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„Wer nicht hüpft, der ist ein …“

erschienen in Progress 3/14

In Zusammenhang mit Sport werden exkludierende Ideologien verbreitet. progress nimmt den Antisemitismus im österreichischen Fußball unter die Lupe.

Judith Goetz

In der medialen Rezeption von Fußball steht oft die nostalgische Verklärung von Fußballlegenden, Vereinen oder einzelnen Spielen im Vordergrund. Eine kritische Hinterfragung der antisemitischen Auswüchse dieser Sportart wird dabei meist verunmöglicht. Zwar verweisen manche Stimmen neben der Kommerzialisierung des Fußballs auch auf Problematiken wie Antisemitismus und Rassismus auf den Tribünen. Aber selbst ihnen fehlt die theoretische Einbettung von einzelnen Tatsachenberichten. Das Wesen des Antisemitismus bleibt somit meist unerkannt und seine Ursprünge bleiben unhinterfragt.

Antisemitismus wird in der Fußballliteratur oft als eine mögliche Form des Rassismus abgetan und nicht eigenständig behandelt. Dieser Zugang spiegelt sich leider auch häufig in der antidiskriminatorischen Fanarbeit oder in Fairplay-Kampagnen wider. So wird Antisemitismus oft nur nach entsprechenden Vorfällen von Seiten der Spieler oder Fans explizit zum Thema gemacht und eigenständige Projekte zur Sensibilisierung und Prävention stehen bis heute aus.

Rassismus und Antisemitismus sind jedoch in ihrem Wesen und ihren Erscheinungsformen grundverschieden: Der Hass auf Juden und Jüdinnen richtet sich gegen ihre imaginierte Allmacht, wohingegen sich der Rassismus gegen die jeweilige Ohnmacht der rassistisch markierten „Anderen“ wendet. Gerade auch weil Antisemitismus im Fußball nicht immer so deutlich auftritt, aber dennoch latent vorhanden und tief verankert ist, wäre die Auseinandersetzung mit dem Phänomen von besonderer Wichtigkeit.

Wir-Identitäten. Im Fußball entsteht durch gemeinsam erlebte Siegund Niederlageszenarien ein regional bis national verortetes Gruppenbewusstsein. Unter Fans stehen meist Werte wie Zugehörigkeit, die Treue gegenüber einer Mannschaft sowie die KameradInnenschaft untereinander im Mittelpunkt. Der Historiker Michael John beschreibt Fußball als „ritualisiertes Kampfspiel mit stark hierarchischem Charakter“. Die dabei verstärkte Gruppenidentität kann dazu führen, dass der sportliche Gegner als realexistierender Feind wahrgenommen wird. Dabei entsteht ein kollektives Wir, das der Volksgemeinschaft nicht unähnlich ist und zur starken Identifizierung, auch durch Symbole wie zum Beispiel Fahnen, Kappen und Schals, einlädt. Fußballspiele können durch ihre Funktion als Ventil zur Freilassung von Aggressionen „potentielle Krisenherde“ darstellen, die ein gewisses Machtinteresse transportieren. Auf diese Weise vermischen sich soziale mit sportlichen Werten, die ausgehend von bestimmten Ideologien vorbestimmt sind. So ist auch die Affinität rechtsextremer Gruppierungen zum Fußball nicht neu und gründet auf den angesprochenen Wertvorstellungen bestimmter Fanszenen, wie der Betonung von KameradInnenschaft sowie nationalistischen, fremdenfeindlichen, rassistischen und antisemitischen Orientierungen.

Antisemitismus ohne Juden. Antisemitische Sprüche wie „Scheiß Juden“ oder „Wer nicht hüpft, der ist ein Jude!“ gehören bei Spielen gegen israelische Mannschaften zum rechtsextremen Fußballalltag. Rechtsextremes Gedankengut wird zudem über Symboliken wie Reichkriegsfahnen und Keltenkreuze oder über NS-verharmlosende Botschaften wie Hitler-Grüße zum Ausdruck gebracht. Dass Antisemitismus aber nicht auf real existierende Juden und Jüdinnen angewiesen ist, zeigt sich in Österreich beispielsweise in den Auseinandersetzungen der beiden Wiener Fußballklubs Austria (FAK) und SK Rapid. Da sich ersterer historisch gesehen aus bürgerlichen und jüdischen Gesellschaftsschichten zusammensetzte, sehen sich Rapid-Fans trotz der Tatsache, dass es in Österreich kaum bis keine SpitzensportlerInnen jüdischer Herkunft gibt, noch heute veranlasst, mit antisemitischen Parolen gegen die Austria anzutreten. Im August 2004 war auf einer Tribüne des Heimstadions der Austria der antisemitische Schriftzug „Franz Strohsack-Synagoge“ zu lesen, in Anspielung auf den Besitzer des Magna-Konzerns und ehemaligen Präsidenten der Austria, Frank Stronach. Bis heute finden sich rund um das Rapid-Stadion in Hütteldorf Davidstern-Sprayereien, verziert mit den Buchstaben FAK. Auch in den Reihen der Fans des Linzer Athletik- Sport-Klub (LASK) war 2007 ein Transparent mit der Aufschrift „Schalom“ zu sehen und Sprechchöre wie „Ihr seid nur ein – Judenverein“ waren zu hören. Bei einem Bundesligaauswärtsspiel 2009 gegen die Austria im Horr-Stadion wurden Parolen wie „Juden Wien, Juden Wien“ skandiert.

Judenfeindliche, antisemitische Ausdrucksformen zielen durch die mit antisemitischen Stereotypen verbundenen Konnotationen auf die prinzipielle Abwertung der gegnerischen Mannschaft oder der Schiedsrichter ab. Der Antisemitismus ist also auch als ein System von Welterklärungsmustern zu verstehen, in welchem Juden und Jüdinnen als Projektionsfläche für die eigene Paranoia dienen. Auch im Fußball zeigt sich die tiefgehende gesellschaftliche Verankerung der Ablehnung und Abwertung von allem, was als „jüdisch“ gilt.

Neonazis im Stadion. Fußballfans sind auch immer wieder Anwerbeversuchen durch Neonazis ausgesetzt, die Fußballstadien dazu nutzen, ihre Parolen zu platzieren. Antisemitisch motivierte Aktionen waren beispielsweise bei den Fans des Wiener Klubs Rapid insbesondere ab den 1980ern wieder verstärkt anzutreffen, unter anderem weil der international bekannte Holocaustleugner Gottfried Küssel begonnen hatte, im Rapid-Stadion Nachwuchs zu rekrutieren.

Aber auch die Austria hat seit einiger Zeit selbst ein massives „Neonaziproblem“. Insbesondere der rechtsextreme, inzwischen ausgeschlossene Fanclub Unsterblich fungiert seit einigen Jahren als Sammelbecken für Neonazis. Nicht nur Sprüche wie „Rassist, Faschist, Hooligan“ oder „Zick-zack Zigeunerpack“ sollen zu ihrem Standardrepertoire gehören, bei einem Europa League-Spiel gegen die baskische Mannschaft Athletic Bilbao waren neben einer Reichskriegsfahne auch Transparente mit dem Spruch „Viva Franco“ zu sehen. Bereits zuvor war der Austria-Fanclub Bull Dogs, der selbst das Keltenkreuz in seinem Logo hat, durch einschlägige Fanartikel in den Farben der Reichskriegsflagge aufgefallen.

Judith Goetz ist Literatur- und Politikwissenschafterin und Mitglied der Forschungsgruppe „Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ (www.fipu.at).

Literaturtipps:

Horak, Roman/Reiter, Wolfgang/ Stocker, Kurt (Hg.): Ein Spiel dauert länger als 90 Minuten, Junius, Hamburg 1988.

Michael John: Kriege im Stadion. Bemerkungen zu Fußball und Nationalismus; in: Schulze-Marmeling, Dietrich (Hg.): Der gezähmte Fußball. Zur Geschichte eines subversiven Sports; Göttingen 1992.

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Unsterbliche Hitler-Grüße

Am frühen Nachmittag des 27. Oktober überfielen rund 30 offenbar bestens organisierte Neonazi-Schläger das von verschiedenen linken und migrantischen Gruppen genutzte Ernst Kirchweger Haus (EKH) in Wien-Favoriten. Ein Gewerkschaftsaktivist wurde im Stiegenhaus zusammengeschlagen und verletzt, in der Folge konnten die Angreifer jedoch aus dem EKH gedrängt und vertrieben werden. Neun von ihnen nahm die Polizei in vorübergehenden Gewahrsam, aber trotz Tatwiederholungs- und -Verdunkelungsgefahr konnte sich die Justiz nicht zur Verhängung der U-Haft durchringen. Die zum Teil bewaffneten und mehrfach einschlägig vorbestraften Schläger werden von den ermittelnden Beamten der neonazistischen FAK-Fangruppe Unsterblich Wien zugeordnet.

Diese bereits davor für ihre Gewaltbereitschaft und ihren Rassismus berüchtigte Gruppierung wurde in den letzten Jahren systematisch von Neonazis unterwandert, insbesondere Aktivisten von Blood & Honour sahen hier eine Möglichkeit, unter Fußballfans Nachwuchs zu rekrutieren. Dementsprechend wählte Unsterblich sein Banner-Logo vorübergehend nach dem Vorbild von Blood & Honour. Daneben verwendet Unsterblich beliebte neonazistische Symbole wie den SS-Totenkopf und die Reichskriegsflagge.

Eine breitere Öffentlichkeit wurde im Dezember 2009 erstmals auf die Nazi-Hooligans aufmerksam: Beim Spiel Austria Wien gegen Athletico Bilbao wiesen sie mit einem im Stadion angebrachten Reichsadler-Banner auf ihre Gesinnung hin. Mit Falange-Symbolen und einem „Viva Franco“-Transparent provozierten sie die baskischen Fans. Auch der damalige Platzsturm ging maßgeblich von Unsterblich-Schlägern aus. Von ein paar Stadionverboten abgesehen tat die FAK-Vereinsleitung zunächst jedoch nichts gegen die neonazistischen Umtriebe im Fansektor, erst im heurigen Jahr wurde endlich ein genereller Ausschluss verhängt. Dieser wird jedoch von den Unsterblich-Nazis insbesondere bei Auswärtsspielen regelmäßig unterlaufen. Zudem versuchen sie weiterhin mit Drohungen und Gewalt im Fanblock die Vorherrschaft zu erreichen. Aus Angst, aber auch aus falschem Corps-Geist haben es die nicht-rechtsextremen Fangruppen jedoch viel zu lange zugelassen, dass sich Unsterblich innerhalb des Sektor profilieren konnte. Gegen das Pyrotechnik-Verbot im Stadion und Repressionen gegen Fans haben sie vor nicht allzu langer Zeit noch gemeinsam mit den Neonazis protestiert.

Aber auch außerhalb der Stadien kam es bereits in der Vergangenheit immer wieder zu politisch motivierten und extrem gewalttätigen Angriffen von Unsterblich-Aktivisten auf Linke, so etwa im Juni 2009 am Rande einer FPÖ-Kundgebung am Viktor Adler Markt in Wien-Favoriten oder im April 2010 am Rande einer weiteren FPÖ-Wahlveranstaltung am Ballhausplatz. Zumindest ein Unsterblich-Anführer behauptet selbst von sich, in der FPÖ aktiv zu sein, daneben existieren einige Berührungspunkte zum Ring Freiheitlicher Jugend (RFJ).

Dass von Seiten der ermittelnden Behörden auch diesmal wohl keine Gefahr für die Neonazi-Schläger ausgehen wird, legt ein Skandal aus jüngster Vergangenheit nahe: Im September 2011 begingen Unsterblich-Nazis den Tod eines „Kameraden“ mit einer Demonstration, die sie auch noch filmten. Die auf dem Video deutlich zu sehenden Hitler-Grüße wurden umgehend zur Anzeige gebracht. Jedoch wurden die Ermittlungen eingestellt, weil Beamte des Landesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (LVT) keine Hitler-Grüße, sondern nur ein „bei Fans übliches Ausstrecken der Hände mit den Handflächen nach außen“ sehen wollten bzw. den Neonazis glaubten, sie hätten sich im Vollrausch zum verbotenen Gruß „hinreißen“ lassen, also ohne Vorsatz gehandelt.[1]

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Zum Verhältnis von Antisemitismus und Fußball in Österreich

Erschienen in fiber.werkstoff für feminismus und popkultur, Nr 22/2013 „leibesübungen“, Seiten 40-41 und 44-47.

Ausgehend von der Annahme, dass Fußballmatches „die zentralen Werte unserer Gesellschaft in komprimierter Form sichtbar“ (1) machen, kann gesagt werden, dass Sportstadien lediglich einen örtlich eingegrenzten und zeitlich definierten Raum mit einem bestimmten Publikum darstellen, an welchem die konfliktreichen Auswüchse des gesamtgesellschaftlichen Geschehen ausgetragen werden. Sie können weder davon losgelöst betrachtet noch analysiert werden. Moderner Sport wie der Profifußball ist einerseits durch die Kommerzialisierung von Stadien, Spielen und auch FußballerInnen unweigerlich in die Marktwirtschaft eingebunden, andererseits stellt er jenen Teil der gesellschaftlichen Strukturierung dar, der, wie Theodor W. Adorno Adorno (2) meint, versucht, den Bedeutungsverlust von Körperlichkeit durch das verstärkte Aufkommen von Maschinen in der Arbeitswelt auszugleichen, indem der Körper selbst neue Funktionen bekommt. Dadurch würde er auch ins „Reich der Unfreiheit“ gehören. Diese Unfreiheit meint nicht nur die durch materielle Zwänge und Unterwerfung unter das hegemoniale System des Kapitalismus verursachte, sondern auch die Unfreiheit von ideologischen Bestimmungen und Ausrichtungen. Sport stellt demzufolge „keinen gesellschaftlichen Freiraum dar, sondern ist als Teilbereich des sozio-kulturellen Systems in gesamtgesellschaftliche Bedingungen und Wertvorstellungen eingebettet.“ (3) In seinen modernen Ausprägungen stellt der Sport ein Feld dar, an dem gesellschaftliche Ideologien verbreitet werden, die sich in ihren Massenveranstaltungen manifestieren. Da Fußball ursprünglich aus England kam und in Österreich und Deutschland anfänglich als „Engländerei“ diffamiert wurde, konnte sein gesellschaftspolitischer Inhalt erst im Laufe seiner Etablierung im deutschsprachigen Kontext vom ideologischen Ballast des als deutsch geltenden Turnens unterwandert werden. Der antisemitische Nährboden im Sport, den die Nazis für sich vereinnahmten, konnte schließlich, wie auch gesamtgesellschaftlich, auf der florierenden Ablehnung der Juden und Jüdinnen rund um die Jahrhundertwende aufbauen und stellte somit keine grundlegende Neuheit dar. So scheint es auch kaum verwunderlich, dass sich diverse antisemitische Stereotype und Feindbilder im Fußball nach 1945 unmittelbar fortsetzten und bis zum heutigen Tage nicht an Popularität eingebüßt haben. So zeigt sich nicht zuletzt, dass die antisemitischen Kontinuitäten im österreichischen Sport nach dem Zweiten Weltkrieg in einer unleugbaren Parallelität zu den gesamtgesellschaftlichen Fortsetzungen des Antisemitismus in Österreich stehen.

Antisemitismus im Fußball vor und während der Shoah

Antisemitismus als integraler Bestandteil von Fußball wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts deutlich, insbesondere im Zusammenhang mit den Teams des Hakoah-Klubs, einem zionistischen Sportverein, der 1909 gegründet worden war. Der Verein konnte sich wegen der anfänglichen Ablehnung der neuen Sportarten von deutschnationaler Seite insbesondere im Bereich Fuß- und Wasserball gut entwickeln. Die Spieler waren jedoch ständig mit Antisemitismus konfrontiert, so waren etwa Angriffe und Beschimpfungen an der Tagesordnung, genauso wie die Ablehnung jüdischer Schiedsrichter oder die Weigerung einiger Vereine, gegen jüdische Mannschaften zu spielen. Bis Ende des 19. Jahrhunderts war in Deutschland und Österreich das als „deutsch“ geltende Turnen die vorherrschende Art der „Leibesertüchtigung“, während Ballspiele als „Engländerei“ diffamiert wurden.

Nach dem so genannten Anschluss Österreichs wurden „nicht-arische und undeutsche Elemente“ aus dem Sportwesen durch Verbot ausgeschlossen, sämtliche Verträge von jüdischen Berufssportlern gekündigt, jüdische Spieler von der laufenden Meisterschaft ausgeschlossen und der österreichische Fußballverband als Gau XVII Ostmark in den Nationalsozialistischen Deutschen Reichsbund für Leibesübungen (NSRL) integriert. In Österreich war auch der als jüdisch geltende Fußballklub Austria unmittelbar von den „Umstrukturierungen“ betroffen: Sein Name wurde aufgrund der großdeutschen Sprachregelung, nach der Österreich namentlich nicht mehr vorkommen sollte, in „SC Ostmark“ geändert, der jüdische Klubpräsident Emmanuel Schwarz durch einen Nazi ersetzt. Während Austria fortbestand, wurde der Sportklub Hakoah gänzlich aufgelöst, sein Vereinsvermögen beschlagnahmt, der Hakoah-Sportplatz in der Krieau der SA-Standarte 90 zugeordnet, und die Ergebnisse der laufenden Meisterschaften wurden annulliert. Damit fand der jüdische Fußball in Österreich zunächst ein Ende. Den meisten der ehemaligen Aktiven gelang die Flucht ins Ausland, doch viele kamen auch in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern ums Leben. Bis heute lassen sich wenige Vereine finden, die sich mit ihrer Geschichte zwischen 1938 und 1945 auseinandergesetzt haben. Eine erwähnenswerte Ausnahme stellt die von Rapid Wien und dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands herausgegebene Publikation „Grün-Weiß unterm Hakenkreuz. Der Sportklub Rapid im Nationalsozialismus“ dar.

Die Kontinuitäten des Antisemitismus im Fußball nach 1945
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges musste in Österreich wiederum eine neue kollektive Identität gebildet werden, bei der auch dem Sport eine entscheidende Rolle zugekommen ist. Insbesondere die Abgrenzung von Deutschland in der zweiten Republik forcierte in den ersten Jahren nach dem Krieg ein Aufleben des österreichischen Patriotismus, in dem sich ein „Antigermanismus“ breit machte, der sich über Jahrzehnte hinweg durch die unzähligen Niederlagen verstärkte. Dies ging sogar so weit, dass rechtsextreme ÖsterreicherInnen in einem Länderspiel gegen Deutschland im Jahr 1986 in einem Flugblatt den deutschen rechtsextremen Fans den Tod wünschten. Zu antisemitisch motivierten Ausschreitungen war es bereits kurz nach Kriegsende gekommen, bei einem Spiel der getrennt vom Stammverein geführten Fußballmannschaft der Hakoah, die aus Halbprofessionellen bestand und in der 2. und 3. Liga spielte, gegen Polizei Wien. Ein verordneter Strafschuss gegen die Hakoah-Mannschaft führte zu einer Schlägerei, die von Ausrufen wie „Saujuden“ und „ins Gas mit ihnen“ begleitet wurde. Weitere Ausschreitungen folgten bei einem Spiel zwischen dem Brigittenauer Verein AC Sparta und Hakoah im Jahr 1948. Die physischen Übergriffe auf jüdische Spieler und ein parteiischer Schiedsrichter waren der Grund dafür, dass Hakoah nach dem Spiel darauf hinwies, dass es unter derartigen Umständen unmöglich sei, von einem geregelten Sportbetrieb zu sprechen. Phänomene des Rassismus, Sexismus, Nationalismus, Homophobie und selbstverständlich auch Antisemitismus, die im Fußball wie durch ein Brennglas an Schärfe gewinnen, sind demnach auch nach 1945 in erster Linie gesellschaftliche, die aus deren „Mitte“ stammen und sich so als Änderungen gesellschaftlicher Strukturen, sozialer Verhaltensregeln auch im Bereich des Sports auswirken. Der Sport ist so gesehen eine Manifestation spezifischer gesellschaftlicher Entwicklungen schlechthin, und so lassen sich Argumentationsmuster und Herangehensweisen sowie der Umgang mit dem industriell betriebenen Massenmord an über sechs Millionen Juden und Jüdinnen auch im Sport finden.

Die Affinität und Nähe des Fußballs zu rechtsextremen Gruppierungen stellen in bestimmten Fanszenen aufgrund der Ähnlichkeit ihrer Wertvorstellungen wie beispielsweise der Betonung von KameradInnenschaft unter den Fans sowie ihren nationalistisch, fremdenfeindlich, rassistisch und antisemitisch motivierten Orientierungen keine Neuheit mehr da. Im Gegenteil gewinnen ebendiese Gruppen zunehmend an Popularität, und so sind Fußballfans immer wieder Anwerbeversuchen durch Neonazis ausgesetzt, die Fußballstadien dazu nutzen, ihre Parolen zu platzieren. Antisemitisch motivierte Aktionen ließen sich beispielsweise bei den Fans des Wiener Klubs Rapid insbesondere ab den 1980ern wieder verstärkt antreffen, unter anderem weil der international bekannte Holocaustleugner und ehemalige „Führer“ der VAPO (Volkstreue Außerparlamentarische Opposition) Gottfried Küssel begonnen hatte, im Rapid-Stadion Nachwuchs zu rekrutieren. Aber auch heute sorgen antisemitische Entgleisungen in den Reihen der RapidlerInnen immer wieder für Aufsehen. So waren auch im letzten Jahr im Rahmen der Europa-League Spiele gegen Hapoel Tel Aviv nicht nur immer wieder Sprüche wie „Scheiß Juden“ zu hören, auch streckte ein Rapid-Fan vor laufender Kamera beim Auswärtsmatch in Tel Aviv die Hand zum Hitlergruß aus. Ein Jahr später war bei einem Spiel am 20.April im Rapid Fansektor ein Transparent mit der Aufschrift „Alles Gute 18“ zu sehen, das sich auf den ersten und achten Buchstaben im Alphabet A und H, Adolf Hitlers Geburtstag bezog. (4) 2007 waren die Rapid-Fans bei einem Länderspiel mit einem Transparent mit der Aufschrift „Judasschitz raus aus Hütteldorf“ aufgefallen, das sich gegen den damaligen Kapitän des Nationalteams, Andreas Ivanschitz richtete, der den „Verrat“ begangen hatte zum verhassten Konkurrenzverein Red Bull zu wechseln. Aber auch beim Qualifikationsspiel für die Champions League 2009 kam es auf den ZuschauerInnenrängen von Red Bull Salzburg zu deutlichen antisemitischen Äußerungen wie „Wer nicht hüpft, der ist ein Jude“ gegen die gegnerische Mannschaft Maccabi Haifa. Auch bei Spielen anderer österreichischer Fußballklubs kam es in der Vergangenheit zu derartigen Vorfällen. So machten im März 2006 Angehörige des St. Pöltner Fanclubs „Bad Boys“ bei einem Spiel zwischen SKN St. Pölten gegen den Wiener Sportklub mit einer Reichkriegsfahne auf sich aufmerksam. Kurz zuvor hatte der Fanclub „Braunauer Bulldogs“, die bei Auswärtsspielen ihres Fußballsklubs gerne den Schlachtgesang „Wir sind die Jungs aus der Hitlerstadt!“ anstimmen, auf die vereinseigene Homepage ein Foto gestellt, auf dem die Bulldogs mit ihrem Transparent und dem Hitlergruß vor dem Eingang des KZ Mauthausen posierten. 2009 tauchte bei einem Regionalligaspiel des Grazer Athletiksport Klub (GAK) im Fansektor eine Nazifahne auf, auf der ein weißer Kreis auf rotem Grund mit schwarzem Keltenkreuz in der Mitte zu sehen ist und die in Deutschland auch verboten ist.
Dass Antisemitismus, sowohl im gesellschaftlichen Alltag als auch im Sport, nicht auf real existierende Juden und Jüdinnen angewiesen ist, zeigt sich beispielsweise in den Auseinandersetzungen der beiden österreichischen Fußballklubs Austria und Rapid. Da sich ersterer, historisch gesehen, aus bürgerlichen und jüdischen Gesellschaftsschichten zusammensetzte, sehen sich Rapid-Fans trotz der Tatsache, dass es in Österreich kaum noch SpitzensportlerInnen jüdischer Herkunft gibt und sich die beiden Klubs in Bezug auf Spielerreservoir, Publikum und politisches Umfeld kaum voneinander unterscheiden, veranlasst, mit Parolen wie „Haut’s die Juden eini’!“ gegen die Austria anzutreten. Im August 2004 war auf einer Tribüne des Heimstadions der Austria Wien der antisemitische Schriftzug „Franz Strohsack-Synagoge“ zu lesen, in Anspielung auf den Besitzer des Magna-Konzerns und ehemaligen Präsidenten der Austria, Frank Stronach. Auch in den Reihen der Fans des Linzer Athletik-Sport-Klub (LASK) waren 2007 sowohl ein Transparent mit der Aufschrift „Schalom“ zu sehen als auch Sprechchöre „Ihr seid nur ein – Judenverein“ und bei einem Bundesligaauswärtsspiel 2009 gegen die Austria im Horr-Stadion Parolen wie „Juden Wien, Juden Wien“ zu hören. Dieses Phänomen, judenfeindliche, antisemitische Ausdrucksformen gegen den jeweiligen spielerischen Gegner zu gebrauchen, setzt sich im österreichischen Fußball nicht nur am Beispiel des Fußballklubs Austria fort, sondern zielt durch die mit antisemitischen Stereotypen verbundenen Konnotationen auf die prinzipielle Abwertung der feindlichen Mannschaft oder der Schiedsrichter ab. Der Antisemitismus ist also auch als ein System von Welterklärungsmustern zu verstehen, in welchem Juden und Jüdinnen zur Projektionsfläche der eigenen Paranoia dienen. Indem Juden und Jüdinnen allgegenwärtig gesichtet werden, bietet ihr Feindbild zugleich die Erklärung für soziale Missstände, Wünsche und Probleme. So zeigt sich an diesem Beispiel also auch im Fußball die tiefgehende gesellschaftliche Verankerung der Ablehnung und Abwertung von allem als „jüdisch“ geltendem bzw. all jenem, was sich als „jüdisch“ instrumentalisieren lässt.

Gleichzeitig hat aber auch die Wiener Austria selbst seit einiger Zeit ein massives „Neonaziproblem“, wie es sooft in der Berichtserstattung über Entgleisungen der Austria Fans heißt und wie, wenn auch etwas spät und zögerlich, auch vom Verein erkannt wurde. Insbesondere der rechtsextreme Fanclub „Unsterblich“ fungiert seit einigen Jahren als Sammelbecken für Neonazis, die aufgrund ihrer antisemitischen, rassistischen und faschistischen Agitationen immer wieder für Aussehen gesorgt haben. So sollen nicht nur Sprüche wie „Rassist, Faschist, Hooligan“ oder „Zick-zack Zigeunerpack“ zu ihrem Standardrepertoire gehören, bei einem Europaleaguespiel gegen die baskische Mannschaft Athletic Bilbao waren darüber hinaus neben einer Reichskriegsfahne auch Transparente mit dem Spruch „Viva Franco“ zu sehen. Aber auch auf politischen Kundgebungen der FPÖ oder bei Angriffen auf AntifaschistInnen sind „Unsterblich“-Fans zunehmen anzutreffen. Bereits zuvor war der Austria Fanclub „Bull Dogs“, die selbst das Keltenkreuz in ihrem Logo haben, durch einschlägige Fanartikel in Reichskriegsfarben aufgefallen.

Trotz dieser zahlreichen und denn noch ausschnitthaften Beispiele wurde und wird Antisemitismus kaum als Problem der Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen. Gerade auch weil Antisemitismus im Fußball nicht immer so deutlich auftritt wie bei den beschriebenen Agitationen, aber dennoch latent vorhanden und tief verankert ist, ist die Auseinandersetzung mit dem Phänomen von besonderer Wichtigkeit. So verwundert es nicht, dass auch die Medienberichterstattung oftmals antisemitische Züge aufweist. Auch hierfür lässt sich ein Beispiel finden: Das Länderspiel zwischen Österreich und Israel am 7. Oktober 2001, das in Israel stattfinden sollte. Die Frage, warum das Spiel angesichts der Gefahr eines möglichen Terroranschlags nicht an einem anderen Ort ausgetragen würde, beantwortete der Fußballkolumnist der Tageszeitung Kurier, Wolfgang Winheim, mit der „Geldgier“ der Israelis.

Judith Goetz*

*Literaturwissenschafterin und Politikwissenschafterin. Seit 2001 zahlreiche Auslandsaufenthalte und soziale Tätigkeiten vor allem in Lateinamerika (Guatemala, Nicaragua, Argentinien, Venezuela), Mitglied der Redaktion Context XXI, zahlreiche Artikel und Vorträge zu den Themenbereichen Rechtsextremismus, Gedenkpolitik und Gedenkkultur in Österreich sowie zu feministischen/frauenpolitischen Fragestellungen.

(1) Bromberger, Christian, in Horak, Roman/ Reiter Wolfgang Horak, Roman: „So werden wir nicht Meister …“. ’soccer hooliganism‘ in Austria revisited; Expertise I im Rahmen des ‚Cross National Survey on the Changing Nature, Causes and Long Term Policies Regarding Spectator Violence and Football‘ des Europarates ; eine Studie der Projektgruppe „Fußballgewalt in Österreich“ im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit, Sport und Konsumentenschutz. Wien 1991, S. 23
(2) Adorno, Theodor W.: Das Reich der Unfreiheit und der Sport, in: Sportphilosophie, Leipzig 1997, S 43
(3) Michael John: Kriege im Stadion. Bemerkungen zu Fußball und Nationalismus; in: Schulze-Marmeling, Dietrich (Hg.): Der gezähmte Fußball. Zur Geschichte eines subversiven Sports; Göttingen 1992, S. 257-268., hier S. 257

(4) Das Transparent wurde von den Ultras selbst abgenommen und auch darüber hinaus beteiligt sich Rapid seit einigen Jahren an antirassistischen Kampagnen. Eine einheitliche Linie der Fans sowie auch der Ultras ist jedoch nicht zu erkennen, weshalb ihr Engagement auch immer wieder kritisiert wurde

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