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Eilige Gedanken zu Ball, Verbot, Gewalt und Medien

Ich erhalte in den Tagen und Wochen vor dem WKR-/Akademikerball viele Anfragen – heuer sind es mehr denn je. Das freut mich, weil es Interesse an meiner Arbeit über Burschenschaften bezeugt. Was mich weniger freut ist, dass der Inhalt der Anfragen, je näher der Ball rückt, verlässlich immer weiter von Burschenschaften weg- und zu Demonstrationen, Polizei und juristischem Drumherum hinrückt. Das journalistische Interesse an diesen Belangen ist natürlich legitim, ich bin dafür aber schlicht kein geeigneter Ansprechpartner. Die antifaschistischen Bündnisse, die Proteste organisieren, können sehr gut für sich selbst sprechen. Von Polizeitaktik wiederum hab ich keine und von Versammlungsrecht nur rudimentäre Ahnung.

Nun mag die Vermutung naheliegen, dass erwähnte Fokusverschiebung der (verbal?-)radikalen Linken anzulasten sei, die durch militantes Auftreten die Problematik eines Stelldicheins der äußersten akademischen Rechten in der Hofburg in den Hintergrund dränge. Diese Sichtweise wäre m.E. allerdings zu kurz gegriffen. Zum einen scheint mir in Teilen der journalistischen Zunft eine geradezu reflexhafte Bereitschaft vorhanden, inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Stein des Anstoßes ein- oder zumindest hintanzustellen, sobald die redaktionelle Hoffnung auf kamerataugliche Pflastersteinwürfe, Scheibenbrüche und Barrikadenbau erste Nahrung erhält. Zum anderen hat die Veranstaltung selbst, also der nun unter anderem Label abgehaltene WKR-Ball, den österreichischen Journalismus über fünf Jahrzehnte hinweg genau gar nicht interessiert. Das Interesse sowohl der Medien, als auch des bürgerlichen Antifaschismus wurde in dem Moment geweckt, in dem autonome Antifaschist*innen die Veranstaltung in der Hofburg durch erst unangemeldeten und später auch untersagten Protest auf die Agenda setzten. (Jene bürgerlichen/liberalen Antifaschist*innen, die nun durch das üble Wirken der radikalen Linken ihren Protest delegitimiert sehen, könnten sich die Frage stellen, wie viele weitere Jahrzehnte sie ohne Initialzündung durch die radikale Linke zugewartet hätten, diesen Protest in Angriff zu nehmen. Es ist nicht so, dass der Ball bis 2008 im Geheimen stattgefunden hätte.)

Zur Frage der Demountersagung nur eine Bemerkung: die Öffentlichkeitsarbeit des noWKR-Bündnisses mag eins misslungen, kontraproduktiv oder gar skandalös finden. Mir ist heuer aus dieser Ecke allerdings nichts an Militanz oder Gewaltandrohungen zu Ohren gekommen, was über die Ansagen vergangener Jahre hinausginge. Sofern ich nichts überhört habe (was natürlich denkbar ist), schließe ich daraus, dass entweder sämtliche noWKR-Demos der vergangenen Jahre hätten verboten werden müssen – oder aber auch die heurige nicht zu verbieten war. Für letzteres spricht der bekannte Umstand, dass das Demoverbot 2011 vom VfgH nachträglich als verfassungswidrig eingestuft wurde. Auf die rechtliche Einschätzung des heurigen Verbots bin ich dementsprechend gespannt.

Was die Debatte über „Gewalt gegen Sachen“ als politische Aktionsform betrifft, liegen alle Meinungen auf dem Tisch. Nicht dort liegt interessanterweise folgender Aspekt: die Meisterschaft von Burschenschaftern in dieser Disziplin, unter Beweis gestellt u. a. in Südtirol/Alto Adige, werden Antifaschist*innen hierzulande wohl nie erreichen (so sie das überhaupt wollten); geschweige denn die Gleichgültigkeit gegenüber Menschenleben, die die burschenschaftlich durchsetzten Südtirol-Bumser in weiterer Folge an den Tag legten – wofür sie in burschenschaftlichen Kreisen bis heute als „Freiheitskämpfer“ glorifiziert werden. Eine Gewaltakzeptanz- und Militanzdebatte, in der Burschenschafter nur noch als Opfer vorkommen, sagt nicht nur vor diesem Hintergrund einiges über die Konfiguration des polit-medialen Diskurses in Österreich aus.

Bernhard Weidinger

PS: Zum populären „Rechtsextremismus ignorieren, dann geht er weg“-Ansatz hat FIPU als Kollektiv vor rund einem Jahr hier Stellung genommen.

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Aus dem Innenleben einer Burschenschaft

(Text von Anfang 2000, Autor: Heribert Schiedel)

Alfred P., während der NS-Zeit aktiv im Widerstand, hat ein umfangreiches Dossier über seine Zeit beim Corps Arminia Turicensis zu Wien (im Folgenden kurz Arminia) verfaßt. Dieses bietet tiefe Einblicke in den politischen Charakter dieser Verbindung und ihrer führenden Aktivisten.

P. trat 1996 auf Einladung von Harald Eisenmenger, in den späten 1970er Jahren Aktivist der neonazistischen Aktion Neue Rechte (ANR) und mittlerweile Oberstaatsanwalt in Wiener Neustadt, als „Alter Herr“ in die Arminia ein. Glaubte er sich zunächst in einer katholisch-legitimistischen Verbindung, mußte er jedoch bald feststellen, „daß der deutschnationale Geist des Kernes der Arminia den Idealen meiner Jugend widersprach. Ich merkte, daß ich als ehemaliger Widerstandskämpfer, der bereits 1938 gegen das NS-Regime antrat und zu jenen Männern gehörte, denen die Aufstellung des 1. Österreichischen Freiwilligen-Bataillons innerhalb der Französischen Armee während des Zweiten Weltkrieges zu verdanken war, lediglich als ‘Aushängeschild’ des Corps diente.“ Mit ähnlichen Worten begründete P. seinen Austritt, den er Ende 1997 in einem Schreiben an die Arminia – zunächst noch folgenlos – bekannt gab. Neben der ideologischen Ausrichtung der Arminia wurde P. vom dort herrschenden Gewaltpotential abgeschreckt. Dieses entlud sich nicht nur beim Mensur-Fechten, sondern auch im (alkoholisierten) Verbindungsalltag. P. berichtet von Beleidigungen, Pöbeleien und körperlichen Insultationen durch Arminen. Im April 1999 wurde P. selbst vor den versammelten Corpsbrüdern von einem „jungen Arminen“ attackiert. Betroffen machte ihn dabei insbesondere das Verhalten „des Präsidiums und der anwesenden Corpsbrüder, insbesondere des Herrn Staatsanwaltes“ Eisenmenger. Mit ihrer Untätigkeit hätten diese „das in höchstem Maße skandalöse und uncorpsbrüderliche Verhalten des tobenden Arminen“ toleriert. Als Reaktion auf diesen Vorfall legte P. am 5. Mai 1999 sein Band zurück, womit er seine Mitgliedschaft für beendet wähnte. Der Corps-Convent ignorierte dies jedoch, um seinerseits P. mit 15. 5. 1999 „wegen Eidbruches und uncorpsbrüderlichen Verhaltens c.i.“ auszuschließen.

Die Arminia und der Rechtsextremismus

Die Geschichte der Arminia beginnt 1946 in der Schweiz mit der Gründung der Alten Teuteburger Gesellschaft durch den Neonazi Heinz Manz (vulgo Lützow) und andere. Bereits 1947 in Cheruskia umbenannt, erfolgte 1971 die neuerliche Umbenennung in Europaburschenschaft Arminia Zürich. Diese nahm 1974 den deutschen Neonazi Manfred Roeder (vulgo Nothung) in ihre Reihen auf. Im selben Jahr versicherte man dem mit „Herr Reichsminister“ angesprochenen Kriegsverbrecher Rudolf Heß in einem Brief ins Gefängnis die Solidarität. Manz, bis zu seinem Tod 1994 Verbindungsmann der Arbeitsgemeinschaft für demokratische Politik (AFP) in der Schweiz, verfügte über beste Kontakte zur heimischen Burschenschafterszene. Mit der Salzburger Korporation Falkenstein feierten die Arminen ab 1979 die Sommersonnenwende. 1984 hob die Arminia gemeinsam mit der Europaburschenschaft Nibelungia (Wien) den Delegiertenconvent Europäischer Corporationen (DCEC) aus der Taufe. Dieser tagte einmal jährlich als „Europa-Thing“, so auch 1991 in Perchtoldsdorf bei Wien. Über dieses Treffen berichtete Konstantin Rökk (Nibelungia) in der Aula: „Dipl.-Vw. Nachtmann, aB! Brixia, hielt die lebhaft akklamierte Festrede, deren klare volkstreue Richtung allen Anwesenden zu Herzen ging. In der Redefreiheit war eine eindeutige Aussage gegen den Brüsseler Zentralismus, gegen ein Europa der Krämer und Händler und gegen ein von den ‘Oneworldmachern’ freimaurerisch zionistisch dominiertes Europa zu hören.“ (Aula, 12/1991)

Bereits 1986 sah sich die Schweizerische Vereinigung für Studentengeschichte zu einer Klarstellung bezüglich des DCEC veranlaßt. Demnach pflegt diese „keine Kontakte“ mit dem DCEC und bittet alle Mitglieder schweizerischer Korporationen „um Vorsicht bei Kontakten mit dem DCEC“. Weiters heißt es: „Bei der Arminia handelt es sich um eine Vereinigung, die leider nationalsozialistische und antisemitische Ideologien vertritt. […] Dem Spiritus Rector und Führer dieser Vereinigung, Dr. med. Heinz Manz, hat der Corporationenverband Zürich schon 1948 jede Honorigkeit aberkannt. 1950 steckte ihn der Schweizerische Waffenring in den perpetuellen Waffenverruf.“ (acta studentica, 63/1986) Unmittelbar davor distanzierte sich bereits die Falkenstein von der Arminia.

Nach dem Tod von Manz setzte die 1994 gegründete Europaburschenschaft Arminia Turicensis zu Wien die Tradition der Schweizer Arminia fort. Unter den Gründungsburschen: Staatsanwalt Harald Eisenmenger (vulgo Wahnfried). Neben der Nibelungia und der Wiener Arminia zählten sich folgende österreichische Korporationen dem DCEC zu: Burschenschaft Tafelrunde zu Wien, pennale Burschenschaft Frankonia zu Hollabrunn, Katholisch-deutsche Burschenschaft Waregia zu Wien, pennales Corps Normannia zu Wien. Als Aktivisten der Tafelrunde traten Wilhelm Ehemayer (Nationalkonservative Union) und der Wiener Neustädter FPÖ-Landtagsabgeordnete Wolfgang Haberler in Erscheinung. In die Schlagzeilen geriet diese Verbindung 1992: Der in Wien verhaftete deutsche Neonazi Stefan W. gab gegenüber den Behörden an, das bei ihm beschlagnahmte NS-Material sei für die Tafelrunde gedacht gewesen. Die pB! Frankonia zu Hollabrunn wurde von Martin B., FPÖ-Pressesprecher im Bezirk Korneuburg, angeführt. Bei diesem wurde im Zuge der Ermittlungen zur ersten Briefbombenserie Ende 1993 Hakenkreuz-Armbinden und „Freiheit für Gottfried Küssel“-Aufkleber beschlagnahmt.

Im März 1995 wurden die Räume der 1991 gegründeten Europaburschenschaft Arminia Zürich zu Heidelberg Ziel einer polizeilichen Hausdurchsuchung. Angesichts der dort beschlagnahmten Menge an NS-Material sprach das Landeskriminalamt vom „umfangreichsten Fund seiner Art in Baden-Württemberg“. Der „Altherrenverband“ der Arminia löste darauf hin die „Aktivitas“ auf, mittlerweile hat sich diese jedoch wieder rekonstruiert. Im Herbst 1999 traten die ehemaligen Rechtsterroristen Manfred Roeder und Peter Naumann bei der Heidelberger Arminia auf.

Die negative Presse zeitigte Folgen: 1995 trat die Wiener Armina aus dem DCEC aus. Als Grund für diesen Schritt wird angegeben, „daß eine Gruppe versucht, […] den DCEC in eine ideologisch einheitlich ausgerichtete Truppe umzuwandeln. Diese Gruppe hat durch den von Arminia erweckten Namen ‘DCEC’ für sich gepachtet, sodaß uns nur die Konsequenz bleibt, gemäß unserem Toleranzprinzip einen Trennstrich zu ziehen. Die Activitas hat sich mit Beschluß vom 3. 11. ‘95 dem Wiener Senioren-Convent W.S.C. angeschlossen.“ (Circular Europa-Burschenschaft Arminia Zürich zu Wien, Folge 12, Dez. 1995) Kurz darauf wurde der Name von Europaburschenschaft in Corps geändert, wobei die Traditionsträgerschaft der Züricher Arminia nicht abgelegt wurde.

Im Juni 1997 mußte man sich aber neuerdings mit dem Vorwurf der NS-Nähe auseinandersetzen: Mitglieder der auf die Bude der Arminia geladenen pennalen Burschenschaft Germania Liberia aus Mistelbach/NÖ stimmten SA-Gesänge an. Die Arminen reagierten darauf mittels Beschluß, wonach die Germanen in Zukunft nicht mehr eingeladen und die beiden Corpsbrüder, welche in die Nazi-Gesänge einstimmten, verwarnt werden. Darüber hinaus wurden die Arminen mit einem Wiederbetätigungsverbot belegt: „Jeder Armine, der sich im nationalsozialistischen Sinne öffentlich betätigt (nicht nur durch Singen), ist mit einer großen Corpsstrafe zu entlassen; Füchse sind als unbrauchbar abzugeben.“ (Circular, Folge 19, Sept. 1997)

Noch im selben Jahr versandte Eisenmenger eine „vertrauliche“ Corpsliste, den „Gefallenen und Verstorbenen zum Gedenken“: „Sie hielten Arminia die Treue bis in den Tod und gingen uns in die nur noch geistige Corpsbrüderlichkeit voraus. Wir werden ihnen stets ein ehrendes Andenken bewahren“. Unter den derart Geehrten finden sich Nationalsozialisten, SS-Schergen und Kriegsverbrecher wie

*Dr. Herbert Boehme (SA-Obersturmführer und Reichsfachschaftsleiter in der NS-Reichsschrifttumskammer; nach 1945 Führungskader im deutsch-österreichischen Neonazismus)

*Herbert Kappler (SS-Obersturmbannführer und Polizeichef in Rom; als Hauptverantwortlicher für das Massaker in den Adreatinischen Höhlen zunächst 1948 zum Tode verurteilt, dann aber zu lebenslanger Haft begnadigt; floh 1977 aus römischem Militärspital)

*Hans Ulrich Rudel (hochdekorierte Fliegerlegende und nach 1945 zunächst vom argentinischen Exil aus eine der Zentralfiguren im internationalen Neonazinetzwerk)

*Walter Reder (SS-Obersturmführer; 1951 als Hauptverantwortlicher für das Massaker in Marzabotto von italienischem Militärgericht zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt; 1985 vorzeitig aus der Haft entlassen)

Nachdem Format (42/1999) über diese Form des Andenkens berichtet hatte, ging der gerade vor seiner Beförderung zum Oberstaatsanwalt stehende Eisenmenger auf Distanz zur Arminia. In einem Leserbrief an das Nachrichtenmagazin behauptet er: „Weiters lege ich Wert auf die Feststellung, daß ich bereits vor Ihrem Artikel freiwillig aus dem Corps Arminia Zürich zu Wien ausgetreten bin.“ (Format, 44/1999) Alfred P. will demgegenüber von einem Arminen erfahren haben, dass Eisenmenger seine angesichts dieser Distanzierung „aufgebrachten Corpsbrüder beruhigte. Er bleibe natürlich nach wie vor strammer Armine.“

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Was aus Wahnfried wurde

Im Juli 2014 wurde der Jenaer Student Josef S. wegen vermeintlicher Vergehen im Rahmen der Demonstrationen gegen den Akademikerball der Wiener FPÖ und der schlagenden Verbindungen Wiens zu einer teilbedingten Haftstrafe verurteilt. Er meldete Berufung an, womit der Fall vor dem Obersten Gerichtshof (OGH) landet. Wie der Journalist Florian Klenk gestern (18. 12.) auf Facebook bekannt machte, ist der zuständige Vertreter der Generalprokuratur (zu deren nicht unmaßgeblicher Rolle in OGH-Verfahren vgl. ihre Aufgabendarstellung hier) Harald Eisenmenger. Dieser war Mitglied des selbst für österreichische Verhältnisse extrem weit rechts stehenden Corps Arminia Turicensis (vormals Europaburschenschaft Arminia Zürich) – vgl. dazu Klenks Artikel von aus dem Falter von 2000 (erster Link oben) sowie den in etwa zeitgleich erschienenen Text Heribert Schiedels hier am Blog. Dass, wie es darin heißt, Eisenmenger aus der Arminia „offiziell ausgetreten“ sei, ist jedenfalls für diesen Zeitpunkt nicht zutreffend. Noch im Dezember 2002 scheint er als Redakteur der Verbindungszeitung „Circular“ auf, auch für eine darüber hinausreichende Mitgliedschaft gibt es Hinweise.

eisenm2002

In anderen Worten: der (nach eigenen Angaben ehemalige) Angehörige einer rechtsextremen Verbindung soll die Rechtswahrung in einem Verfahren gegen einen Antifaschisten überwachen, der für angebliche Aktionen gegen eine Veranstaltung ebenjenes Verbindungsmilieus angeklagt wurde.

Das ist aber noch nicht alles: Eisenmengers Verbindungskarriere beginnt nämlich nicht bei den selbst unter WKR-Verbindungen tendenziell Kopfschütteln hervorrufenden Arminen, sondern bei Aldania Wien. Diese ist in der Wiener FPÖ personell so gut verankert wie keine zweite Verbindung. Aktuell stellt sie den freiheitlichen Landtags-Vizepräsidenten Johann Herzog, den Stadtrat Eduard Schock sowie die Landtagsabgeordneten Armin Blind, Dominik Nepp, Gerald Ebinger und Rudolf Stark.

Nun ließe sich einwenden, dass die Zugehörigkeit zur selben Verbindung nicht notgedrungen ein persönliches Naheverhältnis verbürgt. Ein Argument, dass im Fall Eisenmengers allerdings versagt, denn dieser trat der Aldania just zum selben Zeitpunkt wie Ebinger und Schock bei, gehörte also derselben Aktivengeneration an wie jene. Ob er seinem gesetzlichen Auftrag in einem Verfahren gegen einen Akademikerball-Demonstranten angemessen nachkommen kann bzw. will, dass sich gegen einen Verbindungsgegner richtet, ist nicht nur aufgrund seiner dokumentierten politischen Haltungen zu bezweifeln, sondern auch aufgrund persönlicher Naheverhältnisse zu Vertretern jener Landespartei, die als Veranstalterin des Akademikerballs fungiert.

Aus: 90 Jahre Aldania. Vom Werden und Wirken einer deutschen Korporation (1984), S. 34

Aus: 90 Jahre Aldania. Vom Werden und Wirken einer deutschen Korporation (1984), S. 34

Bernhard Weidinger

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Zum Wiener Couleur(bummel)-Streit

Erweiterte Antworten auf APA-Fragen an Bernhard Weidinger (FIPU) zu den Auseinandersetzungen um den „Farbenbummel“ des Wiener Korporationsrings (WKR) und zur Debatte um ein Couleurverbot an der Universität Wien. Der APA-Beitrag mit O-Tönen ist hier abrufbar.

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Seit wann gibt es den Widerstand linker Gruppierungen wegen des Burschenschafter-Bummels? Gab es ihn historisch gesehen schon immer?

Wann erstmals gezielt gegen den Couleurbummel mobilisiert wurde, ist mir nicht bekannt. Auseinandersetzungen auf Hochschulboden bzw. in nächster Nähe der Universität gab es in der Zweiten Republik jedoch schon früh, etwa anlässlich des rechtsextremen Ring-Aufmarsches 1959, aufgehängt am 200. Geburtstag Friedrich Schillers, oder der Borodajkewycz-Affäre von 1965. Generell lässt sich festhalten, dass zwei Prozesse das politische Klima für das universitäre Verbindungswesen nachhaltig verschlechtert haben: die um 1970 einsetzende soziale Öffnung und begleitende Demokratisierung der Universitäten, die auch mit einem Erstarken der universitären Linken einherging, sowie – gerade im Fall der deutschnationalen Verbindungen – das wachsende vergangenheitspolitische Bewusstsein von Studierenden und akademischen Behörden. Keiner dieser Prozesse ist freilich unumkehrbar, wie gerade am erstgenannten Punkt ersichtlich ist.


Ist das ein breit getragener Widerstand oder kommt er, so wie es bei den Mini-Gegendemos wirkt, nur von einer überschaubaren Gruppe antifaschistischer Studierender?

Die Beteiligung variiert über die Jahre und Wochen je nach Mobilisierungsstrategie und -aufwand, aber auch nach Dauer des jeweiligen Protestzyklus. Wiederholt kam es zu Kundgebungen mit dreistelligen TeilnehmerInnenzahlen.  Zumeist ist die Beteiligung deutlich geringer, in aller Regel jedoch höher als jene am Couleurbummel selbst.


Was genau tun die Burschenschafter beim Bummel, außer sich auf der Rampe vor der Uni zu versammeln? Pilgern sie noch regelmäßig zum Siegfriedskopf, seitdem er in den Arkadenhof versetzt und mit historischen Erklärungen versehen wurde?

Der Bummel dient dazu, Präsenz zu zeigen, sich als fester Bestandteil des Wiener Unilebens zu positionieren und entsprechend Raum zu reklamieren. Bisweilen, wenn auch selten, wird dabei über das Verteilen von Flugzetteln offensiv Propaganda betrieben. Der Siegfriedskopf wird seit der Verlegung nur selten angesteuert, es ist von Seiten der Universität auch nicht erwünscht. Gleichzeitig steht derzeit die Rampe als gewohnter Aufmarschort nicht zur Verfügung, weil die ÖH dort ihrerseits bis auf absehbare Zeit allwöchentliche Kundgebungen angemeldet hat. Anders als bei freiheitlichen Kundgebungs-Scheinanmeldung der Vergangenheit, die nur dazu dienten, antifaschistischen Protest am jeweiligen Ort zu obstruieren, finden diese Kundgebungen auch tatsächlich statt.


Was halten Sie von der Idee, Couleurtragen an der Uni Wien zu verbieten?

Mir ist unklar, wie die Universität als staatliche Einrichtung dieser Idee nähertreten könnte, ohne den Boden der österreichischen Rechtslage zu verlassen – auch wenn zwischen 1945 und 1954 ein ebensolches allgemeines Couleurverbot bestand. Darüber hinaus halte ich für ausgeschlossen, dass aufseiten der akademischen Behörden ein entsprechender Wille vorhanden wäre, eine solche Regelung zu implementieren – zumal davon neben den völkischen auch die im universitären und hochschulpolitischen Betrieb ungleich besser verankerten katholischen Verbindungen betroffen wären.


Ist das nicht, wie auch die jährlich wiederkehrenden Proteste, eher Werbung für eine sonst marginalisierte Gruppe?

Ein erhöhter Zustrom zu Burschenschaften infolge von Protesten war in der Vergangenheit nicht feststellbar. Grundsätzlich bewegt antifaschistischer Protest sich aber stets im Spannungsfeld von Bewusstseinsbildung und vermeintlicher Werbung. Zum anderen ist er von einem Bedürfnis getragen, unerträglich Empfundenes nicht unwidersprochen geschehen zu lassen, bestimmte Zustände nicht länger als Teil von „Normalität“ zu akzeptieren – ein Bedürfnis, das sich um öffentliche Meinung und mediale Repräsentationsmuster nicht oder erst in zweiter Linie kümmert. Die Auseinandersetzung an der Uni Wien ist Ergebnis einer solchen Aufkündigung von Normalität. Sie ist im Kern ein Streit um die Geltung gegensätzlicher Wertegebäude auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Rampe, Universität, Couleur und Mittwochsbummel sind dabei letztlich nur Symbole.

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Buchankündigung: Burschenschaften und Politik in Österreich

Wien-Köln-Weimar: Böhlau 2014. Hardcover, ca. 640 Seiten.

Wien-Köln-Weimar: Böhlau 2014. Hardcover, ca. 640 Seiten.

Debatten über Burschenschaften in Österreich haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten an Umfang und Schärfe gewonnen. Zahlreiche Einlassungen sind reich an Mythenpflege oder Polemik, aber arm an Kenntnissen über die Materie. In seiner zur Publikation überarbeiteten Dissertation, deren Buchwerdung durch eine Förderung des österreichischen Wissenschaftsfonds (www.fwf.ac.at) ermöglicht wurde, erörtert Bernhard Weidinger (FIPU) die Rolle akademischer Burschenschaften im politischen Geschehen der Zweiten Republik. Basierend auf der Auswertung von umfangreichem, bislang von kritischer Forschung nicht erschlossenem Quellenmaterial behandelt er eine Vielfalt an Aspekten: von der Restauration des deutschnationalen Verbindungswesens nach 1945 über den burschenschaftlichen Umgang mit der NS-Vergangenheit bis hin zum Einfluss der Verbindungen auf die Entwicklung der FPÖ. Das burschenschaftliche Weltbild beschreibt Weidinger als durch deutsch-völkischen Nationalismus und ein spezifisches, quasi-soldatisches Männlichkeitsbild geprägt. Burschenschaften erscheinen in seiner Darstellung letztlich als anachronistisches Kuriosum und politisch hochrelevant zugleich.

Das Buch erscheint voraussichtlich im November 2014.

Der Autor: Bernhard Weidinger, Studien der Politikwissenschaft und der Internationalen Entwicklung in Wien und Granada, DOC-Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 2010-2012, Visiting Scholar am Center for Right-Wing Studies der University of California at Berkeley 2013. Twitter: @bweidin

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Burschennacht in Eisenach

Die Wartburgstadt zur Burschentagszeit zu besuchen, also parallel zum Jahrestreffen des Dachverbandes Deutsche Burschenschaft (DB), ist mit gewissen Risiken und Nebenwirkungen verbunden. So kann es dem oder der Reisenden passieren, mit einem Wehrmachtsschlager als Ohrwurm die Heimreise antreten zu müssen.

Auf Einladung der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung kam ich nach Eisenach, um auf der Tagung “Rechte Burschen. Traditionslinien nationalistischen und völkischen Denkens in Deutschland” zu referieren (siehe Programm). Die Veranstaltung war bewusst in Eisenach und parallel zum traditionell dort abgehaltenen DB-Burschentag angesetzt worden. Dass es just in diesem Jahr dazu kam, ist vor dem Hintergrund des (weiteren) Rechtsrucks zu sehen, der den Charakter des Verbandes in den letzten Jahren verändert, bzw. treffender: vereindeutigt hat. Seit Anfang der 1970er Jahre war die DB von Flügelkämpfen zerzaust worden. Spätestens in den 1990er Jahren hatte die Rechtsaußenfraktion Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG) – in der die österreichischen DB-Mitgliedsbünde fast geschlossen organisiert sind – Dominanz erlangt. Die Auseinandersetzungen eskalierten, als die BG den Verband 2011 reichlich explizit auf einen Rassestandpunkt festzulegen versuchte (nachzulesen in den Tagungsunterlagen des damaligen Burschentages auf S. 51f.). Im weiteren Verlauf kehrten über 40 von knapp über hundert Bünden der DB den Rücken.

Schon im Vorfeld hatte die Tagung der Landeszentrale für einiges Aufsehen in Korporiertenkreisen gesorgt. Nachdem die im Graubereich zwischen Rechtskonservatismus und Rechtsextremismus angesiedelte Wochenzeitung Junge Freiheit via Facebook auf die Veranstaltung hingewiesen hatte, gingen massenhaft Anmeldungen von Burschenschaftern aus ganz Deutschland ein. Die meisten davon wurden mit der Begründung abgewiesen, dass die Landeszentrale statutarisch auf eine Thüringer Klientel festgelegt sei. Dem entgegnete nun die DB mit Protestschreiben, in denen die Zusammenstellung der ReferentInnen als unausgewogen kritisiert wurde: die Hälfte der Eingeladenen – Alexandra Kurth, Dietrich Heither und Gerhard Schäfer, die 1997 gemeinsam mit Michael Gehler den Sammelband „Blut und Paukboden. Eine Geschichte der Burschenschaften“ (Verlag Fischer) vorgelegt hatten – seien bekannte GegnerInnen der Burschenschaften und nicht als seriöse ExpertInnen zur Thematik anzusehen. Auch sei kein Fürsprecher der Burschenschaften eingeladen worden. Der Forderung, im Sinne der Ausgewogenheit DB-Archivar Harald Lönnecker zur Veranstaltung zuzulassen, kam die Landeszentrale nicht nach. [Allerdings würdigte sie entsprechende Eingaben zumindest einer Antwort, was ich von meinen wiederholten Anfragen an die DB, ob ich den Verhandlungen des Burschentages beobachtend beiwohnen könne, nicht behaupten kann.]

Traditionelles Gruppenbild der Deutschen Burschenschaft im Wartburghof - dieses Jahr ohne Deutsche Burschenschaft.

Traditionelles Gruppenbild der Deutschen Burschenschaft im Wartburghof – dieses Jahr ohne Deutsche Burschenschaft.

Generell schlägt der DB in Reaktion auf deren jüngste Entwicklung in Eisenach zunehmend Gegenwind entgegen. Die 2012 gewählte Oberbürgermeiserin Katja Wolf (Die Linke), die erste Frau in dieser Funktion, hat eine Verlängerung des Nutzungsvertrages für die Werner-Aßmann-Halle, in der die Verhandlungen des Burschentages stattfinden, bereits ausgeschlossen. Allerdings läuft der vor Wolfs Amtszeit abgeschlossene aktuelle Vertrag noch bis 2017. Einen Tag vor Beginn des diesjährigen Burschentages wurde zudem bekannt, dass die Wartburg-Stiftung den Burghof ab sofort nicht für den traditionellen Festakt der Burschenschafter zur Verfügung stellt – angesichts der historischen Verbundenheit letzterer mit dem Bau, Schauplatz der beiden Wartburgfeste 1817 und 1848, ein herber Verlust. Mit der Schrumpfung des Verbandes, welche die Teilnehmerzahl der Burschentage gegenüber früheren Werten mehr als halbiert hat, sinkt auch die Umwegrentabilität der Veranstaltung – und mit ihr der Rückhalt durch lokale Gewerbetreibende. Einzig die örtliche NPD zeigt sich nach wie vor bemüht, in der Stadt ein „burschenfreundliches Klima“ zu schaffen, wie es in einer Stadtrats-Resolution vom März hieß, und macht den Fackelzügen der DB zum Burschenschaftsdenkmal gegenüber der Wartburg ihre Aufwartung.

Das Empfangskomitee...

Das Empfangskomitee…

Als ich am Donnerstag, dem 12. Juni, zusammen mit den anderen ReferentInnen am Ort der LPB-Tagung einlange, empfängt uns vor dem Eingang eine rund zehnköpfige Abordnung der DB, die Flugblätter und Folder an PassantInnen und die TeilnehmerInnen der Tagung (hauptsächlich PädagogInnen) verteilen. Der Folder präsentiert Burschenschafter als „Wegbereiter des deutschen Verfassungsstaates“, freilich ohne auf ihre jüngere Rolle bei der Unterminierung und letztlich Zerstörung von Verfassung und Demokratie in Deutschland und Österreich einzugehen. Auch das Flugblatt zeichnet burschenschaftliche Geschichte in einigermaßen tollkühner Selektivität nach – und lädt die Eisenacher Bevölkerung für Sonntag zu einem Frühschoppen am Burschenschaftsdenkmal ein.

... und seine Botschaft.

… und seine Botschaft.

Auf der Rückseite prangt eine Aussendung von DB-Pressesprecher Walter Tributsch, seines Zeichens Mitbegründer und Verleger der rechtsextremen österreichischen Zur Zeit und Mitglied der Teutonia Wien, die noch 2010 per Flugblatt forderte, halb Europa als vermeintlich deutsche Gebiete der Bundesrepublik anzugliedern. Die Aussendung nimmt die Tagung der Landeszentrale im Allgemeinen und die drei schon genannten ReferentInnen im Besonderen ins Visier – insbesondere Gerhard Schäfer, sei dieser doch Mitglied der Marx-Engels-Stiftung gewesen. Eine glatte Lüge, aber dienlich im Rahmen der Agenda, die gesamte Tagung als kommunistisch/marxistisch eingefärbt zu präsentieren und im postrealsozialistischen Thüringen entsprechende Ressentiments zu aktivieren. Ich selbst komme vergleichsweise billig davon: anders als Schäfer wird mir nichts angedichtet, sondern etwas abgesprochen – nämlich mein Doktorgrad. Mit dem Hinweis, dass meine Dissertation noch unpubliziert sei (korrekt – sie erscheint Ende d.J./Anfang 2015 bei Böhlau) wird insinuiert, dass ich zum Führen desselben gar nicht berechtigt sei. Dass hierzulande diese Berechtigung eine Publikation der Arbeit nicht zur Bedingung hat, ist dem Österreicher Tributsch selbstverständlich bekannt.

Auch auf der Tagung selbst wird in Publikumsbeiträgen teils burschenschaftliche Kritik (geäußert von Thüringer Korporierten) laut, die Debatten verlaufen aber respektvoll und ertragreich. Am Vormittag verortet Wolfgang Benz zunächst die Burschenschaften in der deutschen politischen und Ideengeschichte des 19. Jahrhunderts, bevor Gerhard Schäfer ihre Rolle in der Weimarer Republik darstellt. Nach der Mittagspause spricht Michael Grüttner über die studentischen Korporationen im Nationalsozialismus, im Anschluss daran teilen sich die TeilnehmerInnen in zwei Gruppen auf. Eine bearbeitet mit Dietrich Heither, Autor einer höchst lesenswerten Geschichte der DB (“Verbündete Männer”, Papyrossa 2000) die Morde von Mechterstädt. In diesem beschaulichen Weiler zwischen Eisenach und Gotha erschossen Korporierte 1920 im Zuge des Kapp-Putsches 15 Arbeiter. Parallel dazu erörtert Alexandra Kurth mit der zweiten Gruppe das konflikthafte Verhältnis von Männerbund und Demokratie (vgl. dazu ihr Standardwerk “Männer – Bünde – Rituale”, Campus 2004). Zum Abschluss der Tagung bin ich an der Reihe und darf die DB im Kontext des deutschen und österreichischen Rechtsextremismus nach 1945 verorten – in unter 45 Minuten ein herausforderndes Unterfangen. Teile des Publikums geben mir zu verstehen, dass ich zu milde und in meiner Handhabung des Rechtsextremismus-Begriffes zu zurückhaltend sei, was mir (wie noch andere Ereignisse dieses Tages) zu denken gibt.

Die Werner-Aßmann-Halle im gleißenden Sonnenlicht. Jenseits ihrer Schwelle sind Frauen dieser Tage vorrangig als Servier- und Säuberungskräfte willkommen.

Die Werner-Aßmann-Halle im gleißenden Sonnenlicht. Jenseits ihrer Schwelle sind Frauen dieser Tage vorrangig als Servierkräfte anzutreffen.

Nach Ende der Tagung, die ich trotz des vertrauten Gegenstands als sehr bereichernd empfand, gebe ich dem Deutschlandfunk ein kurzes Interview und werfe mich ins abendliche Eisenach. Ich stelle fest, dass hunderte Korporierte in einer Stadt dieser Größe schwer zu übersehen sind. Nicht nur im Umkreis der Aßmann-Halle (die für die geschrumpfte DB eigentlich eine Nummer zu groß scheint), sondern allenthalben: in Supermärkten, in Lokalen, auf der Straße, im Hotel… Zur Sichtbarkeit trägt das Ausgehen in Farben entscheidend bei. Im Rahmen des Kampfes um Eisenach als Burschentags-Standort ist letzteres einerseits funktional, wird so doch den lokalen Geschäftsleuten klar vor Augen geführt, wer ihnen Umsatz bringt. Allerdings dürfte es meinem bescheidenen Eindruck nach im Sinne der Imagepflege zweckmäßig sein, das Farbentragen auf die Zeit vor Sonnenuntergang (oder vor dem fünften Bier, je nachdem, was früher eintritt) zu begrenzen.

Zum Abendessen lasse ich mich in einem Lokal nieder, neben mir ein Tisch Burschenschafter, darunter ein hoher Verbandsfunktionär.Wie schon mehrmals an diesem Tag – beim Warten in der Hotellobby oder am Zebrastreifen, beim Anstellen im Supermarkt – müsste ich schon aktiv weghören, um nicht mit Verbandsinterna behelligt zu werden. Nicht, dass irgendetwas davon überraschend käme: klamme Finanzen und kein überzeugender Plan, wie dem beizukommen sei; die Volkstumsarbeit engagiert, aber ineffektiv; der Wiener Funktionär xy: ein Wichtigtuer; die Hochschulen an Fühlung mit „ihren“ Burschenschaften denkbar uninteressiert und die Studenten in Zeiten Bolognas zu pragmatisch; der ständige Gegenwind durch Antifa und Medien zehrt an den Nerven, und auch der Massenexodus der letzten Jahre hat, trotz aller hoffnungsfrohen Parolen nach außen, die Moral vieler Verbandsbrüder schwer in Mitleidenschaft gezogen. Der Verein der Freunde der DB, der einzelne Burschenschafter in ausgetretenen Bünden an den Verband binden soll, kommt nicht recht in die Gänge.

Der Eisenacher Brunnen-Keller bei Tageslicht.

Der Eisenacher Brunnen-Keller bei Tageslicht.

Später, nach dem Eröffnungsspiel der Männer-Fußball-WM, mache ich noch einmal eine Exkursion in die Innenstadt, die sich nach Mitternacht wie ausgestorben präsentiert. Ausnahme ist der Brunnen-Keller am zentralen Markt. Hier herrscht dank korporierter Kundschaft noch Hochbetrieb. Männergesang dringt an mein Ohr, ich erkenne das Lied: “Bomben auf Engeland”, ein Klassiker aus dem Fundus der Wehrmacht. Noch etwas wirkt vertraut: der sprachlichen Färbung nach sind es eindeutig Österreicher und/oder Bayern, die hier den Ton angeben. Allerdings sind vor Ort vielerlei Mützen vertreten, österreichische wie deutsche. Es handelt sich vermutlich um die für diesen Abend angesetzte Kneipe der BG, der zuvor erwähnten Rechtsaußenfraktion innerhalb der Burschenschaften. Schon 2009 hatten rassistische Vorfälle am Rande des Burschentages (hier dargestellt im Spiegel verbandsinterner Dokumente) im selben Lokal für Verwerfungen in der DB gesorgt. Ob nationalsozialistisches Liedgut in der heutigen, zurechtsgeschrumpften DB noch Irritationspotenzial hat, bleibt abzuwarten. Die Bomben auf Engeland waren jedenfalls kein Einzelfall – kurz darauf wurde, im wie auch vor dem Lokal, “Auf Kreta” intoniert – ein Lied der Verherrlichung eines Feldzuges, im Rahmen dessen die nazideutschen Invasoren sich vom Widerstand der Lokalbevölkerung zu einer Reihe von Kriegsverbrechen provoziert sahen.

Als Fazit dieser Beobachtung ließe sich festhalten, dass offenbar kein Klischee über besoffene ostmärkische Buxen abgeschmackt genug ist, nicht von der Realität noch locker eingeholt zu werden. Mit Blick auf aktuelle Versuche von Burschenschaftern in Österreich, wie bereits in den 1990er Jahren erfolglos eine vermeintlich entnazifizierte “Neue“ oder „identitäre“ Rechte in Österreich zu etablieren, ist das damalige Insider-Urteil von Jürgen Hatzenbichler auch heute von geradezu kitschiger Passgenauigkeit: „Was nutzen neurechte-konservativrevolutionäre Theorieseminare, wenn abends, nach dem dritten Bier, im Keller erst recht „Die Fahne hoch“ erklingt, wieder der „Bomben auf Engelland“ (sic) gedacht und in heißem Streit zum hunderttausendsten Mal der Rußlandfeldzug gewonnen wird?“ (Junge Freiheit Nr. 44/1998)

In vergangenen Jahren sorgten Vorfälle wie diese immer wieder für Streit an und zwischen Burschentagen. Ob in der weitgehend auf ihren völkisch-fundamentalistischen Kern eingedampften DB hinreichend Kräfte verblieben sind, die an solchem Verhalten und der dahinterstehenden Geisteshaltung Anstoß nehmen, wird sich weisen. Thüringen wird jedenfalls bis auf weiteres ein heißer Boden für Debatten um die Burschenschaften bleiben – schon allein aufgrund der anstehenden Jubiläen 2015 (200 Jahre Jenaer Urburschenschaft) und 2017 (200 Jahre Erstes Wartburgfest). Es hat nicht den Anschein, als würde die Bespielung dieser physischen und symbolischen Erinnerungsorte den Burschenschaften allein überlassen bleiben. -bw-

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Burschenschaften und 1848: das FIPU-FAQ

War 1848 tatsächlich eine burschenschaftliche Revolution?

Auf der Akteursebene: kaum. Burschenschaften konnten aufgrund der Metternichschen Repression auf dem Gebiet des heutigen Österreich erst um 1860 entstehen. Burschenschaftlichen Quellen zufolge existierten im Vormärz klandestine Zusammenschlüsse, die auch führend in den Ausbruch der Revolution involviert gewesen sein sollen. Auch wenn dies stimmen sollte, gingen diese Zusammenschlüsse in der weiteren Folge in der Akademischen Legion auf und stellten dort eine kleine Minderheit dar.

Auf ideologischer Ebene lässt sich argumentieren, dass die Forderungen der studentischen Revolutionäre von 1848 weitreichende Überschneidungen mit jenen der frühen deutschen Burschenschafterbewegung aufwiesen (wobei jeweils eine beträchtliche ideologische Bandbreite feststellbar ist).

Was hat es mit dem „Bündnis von Arbeitern und Studenten“ 1848 auf sich, das Burschenschafter gerne beschwören?

Tatsächlich waren in die Revolute von 1848 in Wien neben Studenten und Bürger_innen und Proletarier_innen involviert. Unter ersteren beiden herrschte allerdings eine instrumentelle Haltung gegenüber letzteren vor: die Beteiligung der lohnabhängigen Massen war willkommen, um den Druck auf die Reaktion zu erhöhen; Tendenzen, die politische zu einer sozialen Revolution weiterzutreiben, wurden allerdings von bürgerlicher und studentischer Seite mit großer Sorge beäugt und nötigenfalls auch gewaltsam durch die Nationalgarde unterbunden. Bei allem revolutionärem Drang: die Eigentumsordnung und das eigene Klasseninteresse sollten gewahrt bleiben. Das hindert FPÖ-Vertreter heute nicht daran, die FPÖ als vermeintliche Erbwahrerin der Revolution als logische Verbündete (bzw.: Anführerin) der Unterprivilegierten zu positionieren: „Dass heute eine Funktionärsschicht aus bürgerlichen Nationalliberalen zu Vorkämpfern für die Interessen des viel zitierten ‚kleinen Mannes‘ geworden ist, steht in dieser historischen Tradition [von 1848, Anm.]“, schrieb Andreas Mölzer 2009 in der PRESSE.

Sind Burschenschafter „Demokraten der ersten Stunde“?

Zumindest für den österreichischen Fall ließe sich dies nur äußerst waghalsig argumentieren. Akzeptierte eins großzügig die Einstufung von 1848 in Wien als „burschenschaftliche Revolution“, so wäre immer noch darauf zu verweisen, dass der Mainstream der damaligen Revolutionär_innen weniger Demokratie als eine konstitutionelle Monarchie anstrebte. Auf die bloße Zusicherung einer Verfassung hin brachte die Akademische Legion dem Kaiser am 15. März 1848 „Vivat!“-Chöre dar. Selbst wo Demokratie gefordert wurde, sollte sie auf Männer beschränkt bleiben. Richtet eins den Blick auf burschenschaftliche Geschichte in Österreich im engeren Sinn, d. h. auf die Zeit ab den 1860er Jahren, so ist hier von demokratischem Pioniergeist wenig zu erkennen. Die burschenschaftliche Opposition zum Hause Habsburg war nicht demokratischer, sondern anti-dynastischer Art: während die österreichische Ausformung der Monarchie abgelehnt wurde, verehrte man Preußen und Bismarck.Die Einführung des allgemeinen und gleichen Männerwahlrechts 1906 wurde vom völkischen Lager bekämpft (das Frauenwahlrecht sowieso). Es sei schließlich nicht einzusehen, dass „ein deutscher Universitätsprofessor politisch dasselbe Gewicht haben sollte, wie ein in einem Erdloch hausender Bewohner des östlichen Galiziens“, wie der Chronist von Germania Innsbruck noch 1965 rückblickend festhielt. In weiterer Folge wurden die Burschenschaften zu frühen und verlässlichen Stützen der nicht eben Demokratie-affinen nationalsozialistischen Bewegung und des NS-Regimes.

Warum gedenkt der Olympe Gerhard Schlüsselberger, Obmann des Veranstaltervereins des „Festes der Freiheit“, lieber 1848 als der Zeit zwischen 1938 (wo burschenschaftliche Ziele doch viel erfolgreicher verwirklicht wurden) und 1945?

Darüber gibt er indirekt in den Burschenschaftlichen Blättern von 2009 Auskunft: „Die Aufforderung `Niemals vergessen!´ hat ihre vollste Berechtigung dort, wo es um die Errungenschaften unseres Volkes geht. … um die Kehrseite der Medaille (also `unsere´ Verfehlungen) müssen wir uns nicht kümmern, denn die wird uns dankenswerter Weise … Tag für Tag von willfährigen Medien und deren Handlangern in Erinnerung gerufen.“ Schlüsselberger ist einer, der „den künstlich aufgeladenen Ballast der `Schuld´, `Scham´, `Verantwortung´ etc. ab()werfen“ will. Eine historische „Verantwortung des Deutschen Volkes“ sieht er nicht – entscheidend sei vielmehr „die Frage, was für das Deutsche Volk gut oder schlecht ist“.

Seriously, warum dieses Fest?

Die Burschenschaften in Österreich waren nach 1945 nicht bereit, grundlegende Konsequenzen aus ihrer Einlassung mit dem Nationalsozialismus zu ziehen. Man machte weiter wie zuvor – und forderte dennoch ein, als legitime politische Akteure wahrgenommen zu werden. Um diese Legitimiät zu erlangen, setzen die Erben der Mitveranstalter von Aggressionskrieg und Auschwitz nun auf einen geschichtspolitischen Kurswechsel: weniger Bezugnahmen auf 1938, stattdessen werden sympathischere Momente burschenschaftlicher Geschichte in den Vordergrund gerückt. Gleichzeitig zieht man Parallelen zwischen der Metternichschen Repression und der heutigen, vermeintlichen Diktatur von Vergangenheitsbewältigung und „political correctness“. Nicht zuletzt soll über den Verweis auf schwarz-rot-gold als Farben der 1848er Revolte der für die Burschenschaften nach wie vor prägende Deutschnationalismus in Österreich rehabilitiert werden.

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Out now: Burschenschaften & Südtirol/Alto Adige

Bernhard Weidinger (2014). “… in order to Keep German Soil German”: Austrian Burschenschaften, Nationalist Ethnopolitics and the South Tirol Conflict after 1945 . Austrian History Yearbook, 45, pp 213-230.

© Cambridge University Press (2014)

ABSTRACT: Burschenschaften , as a particular type of German-nationalist (völkisch) student fraternity, have partaken in shaping Austrian politics in numerous ways since the nineteenth century. Acting as the standard-bearers of German nationalism in Austria after 1945 and being strongly represented in the ranks of the Freedomite Party of Austria (Freiheitliche Partei Österreichs/FPÖ), they have been able to maintain a degree of political relevance up until the present day—their intimate ideological, personal, and institutional entanglement with the National Socialist regime notwithstanding. Nonetheless, their history has so far almost exclusively been written by fraternity members themselves, and mostly in an affirmative, if not apologetic fashion; critical assessments for the post-1945 era in particular are limited to a small number of articles that, for the most part, are based on secondary literature rather than on primary sources.

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Internationale des Deutschnationalismus?

Deutschnationale Burschenschaften in Chile

erschienen in Frauen*solidarität Nummer 127 (1/2014) Schwerpunkt: Maskulinismus

Judith Goetz

Im deutschsprachigen Raum sind Studentenverbindungen an beinahe allen Hochschulen vertreten. Diese elitären Männerbünde lassen sich jedoch nicht nur hierzulande antreffen, sondern beispielsweise auch in Chile, wo sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts Studenten zusammenfanden, um eine Burschenschaft nach deutschem Vorbild zu gründen.

Elitäre Männerbünde
Deutschnationale Burschenschaften sind elitäre Männerbünde, die sich seit ihres Bestehens durch den Ausschluss von – in ihren Kreisen nicht als „satisfaktionsfähig“ geltenden – gesellschaftlichen Gruppen wie beispielsweise Juden und Jüdinnen oder Frauen* auszeichnen. Insbesondere das Wesen der Mensur (Fechtkampf), das deutschnationale Burschenschaften auch von anderen Studentenverbindungen wie beispielsweise konfessionell orientierten unterscheidet, dient als brutale Erziehungsmethode, die zur Herausbildung einer sich für die Gemeinschaft aufopfernden, „wehrhaften“ Männlichkeit beiträgt.

Durch einen gemeinsam eingeübten Habitus, bestimmte Traditionen, Rituale und das in den Verbindungen geltende Regelwerk (Comment) werden gemeinschaftsbildende Grundlagen geschaffen, die gemäß dem Lebensbundprinzip einen „lebenslangen Zusammenhalt bestimmter Männer“ absichern sollen. Die hierarchisch organisierte männerbündische Struktur fungiert dabei nicht zuletzt als Schutz vor gesellschaftlichen Transformationen wie der zunehmenden Veränderung von Geschlechterordnungen und der Infragestellung männlicher Hegemonieansprüche. Im deutschsprachigen Raum sind Studentenverbindungen an beinahe allen Hochschulen vertreten, so dass es aktuell ca. 900 Studentenverbindungen mit rund 150 000 Mitgliedern gibt. In Österreich fallen deutschnationale Burschenschaften vor allem immer wieder durch NS-Verharmlosung und ihre Verstrickungen zu neonazistischen Vorfällen und Organisationen auf. Mit ihrem rechten bis rechtsextremen Gedankengut stellen sie dabei leider kein gesellschaftlich marginalisiertes Randphänomen dar. Immerhin fungieren deutschnationale Burschenschaften in Österreich bis heute als Bindeglied zwischen dem organisierten Neonazismus der Straße und dem parteiförmig organisierten Rechtsextremismus im Parlament. So sitzen beispielsweise hierzulande in den Reihen der FPÖ aktuell 14 deutschnationale Burschenschafter im Parlament. Hinzu kommt ein FPÖ-Nationalratsabgeordneter, der Mitglied in einer katholischen Verbindung (MKV) ist, sowie zwei Nationalratsabgeordnete der FPÖ, die Mitglieder in deutschnationalen Mädelschaften, dem weiblichen Äquivalent zu Burschenschaften, sind. Deutschnationale Mädelschaften und Damenverbindungen unterscheiden sich von ihren männlichen Kameraden ideologisch kaum, jedoch ist es ihnen untersagt, Mensuren zu fechten.

Völkisches Vaterland
Im Mittelpunkt (antifaschistischer wie auch feministischer) Kritik stehen neben dem Prinzip des Männerbundes und den damit verbundenen Männerseilschaften auch der in burschenschaftlichen Kreisen virulente Rassismus und Antisemitismus sowie das großdeutsche Gedankengut. Der in burschenschaftlichen Reihen kultivierte völkische Nationalismus basiert nicht auf einem staatlichen Vaterlandsbegriff, sondern orientiert sich an der Zugehörigkeit zu einer imaginierten „deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft“.  Obgleich beispielsweise Österreich als „deutscher Staat“ betrachtet wird, finden derartige Bezugnahmen eher verklausuliert statt, da im österreichischen Staatsvertrag (Art. 4 Abs. 2) pangermanische Bestrebungen wie großdeutsche Propaganda und Handlungen, welche auf den „Anschluss“ an Deutschland abzielen, verboten wurden. Dem Gedankengut folgend, mag es dennoch nicht verwundern, dass deutschnationale Burschenschaften sogenannte „Auslandsdeutsche“ als Teil dieses von ihnen beschworenen „Volks“ begreifen und sich für diese einsetzen. In diesem Sinne heißt es beispielsweise im Kurzporträt der „Deutschen Burschenschaft“, einer Art Dachverband, in dem an die 120 Burschenschaften organisiert sind: „Die Deutsche Burschenschaft sieht das deutsche Vaterland unabhängig von staatlichen Grenzen in einem freien und einigen Europa, welches Osteuropa einschließt. […] Deshalb setzt sich die Deutsche Burschenschaft aktiv dafür ein, daß in einem freien Europa  den Angehörigen aller Völker, insbesondere auch allen deutschen Volksgruppen in anderen Staaten, die uneingeschränkte kulturelle Entfaltung und Selbstbestimmung gewährleistet wird.“

Von Jena bis Santiago
Weniger bekannt ist jedoch, dass von „Deutschgesinnten“ bzw. Nachfahren deutscher Einwanderer auch im Ausland Burschenschaften gegründet wurden. Als bedeutendstes Beispiel ist in diesem Zusammenhang Chile zu nennen, wo bereits Ende des 19. Jahrhunderts die erste von insgesamt fünf Burschenschaften gegründet wurde. Die Burschenschaft „Araucania“ (benannt nach einer Region in Chile) wurde 1896 u. a. vom Sohn eines Mitglieds der 1815 in Jena gegründeten „Urburschenschaft“ ins Leben gerufen. Dieser Vater wurde in Chile durch „die Revolution von den Pflichten des Stadtarztes und Leiters des Hospitals in Puerto Montt enthoben“, wie es in der schwulstigen Gründungsgeschichte auf der Homepage der Verbindung heißt, und verfügte demnach „über genügend Zeit, um seinen Sohn für die Tradition der Jenaer Burschenschaft zu begeistern“.

In den 1920ern folgten weitere Burschenschaftsgründungen in Chile, und so wurden die „Montania“ (1924 in Concepción) und die „Andinia“ (1926 in Santiago de Chile) gegründet, die beiden weiteren jedoch erst nach dem 2. Weltkrieg („Ripuaria“ 1949 in Valparaíso und „Vulkania“ 1963 in Valdivia). Gemeinsam sind sie im 1959 ins Leben gerufenen Dachverband „Bund chilenischer Burschenschaften“ organisiert, der auch ein Freundschafts- und Arbeitsabkommen mit der oben genannten „Deutschen Burschenschaft“ pflegt und u. a. in Form von Stipendien Auslandsaufenthalte von deutschen und österreichischen Burschenschaftern in Chile organisiert und umgekehrt. Zudem finden sich in Chile auch drei Mädelschaften, zu denen die 1969 gegründete Mädchenschaft „Erika Michaelsen Koch“ in Santiago, die 1991 gegründete „Amankay“ in Valdivia und die „Viktoria“ in Concepción zählen.

Gemeinsamkeiten/Unterschiede
Wenngleich die männer- und lebensbündische Struktur, die Verbindungsfarben (z. B. Schwarz-Rot-Gold bei der „Araucania“ oder Schwarz-Weiß-Rot bei der „Ripuaria“) sich kaum von jenen im deutschsprachigen Raum unterscheiden und die Wahlsprüche „Ehre, Zucht, Einigkeit“ („Araucania“) oder „Zucht, Arbeit, Freude“ („Ripuaria“) einiges über die in den Verbindungen kultivierten Werte auszusagen vermögen, lassen sich doch auch einige Unterschiede zu den deutschnationalen Burschenschaften hierzulande festmachen. So sind die chilenischen Burschenschaften freischlagend, was bedeutet, dass die Verbindung ihren Mitgliedern freistellt zu fechten und sie folglich keine Pflichtmensuren fechten müssen (was nicht zuletzt damit zu tun hat, dass die rechtliche Grundlage der Mensur in Chile nicht geklärt zu sein scheint). Anders als im deutschsprachigen Raum, wo die „deutsche Herkunft“ neben dem Bekenntnis zur „deutschen Volksund Kulturgemeinschaft“ eine entscheidende Rolle für die Aufnahmebedingungen in einer Burschenschaft zu sein scheint, reichen in Chile gute deutsche Sprachkenntnisse sowie „aktives Interesse an dieser Sprache und Kultur“ bzw. „an der Erhaltung des deutschen Kulturguts“ oder die Versicherung, „sich fürs Deutsche engagieren“, als Voraussetzungen aus – wobei die Mädchenschaft „Erika Michaelsen Koch“ jedoch hervorhebt: „Mädchen deutscher Abstammung werden bevorzugt.“

Gemäß der Internetpräsenz anderer rechter/rechtsextremer Organisationen, die Anglizismen verteufeln, lassen sich auf einigen (fast ausschließlich in Deutsch gehaltenen) „Heimatseiten“ chilenischer Burschenschaften ebenfalls meist nur „Verweise“ und keine Links finden. Das Semesterprogramm der unterschiedlichen Verbindungen lässt auf eine ähnliche Begeisterung für hohen (deutschen) Bierkonsum wie hierzulande schließen und reicht von Gründungsfesten über Burschenräte bis hin zu „Stammtisch im Lili Marleen“ (?!).

Wenngleich die Homepages vor allem dazu dienen, Mitglieder zu werben, und sich wenig politisch geben, werden bei genauerer Betrachtung sehr wohl auch die ideologischen Hintergründe deutlich. Die Geschichte der Burschenschaft „Araucania“ beispielsweise gibt Auskunft über ihre Beziehung zu Deutschland. Nachdem sich nämlich in Deutschland und Österreich nach dem „Anschluss“ 1938 ein Großteil der deutschnationalen Burschenschaften selbst aufgelöst und in die NSDAP eingegliedert hatte, existierten 1939 nur mehr die chilenischen Burschenschaften, was diese in eine komplizierte Situation brachte. Relativ unverblümt heißt es über die „Suspension der Aktivität der Burschenschaft Araucania“: „Als die Lage Deutschlands hoffnungslos wurde und nur noch der Zusammenbruch des Reiches erwartet werden konnte, sah man in der vorläufigen Einstellung jeglicher Aktivität der Burschenschaft die beste Lösung.“ Und an anderer Stelle werden die „Folgen“ des Militärputsches 1973 bejubelt: „Die Universitäten übernahmen wieder ihr früheres Ziel und entwickelten sich in einem friedlichen Milieu.“

Obgleich die chilenischen Burschenschaften mit der deutschen Community in Chile gut vernetzt zu sein scheinen, ergibt sich dennoch ein entscheidender Unterschied zu den Burschenschaften im deutschsprachigen Kontext: der weniger geringe gesellschaftliche wie auch politische Einfluss chilenischer Burschenschafter – und so wird Osvaldo Koch Krefft (ehemaliger chilenischer Justiz-, Innen- und Außenminister) als bekanntestes Mitglied der Burschenschaft „Araucania“ wohl eher eine Ausnahme bleiben.

Lesetipps:

Heither, Dietrich (2000): Verbündete Männer. Die Deutsche Burschenschaft – Weltanschauung, Politik und Brauchtum. Köln.

»Österreichische Hochschüler_innenschaft der Uni Wien [Hrsg.in] (2009): Völkische Verbindungen. Beiträge zum deutschnationalen Korporationsunwesen in Österreich. Wien.
Zur Autorin:  Judith Goetz ist Politik- und Literaturwissenschaftlerin sowie Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (www.fipu.at). Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählen Rechtsextremismus (und Geschlecht), Gedenkpolitik und Gedenkkultur in Österreich sowie feministische/frauenpolitische Fragestellungen.

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Mythologia Germanica

Die jüngsten Proteste gegen burschenschaftliche Ballveranstaltungen und das damit einhergehende Medieninteresse haben völkische Korporierte zu einer Reihe von Entgegnungen auf vermeintliche Fehlrepräsentationen veranlasst. Unverändert spiegeln sie die in völkischen Korporiertenkreisen vorherrschende Weigerung wider, auch unangenehme Erkenntnisse der seriösen Geschichtswissenschaft zu akzeptieren und vom Modus trotziger Apologie zu einer selbstkritischeren Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte im Allgemeinen (und jener zwischen 1930 und 1945 im Besonderen) überzugehen. Der Leserbrief von Wendelin Mölzer an die Zeitschrift PROFIL (7/2014) bildet hier keine Ausnahme. Eine Richtigstellung.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Wendelin Mölzer vermeintliche „Klischees und Mythen“ in Christa Zöchlings Artikel mit Halb- und Viertelwahrheiten zu entkräften hofft. Entgegen der von ihm behaupteten ideologischen Unvereinbarkeit von völkischem Verbindungsstudententum und Nationalsozialismus ist auf die (politisch früh realisierte) Kompatibilität beider im fanatischen Irredentismus und Antisemitismus hinzuweisen. Mölzers vermeintlicher Beleg – die Auflösung der Verbindungen durch das NS-Regime – blamiert sich an den Fakten. Nicht wegen demokratischer Gesinnung oder ideologischer Unzuverlässigkeit wurden die völkischen Verbindungen aufgelöst, sondern aufgrund der Grundtendenz des Regimes, keinerlei Organisierung außerhalb seiner eigenen Strukturen zu dulden. Unschwer zu erkennen ist dies für jeden, der es wissen will, daran, dass katholische, liberale und zionistische Korporationen 1938 zerschlagen, die völkischen dagegen in den NS-Studentenbund überführt wurden. Dies nicht zuletzt aus Dank für ihre emsige, bereits Anfang der 1930er Jahre einsetzende Wühlarbeit im Dienste der NS-Bewegung. Die von Mölzer – wohl nicht zum letzten Mal in diesem Jahr – versuchte Vereinnahmung der 1848er-Revolte für die „Waffenstudenten“ erscheint insofern wenig überzeugend, als ein studentisches Verbindungswesen in Österreich zu diesem Zeitpunkt nur in zarten Ansätzen existierte. Wenn Mölzer schließlich darauf pocht, dass Burschenschafter wie Victor Adler und „Friedrich“ (korrekt: Ferdinand) Lassalle mit an der Wiege der Sozialdemokratie standen, wäre er auch daran zu erinnern, weshalb Burschenschaft und Sozialdemokratie keine gemeinsame Zukunft beschieden war: in etwa zeitgleich mit der Herausbildung letzterer wurden völkischer Nationalismus, rabiater Antisemitismus und militanter Anti-Internationalismus unter österreichischen Burschenschaftern hegemonial.

Bernhard Weidinger

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