauf. Ein zentrales Element von Rechtsextremismus ist die Naturalisierung und Biologisierung gesellschaftlicher, also menschlich geschaffener Ungleichheiten. Wenn Rechtsextreme also Angriffe auf das naturalisierte Geschlechterverhältnis zuließen, würde mit dessen „Unveränderlichkeit“ auch die „Unveränderlichkeit“ anderer naturalisierter gesellschaftlicher „Tatsachen“, etwa die der „Volksgemeinschaft“, Schaden nehmen. Die naheliegende Frage danach, warum gesellschaftliche Verhältnisse nicht nur im Rechtsextremismus ideologisch als natürlich betrachtet werden, bearbeitet der Band leider nicht explizit. Sie wären Dreh- und Angelpunkt des im Buch sehr wohl analysierten Zusammenhangs zwischen bürgerlicher und rechtsextremer Ideologie.

In ihrem zweiten Beitrag Ausgetanzt!bilanziert Goetz den erfolgreichen politischen Kampf gegen den Wiener Akademikerball und seine burschenschaftliche Vorgängerveranstaltung, den WKR-Ball. Auch hier wurde, so Goetz, die Kritik an der burschenschaftlichen Vorstellung vom Geschlechterverhältnis oft nur mitgemeint. Außerdem kritisiert sie die Unschärfe bei der Charakterisierung des völkischen Eventsals lediglich rechtsaußen, Rechts-Eventoder rechtspopulistisch. Insbesondere beanstandet sie, dass linke Bündnisse den Antisemitismus zu wenig kritisieren, der die Veranstaltungen ideologisch trägt und an konkreten Äußerungen rund um den Ball sichtbar wird. Diese Kritik kann antifaschistischer Politik durchaus auch bei anderer Gelegenheit dazu dienen, solche Leerstellen zu vermeiden.

Ein Auftakt nach Maß

Der Beitrag von Lucius Teidelbaum zu Obdachlosenfeindlichkeit und BettlerInnenhassschließlich setzt ein auch in emanzipatorischer Wissenschaft marginalisiertes Thema. Die Chronologie des Rechtsextremismus in Österreich 2013gibt einen Einblick in österreichische Zustände. Carina Klammers Beitrag diskutiert den verschleiernden Begriff Islamophobieund sein Verhältnis zu Rassismus und Antisemitismus. Alles in allem ist dieser erste Band theoretisch wie politisch der Auftakt wichtiger Kritik für Akademia und Antifa.

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Rezension: Rechtsextremismus. Entwicklungen und Analysen

Aus: unique – Zeitschrift der ÖH an der Uni Wien

Die Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) versucht gleich mehrere Leerstellen mit dem vorliegenden Projekt zu füllen, von dem der vorliegende nur der erste Band ist. Zum Einen bringt der Sammelband wichtige Stimmen der Rechtsextremismusforschung zusammen, um verschiedene Ideologieansätze aufzuzeigen. Erfreulicherweise gelang das mit einem ausgewogenem Geschlechterverhältnis, was leider alles andere als selbstverständlich ist. Dieses Aufzeigen ist besonders gut im Kapitel zu Obdachlosenhass und Bettler_innenfeindlichkeit gelungen, was leider ein medial wenig präsenter Teil rechtsextremer Ideologie ist. Zum Zweiten birgt der vorliegende Band auch eine Bestandsaufnahme der Forschung selbst. Richtigerweise wird darauf hingewiesen, dass es im akademischen Rahmen kaum Raum für kritische Auseinandersetzung mit aktuellen Formen des Rechtsextremismus gibt. Wenn dies geschieht, dann immer auf Intiative engagierter Studierendenvertreter_innen. Das Buch zeigt zudem wichtige Akteuer_innen und aktuelle Vorfälle auf. Dies ist wichtig, um nicht nur abstrakt zu diskutieren, sondern die Debatten in der Realität zu verankern. Bemerkenswert ist das Kapitel zum Verfassungsschutz, das klar aufzeigt, dass das Rechtsextremismus und seine Agitation nicht im luftleeren Raum passiert, sondern durch verschiedenste Umstände befördert wird. Einzig das Kapitel zu den Protesten fällt ab, da dort das eigene Bündnis in den Himmel gelobt wird, während alle anderen Antifaschist_innen naturgemäß alles falsch machen, was die Lektüre dieses Kapitels dementsprechend langweilig macht. Abgesehen davon ist das Buch zu empfehlen und bietet viele spannende Anregungen, die es lohnen systematisch und in kritischen und solidarischen Diskursen weitergeführt zu werden. Dieses Buch ist hierfür sicherlich ein erster guter Startpunkt.

Natascha Strobl ist Politikwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Rechtsextremismusforschung

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Alles, was rechts ist

Von Maria Sterkl, DER STANDARD (Print)

Es ist paradox: Die Verurteilungen wegen NS-Wiederbetätigung steigen stetig, gleichzeitig beruhigt der Verfassungsschutz: Es gehe keine akute Gefahr von der rechtsextremen Szene aus. Auch der Umfang des Rechtsextremismus-Kapitels im jährlichen Verfassungsschutzbericht schrumpft beständig, 2007 waren es noch 36 Seiten, im Vorjahr nur noch neun. Das sei kein Zufall, sondern Symptom, erklärt der kluge Analyseband Rechtsextremismus. Herausgegeben wurde dieser von jungen Forschern der Universität Wien mit dem eher sperrigen Dachnamen „Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit“. Sie skizzieren, was es mit dem Schwinden der rechtsextremen Szene in der öffentlichen Debatte auf sich hat – und wie das mit der aktuell heiß diskutierten Frage der „linken Gewalt“ zusammenhängt. Verfassungsschutz, Polizei, auf Polizeiinformationen basierende Medienberichterstattung stützten sich auf eine sehr enge Definition von Rechtsextremismus, die nur Bewegungen meine, die sich gegen demokratische Einrichtungen stellen, so die Forscher. Damit werde aber ein wichtiger Teil der rechtsextremen Szene ausgeblendet – und zwar jener, der in die politischen Institutionen des Landes eingesickert ist und sich demokratischer Mechanismen bedient, um an Macht zu gewinnen. Auch auf vernachlässigte Aspekte des Rechtsextremismus – wie dessen Antifeminismus – geht der Band ein. Wer sich einen raschen Überblick über rechtsextreme Gewalt der jüngsten Vergangenheit verschaffen will, wird im letzten Kapitel des Buchs bedient.

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Wissenschaft als Intervention

Von Stefanie Mayer, Wissenschaftskompass

Die in Wien beheimatete Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) legt mit dem ersten Band ihrer geplanten Buchreihe zum Thema Rechtsextremismus einen starken Auftakt vor. Eine Empfehlung.

„Forschungsgruppe“ und „Rechtsextremismus“ – das klingt nicht gerade nach Lesevergnügen, doch der vorliegende erste Band der geplanten Reihe straft dieses Vorurteil Lügen. Engagierte Wissenschaft zeigt sich hier als spannendes und facettenreiches Unternehmen, das Überraschungen bereithält und Aha-Erlebnisse ebenso liefert wie Stoff für Diskussionen. In der Einleitung legt die Forschungsgruppe offen, dass sie sich „weniger über den Forschungsgegensand ‚Extreme Rechte‘ als über die Kritik an antiegalitären, antiemanzipatorischen und gruppenbezogen-menschenfeindlichen Anschauungen und Praktiken im Allgemeinen“ definiert und bringt damit auch den gemeinsamen Anspruch des Sammelbandes auf den Punkt. Fast alle Beiträge versuchen die Zusammenhänge zwischen der viel beschworenen „politischen Mitte“ und rechtsextremen Ideologien und Praktiken aufzuzeigen und distanzieren sich von einem Extremismus-Begriff, der das „Extreme“ als Gegensatz zum „Normalen“ definiert und an den „Rändern“ der Gesellschaft verortet.

Thematisch wie stilistisch unterscheiden sich die Beiträge stark voneinander – das macht das Lesen abwechslungsreich. Gleichzeitig hält jedoch die sorgfältige Begriffs- und Konzeptarbeit (die allerdings an einigen Stellen Redundanzen mit sich bringt) den Band zusammen, so dass die unterschiedlichen Aspekte sich tatsächlich zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Ohne hier alle behandelten Themen anführen zu können, seien einige – vom subjektiven Blick der Rezensentin gefärbte – Beispiele herausgegriffen: Im ersten Abschnitt, der sich der kritischen Rechtsextremismusforschung widmet, findet sich ein prominent platzierter Beitrag von Judith Götz zur fehlenden Berücksichtigung der Kategorie „Geschlecht“ in der Forschung zu Rechtsextremismus, dem es gelingt, sowohl die vorhandenen Ansätze zu würdigen, wie auch die Lücken kritisch auszuleuchten. Im zweiten Abschnitt, der sich wichtigen AkteurInnen widmet, überrascht ein Beitrag von Matthias Falter, der sich kritisch mit der Rolle des österreichischen Verfassungsschutzes auseinandersetzt und diesen als „Teil des Problems“ beschreibt. Als wichtige ideologische Elemente rechtsextremen Denkens wird von Lucius Teidelbaum die – bislang in der Rechtsextremismusforschung kaum behandelte – BettlerInnen- und Obdachlosenfeindlichkeit aufgegriffen und als Äußerungsform sozialdarwinistischen Denkens analysiert. Ein weiterer Beitrag von Carina Klammer widmet sich dem virulenten antimuslimischen Rassismus. Schließlich macht eine kritisch-solidarische Analyse antifaschistischer Proteste gegen den WKR-Ball das politische Anliegen des Buches noch einmal ganz deutlich: Die HerausgeberInnen sehen sich einer „radikal-reflexiven“ Wissenschaft verpflichtet, die sich „auch und vor allem an Menschen [richtet], denen an der Kritik und letztendlichen Überwindung herrschender Verhältnisse gelegen ist.“

Es ist die Mischung aus konzeptueller Grundlagenarbeit, teils überraschenden Themen und neuen Perspektiven und der explizit politischen Perspektive, die diesen Sammelband auszeichnet. Die geplante Fortsetzung der Reihe – die im Kontext des ehrgeizigen Ziels steht, der Rechtsextremismusforschung in Österreich eine akademische Plattform zu schaffen – kann deshalb mit Spannung erwartet werden.

– sm

Lesetipp:

Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (Hg.in): Rechtsextremismus. Entwicklungen und Analysen – Band 1. Wien: Mandelbaumverlag. 2014.

WWW: https://forschungsgruppefipu.wordpress.com/

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Bildung (nicht nur) für die Antifa

Eine Rezension zum neuerschienenen Sammelband „Rechtsextremismus. Entwicklungen und Analysen“

Von Stefanie Mayer, erschienen in der Malmoe Nr. 69 / 2014

Gleich vorweg: Mit ihrem als ersten Band einer Reihe gedachten Buch legt die „Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ (FIPU) ein „must-read“ für alle antifaschistisch Engagierten vor. Der Band versammelt dabei ganz unterschiedliche Zugänge, die aber durch die Bank theoretisch fundierte Einsichten bieten, die über eine bloße Beschreibung rechtsextremer Gruppierungen weit hinausgehen. Dem in der Einleitung vorgestellten Selbstverständnis von FIPU, sich „weniger über den Forschungsgegenstand ‚Extreme Rechte‘ als über die Kritik an antiegalitären, antiemanzipatorischen und gruppenbezogen-menschenfeindlichen Anschauungen und Praktiken im Allgemeinen“ zu definieren, wird das Buch jedenfalls gerecht: Fast alle Beiträge versuchen den Leser_innen den Zusammenhang von rechtsextremen Ideologien und jenen der sogenannten „Mitte“ plausibel zu machen. Große Unterschiede zwischen den Beiträgen in thematischer wie auch stilistischer Hinsicht machen das Buch abwechslungsreich – einige Redundanzen ergeben sich allerdings, etwa dass mehrere Beiträge sehr ausführlich dieselbe grundlegende Definition des Begriffs Rechtsextremismus diskutieren. Andererseits schafft gerade diese sorgfältige Arbeit an den eigenen Arbeitsbegriffen auch gemeinsame Bezugspunkte, die die unterschiedlichen Artikel zusammenhalten und bei der Leserin, dem Leser ein Gesamtbild entstehen lassen.
Der Band leistet zunächst ganz zentrale Begriffs- und Grundlagenarbeit und gibt einen Überblick über den – überraschend lückenhaften – Stand der Forschung, bei dem auch Publikationen abseits der Wissenschaft ihren Platz finden. Angesichts der Randständigkeit von feministischen und geschlechterkritischen Zugängen in der Rechtsextremismus-Forschung ist es eine sehr erfreuliche Überraschung, dass gleich der zweite Beitrag von Judith Götz sich mit der Notwendigkeit der systematischen Einbeziehung von „Geschlecht“ in der Forschung auseinandersetzt. Er gibt einen kritischen Überblick über vorhandene (und oft wenig rezipierte) Arbeiten ebenso wie über die klaffenden Lücken. Ein weiterer Beitrag von Bernhard Weidinger verteidigt den (hier inhaltlich fundierten) Begriff Rechtsextremismus gegen seine Verwendung in Extremismus-Theorien, in denen er der Entlastung der „Mitte“ dient. Der zweite Abschnitt des Bandes widmet sich Akteur_innen des Rechtsextremismus – und auch hier gibt es eine Überraschung: Neben einem Beitrag zur FPÖ von Heribert Schiedel findet sich hier ein zweiter von Matthias Falter verfasster zum Verfassungsschutz, der diesen als „Teil des Problems“ ausweist. Der folgende mit „Ideologien“ überschriebene Abschnitt zeigt die Kontraste innerhalb des Bandes wohl am deutlichsten: Der Beitrag zu antimuslimischem Rassismus von Carina Klammer ist sicher der voraussetzungsvollste des ganzen Buches. Um seinem doppelten Anliegen gerecht zu werden, einerseits eine Kritik des Konzepts Islamophobie und andererseits eine Analyse der gesellschaftlichen Funktion des antimuslimischen Rassismus zu leisten, diskutiert er eine Vielzahl komplexer Theorieansätze. Im Unterschied dazu lässt sich Lucius Teidelbaum in seiner Analyse von Obdachlosenhass und Bettler_innenfeindlichkeit ganz vom Konzept des Sozialdarwinismus leiten. Nicht zuletzt zeigt sich hier auch, wie unterschiedlich gut bzw. schlecht aufgearbeitet einzelne Formen der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ sind, gibt es doch zu manchen eine fast unüberschaubare Literatur, während andere bisher kaum Beachtung fanden. Im vorletzten Beitrag des Buches reflektiert Judith Götz solidarisch-kritisch die antifaschistischen Mobilisierungen gegen den WKR- bzw. FPÖ-Akademiker-Ball und zeigt hier u.a. das weitgehende Fehlen einer Kritik des Antisemitismus und die mangelnde Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse als Probleme aktueller Antifa-Arbeit auf. Eine Chronologie rechtsextremer Aktivitäten in Österreich im Jahr 2013 rundet das Buch ab.
Die gelungene Mischung aus Grundlagenarbeit, ungewöhnlichen Themenstellungen und einer klaren politischen Perspektive macht den FIPU-Sammelband so lesenswert. Bleibt zu hoffen, dass bald weitere Bücher folgen.

FIPU (Hg.in): „Rechtsextremismus. Entwicklungen und Analysen – Band 1“, Mandelbaumverlag, Wien 2014

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