Bildsprache und Neonazismus-/Rechtsextremismusprävention

Andreas Hechler

Die Ikonografie des männlichen, armen, dummen, gewalttätigen und juvenilen Skinheads, der in heruntergekommenen Gegenden herummarodiert, ist ungebrochen dominant, wenn sich mit dem Thema Rechtsextremismus beschäftigt wird. Es gibt kaum Zeitungen, Buchcover oder Broschüren zum Thema, in der sich keine Bilder von muskelbepackten Glatzen, Bomberjacken, Springerstiefeln, Tätowierungen, brüllende Männerhorden und dergleichen mehr finden.
Zugleich liegt der Fokus fast ausschließlich auf den Täter_innen (1), wenn Bilder zum Thema Rechtsextremismus gezeigt werden. Aus dem Blick geraten Opfer/Diskriminierte (2) und ihre Bedürfnisse einerseits, Alternativen zum Rechtsextremismus andererseits.
Die Frage nach Bildern ist von herausragender Bedeutung aufgrund ihrer Wirkmächtigkeit. Vorherrschende Bilderwelten haben direkte Folgen für politisches und pädagogisches Handeln und prägen die Selbst- und Fremdwahrnehmung derjenigen, die als ‚rechtsextrem‘ wahrgenommen werden.
In drei Texten problematisiere ich zunächst (Teil I) den Täter_innenfokus sowie eingeschränkte und einschränkende Bilderwelten über Rechtsextreme. Daran anschließend wende ich mich in Teil II der Genese von Bilderwelten zu und frage, welche gesellschaftlichen und individuellen Funktionen diese erfüllen. Ich stelle dabei die These auf, dass die zentrale Funktion sowohl des Täter_innenfokus als auch eingeschränkter rechtsextremer Bilderwelten die Affirmation der bestehenden Diskriminierungsverhältnisse ist. Selbst wenn dies nicht gewollt ist, kann es ein ungewollter Effekt sein. An diese Kritik angelehnt, überlege ich in einem dritten Teil Alternativen und frage nach den Implikationen einer erfolgreichen Rechtsextremismusprävention.

Teil I: Bildliche Verengungen und Täter_innenfokus
In der medialen Mainstream-Öffentlichkeit findet sich zum Themenkomplex ‚Rechtsextremismus‘ wenig. Das Thema wird jenseits einer Berichterstattung über exzessive Gewalttaten eher ignoriert. Wird hingegen über das Thema berichtet, sind die aufgerufenen Bilderwelten oft problematisch, da sie nur sehr eingeschränkt Rechtsextreme/-ismus repräsentieren.

Täter_innenfokus
Bei der Betrachtung von Bilderwelten, die im Kontext Rechtsextremismus produziert und reproduziert werden, fällt auf, dass sich fast durchweg ein Täter_innenfokus findet. Es ist ja auch naheliegend, sich ‚den Rechtsextremen‘ – ihren Taten, Strukturen und Ideologien – zuzuwenden, wenn es um ‚Rechtsextremismus‘ geht. Verloren gehen hingegen zwei andere Ebenen, die für eine Präventionsarbeit von großer Bedeutung sind:
Einerseits der Blick auf und das Interesse an Menschen, die von Rechtsextremen angegriffen werden, in täglicher Angst vor Bedrohungen leben und in ihrem Aktions- und Handlungsradius stark eingeschränkt sind. Wird ihre Perspektive nicht wahrgenommen, so werden ihre Verletzungen unsichtbar gemacht mit der Folge, dass Diskriminierungen reproduziert und Gewöhnungseffekte in Kauf genommen werden (Ensinger / Kaletsch 2013, 31).
Andererseits fehlt der Blick auf Alternativen zum Rechtsextremismus. Diese sind notwendig, ganz real wie auch gedanklich, denn ohne Alternative(n) gibt es keine Alternative(n) zum Rechtsextremismus. Die Alternativen sind das, was von vornherein Kinder, Jugendliche und Erwachsene auf andere Wege, Gedanken und Verhaltensweisen bringt. Alternativen sichtbar zu machen ist wichtig, und dazu gehören auch entsprechende Bilder.
Es gibt eine aufeinander bezogene Dynamik: Je mehr sich die Aufmerksamkeit auf die Täter_innen konzentriert, umso mehr werden die Opfer/Diskriminierten und Alternativen an den Rand gedrängt.

Aus der pädagogischen Arbeit mit Videomaterial gegen Rechtsextremismus ist bekannt, dass der vorherrschende Täter_innenfokus bei vielen Filmen, die in pädagogischen Settings gegen Rechts eingesetzt werden (z.B. American History X, Kombat Sechzehn, Die Kriegerin), auch das Gegenteil der gewollten abschreckenden Wirkung hervorrufen kann. Aus der „Fokussierung auf die Täter ergeben sich für die pädagogische Arbeit verschiedene Probleme, die sich mit den Worten ‚Identifikationsfalle‘ und ‚mangelnder Perspektivwechsel‘ zusammenfassend beschreiben lassen“ (Radvan/Stegmann 2013, 9). Bilder sprechen Zuschauende nicht nur kognitiv an, sondern erreichen sie auch auf emotionaler Ebene. Wenn es zum Gezeigten keine Alternative(n) gibt, kann die Wirkung von Bildern anstatt zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus auch qua Ästhetisierung zu Identifikation und Sympathie führen. Wenn es nur die positive oder negative Identifikationsmöglichkeit mit Rechtsextremen gibt, heißt das zusätzlich für all diejenigen, die sich niemals extrem rechten Kontexten anschließen können oder wollen, dass sie nicht vorkommen und ihnen keine positiven Identifikationsmöglichkeiten geboten werden.
Einseitige Darstellungen von Rechtsextremen, ihrer Perspektiven, Positionen und Geschichten führen oft auch dazu, dass ihre Motivationen individualisierend und psychologisierend erklärt werden, zugleich werden rechte Einstellungsmuster in der Gesamtgesellschaft dethematisiert und Diskriminierung an einen konstruierten rechten Rand projektiv ausgelagert (ebd.).

Diese grundsätzliche Kritik am Täter_innenfokus wird durch eine zweite Kritik ergänzt, die die konkrete Bebilderung rechtsextremer Lebenswelten, Szenen und Ideologien direkt betrifft.

Eingeschränkte Bilderwelten
Die mediale Berichterstattung über Rechtsextreme orientiert sich seit mehreren Jahrzehnten am klassischen Skinhead, dem ‚Hool‘, dem Demogänger, dem Black-Block-Autonomen Nationalisten, neuerdings auch den ‚Identitären‘. Glatze, Bomberjacke, Springerstiefel, Tätowierungen, Baseballschläger, Hitlergruß, Hakenkreuz und dergleichen mehr gehören zu den Bildelementen einer Ikonografie, die schon viel zu oft produziert, reproduziert, gesehen und konsumiert wurden.
Tatsächlich gibt es solche Rechtsextremen. Die Mehrheit ist aber anders. Es gibt die am Nationalsozialismus orientierte soldatische Männlichkeit, die rechtsextreme Liedermacherin, den traditionell-elitären Verbindungsstudenten, die rechtsbürgerliche Law and Order und Anti-EU-Parteifunktionärin, den trendbewussten autonomen Nationalisten, den christlichen Fundamentalisten, die völkische Mehrfach-Mutter und Hausfrau, den rechten Internet-Blogger, die erlebnisorientierte Demogängerin, die Vertriebenenfunktionärin, den NPD-Abgeordneten, den neurechten Schreiber, die Aktivistin der Braunen Hilfe, rechtsextreme Renees, die Szene-Anwältin, die Hakenkreuz-Kuchenbäckerin im Elternrat, den rechten Kneipenwirt, die Anti-Antifa-Fotografin, den schwulen national-sozialistischen Skinhead, den völkisch-esoterischen Ökobauern, das ,Identitäre‘ It-Girl und viele mehr. Rechtsextreme sind auch alt, weiblich, reich, akademisch, intelligent, nicht selbst gewalttätig, nicht organisiert, leben in liebevollen Familienbezügen, sind sicher gebunden und wählen nicht-rechtsextreme Parteien. In den Bildern über sie kommt diese Ausfächerung von Artikulationsformen, Lebensweisen und Positionierungen hingegen kaum vor; es sind Bilder, die nur sehr eingeschränkt wiedergeben, was sie vorgeblich abbilden.
Hinzu kommt, dass auch Rechtsextreme viele ‚normale‘ Dinge tun: Sie atmen, kochen, essen, schlafen, treffen Freund_innen, betreuen Kinder, machen Ausflüge, hören Musik und dergleichen mehr. Das ist banal und vergleichsweise langweilig und für Medien daher uninteressant. Dies dürfte einer der Gründe dafür sein, dass oft über Rechtsextreme erst dann berichtet wird, wenn es um martialische Gewalttaten geht und hierfür entsprechender Bilder gesucht werden. Zusätzlich ist vieles oben Aufgezählte schwer abbildbar, da es im privaten Rahmen stattfindet. Das wiederum dürfte neben vergeschlechtlichten Wahrnehmungsmustern, die weibliche Rechtsextreme ausblenden, einer der Gründe sein, warum es zu einer Schieflage in der Darstellung rechtsextremer Männer und Frauen kommt, da Frauen qua rechtsextremer Ideologie und Praxis erheblich stärker als Männer an weniger sichtbare ‚private‘ Sphären und Tätigkeiten gebunden sind (Amadeu Antonio Stiftung 2014).

Teil 2: Funktionen des Täter_innenfokus und eingeschränkter Bilderwelten
An die Problembeschreibung anknüpfend stellt sich die Frage, wieso das so ist: Wieso setzen sich bestimmte Bilder durch und andere nicht?
Wenn man* davon ausgeht, dass die meisten Menschen der Ansicht sind, ‚echte‘ Rechtsextreme nicht zu kennen, können Bilder von Rechtsextremen einen Eindruck direkter Anschaulichkeit vermitteln: ‚So sind sie, so sehen Rechtsextreme aus!‘ Aufgabe der Bilder wäre es demnach, etwas sichtbar zu machen, was sich dem ‚normalsterblichen‘ Auge entzieht. Diesem konventionellen Bildverständnis zufolge gibt es eine Übereinstimmung von Bild und Realität.
Bilder sind aber keine einfachen Spiegelungen von Realität, sondern Abbildungen einer ganz bestimmten Realität. Es gibt einen Unterschied zwischen dem repräsentativen Charakter von Bildern und der Sache, auf die sie verweisen (sollen). Es ist ‚nur‘ ein Bild von Rechtsextremen, und zwar ein ganz bestimmtes, es sind nicht die Rechtsextremen selbst, geschweige denn der Rechtsextremismus als gesellschaftspolitisches Phänomen.
Um nachvollziehen zu können, wie kulturelle und individuelle Bildgedächtnisse (mit-)konstruiert werden, ist es relevant, sich mediale Kanonisierungsprozesse zu vergegenwärtigen. Uwe Pörksen spricht bei derartigen standardisierten visuellen Zugriffen auf die Welt von „Visiotypen“, die durch eine ganz bestimmte Lesart in ihrer Bedeutung festgelegt sind: „Ich gebrauche das Wort ‚Visiotyp‘ parallel zu ‚Stereotyp‘ und meine zunächst diesen allgemein zu beobachtenden, durch die Entwicklung der Informationstechnik begünstigten Typus sich rasch standardisierender Visualisierung. Es ist eine durchgesetzte Form der Wahrnehmung und Darstellung, des Zugriffs auf ‚die Wirklichkeit‘“ (Pörksen 1997, 27). Visiotype sind Resultate einer bestimmten Perspektive, sie vereinheitlichen Vielfalt, reduzieren Komplexität, folgen einem homogenisierendem Blick und haben eine einfache und klare Botschaft. Ihre Bedeutung ist eine durch konstanten Gebrauch sich einspielende Übereinkunft, die, einmal durchgesetzt und kanonisiert, ein gewisses Eigenleben führt und eine andere Lesart weitestgehend unmöglich macht (ebd.: 164‒168).
Der rechtsextreme Skinhead kann meines Erachtens als ein solches Visiotyp bezeichnet werden. Es ist ein Visiotyp, das das Realitätsbild vieler Menschen darin beeinflusst, wie sie ‚Rechtsextreme‘ und ‚Rechtsextremismus‘ wahrnehmen: als jung, arm, dumm, hypermaskulin, über alle Maßen gewalttätig, aus einer sozial zerrütteten Familie und ganz überwiegend aus Brennpunktgebieten stammend. Wer dem nicht entspricht, fällt tendenziell durch das Raster ‚Rechtsextremer‘. Das kann dazu führen, dass Skinheads auf der Straße oder im Jugendclub automatisch mit Rechtsextremen in Verbindung gebracht werden, während Rechtsextreme, die beim Familientreffen am gleichen Tisch sitzen, nicht als Rechtsextreme wahrgenommen werden. Es kann auch dazu führen, dass sich Jugendliche und Erwachsene mit extrem rechten Einstellungsmustern selbst überhaupt nicht mit Rechtsextremismus in Verbindung bringen. Das Visiotyp des rechtsextremen Skinheads beeinflusst auch politisches Handeln, was u. a. an den regionalen, nationalen und EU-weiten Programmen gegen Rechts mit ihrem starken Fokus auf Gewalthandeln und Jugendlichkeit, ihrer Delegation an die Pädagogik und einer Unterbelichtung von Einstellungen einerseits und alltäglichen Mikroprozessen der Ausgrenzung andererseits, abzulesen ist (Blome / Manthe 2014; Burschel et. Al. 2013; Stützel 2013).

Funktionale Bilder
Pörksen (1997, 167) führt aus, dass sich die Norm auf der Ebene des Gebrauchs durchsetzt und die Vorherrschaft über andere Varianten erlangt. Dies erklärt aber noch nicht, warum es gerade diese und nicht jene Norm ist, die sich durchsetzt. Wieso gab und gibt es nach wie vor das Skinheadbild von Rechtsextremen und wieso kommen in der Beschäftigung mit dem Thema Opfer/Diskriminierte und Alternativen so wenig vor? Welche Funktionen erfüllt dieses eingeschränkte Bild?
Ich denke, dass die zentrale Funktion sowohl des Täter_innenfokus als auch eingeschränkter rechtsextremer Bilderwelten die Bestätigung des Status quo und die Abwehr einer tiefgreifenden und ernsthaften Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und Ideologien der Ungleichheit ist. Auf mögliche daran geknüpfte Funktionen gehe ich im Folgenden ein.

Mögliche Funktionen des Täter_innenfokus: Begünstigung von Herrschaft
Wenn Opfer/Diskriminierte von Rechtsextremen angegriffen werden, brauchen sie über einen langen Zeitraum jede nur denkbare Unterstützung. Sie leiden und das scheint oft langweilig und unattraktiv zu sein. Die Faszination des Bösen/der Rechtsextremen und ihrer Macht ist oft größer. Die Verweigerung von Empathie und Unterstützung kann Ausdruck eines simplen Bedürfnisses nach Ruhe sein. Es kann auch die Abwehr einer Angst sein, selbst in eine Position großer Ohnmacht und einen Opferstatus zu geraten.
Die Wahrnehmung von Opfern/Diskriminierten und ihrer Bedürfnisse erfordert die Anerkennung staatlich und gesellschaftlich produzierter Ungleichheitsverhältnisse. Das fängt bereits mit dem Umstand an, dass man* sich mit Rechtsextremismus nicht beschäftigen muss, wenn man* nicht unmittelbar bedroht ist, Angsträume bleiben für Privilegierte oft unsichtbar (Ensinger / Kaletsch 2013, 30). Ebenso gelangt man* beim Nachdenken über Alternativen zum Rechtsextremismus schnell an die Grenzen des Bestehenden. In beiden Fällen müsste über Kapitalismus nachgedacht, über staatlichen Rassismus gesprochen, institutionalisierter Sozialdarwinismus hinterfragt, die kulturelle Tradierung des Antisemitismus unterbrochen und heteronormative Zweigeschlechtlichkeit kritisiert werden ‒ und das ist nur eine sehr unvollständige Aufzählung.
Bezogen auf die Rechtsextremismusprävention geht die Förderung der Arbeit mit ‚rechtsextremistisch gefährdeten Jugendlichen‘ zu Lasten zivilgesellschaftlicher Strukturen gegen Rechts (Laumann 2014). Flankierende Mainstreamdiskurse der letzten Jahre waren und sind u. a. Jungen als Bildungsverlierer, ‚Rassismus gegen Weiße‘ und nicht zuletzt das Einschwören auf ‚Deradikalisierung‘, die Antifaschismus per se unter Verdacht stellt (‚Extremisten von links‘) und auf der extremismustheoretischen Grundannahme einer unbelasteten ‚Mitte‘ basiert. Mit diesen Diskussionen werden rechtsextreme Ideologieelemente bestärkt sowie Opfer/Diskriminierte und Alternativen verdrängt (Feustel 2014, 78f.).
Die Begünstigung individueller, struktureller und diskursiv-kultureller Herrschaft ist immer ein Plus für den Rechtsextremismus und ein Minus für die Opfer/Diskriminierten und die Alternativen. Wenn zusätzlich diejenigen, die den Rechtsextremismus bekämpfen, als ‚linksextrem‘ diffamiert werden und Opfern/Diskriminierten vorgehalten werden kann, zur ‚falschen Zeit‘ am ‚falschen Ort‘ mit dem ‚falschen Verhalten‘ gewesen zu sein, muss sich mit einer Kritik am Täter_innenfokus nicht weiter beschäftigt werden.

Mögliche Funktionen eingeschränkter Bilderwelten: Schaffung maximaler Distanz
Als Inbegriff des Bösen haftet Rechtsextremen eine Aura des Teuflischen an. Hier geht es um die Konstruktion als ‚das Andere‘ und die Schaffung maximaler Distanz durch Abscheu. Rechtsextreme werden als klar zu umreißende Gruppe von ‚Extremist_innen‘ gezeichnet, die von ‚den Demokraten‘ und ‚unserer Gesellschaft‘ abgegrenzt werden. Es geht um Gruppendistinktion und eine eindeutige Scheidung: Der Mainstream der Gesellschaft hat damit nichts zu tun. Je marginalisierter und gescheiterter Rechtsextreme gezeigt werden, umso mehr können sich nationale Gesellschaften und die viel zitierte ‚europäische Wertgemeinschaft‘ ihrer Selbstbilder versichern und sich ‚von denen‘ abgrenzen.
Würde ein realistischeres Bild von Rechtsextremen abgebildet, würde diese scheinbar klare Trennung in fließende Übergänge diffundieren. ‚Die Mitte‘ oder ‚die Demokraten‘ oder ‚die Österreicher_innen/ Engländer_innen/ Italiener_innen/ Rumän_innen/ Pol_innen/ …‘ wären als Gegensatz zu ‚den Rechtsextremen‘ nicht haltbar, es gibt Überschneidungen, Parallelen, wechselseitige Bezugnahmen und Dynamiken. Die Träger_innen des Rechtsextremismus sind Menschen, aber der Rechtsextremismus ist nicht nur eine personalisierte Angelegenheit, sondern er ist komplexer: Er verweist auf eine bestimmte Gesellschaftsstruktur, individuelle wie kollektive Denktraditionen, den Stand der Produktivkraftentwicklung, gesellschaftliche Umgangsweisen mit Krisenphänomenen, institutionalisierte Herrschaft und dergleichen mehr. Nationalstaaten und Kapitalismus, um nur zwei zu nennen, begünstigen rechte Denkformen. All das lässt sich schwer bebildern und geht im bomberjackentragenden Skinhead nicht auf. In dessen Figur werden alle sozialen und politischen Zusammenhänge ausgeklammert, sie ist ein mythisches Bild.
Die bisherigen Ausführungen verdeutlichen, warum sich weder wirklich mit den Opfern/Diskriminierten von Rechtsextremismus beschäftigt wird, noch mit den Alternativen zum Rechtsextremismus und auch nicht wirklich mit den Rechtsextremen selber, da es sich bei ihnen, Mainstream-Logiken folgend, nur um eine kleine Minderheit handelt, mit denen man* nichts zu tun hat und die an einem als ‚extremistisch‘ konstruierten Rand vor sich hintümpeln. Dies erklärt sowohl den Täter_innenfokus als auch die eingeschränkten Bilderwelten. Gänzlich aus dem Blick geraten zudem staatliches wie institutionelles Handeln.

Teil 3: Bildliche Alternativen
Meine Kernthese ist, dass die Dethematisierung der Perspektiven von Opfern/Diskriminierten einerseits und Alternativen zum Rechtsextremismus andererseits den diskriminierenden Status quo stabilisiert und, dass sich dies auch in Bildern niederschlägt. Da Bilder die Gesellschaft und nicht zuletzt politisches wie pädagogisches Handeln beeinflussen, folgt für mich daraus, dass wir (auch) andere Bilder benötigen.

Was wären Alternativen?
Eine gute Alternative ist ein Perspektivenwechsel, um einen einseitigen Täter_innenfokus nicht immer und immer wieder zu reproduzieren. Ensinger und Kaletsch plädieren dafür, „die Täterfixierung zu überwinden und die Analyse aus einem konsequent die Opferperspektive beachtenden Fokus zu betreiben“ (Ensinger / Kaletsch 2013, 31).
Auf der Ebene von Bildern ist wichtig, bei der Sichtbarmachung von Verletzungen und Bedrohungen darauf zu achten, dass Opfer/Diskriminierte nicht einfach nur als Opfer gezeigt werden, da diese Form der Reviktimisierung den Opferstatus festschreibt und andere Umgangsweisen unsichtbar bleiben, beispielsweise wenn Opfer/Diskriminierte sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung wehren. Es sollten also starke Bilder von Menschen produziert und gezeigt werden, die von Rechtsextremen potenziell angegriffen werden.
Die Perspektive der Opfer/Diskriminierten dokumentiert die Taten der Täter_innen und mit dieser lässt sich sehen und nachempfinden, was Rechtsextremismus bedeuten kann, ohne dass Rechtsextremen und rechtsextremer Ideologie zu viel Raum gegeben wird. Aus einer solchen Perspektive kann deutlich werden, dass eine kleine Sache viel auslösen kann, die von jenen Menschen, die nicht zum rechtsextremen Feindbild gehören, in den meisten Fällen gar nicht erst wahrgenommen wird. Ein rechtsextremer Aufkleber an der Straßenlaterne beispielsweise kann für jemanden, der Rassismus erlebt, ein Bedrohungsgefühl und Unwohlsein hervorrufen, eine Einschränkung im Alltag bedeuten und den Bewegungsradius einschränken.
Ein ausschließlicher Fokus auf die Opfer/Diskriminierten kann allerdings auch Gefahr laufen, die Täter_innen und Zusammenhänge, die zum Opfer machen auszublenden. Historisch betrachtet ist das beispielsweise in der bundesdeutschen Post-NS-Gesellschaft mit ihrem Philosemitismus lange Zeit der Fall gewesen und ist es teilweise bis heute. Für die Post-NS-Täter_innengesellschaft war es leichter, sich mit Jüd_innen zu beschäftigen, den eigenen Kindern jüdische Vornamen zu geben und Klezmer zu goutieren als eine kritische Täter_innenperspektive einzunehmen, die wesentlich unangenehmer für das eigene Dasein gewesen wäre (Rommelspacher 1994, 42-45; Bodemann 1996). Eine Kritik am Täter_innenfokus meint nicht, dass man* sich mit den Täter_innen gar nicht mehr beschäftigt. Es heißt lediglich, dass man* sich nicht nur mit den Täter_innen beschäftigt, sondern auch.
Die Kritik an eingeschränkten Bilderwelten impliziert, dass realitätsgetreuere Bilder von Rechtsextremen und ihren Lebenswelten gezeigt werden könnten. Zum einen sollten Rechtsextreme in ihrer Vielfalt und auch Widersprüchlichkeit dargestellt werden, zum anderen sollte erheblich stärker als bisher auf Inhalte eingegangen werden. Weibliche, intellektuelle, gebildete, erfolgreiche, wohlhabende, gewaltdelegierende, nicht organisierte, in ‚guten‘ Wohngegenden lebende und/oder ältere Rechtsextreme gilt es hierbei verstärkt abzubilden.
Zum multiperspektivischen Blick gehören als dritte Perspektive auch die Alternativen zum Rechtsextremismus. Ohne diese ist jedes Bemühen vergebens. Alternativen bedeutet im Kontext von Rechtsextremismus(-prävention), die Macht der Täter_innen und des Rechtsextremismus zu hinterfragen, Auswege aufzuzeigen und gegen die Ohnmacht anzugehen – es geht auch anders! Alternativen sind insbesondere linke, emanzipatorische, demokratische, queere, antirassistische und antifaschistische Zusammenschlüsse, Orte, (Jugend-)Kulturen und Aktivitäten ebenso wie nicht-diskriminierende Verhaltensweisen, demokratische Interessenvertretungen und Konfliktlösungsstrategien (MBR / VDK 2006, 98–102). Diese ins Bewusstsein zu rufen und bildlich darzustellen, ist ein wichtiger Aspekt von Rechtsextremismusprävention.

Für eine gelungene Bilderwelt gegen Rechtsextremismus sind demzufolge erstens empowernde Bilder von Opfern/Diskriminierten, zweitens Bilder von und über Alternativen und drittens ein kritisch-realistischer Blick auf Täter_innen nötig. Die Reihenfolge gibt auch die Priorisierung an, insbesondere wenn Ressourcen begrenzt sind. Diese Bilderwelt steht im Kontext einer allgemeineren Prävention, die dann gelungen ist, wenn sich für die Opfer/Diskriminierten von Rechtsextremismus nachhaltig etwas zum Positiven ändert (Ensinger / Kaletsch 2013, 31f.). Es geht um Täter_innenprävention, weil es um Opferprävention geht!

(1) Mit ‚Täter_innen‘ meine ich Menschen, die mit Gewalt und ideologischer Überzeugung zur Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse beitragen. Es geht mit der moralisch-juridischen Kategorie des_r Täter_in hingegen nicht darum, einen individuellen Charakterzug zu beschreiben. In der Auseinandersetzung mit Privilegien, Dominanz, Herrschaft und Strukturen gesellschaftlicher Ungleichheit kann diese Begrifflichkeit dazu beitragen, gesellschaftliche Verhältnisse qua Fokus auf individuelle Verhaltens- und Denkweisen zu dethematisieren. Dabei sind es genau diese Verhältnisse, die im Effekt Täter_innen hervorbringen. In Ermangelung eines Alternativbegriffs benutze ich ‚Täter_in‘.

(2) Um dem Dilemma zu entgehen, einerseits konkrete Opfer anerkennen, andererseits den Opferstatus nicht festschreiben und Widerstände unsichtbar machen zu wollen, verwende ich das Begriffspaar ‚Opfer/Diskriminierte‘.

 

Der Artikel ist eine gekürzte und überarbeitete Fassung des gleichnamigen Artikels aus dem Sammelband Geschlechterreflektierte Pädagogik gegen Rechts.

Literatur
Amadeu Antonio Stiftung (2014): Rechtsextreme Frauen – übersehen und unterschätzt. Berlin: Eigendruck.
Blome, Mathis/Manthe, Barbara [Hrsg.innen] (2014): Zum Erfolg verdammt. Bundesprogramme gegen Rechtsextremismus. Düsseldorf: Eigendruck.
Bodemann, Y. Michal (1996): Gedächtnistheater. Die jüdische Gemeinschaft und ihre deutsche Erfindung. Hamburg: Rotbuch Verlag.
Burschel, Friedrich/Schubert, Uwe/Wiegel, Gerd [Hrsg.] (2013): Der Sommer ist vorbei … Vom „Aufstand der Anständigen“ zur „Extremismus-Klausel“: Beiträge zu 13 Jahren „Bundesprogramme gegen Rechts“. Münster: Edition Assemblage.
Ensinger, Tami/Kaletsch, Christa (2013): Die Bedeutung der Opferperspektive für die Beratungsarbeit. In: beratungsNetzwerk Hessen – Mobile Intervention gegen Rechtsextremismus: Einblicke in die Praxis. Wiesbaden: Eigendruck. S. 29‒32.
Feustel, Susanne (2014): Von der „Glatzenpflege auf Staatskosten“ zur Deradikalisierung als Konzept? In: Kulturbüro Sachsen [Hrsg.]: Politische Jugendarbeit vom Kopf auf die Füße. Dresden: Eigendruck. S. 67‒79.
Laumann, Vivien (2014): Die Bedeutung von Geschlecht in den Bundesprogrammen gegen Rechtsextremismus. In: Blome/Manthe [Hrsg.innen]: Zum Erfolg verdammt. Düsseldorf: Eigendruck. S. 57‒60.
Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin/Verein für Demokratische Kultur in Berlin e.V. [Hrsg.innen] (2006): Integrierte Handlungsstrategien zur Rechtsextremismusprävention und -intervention bei Jugendlichen. Hintergrundwissen und Empfehlungen für Jugendarbeit, Kommunalpolitik und Verwaltung. Berlin: Eigendruck.
Pörksen, Uwe (1997): Weltmarkt der Bilder. Eine Philosophie der Visiotype. Stuttgart: Klett-Cotta Verlag.
Radvan, Heike/Stegmann, Julia (2013): Dokumentar- und Spielfilme zum Thema Rechtsextremismus. Pädagogische Überlegungen. In: Amadeu Antonio Stiftung [Hrsg.in]: „Film ab! – Gegen Nazis“. Berlin: Eigendruck. S. 8‒16.
Rommelspacher, Birgit (1994): Schuldlos – Schuldig? Wie sich junge Frauen mit Antisemitismus auseinandersetzen. Hamburg: Konkret Literatur Verlag.
Stützel, Kevin (2013): Männlich, gewaltbereit und desintegriert. In: Amadeu Antonio Stiftung/Radvan, Heike [Hrsg.innen]: Gender und Rechtsextremismusprävention. Berlin: Metropol Verlag. S. 211‒229.

Von Carina Klammer

Erschienen in: Malmoe Nr. 79, 2017

 

 „Definieren wir also den Faschismus unter anderem als eine militante Suche nach Eindeutigkeit, die nur mit dem Tod des anderen enden kann, so erkennen wir jene Identität von Sprache und Mord, die ihn charakterisiert.“ – Georg Seeßlen[1]

 

Die völkische Rechte modernisiert sich. Diese Modernisierung ist nur oberflächlich eine des Inhalts, im Wesentlichen jedoch eine der Form. Was etwa bei den (Neo-)Nazis „Umvolkung“ hieß, heißt heute bei der Identitären Bewegung „der große Austausch“. Modernisierung, das bedeutet für die Rechte zuallererst die Erschließung neuer Felder – was nicht passt wird hierbei passend gemacht. Sei es der Angriff als „Selbstverteidigung“, Leistungselitarismus als Politik des „kleinen Mannes“, Ideologie und Lüge als „alternative Wahrheiten“ oder die Erb*innen des Faschismus als selbsternannte letzte Rettung der Demokratie. So manche meinen, das permanente Verstricken in Widersprüche wäre die Achillesferse der extremen Rechten. Der charakteristische Bezug auf das Irrationale ist jedoch mehr Erfolgselement rechtsextremer Bewegungen als deren Hindernis. Ihre Glaubhaftigkeit steht auch nie tatsächlich am Prüfstand, denn die „Masse lechzt weniger nach einem Herrn als nach Illusionen“.[2] Der Mythos und seine Rituale sind angetreten, sich ihre eigene Wirklichkeit zu schaffen – zunächst in der Form des Versprechens.

Es sind nicht nur die gesetzlichen Verbote, die Codes wie „88“ für „Heil Hitler“ hervorbringen, es ist die Gemeinschaft der Eingeweihten selbst, die sich immer und immer wieder als solche bestätigen muss. Es geht um das passende Gefühl dazu, man kennt es bzw. hat es – oder eben nicht. Wer nach Erklärungen, Argumenten und Fakten fragt, macht sich verdächtig, dass es an dem mangelt, was diese Gemeinschaft doch im Innersten zusammenhält. Es ist ein diffuses Gefühlskonglomerat, das viele Namen kennt: Heimatliebe, Nationalstolz, Ehre, Treue. Dazu gehört eine Sprache der Symbole und Bilder, die immer wieder mit denselben Floskeln auffährt, hinter denen sich jedoch nichts als Leere befindet. Zeichen, die auf nichts mehr verweisen, außer auf sich selbst. In dem Moment, wo die extreme Rechte die Begriffe „Volk“ und „Rasse“ tatsächlich auszubuchstabieren und zu rationalisieren versucht, hat sie ihren ideologischen Zenit schon überschritten. Die „Fanatiker wie die Mitläufer werden ihre Weltsicht umso fanatischer verteidigen, je weniger sie im Innersten von deren Wahrheit überzeugt sind.”[3] Das war und ist auch bis heute der Sog des Antisemitismus: Die ganze Welt aus einem einzigen Punkt heraus begreifen zu können – dem Juden.

In diesem Sinne hat Leo Löwenthal die faschistische Agitation als „umgekehrte Psychoanalyse“ beschrieben, bei der die unbewussten Ängste, Regressionsneigungen, neurotischen Zwänge und Abwehrstrukturen nicht aufgelöst, sondern gezielt verstärkt werden. Daran anschließend könnte vielleicht auch von der rechten Rhetorik als einer „umgekehrten“ gesprochen werden: Nicht die Überzeugung mittels Argument ist ihre Kunst, sondern vielmehr alles andere in das eigene System aus Paranoia und Wahn hineinzuziehen. Am Ende verlieren sich auch die einzelnen Fakten, die keine sinnhaften Ansatzpunkte mehr finden. So zielt etwa der Begriff des „Gutmenschen“ nicht nur auf eine Diffamierung bestimmter gegnerischer Verhaltensweisen, sondern grundlegender auf die Dekonstruktion von Grundkonstanten der Moral. Ganz nach dem Motto: „Die Bösen werden die Guten sein.“ – und vice versa. Freud betonte, „dass der Wahnsinn nicht nur Methode hat, wie schon der Dichter erkannte, sondern dass auch ein Stück historischer Wahrheit in ihm enthalten ist“.[4] Der Vorteil der völkischen Rechten ist, dass sie keinen Begriff von Gesellschaft, sondern nur von Gemeinschaft hat. Sie spaltet gesellschaftliche Widersprüche schlichtweg auf die Anderen ab. „Der Hass, der uns gegenwärtig auf allen Kanälen entgegenschwappt, ist umgewandelte soziale Angst, die jedoch verdrängt wurde.“[5] Je größer die gesellschaftlichen Widersprüche werden, je mehr die Gesellschaft zum Spektakel verkommt, desto leichter fällt ihre Torpedierung von rechts. Guy Debord schrieb in Die Gesellschaft des Spektakels: „Im Spektakel, dem Bild der herrschenden Wirtschaft, ist das Endziel nichts, die Entwicklung alles. Das Spektakel will es zu nichts anderem bringen als zu sich selbst.“[6] Auch der Faschismus ist Bewegung, die es zu nichts anderem als zu sich selbst bringen möchte. Was ihn vom Spektakel des Kapitalismus unterscheidet – das Endziel ist alles. Keine individuellen Versprechungen, sondern nur ein kollektives: Erlösung – oder Untergang. Ein Spiel, das auch nach 1945 noch funktioniert, da zu den „Hinterlassenschaften (…) des barbarischen Jahrhunderts“ gehört, dass die Mehrheit „mit dem Schlimmsten rechnet und an nichts mehr glaubt, schon gar nicht an die eigene Fähigkeit, die Dinge zum Besseren zu wenden.”[7] Verschwörungstheorien bleiben vor allem deshalb en vogue, da sie alle „eine Rechnung zu begleichen“ haben, „und die Doktrin sagt ihnen, mit wem.”[8] Stehen die Schuldigen erst einmal fest, kann sich eine Dynamik des pessimistischen Grundtenors in Aggression entladen.

 

Ja, Panik! Lustgemeinschaft & Verfolgungswahn

Nach 1945 wurde der Stammtisch zum Sinnbild der (Kriegs)Verlierer*innen und all jener, die nunmehr die einstige Glorie des kollektiven Massen-Rausches im Rückzug in den privaten Mikrokosmos zelebrierten: „Wir brauchen keine Fremden nicht, wir sind uns selber schon zu viel.“[9] Heute wird diese Lustgemeinschaft zunehmend in virtuellen Räumen erzeugt. Wie privat oder öffentlich ist jedoch der „virtuelle Stammtisch“? Wo seine Grenze? Tatsächlich haben wir es mit zwei Effekten zu tun: einerseits mit einem verstärkten Rückzug in die von außen isolierte Informations-Parallelgesellschaft, die durch die Filterblasen und Echokammern von virtuellen Medien eine neue Dynamik erhält. Andererseits sind die virtuellen Hass-Fluten umgekehrt Teil der Rückeroberung des öffentlichen Raumes. Die alte Losung „Massen-Kommunikation als Massen-Partizipation“, die sich damals noch anhand der „inszenierten Auren der Aufzüge und Massenversammlungen“[10] organisierte, trifft angesichts der sozialen Medien auf veränderte Möglichkeiten: Die Masse bleibt hierbei nicht mehr bloße Zuhörer*in, sondern erhält nunmehr verstärkt eine Sprechposition. Gerade das Sharen von ein und derselben Botschaft verstärkt die Inszenierung einer immer mit sich selbst einigen Kollektiv-Stimme. Man traut sich wieder! Dabei hilft, dass sich die virtuelle Masse mitunter diffus und schwer greifbar aufbläst. So halten etwa wenige Trolle nicht selten Foren von Online-Medien in Dauerbeschlag und spammen die „Lügenpresse“ mit Drohbotschaften zu.

Antisemitische Codes

Zunehmend vereinen virtuelle Technologien auch das Medium mit dem totalisierenden Wiederholungszwang, sich in der Abwehr des „Anderen“ immer wieder seiner Selbst zu vergewissern. So entwickelte die rechtsextreme „Alt-Right“-Bewegung ein Tool zum Online-Harassment, den sogenannten „Coincidence Detector“, der Namen von Personen und Einrichtungen, die verdächtigt wurden jüdisch zu sein, automatisch auf jeder im Browser aufgerufenen Webseite kennzeichnete. Das Plugin umfasste um die 8800 Namen, die von den ca. 2500 Benutzer*innen zusammengetragen wurden, bevor es von Google offiziell aus dem Chrome Store entfernt wurde. Namen wurden hierbei mit mehrteiligen Klammern versehen, zum Beispiel (((Goldberg))). Diese sogenannte „Echo“ Klammer war vor dem Frühjahr 2016 noch relativ unbekannt, bis sie von der „Alt-Right“ auf Twitter verbreitet wurde. Ihr Ursprung wird auf den rechtsextremen Blog „The Right Stuff“ zurückgeführt, dessen Podcast „The Daily Shoah“ jüdische Namen mit einem cartoonartigen Echoeffekt verfremdete. So heißt es im „Lexikon“ des Blogs „all Jewish surnames echo throughout history“ – eine Umschreibung für das antisemitische Bild des Juden als „ewigen Unheilstifter“. Hieraus entwickelte sich bald der antisemitische (((echo))) Code. Dieser gewährleistet den Autor*innen von Hate-Postings darüber hinaus eine gewisse Schutzfunktion, da Klammer-Zeichen von gängigen Suchmaschinen nicht verarbeitet werden. Offenkundig bleibt, dass diese Sprache und ihre Techniken ebenso sehr als Drohung fungieren wie sie das Ausmaß der antisemitischen Verfolgungsgelüste verdeutlichen.

Sprache und Wortgewalt

Wenn sich die faschistoide Sprache durch etwas auszeichnet, dann wohl dadurch, dass sie zuallererst nicht nur Affekt- sondern eigentlich Gewaltsprache ist. Sprachliche Mittel sind hierbei die notwendige Vorbereitung physischer Gewaltakte im Sinne der Objektivierung bis hin zur Entmenschlichung des Gegenübers. Manchmal scheinen diese heute harmloser als etwa die bekannten Parasiten- und Tiermetaphern der Neonazis. Aber auch Wortkreationen wie „Willkommensklatscher“ dienen dazu, Menschen auf ihr angeblich schädliches Verhalten zu reduzieren. Auch schwingt schon der Ruf nach der gewünschten Sanktionierung mit: jemandem „eine klatschen“ als Synonym für Schlagen. Und auch in Neonazi-Kreisen wird zum gemeinsamen „Klatschen gehen“ aufgerufen.

Die extreme Rechte modifiziert ihre Ideologie jedoch nicht nur, indem sie ihre eigenen Codes und Begriffe erschafft: Wenn sie sich etwa scheinbar positiv auf „Direktdemokratie“ bezieht, tarnt sie sich nicht nur als moderat, sondern wirkt zugleich daran, das allgemeine Verständnis von Demokratie umzudeuten. Es ist die Verkrustung der ideologischen Struktur selbst, die zugleich eine gewisse Offenheit und Situationselastik gewährleistet. Denn die Eingeweihten wissen ohnehin stets was gemeint ist, ganz nach dem Schema sich unbekannter Männer, die an der Bar ein Gespräch beginnen: „Die Frauen!“ Zunicken. „Ja, die Frauen!“ Dialog Ende. Damit ist alles gesagt. Die Gemeinschaft, stets die Familie darin imitierend, ein emotionaler und kein funktionaler Zusammenhang zu sein, versteht sich eben bzw. meint dies zu tun. Sie begreift ihr Sprechen nicht als Ausdruck ihrer eigenen Obsession – weshalb sie auch ihrer Propaganda, selbst wenn sie diese bis zum Erbrechen wiederkäut, nicht müde wird.

Faschistoide Sprache ist jedoch noch auf eine grundlegendere Art und Weise bereits gewaltsam, insofern sie nicht auf (wechselseitige) Verständigung bzw. (sich) Verstehen ausgerichtet ist, sondern auf Einordnung bzw. Unterwerfung. So kreist sie um den eigenen Affekt, und kennt dabei nur das Außen und das Innen. Dazwischen gibt es kein „Wir“ mehr im eigentlichen Sinne, nämlich dem einer zwischenmenschlichen Bezogenheit unterschiedlicher Individuen. Es gibt nur das Massen-„Wir“ der Ich-Auflösung und des Gleichtaktes. Auch werden die Zeichen nur bedingt durch Stringenz oder Logik zusammengehalten. Darum braucht es die Figur des (ohnehin real zumeist abwesenden) „Führers“. Er ist weniger zum Führen da, denn als Garant für die symbolische Ordnung an sich. In diesem Sinne erweisen sich einerseits Sprachhandlungen (der Gruß, das Versprechen, der Befehl, die Denunziation) sowie ein Primat der Bilder und Symbole als zentral. Es ist schließlich der Krieg, in dem die Verallgemeinerung des Befehls als sprachliche Form ihren Höhepunkt findet. Und es ist umkehrt die Idee des permanenten Krieges (Leben als Kampf), die immer schon die faschistoide Sprache durchzieht.

Es wird Zeit, sich bewusst zu werden, dass ein „Aufwind im rechten Lager“, wie es etwa der Leiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BVT), Peter Gridling, etwas verblümt ausdrückte, vor allem mit einem einhergeht: der Freisetzung des im Rechtsextremismus angelegten Gewaltpotenzials – sei diese virtuell oder „real“.

 

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Fußnoten:

[1] Georg Seeßlen: Das zweite Leben des „Dritten Reichs“. (Post)nazismus und populäre Kultur. Teil 2. Berlin, 2013, 176.

[2] Janine Chasseguet-Smirgel: Das Ichideal. Psychoanalytischer Essay über die „Krankheit der Idealität“. Frankfurt a. M., 1987, 86.

[3] Helmut Dahmer: Ideologiekritik – gestern und heute. In: Widerspruch. Münchner Zeitschrift für Philosophie. 2009, Nr. 50, 29.

[4] Sigmund Freud: Konstruktionen in der Analyse. Studienausgabe. Ergänzungsband. Frankfurt a. M., 1975, 405.

[5] Andreas Peham: Rassistische Gemeinschaft 4.0. Zur virtuellen Massenbildung gegen Geflüchtete. [In Erscheinung].

[6] Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels. Hamburg, 1978, 4.

[7] Dahmer 2009, 29.

[8] Ebend.

[9] Georg Seeßen/Markus Metz: Hass und Hoffnung. Deutschland, Europa und die Flüchtlinge. Berlin, 2016, 9.

[10] Konrad Ehlich: Über den Faschismus sprechen. In: Ders. (Hg.): Sprache im Faschismus. Frankfurt a. M., 1989, 20.

Judith Götz im Gespräch über die Bedeutung der völkisch nationalistischen Strömung und ihr Frauenbild

Von Nina Böckmann und Fabian Hillebrand erschienen in Neues Deutschland vom 16.6.2017

In ihren medienwirksamen Aktionen greifen die völkisch nationalistischen»Identitären« nicht selten geschlechterpolitische Themen auf. Sie versuchen dabei einerseits Frauenrechte zu instrumentalisieren, andererseits werfen sie »den Linken« vor, nicht nur mit »Multikulti« sondern auch mit der Pluralisierung von geschlechtlichen Identitäten »Gleichmacherei« zu betreiben. Die Wissenschaftlerin Judith Götz beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit Frauen im Rechtsextremismus. Sie spricht von den »Identitären«, denn mit dem Begriff »Identitäre Bewegung« würden sich die Rechtsextremen nur größer machen wollen, als sie eigentlich sind. Mit ihr sprachen für »nd« Nina Böckmann und Fabian Hillebrand.

Die »Identitären« bezeichnen sich selbst als »Neue Rechte«. Bedienen sie tatsächlich ein anderes Frauenbild als die klassische Rechte?
Ich würde mit dem Begriff der »Neuen Rechten« vorsichtig umgehen. Es trifft zwar zu, dass die »Identitären« sich auf Theoretiker der sogenannten neuen Rechten beziehen. Sie beziehen sich aber genauso auf faschistische Theoretiker. Der Begriff der »Neuen Rechten« ist ein Stück weit eine euphemistische Selbstbezeichnung und Teil einer Normalisierungsstrategie. Die Bezeichnung wird genutzt, um sich als modernisierte und harmlosere Variante der Rechten darzustellen. Wenn man sich aber ihr Denken genauer ansieht, ihre Theoriebildung und ihre Ideologie untersucht, dann zeigt sich sehr deutlich, dass zahlreiche Elemente dem Rechtsextremismus und dem Neonazismus entnommen sind. Das spiegelt sich auch im Frauenbild wieder.

Inwiefern?
Das Geschlechterbild der »Identitären« ist sehr biologistisch. Es gibt bei Ihnen ausschließlich zwei Geschlechter, die komplementär und hierarchisch zueinander stehen. Das drückt sich in dem Credo »gleichwertig aber nicht gleichartig« aus. Die Vorstellung ist, dass Frauen und Männer von Natur oder von Kultur aus unterschiedlich seien und ihnen damit unterschiedliche Aufgaben in der Gesellschaft zufallen, die in ihrem Wesen begründet liegen.

Es gibt verschiedene Weiblichkeitskonzeptionen innerhalb der Gruppierung der Identitären. Da ist zum einen das Weiblichkeitskonzept der Mutter, die als Erhalterin des eigenen Volkes gesehen wird. Auch ihr Aufgabenbereich ist damit klar abgesteckt. Dann gibt es das Bild des sexualisierten Objektes. Hier geht es darum die Schönheit des eigenen Volks zu betonen. Das drückt sich in Parolen wie »zu schön für einen Schleier« aus. Solche Darstellungen der eigenen Aktivistinnen macht die Bewegung auch für Männer attraktiv. Dann gibt es noch das Bild der Gefährtin, die den Männern im Kampf gegen den großen Bevölkerungsaustausch, den sie imaginieren, als treue Begleiterin zur Seite steht.

Sie sagen, es gebe gewisse Faktoren, die die »Identitären« für Männer attraktiv machen. Was glauben Sie, macht die Gruppierung für Frauen attraktiv?
Ich glaube, dass für Frauen Erklärungsmuster greifen, die wir aus der klassischen geschlechterreflektierten Rechtsextremismustheorie kennen. Hier wird davon ausgegangen, dass selbst wenn eine Frau in der Gesellschaft Diskriminierung oder Benachteiligung erfährt, sie trotzdem durch den Anschluss oder die Einbindung in eine Dominanzstruktur einen psychischen Gewinn oder eine Aufwertung erfährt. Die Frauen erfahren also zwar einerseits Diskriminierung, können aber gleichzeitig Diskriminierung gegenüber anderen ausüben. Es geht also um einen Ausgleich der eigenen Diskriminierungserfahrungen.

Lässt sich eine Position der »Identitären« bezüglich verschiedener sexueller und geschlechtlicher Orientierungen ausmachen?
Zu Homosexualität lassen sich verschiedene Positionen ausmachen, wobei hier in erster Linie die männliche Homosexualität verhandelt wird. Die bisherigen Ergebnisse meiner Untersuchungen sind, dass es ein sehr breites Spektrum an unterschiedlichen Positionen innerhalb der »Identitären« gibt: Einerseits eine starke Ablehnung von Homosexualität, also klassische homofeindliche Positionen gegen Diskriminierungsschutz, Adoptionsrechte, Ehe für alle und mehr. Andererseits finden wir aber auch positive Bezugnahmen auf Homosexualität, nämlich dort, wo sie ebenso wie Frauenrechte instrumentalisiert werden für antimuslimischen Rassismus.

Wie drückt sich das aus?
»Identitäre« in Thüringen haben beispielsweise bei einer öffentlichen Aktion eine Hinrichtung von homosexuellen Menschen im Islam dargestellt. In einem Begleittext hieß es sinngemäß, dass wer homosexuelle Menschen diskriminiert, in unserer Gesellschaft nichts verloren habe.

Es gibt aber noch eine dritte Position zu Homosexualität aus Bezugnahmen auf Jack Donovan, einem wichtigen Theoretiker für die »Identitären«. Donovan ist Schriftsteller und Bodybuilder. In seinem Buch »Der Weg der Männer« führt er aus, dass Homosexualität nicht an sich verwerflich ist, sondern dass das Problem eigentlich nur die verweiblichte und verweichlichte Homosexualität ist. Solche Männer hätten das schlimmste Verbrechen begangen, sich nämlich mit den Feministinnen eingelassen. Feministinnen wollen ihm zufolge Männlichkeit abschaffen, deswegen seien sie der größte Feind. Solche Homosexuellen führten letztlich dazu, dass es keine wehrhaften Männer mehr gibt. Im Gegensatz dazu wird eine homosexuelle Hypermaskulinität durchweg als etwas Positives verhandelt. Denn das seien ja noch richtige Männer, die sich wehren können.

An diesem Samstag demonstrieren die »Identitären« in Berlin. Was könnten Ihrer Meinung nach Strategien gegen ihre Aktionen sein?
Grundsätzlich finde ich, dass Aktionen gegen die »Identitären« so funktionieren sollten, dass ihre Störungs- und Vereinnahmungsversuche nur die Vorshow der eigentlichen Veranstaltung sind. Sie sollen nicht die Hauptbühne bekommen, sondern eben nur der Voract zu dem sein, was wir selber machen. Gleichzeitig finde ich es ganz wichtig, ihre Denkmuster zu erkennen und zu entlarven. Nach wie vor ist die Ansicht weit verbreitet, dass die »Identitären« eine harmlosere Variante rechter Politik darstellen als die alten Neonazis. Die von Ihnen beispielsweise propagierte Gewaltfreiheit nehmen ihnen viele Menschen ab, obwohl sich die »Identitären« immer wieder durch Gewalttaten hervortun. Erst vor wenigen Tagen haben sie in Halle am Uni-Campus Studierende angegriffen. Ein Großteil ihrer Aktionen hat einen strukturell sehr gewaltförmigen Charakter, wenn man daran denkt, dass sie Theaterstücke gestürmt haben, bei denen Geflüchtete auf der Bühne standen. Für die Geflüchteten war das traumatisch.

Genügen denn Protestaktionen, um den »Identitäten« den Wind aus den Segeln zu nehmen?
Für mich ist es wichtig, daran zu arbeiteten, ihren eigentlichen Charakter offenzulegen und gleichzeitig nicht permanent ihre Selbstinszenierungen zu reproduzieren. Sei das jetzt dadurch, dass Medien ihr Bildmaterial wiederverwenden oder ihre Sprache aufgreifen. Die »Identitären« sind sehr bemüht darum, ihren eigenen Sprachgebrauch in der Öffentlichkeit zu reproduzieren. Das ist Teil ihres metapolitischen Konzepts. Deshalb müssen wir da ganz vorsichtig sein. Und anstatt über jeden ihrer Versuche zu berichten, Aufmerksamkeit zu bekommen, sollten wir eher inhaltlich-analytische Auseinandersetzung betreiben, in der wir tatsächlich Kritik gewährleisten und nicht einfach nur der Selbstinszenierung der »Identitären« auf den Leim gehen.

Judith Götz ist Literatur- und Politikwissenschaftlerin und Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit sowie des Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus. Im Herbst 2017 erscheint der von ihr mitherausgebene Sammelband »Untergangster des Abendlandes. Ideologie und Rezeption der rechtsextremen ‘Identitären’«.

 

von Carina Klammer

Erschienen für die Zeitschrift der IG Bildende Kunst „Bildpunkt“ Heft Frühling 2017

 

„Wer vom Faschismus keinen Begriff hat, wird von ihm überrumpelt“[1]. Leider scheitern wissenschaftliche wie auch antifaschistische Arbeit immer wieder daran, Selbstinszenierungen von FPÖ, „Identitären“ und Co. auch als solche zu benennen. Auch medial wird, anstatt kritisch über diese zu berichten, ihnen zumeist eine direkte Schaubühne geboten. Die rechtsextreme FPÖ wird zumeist als (rechts)populistisch verharmlost und die euphemistische Bezeichnung der neofaschistischen „Identitären“ als Neue Rechte wird mitunter auch von Antifaschist*innen unkritisch übernommen. Die Arbeit am Begriff ist hierbei jedoch weit mehr als eine akademische Fingerübung. Gerade in Bezug auf die Losung „Nie wieder!“ ist sie als umkämpfte Bewusstseinsbildung grundlegender Bestandteil politischen Handelns. Während weite Teile der Neuen Linken der 1960/70er noch in Vulgärmarnier und recht unbedarft die bürgerlich-kapitalistische Ordnung pauschal als faschistisch anprangerten, kam Kritik an der marxistisch orientierten Faschismusforschung zunächst von der tendenziell staatsnahen Totalitarismusforschung.[2] Aber auch in der Linken folgte nach einer Phase der inflationären Begriffsverwendung eine teilweise Abkehr vom Faschismus-Begriff, wie auch die ökonomistische Grundtendenz der marxistischen Ansätze kritisiert wurden. Auch wurde meist mit Verweis auf die Singularität des eliminatorischen NS-Antisemitismus vermehrt von einem komparativen Verständnis von Faschismus Abstand genommen. So stellt/e sich die Frage: Was taugt der Begriff des Faschismus noch für die Linke? Nach dem Ende des „Goldenen Zeitalters“ sowie einem „Zeitalter des Erdrutsches“ (Hobsbawm) bedarf die Rolle des Rechtsextremismus in der gegenwärtigen politischen Situation in Europa erneut der Klärung. Und daran anschließend die Frage: Was bedeutet antifaschistische Politik heute?

 

Extremer als …? – Zur Begriffsarbeit des Rechtsextremismus

Der Begriff des Faschismus wurde – zunächst eine Eigenbezeichnung – von Benito Mussolini geprägt und leitet sich aus dem lateinischen „fascis“ ab. Dies waren im alten Rom Rutenbündel, in denen ein Beil steckte. Ersteres symbolisierte den bündischen Zusammenhalt, das Beil die Todesstrafe durch die Obrigkeit. Der wesentliche Unterschied zwischen dem Faschismus als Bewegung und einem rein diktatorischen Regime liegt in seiner Massenausrichtung gepaart mit einem (völkisch-rassistischen) Erlösungsversprechen. Der Faschismus entstand hierbei als antimoderne Bewegung und richtete sich gleichermaßen gegen Liberalismus sowie Marxismus. Oder wie es Eric J. Hobsbawm ausdrückte: „Die Faschisten waren die Revolutionäre der Konterrevolution: in ihrer Rhetorik; mit ihrer Anziehungskraft auf jene, die sich als Opfer der Gesellschaft empfanden; bei ihrem Ruf nach totaler Transformation der Gesellschaft.“[3] Der Begriff des Faschismus hat sich seit seinem Aufstieg und Fall mit multiplen Bedeutungen aufgeladen. Er ist nunmehr geradezu „überdeterminiert“, wie dies Georg Seeßlen einmal ausdrückte. Faschismus, das war spätestens ab den 1980ern im Mainstream irgendwie alles und nichts – vom „Ökofaschisten“ bis zum „Hühner-KZ“. Jedenfalls Synonym für „das Böse“ und mitunter schlichtweg Spektakel und Bestandteil von Popkultur und Unterhaltungsindustrie. Trotzdem (oder gerade deshalb) scheint der Begriff keine der gegenwär-tigen Entwicklungen mehr tatsächlich treffend zu beschreiben. Ein Umstand, der sich auch in der Tragweite der Begriffe „Neofaschismus“ und „Neonazismus“ fortschreibt. Auch wenn sich faschistische Elemente und diesbezügliche historische Kontinuitätslinien nach wie vor als zentrale Bestandteile all der extremen Rechten erweisen, versucht der (Ober-)Begriff des Rechtsextremismus den Transformationen der Gesellschaft nach 1945 gerecht zu werden. Gegenwärtig haben sich etwa weite Teile der extremen Rechten formal mit der liberalen Demokratie arrangiert, weshalb der Begriff des Rechtspopulismus[4] en vogue wurde. Zu einer kritischen Analyse trägt eine derartige Unterscheidung jedoch wenig bei. Vor allem weil, wie Ursula Birsl die Problematik treffend beschreibt, „eine Gegenbewegung zu Demokratie und Prozessen der Demokratisierung nicht zwingend nur dann zu einer Gefahr für die Demokratie wird, wenn sie dezidiert anti-demokratisch ist, sondern unter Umständen genau dann, wenn sie sich der Institutionen der Demokratie bedient, diese aber in der Konsequenz zu entleeren sucht und ihrem Wesen berauben will“.[5] Um zu einem kritischen Verständnis des Rechtsextremismus[6] zu gelangen, muss demgegenüber betont werden, dass dieser sich vor allem als „eine militante Steigerungsform der zentralen Werte und Ideologien spätbürgerlicher Gesellschaften“[7] darstellt. Als Kern des Rechtsextremismus erweist sich eine autoritäre bzw. (über)konformistische Verarbeitung sich verschärfender sozialer Ungleichheiten, die als vermeintlicher „Naturzustand“ universalisiert werden und sinnstiftend fungieren. Der Rechtsextremismus kann in diesem Sinne auch als Reintegrationsversuch sowie Krisenreaktion auf Kosten von anderen bzw. sozial Schwächeren begriffen werden. Die Weigerung, den Rechtsextremismus somit vor allem als organisierten Antisemitismus und Rassismus – sowie einem damit grundlegend verwobenen Hypermaskulinismus/Sexismus – zu begreifen, passt sich in das Bedürfnis nach Entlastung der gesellschaftlichen „Mitte“ bzw. jenen Verhältnissen an, die ihn hervorbringen.

 

Antifaschismus – Lehren und Leerstellen

Gerade angesichts einer desensibilisierten Gesellschaft befindet sich antifaschistische Politik in einem stetigen Balanceakt weder der gängigen Verharmlosung und Normalisierung des Rechtsrucks Konzessionen zu machen, noch den Aktivismus der extremen Rechten (vor allem gegenüber ihren gesellschaftlichen Voraussetzungen) mehr Aufmerksamkeit zu schenken als diese verdient. Als ein Symptom der „österreichischen Zustände“ zeigt sich, dass die Linke einen Großteil der antifaschistischen Arbeit anstößt oder selbst übernimmt, die anderenorts von staatlichen Institutionen oder der „buntgegen- braun“-Zivilgesellschaft erledigt wird. Derartige Entwicklungen verstärken somit zusätzlich, dass die Theorie und Praxis emanzipatorischer Lebensentwürfe angesichts antifaschistischer Abwehrkämpfe ohnehin ins Hintertreffen geraten ist. Erschwerend kommt aktuell hinzu, dass die extreme Rechte hierzulande wieder vermehrt dazu übergegangen ist, linke Räumlichkeiten und Aktivist*innen ins Visier zu nehmen.

Eine weitere Schwierigkeit stellt die seit Beginn der 2000er Jahre beobachtbare (Teil-)Spaltung von antirassistisch und antifaschistisch orientiertem Aktivismus dar.[8] Die damit einhergehenden Opferkonkurrenzdebatten zwischen postnazistischer und postkolonialer Perspektive drehen sich nicht nur um die Frage, ob (vor allem antimuslimischer) Rassismus Antisemitismus als hegemoniales Feindbild abgelöst habe, sondern auch darum, ob die Schrecken des Terrors in den westlichen Ländern eurozentristisch überbetont werden bzw. wem für diese die Hauptschuld angelastet werden soll: der islamistischen Ideologie oder vielmehr dem Westen selbst. Mit der Zunahme islamistischer Anschläge (nicht nur in Europa) scheinen sich die Positionen weiter zu verhärten: Antirassistische Perspektiven reduzieren hierbei Antisemitismuskritik mitunter auf täter*innengesellschaftlichen Eurozentrismus, insbesondere indem dessen aktuelle Formen – sei es struktureller, israelbezogener oder islamisierter Antisemitismus – negiert werden. Gleichzeitig werden reaktionäre Einstellungen bei Muslim*innen (bzw. Minderheiten im Allgemeinen) aufgrund einer (zudem paternalistischen) Verklärung von marginalisierten Subjekten gerne ausgeblendet. Antirassistische Kontexte versagen gegenwärtig mitunter auch dabei, die möglichen Widersprüche, Sackgassen und essentialisierenden Fallstricke von identitätspolitischer Standpunkt-Theorie – wie sie etwa in Aufrufen zur Allianzbildung mit „den“ Muslim*innen aufscheint – konsequent zu problematisieren. Ein Faktum, das vom ideologiekritischen Spektrum zu Recht kritisiert wird, mitunter jedoch dazu führt, die Analyse von (antimuslimischem) Rassismus als Generalangriff auf Antisemitismuskritik abzuwehren. Nicht ohne Ironie könnte konstatiert werden, dass die Reaktion von Teilen der antisemitismuskritischen Linken nicht nur hinter die eigene Theorieschule (der Kritischen Theorie) zurückfällt – so erinnern manche der fragwürdigen Koran-Exegesen bzw. des entsprechenden Islam-Bashings wieder vielmehr an die verabsolutierte (Religions)kritik junghegelianischer Prägung, über die Marx seinerzeit so gerne gespottet hat.

Angesichts einer Welt, die global zunehmend aus den Fugen zu geraten scheint, ist mehr denn je zu befürchten, dass „eine Politik mit der Angst“ (Ruth Wodak) das Potenzial hat, Rechtsextreme in ganz Europa in die Regierungen zu bringen. Es wird Zeit, dass die Linke der grassierenden Kulturalisierung und Ethnisierung sozialer Fragen etwas entgegensetzt – anstatt mitunter noch selbst an ihr teilzunehmen. Dementgegen müsste Ideologiekritik wieder auf die Höhe der Zeit gehoben – und umgekehrt Identitätspolitik vom Kopf auf die Füße gestellt werden.

 

Anmerkungen:

[1] Erwin Riess, Vorwort „Rechtsextremismus“. In: FIPU (Hg.) Rechtsextremismus. Bd. 2: Prävention und politische Bildung, Wien 2016.

 

[2] Die Totalitarismustheorie begriff sowohl den Nationalsozialismus als auch die Sowjetunion in Bezug auf ihren totalitären Charakter als gleichartig. Sie unterteilt sich jedoch in zwei Paradigmen, jenem auf Hannah Arendt aufbauend und jenem nach Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzezinski. Vgl. Richard Saage, Faschismus: Konzeptionen und historische Kontexte. Eine Einführung, Wiesbaden 2007.

 

[3] Eric J. Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts,München/Wien 1997.

 

[4] Der Begriff des Rechtspopulismus ist in der Forschung nach wie vor äußerst umstritten. Rechtspopulistische Gruppierungen grenzen sich im Gegensatz zum Rechtsextremismus vom historischen Faschismus/Nationalsozialismus ab und sind auch ideologisch weniger verfestigt. Politisch tendenziell nach rechts offen sowie mitunter schlichtweg als Strategie der extremen Rechten sich „moderat“ zu geben, ist ihre Einordnung jedoch mitunter schwierig bzw. als fließend zu betrachten.

 

[5] Ursula Birsl, Rechtsextremismusforschung reloaded – neue Erkenntnisse, neue Forschungsfelder und alte Forschungsdesiderate, Neue Politische Literatur, Jg. 61, 2016, S. 255.

 

[6] Problematisch bleibt, dass der Begriff bis heute maßgeblich von der totalitarismustheoretischen Extremismus-Forschung geprägt wird. Diese leitet Rechtsextremismus aus einem allgemeinen Verständnis von Extremismus ab, welches sich vor allem durch seine Kombination aus Verfassungsfeindlichkeit und Gewaltbereitschaft auszeichnen würde. Hierbei wird einerseits eine Abgrenzbarkeit des Phänomens auf den vielzitierten gesellschaftlichen „Rand“ suggeriert, andererseits werden Unterschiede zwischen linken, rechten und nunmehr auch islamistischen Bewegungen nivelliert.

 

[7] Heribert Schiedel, Der rechte Rand. Extremistische Gesinnungen in unserer Gesellschaft, Wien 2007, S. 8.

 

[8] Vgl. Julia Edthofer, Rassismus- oder Antisemitismuskritik?, 2015

 

 

 

Von Julia Grillmayr

erschienen im UniStandard

Die Burschenschaft Hysteria erfüllt alle Kriterien eines traditionellen Männerbundes – abgesehen davon, dass sie links und feministisch ist und allein Frauen aufnimmt.

Wien – „Bruder Sargnagel wurde geblockt.“ Das erste virtuelle und gleich virale Lebenszeichen der Burschenschaft Hysteria im April 2016 war der Aufruf, jenes Facebook-Posting zu teilen, das der Künstlerin Stefanie Sargnagel eine zeitweilige Sperre auf der Social-Media-Plattform einbrachte. Sie machte sich darin über ein Mitglied der rechten Bewegung der Identitären lustig. Kurz darauf formulierte die Burschenschaft – auf Facebook unter @BurschenschaftHysteria, auf Twitter unter B!Hysteria zu finden – ihr Leitbild. Als „älteste Burschenschaft Österreichs“ stehe Hysteria für starke ideelle Werte, die Unterdrückung Andersdenkender und für aktiven Vaterlandsverrat. Wie in jeder Burschenschaftssatzung fehlt der Wahlspruch nicht: „Ehre, Freiheit, Vatermord. Heil Hysteria!“ Nachtrag: „Der Beitritt von Männern ist aufgrund unserer jahrhundertealten Tradition selbstverständlich nicht möglich.“

Hysteria ist eine Burschenschaft, bestehend aus linken Frauen, die laut Eigenauskunft auf das „goldene Matriarchat“ hinarbeiten. Die Sphäre des „schönen Geschlechts“, also des Mannes, sei das Private. Um die politische Öffentlichkeit kümmert sich die Frau – spätestens seit Hysteria im September 2016 auf der Prater Hauptallee das Patriarchat zu Grabe getragen hat. Sie marschierte unter schwarzen Fahnen, darauf das Hysteria-Wahrzeichen: eine Zähne zeigende, lachende Hyäne.

Vergangenen Monat „retteten“ die Burschen den Akademikerball: „Viele unbetreute Männer bleiben bis spät in die Nacht auf und nehmen ohne genügend weibliche Aufsicht alkoholische Getränke zu sich.“ Hysteria erklärte ihn daher zum „Männerschutzball“ und entrollte ihre Banner.

Prügelaktion in Ottakring

Der jüngste Coup erfolgte Anfang März: Auf der Hysteria-Facebook-Seite werden Fotos gepostet, die zeigen, wie Burschen ein paar Männer aus einer Kellerstube prügeln. Nun hat Hysteria eine eigene Bude in Ottakring. Vormals bekannt als Fritz-Stüber-Heim, beherbergte der Keller bisher eine Reihe rechter und rechtsextremer Männerbünde. An der Authentizität der Prügelaufnahmen darf gezweifelt werden, aber die Lokalität ist nun tatsächlich in Hysteria-Hand: Eiserne Kreuze mussten Hyänenfahnen weichen.

Der Begriff Burschenschaft, oftmals fälschlich als Überbegriff für jede studentische Korporation gebraucht, bezeichnet eine spezielle, nämlich politische Form von Studentenverbindung (siehe unten) – diese ist per herkömmlicher Definition rein männlich. Frauen gleicher Gesinnung finden sich in Mädelschaften zusammen.

Da die Burschen von Hysteria feministisch, links und allesamt weiblich sind, wird zu ihrem Ärgernis nie als Burschenschaft, sondern immer als Kunst- und Satireprojekt über sie berichterstattet. In ihren seltenen Interviews verweigern sie sich aber anderen Bezeichnungen.

Und damit haben sie nicht unrecht: Tatsächlich ist Hysteria als Burschenschaft eingetragen. Die Rechtsform dafür ist eine Vereinsgründung. Da die Bezeichnung nicht geschützt sei, könne sich jeder Verein nach eigenem Gutdünken als Burschenschaft bezeichnen, sagt Bernhard Weidinger vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes.

Hysteria lässt sich nicht pragmatisch als Mädelschaft einordnen und macht damit Männerbünden ein Stück weit die Eigenbezeichnung lausig. Hysterias Burschen treten im Wichs auf, der traditionellen burschenschaftlichen Kleidung, und benutzen Couleurnamen wie Sprenghilde. Es bleibt also nicht allein bei der Bezeichnung, wie Judith Goetz, Politik- und Literaturwissenschafterin und Mitwirkende der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit, betont: „Ihre Organisationsform als geschlechtshomogene Gruppe, die vertretenen Werte und Forderungen orientieren sich an burschenschaftlichen Vorbildern.“

Hysteria erfülle alle formalen Prinzipien für einen Aufnahmeantrag im Wiener Korporationsring, so Goetz, jedoch würde ihre politische Ausrichtung dort wohl weniger goutiert. Hysteria ist also eine Burschenschaft, wenn auch eine subversive. Die Hyänen folgen auf ihre Art der linksfeministischen Aufforderung, auch als Mädels Banden zu gründen.

Linke Debatten um Critical Whiteness & Cultural Appropriation

Julia Edthofer

Im November 2016 fand in Wien der antifaschistische Kongress „In times like these“ statt. Neben den Herausforderungen für antifaschistische Politik angesichts brennender Flüchtlingsheime, wachsendem Antisemitismus und der zunehmenden Gefahr rechtsextremer Regierungsbeteiligungen in immer mehr europäischen Ländern, ging es dort auch um Spannungsfelder innerhalb der Linken. Ein Fokus lag dabei auf der Kritik an identitätspolitischen Dimensionen zweier antirassistischer Analyseperspektiven, die in den letzten Jahren aus dem US-amerikanischen Kontext übernommen wurden und unter den Labeln „Critical Whiteness“ (CW) und „Cultural Appropriation“ (CA) bekannt sind. Erstere steht dabei zum einen für die Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass „Weißsein“ bzw. „Weißheit“ die unhinterfragte gesellschaftliche Norm darstellt, und zum anderen für eine Reflexion der Privilegien (Job, Wohnung, oft auch Staatsbürger_innenrechte, etc…), die an diese Norm geknüpft sind. Letzteres meint die meist kulturindustriell vorangetriebene dominanzgesellschaftliche Aneignung kultureller Ausdrucksformen von rassistisch unterdrückten Communities, wobei nicht selten—wie etwa beim „Indianer“kostüm—die Frage zugrunde liegt, wann eigentlich Aneignung und rassistische Karikatur verschwimmen.

Im Fahrwasser dieser Kritik wird „Kultur“ jedoch mitunter als in sich geschlossene Einheit imaginiert oder die soziale Konstruktion von „Rassen“ aus den Augen verloren. So kann es zu kulturalistischen Essenzialisierungen kommen und in Extremfällen auch zur positiv gewendeten Reproduktion rassifizierender Zuschreibungen. Aus diesem Grund stehen die beiden Analyseperspektiven innerlinks auch immer wieder in der Kritik. Die Zeitschrift Analyse&Kritik (A&K) produzierte 2013 eine Critical Whiteness-Sonderbeilage, in der die Auseinandersetzungen zusammenfasst werden. Einerseits wurde dort zur Diskussion gestellt, dass es bei linken CW- und CA-Debatten um anerkennungspolitische Fragen geht und es insbesondere aus dominanzgesellschaftlicher, weißer Perspektive mitunter zu einer Abwehr der Kritik als „identitätspolitisch“ bzw. „hysterisch“ kommt, da die Reflexion eigener Privilegien schlichtweg unangenehm ist. Andererseits ging es um die Frage, wann Analyse und v.a. Privilegienkritik in Essenzialismus abdriften, wobei diesbezüglich auch auf die fehlende Kontextualisierung von aus dem anglo-amerikanischen Kontext übernommenen Konzepten hingewiesen wurde. In einer aktuelleren A&K-Ausgabe wurde die Essenzialisierungs-Problematik mit Blick auf aktuelle linke Debatten noch einmal aufgegriffen. Unter dem Titel „Recht hat, wer am unterdrücktesten ist“ wies Anja Hertz darauf hin, dass eine „Verabsolutierung“ bzw. Essenzialisierung von Marginalisierungserfahrungen antipolitische Effekte zeitigen könne, da sie Gefahr laufe, jegliche strukturelle Auseinandersetzung, z.B. mit dem Zusammenwirken von Rassifizierung/Ethnisierung und Klasse, durch identitätspolitische Betroffenheits-Rankings zu ersetzen.

Die Kritik an solchen Verkürzungen stand unter dem Titel „How to be a good anti-racist ally?“ auch bei einer Podiumsdiskussion des Wiener Antifa-Kongresses im Fokus. Dazu war u.a. eine Aktivistin eingeladen, die identitätspolitische Essenzialisierungsmechanismen anhand eigener Erfahrungen auf einem queer-feministischen (F)Antifa-Kongress illustrierte: sie berichtete davon, wie ein gemeinsam mit einer Genossin organisierter Workshop zur Repolitisierung der Privilegienkritik in einem derartigen Eklat endete, dass den beiden sogar nahegelegt wurde, den Kongress zu verlassen. Dabei schilderte sie, wie ihr selbst, da im Gegensatz zur Genossin als „Person of Color“ (PoC) gelabelt, mehr „Redeberechtigung“ zugestanden worden war—jedoch nicht genug, um im Betroffenheits-Ranking mit dem eigentlichen Thema (sprich: Repolitisierung identitärer Rassismuskritik) bestehen zu können.

Eigentlich ein guter Ansatzpunkt für innerlinke Reflexion, jedoch drifteten die Diskussionsbeiträge aus dem Publikum in ein Antira-Bashing ab, das eher nach Reflexionsabwehr klang, als nach ernsthafter Auseinandersetzung. Die am Podium formulierte Kritik wurde z.B. in einer Wortmeldung zum „aufklärerischen Highlight“ des Kongresses erklärt. Eine zweite stellte—schon etwas großzügiger dem Camp der antirassistischen Gegenaufklärer_innen gegenüber—fest, dass „diese Critical Whiteness-Leute“ mit ihrem Hinweis auf die Wirkmächtigkeit von Alltagsrassismus zwar „eh irgendwie recht hätten“, ihnen jedoch die richtige Analyse fehle—denn das kann im Grunde nur (guess what?) eine wertkritisch-materialistische sein. Damit waren die Fronten geklärt: auf der einen Seite die aufklärerische Vernunft, die durch Analyse zur Kritik kommt; und auf der anderen Seite die identitätspolitische postmoderne bzw. poststrukturalistische „Gegenaufklärung“, der ja immerhin schon vor Jahren attestiert worden war, dass sie im Grunde nichts anderes sei, als das „Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie“.

In meinem Text will ich einige kritische Anmerkungen zu solchen Diskussionen machen, da darin die ewiggleichen Zuschreibungen an die inkriminierten antirassistischen Analyseperspektiven reproduziert werden. Die Rede von „diesen Critical Whiteness“-Leuten hat nämlich etwas von einer Geisterbeschwörung: keine_r scheint genau zu wissen, was sich jetzt eigentlich genau in der PoMo1-Black Box befindet; sprich: wer dazugerechnet werden kann oder was so Unsägliches von sich gegeben wird. Aber eines ist klar: diese krasse Gegenaufklärung muss mit dem Stachel der richtigen Analyse bekämpft werden! Die Hartnäckigkeit der Zuschreibungen (anti-materialistisch, anti-analytisch, ethnopluralistisch, daher im Grunde selbst rassistisch bzw. kulturalistisch und somit gegenaufklärerisch, etc.) zeugt mitunter von einer fast schmerzhaften Unwissenheit dem Gegenstand der Kritik gegenüber. Schmerzen bereiten dabei (1) die entpolitisierende Dekontextualisierung anglo-amerikanischer Analyseperspektiven und deren anerkennungspolitischer Bedeutung; und (2) deren pauschale Verortung als Teil postmoderner bzw. poststrukturalistischer Theorieproduktion.

Beides will ich im Folgenden kritisch beleuchten und illustriere dazu einleitend die Eckpunkte einer Cultural Appropriation-Debatte, die sich ab Sommer 2016 in Teilen der deutschsprachigen Linken entspann. Die deutlichste Kritik wurde dabei in der Berliner Zeitschrift Jungle World formuliert und somit in einem politischen Kontext, der eher dem ideologie- bzw. wertkritischen Spektrum zuzuordnen ist. Aus dem gleichen Spektrum kamen meiner Beobachtung nach auch die CW/CA-Skeptiker_innen am Wiener Antifa-Kongress. Mein Text richtet sich daher an Linke, die bzgl. ihrer politischen Positionierung eher dem ideologiekritischen Antifa-Spektrum zuzurechnen sind und bzgl. ihrer strukturellen Positioniertheit mehrheitlich (soll heißen: natürlich nicht alle!) aus Dominanzgesellschaftler_innen mit deutschem bzw. österreichischem Pass bestehen. Bei dieser Feststellung—um gleich vorweg einem recht verbreiteten Irrtum vorzubeugen—geht es mir jedoch nicht um identitätspolitische Vorwürfe oder ein Kritikverbot, sondern um die Tatsache, dass individuelle Positioniertheit (Welt-)Erfahrung beeinflusst. Und dieser Zusammenhang von „gesellschaftlichem Sein und Bewusstsein“ ist ja immerhin auch schon mal dem Godfather der richtigen Analyse, Karl Marx, aufgefallen.

Critical Whiteness und Cultural Appropriation – das postmoderne Ende ernsthafter Rassismuskritik?

Im Juni 2016 löste die Missy Magazin-Redakteurin Hengameh Yaghoobifarah mit einer Intervention innerlinke Wogen aus, die sich erst nach einem halben Jahr glätteten. In ihrem Text kritisierte sie die Aneignung „nicht-westlicher“ kultureller Assets im Rahmen des jährlich stattfindenden FusionFestivals und merkte an, dass sich dieses ja immerhin links und antirassistisch positioniere. Eigentlich als Hinweis darauf gedacht, dass sich postkoloniale Ignoranz durchaus auch in der Linken findet, lud der Text aufgrund seiner identitären Ausrichtung sowie der weitgehenden Ausblendung des Entstehungskontextes der Kritik am Zusammenhang von Whiteness und Cultural Appropriation dazu ein, die politische Auseinandersetzung auf eine Diskussion über die „Wursthaare“ mittelständischer ´Kartoffeln´zu reduzieren. Im darauffolgenden Shitstorm im Forum des Magazins taten sich jedoch echte Abgründe auf, als Yaghoobifarahs Kritik als hysterisch, dumm und rassistisch abgetan wurde.

Auch in der Berliner Jungle World wurde die Diskussion aufgegriffen und bot Anlass, zum gefühlt millionsten Mal die postkolonialen PoMos als mitverantwortlich für den bemitleidenswerten Zustand der Linken zu identifizieren: Zu Beginn klärte Felix Klopotek darüber auf, dass der CW-Rassismusfetisch ein weiterer postmoderner Angriff auf den eigentlichen Hauptwiderspruch sei—und schaffte dabei, nachdem er schon bei der Klassenfrage war, mit Verweis auf die Existenz einer schwarzen Mittelschicht in den USA den dortigen strukturellen Rassismus ab. Dies argumentierte er mit dem offenkundig positiven Effekt von durch die Bürger_innenrechtsbewegung erkämpften Rechten und Affirmative Action-Programmen, die im Grunde zwei Black Communities erzeugt hätten: eine mittelständische und das abgehängte (schwarze) Industrieproletariat. Dem ist zwar zuzustimmen; eindeutig falsch ist jedoch, aktuell fortwirkenden Rassismus auf die „gesellschaftliche Funktion“ eines „schwarzen Subproletariats“ zu reduzieren, dessen Misere sich die schwarze Mittelschicht an den Unis mit ihrer Critical Whiteness– und Black Lives Matter-Hysterie aneigne. Trotz Credits für Unterhaltungswert und Originalität, denn sonst wird bei derartigen „Analysen“ nicht Heathcliff Huxtable sondern Barack Obama ins Feld geführt, sei dem Autor daher ans Herz gelegt, sich etwas eingehender mit der aktuellen Datenlage zu beschäftigen, bevor er die US-amerikanische Gesellschaft das nächste Mal zu einer (quasi) post-rassistischen erklärt.

Auf Klopoteks Beitrag folgend informierte Jakob Hayner alle, die es immer noch nicht wussten, über die fatalen Effekte der CW-Sprachpolizei: Wie Butler und Co. der Überzeugung anhängend, dass Sprache materielle Realität schaffe, würde diese nämlich den Rassismusbegriff „unbrauchbar“ machen. Dies führt der Autor unter anderem auf die entpolitisierende postkoloniale Lesart der Schriften Frantz Fanon´s zurück, der—ganz im Gegensatz zu seinen PoMo-Adept_innen—erkannt habe, dass Rassismus „die Konsequenz einer entmenschlichenden gesellschaftlichen Organisation“ sei und mithin nach Detlev Claussen eine Ideologie, die „ihren Grund in der brutalen kapitalistischen Konkurrenz“ hat. Nachdem dann endlich mal alle über den Zusammenhang von Kapitalismus und Rassismus Bescheid wussten (wurde auch Zeit!), musste nur noch klargestellt werden, was denn der richtige, universalistische Antirassismus ist: nämlich nur einer, der ohne identitäre Opferglorifizierung auskommt.

Nach dieser geballten Ladung Aufklärung wurde es noch einmal analytisch, als Marcus Latton den Leser_innen unter dem Schenkelklopf-Titel „Jedem Stamm seine Bräuche“ erklärte, dass die Kritik kultureller Aneignung Antirassismus eigentlich in sein Gegenteil verkehre, da sie „ethnisch“ bzw. „kulturell reine“ Kollektive konstruiere und als „Anwalt von Stamm, hood, Nation und Umma“ auftrete, um „Tradition, Kultur und Religion unter (…) Artenschutz“ zu stellen und daher im Grunde „ethnopluralistisch“ bzw. rassistisch sei. Das gelte natürlich auch für Yaghoobifarah, die außerdem in der TAZ angetreten sei, zwar nicht die Burka, aber zumindest das Kopftuch zum „progressive[n] Widerstandssymbol“ zu verklären. Obwohl dabei im Dunkel der PoMo-Black Box gelassen wurde, auf welchen TAZ-Beitrag sich der Autor eigentlich konkret bezog, liegt der Schluss nahe, dass es sich um einen Kommentar zur kulturindustriellen Verwertung „muslimischer“ Frauenmode handeln könnte. In diesem tatsächlich äußerst kritikwürdigen Text wird den Leser_innen erklärt, dass Hidschab, Burka und Tschador im Grunde „Pop“ seien da „sittsame Mode“ gerade en vogue sei und beschränkte Westler-Hipster nicht bemerken würden, wie sehr sie mit dem eigenen Kleidungsstil dem allgemeinen Trend des Sich-Bedeckens folgen. Dass Latton mit Yaghoobifarahs Kommentar allerdings eine echte Perle des Kulturrelativismus herauspickte und es im CW-Kontext genügend andere Autor_innen gäbe, denen es im Leben nicht einfallen würde, die Welt über kulturindustrielle Oberflächenphänomene zu erklären und den Hidschab dabei zum neuen Punk zu stilisieren, sollte jedoch zumindest thematisiert werden. Ebenso blieb außen vor, dass es der Autorin in erster Linie um orientalistisch-sexistische Doppelstandards ging und ihr Kommentar daher trotz aller Kritik ambivalent zu bewerten ist. Aber egal—Hauptsache, die Burka war endlich am Tapet! Denn immerhin galt es in Erinnerung zu rufen, dass sich CW- und CA-PoMos selbstverständlich in erster Linie aus kulturrelativistischen Apologet_innen der weiblichen Vollverschleierung zusammensetzen.2

Während es die Burka allerdings nur einmal in die messerscharfen Analysen schaffte, zog sich die Kritik der „Wursthaar“-Kritik wie ein roter Faden durch einen Gutteil der Kommentare und Beiträge und reduzierte die politische Auseinandersetzung somit tatsächlich auf Subkultur-Befindlichkeiten. WTF?!!, dachte sich angesichts dieser Diskussionen (in linken Formaten!) auch die Stadtforscherin und Kulturtheoretikerin Noa Ha. Die wies in ihrem Kommentar nämlich auf die entpolitisierenden Effekte solcher Dekontextualisierungen hin. Oder anders gesagt: Sie erinnerte daran, dass die Kritik kultureller Aneignung schon alleine aus dem Grund erst einmal zur Reflexion anregen sollte, da sie aus einem politischen Kampf kommt, in dem unter anderem die psychosozialen Folgen von Genozid und Sklaverei im Mittelpunkt standen und „Haare“ insofern bis heute eine ganz andere politische Bedeutung haben, als im europäischen Kontext. Zudem wird gerne ausgeblendet, dass der Kampf für Menschen- und Bürger_innenrechte auch mit dem Zugang zu materiellen Ressourcen verbunden ist. Was also niemals zu einem ernsthaften Punkt auf der politischen Agenda werden könnte, ist die Frisurwahl weißer, bürgerlicher Subkulturangehöriger in Europa, da diese nämlich vor dem Hintergrund genozidaler Kolonialgeschichte und anhaltendem (oft genug tödlichem) Rassismus vollkommen irrelevant ist. Um die von Ha thematisierte Absurdität hiesiger Diskussionen über materialistische Kritik versus PoMo-Identitätspolitik zu illustrieren, mache ich einen kurzen Schwenk über den Atlantik und zeige am Beispiel Cultural Appropriation, dass sich die Kritik daran in Kontexten entwickelte, in der „kulturelle Assimilierung“ Teil der genozidalen Geschichte ist, die bis heute strukturell nachwirkt.

(1) Context matters … oder: sind Reparationen für First Nations und Hyperincarceration nicht doch ziemlich materiell?

Im Dezember 2015 hielt der kanadische Premier Justin Trudeau nach Veröffentlichung des langerwarteten Berichts der Truth and Reconciliation Commission eine programmatische Rede vor dem Assembly of First Nations (AFN). Er entschuldigte sich für den „kulturellen Genozid“ an Kanadas indigener Bevölkerung und versprach Reparationen; unter anderem für die Opfer der „Assimilierungsprogramme“ in so genannten Residential Schools. Bereits 1876 als Teil des „Indian“ Act staatlich etabliert, dienten diese Einrichtungen nicht zuletzt zur Prävention indigener Aufstände und mithin zur Erleichterung der großflächigen Umwidmung enteigneter Territorien und bestanden bis in die 1980er Jahre des 20. Jahrhunderts. Über 150.000 Kinder und Jugendliche aus First Nations-Communities wurden in dieser Zeit aus ihrem sozialen Umfeld gerissen und in Residential Schools interniert, um zu „euro-kanadischen und christlichen Werten“ erzogen zu werden. Bei diesen „Umerziehungsmaßnahmen“ kamen mindestens 3.201 der Betroffenen ums Leben, wobei die Dunkelziffer hoch ist, da viele Morde nicht dokumentiert wurden; der Rest wurde ihrer Familiensprachen und kulturellen Traditionen beraubt, z.T. misshandelt und/oder missbraucht—und so ganze Communities derartig traumatisiert, dass die psychosozialen Folgen der kolonialen Gewalt über Generationen fortwirken und bis heute devastierend sind. Angesichts dieser gewaltvollen Assimilierungsgeschichte, ist es daher keine „identitäre Überempfindlichkeit“, wenn die Aneignung kultureller Assets, die vor kurzem noch ausgelöscht werden sollten, nicht auf helle Begeisterung stößt.

Obwohl auch in Kanada heftig über identitäre Auswüchse der Kritik kultureller Aneignung diskutiert wird, würde daher auf dominanzgesellschaftlich bzw. ´weiß´ positionierter Seite niemand, die_der sich links oder auch nur liberal begreift und halbwegs bei Sinnen ist, auf die Idee kommen, die grundsätzliche Kritik als ethnopluralistischen Mumpitz abzuwehren. Viel zu offen liegt auf der Hand, dass beides nicht vom Kontext der genozidalen Kolonialgeschichte, des strukturell fortwirkenden Rassismus und der damit zusammenhängenden Dominanz weißer Kollektive, gemeinhin als White Supremacy bezeichnet, getrennt werden kann. Insofern geht es dabei auch nicht um Verbote oder „ethnische“ bzw. „kulturelle Reinheit“, sondern um eine Auseinandersetzung mit postkolonialen Machtdifferenzen und deren materiellen und psychosozialen Folgen. Wie offenkundig die postkoloniale gesellschaftliche Verfasstheit, Kulturalisierung und Rassismus als „Ideologie, die ihren Grund in der brutalen kapitalistischen Konkurrenz hat“, dabei zusammenspielen, illustrierte Ha in ihrer Kritik der CA-Debatte an einem aktuellen Beispiel aus den USA: am bislang relativ aussichtlosen indigenen Protest gegen den Bau der Dakota Access Pipeline (DAPL) an der Grenze des Reservats Standing Rock in Nord- und Süd-Dakota. Ursprünglich sollte die Öl-Pipeline DAPL durch Nord-Dakotas Hauptstadt Bismarck führen, dies wurde jedoch mit Verweis auf die akute Trinkwassergefährdung erfolgreich verhindert. Als daraufhin die Verlegung über das Reservat beschlossen wurde, war den Betroffenen dort leider nicht der gleiche Erfolg beschieden. Seit Frühling 2016 wird in Standing Rock protestiert; und wenn deutschsprachige Medien überhaupt darüber berichten, dann sind die Aufmacher mitunter ein Lehrstück postkolonialer Doppelstandards: laut Welt kämpfen dort nämlich ein paar „Indianer“ gegen die Entweihung ihrer heiligen Stätten—und ach ja, mit dem Trinkwasser war da auch noch irgendwas… Dass sich die Aktivist_innen als „Water-Protectors“ bezeichnen und nicht etwa als „Holy Site-Saviors“, scheint die leicht verzerrte Problemwahrnehmung dabei nicht zu tangieren. Mit diesem Hinweis will ich allerdings nicht die Gewalt herunterspielen, die einer Community widerfährt, deren Grabstätten (plus die dort liegenden Überreste verstorbener Verwandter) einem Bauprojekt zum Opfer zu fallen drohen. Vielmehr geht es mir um das kulturalisierend-rassistische Belittlement, das jeden postkolonialen politischen Protest begleitet und sich auch in den hiesigen Diskussionen widerspiegelte. Denn um den Exkurs auf die erschreckende Unverhältnismäßigkeit der Debatten im Lichte postkolonialer Machtdifferenzen rückzubinden: soweit mir bekannt ist, wurde durch die Kritik kultureller Aneignung noch keine ´Kartoffel´ zur Dreadlock-Entfernung gezwungen, DAPL im Reservat Standing Rock statt in Bismarck hingegen ist spätestens seit Trump ziemlich materielle Enteignungs-Realität.

Auch die Critical Whiteness-Analyseperspektive ist im US-amerikanischen Kontext entstanden und damit in einer so genannten Post-Slavery-Gesellschaft, in der die letzten Lynchmorde an schwarzen Personen in den 1950er Jahren dokumentiert wurden und die Aufhebung der „Rassen“trennung durch den Civil Rights Act 1964 erst gute 50 Jahre zurück liegt. Dass die von der Bürger_innenrechtsbewegung erkämpften Rechte eine aufwärtsgerichtete soziale Mobilität schwarzer Communities ermöglichten und somit eine wachsende Mittelschicht entstehen konnte, ist unbestritten. Trotzdem stieg der „Racial Wealth Gap“ in den letzten Jahren und ein Blick auf die Haupt-Einflussfaktoren hierfür (Grundbesitz, Haushaltseinkommen, Arbeitslosigkeit, Collegeausbildung und über Generationen tradierter familiärer Wohlstand) verweist dabei durchaus auf die strukturellen Nachwirkungen der Sklaverei sowie rassistischer Segregation während der „Jim Crow“-Ära. Insofern zeigen sich die deutlichsten Kontinuitäten auch an der nach wie vor ungebrochenen intersektionalen Verschränkung der Kategorien race/Rassifizierung und soziale Klasse und dabei am brutalsten im Policing und der Hyperincarceration subproletarischer „gefährlicher Klassen“. Die Repression gegenüber der schwarzen Unterschicht hängt dabei ironischerweise mit den bereits erwähnten Affirmative Action-Programmen zusammen; jedoch nicht, wie von Felix Klopotek vermutet, als Überbleibsel einer im Prinzip überwundenen Epoche, sondern vielmehr als direkte Folge des sich transformierenden Rassismus. Dies spiegelt sich auch in den Gefangengenstatistiken wider: war noch zu Beginn der 1950er Jahre der Großteil (70%) der Inhaftierten in US-amerikanischen Gefängnissen weiß, verkehrte sich dieses Verhältnis in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ins Gegenteil. So ist der Anteil der schwarzen Bevölkerung und von People of Color seit der Jahrtausendwende mit 70% weit überproportional und auf Community-Ebene führte die revanchistische Zero-Tolerance-Politik der 1980er und 1990er Jahre nicht zuletzt zum Entstehen der Black Lives Matter-Bewegung. Kurz und gut: post-rassistisch sieht anders aus; und daher sollte auch zweimal nachforschen, wer antritt, die Kritik an White Supremacy auf universitäres PoMo-Blabla zu reduzieren.

Gender Studies – Hochburg der Gegenaufklärung?

Mit diesen Hinweisen soll jedoch nicht negiert werden, dass die beiden Analyseperspektiven im deutschsprachigen Kontext auf universitär-institutioneller Ebene tatsächlich zum Großteil im Rahmen von Gender Studies-Lehrangeboten oder in postkolonialen Forschungsclustern verortet sind. Damit sind sie in der Tat einem akademischen Feld zuzurechnen, das als (mehr oder weniger) poststrukturalistisch bzw. postmodern beschrieben werden kann. Insofern lassen sich in den subkulturellen Debatten zum Teil auch epistemologische Konflikte nachvollziehen, die—wie Floris Biskamp in der Testcard #25 illustriert—im Prinzip auf Animositäten zwischen den Adept_innen der beiden theoretischen „Erbväter“ Adorno und Foucault heruntergebrochen werden können. Außerdem verwies Biskamp auf die Notwendigkeit einer Perspektivenverschiebung, da die Emotionalität der Diskussionen den recht un-epistemologischen Schluss nahelegte, dass es dabei weniger um Analytisches ging, sondern eher um die einleitend erwähnte Abwehr einer Reflexion weißer Privilegien. Dem ist zuzustimmen: obwohl die Kritik an der Wursthaarkritik vordergründig in Anschlag gebracht wird, um den postmodernen Angriff auf die richtige Rassismusanalyse anzuprangern, lässt der wiederkehrende Verweis darauf vermuten, dass die Gemüter ernsthaft erhitzt sind—und das (ziemlicher Fun Fact), obwohl eigentlich eh beide Seiten (Weiß-)Wursthaare scheiße finden.

Ich möchte noch eine weitere Perspektivenverschiebung ergänzen, die ich für notwendig halte. Dafür ist ganz grundsätzlich einmal die Frage zu stellen, ob die akademisch-institutionelle Verortung der inkriminierten antirassistischen Analyseperspektiven im breit gefächerten poststrukturalistischen bzw. postmodernen Theoriefeld, tatsächlich ausschließlich mit deren theoretisch-epistemologischem Selbstverständnis zu tun hat. Wie erst kürzlich von Paula-Irene Villa dargelegt, kann dies dies nämlich viel eher damit erklärt werden, dass im Grunde bis dato kein einheitliches Fach der Gender Studies existiert und auch andere aus dem Kanon ausgeblendete Theoriestränge, wie etwa standpunkttheoretische oder postkoloniale, an feministischen Instituten bzw. Lehrstühlen schlichtweg besser andocken konnten. Dieser Hinweis ist dabei durchaus als Aufforderung zu verstehen, den ideologiekritischen Theorie-Fokus dahingehend zu befragen, ob er nicht am Ende selbst die Gefahr eines anti-materialistischen Zirkelschlusses birgt. Immerhin werden strukturelle (sprich: durch die kapitalistische Verwertungslogik erzeugte) Zwänge des akademischen Feldes systematisch ausgeblendet und stattdessen ein ´denkfähiges´ und ein ´denkunfähiges´ (homogenes) Theorie-Kollektiv konstruiert. Gerade aus marxistischer Perspektive sollte m.E. jedoch klar sein, dass die Uni dann doch nicht ganz so ein Elfenbeinturm ist, wie eine derart idealistische Vorstellung von Theorieproduktion nahelegt.3

Für meine „Andockthese“ spricht außerdem, dass ein Blick auf die Entstehungsgeschichte der beiden Analyseperspektiven auf deren Einbettung in marxistische Politik und Theoriebildung verweist. Im Folgenden gehe ich daher der Frage nach, ob „diese Critical Whiteness-Leute“ denn tatsächlich so postmodern sind, wie weithin angenommen und hoffe, mit meiner Spurensuche ein alternatives Schlaglicht auf bzw. in die gegenaufklärerische Black Box zu werfen.

(2) In the Belly of the PoMo-Beast

Ab den 1980er Jahren wurden im deutschsprachigen Kontext standpunkttheoretische Perspektiven auf Rassismus und Rassifizierung übernommen, die bereits in den 1960er Jahren in US-amerikanischen marxistischen Kontexten entwickelt wurden. Dieser Transfer war wegbereitend für die aktuelle Auseinandersetzung mit Weißsein und kultureller Aneignung, entstand jedoch durchwegs in außeruniversitären aktivistischen Kontexten; vor allem rund um das Kollektiv „ADEFRA e.V. – Schwarze Frauen in Deutschland“ sowie den Orlanda-Frauenverlag. Inhaltlich stand zu Beginn die Erfahrung von „Schwarz-Sein“ im Mittelpunkt, wobei an standpunktgeleitete Analysen angeknüpft wurde, die die Auseinandersetzung mit individueller Positioniertheit analytisch produktiv machten, um z.B. zu illustrieren, dass das Zusammenspiel von race/Rassifizierung, Geschlecht und Klasse jeweils spezifische Ausschlüsse produziert.

Ein für die englischsprachige Debatte paradigmatischer Text war „A Black Feminist Statement“ des Combahee River Collective. Darin erweiterten die Autorinnen marxistische Perspektiven, bei denen das gesellschaftsanalytische Potenzial kollektivierter (Welt-)Erfahrung im Mittelpunkt steht, wie z.B. in Georg Lukács´ Thesen zur „Selbsterkenntnis der eigenen gesellschaftlichen Lage“. Sie knüpften also einerseits an eigene Erfahrungen an, setzten diese jedoch auch in Bezug zu historischen politischen Schriften schwarzer Abolitionistinnen, wie etwa Sojourner Truth, Harriet Tubman oder Ida Bell Wells-Barnett, von denen einige selbst noch „als Sklavin geboren“ worden waren. So entwickelte das Kollektiv eine standpunkttheoretische Perspektive, die die ersten Erfolge der Bürger_innenrechtsbewegung und anhaltenden strukturellen Rassismus aufeinander bezog. Ein zweiter analytischer Strang umfasst Texte, die zwar im literarischen bzw. literaturwissenschaftlichen Feld angesiedelt waren, jedoch durchwegs als standpunkttheoretische Analysen zu lesen sind—etwa die Arbeiten von bell hooks, Audre Lorde oder Toni Morrison. Alle drei fokussierten das Zusammenspiel von Rassismus, Sexismus und Klassismus und waren wegbereitend für spätere Auseinandersetzungen. In ihrem 1981 erschienenen Buch „Ain’t I a Woman: Black women and feminism“ bezog sich hooks ebenfalls auf Sojourner Truth und deren berühmte Rede auf der Women’s Convention in Akron (Ohio) im Jahr 1851, in welcher sie auf die gegenläufigen Sexismuserfahrungen schwarzer Abolitionistinnen und weißer bürgerlicher Feministinnen hinwies.

Aus diesen frühen Auseinandersetzung gingen in späterer Folge zwei Perspektiven hervor, die auch im akademischen Feld Fuß fassen konnten: zum einen das Intersektionalitätsparadigma und zweitens postkoloniale Analyseperspektiven auf Weißsein und kulturelle Aneignung. Die ersten deutschsprachigen Adaptionen in den 1980er Jahren waren jedoch wie erwähnt ausschließlich in aktivistischen Kontexten verortet: Ein wegweisender Sammelband erschien 1986 unter dem Titel „Farbe bekennen – afrodeutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“. Das Autorinnenkollektiv rund um May Ayim, Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz entwickelte darin eine standpunktgeleitete Auseinandersetzung mit dem deutschen postnazistischen und postkolonialen Kontext. Der 1993 publizierte Sammelband „Entfernte Verbindungen. Rassismus, Antisemitismus, Klassenunterdrückung“ stellte eine politische Antwort auf den Anstieg von Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus im Gefolge der deutschen Wiedervereinigung dar. Dabei war, wie schon am Buchtitel ersichtlich, Klassismus bzw. der Klassenstandpunkt neben „identitär“ zu fassenden –Ismen integraler Bestandteil der politischen Analysen. Zudem standen, im Gegensatz zu aktuellen Diskussionen in queer-feministischen Kontexten, deren Auslassungen in Bezug auf Antisemitismus kürzlich von Viktoria Spielmann und Flora Eder kritisiert wurden, Rassismus- und Antisemitismuskritik damals nicht in einem Konkurrenzverhältnis. Vielmehr wurden die Ressentiments als unterschiedliche Formen des Ausschlusses aus der deutschen Dominanzgesellschaft analysiert.

Der erste Sammelband, der sich dezidiert mit kritischer Weißseinsforschung auseinandersetzte, wurde 2005 von Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche und Susan Arndt herausgegeben. Auch dieses Herausgeberinnenkollektiv hatte keine universitäre Anbindung und, wie im Vorwort beschrieben, zudem wenig Glück bei „traditionellen“ Projektförderungen; daher wurde das Buchprojekt auch in erster Linie von ADEFRA e.V. finanziert. In der Einleitung des Sammelbandes findet sich eine kompakte Zusammenfassung der theoretischen Perspektiven, an welche die Auseinandersetzung mit weißen Privilegien anknüpft—und die liest sich alles andere als postmodern: Beginnend mit W.E.B. du Bois´ bereits um 1900 publizierten Arbeiten zur „Color Line“, über Frantz Fanons´ psychoanalytische Perspektive auf Rassifizierung, bis hin zur literarischen bzw. literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung bei Toni Morrison und bell hooks, oder Peggy McIntosh´s Analyse weißer Privilegien, handelt es sich dabei durchwegs um Perspektiven, die die strukturelle Dimension von Rassismus im Blick haben und die „Color Line“ insofern als Produkt des auf Sklav_innenarbeit aufbauenden amerikanischen Wirtschaftssystems analysieren.

Ein genauerer Blick auf die politischen Kontexte, in denen sich kritische Weißseinsforschung im deutschsprachigen Raum entwickelte, zeigt also, dass deren Anfänge eher in der außeruniversitären, aktivistischen Wissensproduktion zu verorten sind, als im postmodernen oder poststrukturalistischen universitären Theoriefeld. Ebenso wenig sprechen die konkreten theoretischen Bezüge für eine solche Verortung, da diese viel eher auf eine Erweiterung standpunkttheoretischer Analysen mit Fokus auf Rassismus schließen lassen. Insofern liegt der Verdacht nahe, dass einzelne journalistische Beiträge oder exponierte Uni-Institute, wie etwa die Gender Studies an der Berliner Humboldt-Universität, als exemplarisch für eine gesamte Perspektive wahrgenommen werden könnten—und dies ist zu hinterfragen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil gerade in Kontexten, die sich mit Whiteness und dominanzgesellschaftlichen Privilegien auseinander setzen, mitunter harsche Kritik an den entpolitisierenden Effekten universitärer „Betroffenheits-Rankings“ geübt wird. So wies Ayşe Arsanoğlu bereits vor Jahren darauf hin, dass sich gesellschaftstheoretische Auseinandersetzungen an der Humboldt-Universität mitunter auf eine identitätspolitische „Privilegien-Beichte“ beschränken, da sich am fortwirkenden strukturellen Ausschluss (z.B. Tutorien, Lehraufträge oder Assistent_innenstellen an der Uni erhalten, Mitarbeit in Forschungsprojekten, etc.) wenig ändert.

Abschließend beziehe ich meine Überlegungen noch einmal auf die linken Debatten um Critical Whiteness und kulturelle Aneignung und stelle dabei deren anerkennungspolitische Dimension in den Mittelpunkt.

It´s 2017, Babies!

Bei den skizzierten Debatten um Critical Whiteness und Cultural Appropriation fiel auf, dass sich die Kritik daran in erster Linie um die (in-)adäquate Analyse drehte und die anerkennungspolitische Dimension von antirassistischen sozialen Kämpfen außen vor blieb oder ins Lächerliche gezogen wurde. Am Beispiel Kanada wollte ich daher aufzeigen, dass es sich bei diesem Auseinanderdividieren von materialistischer Analyse und Anerkennungspolitik um einen Kurzschluss handelt. Der Hinweis auf Reparationszahlungen an die indigenen Opfer des Residential School-Systems sollte beispielsweise illustrieren, dass die Anerkennung gruppenbezogener Rechte intrinsisch mit dem Zugang zu materiellen Ressourcen zusammenhängt. Daher ist eine Politik der Anerkennung, wie sie z.B. Seyla Benhabib in ihrem Buch „The Claims of Culture: Equality and Diversity in the Global Era“ entwirft, auch nicht ohne materialistische Analyse und materielle Umverteilung denkbar.

Aber auch in Bezug auf die Analysefrage sollte linkes Lagerdenken, wie etwa „materialistische Analyse versus PoMo-Identitätspolitik“, hintangestellt werden. In dieser Hinsicht wäre eine Re-Lektüre von Altbekanntem empfehlenswert: denn wer die Dialektik der Aufklärung aufmerksam durchblättert, wird feststellen, dass diese in unmittelbarem Zusammenhang mit der bürgerlichen Vorstellung von „Naturbeherrschung“ bzw. einer notwendigen Ablösung vom „Naturhaften“ analysiert wird. Da eine solche Ablösung nicht möglich ist, musste das „Naturhafte“ zunehmend verdrängt werden und wurde insofern auf die „Anderen“ der Vernunft bzw. Zivilisation projiziert: auf Jüdinnen und Juden, auf Frauen sowie auf „unzivilisierte Naturvölker“. Bei Adorno und Horkheimer findet sich also eine Analyse, die sowohl Antisemitismus, als auch Sexismus und Kolonialrassismen einbezieht und—bei allen Differenzen—alle drei als Produkte der Dialektik der Aufklärung betrachtet. Somit stellten sie bereits in den 1940ern eine der Fragen, die auch bei „diesen Critical Whiteness-Leuten“ im Mittelpunkt steht. Dabei sind die epistemologisch-analytischen Herangehensweisen in der Tat unterschiedlich: geht es der Kritischen Theorie um die gesellschaftliche Funktion des Ressentiments, so stehen bei letzteren die Machteffekte im Fokus. Dies entspricht natürlich zwei unterschiedlichen theoretischen Perspektiven—politisch betrachtet macht es jedoch durchaus Sinn, Funktion und Erscheinung komplementär in den Blick zu nehmen.

Wer also die Dialektik der Aufklärung ernst nehmen will, sollte sich von der Überzeugung verabschieden, dass eine pauschale Abwehr von Rassismuskritik, die im weitesten Sinne dem postmodernen bzw. postkolonialen Feld zugerechnet werden kann, auch nur ansatzweise etwas mit einer notwendigen Rettung materialistischer Analyse oder gar der Aufklärung selbst zu tun hat. Wenn allerdings eine liberale kanadische Regierung in der Lage ist, die genozidale Geschichte aufzuarbeiten, fortwirkenden strukturellen Ausschlüssen mittels einer „Diversity-Quote“ bei Minister_innen zu begegnen und die Verwunderung darüber mit einem lapidaren „Because it´s 2015“ zu quittieren, dann schafft auch die hiesige Linke einen Blick über den subkulturellen Tellerrand, davon bin ich überzeugt.

1 „PoMo“ verwende ich im Text für die umgangssprachliche Verkürzung des Wortes „Postmodernismus“ bzw. in kleingeschriebener Form für das Adjektiv „postmodern“; im Plural „PoMos“ steht es für Personen, die sich als Postmodernist_innen betrachten bzw. so gelabelt werden.

2 Dies ist nicht als Verteidigung von Yaghoobifahras kulturrelativistischem Negieren der misogynen politischen Bedeutung von Tschador oder Burka zu verstehen, sondern als Hinweis darauf, dass dies erstens nicht für alle „PoMos“ zutrifft und das „Burka-Argument“ zudem offensichtlich auch dafür in Anschlag gebracht wird, die etwas unbequemeren Formen von Rassismuskritik, wie etwa die Auseinandersetzung mit eigenen Privilegien, abzuwehren.

3 An dieser Stelle sei auf die Analysen von Pierre Bourdieu verwiesen, der am Beispiel Frankreich zu dementsprechenden Ein- und Ausschlussmechanismen des akademischen Feldes gearbeitet hat. Im deutschsprachigen Kontext thematisiert Samuel Salzborn in seinem Buch „Kampf der Ideen“ mit Blick auf den Ausschluss feministischer und postkolonialer Theorien Ähnliches—beides im Übrigen Lektüre-Empfehlungen, bei denen definitiv kein PoMo-Alarm geschlagen werden muss.

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Seit geraumer Zeit haben Männerrechtler dem Feminismus auch – oder besser gesagt vor allem – im Internet den Kampf angesagt. „Femokratie-Blog“, „MANNdat.de“, „Wie viel Gleichberechtigung verträgt das Land?“ oder „WikiMANNia“ sind nur einige Beispiele jener deutschsprachigen Internetseiten und Blogs, auf denen seit geraumer Zeit gegen Feministinnen, Gleichstellungspolitiken und vermeintlichen Gender-Wahn gewettert wird.

 

Die wahren Ziele der Männerrechtler

Die antifeministische Männerrechtsbewegung entstand im deutschsprachigen Raum in den 1970ern Jahren des vergangenen Jahrhunderts und verfolgt aktuell vor allem zwei Ziele: Einerseits wollen Anhänger dieser Gruppierungen auf die ‚eigentlichen‘ Benachteiligten in dieser Gesellschaft, nämlich Burschen und Männer, hinweisen und andererseits den Einfluss einer imaginierten feministischen Vorherrschaft zurückdrängen. So ist beispielsweise auf dem Blog „Wieviel Gleichberechtigung braucht das Land“ über „Das wahre Ziel des Feminismus“ zu lesen, dass in der „modernen westlichen Gesellschaft […] Feminismus Teil der herrschenden staatlichen (genau gesagt, überstaatlichen, grenzüberschreitenden, d. h. globalen) Ideologie“ sei und durch „Schule, Universitäten und Massenmedien aufgezwungen“1 werde. Die Protagonisten der Männerrechtsbewegung inszenieren sich dabei als Opfer nahezu jeder Lebenslage, vom Bildungs- und Gesundheitswesen über den Arbeitsmarkt oder Staatsdienst bis hin zum Scheidungsrecht. Eine besondere Rolle kommt dabei den Medien zu, die Burschen und Männern als die eigentlich Benachteiligten und Opfer dieser Gesellschaft keine Aufmerksamkeit zukommen lassen würden. So haben auch Männerrechtler begriffen, dass der Hinweis auf Benachteiligung sowie das Einfordern von Rechten ein potentiell sehr wirkungsmächtiger Diskurs ist, mit dem sich Aufsehen erregen lässt. In diesem Opferdiskurs arbeiten Männerrechtler nicht selten mit vermeintlichen Tabubrüchen und Diskursen, die sich gegen politische Korrektheit (PC) richten und versuchen, dadurch Aufmerksamkeit zu erhaschen. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass es sich bei den meisten inszenierten Tabubrüchen in der Regel gar nicht um solche handelt, da gerade Sexismus, Rassismus oder Homophobie in dieser Gesellschaft keine Tabus im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr tief und fest in der Mitte der Gesellschaft verankert sind. So wird beispielsweise auch versucht, fortschrittliche Forderungen und Errungenschaften für Frauen als vermeintlich ‚politisch korrekten‘ Schwachsinn abzutun und gleichzeitig frauenfeindliches Gedankengut zu normalisieren.

Eine Aufhebung der Benachteiligung wäre jedoch nicht durch die Infragestellung aktueller Männlichkeitskonstruktionen und -anforderungen möglich, sondern einzig durch die Aufrechterhaltung bzw. Wiederherstellung männlicher Privilegien und damit männlicher Hegemonie. So fungieren diese Herangehensweisen nicht zuletzt auch als eine Art männliche Legitimationsstrategie zur Aufrechterhaltung männlicher Macht und zur Wahrung männlicher Privilegien, sodass von einem antifeministischen Backlash gesprochen werden kann.

 

Das antifeministische Netz

Wenngleich Vertreter antifeministischer Politiken (u. a. wegen falscher Ausgewogenheitsvorstellungen) auch in Mainstreammedien immer wieder unterkommen oder Kongresse und Vernetzungstreffen organisieren, findet die frauenfeindliche Propaganda derartiger Gruppen vor allem digitalen Netz weite Verbreitung. So wird auf den angesprochenen Blogs und Internetseiten nicht nur das ‚männerfeindliche‘ Tagesgeschehen kommentiert, sondern vor allem auch gegen jene gehetzt, die als Vertreter_innen des Feminismus ausgemacht werden. Die sprachlichen Mittel, die dabei zum Einsatz kommen, reichen von unzulässigen NS-Vergleichen („Feminazis“) über Delegitimierungsstrategien (z. B. Darstellung von Gender Studies als lächerlich, absurd oder unwissenschaftlich) über Verbreitung von Unwahrheiten (wie Leugnung des Gender Paygaps) bis hin zu persönlichen Angriffen und (untergriffigen) Beleidigungen gegen konkrete Personen (sowohl gegen profeministische Männer – „lila Pudel“ – als auch gegen Feministinnen). Shitstorms, (Todes-)Drohungen, Vergewaltigungsphantasien und Stalking sind dabei keine Einzelfälle, sondern verdeutlichen einmal mehr, dass es sich bei dieser Form des Antifeminismus keinesfalls um Meinungsfreiheit handelt, sondern diese vielmehr als Hate Speech zu entlarven ist. Ein ähnliches Geschlechter- bzw. auch Gesellschaftsbild lässt sich im Übrigen auch in der (extremen) Rechten antreffen und so mag es kaum verwundern, dass es auch Zusammenarbeit und Überschneidungen bei den unterschiedlichen Akteuren gibt. Feminismus-Bashing ist jedoch nicht ausschließlich in Männerrechtskreisen und der (extremen) Rechten anzutreffen, sondern auch in der gesellschaftlichen Mitte weit verbreitet und findet Zustimmung.

 

#(anti)feminist

Die angesprochenen Blogs liefern folglich vor allem die ideologische Grundlagen und ‚Argumente‘ für jene antifeministischen Rhetoriken, die sich auch anderenorts im Internet weiter Verbreitung erfreuen. Dementsprechend spammen Männerrechtler auch Online-Foren diverser Tageszeitungen, sind auf Twitter und Facebook aktiv und versuchen feministische Hashtags zu vereinnahmen. So gelingt es einer kleinen, wenn auch ständig wachsenden Gruppe vor allem über das Internet einzuschüchtern, zu vertreiben und zu verdrängen. Nicht zufällig können gleich mehrere deutschsprachige Blogs trotz Urheber_innenrechtsverletzungen, NS-Verharmlosungen oder Beleidigungen strafrechtlich nicht geahndet werden, weil im Impressum eine Adresse in der Türkei aufscheint. Auch in Österreich wurden im Forum http://www.genderwahn.com, das heute aufgrund von wiederholten Verstößen gegen bestehende Gesetze nicht mehr online ist, lange Zeit rechtsextreme, frauenfeindliche Inhalte von Usern wie „Frauenhausjäger“ oder „Volks“ verbreitet. Die Drohungen, Verleumdungen und Diffamierungen werden nun auf der Website http://www.justizdebakel.com fortgesetzt, wo ebenfalls zutiefst antidemokratische und frauenfeindliche Inhalte veröffentlicht werden, wie beispielsweise eine Auflistung der Adressen aller Wiener Frauenhäuser.

Wie auch von anderen Diskussionen im Internet bekannt, erfahren Männerrechtler zudem oftmals kaum bis keinen Gegenwind, sodass ihre Propaganda unkommentiert stehenbleiben kann. Dies ist insbesondere angesichts der Tatsache erschreckend, dass das Internet für immer mehr Menschen die Hauptinformationsquelle darstellt. Wenngleich sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit stellt, mit expliziten Frauenhassern Argumente austauschen zu wollen, bedarf es dennoch wirksamer Umgangsformen mit diesem Phänomen. Nicht selten ziehen sich Netzaktivistinnen und Feministinnen nach wiederholten Untergriffigkeiten aus diesem Betätigungsfeld zurück, somit wird der Raum erneut Männerrechtlern überlassen. So wäre es einerseits an der Zeit, stärker anzuerkennen, dass feministische Kämpfe aktuell auch im Internet ausgefochten werden müssen und es andererseits solidarischer Strategien bedarf, um den stärker werdenden antifeministischen Backlash dahin zu verbannen, wo er hingehört – auf den Müllhaufen der Geschichte!

 

Anmerkungen:

1 „Das wahre Ziel des Feminismus“, Blogeintrag von Sergej Strojev: http://www.wgvdl.com/das-wahre-ziel-des-feminismus (Stand: 31.10.2016)