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Von Carina Klammer

Artikel erschienen in: Tortuga 3 Körper {Heft 1} SCHÖNER, 2017
http://tortuga-zine.net

Der Nationalsozialismus sowie sein Danach lassen sich nicht als statische Phasen begreifen. Auch der Körper und dessen Darstellungen erweisen sich in diesem Sinne als Orte, an denen historische Kontinuitäten, Leerstellen sowie Brüche verhandelt werden. Geschichte geht hierbei nicht nur „unter die Haut“, sonder­n schreibt sich auch in diese ein. Im Folgenden wird die Bildproduktion des Nationalsozialismus sowie seine Fort- und Nachwirkungen im visuellen Gedächtnis nach 1945 thematisiert.

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Schöner Schein – Körperbilder im Nationalsozialismus

„Wie sieht der ideale Deutsche aus? Blond wie Hitler, groß wie Goebbels, schlank wie Göhring, keusch wie Röhm.“ (Witz aus der NS-Zeit)

Der oben angeführte Witz aus der NS-Zeit thematisiert das Ideal des Arischen[1] im Gegensatz zu seiner wahrgenommenen Wirklichkeit. Er verweist nicht nur auf ein vorhandenes Bewusstsein darüber, dass es sich hierbei um ein fiktives Konstrukt handelte, dem es unmöglich war zu entsprechen, sondern auch auf die damit verbundenen Ängste. Mit dem Verweis, dass selbst die obersten Nazi-Größen nicht besonders arisch waren, wurde sich Erleichterung verschafft.

Wer sich mit dem Körper beschäftigt, stößt immer auch auf ein Spannungsverhältnis zwischen dem Körper als physische Gegebenheit, Bildern und Vorstellungen über den Körper sowie dem Körper als gesellschaftliche Praxis. Für den NS gilt dies umso mehr, da seine Körpersymboliken zugleich eine Systematik der Machtpolitik begründeten, die über Leben und Tod entschied. Die rassistisch/antisemitische Reorganisation der Gesellschaft und die Utopie[2] eines neuen Menschen waren Ziel und Motor der NS-Ideologie, in deren Zentrum der arische Körper stand. Das Rassenkonstrukt verband äußerliche Merkmale (Haare, Körperbau, Augenfarbe etc.) und nicht-sichtbare innere Körpervorgänge (Blut, Erbgut) sowie psychische Prozesse(die Annahme eines rassespezifischen Kultur- bzw. Seelenlebens) zur individuellen wie kollektiven Identität. Bei der Generierung des Arier-Mythos wurde auf eine Vielzahl bereits bestehender Narrative und Mythen zurückgegriffen, wobei eine Einigung dieses ikonographischen Eklektizismus nur bedingt forciert wurde. Als Einflüsse wirkten etwa die „Marmorleiber“[3] der Antike oder die Lebensreform-Bewegung, die sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte hatte. Es ermangelte hierbei ebenso einer einheitlichen Definition des Ariers wie auch seine angeblichen Ursprünge ungeklärt blieben. Auch innerhalb der NSDAP konkurrierten unterschiedliche Vorstellungen über das Germanentum und die nordische Rasse. Verwandtschaft wurde etwa bei den Kelten, in Skandinavien oder dem alten Griechenland gesucht. Alfred Rosenberg, einer der führenden NS-Ideologen, versuchte mit seiner Schrift „Der Mythos des 20. Jahrhunderts“ (1930) eine Systematisierung der NS-Lehre, aber auch Rosenberg war trotz seiner einflussreichen Positionen selbst in der NSDAP keine unumstrittene Figur sowie im Konkurrenzkampf mit Goebbels. Hitler hingegen verwehrte sich, auch auf Drängen, gegen allzu rationalistische Beweisversuche der Rassen-Ideologie. Dies führte umso mehr zu einer mythischen Stilisierung des angeblich Offensichtlichen, für die Bilder eine spezielle Funktion innehatten.[4] Dass nicht einmal die Deutschen wüssten, wie eine höherwertige Rasse eigentlich aussehen würde, galt den NS-Ideologen als ernsthaftes Problem. Die NS-Propaganda entwickelte eine gegensätzliche Bildpolitik die gleichermaßen auf Ideal- und auf Feindbilder aufgebaut war und der vor allem eine erzieherische Wirkung zugesprochen wurde. Durch zahllose Bildbände sollte das Rassebewusstsein intuitiv erlernt und gestärkt werden. Dies galt besonders für die Partner*innenwahl.[5] Ästhetisch überhöht und biologisch-rassistisch begründet bekam die Figur des Ariers selbst einen Kunstwerkcharakter. Daran anknüpfend beschrieb auch Joseph Goebbels den Politiker als Künstler, der es verstehe die „Rohstoffmasse Mensch“ zum „Volkskörper“[6] zu formen. Dies ging so weit, dass die Nazis selbst noch ihre eigene Mythenproduktion penibel dokumentierten, etwa als sie im Spiel- und Propagandafilm mit der Beleuchtung experimentierten, um den perfekten arischen Hautton zu finden. Dieser sollte aus einer gesunden Farbe bestehen, die weder schweinchenrosa noch totenbleich wirken durfte.[7]

Die Darstellung von Bildern über den (idealen) Körper und die Etablierung von Körperpraxen (als Bearbeitung der Körper selbst) erweisen sich hierbei als verschränkt. Beide zielten nicht nur auf einen Transformationsprozess des physischen Körpers, sondern auch auf eine Veränderung des Körpergefühls, der Wahrnehmungsmuster sowie des Selbst- und Kollektivbildes ab.[8] Analog zur Nation war auch der Körper stets mit Ängsten seiner drohenden Auflösung besetzt und umgekehrt wurde die Nation und ihr Zusammenhalt wie ein Körper gedacht. Die Haut fungierte hierbei auch als Ort der Grenzmarkierung zwischen einem als feindlich wahrgenommen Äußeren und dem eigenen Inneren, welches von fremden Einflüssen rein gehalten werden müsse.[9] So heißt es etwa zu Beginn des NS-Films „Opfer der Vergangenheit“: „Wer ist erbkrank?“ Und die Stimme aus dem Off beantwortet die Frage sogleich: „Erbkrank ist ein Mensch, dessen Krankheit in der Erbanlage seiner Vorfahren vorhanden war. Dabei braucht die Krankheit bei seinen Vorfahren gar nicht immer in Erscheinung getreten zu sein. Sie trugen sie unerkannt in sich.“[10] Die Befürchtungen selbst rassisch unrein zu sein und die schlechten Eigenschaften im eigenen Körper bzw. in den Volkskörper zu tragen, wurden hierbei zugleich nach außen gekehrt und auf den Juden projiziert. Die antisemitische Vorstellung, dass Juden und Jüdinnen vielmehr hinter den Erscheinungen wirken würden als direkt erkennbar, verabsolutierte sich im Vorwurf der Verjudung, der nunmehr gegen alles Unerwünschte eingesetzt werden konnte.

Die arischen „Ganzheitskörper“[11] wurden durch ein Ideal konstruiert, das ihr Scheitern ebenso kaschierte wie konstitutiv miteinbezog. Als Bindung an die Macht fungierte auch, dass sich selbst die zertifizierten Arierihres Status niemals sicher sein konnten. Als undeutsch galt nicht nur nicht blond und nicht blau-äugig zu sein, sondern auch unerwünschtes Verhalten wie mangelnder Gehorsam. Das Schicksal aller Natur gelte auch für die selbsternannte Herrenrasse und verdichtete sich in einem Entweder-Oder-Endzeitszenario: Untergang oder Emporstieg. Demzufolge hänge alles am Willen zur Reinheit und der Veredelung – der Rassenzucht – ab. Dies umfasste nicht minder physiologische Fragen wie jene der Erziehung. So schrieb der NS-Pädagoge Peter Petersen 1934:

„Vor der Fahne strafft sich der Körper; beim Gruß nimmt man sich zusammen; in der Uniform wird man ein anderer Mensch; beim Singen des politischen Kampf- und Trutzliedes, der Nationalhymne, die gleiche Haltung. Kurz irgendwie ,pariert´ man, d.h. kommt zum Stehen, […] Denken und Fühlen sind aus der gewöhnlichen Bahn hinausgewiesen, und zwar ist es stets der Alltag, das Gewöhnliche, aus dem man herausgenommen wird, und die neue Richtung ist die auf menschliches Leben in höherer Ordnung“[12]

Walter Benjamin verwies darauf, dass die zunehmende Ästhetisierung der Politik weniger für den Faschismus als spezifisch gelte, als für die Moderne und ihren Machbarkeitsphantasien insgesamt. Dies betraf auch den Körper, der nun nicht mehr schlichtweg als gottgegeben oder Manifestationsort des Schicksals betrachtet wurde. Der Topos des neuen Menschen entwickelte sich quer über die politischen Lager hinweg und wurde so zum fixen Bestandteil des imaginären und kulturellen Repertoires jener Zeit. Dies beinhalte auch eine Faszination für das Thema der Massen, deren Bewegung nicht zufällig ein bevorzugtes Thema des frühen Filmes darstellte. Zugleich sind die Masseninszenierungen der 1930er Jahre ohne die anhand von Fotografie und Film entwickelten Wahrnehmungsmuster nicht zu denken. Der NS zeichnete sich hierbei durch eine strenge Choreographie der Masse aus, die man zugleich zwang „sich überall selbst zu erblicken“ und deren Erhöhung stets auch die Disziplinierung der Einzelnen implizierte.[13]

Der Mythos des Ariers funktionierte bis zum Ende des NS-Regimes als selbstreferenzielle Durchhalteparole. So zog Goebbels gegen Kriegsende für den Film „Kolberg“ (Regie: Veit Harlan) tausende Wehrmachtssoldaten von der Front ab, um diese als Statisten einzusetzen. So verkehrte sich das Verhältnis zwischen Realität und Propaganda vor allem gegen Ende des zweiten Weltkriegs zum perversen Selbstzweck. Damit der Schein erhalten bliebe, sollte alles, bis auf den letzten Mann, geopfert werden.[14]

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„Die deutsche Frau raucht nicht, die deutsche Frau trinkt nicht, die deutsche Frau schminkt sich nicht…“ – Geschlechtermythen vor und nach 1945

Die ersten Analysen der Geschlechterverhältnisse im NS wurden vor allem durch Feministinnen eingefordert sowie mitgeprägt. Während die Malestream Geschichtsschreibung jener Zeit – sowie bis heute – die Kategorie Geschlecht entweder ignorierte oder für stereotype Erklärungsmuster heranzog, war die Frage der Mittäter*innenschaft von Frauen im NS seit Ende den 1970er Jahre ein Konfliktthema innerhalb der zweiten Frauenbewegung. Vor allem am Buch von Maria-Antonietta Macciocchi – „Jungfrauen, Mütter und ein Führer“ – wurde zum ersten Mal deutlich, dass ein beträchtlicher Teil der deutschen und österreichischen Frauenbewegung den Opferstatus von Frauen verabsolutierte und mit einer Kritik an der Beteiligung von Frauen an faschistischen Bewegungen nicht viel anfangen konnte. In diesem Sinne wurden die repressiven Seiten des NS besonders für Frauen weiterhin betont, während ein möglicher Lustgewinn aus dem NS den Männern zugeschrieben wurde.

Schon die Anhänger*innen der „Sexuellen Revolution“ reflektierten wenig, inwiefern ihre eigene Praxis nicht nur Brüche sondern auch Kontinuitäten zu den Körper- und Sexualitätsbildern des NS aufwies. Die 68er-Bewegung hatte ihre Kämpfe noch in engem Zusammenhang mit den repressiven Nachwirkungen des Faschismus gesehen und somit eine Vorstellung des NS als genuin lust- und sexualitätsfeindlich geprägt.[15] Dieses Bild entwickelte sich einerseits aus einer vorschnellen Verallgemeinerung der Politik der Rassenschande, anderseits wurde auch anhand der Stellung der NS-Frau als Mutter angenommen, dass die Ideale der bürgerlichen Kleinfamilie im NS schlichtweg übernommen wurden. Im NS stand Mütterlichkeit in ihrem Kern jedoch nicht mehr ausschließlich für weibliche Passivität und das „Heimchen am Herd“, sondern pries auch eine „Muttermacht“ an, die dem Manne um nichts nachstehen würde. Eine Mütterlichkeit, die über das Kind nicht mehr das Begehren zum (komplementären) Mann, sondern die eigenständige Liebe zum Volk ausdrückte. Darüber hinaus fand sich im NS Platz für unterschiedliche Frauenbilder, auch wenn diese nicht gleichermaßen akzeptiert waren, von Fragen der jeweiligen Klasse abhingen oder schlichtweg in den Hinterzimmern quer zu offiziellen Normen ausgelebt wurden. NS-Frauen sahen vor allem in den Anfängen der Entwicklung der NS-Ideologie Potenzial, ihre Anliegen und Interessen voranzutreiben, wie sich beispielsweise anhand der Matriarchatsdiskussionen[16] im NS verdeutlicht. Im Lichte der Rassenfrage wurden auch das Ehe- und  das Scheidungsrecht innerhalb der NSDAP durchaus kontrovers diskutiert, wobei daran anschließende Reformen einen punktuellen Autonomiezuwachs für Frauen implizieren konnten. Vor allem angesichts ihrer Glorifizierung des NS und ihrer Regimetreue wollten viele dieser Frauen nicht wahrhaben, wie tief Patriachat und Nationalsozialismus ineinander verwoben waren.

Im Rahmen seiner ideologischen Entwicklung knüpfte der NS aber weder bruchlos an die christliche Moral- und Verbotslehre noch an die bürgerliche Sittsamkeit an. Die Idee des „sündigen bösen Körpers“ und der „edlen, guten und schönen Seele“[17] wurde ebenso verworfen wie die Körperverachtung als Element der liberalen „Epoche des Geistes“ galt. Nacktheit wurde nicht nur als naturverbunden angesehen, sondern diente auch der sozialen Kontrolle. Sie signalisierte, dass eine Person nichts zu verbergen hätte, sowie über einen rundum gesunden Körper verfüge. Aber: Nacktheit wäre nicht gleich Nacktheit. Prüderie und die daraus resultierenden Lüsternheit wurden in engem Zusammenhang begriffen und jeweils als unnatürlich verworfen.[18] Vielmehr bräuchte es eine „Aufklärung ohne Moralgefasel“, die Sexualität als etwas Unschuldiges darzustellen habe. Sexualität im NS wurde weder einfach freigesetzt oder geleugnet, sondern vielmehr desexualisiert. All ihrer Liebe, Leidenschaft und zwischenmenschlichen Erotik entleert, wird sie zur sauberen Sache und für den Erhalt der Volksgemeinschaft funktionalisiert. Für Frauen, die über ihre Sexualität für gewöhnlich das Deckmäntelchen der Liebe streifen mussten, um Gefühle der Scham zu überwinden, stellte dies jedoch durchaus ein verändertes Identifikationsangebot dar. Dort, wo die Balance bzw. die „Harmonie der Geschlechter“ ins Wanken zu geraten schien, wurde von ihrer Verjudung gesprochen. Zwar blieben diese Vorstellungen stets mit einem starren Geschlechterdualismus verknüpft, aber der NS verschob zugleich die bürgerlichen Grenzen von öffentlicher und privater Sphäre auf fundamentale Weise.

Die gängigen Darstellungen der Geschlechter- und Sexualpolitik des NS zeichnen sich bis heute durch eine gewisse Einseitigkeit aus. Laut der Historikerin Dagmar Herzog bestand einer der Haupteffekte, warum die sexfreundlichen Seiten des Nationalsozialismus in Vergessenheit gerieten, im Normalisierungsprozess der fünfziger Jahre: „Vor den eigenen Kindern oder dem Rest der Welt zuzugeben, dass man am Dritten Reich durchaus Vergnügen gefunden hatte, ließ sich mit der erfolgreichsten Taktik der Nachkriegsdeutschen im Umgang mit ihrer Schuld […] nicht vereinbaren“.[19]

 

Fascinating Fascism – Fascinating Bodies? oder: Hitler „history’s first rock star[20]

Die Frage, warum der Faschismus eine solche Faszination ausüben konnte, die außerdem kein Ende zu nehmen scheint, bleibt bis heute lvirulent. In seinem Werk „Kitsch und Tod – Der Widerschein des Nazismus“ versucht der Historiker Saul Friedländer nachzuzeichnen, inwiefern sich gegen Ende der sechziger Jahre „das Bild des Nazismus in der ganzen westlichen Welt“ sowie quer durch die politischen Lager zu verändern begann.[21] Bezeichnend für einen neuen Diskurs über den Nazismus wäre laut Friedländer, dass sich dieser auf der imaginären Ebene, im Bereich der Bilder und der Gefühle entfalten würde. Ob hierbei von einem neuen Diskurs gesprochen werden kann, mag dahingestellt sein, jedenfalls begann man sich ab den 1970er Jahren besonders mit Fragen der faschistischen Ästhetik und der durch sie ausgelösten Affekte zu beschäftigen.[22]

Auch wenn das Perverse oder das Obszöne die Suche nach den Hintergründen der nationalsozialistischen Verbrechen immer schon begleitet hatte,[23] wurde der Faschismus nun verstärkt als das älteste Spiel der Welt gezeichnet: jenes der sexuellen Verführung und Unterwerfung. Tatsächlich war „der Führer“ im NS auch amourös besetzt, wie etwa die zahlreichen Liebesbriefe veranschaulichen, die Hitler von Frauen erhielt. Das Narrativ der Verführung erwies sich aus mehreren Gründen jedoch auch als problematisch. Einerseits weil es eine universalistische Deutung für den NS anbot, die ihre Stabilisierung jedoch vielmehr über die heteronormative Geschlechterordnung erhielt. Andererseits war es kein Zufall, dass sich auch die Formen der Schuldabwehr in diesem Sinne zu verschieben begannen. In Zeiten wo der Satz „Man habe doch nichts gewusst!“ immer weiter entkräftet wurde, gewann die Rede von der Verführung an Bedeutung.

Sexualisierende Darstellungen von Täter*innen fanden sich in dieser Periode zwar gehäuft im Film[24], aber auch in anderen Bereichen wurde der Verlust von Normalität, Kontrolle sowie jeglicher Menschlichkeit nunmehr eng mit Dekadenz, Ekstasen sowie dem Sadomasochismus verknüpft. Diese hypersexualisierten NS-Darstellungen müssen auch angesichts einer grundlegenderen Lust an der Enttabuisierung des Faschismus bzw. dem Wunsch seines Exorzismus betrachtet werden. Der Gestus, das bis dato Nicht-Gezeigte oder Versteckte hervorzuholen und sichtbar zu machen, blieb jedoch widersprüchlich, da sowohl das Wegschauen als auch das voyeuristische Hinschauen auf das Grauen keine Befriedigung verschaffte. Er verweist auf nichts als auf den Zusammenbruch der Menschlichkeit selbst. Denn das bloße Hinschauen – auf was eigentlich?  – liefert noch keine Erklärung. Diese entzieht sich uns zugleich und scheint uns dadurch wiederum aufzufordern, noch näher hinzusehen. Mit demselben Ergebnis. Die Schriftstellerin, Literaturwissenschafterin und Shoah-Überlebende Ruth Klüger analysierte den pornographischen Blick in engem Zusammenhang mit Fetischbildungen. Diese sollen Sinn in Aussicht stellen, wo keiner war – und somit auch Trost. In ihrer Ästhetisierung reduzieren sie jedoch das Menschliche sowie die historischen Ereignisse auf sentimentalen Kitsch – wie etwa die häufig in KZ-Gedenkstätten ausgestellten Kinderschuhe.[25] Der pornographische Blick, der sich in sich selbst verläuft, bringt somit auch die Gefahr mit sich, den NS zum entpolitisierten Stereotyp seiner selbst verkommen zu lassen.

Mit der Enttabuisierung des Faschismus war dieser auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen, jedoch nicht selten in der Form eines totgeglaubten Schreckgespenstes. Es ist bezeichnend, dass sich in Folge eine neue Form der Schuldabwehr etablieren konnte, für die eine semantische Überdetermination des Faschismus-Begriffs bezeichnend ist. Faschismus, das waren nunmehr irgendwie alle, irgendwie niemand, jedenfalls „das Böse“ ergo: „die Anderen“. So kann schließlich etwa gleichermaßen vom „Ökofaschist“ wie vom „Hühner-KZ“ gesprochen werden. Eine Entwicklung, die laut Georg Seeßlen schon in den Jugendkulturen der 1980er Jahre angelegt war: „Die Lust an der Widersprüchlichkeit zwischen Zeichen und Verhalten war ein letzter Teil von Widerständigkeit, aber mit der Entwertung der Zeichen verlor sich auch ihre Fähigkeit zur Subversion.“[26] Im Sinne dieser Entleerung konnte der Faschismus auch zum selbstverständlichen Repertoire der populärkulturellen (Körper-)Inszenierungen übergehen. Sei es, dass sich David Bowie und Mick Jagger unbedingt von Leni Riefenstahl fotografieren lassen wollten oder, dass Lady Gaga ihre Solidarität für die Gay-Community ausdrückt, indem sie in ihrem Video zu „Alejandro“ durch eine Schar stählerner Männerkörper in frivolem Nazi-Chic tanzt. Während die Überlieferung des NS lange Zeit durch jene Bilder charakterisiert war, die vom Regime selbst zu Propagandawecken produziert wurden, wird das Bild des NS in Zukunft vor allem durch die massenindustriellen Bilder der Pop-Kultur geprägt sein. In diesem Sinne ist es auch kein Zufall, dass sich neofaschistische Jugendgruppen wie die „Identitären“ in ihrer Bildproduktion und Symbolik nur mehr beschränkt direkt auf den historischen Faschismus beziehen, sondern sich ihre Codes aus der Populärkultur zusammenbasteln. „Aber“, wie Seeßlen betont, „natürlich ist es ganz und gar nicht so einfach.“ Populäre Kultur vermag „ebenso Faschisierungsprozesse begleiten, wie sie polymorphe Fantasien dagegen mobilisieren kann.“[27]

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Fußnoten:

[1] Die Wiedergabe von NS-Begriffen wird, soweit nicht anders ausgewiesen, kursiv gesetzt.

[2] Die NS-Ideologie war in ihrem Kern jedoch vielmehr dystopisch denn utopisch ausgerichtet.

[3] Möring, Maren: Marmorleiber: Körperbildung in der deutschen Nacktkultur (1890-1930). Köln, 2004.

[4] Für die NS-Propagandist*innen hatte das gesprochene Wort und (noch viel mehr) die Schrift, welche als blutleer und intellektualistisch galten, stets auch einen verschmähenswerten, wenn nicht sogar gefährlichen Charakter.

[5] Bestrebungen die Geschlechterordnung und die Rassen-Politik mittels einer entsprechenden sozialästhetischen Erziehung in Einklang zu bringen gab es nicht erst seit dem NS. Schon im Jahrhundert davor wurde problematisiert, dass der Sexualtrieb des Mannes stets nur das Echt-Weibliche suchen würde, nämlich die bestimmten Geschlechtsmerkmale, und sein Geschmack erst in zweiter Linie vom Rassen-Typus gefesselt sei.

[6] Goebbels, Joseph (1934): Der Faschismus und seine praktischen Ergebnisse. Schriften der Deutschen Hochschule für Politik. Hg. Von Paul Meier-Benneckenstein. Berlin. 7.

[7] Zu sehen in der Dauerausstellung der Deutschen Kinemathek (Berlin).

[8] Diehl, Paula (2006): Körper im Nationalsozialismus: Bilder und Praxen. München.

[9] Vorstellungen von Gesellschaft als einem Körper finden sich zwar schon bei bürgerlichen Aufklärern wie Jean-Jacques Rousseau, mit dem Unterschied jedoch, dass bei diesen erste (bewusstseinslose bzw. biologische) und zweite (gesellschaftliche) Natur noch nicht wie im NS in eins gefallen waren.

[10]  „Opfer der Vergangenheit“, Regie: Gernot Bock-Stieber, 1937

[11] Diehl, Paula: Macht – Mythos – Utopie: Die Körperbilder der SS-Männer. Berlin, 2005, 242.

[12] Zitiert nach: Kraas, Andreas: Lehrerlager 1932-1945: politische Funktion und pädagogische Gestaltung. Bad Heilbrunn, 2004, 135.

[13] Kracauer, Siegfried: Das Ornament der Masse. Frankfurt a. M., Jahreszahl, 38. Kracauers Betonung der Inszenierung und des Scheins ging jedoch so weit, dass er fälschlicherweise annahm, der Parteitag sei überhaupt primär abgehalten worden, damit Leni Riefenstahl ihren Propaganda-Film drehen konnte.

[14] „Meine Herren, in hundert Jahren wird man einen schönen Farbfilm über die schrecklichen Tage zeigen, die wir durchleben. Möchten Sie nicht in diesem Film eine Rolle spielen? Halten Sie jetzt durch, damit die Zuschauer in hundert Jahren nicht johlen und pfeifen, wenn Sie auf der Leinwand erscheinen.“ Zitiert nach: Leiser, Erwin: „Deutschland, erwache!“ Propaganda im Film des Dritten Reichs. Reinbek bei Hamburg, 1978, 106.

[15] Eine Fehlanalyse auf die schon Theodor W. Adorno die Studierenden aufmerksam zu machen suchte: „Die Lebensborn-Gestüte der SS, die Ermunterung der Mädchen zu temporären Beziehungen mit jenen, die sich selber zur Elite erklärt und als solche eingerichtet hatten, sind, wie viele Pionieruntaten des Dritten Reiches, bloß die extreme Vorwegnahme gesamtgesellschaftlicher Tendenzen. So wenig jedoch der SS-Staat das Reich der erotischen Freiheit war, so wenig ist es die Badestrand- und Campinglibertinage von heute, die übrigens in jedem Augenblick zurückgepfiffen werden kann auf den Stand dessen, was in der Sprache der Tabus gesunde Ansichten heißt.“ (Adorno, Theodor W.: Sexualtabus und Recht heute, in: Ders.: GS 10.2. Frankfurt/Main 1997, 537f).

[16] Vgl. Schmidt, Ina: Die Matriarchats-Patriarchats-Geschlechterdiskussion unter NationalsozialistInnen in der Weimarer Republik und NS-Zeit. In: Korotin, Ilse / Serloth, Barbara, (Hg.), Gebrochene Kontinuitäten? Zur Rolle und Bedeutung des Geschlechterverhältnisses in der Entwicklung des Nationalsozialismus. Innsbruck et al. 2000, 91-130.

[17] BDM-Werk „Glaube und Schönheit“ Rednerdienst 1938 zit. nach Miller-Kipp, Gisela: „Auch Du gehörst dem Führer“: die Geschichte des Bundes Deutscher Mädel (BDM) in Quellen und Dokumenten. Weinheim, 2001, 79.

[18] Vgl. Winter, Sebastian: Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe in der SS-Zeitung Das Schwarze Korps. Gießen, 2013.

[19] Herzog, Dagmar: Die Politisierung der Lust. Sexualität in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, München 2005, 130.

[20] David Bowie

[21] Friedländer, Saul:  Kitsch und Tod – Der Widerschein des Nazismus. München, 1986, 8.

[22] Prägend für die Auseinandersetzung wirkte u.a. Susan Sontags zweiteiliger Aufsatz „Fascinating Fascism“ aus dem Jahr 1975. Im selben Jahr sorgte auch Paolo Pasolinis letzter Film „Die 120 Tage von Sodom“, der den Faschismus als Orgie inszenierte, für Kontroversen.

[23] Entsprechende Bilder wurden schon zu Kriegszeiten von den Alliierten bedient.

[24] Vgl. Stiglegger, Marcus: Sadiconazista. Faschismus und Sexualität im Film. St. Augustin, 2000.

[25] Klüger, Ruth: Von hoher und niedriger Literatur. Wallstein, 1996.

[26] Seeßlen, Georg: Das zweite Leben des „Dritten Reichs“. (Post)nazismus und populäre Kultur. Teil 1. Berlin, 2013, 201.

[27] Ebend. 138.

von Carina Klammer

erschienen im Magazin „der rechte rand“ Juli August 2016, Nr. 161.
Teil 1 von zwei Artikeln rund um die österreichische Bundespräsidentschaftswahl 2016.
Folge-Artikel „Vor der Wahl ist nach der Wahl“ in der aktuellen Ausgabe „der rechte rand“ Jänner Februar 2017, Nr. 164), http://www.der-rechte-rand.de/.

 

»Nazi« vs. »Gutmensch«. Schon lange nicht mehr konnte eine Bundespräsidentschaftswahl so viel Aufmerksamkeit und reißerische Schlagzeilen für sich verbuchen wie das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Norbert Hofer von der »Freiheitlichen Partei Österreichs« und dem linksliberalen Urgestein der »Grünen« Alexander Van der Bellen.

Das Durchatmen hielt nur kurz an: Die Option, dass Österreich mit Norbert Hofer doch noch einen extrem rechten Burschenschafter als Bundespräsident bekommt, steht wieder im Raum. Die »Freiheitliche Partei Österreichs«  (FPÖ)  nutzte  den  »typisch  österreichischen  Schlendrian«, um die Wahl anzufechten – und kam damit durch. Die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs, die Präsidentschaftswahl am 2. Oktober zu wiederholen, bleibt indes nicht unumstritten. Aber auch wenn Van der Bellen den knappen Vorsprung halten kann – bei der annullierten Stichwahl vom 22. Mai bekam er 50,3 Prozent der Stimmen, Hofer 49,7 Prozent – Grund zur Freude gibt es nur bedingt. Einerseits, weil die FPÖ weiterhin im Höhenflug ist und auch der extremen Rechten in anderen Ländern Auftrieb verschafft.  Andererseits  wurde  einmal  mehr  der  verkürzte  Umgang  mit rechten Entwicklungen deutlich: Ist der akute Brandherd erst einmal gelöscht, interessiert sich kaum jemand mehr für die Brandursachen.

Geschichte des Amtes

Traditionsgemäß stellt der/die BundespräsidentIn in Österreich eine Repräsentationsfigur  dar,  die  kaum  aktiv  in  die  Politik  eingreift.  Zugleich gewährt  die  österreichische  Verfassung  dem  Amt  mehr  Befugnisse  als in  den  meisten  anderen  europäischen  Ländern.  Vor  allem  nach  der Gründung  der  zweiten  Republik  1945  richtete  sich  die  österreichische Parteipolitik  stark  konsensorientiert  aus.  Die  tiefen  Risse  zwischen  den verschiedenen  politischen  Lagern,  die  die  Jahre  des  Austrofaschismus und Nationalsozialismus hinterlassen hatten, wurden hierbei maßgeblich mittels der Stärkung der österreichischen Nationalidentität gekittet. Diese Entwicklung prägte auch ein Bild des Bundespräsidenten als parteiübergreifender  »Landesvater«  und  moralische  Instanz,  die  sich  der  Alltagspolitik übergeordnet versteht. Zurückhaltend, aber patriotisch, und wenn es sein muss auch mahnend, solle er/sie sein. Hofer hatte angekündigt, im Falle eines Sieges eine wesentlich offensivere Rolle in der Innenpolitik  spielen  zu  wollen  als  seine  Vorgänger  und  warb  mit  einem  autoritären Amtsverständnis: Man werde sich noch »wundern, was alles gehen wird!«. So betonte er etwa das Recht als Bundespräsident, die Regierung entlassen zu können, wenn er zur Ansicht käme, diese füge »dem Volk« Schaden zu. Hofer hätte als verlängerter Arm der FPÖ theoretisch Neuwahlen  herbeiführen  können,  wobei  seine  Partei  gute  Chancen  gehabt hätte,  in  die  Regierung  zu  gelangen.  Van  der  Bellen  hatte  zuvor  in  den Raum gestellt, als Bundespräsident einen FPÖ-Kanzler nicht zu vereidigen. Dies verstärkte die Wahrnehmung der Wahl als »Richtungsentscheidung«  für  das  Land.  Anhand  der  Frage  »Hofer  oder  Van  der  Bellen?« sollen  sich  Familien  und  gar  ganze  Dörfer  verkracht  haben.  Nach  der Wahl gab Hofer einen optimistischen Verlierer ab und bat die ÖsterreicherInnen, sich nicht zu »streiten«, damit wieder »Ruhe einkehrt«.

Österreich geht nach rechts

Die Polarisierung der Gesellschaft, die nach der Wahl gern diagnostiziert wurde, ist jedoch weder neu noch hat sie nach der Wahl messbar zugenommen.  Wie  in  anderen  europäischen  Ländern  verlieren  auch  in  Österreich  die  sogenannten  Großparteien  an  Bedeutung  jedoch  mit  dem Unterschied,  dass  Parteien  links  der Mitte  d davon  kaum  profitieren  können.

Van  der  Bellen  trat  nicht  zufällig  als unabhängiger Kandidat an. So verstellt vor  allem  die  Rede  von  der  »Spaltung des Landes« vielmehr den Blick darauf, dass sich in Österreich politische Inhalte  seit  geraumer  Zeit  eher  angleichen als   auseinanderzudriften   –   nämlich nach rechts (s. drr Nr. 157). Tatsächlich   polarisierend   wirkte   jedoch, dass die FPÖ mit ihrem politischen NS-Erbe wieder äußerst unverhohlen kokettierte. 50 Prozent der Van-der-Bellen-WählerInnen nannten die Verhinderung von Hofer als ihr primäres Wahlmotiv. Mehrfach wurde offengelegt,  dass  Hofer  Ehrenmitglied  der  schlagenden  Burschenschaft »Marko-Germania zu Pinkafeld« ist, die sich im Rahmen ihrer deutschnationalen  Ideologie  vielmehr  zum  »deutschen  Kulturraum«,  denn  zur österreichischen Nation bekennt. Zu ihrer ‹Angelobung› (Vereidigung) als Abgeordnete im Jahr 2013 hefteten sich Hofer und seine Parteikollegen blaue Kornblumen ans Knopfloch. Die Kornblume war das Erkennungszeichen  der  illegalen  NSDAP,  die  im  Juni  1933  von  Kanzler  Engelbert Dollfuß verboten wurde. Das engste Umfeld von Hofer ist einschlägig bekannt. Rene Schimanek etwa, der heute Hofers Büro leitet, demonstrierte schon 1987 mit dem Neonazi-Kader Gottfried Küssel. Während  Hofers  politischer  Hintergrund  kurzfristig  international  für Schlagzeilen sorgte, versandete ein Großteil der medialen Auseinandersetzung in Österreich im typischen Jargon inhaltsleerer Kommunikations- und   ExpertInnen-Analysen   sowie   resignierendem   bis   ignorierendem Schulterzucken  angesichts  der  Normalisierung  rechten  Denkens  und Agierens. Hofer selbst inszenierte sich als Mann der Mitte. Stets mit einem Lächeln auf den Lippen, ruhig, gelassen und – laut Eigenangabe – mit Vernunft. Teile der »Österreichischen Volkspartei« (ÖVP) sowie auch der  »Sozialdemokratischen  Partei  Österreichs«  (SPÖ)  gerieten  mitunter ins Schwärmen.Im ersten Wahlgang lag Hofer mit 35 Prozent der Stimmen noch deutlich vorn, gefolgt von Van der Bellen mit 21 Prozent. Die unabhängige Kandidatin Irmgard Griss, ehemalige Höchstrichterin, galt zunächst als liberale Konkurrenz  zu  Van  der  Bellen.  Kurz  vor  der  Wahl  meldete  sie  sich  mit verharmlosenden Aussagen zum Nationalsozialismus zu Wort und erhielt 20 Prozent der Stimmen. Die Einschätzungen, wohin ihre Stimmen in der Stichwahl  wandern  würden,  fielen  deshalb  durchwachsen  aus.  Danach folgten  deutlich  abgeschlagen  die  beiden  Kandidaten  der  »Großparteien«, Rudolf Hundstorfer (SPÖ) mit elf Prozent und Andreas Kohl (ÖVP) mit ebenfalls elf Prozent. Der Baumagnat Richard Lugner kam mit seiner PR-Kandidatur nur auf zwei Prozent. Die Stichwahl gewann Van der Bellen  mit  50,3  Prozent  beziehungsweise  mit  31.026  Stimmen  Vorsprung.

Letztendlich waren es die Stimmen der »Auslands-Österreicher«, also der BriefwählerInnen, die Hofer den Sieg gekostet hatten. Für die FPÖ gab es dafür zunächst nur eine Erklärung: Wahlbetrug. Zwar waren wahrschein lich  schon  beim  ersten  Wahlgang,  als  Hofer  deutlich  den  ersten  Platz einnahm, Wahlkarten zu früh geöffnet und ausgezählt worden, aber: Gestern  war  gestern  und  heute  ist  eben  heute.  Einmal  mehr  offenbart  sich das instrumentelle Verhältnis der FPÖ zur Demokratie, die immer dann ernst genommen wird, wenn sie dem eigenen Machtzuwachs dienlich ist. Nachdem keine Manipulation der Wahl festgestellt werden konnte, bleibt die Annullierung der Wahl aufgrund der Handhabung der Briefwahlstimmen und der zu frühen Bekanntgabe der ersten Ergebnisse am Wahltag jedoch nicht gänzlich unumstritten.

Jenseits der Wahlen

Ob  nun  Hofer  letztendlich  gewinnen  wird  oder  nicht,  in  Österreich  wird die Stimmung gegen Minderheiten, die Zivilgesellschaft sowie AntifaschistInnen  spürbar  feindseliger.  So  wurde  etwa  die  Besitzerin  eines  Lokals in  Wien,  in  dem  Hofer-WählerInnen  die  Bedienung  verweigert  worden ist,  von  der  FPÖ  wegen  Verhetzung  (dt.  Volksverhetzung)  angezeigt.  Es folgte ein Shitstorm an Drohungen und Einschüchterungen durch rechte WutbürgerInnen. Auch wird offenkundig, dass die FPÖ ihren gesteigerten technokratischen Einfluss systematisch gegen ihr unliebsame Personen, Gruppen, Vereine oder NGOs geltend macht. Dies betrifft beispielsweise die feministische Migrantinnenorganisation MAIZ in Linz, die unter anderem  Deutschkurse  als  Mittel  zur  Selbstermächtigung  anbietet.  Seit  dem Machtzuwachs der FPÖ in Oberösterreich ist ihr Weiterbestehen fraglich geworden. Auch wird herbeigesehnt, Einrichtungen wie dem »Verein autonomer  Frauenhäuser«  die  Subventionen  streichen  zu  können.  Andere aber  profitieren:  Die  »Identitären«  treten  deutlich  selbstbewusster  auf. Öffentlichkeitswirksame  Aktionen  wie  die  Störung  von  Veranstaltungen werden aggressiv durchgesetzt; an der Universität Klagenfurt wurde dabei dem Rektor in den Magen geschlagen. Am 11. Juni gab es mit bis zu 600 TeilnehmerInnen den bis dato größten Aufmarsch der »Identitären«. Die nächste Nationalratswahl wird spätestens 2018 stattfinden. Ein Wahlerfolg der FPÖ ist jetzt schon gewiss. Weniger wahrscheinlich ist hingegen, dass sich die sogenannten Großparteien eine Strategie gegen Rechts überlegen werden, anstatt auf eine Anbiederung an den rechten Duktus zu setzen.Grüße von Hofer – Die FPÖ als neues Vorbild der AfD»Norbert Hofer!« Als dieser Name beim letzten Parteitag der »Alternative für  Deutschland«  (AfD)  erklang,  beflügelte  das  »Grüß  Gott«  aus  Öster reich die vom Abstimmungsmarathon zunehmend lädierte Stimmung. Es hat nicht lange gedauert, bis die AfD die FPÖ – und vor allem ihre Wahlerfolge – als neues Vorbild entdeckte. Schon zur Wien-Wahl im Oktober

2015 hatte nicht nur die NPD eine Delegation nach Wien gesandt, auch die  AfD  wollte  sich nunmehr  das  Zelebrieren  von  Siegesgefühlen  nicht nehmen lassen. Offiziell wurde die »Blaue Allianz« nach der Konferenz »Visionen  für  Europa«  im  Februar  2016  verkündet.  Der  Schwerpunkt der Zusammenarbeit soll zunächst die bayerisch-österreichische Grenzregion  sein.  Zugleich  erfolgte  auch  auf  Ebene  der  Europapolitik  eine Annäherung.  Nach  dem  AfD-Parteitag  wechselte  der  EU-Abgeordnete Marcus Pretzell – der von seiner bisherigen Fraktion »Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer« (EKR) aufgrund seiner Rechts außen-Positionen bereits ausgeschlossen worden war – zur Fraktion ENF (»Europa  der  Nationen  und  der  Freiheit«),  der  auch  die  FPÖ  und  der »Front  National«  angehören.  Noch  vor  einem  Jahr  war  eine  derartige Zusammenarbeit für die Parteisprecherin Frauke Petry ausgeschlossen. Auch der zweite Parteisprecher Jörg Meuthen gilt als »Front National«-Skeptiker. Beatrix von Storch, die einem Ausschluss aus der EKR durch ihren Austritt zuvorgekommen war, hatte sich anscheinend im Alleingang der Fraktion rund um den britischen Europa-Gegner Nigel Farage (UKIP) angeschlossen, der »Fraktion Europa der Freiheit und der direkten Demokratie«.  Insgesamt  wirkt  die  AfD  in  Bezug  auf  die  unterschiedliche Fraktionszugehörigkeit  ihrer  Abgeordneten  eher  gelassen.  Nicht  zuletzt deshalb, weil sie eine Vereinigung beider Fraktionen anstrebt, wofür sie sich als »politische Klammer« auserkoren hat.

In diesem Sinn hat die AfD den Euphemismus »das Verbindende, nicht das Trennende« voranzustellen, zu ihrem neuen Tenor gemacht. So verbindet  die  verschiedenen  rechten  Strömungen  vordergründig  der  Hass gegen die EU und MuslimInnen, die Angst vor dem »Werteverfall« und hintergründiger die Feindschaft gegen die Amerikanisierung, Multi-Kulti, den »Gender-Wahn« oder eben »die Juden«. Sie alle reaktualisieren das europäische  Syndrom:  die  »Bürde  des  weißen  Mannes«  sowie  dessen paranoide Angstlust am Untergang. Die nationalen Erfolge der Rechten, die  sich  trotz  interner  Differenzen  zunehmend  zu  einem  europäischen Phänomen entwickeln, wären ohne die gegenwärtige Normalisierung von Antisemitismus und Rassismus nicht denkbar. Auch darf angesichts der EU-Schönfärberei der sogenannten Volksparteien nicht übersehen werden, dass die »zunehmende Verlagerung von Regierungsmacht auf die trans-  und  supranationale  Ebene«  die  extreme  Rechte  vielmehr  stärkt als  schwächt,  da  »der  Rückstand  der  demokratischen  gegenüber  den konstitutionellen Strukturen noch sehr viel stärker ausgeprägt ist als im nationalen Kontext« (Lars Rennsmann). Darüber hinaus begünstigen Demokratieentleerungen sowie eine neoliberale Politik der Sachzwänge die rechte Selbststilisierung als alternative »Anti-Politik von unten« (Andreas Peham). In diesem Sinne bleibt zu hoffen, dass sich im Umgang mit der AfD nicht jene Fehler wiederholen, die schon für den Umgang mit der FPÖ charakteristisch  waren.  Dazu  gehört  unter  anderem,  nicht  davon  auszugehen, dass sich die AfD von selbst ‹entzaubern› wird.

 

 

 

Welche Bildung braucht es, um die Verbreitung rechtsextremer Ideologien zu verhindern?

Von Paul Pumsenberger erschienen auf syntaxblog.at

Dass Antifaschist_innen nicht ausschließlich durch ‚normale‘ Bildungskarrieren ‚produziert‘ werden, scheint mittlerweile sehr offensichtlich. Doch wie können Jugendliche im Umgang mit diskriminierenden Ideologien geschult werden? Wiener Wissenschafter_innen haben sich damit in einem heuer erschienen Buch beschäftigt. Eine Rezension.

In Zeiten, in denen die FPÖ konstant die beste Partei in den Umfragen und vor allem bei jungen Menschen ist, die Identitäre Bewegung zu Fernsehshows eingeladen wird und sich ÖVP-Minister Sebastian Kurz immer mehr an sehr rechte Forderungen anpasst, wird oft die Frage nach der Bildung gestellt – oder viel mehr: wird das Thema Bildung wieder mal auf den politischen Teppich gebracht. Es brauche mehr Bildung, nur so könne Extremismus (hier werden alle Extremismen natürlich gleichgesetzt) verhindert werden.

Wie hältst du’s mit der Bildung?

Dass der Bildungsbegriff hier nicht mal klar definiert wird und vor allem von vielen falsch verstanden wird, soll an dieser Stelle nur Nebensache sein, also nur kurz dazu: die Beispiele John Gudenus, Andreas Mölzer oder Burschenschafter im Allgemeinen haben zwar lange formale Bildungskarrieren durchlaufen und sicher auch so manches gelernt, extrem rechts sind (oder waren) sie trotzdem.

Wir sehen also, dass der Ruf nach Bildung nicht der nach formaler Bildung sein kann. Vielmehr kann uns der Philosoph Theodor Adorno einen kleinen Wegweiser mitgeben, indem er in seinem Vortrag über die Erziehung nach Auschwitz sagt: „Erziehung wäre sinnvoll überhaupt nur als eine zu kritischer Selbstreflexion.“

Hier wollen wir also ansetzen und hier setzen auch mehrere Beiträge im Band Rechtsextremismus. Band 2: Prävention und politische Bildung an und thematisieren den Unterschied zwischen Vermittlung von Wissen und Prävention im Kontext „(politischer) Bildung“. Denn, so schreiben Elke Rajal und Heribert Schiedel, rechtsextreme Einstellungen sind keine Vorurteile, die durch Richtigstellung der Fakten einfach so wieder weggehen, vielmehr verhält es sich bei rechtsextremen Jugendlichen so, dass diese ihre Einstellungen als identitätsstiftend ansehen und jedwedes Infragestellen bzw. Problematisieren der Einstellungen durch andere (und besonders durch Erwachsene) ablehnen.

Das Problem beim Namen nennen

Leider basiert politische Bildung vor allem auf dem Prinzip des faktenbasierten Widerlegens von Vorurteilen und Ressentiments und den Mitteln der Abschreckung und des Schocks. Dass dies aus reiner Naivität und schlechter Ausbildung der Lehrenden geschieht, kann nur bedingt geltend gemacht werden, und ist eher ein gewünschtes Ergebnis des Systems. Oder um den Philosophen Roger Behrens zu zitieren: „Überdies wird dieses ‚Wissen‘ über eine curriculare Verregelung der Lehrpläne operationalisierbar, das heißt abfragbar, benotungsfähig […]. Und im Sinne des operationalisierten Lernens ist freilich das ‚Wissen‘ auch wieder verlernbar und darf ruhig auch vergessen werden.“

Wir sehen also, das System – und wir nennen es hier beim Namen: Bildung im Kapitalismus – verhindert per definitionem schon eine echte und sinnvolle Reflexions- und dadurch Präventionsarbeit. Wir werden uns im Folgenden weiteren Problemen dieser Natur widmen.

Bernhard Weidinger und Stefanie Mayer beschäftigen sich in ihrem Beitrag „Pädagogik gegen Rechts: ein Kampf gegen Windmühlen?“ in bereits erwähnten Band mit den grundsätzlichen Widersprüchen zwischen antifaschistischer Bildungsarbeit und Grundsätzen kapitalistischer Erziehung.
So beschreiben die Wissenschafter_innen die dem aktuellen Bildungssystem inhärente Konkurrenz, die „vom Ranking von Universitäten und einzelnen Wissenschafter_innen über die Praxis der Leistungsbeurteilung an Schulen, die Einteilung in ‚gute‘ und ‚schlechte‘ Schüler_innen, bis hin zur – in ihren Konsequenzen besonders tiefgreifenden – Selektion am Übertritt in Hauptschule/Neue Mittelschule oder Gymnasium“ das Bildungssystem prägt wie kaum ein anderes Prinzip.
Weiters wird analysiert, dass den meisten Westeuropäer_innen suggeriert wird, sich im globalen Mittelfeld zu befinden. Es kann also jede_r durch harte Arbeit, gute Noten, etc. einen gesellschaftlichen Aufstieg schaffen. Für die meisten Menschen steht jedoch Anderes im Vordergrund: harte Arbeit, um den Abstieg zu vermeiden. Die Angst, dass es den eigenen Kindern
schlechter gehen wird, ist sehr weit verbreitet.

Projektion und Versagen

Durch diese Abstiegsangst und der Hegemonie der Konkurrenzlogik werden Schüler_innen oder Jugendliche generell anschlussfähig für Ideologien, die andere Ungleichheiten als ökonomische ebenfalls als natürlich und normal ansehen, also zum Beispiel Rassismus, Sexismus oder Antisemitismus, so schreiben Weidinger und Mayer.
Außerdem kann durch Zuschreibung von unerwünschten Vorgängen zu einem konkretisierten *Anderen* das eigene Versagen externalisiert werden. Wir sehen das konkret an den häufigen Beispielen Quotendebatte („Frauen werden bevorzugt“), „Ausländer nehmen die Jobs weg“ oder „der geheime Plan der Eliten…”. Durch diese Rationalisierungen wird laut Weidinger/Mayer vermieden, dass die Notwendigkeit des Versagens überhaupt nicht thematisiert wird – gäbe es die erwähnten Gruppen nicht, wäre das Versagen der eigenen Gruppe verhindert.

Außerdem schränkt der soeben beschriebene Vorgang die eingangs erwähnte Fähigkeit zur Selbstreflexion enorm ein. Durch das ‚nach unten schauen‘, wird nicht über die eigene Privilegierung nachgedacht, es wird eher darauf geachtet, dass der ‚Abstand‘ gleich bleibt und nach oben verkürzt wird.

Anerkennung und Einschränkung

Weidinger/Mayer und Schiedel/Raja verfolgen in dem bereits besprochenen Aufsatz vor allem den Ansatz der Selbstreflexion und der Anerkennung. Einerseits muss es Schüler_innen, also Kindern und Jugendlichen zugetraut werden, dass sie durch Reflexion an den Punkt gelangen, wo sie ihr Versagen nicht mehr auf ein verhinderndes Anderes projizieren, sondern sich eingestehen, dass im aktuellen System das Versagen vorprogrammiert ist. Andererseits muss den Schüler_innen jene Anerkennung zugute kommen, die ihnen im Alltag verwehrt bleibt.

Diese Reflexion und Anerkennung wird wiederum von den Institutionen und den in ihr handelnden Personen selbst erschwert, da Kinder und Jugendliche oft die unterdrückten und eben nicht selbstbestimmten Akteur_innen innerhalb des Bildungssystems sind. Die Lehrpersonen geben ganz undemokratisch die Marschrichtung vor und selbst diese Richtung ist bereits zu großen Teilen von den Logiken der Märkte definiert. Daher ist es nicht wichtig, dass alle alles lernen, sondern einzusortieren, wer in einer gewissen Zeit, wie viel wie gut lernen kann.

Empfehlung für die Bildungspolitik

In diesem Umfeld ist also ein emanzipatorischer und (selbst-)reflexiver Ansatz nur schwer und sehr begrenzt umzusetzen. Die Lektüre des Bandes der Forschungsgruppe Ungleichheiten wäre allen bildungspolitischen Akteur_innen zu empfehlen.

Wenn Jugendliche erkennen würden, dass unser jetziges System notwendigerweise einen Abstand zwischen ‚oben‘ und ‚unten‘ produziert und nicht das eigene Versagen oder andere ‚geheime Mächte‘ daran Schuld haben, so wären sie besser gewappnet im Umgang mit Ideologien der Ungerechtigkeit.

von Soma Mohammad Assad erschienen in Unique 5/16

Anschließend an den ersten Sammelband der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheiten (FIPU), in dem die AutorInnen attestieren, dass der Rechtsextremismus kein Randphänomen, sondern sein Potential in der sogenannten ‚Mitte‘ der Gesellschaft zu finden ist, wird im zweiten Band der Schwerpunkt auf Prävention und politische Bildung gelegt.

Der demokratische Zustand darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass aus ihr die Tendenz zur Faschisierung entspringt, denn das Kapitalverhältnis und somit die Grundlage für antisemitische, rassistische, sexistische Ideologien bzw. Ideologien der Ungleichheit ist hier nicht aufgehoben. Eine Besonderheit erlangen Österreich und Deutschland mit der nach 1945 bewerkstelligten Hinüberrettung der Volksgemeinschaft in die Demokratie. Während die von den Alliierten in Deutschland anfänglich stärker, dann nachlassende Forcierung des Re-Education-Programms, ein Stück weit die Stärkung zivilisatorischer Werte erzwang, ging Österreich bekanntermaßen den ‚Sonderweg‘ der Kollektivlatenz als vermeintlich ‚erstes Opfer‘. Dies führte nicht zuletzt dazu, dass hierzulande nach wie vor eine politische Kultur herrscht, die mit dem Bekenntnis zur Volksgemeinschaft nie gebrochen hat. Ausdruck dafür ist aktuell nicht nur die restriktiver werdende Asylpolitik der Regierungsparteien SPÖ und ÖVP, sondern auch die im BundespräsidentInnenschafts-Wahlkampf geäußerte Relativierung der TäterInnenschaft der ÖsterreicherInnen im Nationalsozialismus, durch die mittlerweile ausgeschiedenen KandidatInnen Irmgard Griss und Andreas Khol. Sowohl das Vorpreschen in der Asylrechtsverschärfung als auch der Tabubruch ist eine Politik, die als Balsam für die österreichische Volksseele gemeint ist.

Von einer Trennung zwischen der bürgerlich-demokratischen ‚Mitte‘ der Gesellschaft und dem ‚rechten Rand‘ kann daher besonders in Österreich nicht gesprochen werden. Dieser Zustand setzt kritisch politischer Bildung die Grenzen und gleichzeitig weist er auf die Dringlichkeit dieser hin.

Keine ‚Feuerwehr‘ an den Schulen

Gegenwärtig kommt politischer Bildung, so die FIPU in ihrer Einleitung des Sammelbands „Rechtsextremismus Band 2: Prävention und politische Bildung“, die Rolle einer ‚Feuerwehr‘ zu, die bei radikalen Ausformungen der Gesellschaft zur Anwendung kommen soll, ohne jedoch deren Ursachen auf die Gesellschaft selbst zurückzuführen.

Günther Sander beschreibt im Beitrag über die Entstehungsgeschichte politischer Bildung in Österreich, wie sich ihre Zielsetzung von der Stärkung zur Heimatliebe und Zusammengehörigkeit hin zur Demokratieerziehung geändert hat, wobei ihre modernen Vorboten in der Volks-/Erwachsenenbildung und insbesondere in der ArbeiterInnenbildung auszumachen sind. Erst ab den 1970er Jahren wurde an den österreichischen Schulen politische Bildung im modernen Sinne als Demokratieerziehung entwickelt. Politische Bildung als Unterrichtsfach ist gegenwärtig an „Geschichte und Sozialkunde“ gekoppelt und gilt inhaltlich als Wissens- und Wertevermittlung der jüngeren Geschichte, worunter auch Holocaust Education, in einer ausgedehnteren Definition, fällt.

Elke Rajal und Andreas Peham kritisieren in ihrem Beitrag, dass diese historisch-politische Bildungsarbeit oft als Immunisierung vor Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus gilt, obwohl mit dem falschen Konzept sogar diese Ideologien verfestigt bzw. reproduziert werden. Für die Vermittlung von Nationalsozialismus und Shoah ist offiziell eine gewisse Stundenanzahl im Unterricht vorgesehen, jedoch liegt es letztendlich im persönlichen Engagement der jeweiligen Lehrkraft, in welcher Form und welchem Ausmaß das Thema behandelt wird. Dies drückt wiederum aus, dass politische Bildungs- und Präventionsarbeit gegenüber Rechtsextremismus kaum ein Anliegen der Politik ist.

Mit dem Bewusstsein, dass Lehrkräfte ebenso ein Spiegelbild der Gesellschaft sind und somit Schule kein herrschaftsfreier Raum ist, plädieren die AutorInnen für eine permanente Selbstreflexion der Lehrenden. Dazu gehört nicht nur die zugeschriebene Funktion als lehrende Autorität zu hinterfragen, sondern grundsätzlich die gesellschaftlichen Strukturen, die Ungleichheit als vermeintlich naturgegeben erscheinen lassen. In diesem Sinne fordern die AutorInnen, kritische Politische Bildung als fächerübergreifendes Unterrichtsprinzip an den Schulen einzuführen.

Kritische Politische Bildung und Migrationsgesellschaft

Darüber hinaus kritisieren Rajal und Peham die interkulturelle Pädagogik, da sie zu einer Essentialisierung der Kultur und dadurch zur Reproduktion dieser scheinbar natürlichen Ungleichheit führt. Diese Pädagogik wirkt somit entgegen der Herausbildung eines kritischen Denkens, das die Herrschaftsverhältnisse, die diese Ideologien hervorbringen und deren herrschaftsstabilisierende Funktion darin durchschaut. Antisemitismus und Rassismus stellen „vielmehr das Ergebnis spezifischer Fehldeutungen sozialer Realität“ dar, wobei „Präventionsarbeit genau bei diesen alltäglichen Deutungen anzusetzen“ hat. 1 Die AutorInnen betonen daher einmal mehr die Notwendigkeit eines individualistischen Zugangs in der politischen Bildungsarbeit, der „Wendung auf das Subjekt“ 2 Das Ziel kritischer politischer Bildungsarbeit sollte daher die Stärkung der Empathiefähigkeit und die Ingangsetzung eines Prozesses sein, in dem der/die Einzelne die Zurichtung des Individuums in der bestehenden Gesellschaft erkennt, ohne den daraus resultierenden inneren Konflikt in der Projektion auf andere und im Verfolgen des Projizierten ‚lösen‘ zu wollen. Gleichzeitig sollte die Befähigung der Menschen dahingehend erfolgen, dass sie sich „nicht als ohnmächtige Objekte begreifen, sondern als mündige und handlungskompetente Subjekte.“ 3

Die Betonung dieses Zugangs der politischen Bildungsarbeit ist angesichts der Migrationsgesellschaft und besonders in der Debatte über Radikalisierung von Muslimen, wesentlich. In dieser widmet sich die österreichische Politik, gegenüber einem langjährigen Zögern in der Rechtsextremismus-Prävention mit einer besonderen Vehemenz dem Thema des islamischen Extremismus, um damit umso mehr die bürgerlich-demokratische ‚Mitte‘ ihres rassistischen Potentials zu entlasten. Zu diesem Schluss kommen in ihrer Kritik am Konzept der „Deradikalisierung“ Carina Klammer aus soziologischer und Fabian Reicher aus sozialarbeiterischer Sicht. Klammer argumentiert, dass die österreichische Politik die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie glaubhaft auf die Agenda setzen sollte und Reicher, dass das negative Bild des Islams auf junge Muslime, die sich wenig mit dem Islam auskennen, sozialisierend und stigmatisierend wirkt. Zwar formulieren die AutorInnen eine drängende Kritik am strukturellen Rassismus, der im Kontext der Deradikalisierungsdebatte offenkundig wird. Jedoch müsste, wenn bereits von den AutorInnen der bürgerlich-demokratische Staat gefordert wird, nicht die Intervention im Sinne eines positiven Islambilds bemüht werden, sondern eine Gleichbehandlung aller BürgerInnen, also keinen negativen oder positiven Sonderheitenstatus für MuslimInnen und besonders keine Zugeständnisse an islamische Gruppierungen. Damit würde sich aber eben dieser Staat selbst hintertreiben.

Vielmehr sollte generell die Notwendigkeit einer kritischen politischen Bildung betont werden, womit die Stärkung des Ich gemeint ist, das keiner Identifikation mit einem nationalen oder religiösen Kollektiv bedarf und in diesem Bewusstsein als Subjekt für einen gesellschaftlichen Zustand jenseits der Verwertungsimperative von Staat und Kapital eintritt.

Anmerkungen:

1 FIPU (2016): Rechtsextremismus Band 2: Prävention und politische Bildung. mandelbaum kritik & utopie. S. 94

2 ebd. 68

3 ebd. 97

von Tina Füchslbauer erschienen in Versorgerin #111

Die Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) widmet sich in ihrem zweiten Sammelband dem Thema der Prävention und politischen Bildung. Eine fundierte Auseinandersetzung mit der Frage, wie rechtsextremen Tendenzen in der Pädagogik und in der sozialen Arbeit begegnet werden, beziehungsweise wie solchen Entwicklungen vorgebeugt werden kann, ist wichtig und notwendig, denn politische Bildung steckt im postnazistischen Österreich noch in den Kinderschuhen. »Zwischen Symbolpolitik und hektischem Aktivismus« verorten die Forscher_innen von FIPU bisherige Versuche seitens der Politik, Extremisierungstendenzen zu begegnen. Politische Bildung pendelt hierzulande somit zwischen völliger Bedeutungslosigkeit und absoluter Überhöhung hin- und her.

Nach einem historischen Überblick über die Geschichte der politischen Bildung von Günther Sandner folgt von Nico Bechter eine Einschätzung dessen, wie neoliberale Ideologien Einfluss auf die österreichische Bildungspolitik haben. Stefanie Mayer und Bernhard Weidinger stellen in ihrem Beitrag die Frage, ob Pädagogik gegen Rechts einem Kampf gegen Windmühlen gleichkommt und untersuchen Erkenntnisse der kritischen Antisemitismus-, Rassismus-, und Rechtsextremismusforschung auf ihre Relevanz für die politische Bildungsarbeit. Ihre eingangs formulierte Feststellung, dass die Gründe für den Hass auf die imaginierten »Anderen« im hassenden Subjekt und nicht in jenen, die angefeindet werden, zu suchen sind, mag banal klingen, bildet aber die Basis für pädagogische Interventionen.

Karin Kuchler diskutiert die Bedeutung der Kategorie Geschlecht in der politischen Arbeit und zeigt Potentiale geschlechterreflektierter Pädagogik auf. Die Feststellung, dass die Normsetzung heterosexueller Lebensweisen und der gesellschaftliche Zwang, sich in einem Zweigeschlechtersystem zu verorten, rechtsextremen Ansichten förderlich ist, führt zur logischen Schlussfolgerung, dass politische Bildung auch Kritik an Geschlechterverhältnissen implizieren muss. Ihr Aufsatz endet mit dem Aufruf, Sojourner Truth endlich jene feministische und rassismuskritische Vorreiterinnenrolle zuzusprechen, die sie verdient.
Elke Rajal und Heribert Schiedel widmen sich der Rechtsextremismusprävention in der Schule. Eine folgenreiche Fehlannahme ist, dass bei vielen pädagogischen Ansätzen davon ausgegangen wird, dass eine feindliche Einstellung den vermeintlich »Anderen« gegenüber in einem fehlenden Wissen über sie wurzelt. Deshalb macht es, so Rajal und Schiedel, wenig Sinn, Schüler_innen etwas über das Judentum zu erzählen, um im Sinne Adornos dazu beizutragen, dass Ausschwitz sich nicht wiederholen möge. In diesem Aufsatz zeigt sich ein grundlegendes Problem der politischen Bildung: Sie kann auf qualitative Art und Weise nur von jenen geleistet werden, die selbst einen gewissen Grad an Auseinandersetzung mit dem Thema aufweisen. Da Diskriminierungen jedweder Art an den Ausbildungsstätten für Pädagog_innen unzureichend behandelt werden, kann bislang nicht davon ausgegangen werden, dass Rassismus- und Antisemitismuskritik selbstverständlich in den Lehrplan Einzug finden.

Wer sich einfache Rezepte gegen Rechtsextremismus erwartet, wird enttäuscht. Zurecht, denn dazu ist das Thema zu komplex. Judith Goetz räumt mit der Annahme auf, der Besuch von Gedenkstätten, wie er in vielen Schulen vorgesehen ist, würde automatisch zu einer nachhaltigen Sensibilisierung führen. »Entgegen weit verbreiteter Erwartungshaltungen und Wunschvorstellungen funktionieren KZ-Gedenkstättenbesuche eben nicht als ,Allheilmittel‘, ,Schutzimpfung‘ oder ,Immunisierung‘ gegen rechtsextremes oder neonazistisches Gedankengut«, so die Wissenschaftlerin. Der Umkehrschluss, dass diese sinnlos wären, sei allerdings ebenso falsch. Auch hier steht die Qualität in engem Zusammenhang mit der Qualifizierung der Begleiter_innen und den Zeitressourcen, die für diese Besuche geschaffen werden.

Da insbesondere die Primärprävention zu wenig Aufmerksamkeit genießt, stellt der Beitrag von Jana Sommeregger zu Kinder- und Jugendliteratur zum Thema eine Besonderheit dar. Dass einige der von ihr erwähnten Bücher nicht nur auf junge Menschen, sondern auch auf Erwachsene Einfluss haben, zeigt die Bedeutung von Autorinnen wie Christine Nöstlinger, Käthe Recheis und Mira Lobe.
In dem Beitrag mit dem provokanten Titel »Die hilflose Profession« beschäftigt sich Eva Grigori mit dem Umgang mit rechtsextremen Erwachsenen in Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit. Sie weist darauf hin, dass Beziehungsarbeit politische Kritik nicht ausklammern darf. Allerdings hängt es, so die Autorin, bislang vom Engagement Einzelner ab, rechtsextremen Tendenzen etwas entgegenzusetzen.

Carina Klammer, von der im ersten Band der FIPU-Reihe ein Artikel über antimuslimischen Rassismus zu finden ist, erforscht in diesem Beitrag den Begriff der »Deradikalisierung«, dessen Blüte eben ein Ausdruck dieses Rassismus ist. Fabian Reicher knüpft daran thematisch mit seinen Ausführungen zur sozialarbeiterischen Praxis in der Jugendarbeit an.

Im letzten Beitrag gehen Judith Goetz und Matthias Falter auf aktuelle Entwicklungen rund um Pegida in Österreich ein, wobei der Fokus nicht auf rassistischen Täter_innen, sondern auf »der« Linken liegt, die – so die Autor_innen – teils problematische Erklärungsmuster für die Entstehung der Bewegung hat.

Abschließend sei mit Carina Klammer festgestellt, dass pädagogische und sozialarbeiterische Präventionsarbeit zwar wichtig ist, dass es für umgreifende Veränderungen aber vor allem eines braucht: »eine solidarische, antirassistische, antifaschistische und emanzipatorische Zivilgesellschaft.« Das Buch ist deshalb nicht nur für Pädagog_innen und Sozialarbeiter_innen geeignet, sondern bietet für uns alle wichtige Implikationen zur eigenen Politisierung.

FIPU (Hg.in):
»Rechtsextremismus. Band 2: Prävention und politische Bildung.«
Mandelbaumverlag, Wien 2016

von Julia Edthofer erschienen in malmoe 76

Rezension des FIPU-Bandes zu Prävention & Bildung gegen Rechtsextremismus

Die Forschungsgruppe „Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ legt mit ihrem zweiten Rechtsextremismus-Band eine beeindruckend praxisbezogene Auseinandersetzung mit Rechtsextremismusprävention und politischer Bildung in der postnazistischen Migrationsgesellschaft vor.

„Theorie und Praxis zusammendenken“ –so lässt sich die große Stärke des zweiten FIPU-Bandes zusammenfassen. Die Autor_innen beschäftigen sich darin aus transdisziplinärer Perspektive mit politischer Bildung und Extremismusprävention und beziehen bildungspolitische Rahmenbedingungen, aktuelle Debatten und Vermittlungsarbeit aufeinander. Das Buch ist zwar in theoretisch-konzeptionelle und praxisbezogene Beiträge gegliedert, doch die Grenzen verschwimmen—und das ist beabsichtigt und gut so, denn immerhin geht es um politische Interventionen.

DIE EINLEITENDEN BEITRÄGE von Günther Sandner und Nico Bechter illustrieren die schlechten institutionellen Rahmenbedingungen für politische Bildung in Österreich und berücksichtigen sowohl historische Faktoren, wie fehlende Entnazifizierung und Re-Education nach 1945, als auch aktuelle Hemmnisse, wie den neoliberalen Umbau von Bildungseinrichtungen. Karin Kuchler diskutiert geschlechtsspezifische Leerstellen: sie problematisiert den anhaltenden Fokus auf hegemoniale Männlichkeit in der Rechtsextremismusprävention und schlägt vor, feministische Ansätze und kritische Männlichkeitsforschung stärker in die pädagogische Arbeit zu integrieren. Eine Perspektivenverschiebung nehmen Stefanie Mayer und Bernhard Weidinger vor, die Herausforderungen antifaschistischer Bildungsarbeit in der Migrationsgesellschaft reflektieren und sich dabei an dominanzgesellschaftliche Personen richten. Eine Quintessenz der Überlegungen ist, dass eine solche Bildungsarbeit nicht im „Sich-Informieren über die Anderen“ bestehen kann, sondern eine Auseinandersetzung mit der eigenen Verstrickung in Dominanzverhältnisse erfordert. Auf anderer Ebene verfolgen Judith Götz und Matthias Falter ebenfalls einen reflexiven Ansatz: sie beschäftigen sich mit linken Positionen zum Phänomen PEGIDA und problematisieren die Tendenz, die F-wählende „gesellschaftliche Mitte“ (immerhin 50%) auszublenden und extremistische Ideologien an den rechten Rand zu schieben. Auch linke Spannungsfelder in puncto Rassismuskritik werden aufgegriffen und anhand von zwar solidarisch gemeinten, jedoch essentialistisch-homogenisierenden Gruppenkonstruktionen von „den Muslim_innen“, Auslassungen bei der Kritik von antimuslimischem Rassismus thematisiert.

DIE AUF DIE PÄDAGOGISCHE ­PRAXIS bezogenen Beiträge beleuchten die Settings Schule und Soziale Arbeit. Elke Rajal und Heribert Schiedel fordern, schulische Rechtsex­tremismusprävention nicht nur als historische Faktenvermittlung, sondern stärker als antisemitismus- und rassismuskritische Bildungsarbeit anzulegen und plädieren mit Verweis auf aktuelle Debatten über islamisierten Antisemitismus für antirassistisch-entkulturalisierende Zugänge. Die Annahme, dass Gedenkstättenpädagogik eine ausreichende Prävention darstellt, wird auch von Judith Götz in Frage gestellt—und passend dazu im nächsten Beitrag von Jana Sommeregger ein kritischer Überblick über antifaschistische Kinder- und Jugendliteratur gegeben. Danach illustriert Eva Grigori die Leerstelle Rechtsextremismusprävention bei Erwachsenen in der Sozialen Arbeit und schlägt vor, Konzepte aus der Jugendarbeit zu adaptieren. Die letzten Beiträge spannen den Bogen zurück zu migrationsgesellschaftlichen Debatten: Carina Klammer illustriert die Blitzkarriere von Deradikalisierungsprävention und kritisiert, dass durch den Fokus auf Muslim_innen „autochthoner“ Rechtsextremismus mitunter aus dem Blick gerät. Gleiches stellt Fabian Reicher im Bereich Jugendarbeit fest und warnt vor einer Stigmatisierung durch die Verknüpfung von Prävention und sicherheitspolitischen Diskursen, da jegliche pädagogische Intervention auf Respekt und Anerkennung fußt.

Der rote Faden, der alle Beiträge verbindet, ist die Frage nach politischer Intervention über eine „Erziehung zur Mündigkeit“, oder anders gesagt: zur (Ideologie-)Kritikfähigkeit. Dabei wird prinzipiell die kapitalistische Konkurrenzlogik als auslösender Faktor für autoritäre Ideologien thematisiert und der wohl aktuellsten Frage nachgegangen, was Prävention und politische Bildung in der postnazistischen Migrationsgesellschaft heißt. Dass all dies von Autor_innen reflektiert wird, die sowohl in der Vermittlungsarbeit als auch in der Forschung tätig sind, macht das Buch zu einem großen Gewinn—nicht nur für Praktiker_innen.

FIPU (Hg.): „Rechtsextremismus. Band 2: Prävention und politische Bildung“, Mandelbaum, Wien 2016

von Magdalena Liedl

erschienen auf Broadly

Das Klischee vom rechten Heimchen am Herd gilt schon lange nicht mehr. Nicht nur Männer, auch rechtsextreme Studentinnen schließen sich an Unis zu Verbindungen zusammen. Die österreichischen deutschnational und völkisch gesinnten „Mädelschaften“ gelten dabei als Hardliner.

Es gibt Interviewabsagen und es gibt Interviewabsagen. Die österreichische Studentinnenverbindung „Akademische Mädelschaft Iduna zu Linz“ schickte mir zweiteres, als ich sie kontaktierte, um sie um ein Gespräch über ihre Gruppierung zu bitten. „Da Sie auf diversen Sozialen Netzwerken Ihre (partei)politische Einstellung offen zur Schau tragen, befürchten wir das Fehlen einer nötigen Neutralität als Fundament für eine Zusammenarbeit.“

Nach einigem Nachhaken und der Klärung des Unterschieds zwischen „ journalistischer Recherche“ und „Zusammenarbeit“ ließ mich die Führung der Iduna wissen, sie stünden „journalistischer Tätigkeit grundsätzlich skeptisch gegenüber“, man werde das Thema aber nochmals intern besprechen.

Wie ich noch erfahre, wurde bei immerhin zwei Verbindungstreffen der Iduna darüber diskutiert— mit dem Ergebnis, dass es keine Option war, mit jemandem zu sprechen, der möglicherweise eine andere politische Meinung vertrat. Mit dieser Weigerung ist die Studentinnenverbindung, die FPÖ-Nationalratsabgeordnete Anneliese Kitzmüller zu ihren Mitgliedern zählen kann, nicht alleine. Auch die Wiener Mädelschaften Nike und Freya wollten nicht mit Broadly sprechen.

Dass es unter männlichen Studentenverbindungen einschlägige Gruppen gibt, die deutschnationales und völkisches Gedankengut vertreten, rechtsextreme Redner zu Veranstaltungen einladen und oft nur knapp an NS-Widerbetätigung vorbeischrammen, dafür gibt es ein zunehmenden Bewusstsein. Doch auch Frauen schließen sich, seit sie an deutschen und österreichischen Universitäten zugelassen sind, zu sogenannten Damenverbindungen zusammen.

Die deutschnationalen und völkischen „Mädelschaften“ in Österreich gelten dabei, wie auch die österreichischen Burschenschaften, als Hardliner innerhalb der Studentinnenverbindungslandschaft im deutschen Sprachraum. Liberale Verbindungen, wie es sie in Deutschland gibt—etwa die Fridericiana, die Frauen und Männer aufnimmt—sucht man in Österreich vergeblich. Hier teilen sich die Damenverbindungen in nur zwei Strömungen auf: konservativ-konfessionelle und deutschnationale—die eigentlichen Mädelschaften.

Diese treten als harmlosen Studentinnengruppen auf, die scheinbar unpolitische Partys organisieren, bei Veranstaltungen von Burschenschaften mit Kuchen Backen und Gedichtvorträgen aushelfen und Studienanfängerinnen dabei unterstützen, sich in den ersten Uni-Semestern zurecht zu finden. Tatsächlich verbreiten sie dabei aber rassistische, deutschnationale und völkische Inhalte.

„Mädelschafterinnen sind zwar Männern nicht gleichgestellt, aber sie erfahren trotzdem eine Aufwertung, indem sie andere abwerten.“

Gerade diese rechtsextremen Frauengruppen erfahren nun an österreichischen Unis in den letzten Jahren einen regelrechten Boom. Seit 2011 gab es drei Neugründungen von rechtsextremen Frauenverbindungen, darunter auch die Iduna in Linz. „Das ist doch auffallend und ziemlich beeindruckend.“, sagt Politikwissenschaftlerin Judith Goetz, die zu rechtsextremen Verbindungen forscht, gegenüber Broadly.

„Die Partizipationsfelder von Frauen sind im modernen Rechtsextremismus breiter geworden.“, erklärt sie dieses Phänomen. „Dadurch steigt auch das Bedürfnis, sich zu organisieren.“ Die klischeehaften Rollen, die rechten Frauen von außen oft zu geschrieben werden, stimmen dabei längst nicht mehr. Sie sind in der rechtsextremen Szene genauso aktiv wie die Männer.

Aber warum es dann so schwer sei, mit Mädelschaften in Kontakt zu treten, frage ich Goetz. Burschenschafter geben durchaus Medieninterviews; rechte Gruppen wie die sogenannten „Identitären“, die aktuell auch in Deutschland Fuß fassen wollen, rufen in Wien auch schon mal zu Demonstrationen auf. „Es gibt schon eine Angst oder gewisse Scheu von Mädelschaften, an die Öffentlichkeit zu treten.“, sagt Goetz. Entscheidend ist aber ein anderer Faktor, erklärt sie: Bisher werden Mädelschaften in der Medienberichterstattung kaum beachtet. Sie waren daher nie in der Situation, ihre Positionen rechtfertigen zu müssen und meinen daher, mit Gesprächsverweigerung durchzukommen.

Rechtsextreme Frauen werden, wenn sie denn überhaupt in den Medien vorkommen, gerne als „rechte Heimchen am Herd“ verharmlost. Die einzigen spitzen Gegenstände, die Mädelschafterinnen in die Hand nehmen würden, seien keine Säbel sondern Messer und Stricknadeln, schrieb etwa die österreichische Tageszeitung Kurier. Als die deutsche Rechtsextreme Beate Zschäpe vor Gericht stand, kommentierten Medien ihre Kleidung. Inhaltlich werden rechtsextreme Frauen in der Öffentlichkeit selten konfrontiert.

Auch dass die Mitglieder von Mädelschaften den Burschenschaftern intern nicht gleichgestellt sind, verleitet dazu, sie zu unterschätzen. Mädel fechten etwa keine Mensuren. Das heißt, sie führen keine rituellen Fechtkämpfe wie ihre männlichen Kollegen in Burschenschaften durch, die so ihre „Ehre“ verteidigen und danach stolz Schnitte und Narben im Gesicht, sogenannte „Schmisse“, zur Schau stellen. „Nach der Ideologie der Burschenschaften haben Frauen keine Ehre, die sie verteidigen könnten.“, erklärt Goetz. Daher bleibt den Mädeln der Zugang zum Fechten verwehrt. Sie sind auf Männer angewiesen, die sie im Falle einer Beleidigung in Fechtduellen vertreten. Daher erhalten Mädelschaften häufig einen sogenannten symbolischen „Ehrschutz“ von befreundeten Burschenschaften.

Warum tritt aber eine junge Frau freiwillig in eine Verbindung ein, die sie dermaßen abwertet? „Mädelschafterinnen sind zwar Männern nicht gleichgestellt, aber sie erfahren trotzdem eine Aufwertung, indem sie andere abwerten“, erklärt Goetz. „Im weitesten Sinne kann man sogar sagen: Ausgleich für eigene Diskriminierungserfahrungen.“ Kurz: Sie werden als Frauen zwar diskriminiert, diskriminieren dafür aber andere.

„Frauen können genauso rassistisch und nationalistisch sein wie Männer.“

Auch Leistungsduck kann ein Faktor sein: In Mädelschaften ist zu Hause bei der Familie zu bleiben ein legitimer Lebensentwurf. „Für Frauen, die Schwierigkeiten haben, sich bei verstärkter Arbeitsmarktkonkurrenz durchzusetzen, kann das eine attraktive Position sein.“ Gleichzeitig bieten Mädelschaften Netzwerke für die Karriere für diejenigen, die eine solche anstreben—wenn auch mit Einschränkungen. So ist etwa auch die österreichische Nationalratsabgeordnete und frühere Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz Mitglied der Mädelschaft Sudetendeutschen Damengilde Edda.

Dennoch sind Mädelschaften weder reine Karrierenetzwerke noch Anhängsel von Burschenschaften, sondern stehen ihren männlichen Gegenstücken um nichts nach, was die ideologische Festigung betrifft. Zwar halten sich die österreichischen Mädelschaften bedeckt und wollten mit mir weder über ihre Ideologie noch ihre Aktivitäten sprechen, doch lassen sie in ihren Online-Auftritten einen kleinen Einblick zu, welche Art von Ideen sie bei ihren Verbindungspartys, Liederabenden und Sonnwendfeiern transportieren.

Sieht man sich beispielsweise die Iduna einmal genauer an, stößt man auf einige interessante Dinge: Eine ihrer Farben ist „kornblumenblau“. Diese Farbe stünde für Freiheit und Freundschaft, heißt es auf ihrer Website. Tatsächlich war die Kornblume Symbol und Erkennungszeichen illegaler österreichischer Nazis vor dem Anschluss 1938. Auch der österreichische FPÖ-Präsidentschaftskandidat und Burschenschafter Norbert Hofer trägt dann und wann eine blaue Kornblume am Revers. Die Mitglieder der Iduna kochen bei Veranstaltungen für die Linzer Burschenschaft „Arminia-Czernowitz“. Gegen diese ermittelte die Staatsanwaltschaft 2010 auf Anzeige der Grünen, weil die Burschenschaft NS-Sujets auf ihren Plakaten benutze. Nur ein Hakenkreuz hatten sie aus dem Originalplakat von 1931 dann doch entfernt. Anstatt „Frohe Weihnachten“ wünscht die Iduna ihren Facebook-Fans „Heil Jul!“. Die Nationalsozialisten hatten versucht, das nordische Julfest anstatt des christlichen Weihnachtsfest zu etablieren.

Aber auch die Wiener Mädelschaften Freya und Nike verwenden NS-Symbole. Die Mädelschaft Freya (mit den Verbindungsfarben Schwarz-Rot-Gold und dem Sitz in der berüchtigten Fuhrmannsgasse in Wien, wo auch mehrere deutschnationale Burschenschaften ihre „Buden“ haben) hat etwa den Text des Deutschlandliedes in der Version, in der es von den Nazis gesungen wurde, auf ihrer Facebook-Seite („Deutschland, Deutschland über alles…“). Wie die Iduna feiern auch die Mitglieder im Dezember das Julfest. Ausflüge gibt es nicht nur zu befreundeten Mädelschaften, sondern auch etwa zu einem Fallschirmjäger-Denkmal, das die Wehrmacht 1941 auf Kreta errichtete.

Die Mädelschaft Nike wiederum verkündet auf ihrer Seite, dass Südtirol zu den „deutschen Landen“ gehöre und sie den 8. Mai nicht als Tag der Befreiung feiern würden, ihre Großeltern hätten das schließlich auch nicht getan. Nike tut sich auch mit einer ganzen Reihe von rassistischen, sexistischen und homophoben Beiträgen und Seitenhieben auf Politiker_innen und Aktivist_innen hervor, die auch mal namentlich inklusive Wohnadresse genannt werden. Die Kommentare dazu können durchaus auch als Drohungen gelesen werden („Da fürchtet sich die Antifa doch glatt vor uns Mädls—na zum Glück sind wir uns am Mittwoch nicht begegnet.“)

All diese Symbole und Aussagen stehen zwar für einschlägiges Gedankengut, sind aber in Österreich nicht verboten, etwa im Gegensatz zum Hakenkreuz. Auf den ersten Blick mögen sie unverfänglich wirken—dass die Kornblume ein Nazi-Symbol ist, ist schließlich nicht unbedingt Allgemeinwissen. Für Mitglieder der rechtsextremen Szene sind derartige Symbole jedoch eindeutig.

Um sich für Frauenangelegenheiten einzusetzen, wegen der Partys oder alleine wegen der Karriere schließt sich jedenfalls niemand einer deutschnationalen Studentinnenverbindung an, schließt Goetz. Junge Frauen, die einer Mädelschaft beitreten, erkennen diese Symbolik ganz genau und schließen sich ihnen genau deshalb an. „Frauen können schließlich genauso rassistisch und nationalistisch sein wie Männer.“

Titelbild: Illustration von Sarah Schmitt; Bild von Adolf Hitler via Wikipedia | CC BY-SA 3.0 DE

Workshop mit Judith Goetz

Beim Anteaters Sommerfest (@ Container25, Hattendorf 25A, 9411 Wolfsberg)

https://www.facebook.com/events/266809526984410/

Ausgehend von dieser Frage werden wir in einem mehrstündigen Workshop gemeinsam das Verhältnis antifaschistischer und antirassistischer Kämpfe hierzulande analysieren, Gründe für das Scheitern erörtern, der Kritik an den Leerstellen antifaschistischen Engagements Raum geben sowie uns mit Veränderungsmöglichkeiten auseinandersetzen. Dabei wird es sowohl möglich sein, als Anfänger_in in das Thema einzusteigen als auch bereits vorhandenes Wissen aufzufrischen, sich auszutauschen sowie eigene und kollektive Strategien zu entwickeln.

Übernommen aus: Der sozialdemokratische Kämpfer Nr. 2/2016

Ende 2015 ist im Mandelbaum-Verlag das zweites Buch der Forschungsgruppe Ideologie und Politiken der Ungleichheit,„Rechtsextremismus – Band 2: Prävention und politische
Bildung“, erschienen. Der Band schließt thematisch an den 2014 erschienenen FIPU-Erstling „Rechtsextremismus: Entwicklungen und Analysen“ an. Redakteur Maximilian Zirkowitsch hat mit Mitautorin Eva Grigori gesprochen.
DSK: Vor kurzem erschien der zweite Band der Reihe Rechtsextremismus, die von der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit herausgegeben wird. Worum geht es?
Eva Grigori:Der zweite Bandbeschäftigt sich mehr mit Formen der Prävention von und
politischer Bildung zu Rechtsextremismus, während der erste sich vornehmlich Begrifflichkeiten und Strukturen in Österreich gewidmet hat. Das Buch wirft einen Blick
aufs pädagogische Feld, auf die Schule, allgemein auf politische Bildung in Erziehungszusammenhängen. Dabei geht es unter anderem um Jugendarbeit. Mein Thema ist allerdings die Soziale Arbeit nach der Jugend.
Wie beurteilen Sie den Stellenwert, den die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus inder Pädagogik hat?
Zu Österreich muss man festhalten, dass die Formen von Prävention und politischer Bildung zu Rechsextremismus fast ausnahmslos an Schulen stattfinden. Da sollte es auch 600 vom Ministerium finanzierte Workshops geben, welche meines Wissens nach nie stattgefunden haben. An den Schulen zeigt sich, dass die Initiativen und Akzente die in Prävention und Bildung gesetzt werden vor allem in einer historischen Logik verhaftet sind. Was hier passiert ist meist Holocaust Education, die keineswegs unwichtig ist. Allerdings ist es aufgrund der Verbreitung rechtsextremer Handlungen, Straftaten und Einstellungsmuster damit bei weitem nicht getan. In den letzten Jahren bewegte sich die sogenannte Extremismusprävention vor allem in Richtung Djihadismus und Neosalafismus. Da wurde durchaus Initiativen an Schulen gesetzt. Dazu lässt sich im Chor mit dem Verfassungsschutz sagen, dass es sich um ein abnehmendes und ohnedies
marginales Phänomen handelt.
Aus dem Bereich der Kindergartenpädagogik ist mir gar nichts bekannt. Rechtextremismus ist hier völlig unbearbeitet. In der Jugendarbeit gibt es zwar Angebote, allerdings vor allem was die Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen betrifft. Zur rechtsextremen Orientierung Jugendlicher kenne ich drei Projekte. Es könnten auch mehr sein. Die Vernetzung ist schlecht. Präventive Arbeit mit
Erwachsenen findet einfach nicht statt. Es gibt zivilgesellschaftliche Initiativen wo politische Bildung und Prävention Platz haben. Sie sind aber von den professionellen Angeboten abgeschieden.
Wie grenzen Sie Djihadismus und Neosalafismus vom Rechtsextremismus ab? Sie verwenden ja den Begriff von Holzer.
In Österreich hat Rechtextremismus nicht zwangsläufig mit einer undemokratischen Haltung zu tun. Er ist durchaus demokratiefähig. Davon unterscheiden sich Djihadismus und Neosalafismus aufgrund ihres religiösen Bezugsrahmens. Das ist universalistischer als ein völkischer Bezug. Faktengebunden muss man es auch quantitativ abgrenzen. Natürlich gibt es auch Gemeinsamkeiten, Biologismus, Antisemitismus und der Hang zu Verschwörungstheorien etwa. Das scheint mir beachtenswert und soll künftig mehr in den Fokus genommen werden. Auf einer praktischen Ebene ist es gefährlich und verharmlosend, zu sagen, wir hätten mit beidem, Rechtsextremismus und Dijhadismus gleiche Probleme.

Sind rechtsextreme Handlungen und Einstellungen einen Fall für Pädagogik und Soziale Arbeit?
Ja und nein. Ich meine, dass sie nicht der Hauptgegenstand Sozialer Arbeit sind, aber wo
SozialarbeiterInnen vernetzt, sozialraumorientiert tätig sind, haben sie die Möglichkeit demokratiepolitisch zu arbeiten und präventiv zu wirken, nicht erst als Feuerwehr. Eine Kultur des Miteinanders, eine demokratische Gesprächskultur und demokratisches Ausverhandeln sind da zu unterstützen und auf- bzw. auszubauen.
In Anbetracht dessen, wie verbreitet rechtsextreme Einstellungsmuster, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, in Österreich sind wäre es naiv zu glauben, dass die Sozialarbeit keinen rechtsextremen Taten und Erzählungen begegnet. Das hat auch meine Forschung angeleitet: Rechtsextremismus wird als Jugendphänomen verstanden und die Jugend als letzte Phase, in der pädagogisch eingegriffen werden darf. Natürlich gibt es eine gewisse Anfälligkeit in dieser Lebensphase. Allerdings zeigen Studien, dass rechtsextreme Einstellungen sich ungefähr ab dem 35. Lebensjahr verfestigen und zunehmen. Es ist höchst an der Zeit auch auf die Erwachsenen zu schauen! Wie reagieren SozialarbeiterInnen im Altersheim, in der Wohnungslosenhilfe, im Gefängnis, … auf rechtsextreme Aussagen und Selbsterklärungsmuster? Dazu gibt es keine wissenschaftliche Literatur. In meinen Daten hat sich gezeigt, dass alle PraktikerInnen geeint waren in ihrer Lähmung. Sie erinnern sich alle, wussten nicht, was sie tun oder sagen sollten und haben deswegen in der Regel geschwiegen. Unterstützung durch KollegInnen und Vorgesetzten gab es ebenfalls nicht. Meine zweite Frage war, was
Sozialarbeit aus der Jugendarbeit lernen kann, etwa Fall- und Gesprächsführung, Sozialraumorientierung.
Ein Argumentationstraining gegen Stammtischparolen reicht nicht, wenn man mit jemandem zusammenarbeitet, der sich und seine Lebenswelt rechtsextrem erklärt. Aus der Wiener Jugendarbeit kommt ein ganzheitliches Fallmodell, das sich bei rechten und rechtsextremen Jugendgruppen anwenden lässt.
Ab Herbst werden Sie mehr in Lehre und Forschung tätig sein. Welche Vorhaben nehmen Sie uns ihrer praktischen und Forschungsarbeit mit?
Ab Herbst wird es ein Forschungsprojekt dazu an der FH St. Pölten geben. Dieses Semester hatte ich die Ehre die Lehrveranstaltung zu Gender und Diversity mit Michaela Moser

zu leiten. Es ging sehr viel um Vorurteile und wie sich Rechte durch Vielfalt bedroht fühlen. Da reicht ein Argumentationstraining nicht.
Rechte als Zielgruppe sehe ich nicht, sondern Rechtsextremismus als Querschnittsmaterie die SozialarbeiterInnen überall begegnet. In den Köpfen existiert immer noch vielfach der Stiefelnazi, der erst als rechtsextrem gilt, wenn er „Heil Hitler!“ schreit, anstatt diese Einstellung als ein Bündel von Haltungen zu begreifen, die unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Das begegnet uns täglich, steckt in Äußerungen, Perspektiven, Strategien. Da braucht es, meine ich, Grundlagenarbeit, das zu erkennen.
Welchen politischen Auftrag leiten Sie aus Ihren Ergebnissen und den anderen Publikationen des 2. Bandes ab?
Es gibt zwar mittlerweile Beratungshotlines, aber in Österreich fehlen nach wie vor Beratungsangebote für Fachkräfte. In einigen deutschen Bundesländern werden MultiplikatorInnen wie SozialarbeiterInnen, ErzieherInnen oder ReferentInnen am Sozialamt bewusst fortgebildet und eingesetzt. Deswegen sind österreichische

Projekte immer noch auf die Kooperation mit Deutschland angewiesen. Da gibt es einfach
eine Leerstelle bei uns. In mobilen, deutschen Fachstellen unterstützen Menschen BeratInnen, Familien, KollegInnen. Dafür wird auch genügend Geld zur Verfügung gestellt. Was gänzlich fehlt ist Beratung für Opfer rechtsextremer Gewalt, lediglich allgemeine Opferberatung. Und was eindeutig fehlt ist Ausstiegshilfe. Und damit müsste man im Justizvollzug anfangen.

erschienen auf vice.com/alps

von Verena Bogner

Im vergangenen April haben Mitglieder der sogenannten Identitären die Aufführung von Elfriede Jelineks Theaterstück „Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene“ im Audimax gestürmt. Daraufhin wurde das Ensemble für eine Aufführung von der Stadt Wien ins Rathaus eingeladen. Bei eben dieser Aufführung hat die Burschenschaft Hysteria, laut Eigenbeschreibung die älteste Burschenschaft Österreichs, den Saalschutz übernommen. „Wir sind die wahren Hüterinnen der österreichischen Kultur und Tradition“, hieß es damals auf der Hysteria-Seite. Außerdem waren Mitglieder der Hysteria beim Bachmann-Preis anwesend, wo die Autorin Stefanie Sargnagel, die selbst Mitglied der Hysteria ist und im Netz immer wieder von Rechten attackiert wird, den Publikumspreis gewonnen hat.

Am 10. Januar 2016 wurde das erste Mal auf der Facebook-Page der Burschenschaft Hysteria gepostet—und zwar das Bild einer schreienden Hyäne, ihres perfekt ausgewählten Wappentiers. Seitdem finden sich dort regelmäßig Postings zu aktuellen Anlässen wie beispielsweise dem traditionellen Fest zur Sommersonnenwende, das die Hysteria am Donauinselfest gefeiert hatte. Die Burschenschaft Hysteria ist die feministische und längst überfällige Antwort auf deutschnationale Burschenschaften, die in Österreich immer noch Tradition haben und jeden Januar mit dem Akademikerball für Gegenproteste sorgen; und im Zuge dessen auch dafür, dass in der Wiener Innenstadt der eine oder andere umgestoßene Mistkübel wieder aufgestellt werden muss.

Die Burschenschaft Hysteria bewegt sich irgendwo zwischen Satire, Kunstprojekt und radikalem, politischen Aktivismus und macht vor allem eines: Sie zeigt durch diese Zuspitzung auf die deutlichste, brachialste Art die Schwachstellen des Gedankenguts von männerbündlerischen Burschenschaften auf. Mit denen ist sie übrigens eher zu vergleichen als mit klassischen Mädelschaften beziehungsweise Damenverbindungen, von denen es in Österreich aktuell etwas mehr als eine Handvoll gibt. Diese nehmen zwar genau wie die Hysteria nur Frauen auf, aber die Hysteria lehnt sich in ihren Werten, Zielen und Traditionen eindeutig an Männerbünde an.

Die Burschenschaft Hysteria distanziert sich (zumindest offiziell) übrigens von der Behauptung, Satire zu sein, wie sie nach einer Erwähnung im Falter als „satirisch-feministische Burschenschaft“ klarstellt. Auch das gehört zu ihren Kerneigenschaften: Die Hysteria bleibt immer „in character“ und fällt nie aus ihrer öffentlichen Rolle.

Das gilt auch für unsere Anfrage, auf die uns die Burschenschaft Hysteria erklärt, dass sie derzeit keine Interviews gibt und uns bittet, das auf ihrer Facebook-Seite zur Verfügung stehende Material zu verwenden.

Laut der dortigen Eigenbeschreibung steht die Hysteria für starke, ideelle Werte, die Unterdrückung Andersdenkender, aktiven Vaterlandsverrat und bietet neben einer Erweiterung des Horizontes auch lebenslange Freundinnenschaften. Männer sind in der Burschenschaft selbstverständlich nicht erlaubt, denn die gehören laut Hysteria nicht in die Öffentlichkeit, vielmehr sieht sie die Sphäre des Mannes klar im Privaten.

Die Hysteria verlangt von ihren Mitgliedern (und in weiterer Folge auch weltweit) die Angleichung der Zyklen, die Einschränkung des Männerwahlrechts, günstige Abtreibungen, Schleierzwang für Männer und Hodenamputation bei heterosexuellem Geschlechtsverkehr, bei dem die Frau nicht zum Höhepunkt kommt. Kurz gesagt: Das uneingeschränkte Matriarchat. Die Mitglieder der Hysteria tragen Hyänen-Jacken und rote Deckel. Was auf den ersten Blick lustig und absurd wirkt, trägt in Wahrheit zur Entmystifizierung einer Ideologie mit großem Gefahrenpotenzial bei.


Burschenschaften in Österreich:


Die Literatur- und Politikwissenschaftlerin Judith Goetz, die sich als Mitwirkende der „Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ intensiv mit Burschen- und Mädelschaften, beziehungsweise Damenverbindungen beschäftigt, sieht zwischen dem Auftreten und der Organisationsform der Hysteria viele Parallelen zu anderen Burschenschaften.

„Die Burschenschaft Hysteria bezieht sich in ihrer Namensgebung, ihrer Organisationsform als geschlechtshomogene Gruppe und historischen Entstehungsgeschichte nicht nur auf burschenschaftliche Traditionen, sondern auch die vertretenen Werte, Ideale und Forderungen orientieren sich an burschenschaftlichen Vorbildern“, sagt Goetz.

Diese Traditionen und Werte sind laut Goetz unter anderem: Die Verwendung von Couleurnamen (wie Sauhilde oder Sprenghilde), die gegenseitige Anrufung als „Burschen“, strenge Verbindungsprinzipien, der gemeinschaftlich organisierte Alkoholkonsum sowie die Bezugnahme auf das Ritual der Mensur zur Absicherung des eigenen Bundes nach außen. Vor allem das Kämpfen von Mensuren unterscheidet die Hysteria laut Goetz außerdem von gängigen Mädelschaften und Frauenverbindungen, da Frauen dem Weltbild von Burschenschaften zufolge nicht satisfaktionsfähig sind. Im Nichtburschi-Sprech: Sie können nach einer Ehrverletzung die Ehre nicht durch Duellieren wiederherstellen.

Themen, denen sich die Burschenschaft Hysteria immer wieder annimmt, sind auch Sexismus und veraltete Geschlechterrollen—also Konzepte, die Burschenschaften und andere rechte Gruppierungen häufig promoten und beispielsweise mit Kampagnen zum Schutz „unserer Frauen“ vor der Belästigung durch fremde Männer zu festigen versuchen.

Hier sieht Goetz auch die Besonderheit der Hysteria: „Insbesondere der von Burschenschaftern vertretene Sexismus wird von der Hysteria zugespitzt ins Gegenteil verkehrt. Anstelle der Ablehnung von Frauen*-Quoten wird beispielsweise eine Frauen*- und Transgender-Quote von 80 Prozent in öffentlichen Ämtern gefordert. Damit wird auch eine wichtige Kritik am burschenschaftlichen Gedankengut deutlich. Burschenschaften tragen durch ihre männerbündische Organisationsform maßgeblich zur Aufrechterhaltung und Reproduktion biologistischer und hierarchisch gedachter, geschlechterdualistischer Vorstellungen von Gender bei. Die männerbündische Tradition der Burschenschaften verfolgt nicht zuletzt das Ziel, Frauen* aus dem Bund wie auch der Sphäre der Politik fern zu halten. Die Hysteria macht Aspekte zum Thema, die in der Kritik an Burschenschaften lange Zeit ausgespart oder vernachlässigt geblieben sind—wie eben der burschenschaftliche Sexismus und Antifeminismus sowie auch Homo- und Trans-Feindlichkeit. Gerade weil diese Ideologien auch in der so genannten gesellschaftlichen Mitte tief verankert sind, wird oftmals übersehen, dass sie auch einen fixen Bestandteil extrem rechter Denkmuster ausmachen.“

Wie so oft, wenn es um die Diskussion geht, welche Plattform rechten Gruppierungen wie Burschenschaften oder auch den sogenannten Identitären gegeben werden soll, kann auch hier der Eindruck entstehen, dass die Hysteria durch ihr Aufgreifen von burschenschaftlichen Traditionen eben diesen zu viel Bedeutung zumisst, anstatt ihre Mechanismen zu entlarven.

Laut Goetz schenkt die Hysteria Burschenschaften jedoch eben die Aufmerksamkeit, die den oftmals unterschätzten Männerbünden zusteht: „Deutschnationale Burschenschaften wurden und werden in Bezug auf ihre gesellschaftliche wie auch politische Bedeutung bis heute unterschätzt und oftmals als marginalisierte Gruppe Ewiggestriger abgetan. Insofern wird ihnen von Seiten der Hysteria jene Aufmerksamkeit zugemessen, die ihnen tatsächlich auch zukommen sollte.“

Aufgrund ihrer provokanten Inszenierung hat nicht nur Stefanie Sargnagel als Person des öffentlichen Lebens, sondern auch die Hysteria als Ganzes mit Anfeindungen von Rechts zu kämpfen. Erst kürzlich hat die Burschenschaft Hansea zu Wien ein Foto der Hysteria mit dem Text „Besucherinnen vom Planeten der Unbeschlafenen“ und dem Hashtag #linkeweiberausknocken geteilt, was nicht nur das sexistische Gedankengut der Burschenschaft deutlich werden lässt, sondern auch zeigt, dass die Inszenierung der Hysteria am großen Ego der Burschenschaft kratzt. Die Hysteria hat der Burschenschaft daraufhin einen Besuch bei ihrer Bude abgestattet.

Der Hashtag #linkeweiberausknocken hat übrigens eine Vorgeschichte: Auf einer gleichnamigen Webseite wurden Gewaltaufrufe gegen Frauen veröffentlicht, die sich antifaschistisch engagieren, zum Beispiel gegen Natascha Strobl. Außerdem wurden Sticker mit der Aufschrift und ihrem Gesicht darauf in Wien verteilt.

Derartige Untergriffigkeiten von Burschenschaften gegenüber Frauen generell und der Hysteria im Besonderen seien laut Goetz der Versuch, das Fortbestehen der Geschlechterdifferenz und der eigenen Privilegien zu sichern, das durch Gruppierungen wie die Burschenschaft Hysteria mehr denn je infrage gestellt werde: „Mädelschaften und Damenverbindung stellten bislang keine Bedrohung dar, da sie im Rahmen strenger Geschlechterhierachien und klaren Aufgabenverteilungen bestehen. Aufweichungen dieser männerbündischen Strukturen, wie sie jedoch beispielsweise durch die Öffnung von Burschenschaften für Frauen* von statten gehen würden, werden folglich mit einer Bedrohung sowohl für den Fortbestand antiquierter Geschlechterbeziehungen als auch für die eigenen Privilegien in Verbindung gebracht und aktiv bekämpft.“

Die Burschenschaft Hysteria findet einen Weg, Rechte zu entlarven, ohne sich selbst (zumindest was Social Media betrifft) angreifbar zu machen. Sie spielt gezielt mit den Werten und Ansichten „weißer Männer“—denjenigen, die „unsere“ Frauen schützen wollen, aber im nächsten Moment Vergewaltigungsdrohungen auf Facebook verfassen oder die, für die weibliche Emanzipation immer noch der Feind der traditionellen Familie ist. So schafft sie es nicht nur, zu entlarven und uns bewusst zu machen, welches Welt- und Frauenbild ein Teil unserer Gesellschaft eigentlich vertritt, sondern motiviert junge Frauen auch, etwas gegen eben dieses Weltbild zu tun. Nach eigenen Angaben der Hysteria häufen sich inzwischen die Mitgliedsanfragen. Um es mit ihren Worten zu sagen: Noch nie hat Vaterlandsverrat so gut geschmeckt.

Verena auf Twitter: @verenabgnr