Schlagwort-Archive: Antisemitismus

Gastbeitrag: Rassismus- oder Antisemitismuskritik? (Julia Edthofer)

Entsprechend unserem kritisch intervenierenden Selbstverständnis veröffentlichen wir im Folgenden einen Beitrag, den die Soziologin Julia Edthofer ursprünglich für den mosaik-Blog verfasst hat. Die Gruppe mit dem selbstgegebenen Ziel, „Politik neu zusammen[zu]setzen“ bzw. „linke Politik in Österreich hör- und sichtbar zu machen“, war im Anschluss an den islamistisch-antisemitischen Terror in Paris und Kopenhagen an einem „Beitrag zur neuen Welle des Antisemitismus in Europa“ interessiert. Mit dem Ergebnis war die Redaktion dann jedoch nicht zufrieden – der Text wurde abgelehnt. Begründung: mosaik habe einen „Text zu Antisemitismus im Allgemeinen und nicht zum Antisemitismus einer gesellschaftlichen Gruppe“ bestellt, was der Redaktion „vor allem unter Bezugnahme auf den österreichischen Diskurs“ als „besonders wichtig“ erschien. Unfreiwillig hat die Redaktion damit einen eindrucksvollen Beweis für die von Edthofer analysierte „Pattstellung von Antisemitismus- und Rassismuskritik“ und für die strukturelle Unfähigkeit vieler Linker, den Antisemitismus in all seinen Erscheinungsformen begrifflich zu fassen und zu bekämpfen, abgeliefert. Die Leser_innen mögen sich selbst ein Urteil über den Text bilden; den (impliziten) Vorwurf von mosaik-Seite, wonach er antimuslimischen Rassismus befördere, halten wir jedoch für unhaltbar.

Für uns reiht sich dieser Vorfall in eine lange Kette des linken Scheiterns angesichts der doppelten (aber unterschiedlichen) Herausforderung durch den islamistischen Antisemitismus und den antimuslimischen Rassismus ein; ein Scheitern, das sich immer wieder auch in der Ausblendung und Delegitimierung innerlinker Kritik und Selbstreflexion äußert. Bezeichnend und bedauerlich erscheint dies gerade auch vor dem Hintergrund des mosaikschen Selbstverständnisses als Ort, an dem die „Vielfalt“ linker/alternativer Wissensbestände und Erfahrungen „aufeinander treffen“ und die Marginalisierung „linke(r) … politische(r) Positionen in Österreich“ durchbrochen werden soll. Augenscheinlich sind Einförmigkeit und Abgeschlossenheit kein exklusives Merkmal des polit-medialen Mainstreams, sondern auch einem Projekt nicht fremd, das als Alternative zu ebenjenem angetreten ist.
– FIPU, 20. 6. 2015 –

Rassismus- oder Antisemitismuskritik?

Eine antirassistische Perspektive auf den Zusammenhang von Islamismus[1] und Antisemitismus

Im Licht der aktuellen Entwicklungen und Diskussionen seit den Anschlägen in Paris und Kopenhagen hinterfrage ich in meinem Beitrag die aktuelle Pattstellung von Antisemitismus- und Rassismuskritik in antirassistischen Kontexten kritisch.

Julia Edthofer

Das Attentat auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo am 7. Jänner 2015 rief weltweit –aber vor allem im globalen Norden–massive Beileids- und Solidaritätsbekundungen hervor. Innerhalb kürzester Zeit avancierte #Je suis Charlie zu einem der meist-getwitterten Hashtags in der Geschichte des Mediums, wobei der Großteil in Europa und den USA online ging. Auch abseits davon war ein symbolischer Schulterschluss für „Demokratie“ und „Redefreiheit“ zu beobachten, der seinesgleichen sucht: Am Pariser Gedenkmarsch für die Opfer nahmen neben 3,7 Millionen Menschen auch über 50 Staatschef_innen teil, die laut medialer Inszenierung den Marsch anführten und neben dem Gedenken der Toten für Toleranz und das Recht auf freie Rede eintraten–darunter auch ausreichend Politiker_innen, bei denen Presse- und Meinungsfreiheit oder Menschenrechte ansonsten nicht ganz so weit oben auf der Agenda stehen. Zudem wurde das massive Ungleichgewicht zwischen globalem Norden und Süden in Bezug auf die Berichterstattung offensichtlich: zeitgleich mit den Anschlägen in Paris kam es in Nigeria zur bislang brutalsten Anschlagserie der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram, die mediale Aufmerksamkeit galt jedoch vor allem den Ereignissen in Frankreich. Wie gewohnt blieb somit außen vor, dass die meisten Opfer islamistischer Gewalt Muslim_innen sind, während gleichzeitig eine massive Bedrohung des „Abendlandes“ postuliert wurde. Insofern wurde aus linker Perspektive zu Recht die Doppelmoral der Inszenierung kritisiert; aus antirassistischer Perspektive noch wichtiger war jedoch die Kritik an der Vereinnahmung von rechts: Victor Orbán, der seit seiner Wahl zum ungarischen Ministerpräsidenten systematisch die Pressefreiheit abschafft, gab am Rand des Trauermarsches ein Interview, in dem er als Konsequenz der Attentate eine Aufrüstung der Festung Europa forderte. Die Vorsitzende des Front National Marine Le Pen sprach von einer (muslimischen) Kriegserklärung an die westliche Welt und deren Werte und verlangte ein Referendum zur Wiedereinführung der Todesstrafe; und auch in Deutschland und Österreich vereinnahmten rechte Bewegungen und Parteien von Pegida bis NPD und FPÖ die Morde für antimuslimische Propaganda. All das ist mehr als bedenklich, jedoch sollen hier natürlich nicht die Demonstrationen für Demokratie und Meinungsfreiheit als solche kritisiert werden, denn sie sind wichtig–in Paris ebenso wie in Abuja. Problematisch ist vielmehr deren rassistische Vereinnahmung und damit der politische Subtext: die „Islamisierung des Abendlandes“ müsse nun endlich gestoppt werden, um die „aufgeklärte westliche Welt“ gegen „muslimische Barbarei und Terror“ zu verteidigen.

Eine antirassistische Kritik an solchen Vereinnahmungen ist notwendig, leider führt sie jedoch auch oft zu einer eigenartigen politischen Pattstellung, in der Dinge, die nicht so ganz ins Bild passen, gerne außen vor gelassen werden. Eine Tatsache, die beispielsweise in linken, antirassistischen Diskussionen komplett aus dem Blick gerät, ist der offensichtliche Zusammenhang von Islamismus und Antisemitismus. Bei dem Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo wurden gezielt nur Männer ermordet, bis auf eine Ausnahme: die jüdische Psychoanalytikerin und Kolumnistin der Zeitschrift Elsa Cayat. Als Reaktion auf den Anschlag überfiel der IS-Anhänger Amedy Coulibaly den koscheren Supermarkt Hypercacher– allerdings nicht nur, um dort Geiseln zu nehmen, sondern mit dem dezidierten Ziel die dort einkaufenden Menschen zu töten, weil sie Juden waren. Gleiches war in Kopenhagen zu beobachten: nach dem Anschlag auf die Diskussionsveranstaltung zu Rede- und Pressefreiheit im Februar 2015 wurde die Hauptsynagoge der jüdischen Gemeinde attackiert und dabei ein (ebenfalls jüdischer) Wachmann erschossen. Jedes Mal, wenn so genannte „westliche Werte“, Demokratie, Meinungsfreiheit etc. in Europa selbst angegriffen werden, geht dies mit einem Angriff auf Jüdinnen, Juden und/oder jüdische Einrichtungen einher–jedes Mal gibt es dabei Tote. Dass dies kein Zufall ist, liegt ebenso auf der Hand, wie es der antimuslimische Rassismus tut. Insofern müsste sich eine antirassistische Linke auch die Frage stellen, warum radikalisierte Personen, die sich zu den verschiedenen aktuell boomenden, meist wahhabitisch oder salafitisch beeinflussten, jihadistisch-islamistischen Ideologien bekennen, offensichtlich ein antisemitisches Weltbild haben. Die Antwort wäre eigentlich recht einfach: sie folgen einer anti-demokratischen Ideologie, die als faschistisch analysiert werden muss: Terrorgruppen wie der IS sind streng hierarchisch nach dem Führerprinzip organisiert, bekämpfen „unislamische“ Gruppen bis hin zu deren Vernichtung und zielen auf einen autoritären Umsturz der bestehenden Verhältnisse ab. Antisemitismus ist ein logischer Bestandteil jeder antidemokratisch-faschistischen Ideologie, da er als (Pseudo-)Erklärungsmodell für die (scheinbar) bekämpften Zustände dient. Wie jede radikale Ideologie wirkt dieser rechte Rand, so er nicht eingedämmt wird, nicht zuletzt auch in die gesellschaftliche Mitte hinein: das wurde beispielsweise im Sommer 2014 offensichtlich, als im Zuge zahlreicher muslimisch geprägter Proteste gegen den Gaza-Krieg auch die zunehmende Islamisierung des antisemitischen Ressentiments deutlich wurde. Antirassistische Kritik konzentriert sich vor allem auf den antimuslimischen Diskurs und weist darauf hin, dass Muslim_innen generell unter Terrorverdacht gestellt oder eben zu den „neuen Faschist_innen“ oder den „neuen Antisemit_innen“ stilisiert werden–und das ist richtig und wichtig. Jedoch wird auf der anderen Seite selten die problematische Ideologie und damit auch das heiße Eisen islamisierter Antisemitismus benannt. Ein Grund dafür ist die Sorge, aufgrund der oft fehlenden Differenzierung zwischen Muslim_innen und Islamist_innen zum antimuslimischen Diskurs beizutragen. Ein weiterer Grund ist sicherlich auch das Faktum, dass die Täter_innen oft selbst rassistisch ausgegrenzt werden. Ein kurzer Blick auf die Biographien der Attentäter von Paris lässt auch tatsächlich vermuten, dass sie als Nachkommen von Immigrant_innen aus ehemaligen Kolonien im postkolonialen Frankreich massiver Diskriminierung ausgesetzt waren. Diese Ungerechtigkeit sollte jedoch nicht dazu führen, dass zu den ideologischen Grundlagen ihrer Taten geschwiegen wird.

Die Tatsache, dass sich aktuell viele Personen mit ihren faschistischen Ideen auf den Koran berufen und dass ihre Taten antimuslimischem Rassismus neuen Zündstoff geben, sollte uns also nicht daran hindern, eine politische Kritik daran zu formulieren. Ansonsten tappt mensch in eine Kulturalisierungs-Falle, die Politik nicht mehr von Religion trennen kann–und eine solche anti-politische Sichtweise ist eher Teil des Problems, als der Lösung. Denn jedes „Aber“ (… aber die haben doch rassistische Cartoons veröffentlicht) nach der Verurteilung der Anschläge, spielt letztendlich in die Hände konservativer bis faschistischer Kräfte. Wenn jedoch ernst genommen wird, dass Faschismus keine Meinung sondern ein Verbrechen ist, sollte dies auch immer gelten–sei es nun in Abuja, Paris, Kobanê oder im kenianischen Garissa, wo jüngst 148 Student_innen ermordet wurden. Gleiches gilt für das Benennen von unterschiedlichen Ressentiments: wenn antirassistische Kritik ernst genommen wird, dann inkludiert das auch eine Kritik an Antisemitismus–und damit auch am Antisemitismus von Personen, die selbst rassistisch ausgegrenzt und diskriminiert werden.

[1] Der Begriff „Islamismus“ meint die politische Vereinnahmung des Islam und ist daher natürlich vom Islam als Religion zu unterscheiden; für eine ausführlichere Differenzierung zwischen politischem Islam, Wahhabismus, Salafismus und Jihadismus ausgehend von einer Kritik des schwammigen Sammelbegriffes „Islamismus“, siehe Thomas Schmidingers Beitrag in den Informationen zur Politischen Bildung No. 37.

Zurück zur Startseite

Kommentare deaktiviert für Gastbeitrag: Rassismus- oder Antisemitismuskritik? (Julia Edthofer)

Eingeordnet unter Interventionen

Erklärungs-Bedarf

Am 21. April verkündete der Burschenschafter (Albia Wien) und freiheitliche Wiener Landtagsabgeordnete Udo Guggenbichler per OTS, dass er „(g)emeinsam mit anderen prominenten Vertretern von schlagenden Studentenverbindungen“ eine Erklärung unterzeichnet habe, die eine deutliche Verurteilung des antisemitischen Treibens früherer verbindungsstudentischer Generationen wie auch „jede(r) Form von Antisemitismus“ enthält. Zweck der Erklärung sei es, „der Israelitischen Kultusgemeinde das Bemühen für ein von gegenseitiger Achtung geprägtes Verhältnis zu zeigen“.

Dieses Ansinnen ist selbstverständlich begrüßenswert – und angesichts der zentralen Rolle des Antisemitismus in der Geschichte (und Gegenwart?) des völkischen Korporationswesens weniger bedeutungsarm, als es auf den ersten Blick erscheinen mag [1]. Mindestens bis in die 1960er Jahre erkannten die Wiener Burschenschaften allein „ehrenhafte arische Akademiker“ als genugtuungsfähig an [2]. Die antisemitische Kontinuität in den österreichischen Burschenschaften sorgte selbst bei deren bundesdeutschen Waffenbrüdern für Beunruhigung. Die Deutsche Burschenschaft, die sich 1958 – noch ohne österreichische Mitgliedsbünde – in einer Erklärung „von jedem Antisemitismus und Rassenwahn“ distanziert und sich zu deren Bekämpfung bekannt hatte, forderte entsprechende Distanzierungsschritte auch von den Österreichern, um den Weg zur von diesen angestrebten Fusion von DB und DBÖ (Deutsche Burschenschaft in Österreich) frei zu machen. In Reaktion darauf gingen die österreichischen Burschenschaften 1959 so weit zum Antisemitismus auf Distanz, wie ihre ideologische Verfasstheit es eben zuließ, und bekundeten ihre „Duldsamkeit“ in Fragen von „Rasse und Menschenwürde“ [3]. Intern bezeichneten manche der Österreicher sich nun als „asemitisch“: man habe der aktiven Bekämpfung der Juden abgeschworen, wollte jedoch auch weiterhin von ihnen unbehelligt bleiben [4]. Oder, wie die Chronik der Wiener Teutonen von 1968 es ausdrückte: „das Judentum“ sei weiterhin „eine biologische, kulturelle und wirtschaftliche Gefahr für unser Volk“ und ein „Gegner“, gegenüber dem „(r)einliche Scheidung … nach wie vor erwünscht“ sei [5]. Noch 1994 hielten die damals acht in der „ARGE Deutsche Burschenschaft in Österreich“ zusammengeschlossenen Bünde in einem (internen) Rundschreiben fest, dass keine Verpflichtung bestehe, „Fremdrassigen – d. h. jenen, die offensichtlich nicht der germanischen Volks-, Sprach- und Kulturgemeinschaft angehören –, Genugtuung zu geben“ [6].

Vor diesem Hintergrund erscheint nachvollziehbar, dass die Guggenbichlersche Erklärung auf einiges Misstrauen stieß – bei der vorgeblichen Adressatin (IKG), aber auch beim DÖW, dem grünen Abgeordneten Harald Walser oder dem Grünen-nahen Blog Stoppt die Rechten. Letztgenannter Kommentar tat, was die heimische Medienlandschaft interessanter Weise weitgehend unterließ, und argwöhnte, wer denn nun überhaupt hinter der Erklärung stehe. In der Tat wirft die Erklärung mehr Fragen auf, als sie beantwortet: Wieso sind die Unterzeichner nicht bereit, ihre Ablehnung des Antisemitismus auch mit ihrem Namen zu dokumentieren? Wieso weigert Udo Guggenbichler sich – und dies nicht nur mir gegenüber -, auf Nachfrage Auskunft über die Unterzeichner zu erteilen? Welchen Wert hat eine anonyme Erklärung dieser Art überhaupt?

Vielleicht sollte derselbe Fragenkomplex ohnehin anders angegangen werden: wer ist denn nun NICHT bereit – und warum? -, 70 Jahre nach der Befreiung der nationalsozialistischen Vernichtungslager gegen Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart Stellung zu beziehen? Wieso musste Guggenbichler seine Erklärung als Privatperson veröffentlichen? Warum war der WKR, dessen Ballausschuss Guggenbichler seit Jahren vorsteht, augenscheinlich nicht bereit, die Erklärung korporativ zu verabschieden? Die DBÖ? Oder zumindest einzelne Verbindungen, wie Guggenbichlers Albia? Wieso ist, von einem knappen Tweet der Alben abgesehen, keinerlei wahrnehmbare Zustimmung aus den Verbindungen zu verzeichnen?

Es wäre wohl zu einfach, die Antwort hierauf einzig im forstbestehend hohen Ausmaß des Antisemitismus im völkischen Verbindungsstudententum zu vermuten. Tatsächlich dürfte der Großteil der heutigen Korporationsstudenten kein ernstes inhaltliches Problem mit der Distanzierung vom Antisemitismus – jedenfalls auf einer abstrakten, unbestimmten Ebene, wie in der Erklärung der Fall – haben. Wohl aber mit dem Akt des Ableistens einer solchen Erklärung an sich: wohl ein Kniefall vor dem Zeitgeist, ein Einknicken vor dem Diktat der political correctness in den Augen (allzu?) vieler. Was auch immer der Grund, die erzielte Optik ist, gemessen an Guggenbichlers mutmaßlichen Erwartungen, fatal: eine (in Zahlen: 1) Person aus dem völkischen Verbindungswesen, die bereit ist, sich öffentlich von Antisemitismus zu distanzieren? Damit erscheint die Aktion weniger als Beleg für die Überwindung der antisemitischen Tradition im völkischen Verbindungswesen denn als eindrucksvoller Nachweis eines unverändert verkrampften Verhältnisses zu ebenjener Tradition – eine Verkrampfung, die ohne Blick auf antisemitische Kontinuitäten bis ins Heute kaum zu erklären ist.

Ein zweites zentrales Problem von Guggenbichlers Initiative, auf welches das DÖW bereits hingewiesen hat, sei abschließend noch kurz angerissen: selbst, wenn mehr Verbindungs-Männer oder gar ganze Verbindungen/Verbände hinter der Erklärung stünden, lässt der Text doch völlig unbestimmt, was als antisemitisch verstanden wird – und bleibt damit auch weitestgehend unverbindlich. An der Blattlinie der AULA etwa dürfte er nichts ändern. Noch im März kokettierte das Zentralorgan des völkischen Verbindungswesens in Österreich mit der Leugnung von „Gaskammern in deutschen KL zum Zwecke der Tötung von Juden“ und ließ sich ausgiebig und unter Aufbietung der einschlägigen Stereotype über den „jüdischen Spekulanten“ George Soros aus (vgl. die entsprechende Meldung des DÖW). Das April-Heft huldigte dem antisemitischen Professor Taras Borodajkewycz und illustrierte einen Artikel über Nahostpolitik mit einem der antisemitischen Machwerke des Holocaustleugners und Hitler-Fans David Dees. [UPDATE: auch die Mai-AULA lieferte Antisemitismusforscher*innen reichen Stoff.] Wenn derlei unter den Antisemitismusbegriff der Korporierten-Erklärung fällt: wo bleiben hier die öffentlichen Distanzierungen oder kritischen Eingaben Guggenbichlers und seiner anonymen Mitstreiter? Wenn aber nicht – ist eine solche Erklärung dann überhaupt die OTS wert, mit der sie ausgesandt wurde?

Ob es im völkischen Verbindungswesen tatsächlich zu einem Umdenken gekommen ist, werden die öffentlichen Einlassungen seiner Vertreter und Organe in der Zukunft zeigen. Eine konsequente Verabschiedung vom Antisemitismus könnte über kurz oder lang freilich auch den deutschvölkischen Nationalismus selbst, der die Bilder vom Juden von seiner Geburt an als Negativfolie benötigt hat, nicht unberührt lassen – und damit den Angelpunkt des burschenschaftlichen Denkens selbst.

Bernhard Weidinger

[1] Vgl. dazu meinen Beitrag „Deutsche Burschenschaften in Österreich“ in Wolfgang Benz (Hg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Band 5: Organisationen. Berlin: de Gruyter, 140-145.

[2] Schlägerbrauch der Wiener örtlichen Burschenschaft, 1960, § 4.

[3] Ergänzung zum Bericht der ADC-Vorsitzenden über das Geschäftsjahr 1958/59, Anhang zur Niederschrift des ADC-Tages in Salzburg 1959.

[4] Vgl. Michael Gehler (1996): „…erheb‘ ich, wie üblich, die Rechte zum Gruß…“. Rechtskonservativismus, Rechtsextremismus und Neonazismus in österreichischen Studentenverbindungen von 1945 bis 1995. In: Ders./Dietrich Heither/Alexandra Kurth/Gerhard Schäfer: Blut und Paukboden. Eine Geschichte der Burschenschaften. Frankfurt/M.: Fischer, 187-222, hier: S. 196.

[5] Otto Mühlwerth (Hg., 1968): Hundert Jahre Burschenschaft Teutonia Wien, S. 113.

[6] Zit. n. Harald Seewann (1995): Das „Waidhofener Prinzip“. Die versuchte Ehrabsprechung Juden gegenüber als Manifestation studentischen Antisemitismus an österreichischen Hochschulen im Jahr 1896. In: Einst und Jetzt. Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, 149-190, hier: S. 169.

Zurück zur Startseite

Kommentare deaktiviert für Erklärungs-Bedarf

Eingeordnet unter Hintergründe

Preisfragen

Seit 1965 verleiht die Österreichische Volkspartei den Leopold-Kunschak-Preis. In der Sparte Wissenschaften wurde heuer auch meine Dissertation über Burschenschaften in Österreich für preiswürdig befunden. Wer sowohl mit meiner Arbeit, als auch mit der politischen Biografie Kunschaks vertraut ist, wird einen scharfen Kontrast nicht übersehen können: während die Kritik von Ideologien der Ungleichheit im Zentrum meiner wissenschaftlichen Tätigkeit steht, verbinden viele Menschen – darunter auch ich selbst – mit dem christlichsozialen Reichsratsabgeordneten, ÖVP-Mitbegründer und Nationalratspräsidenten Kunschak zuallererst wüsten Antisemitismus.

Die sich aus diesem Kontrast für manche/n wohl ergebende Frage, weshalb ich einen solchen Preis anzunehmen gedenke, lässt sich zunächst wie folgt beantworten: weil ich meine Arbeit aus eigenem Antrieb für den Preis eingereicht hatte und es mir inkonsequent erschiene, eine Auszeichnung abzulehnen, um die man sich zuerst beworben hat. Die Bewerbung entsprang einer Motivlage, in der akademische Eitelkeit ebenso eine Rolle spielte wie das meinem halben Jahreseinkommen als Unilektor entsprechende Preisgeld und die Neugier, ob die Auszeichnung einem Werk bzw. Autor verliehen würde, das bzw. der sich dem politischen Konservatismus im Allgemeinen und dem katholischen Verbindungsstudententum im Speziellen gegenüber gänzlich unapologetisch verhält. (Kunschak selbst gehörte dem katholischen Verbindungswesen als Ehrenmitglied einer CV-Verbindung etwa ebenso an wie die Vorsitzenden des Kunschak-Kuratoriums und der diesem beigestellten wissenschaftlichen Begutachtungskommission). Nun, da ich den Preis zuerkannt bekommen habe, freue ich mich darüber, insofern er eine Anerkennung meiner Arbeit darstellt – und aus einem Lager kommt, bei dem kaum von einer politisch motivierten a-priori-Begeisterung für mein Wirken ausgegangen werden kann. Gerade für einen auf politisch umkämpftem Feld Forschenden ist diese Art der Anerkennung von hohem Wert.

Insofern die jährliche Preisverleihung neben der Ehrung der jeweils Ausgezeichneten auch eine – wenn auch differenzierte – Ehrung des Namensgebers einschließt, sehe ich meine Freude über den Preis getrübt. Ja, Kunschak war – Achtung Gemeinplatz – eine facettenreiche Persönlichkeit: sozialpolitisch am linken Flügel seiner Partei angesiedelt, stärker pro-demokratisch und anti-faschistisch eingestellt als der Großteil seines Lagers (wobei seine Gegnerschaft zum Faschismus auch jenen der Heimwehr einschloss), unter NS-Herrschaft zweimal inhaftiert, Kontakte zum katholischen Widerstand; gleichzeitig war Kunschak einer der prononciertesten und fanatischsten Wortführer des politischen Antisemitismus im katholischen Lager, wobei er sich einer Rhetorik befleißigte, die von nationalsozialistischer Agitation kaum zu unterscheiden war.

Die umstrittene Frage, ob Kunschak seinen Antisemitismus auch nach 1945 beibehalten hat*, ist meines Erachtens keineswegs belanglos, nicht aber ausschlaggebend für die Beurteilung seiner Eignung als Namensgeber einer Ehrung, die nach dem Zivilisationsbruch Auschwitz und u. a. für Arbeiten zur Förderung des „friedlichen Zusammenlebens der Völker“ verliehen wird. Durchaus im Bewusstsein über Kunschaks Verdienste auf sozialpolitischem Gebiet kann ich die Aufrechterhaltung dieser Benennungspraxis seitens der ÖVP nicht nachvollziehen – umso weniger vor dem Hintergrund, dass wiederholt Arbeiten zur Aufarbeitung des Antisemitismus in Österreich mit dem Preis ausgezeichnet wurden; dass die Auseinandersetzung mit Kunschak seitens des parteieigenen Vogelsang-Instituts oder auch des CV durchaus als differenziert bezeichnet werden kann**; und dass das christlichsoziale Lager fraglos zahlreiche Frauen und Männer hervorgebracht hat, von einer Auszeichnung unter deren Namen sich auch GegnerInnen des Antisemitismus geehrt fühlen könnten.

Vor dem Hintergrund des dargestellten Zwiespalts freue ich mich, die gesamte Preissumme zu gleichen Teilen den folgenden Einrichtungen bzw. Zwecken zuführen zu können: ESRA, das als psychosoziales Zentrum der jüdischen Gemeinde Wiens die Spätfolgen dessen bearbeitet, was Rhetorik wie jene Kunschaks vorbereiten half; der Realisierung einer geplanten Publikation meiner Forschungsgruppe (FIPU) zu historischen und aktuellen Formen des Antisemitismus; dem Verein Romano Centro, weil er hervorragende Arbeit für die Interessen einer weiteren europäischen Minderheit mit umfangreicher Diskriminierungserfahrung – Roma und Romnja – leistet; sowie dem Projekt Sisters Against Violence Europe, weil es eminent wichtig (und gleichzeitig zuwenig bekannt) ist.

Bernhard Weidinger

* Vgl. zur Debatte und zum Antisemitismus Kunschaks allgemein die 2013 im STANDARD ausgetragene Kontroverse zwischen Kurt Bauer und Paul Mychalewicz.

** Dies gilt interessanter Weise nicht in selbem Maße für den Umgang des Vogelsang-Instituts mit seinem Namensgeber Karl von Vogelsang, einem weiteren katholischen Sozialreformer, und dessen Antisemitismus.

Zur Startseite

Kommentare deaktiviert für Preisfragen

Eingeordnet unter Quick Takes

Challenging Double Standards: A Call Against the Boycott of Israeli Art and Society

Gerne leitet die Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit einen Call weiter der sich gegen den Boykott israelischer Kunst sowie der israelischen Gesellschaft wendet:

Challenging Double Standards
A Call Against the Boycott of Israeli Art and Society

To The Signees of Current Boycott Initiatives Regarding Israel

We are writing to you about a political issue, which increasingly causes us anxiety: how artists, and individuals affiliated with the arts address conflict in the Middle East. Over the past months topics including the occupation of the West Bank, Israel’s existence as a Jewish state, Palestinian resistance and its struggles, international solidarity and boycott movements, and criticism of Israeli policies, have been taken up in the arts arena with heightened intensity. We are deeply concerned by several aspects of how such issues are approached.
With this letter we are advocating against reductive, binary views of conflict in the Middle East. We believe in the role of art to question and resist dichotomous views. We see dialogue as a critical part of any conceivable peace resolution between Palestine and Israel, and are troubled by the tendency among international boycott movements—particularly cultural boycott movements supported by individuals in the arts—which make dialogue impossible. Such dialogue inside Palestine and Israel is difficult, and is only made more precarious by unilateral international boycott. Underlying these movements, we fear there is an upswing of anti-Semitic attitudes and attacks, which seem to convey varying degrees of intentionality. Neglecting or simplifying significant historical legacies, Israel is treated as a paradigmatic colonial power, and is boycotted in a way that no other country is. Such discrimination and double standards, whether explicitly stated or implied, demand to be addressed.

The Upswing of International Protest
This letter intends to draw attention to the upswing of protest targeting Israel, Israeli institutions, as well as Jewish organizations and individual artists, during the last months and increasingly following the Gaza war. To name just a few examples: the Tricycle Theatre in London refused to host the UK Jewish Film Festival; the organizers of the São Paulo Biennial were requested to return sponsorship funds accepted from the Israeli state; at the Edinburgh Fringe Theatre Festival an Israeli co-production was disrupted by protesters; and the Greek Kakogiannis Foundation was put under pressure for collaborating with the University of Jerusalem. At the same time, the Boycott, Divestment and Sanctions movement (BDS) established a dedicated Arts Coalition. The BDS Arts Coalition (http://bdsartscoalition.org/) was founded prior to the Gaza war in June 2014 and advocates the boycott of Israeli institutions, in line with the BDS principles, which proclaim a comprehensive boycott of Israel on economic, academic and cultural levels. In its initial statement the BDS Arts Coalition requested artists to withdraw from the travelling art exhibition Living as Form (The Nomadic Version), presented at two Israeli institutions, a foundation-run art gallery and artist-in-residence program (Artport Tel Aviv) and the technical University of Haifa (Technion).
All calls and open letters were signed by a large number of individuals and groups affiliated with the arts fields; respected friends and colleagues among them. All these events took place in a climate where the Gaza war alongside its many atrocities provoked numerous anti-Semitic incidents, including physical attacks on Jews and Jewish institutions—none of which was reflected or even mentioned by the groups and contexts appealing for boycott. None of these groups condemned Hamas, an organization with an openly anti-Semitic agenda, which seeks the destruction of Israel. We are worried by this silence, which could either imply that the BDS Arts Coalition and similar initiatives are not equipped to discern anti-Semitic discrimination, or that such discrimination is ignored for tactical reasons. So we decided to share some critical reflections, mostly related to the BDS agenda.

Boycott as a Political Strategy
Boycott is a powerful instrument of political dissent and protest. In civil rights and anti-colonial liberation struggles boycotting has been used in the fight for de-colonization and justice, developed as a strategy to reach out to the world from within the affected country. Without internal perspective, boycotting can seriously harm unintended targets. To avoid collateral damages and judgments based on simplistic conclusions it is essential to have on-site knowledge. In the case of boycotting Israel however, the BDS movement is mainly active in academic and cultural contexts outside the country. It thus often lacks on-site knowledge and aggravates the tense situation, rather than contributing to peace building. On the contrary: rather than opposing “normalization”, as BDS frequently states, its actions indicate a leaning towards maximalist positions.
Boycott is not necessarily an emancipatory act of solidarity with the oppressed and in opposition to the oppressor. The Jewish experience especially in Europe reflects a contrasting effect: anti-Jewish boycotts were once organized against the Jews to exclude them from social, economic, and political life. In these cases, boycott had no anti-colonial implication. Instead, it functioned as a means of oppression by the dominant societies toward Jewish minorities. We are concerned that the language used and political strategies advocated by international boycott movements—among other Left-identified political groups—take the conflict between Israel and Palestine to epitomize neo-colonial evil as such. This view frames the conflict as part of a non-specific eternal battle between good and evil, between “oppressed” and “oppressors.” We ask for a critical approach to dichotomous narratives: Within the tendency to reduce the conflict between Israel and Palestine to that between good and evil, boycott is often romanticized as a political strategy and there is a great danger that the nature of colonial oppression, or of evil, is simplified. Particularly in the case of internationally-staged cultural or academic boycott movements, we fear the tendency to support polarized views. Since its formation in 2005 the BDS movement has been both supported and criticized for framing the conflict in a binary perspective, and for its punitive agenda and actions.
To be clear, we are advocating for a just peace for both conflict parties in Israel and Palestine, and our frustrations arise from this perspective. We insist on the importance of condemning both: injustice against Palestinians and the singling out of Israel as the perpetrator country, discrimination against Palestinians and forms of anti-Zionism fueled by anti-Semitism.

Who to Boycott?
Boycott as a political strategy requires careful consideration and an accurate evaluation of each context in which it is applied. Turning boycott into a doctrine and declaring it on an entire country and its citizens is generalizing and reductive. In the case of Israel, it is problematic and hardly justifiable. No one, for example, would boycott Pussy Riot for being in possession of Russian passports, not even if they were to throw their political agenda out the window. No one would threaten independent institutions, whether critical or silent regarding the policy of the country they are in, except in the case of Israel.
If boycott, divestment, and sanctions are considered as appropriate strategies to contest injustice through international solidarity movements, why are they not applied to the other uncountable countries committing injustices? Why didn’t anybody boycott cultural workers from Serbia and Croatia because of the genocidal war crimes committed by their respective countries? Why not boycott Spain for occupying the Basque country, Great Britain for oppressing Northern-Ireland, India for occupying Kashmir or Angola for occupying Cabinda? Shouldn’t we divest from Germany for waging war on Afghanistan, from Russia for invading Chechnya and Crimea or from Turkey for occupying Kurdistan? Why not lobbying for sanctions against China and Myanmar for suppressing freedom of speech, against Brazil and Canada for denying the First Nations’ rights, and against the US for maintaining and deploying the world’s largest military complex? Is it because “someone” decided that Israel ranks as the most unjust country in the world? And if yes: why is that the case?
Could it be that we feel too comfortable in our privileged lives, our civic rights, or our consumerist culture enabled by some of the above-mentioned states and their institutions—but still want to oppose oppression on ideological grounds? We believe that the collective desire for a “signifier of oppression” is exactly what makes Israel the only target of current international boycott movements.
It is important to not ignore the history of anti-Jewish discourse. Anti-Jewish boycott has often accompanied anti-Semitism as one of its dangerous manifestations. Contacts with Jews have been historically avoided; Jews were not accepted in merchants’ guilds, trade associations, and similar organizations. In many European countries toward the end of the nineteenth century, the anti-Jewish boycott became one of the basic weapons used for victimizing the Jewish population. After the Nazi rise to power in Germany the government publicly announced a general anti-Jewish boycott.
Double Standards and the De-legitimation of Israel as a State
The BDS movement has been criticized by various actors across the political spectrum for applying the double standards we hereby mention. The conflict is emotionally highly charged, especially for most Palestinians and Israelis and for a lot of other Jews, Arabs, and others related to it. It is also understandable that activists are attracted to the subject. But when the emotional and political engagement in this conflict grows out of proportion to the extent that it becomes virtually and publicly a mass phenomenon, it may be time to ask: why Israel?
Again, we believe this is due to the role of Israel as “signifier of oppression” and we argue that this rhetoric simplifies questions related to Israel’s very existence. One of the most discussed issues regarding BDS-politics and its double standards is its denial of the Jewish people’s right to self-determination and its de-legitimization of Israel as a state. This point has been stressed not only by pro-Israel activists, but also by leftist public intellectuals like Noam Chomsky or Norman Finkelstein who can hardly be accused of being Israel apologists. Both criticize the BDS movement’s demand of a one-state-solution and of the right of return for Palestinian refugees, which includes their descendants, and would ultimately lead to the destruction of Israel as a Jewish and democratic state. To this effect they criticize the BDS movement for being hypocritical in calling for peace and human rights on the one hand, while fuelling the conflict with demands that would result in the end of the Israeli state on the other.
In our view, BDS’s simplifying narratives, together with its biased demands, foster an atmosphere that enables and even provokes attacks on Jews and Jewish institutions. We are concerned by the under-representation of positions in support of both the Palestinian cause and Israel’s right to exist—and by the tendency to dismiss any questioning of the international Palestinian solidarity movement as right wing pro-Israeli propaganda. We propose to think about this carefully.

Against Simplification
The purpose of this letter is not to silence criticism; rather, we aim to challenge the dichotomized discursive battlefield. We don’t believe that all of us have to agree on each and every argument—that’s impossible!—but we insist on nuanced dialogue. Taking boycott as a doctrine rather than a case-specific political strategy makes such dialogue impossible. If we believe in the ability of art to tackle complex situations and political questions in a progressive manner, the task of art lies in insisting on specificity and subjectivity rather than simplifying context; insisting on reflection rather than reflex. We ask spaces of art and cultural production to deal actively with contradictions rather than ignoring them, and to question political propaganda rather than being subsumed by it.
Therefore, we call on all individuals affiliated to the arts that come across demonizing attempts such as the BDS, to be critical and express this by contesting the underlying simplification. We ask you to seriously consider what triggers ongoing debates about the right of Israel to exist, what consequences the BDS-led support of the Palestinian struggle entails for both peoples as well as the peace process, and what binary frames and narratives are being used. We believe that both nations have the right to their states within the land known alternately as historic Palestine and historic Judea, and that both should strive for peace and just solutions together through mutual dialogue and neighborly cooperation. However, the guiding principles of that dialogue should be determined by the people that will actually be living together, side by side in peace with their neighbors. We call all friends and colleagues who signed the BDS Arts Coalition letter and similar resolutions to look into the history and presence of the BDS movement, to analyze its aims and strategies, to take into account these criticisms and to reconsider whether you want to support such a position.
***
This letter reflects the collective efforts of—and ongoing discussion among—individuals involved in the spheres of arts and culture in varying capacities; we consider ourselves as part of the left and have varying relationships to Israel and Palestine. As a collective we have benefited from and been challenged by the variety of opinions, perspectives, and experiences of the individuals among us. We hope that this letter models an alternative approach to the dismissive and problematic positions we criticize.
Please forward this letter widely.
Sincerely,

Sheri Avraham
Markus Brunner
Julia Edthofer
Benjy Fox-Rosen
Eduard Freudmann
Ella Fuksbrauner
Till Gathmann
Sophie Goltz
Michael Klein
Oliver Marchart
Sarah Mendelsohn
Suzana Milevska
Katharina Morawek
Ruth Novaczek
Nina Prader
Doron Rabinovici
Nikola Radić Lucati
Anja Salomonowitz
Ruth Sonderegger
Luisa Ziaja

You can sign the call or contact us here.

Kommentare deaktiviert für Challenging Double Standards: A Call Against the Boycott of Israeli Art and Society

Eingeordnet unter Interventionen

Warum Muslim_innen nicht die „neuen Juden“ sind

Carina Klammer

(Vollversion des UNIQUE-Artikels 12/2014)

Seit in Deutschland in den letzten Wochen und Monaten in mehreren Städten Moscheen in Brand gesteckt wurden fühlen sich muslimische Communities zu Recht einmal mehr von der Mehrheitsgesellschaft allein gelassen. Laut Angaben des Bundesinnenministeriums wurden bis August dieses Jahres zwölf politisch motivierte Übergriffe auf Moscheen in Deutschland verübt und seit 2001 mehr als 300 muslimische Gotteshäuser angegriffen. Das Spektrum reicht von Hakenkreuzschmierereien über Morddrohungen gegen Imame bis hin zur Brandstiftung. Viele Muslim_innen bezweifeln, dass die Reaktionen derart dürftig ausgefallen wären, wenn nicht Moscheen sondern Synagogen gebrannt hätten. In derartigen Situationen ist die Rede von den Muslim_innen als den „neuen Juden“ schnell zur Hand und sie erfreut sich auch nicht nur unter diesen an Beliebtheit. Aber auch wenn die Intention des Vergleichs verschieden sein mag, seine antisemitische Struktur bleibt kritisierenswert.

„Nazismus erinnert uns daran, wie dünn die Kruste der europäischen Zivilisation ist und dass sie von der kleinsten oder nichtigsten Provokation durchbrochen werden kann“1. So begründete die links-liberale Autorin Yasmin Alibhai-Brown ihre Aussage Muslime wären die „neuen Juden“ 2006 im britischen Independent. Der Direktor des Zentrums für Türkeistudien in Essen, Faruk Sen, verglich 2008 angesichts antisemitischer Vorfälle in der Türkei die Lage der in Europa lebenden Türk_innen mit dem Schicksal der europäischen Jüdinnen und Juden bis 1945. „Seien Sie nicht traurig wegen der antisemitischen Tendenzen einiger Gruppen in der Türkei. Als türkisches Volk und als neue Juden Europas unterstützen wir Sie.“2 Bei einer Kundgebung in Bern im Jahr 2011 hefteten sich Nicholas Blancho, Präsident des Islamischen Zentralrates Schweiz (IZRS) sowie andere Teilnehmer_innen gelbe Sterne an. Im September 2014 zog Armin Langer, Koordinator der Salaam-Schalom-Initiative in Neukölln, selbigen Vergleich und endete mit dem Appell: „Es ist Zeit für Juden, die nicht mehr nur sagen ’nie wieder‘, sondern ’nie wieder, egal wen es trifft‘.“3

Man könnte zunächst naiv fragen, wie kommt jemand auf die Idee, gesetzlich verordnete Heirats- und Arbeitsverbote, Zwangsverschleppungen in Ghettos sowie die systematisch geplante Massenvernichtung die Jüdinnen und Juden erleiden mussten mit der gegenwärtigen Situation von Muslim_innen zu vergleichen. Derartigen Analogiebildungen relativieren und verharmlosen nicht nur die Schrecken der Shoah und des NS-Terrors sondern suggerieren darüber hinaus eine Ablöse der Feindbilder, wobei der Antisemitismus zu einem im Prinzip vernachlässigbaren Überbleibsel der Geschichte erklärt wird. Derartige Einwände scheinen jedoch nicht nur oft äußerlich zu bleiben sondern, zudem eine gewisse Trotz-Haltung hervorzurufen: „Ja, aber…“, „man wollte ja nicht“, „man habe damit nicht gemeint, dass…“ und „man wird doch wohl noch sagen dürfen“. Implizite oder explizite Vergleiche gegenwärtiger Diskriminierungsmechanismen mit Nazi-Deutschland lassen zumeist die gewünschte Aufmerksamkeitswirkung nicht missen.4 Darum wird gerne betont, dass Muslim_innen einen derartigen Vergleich primär aus Angst und dem Versuch sich Gehör zu verschaffen heranziehen würden. Seltsam nur, könnte man meinen, dass sich dieses Narrativ auch so vortrefflich mit jener anti-isrealischen Agenda fügt die seit der Staatsgründung Israels den jüdischen Opferstatus zu delegimieren versucht und Palästinenser_innen als die „neuen Juden der Juden“ stilisiert. So findet sich die Ansicht, welche die Existenz von Israel nicht als Konsequenz der Shoah begreift, sondern umgekehrt, die (Singularität der) Shoah als ein Narrativ israelischer/imperialer Legitimierungspolitik, ebenso quer durch die politischen Lager wie die Rede von den „neuen Juden“.5
Aber auch wenn das von der Hand wischen von Antisemitismus-Kritik in weiten Strecken symptomatisch bleibt und die antisemitische Schlagseite des Diskurses ernst genommen werden muss sollte nicht umgekehrt jeder Vergleich zwischen Rassismus und Antisemitismus vorschnell als Versuch die Shoah bzw. den Opferstatus von Jüdinnen und Juden relativieren zu wollen interpretiert werden. Muslim_innen beschweren sich zu Recht, dass ihnen aufgrund eines pauschalisierenden Antisemitismusvorwurfes mittlerweile all zu oft ihre Stimme entzogen wird. Und genauso wie die Gleichsetzung von Jüdinnen und Juden mit der israelischen Politik antisemitisch ist, ist es rassistisch von Muslim_innen zu fordern, diese müssten sich bspw. von den Taten des so genannten Islamischen Staates distanzieren. Es ist keine große Neuigkeit, dass sich der islamisierte Antisemitismus (ebenso wie zu der Zulauf von fundamentalistischen Strömungen) bei muslimischen Migrant_innen auch aus Diskriminierungserfahrungen speist. Während Israel als Symbol des Establishments hochstilisiert wird fungiert Palästina als Sinnbild für die Abwertung von Muslim_innen weltweit.6 Dass der islamische Fundamentalismus ähnlich dem Rechtsextremismus vor allem jene Marginalisierten abholt, die sich von der Gesellschaft ausgeschlossen und betrogen fühlen verdeutlicht sich auch anhand der hohen Anzahl von Dschihad-Konvertit_innen (von denen manche noch Bücher wie „Islam for Dummies“ auf Amazon bestellten bevor sie in den „Krieg gegen die Ungläubigen“ nach Syrien zogen.7 Als problematisch muss jedoch gesehen werden wenn – nicht zuletzt aufgrund des Bedürfnisses nach dem authentischen Opfer – der Fundamentalismus und Antisemitismus von Muslim_innen als Kolonialismuskritik „der dummen Kerls“8 verharmlost und nicht als reaktionäre Ideologien betrachtet werden.

Oft mangelt es auch gerade im Rahmen einer oberflächlichen und zumeist eher moralisierenden „Wehret den Anfängen“-Rhetorik an einer wirklichen Auseinandersetzung von welchen „Anfängen“ hier überhaupt ausgegangen wird. Rassismus und Antisemitismus werden demnach als austauschbare Sündenbock-Strategien begriffen. Gerade diejenigen, die bei der Frage: „Warum gerade die Jüdinnen und Juden“ in Erklärungsnöte kommen, verhandeln diesen Punkt mitunter überhaupt als zu vernachlässigende Banalität (des Bösen). „Die Welt ist arm, der Mensch ist schlecht. Da hab ich eben leider recht!“9

Antisemitismus und (antimuslimischer) Rassismus – Gemeinsamkeiten…

Analytisch zwischen Antisemitismus und Rassismus zu differenzieren bedeutet nicht automatisch vorhandene Betroffenheit zu relativeren oder die Opfer gegeneinander auszuspielen.10 Umgekehrt erweist sich auch die Verabsolutierung der Unterschiede oft als demogogische Überstrapzierung die dem Versuch Feindbilder auch in ihrem übergreifenden Zusammenhang zu verstehen hinderlich sein kann. Wer Jüdinnen und Juden hasst, verabscheut in der Regel auch Muslim_innen und umgekehrt. Auch gibt es keinen kausalen Zusammenhang, ob (direkte oder indirekte) Erfahrungen mit dem Objekt des Hasses bestehen oder nicht. Jenseits von Banalitäten wie der Hass der Mehrheit (Starken) auf die Minderheit (Schwachen) und die damit in Verbindung stehende Paranoia von Antisemit_innen und Rassist_innen, lassen sich eine Reihe von Ähnlichkeiten der Stereotypenbildung finden, die in der Unterscheidung der christlichen von der „fremden“ Religion begründet liegen. Der jüdische Andere bildete so das Fundament für jene abendländische Gemeinschaftsbildung in Europa, die entlang von Religion oder Kultur erfolgt. In diesem Sinne wurde auch der Islam immer wieder durch die Unterstellung eines jüdischen Einflusses zu dämonisieren versucht. So diskreditierte bspw. der christliche Apologet Timotheus I in seinen Briefen (780/781 n.Chr.) Muslim_innen indem er diese als „neuen Juden“ bezeichnete. Vor allem ab den Kreuzzügen sah sich das christliche Abendland in einem Zweifrontenkrieg: im inneren gegen die Juden, im äußeren gegen die Moslems. Oft, wie zur Zweiten Wiener Geserah (1670/71), diente der Vorwurf, mit den türkischen Feinden im Bunde zu sein, als Grund für Vertreibung und Pogrom. In diesem Sinne lassen sich eine Reihe von Gemeinsamkeiten zwischen Bildern der Juden und der Moslems finden, die in gegenwärtigen Diskursen teilweise reaktiviert werden.
Sowohl Jüdinnen und Juden als auch Muslim_innen würden einer Gesetzes-Religion anhängen, die ihnen unmoralisches Handeln vorschreibe. Im Gegensatz zum liebenden christlichen Gott ist der alttestamentarische sowie der muslimische Gott ein strafender und hassender, ein „Rachegott“11. Auch werden verwandte religiöse Praxen – wie etwa die Beschneidung oder das Schächten – gleichermaßen als widernatürlich begriffen. Insbesondere die Ritualmordlegende (Jüdinnen und Juden würden zu Pessach die Kinder der Christ_innen schächten und mit ihrem Blut Mazzes backen) war über Jahrhunderte fester Bestandteil des Volksglaubens. Dass auch klassisch antijüdische Motive in den Rassismus eingeflossen sind, zeigt sich etwa anhand der Behauptung, noch „zur Zeit Mohammeds“ seien „geschätzte 400 Ordensfrauen geschächtet und Allah zum Opfer dargebracht“10 (fakten 2/2004) worden. Sowohl im Bild des Talmudjuden wie auch des Koranmoslem wird eine prinzipielle Verkommenheit und Feindseligkeit aus den religiösen Schriften abgeleitet, wie z. B. das moralische Recht, Christ_innen zu täuschen oder zu betrügen. Auch wird angenommen, Muslim_innen hätte keine Hemmschwelle zu Töten, da diese kein Äquivalent zum Fünfte Gebot besäßen.13 In beiden Fällen wird das Religionsbekenntnis nicht als ethisch-theologische bzw. individuelle Glaubensfrage begriffen sondern als determinierendes Wesensmerkmal. In diesem Sinne wird auch immer wieder gefordert, dass Religionsbekenntnis im Reisepass anzuführen. Wie heute Moscheen/Minarette wurden auch Synagogen als feindliche Einrichtungen wahrgenommen mit dem Zweck die Gesellschaft von Innen heraus zu unterwandern. Beiden Gemeinschaften wird eine grundsätzliche Illoyalität zum Staat unterstellt, dem man qua Bürger_innenschaft angehört sowie einen „Staat im Staat“ (Parallelgesellschaft) zu bilden. Paranoide Verschwörungs- und Untergansphantasien gehören momentan zu den auffälligsten Ähnlichkeiten beiderlei Stereotypenbildung. Während die Juden im Stillen die Welt beherrschen würden wird jeder nach Europa bzw. in den Westen immigrierte Moslem zum versteckten Agent oder Instrument eines durch Ölscheichs finanzierten globalen Dschihads.

…und Unterschiede

Aber auch jene tradierten Stereotype, die im kollektiven Gedächtnis fest verankert scheinen, müssen historisch kontexualisiert und angesichts ihrer gegenwärtigen Bedingungen verortet werden. Entgegen aller schönfärbenden EU-Ideologie ist daran zu erinnern, dass die europäische Idee im Kern zwei spezifisch „ideologische Schemata“ enthält, „die fortwährend kollektive Gedächtnis- und Wahrnehmungseffekte hervorbringen können: das koloniale und das antisemitische Schema“14. Der Antisemitismus richtet sich hierbei gegen den unheimlichen Fremden, der antimuslimische Rassismus gegen den anderen Fremden. Anhand der Losung „Die Juden sind unser Unglück“ wandelt sich der christliche Antijudaismus mit dem Aufkommen der bürgerlichen Vergesellschaftung zu einer umfassenden Weltanschauung bzw. „Alltagsreligion“15. Der Antisemitismus erlangt nunmehr eine ihm spezifische Funktion, wobei am Ersatzobjekt Jude die Misere der Moderne abgespalten und an diesem um so heftiger eine Pseudorebellion betrieben wird. Im modernen Antisemitismus besteht zwar eine genaue, jedoch allgemeine Vorstellung von der Schlechtigkeit des Judentums wobei die einzelnen Jüdinnen und Juden (deduktiv) in diese Vorstellungswelt gepresst werden. Das Jüdische gilt den Antisemit_innen vielmehr als ein (zudem ansteckendes) Prinzip dessen wirken hinter den gesellschaftlichen Mechanismen am Wirken wäre. Dieses wird durch einen Mangel an Authentizität, Natürlichkeit und Verwurzelung und in diesem Sinne als Nicht-Identität charakterisiert. Und weil der Jude nichts ist, kann er alles werden, weshalb diesem zum Zwecke der Täuschung zugleich auch eine besondere Fähigkeit zur Anpassung bzw. Assimilation zugeschrieben wird.
Dem gegenüber arbeitet das koloniale Schema genau umgekehrt bzw. induktiv. Es verallgemeinert, schließt vom einzelnen oder von mehreren auf alle. Wie jeder Rassismus imaginiert auch der gegen Muslim_innen diese als im Prinzip minderwertig, unzivilisiert und affektgeleitet. Die muslimischen Anderen erscheinen hierbei immer erst in ihrer Masse bedrohlich, weshalb vor allem die extreme Rechte zum „Geburtenwettstreit“ ruft, der zugleich die biologistische Kehrseite des Kulturrassismus erkennen lässt. Beim Antisemitismus hingegen hingegen besteht auch die Vorstellung einer Überlegenheit, weshalb das Jüdische auch jenseits von Fragen der Quantität als besonders bedrohlich imaginiert wird.
Der antimuslimische Rassismus kennt zudem die dem Antisemitismus eigene Unterscheidung nicht, welche sich nicht nur auf „eine lediglich phantasmatische ,Rasse‘ mit widersprüchlichen Eigenschaften bezieht, sondern auch eine im Wesentlichen innere Alterität als Objekt seiner Phobie wählt, die nicht isoliert werden kann“16. Während das Judentum prinzipiell abgelehnt und alles Jüdische als feindlich und bösartig halluziniert wird, wird der Islam in seinen „jeweiligen Stammländern als legitime Lebens- und Kulturform anerkannt“17 (RFJ) wobei dem „ Selbstbestimmungsrecht der Völker (…) gegenüber Weltmacht‐Interessen endlich mehr Gewicht eingeräumt werden“18 (FPÖ). In diesem Sinne unterscheiden sich auch die Verschwörungsphantasien: Jüdinnen und Juden wird zwar unterstellt sie würden im verborgenen bestimmte Machtstrukturen kontrollieren bzw. unterwandern, diese – wie etwa Banken oder die Medien – werden jedoch im Prinzip als die eigenen begriffen. Muslim_innen hingegen wird unterstellt, sie würden die bestehende Institutionen durch ihre eigenen bzw. fremden verdrängen wollen. So ist der Islam der Feind mit dem man sich arrangieren oder Frieden schließen könnte, die Juden hingegen können nur vernichtet werden. Es gibt keine Vernichtungsaufrufe gegen den Islam, bzw. muslimische Länder und Muslim_innen werden auch nicht auf der ganzen Welt verfolgt und ermordet, nur weil sie Muslim_innen sind.
Wer die verschiedenen ideologischen Funktionen von Antisemitismus und (antimuslimischen) Rassismus angesichts bestehender Gemeinsamkeiten nivilliert macht sich der Entpolitisierung schuldig. Beide ergänzen sich zudem auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene viel zu gut, als dass der eine den anderen erfolgreich ersetzen könnte. Beinahe jede Fraktion der extremen Rechten führt heute Europa als Kampfbegriff im Mund. Vordergründig wird gegen die Moslems gehetzt und hintergründiger gegen den westlichen Werteverfall, die Amerikanisierung, Multi-Kulti, die abgeklärte Aufklärung oder eben die Juden. Sie alle reaktualisieren das europäische Syndrom: die „Bürde“ des weißen Mannes und dessen paranoide Angst vor dem Untergang.

***

Anmerkungen

1 Kirchick, James: Die neuen alten Juden. Warum „Islamophobie“ in Europa nicht mit Antisemitismus gleichgesetzt werden kann. Weder im Wesen noch im Ausmaß. Ein Gastbeitrag. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.08.2014. http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/islamophobie-und-antisemitismus-die-neuen-alten-juden-13124344.html

2 Ohne Autor: Faruk Sen. „Die Türken sind die neuen Juden“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.06.2008. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/faruk-sen-die-tuerken-sind-die-neuen-juden-1545658.html

3 Langer, Armin: Muslime sind die neuen Juden. In: Der Tagesspiegel, 09.09.2014. http://www.tagesspiegel.de/politik/rassismus-und-antisemitismus-in-deutschland-ueber-juedische-kultur-wird-oft-so-lobend-gesprochen-dass-es-schon-nervt-/10669820-2.html

4 Und auch andere von Marginaliserung Betroffene haben dies immer wieder getan, so beispielsweise jene Feministinnen, die in den 1970er Jahren die Hexenverbrennungen mit der Shoah parallelisierten.

5 Umgekehrt werden Wahlerfolge rechter bzw. nationalistischer Parteien in Israel übrigens seltener mit der Angst der Bevölkerung vor Rakatenangriffen und Vernichtungsdrohungen erklärt.

6 Biermann, Sybille: Antisemitismus. Die Jugendlichen fühlen sich nicht verstanden. In: Migazin, 17.09.2014. http://www.migazin.de/2014/09/17/die-jugendlichen-fuehlen-sich-nicht-verstanden/

7 Robinson, Martin: British terrorists from Birmingham bought ‚Islam for Dummies‘ book before travelling to Syria to join rebel fighters in jihad. In: Daily Mail, 8.07.2014. http://www.dailymail.co.uk/news/article-2684714/I-tell-I-m-going-jihad-Lol-I-ll-arrested-What-British-terrorist-Birmingham-told-childhood-friend-travelled-Syria-join-rebel-fighters.html

8 Der Sozialist August Bebel soll gesagt haben, dass Antisemitismus der „Sozialismus der dummen Kerls“ wäre.

9 Brecht, Bertold: Die Dreigroschenoper. Frankfurt am Main: 1968, S. 44

10 Schiedel, Heribert: „Extreme Rechte in Europa“. Wien: 2011, S. 34ff.

11 Vgl. bspw. http://www.pi-news.net/2011/10/thesenpapier-gegen-die-islamisierung/

12 http://www.doew.at/erkennen/rechtsextremismus/neues-von-ganz-rechts/archiv/maerz-2004/rechtsextreme-tierschuetzer-fakten

13 So fällt auch Geert Wilders – angesichts der religionshistorischen Nähe von Judentum und Islam notwendigerweise in antijüdische Ressentiments zurück. Im Interview mit dem Nachrichtenmagazin profil (März 2010) führt er etwa als Beispiel für die von ihm behauptete islamische Verkommenheit ausgerechnet das aus jüdischer Tradition stammende Gebot des absoluten Vorranges des Lebens (gegenüber dem religiösen Bekenntnis) an, die Taqiyya. Nach dieser ist es erlaubt, (über das religiöse Bekenntnis) die Unwahrheit zu sagen, wenn man damit sein Leben rettet. Als christlicher Suprematist lehnt Wilders auch das „Alte Testament“ aufgrund der dort zu findenden „harten Worte“ ab (http://www.profil.at/articles/1012/560/265086/man-islamfeind-geert-wilders-interview).

14 Balibar, Étienne: „Es gibt keinen Staat in Europa”. Rassismus und Politik im heutigen Europa, in: Kalpaka, Annita; Nora Räthzel, (Red.): Rassismus und Migration in Europa. Hamburg, Berlin 1992, S. 10–29; hier: S. 19

15 Vgl. Claussen, Detlev: Aspekte der Alltagsreligion. Ideologiekritik unter veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen. Hamburg: 2005

16 Balibar, Étienne: Der antisemitische Komplex. Erstveröffentlichung: Frankfurter Rundschau, 25.06.2002. http://www.hagalil.com/antisemitismus/europa/juden-araberhass.htm

17 Ring Freiheitlicher Jugend (RFJ): „Salzburger Deklaration: Europa und der Islam“

18 Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ): „Wir und der Islam“

Kommentare deaktiviert für Warum Muslim_innen nicht die „neuen Juden“ sind

Eingeordnet unter Hintergründe

„Wer nicht hüpft, der ist ein …“

erschienen in Progress 3/14

In Zusammenhang mit Sport werden exkludierende Ideologien verbreitet. progress nimmt den Antisemitismus im österreichischen Fußball unter die Lupe.

Judith Goetz

In der medialen Rezeption von Fußball steht oft die nostalgische Verklärung von Fußballlegenden, Vereinen oder einzelnen Spielen im Vordergrund. Eine kritische Hinterfragung der antisemitischen Auswüchse dieser Sportart wird dabei meist verunmöglicht. Zwar verweisen manche Stimmen neben der Kommerzialisierung des Fußballs auch auf Problematiken wie Antisemitismus und Rassismus auf den Tribünen. Aber selbst ihnen fehlt die theoretische Einbettung von einzelnen Tatsachenberichten. Das Wesen des Antisemitismus bleibt somit meist unerkannt und seine Ursprünge bleiben unhinterfragt.

Antisemitismus wird in der Fußballliteratur oft als eine mögliche Form des Rassismus abgetan und nicht eigenständig behandelt. Dieser Zugang spiegelt sich leider auch häufig in der antidiskriminatorischen Fanarbeit oder in Fairplay-Kampagnen wider. So wird Antisemitismus oft nur nach entsprechenden Vorfällen von Seiten der Spieler oder Fans explizit zum Thema gemacht und eigenständige Projekte zur Sensibilisierung und Prävention stehen bis heute aus.

Rassismus und Antisemitismus sind jedoch in ihrem Wesen und ihren Erscheinungsformen grundverschieden: Der Hass auf Juden und Jüdinnen richtet sich gegen ihre imaginierte Allmacht, wohingegen sich der Rassismus gegen die jeweilige Ohnmacht der rassistisch markierten „Anderen“ wendet. Gerade auch weil Antisemitismus im Fußball nicht immer so deutlich auftritt, aber dennoch latent vorhanden und tief verankert ist, wäre die Auseinandersetzung mit dem Phänomen von besonderer Wichtigkeit.

Wir-Identitäten. Im Fußball entsteht durch gemeinsam erlebte Siegund Niederlageszenarien ein regional bis national verortetes Gruppenbewusstsein. Unter Fans stehen meist Werte wie Zugehörigkeit, die Treue gegenüber einer Mannschaft sowie die KameradInnenschaft untereinander im Mittelpunkt. Der Historiker Michael John beschreibt Fußball als „ritualisiertes Kampfspiel mit stark hierarchischem Charakter“. Die dabei verstärkte Gruppenidentität kann dazu führen, dass der sportliche Gegner als realexistierender Feind wahrgenommen wird. Dabei entsteht ein kollektives Wir, das der Volksgemeinschaft nicht unähnlich ist und zur starken Identifizierung, auch durch Symbole wie zum Beispiel Fahnen, Kappen und Schals, einlädt. Fußballspiele können durch ihre Funktion als Ventil zur Freilassung von Aggressionen „potentielle Krisenherde“ darstellen, die ein gewisses Machtinteresse transportieren. Auf diese Weise vermischen sich soziale mit sportlichen Werten, die ausgehend von bestimmten Ideologien vorbestimmt sind. So ist auch die Affinität rechtsextremer Gruppierungen zum Fußball nicht neu und gründet auf den angesprochenen Wertvorstellungen bestimmter Fanszenen, wie der Betonung von KameradInnenschaft sowie nationalistischen, fremdenfeindlichen, rassistischen und antisemitischen Orientierungen.

Antisemitismus ohne Juden. Antisemitische Sprüche wie „Scheiß Juden“ oder „Wer nicht hüpft, der ist ein Jude!“ gehören bei Spielen gegen israelische Mannschaften zum rechtsextremen Fußballalltag. Rechtsextremes Gedankengut wird zudem über Symboliken wie Reichkriegsfahnen und Keltenkreuze oder über NS-verharmlosende Botschaften wie Hitler-Grüße zum Ausdruck gebracht. Dass Antisemitismus aber nicht auf real existierende Juden und Jüdinnen angewiesen ist, zeigt sich in Österreich beispielsweise in den Auseinandersetzungen der beiden Wiener Fußballklubs Austria (FAK) und SK Rapid. Da sich ersterer historisch gesehen aus bürgerlichen und jüdischen Gesellschaftsschichten zusammensetzte, sehen sich Rapid-Fans trotz der Tatsache, dass es in Österreich kaum bis keine SpitzensportlerInnen jüdischer Herkunft gibt, noch heute veranlasst, mit antisemitischen Parolen gegen die Austria anzutreten. Im August 2004 war auf einer Tribüne des Heimstadions der Austria der antisemitische Schriftzug „Franz Strohsack-Synagoge“ zu lesen, in Anspielung auf den Besitzer des Magna-Konzerns und ehemaligen Präsidenten der Austria, Frank Stronach. Bis heute finden sich rund um das Rapid-Stadion in Hütteldorf Davidstern-Sprayereien, verziert mit den Buchstaben FAK. Auch in den Reihen der Fans des Linzer Athletik- Sport-Klub (LASK) war 2007 ein Transparent mit der Aufschrift „Schalom“ zu sehen und Sprechchöre wie „Ihr seid nur ein – Judenverein“ waren zu hören. Bei einem Bundesligaauswärtsspiel 2009 gegen die Austria im Horr-Stadion wurden Parolen wie „Juden Wien, Juden Wien“ skandiert.

Judenfeindliche, antisemitische Ausdrucksformen zielen durch die mit antisemitischen Stereotypen verbundenen Konnotationen auf die prinzipielle Abwertung der gegnerischen Mannschaft oder der Schiedsrichter ab. Der Antisemitismus ist also auch als ein System von Welterklärungsmustern zu verstehen, in welchem Juden und Jüdinnen als Projektionsfläche für die eigene Paranoia dienen. Auch im Fußball zeigt sich die tiefgehende gesellschaftliche Verankerung der Ablehnung und Abwertung von allem, was als „jüdisch“ gilt.

Neonazis im Stadion. Fußballfans sind auch immer wieder Anwerbeversuchen durch Neonazis ausgesetzt, die Fußballstadien dazu nutzen, ihre Parolen zu platzieren. Antisemitisch motivierte Aktionen waren beispielsweise bei den Fans des Wiener Klubs Rapid insbesondere ab den 1980ern wieder verstärkt anzutreffen, unter anderem weil der international bekannte Holocaustleugner Gottfried Küssel begonnen hatte, im Rapid-Stadion Nachwuchs zu rekrutieren.

Aber auch die Austria hat seit einiger Zeit selbst ein massives „Neonaziproblem“. Insbesondere der rechtsextreme, inzwischen ausgeschlossene Fanclub Unsterblich fungiert seit einigen Jahren als Sammelbecken für Neonazis. Nicht nur Sprüche wie „Rassist, Faschist, Hooligan“ oder „Zick-zack Zigeunerpack“ sollen zu ihrem Standardrepertoire gehören, bei einem Europa League-Spiel gegen die baskische Mannschaft Athletic Bilbao waren neben einer Reichskriegsfahne auch Transparente mit dem Spruch „Viva Franco“ zu sehen. Bereits zuvor war der Austria-Fanclub Bull Dogs, der selbst das Keltenkreuz in seinem Logo hat, durch einschlägige Fanartikel in den Farben der Reichskriegsflagge aufgefallen.

Judith Goetz ist Literatur- und Politikwissenschafterin und Mitglied der Forschungsgruppe „Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ (www.fipu.at).

Literaturtipps:

Horak, Roman/Reiter, Wolfgang/ Stocker, Kurt (Hg.): Ein Spiel dauert länger als 90 Minuten, Junius, Hamburg 1988.

Michael John: Kriege im Stadion. Bemerkungen zu Fußball und Nationalismus; in: Schulze-Marmeling, Dietrich (Hg.): Der gezähmte Fußball. Zur Geschichte eines subversiven Sports; Göttingen 1992.

Kommentare deaktiviert für „Wer nicht hüpft, der ist ein …“

Eingeordnet unter Hintergründe

„Imaginationen des Untergangs. Zur Konstuktion antimuslimischer Fremdbilder im Rahmen der Identiätspolitik der FPÖ.“ Neuerscheinung von Carina Klammer

In ihrem neu erschienenen Buch rekonstruiert die Soziologin Carina Klammer Mechanismen der antimuslimischen Fremdbildproduktion und analysiert deren Stellenwert für Entwicklungen inner- sowie außerhalb der extremen Rechten.
Im Rahmen der jüngsten Aufregung rund um die Facebook Gruppe „Wir stehen zur FPÖ!“ landete die FPÖ erneut in den Schlagzeilen, da am virtuellen Stammtisch u.a. antimuslimische Anfeindungen betrieben und damit einhergehend Morddrohungen ausgesprochen wurden. Insofern büßt die Publikation, die sich antimuslimischen Fremdbilder in der FPÖ seit der Parteispaltung im Jahr 2005 und Heinz-Christian Straches Antritt als Parteiobmann widmet, nicht an Aktualität ein. Anhand von Untergangsimaginationen und dem Appell zur „Abendlandrettung“, so die Conclusio, sollen vornehmlich der altbekannte Rassismus, sowie mehr oder weniger unter der Hand Antisemitismus und Weiblichkeitsabwehr auf die Höhe der Zeit gebracht und salonfähig werden.
Im Rahmen der Analyse werden darüber hinaus Islambilder und antimuslimische Bündnispolitiken innerhalb der extremen Rechten näher beleuchtet, (historische) Referenzen des rechten Abendland-Diskurses aufgezeigt sowie Verflechtungen mit öffentlichen Diskursen und staatlichen Migrations- und Integrationspolitiken betrachtet.
Auch versucht die Autorin den Blick dafür zu stärken, dass innerhalb der Rechtsextremismusforschung Geschlechterverhältnisse als grundlegende Analysekategorie in den meisten Fällen unterbelichtet bleiben. So wird nicht nur ein Blick auf die Instrumentalisierung von Frauenrechten angesichts rassifizierender Politiken geworfen, sondern auch die geschlechterspezfische Struktur von antimuslimischen Ressentiments näher erörtert und mit dem konstitutiven Antifeminismus der FPÖ in Verbindung gebracht.
Ein wesentlicher Teil des Buches widmet sich darüber hinaus der kritischen Auseinandersetzung mit gängigen wissenschaftlichen Begrifflichkeiten und Erklärungsmustern, wobei auch auf Opferkonkurrenz-Debatten Bezug genommen wird, die für die weitere wissenschaftliche Arbeit zum Thema prägend blieben. Dementsprechend wird auch die Frage aufgeworfen, wie unterschiedliche Feindbilder (Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Antifeminismus, Homophobie, etc.) verstärkt in ihrem Zusammenhang gedacht werden können, ohne dass ihre jeweiligen Spezifika und Unterschiede nivilliert werden.

„Es erschien mir – unter anderem angesichts der bestehenden Kontroversen – weder möglich noch erstrebenswert ein Buch über antimuslimische Fremdbilder zu schreiben, welches sich primär an der FPÖ abarbeitet“. Vielmehr sollen Kontextualisierungen und Zusammenhänge herausgearbeitet werden, „die mehr oder weniger weit über die FPÖ hinausreichen, jedoch für ein umfassenderes Verständnis der Thematik bzw. gegenwärtiger antimuslimischer Ressentiments und Rassismen hilfreich bis unabdingbar sind „(S.9).

Über die Autorin:
Carina Klammer ist Soziologin, im Rahmen von FIPU tätig und schreibt ihre Dissertation zum Thema des ideologischen Verhältnisses von „Körper“ und „Geist“ innerhalb der extremen Rechten im Postnazismus. Lehrauftrag an der Akademie der Bildenden Künste in Wien im WS 2013/14: „Geschlecht gegen den (Schluss-)Strich denken – Vergeschlechtlichte Körper-Bilder im Postnazismus“.

Weitere Informationen zum Buch:
Imaginationen des Untergangs.
Zur Konstruktion antimuslimischer Fremdbilder im Rahmen der Identitätspolitik der FPÖ
Carina Klammer
Erschienen im LIT-Verlag
Reihe: Soziologie, Band 81, 2013, broschiert, 128 Seiten
ISBN: 978-3-643-50520-0

G:/reihe/umschlag/50520-0.dvi
http://www.lit-verlag.de/isbn/3-643-50520-0

Kommentare deaktiviert für „Imaginationen des Untergangs. Zur Konstuktion antimuslimischer Fremdbilder im Rahmen der Identiätspolitik der FPÖ.“ Neuerscheinung von Carina Klammer

Eingeordnet unter Hintergründe

Zum Verhältnis von Antisemitismus und Fußball in Österreich

Erschienen in fiber.werkstoff für feminismus und popkultur, Nr 22/2013 „leibesübungen“, Seiten 40-41 und 44-47.

Ausgehend von der Annahme, dass Fußballmatches „die zentralen Werte unserer Gesellschaft in komprimierter Form sichtbar“ (1) machen, kann gesagt werden, dass Sportstadien lediglich einen örtlich eingegrenzten und zeitlich definierten Raum mit einem bestimmten Publikum darstellen, an welchem die konfliktreichen Auswüchse des gesamtgesellschaftlichen Geschehen ausgetragen werden. Sie können weder davon losgelöst betrachtet noch analysiert werden. Moderner Sport wie der Profifußball ist einerseits durch die Kommerzialisierung von Stadien, Spielen und auch FußballerInnen unweigerlich in die Marktwirtschaft eingebunden, andererseits stellt er jenen Teil der gesellschaftlichen Strukturierung dar, der, wie Theodor W. Adorno Adorno (2) meint, versucht, den Bedeutungsverlust von Körperlichkeit durch das verstärkte Aufkommen von Maschinen in der Arbeitswelt auszugleichen, indem der Körper selbst neue Funktionen bekommt. Dadurch würde er auch ins „Reich der Unfreiheit“ gehören. Diese Unfreiheit meint nicht nur die durch materielle Zwänge und Unterwerfung unter das hegemoniale System des Kapitalismus verursachte, sondern auch die Unfreiheit von ideologischen Bestimmungen und Ausrichtungen. Sport stellt demzufolge „keinen gesellschaftlichen Freiraum dar, sondern ist als Teilbereich des sozio-kulturellen Systems in gesamtgesellschaftliche Bedingungen und Wertvorstellungen eingebettet.“ (3) In seinen modernen Ausprägungen stellt der Sport ein Feld dar, an dem gesellschaftliche Ideologien verbreitet werden, die sich in ihren Massenveranstaltungen manifestieren. Da Fußball ursprünglich aus England kam und in Österreich und Deutschland anfänglich als „Engländerei“ diffamiert wurde, konnte sein gesellschaftspolitischer Inhalt erst im Laufe seiner Etablierung im deutschsprachigen Kontext vom ideologischen Ballast des als deutsch geltenden Turnens unterwandert werden. Der antisemitische Nährboden im Sport, den die Nazis für sich vereinnahmten, konnte schließlich, wie auch gesamtgesellschaftlich, auf der florierenden Ablehnung der Juden und Jüdinnen rund um die Jahrhundertwende aufbauen und stellte somit keine grundlegende Neuheit dar. So scheint es auch kaum verwunderlich, dass sich diverse antisemitische Stereotype und Feindbilder im Fußball nach 1945 unmittelbar fortsetzten und bis zum heutigen Tage nicht an Popularität eingebüßt haben. So zeigt sich nicht zuletzt, dass die antisemitischen Kontinuitäten im österreichischen Sport nach dem Zweiten Weltkrieg in einer unleugbaren Parallelität zu den gesamtgesellschaftlichen Fortsetzungen des Antisemitismus in Österreich stehen.

Antisemitismus im Fußball vor und während der Shoah

Antisemitismus als integraler Bestandteil von Fußball wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts deutlich, insbesondere im Zusammenhang mit den Teams des Hakoah-Klubs, einem zionistischen Sportverein, der 1909 gegründet worden war. Der Verein konnte sich wegen der anfänglichen Ablehnung der neuen Sportarten von deutschnationaler Seite insbesondere im Bereich Fuß- und Wasserball gut entwickeln. Die Spieler waren jedoch ständig mit Antisemitismus konfrontiert, so waren etwa Angriffe und Beschimpfungen an der Tagesordnung, genauso wie die Ablehnung jüdischer Schiedsrichter oder die Weigerung einiger Vereine, gegen jüdische Mannschaften zu spielen. Bis Ende des 19. Jahrhunderts war in Deutschland und Österreich das als „deutsch“ geltende Turnen die vorherrschende Art der „Leibesertüchtigung“, während Ballspiele als „Engländerei“ diffamiert wurden.

Nach dem so genannten Anschluss Österreichs wurden „nicht-arische und undeutsche Elemente“ aus dem Sportwesen durch Verbot ausgeschlossen, sämtliche Verträge von jüdischen Berufssportlern gekündigt, jüdische Spieler von der laufenden Meisterschaft ausgeschlossen und der österreichische Fußballverband als Gau XVII Ostmark in den Nationalsozialistischen Deutschen Reichsbund für Leibesübungen (NSRL) integriert. In Österreich war auch der als jüdisch geltende Fußballklub Austria unmittelbar von den „Umstrukturierungen“ betroffen: Sein Name wurde aufgrund der großdeutschen Sprachregelung, nach der Österreich namentlich nicht mehr vorkommen sollte, in „SC Ostmark“ geändert, der jüdische Klubpräsident Emmanuel Schwarz durch einen Nazi ersetzt. Während Austria fortbestand, wurde der Sportklub Hakoah gänzlich aufgelöst, sein Vereinsvermögen beschlagnahmt, der Hakoah-Sportplatz in der Krieau der SA-Standarte 90 zugeordnet, und die Ergebnisse der laufenden Meisterschaften wurden annulliert. Damit fand der jüdische Fußball in Österreich zunächst ein Ende. Den meisten der ehemaligen Aktiven gelang die Flucht ins Ausland, doch viele kamen auch in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern ums Leben. Bis heute lassen sich wenige Vereine finden, die sich mit ihrer Geschichte zwischen 1938 und 1945 auseinandergesetzt haben. Eine erwähnenswerte Ausnahme stellt die von Rapid Wien und dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands herausgegebene Publikation „Grün-Weiß unterm Hakenkreuz. Der Sportklub Rapid im Nationalsozialismus“ dar.

Die Kontinuitäten des Antisemitismus im Fußball nach 1945
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges musste in Österreich wiederum eine neue kollektive Identität gebildet werden, bei der auch dem Sport eine entscheidende Rolle zugekommen ist. Insbesondere die Abgrenzung von Deutschland in der zweiten Republik forcierte in den ersten Jahren nach dem Krieg ein Aufleben des österreichischen Patriotismus, in dem sich ein „Antigermanismus“ breit machte, der sich über Jahrzehnte hinweg durch die unzähligen Niederlagen verstärkte. Dies ging sogar so weit, dass rechtsextreme ÖsterreicherInnen in einem Länderspiel gegen Deutschland im Jahr 1986 in einem Flugblatt den deutschen rechtsextremen Fans den Tod wünschten. Zu antisemitisch motivierten Ausschreitungen war es bereits kurz nach Kriegsende gekommen, bei einem Spiel der getrennt vom Stammverein geführten Fußballmannschaft der Hakoah, die aus Halbprofessionellen bestand und in der 2. und 3. Liga spielte, gegen Polizei Wien. Ein verordneter Strafschuss gegen die Hakoah-Mannschaft führte zu einer Schlägerei, die von Ausrufen wie „Saujuden“ und „ins Gas mit ihnen“ begleitet wurde. Weitere Ausschreitungen folgten bei einem Spiel zwischen dem Brigittenauer Verein AC Sparta und Hakoah im Jahr 1948. Die physischen Übergriffe auf jüdische Spieler und ein parteiischer Schiedsrichter waren der Grund dafür, dass Hakoah nach dem Spiel darauf hinwies, dass es unter derartigen Umständen unmöglich sei, von einem geregelten Sportbetrieb zu sprechen. Phänomene des Rassismus, Sexismus, Nationalismus, Homophobie und selbstverständlich auch Antisemitismus, die im Fußball wie durch ein Brennglas an Schärfe gewinnen, sind demnach auch nach 1945 in erster Linie gesellschaftliche, die aus deren „Mitte“ stammen und sich so als Änderungen gesellschaftlicher Strukturen, sozialer Verhaltensregeln auch im Bereich des Sports auswirken. Der Sport ist so gesehen eine Manifestation spezifischer gesellschaftlicher Entwicklungen schlechthin, und so lassen sich Argumentationsmuster und Herangehensweisen sowie der Umgang mit dem industriell betriebenen Massenmord an über sechs Millionen Juden und Jüdinnen auch im Sport finden.

Die Affinität und Nähe des Fußballs zu rechtsextremen Gruppierungen stellen in bestimmten Fanszenen aufgrund der Ähnlichkeit ihrer Wertvorstellungen wie beispielsweise der Betonung von KameradInnenschaft unter den Fans sowie ihren nationalistisch, fremdenfeindlich, rassistisch und antisemitisch motivierten Orientierungen keine Neuheit mehr da. Im Gegenteil gewinnen ebendiese Gruppen zunehmend an Popularität, und so sind Fußballfans immer wieder Anwerbeversuchen durch Neonazis ausgesetzt, die Fußballstadien dazu nutzen, ihre Parolen zu platzieren. Antisemitisch motivierte Aktionen ließen sich beispielsweise bei den Fans des Wiener Klubs Rapid insbesondere ab den 1980ern wieder verstärkt antreffen, unter anderem weil der international bekannte Holocaustleugner und ehemalige „Führer“ der VAPO (Volkstreue Außerparlamentarische Opposition) Gottfried Küssel begonnen hatte, im Rapid-Stadion Nachwuchs zu rekrutieren. Aber auch heute sorgen antisemitische Entgleisungen in den Reihen der RapidlerInnen immer wieder für Aufsehen. So waren auch im letzten Jahr im Rahmen der Europa-League Spiele gegen Hapoel Tel Aviv nicht nur immer wieder Sprüche wie „Scheiß Juden“ zu hören, auch streckte ein Rapid-Fan vor laufender Kamera beim Auswärtsmatch in Tel Aviv die Hand zum Hitlergruß aus. Ein Jahr später war bei einem Spiel am 20.April im Rapid Fansektor ein Transparent mit der Aufschrift „Alles Gute 18“ zu sehen, das sich auf den ersten und achten Buchstaben im Alphabet A und H, Adolf Hitlers Geburtstag bezog. (4) 2007 waren die Rapid-Fans bei einem Länderspiel mit einem Transparent mit der Aufschrift „Judasschitz raus aus Hütteldorf“ aufgefallen, das sich gegen den damaligen Kapitän des Nationalteams, Andreas Ivanschitz richtete, der den „Verrat“ begangen hatte zum verhassten Konkurrenzverein Red Bull zu wechseln. Aber auch beim Qualifikationsspiel für die Champions League 2009 kam es auf den ZuschauerInnenrängen von Red Bull Salzburg zu deutlichen antisemitischen Äußerungen wie „Wer nicht hüpft, der ist ein Jude“ gegen die gegnerische Mannschaft Maccabi Haifa. Auch bei Spielen anderer österreichischer Fußballklubs kam es in der Vergangenheit zu derartigen Vorfällen. So machten im März 2006 Angehörige des St. Pöltner Fanclubs „Bad Boys“ bei einem Spiel zwischen SKN St. Pölten gegen den Wiener Sportklub mit einer Reichkriegsfahne auf sich aufmerksam. Kurz zuvor hatte der Fanclub „Braunauer Bulldogs“, die bei Auswärtsspielen ihres Fußballsklubs gerne den Schlachtgesang „Wir sind die Jungs aus der Hitlerstadt!“ anstimmen, auf die vereinseigene Homepage ein Foto gestellt, auf dem die Bulldogs mit ihrem Transparent und dem Hitlergruß vor dem Eingang des KZ Mauthausen posierten. 2009 tauchte bei einem Regionalligaspiel des Grazer Athletiksport Klub (GAK) im Fansektor eine Nazifahne auf, auf der ein weißer Kreis auf rotem Grund mit schwarzem Keltenkreuz in der Mitte zu sehen ist und die in Deutschland auch verboten ist.
Dass Antisemitismus, sowohl im gesellschaftlichen Alltag als auch im Sport, nicht auf real existierende Juden und Jüdinnen angewiesen ist, zeigt sich beispielsweise in den Auseinandersetzungen der beiden österreichischen Fußballklubs Austria und Rapid. Da sich ersterer, historisch gesehen, aus bürgerlichen und jüdischen Gesellschaftsschichten zusammensetzte, sehen sich Rapid-Fans trotz der Tatsache, dass es in Österreich kaum noch SpitzensportlerInnen jüdischer Herkunft gibt und sich die beiden Klubs in Bezug auf Spielerreservoir, Publikum und politisches Umfeld kaum voneinander unterscheiden, veranlasst, mit Parolen wie „Haut’s die Juden eini’!“ gegen die Austria anzutreten. Im August 2004 war auf einer Tribüne des Heimstadions der Austria Wien der antisemitische Schriftzug „Franz Strohsack-Synagoge“ zu lesen, in Anspielung auf den Besitzer des Magna-Konzerns und ehemaligen Präsidenten der Austria, Frank Stronach. Auch in den Reihen der Fans des Linzer Athletik-Sport-Klub (LASK) waren 2007 sowohl ein Transparent mit der Aufschrift „Schalom“ zu sehen als auch Sprechchöre „Ihr seid nur ein – Judenverein“ und bei einem Bundesligaauswärtsspiel 2009 gegen die Austria im Horr-Stadion Parolen wie „Juden Wien, Juden Wien“ zu hören. Dieses Phänomen, judenfeindliche, antisemitische Ausdrucksformen gegen den jeweiligen spielerischen Gegner zu gebrauchen, setzt sich im österreichischen Fußball nicht nur am Beispiel des Fußballklubs Austria fort, sondern zielt durch die mit antisemitischen Stereotypen verbundenen Konnotationen auf die prinzipielle Abwertung der feindlichen Mannschaft oder der Schiedsrichter ab. Der Antisemitismus ist also auch als ein System von Welterklärungsmustern zu verstehen, in welchem Juden und Jüdinnen zur Projektionsfläche der eigenen Paranoia dienen. Indem Juden und Jüdinnen allgegenwärtig gesichtet werden, bietet ihr Feindbild zugleich die Erklärung für soziale Missstände, Wünsche und Probleme. So zeigt sich an diesem Beispiel also auch im Fußball die tiefgehende gesellschaftliche Verankerung der Ablehnung und Abwertung von allem als „jüdisch“ geltendem bzw. all jenem, was sich als „jüdisch“ instrumentalisieren lässt.

Gleichzeitig hat aber auch die Wiener Austria selbst seit einiger Zeit ein massives „Neonaziproblem“, wie es sooft in der Berichtserstattung über Entgleisungen der Austria Fans heißt und wie, wenn auch etwas spät und zögerlich, auch vom Verein erkannt wurde. Insbesondere der rechtsextreme Fanclub „Unsterblich“ fungiert seit einigen Jahren als Sammelbecken für Neonazis, die aufgrund ihrer antisemitischen, rassistischen und faschistischen Agitationen immer wieder für Aussehen gesorgt haben. So sollen nicht nur Sprüche wie „Rassist, Faschist, Hooligan“ oder „Zick-zack Zigeunerpack“ zu ihrem Standardrepertoire gehören, bei einem Europaleaguespiel gegen die baskische Mannschaft Athletic Bilbao waren darüber hinaus neben einer Reichskriegsfahne auch Transparente mit dem Spruch „Viva Franco“ zu sehen. Aber auch auf politischen Kundgebungen der FPÖ oder bei Angriffen auf AntifaschistInnen sind „Unsterblich“-Fans zunehmen anzutreffen. Bereits zuvor war der Austria Fanclub „Bull Dogs“, die selbst das Keltenkreuz in ihrem Logo haben, durch einschlägige Fanartikel in Reichskriegsfarben aufgefallen.

Trotz dieser zahlreichen und denn noch ausschnitthaften Beispiele wurde und wird Antisemitismus kaum als Problem der Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen. Gerade auch weil Antisemitismus im Fußball nicht immer so deutlich auftritt wie bei den beschriebenen Agitationen, aber dennoch latent vorhanden und tief verankert ist, ist die Auseinandersetzung mit dem Phänomen von besonderer Wichtigkeit. So verwundert es nicht, dass auch die Medienberichterstattung oftmals antisemitische Züge aufweist. Auch hierfür lässt sich ein Beispiel finden: Das Länderspiel zwischen Österreich und Israel am 7. Oktober 2001, das in Israel stattfinden sollte. Die Frage, warum das Spiel angesichts der Gefahr eines möglichen Terroranschlags nicht an einem anderen Ort ausgetragen würde, beantwortete der Fußballkolumnist der Tageszeitung Kurier, Wolfgang Winheim, mit der „Geldgier“ der Israelis.

Judith Goetz*

*Literaturwissenschafterin und Politikwissenschafterin. Seit 2001 zahlreiche Auslandsaufenthalte und soziale Tätigkeiten vor allem in Lateinamerika (Guatemala, Nicaragua, Argentinien, Venezuela), Mitglied der Redaktion Context XXI, zahlreiche Artikel und Vorträge zu den Themenbereichen Rechtsextremismus, Gedenkpolitik und Gedenkkultur in Österreich sowie zu feministischen/frauenpolitischen Fragestellungen.

(1) Bromberger, Christian, in Horak, Roman/ Reiter Wolfgang Horak, Roman: „So werden wir nicht Meister …“. ’soccer hooliganism‘ in Austria revisited; Expertise I im Rahmen des ‚Cross National Survey on the Changing Nature, Causes and Long Term Policies Regarding Spectator Violence and Football‘ des Europarates ; eine Studie der Projektgruppe „Fußballgewalt in Österreich“ im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit, Sport und Konsumentenschutz. Wien 1991, S. 23
(2) Adorno, Theodor W.: Das Reich der Unfreiheit und der Sport, in: Sportphilosophie, Leipzig 1997, S 43
(3) Michael John: Kriege im Stadion. Bemerkungen zu Fußball und Nationalismus; in: Schulze-Marmeling, Dietrich (Hg.): Der gezähmte Fußball. Zur Geschichte eines subversiven Sports; Göttingen 1992, S. 257-268., hier S. 257

(4) Das Transparent wurde von den Ultras selbst abgenommen und auch darüber hinaus beteiligt sich Rapid seit einigen Jahren an antirassistischen Kampagnen. Eine einheitliche Linie der Fans sowie auch der Ultras ist jedoch nicht zu erkennen, weshalb ihr Engagement auch immer wieder kritisiert wurde

Kommentare deaktiviert für Zum Verhältnis von Antisemitismus und Fußball in Österreich

Eingeordnet unter Hintergründe