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Das freiheitliche Monatsmagazin

Anlässlich der heutigen Aussendung von SOS Mitmensch über die Unterstützung der rechtsextremen AULA durch die FPÖ: ein geraffter Rückblick auf einige Lowlights des vergangenen AULA-Jahrgangs.

Das Zentralorgan der völkischen Verbindungen in Österreich im Besitz der Freiheitlichen Akademikerverbände ist nach wie vor eines der relevantesten publizistischen Foren der extremen Rechten in Österreich. Im Berichtsjahr bot die Grazer Monatszeitschrift das gewohnte Potpourri aus rassistischer Hetze, antisemitischen Verschwörungsphantasien, Verunglimpfung von NS-Opfern und Antifaschist_innen sowie kaum verhohlener NS-Nostalgie. Dargebracht wurde all dies in weiter verschärfter Form, sodass eine Einstufung der Zeitschrift als neonazistisch (statt ’nur‘ rechtsextrem) zumindest diskutabel erscheint. Ergüsse über „die Tatsache, daß es verschiedene Menschenrassen gibt“, über die „bedrohte(n) Europiden“ und die „Abschaffung der Weißen“ (Oktober-Nummer, S. 26f.), über „Rassenmischung – multikulturelle Gesellschaft genannt“ oder „die eurasisch-negroide Umvolkung deutschen Landes und ganz Europas“ (Dezember, S. 32 bzw. S. 17) standen 2015 neben Attacken auf die „egalitäre() Utopie, alle Menschen seien gleich“ (Oktober, S. 26) oder auf den „umtriebigen jüdischen Spekulanten“ George Soros (März, S. 5), der „die Vermischung von Menschenrassen durch die Förderung von Völkerwanderungen“ erstrebe und vermittels der „Rothschild-Herrschaftsmethode“ zusammen mit der restlichen „heimatlose(n) Weltfinanz … die totale Kontrolle über Völker, Staaten und deren Regierungen“ ausübe (ebd., S. 44-46). Den von der AULA affirmativ kolportierten Mythen zufolge steht Israel bzw. der „politische() Zionismus“ hinter dem selbsternannten ‚Islamischen Staat‘ (Februar, S. 42) und „ein Rothschild“ hinter dem Attentat auf Charlie Hebdo, wie Burschenschafter Walter Marinovic (Germania Salzburg) argwöhnte. Dieser bezog sich gleichzeitig positiv auf Luthers Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ bezieht, die „deren [der Juden, Anm. B.W.] Geldgier und Wucherzinsen verdammte“ und in die Parole „Darum immer weg mit ihnen!“ gipfelte (ebd., S. 30f.). Über eine „(j)üdische Selbstausgrenzung“ in der abendländischen Geschichte wusste die AULA (in Person des NPD-Kaders Karl Richter) im Mai zu berichten. Die „’christlich-jüdische‘ Symbiose sei „künstlich, unhistorisch“ und müsse „der nichtjüdischen Normalbevölkerung erst auf allen Kanälen suggeriert werden“, nicht zuletzt durch „die Infiltration des globalen ‚Weltgewissens‘ mit dem Holocaust-Dogma“. Der Holocaust sei für das Judentum heute „Quelle der Kraft, wenn auch einer negativen, parasitären“. Auschwitz werde „zum Nasenring, an dem sich die Völker willenlos herumführen lassen“ (Mai, S. 12f.). Auch Gedenkveranstaltungen durch „KZ-Besessene“ (Juni, 32f.) sind AULA-Autoren ein Dorn im Auge, eher ihrem Verständnis von Aufarbeitung der Vergangenheit entsprechen Einlassungen über „Mauthausen-Befreite als Massenmörder“ und „Landplage“ (Juli/August, S. 91). Abgerundet wird das Bild von Klagen über den „giftigen Nektar“ des radikalen Feminismus im Allgemeinen und „selbsternannte() Frauenbefreierinnen wie die US-jüdische Lesbe Shulamith Firestone“ im Besonderen (November, S. 58). In parteipolitischer Hinsicht lässt die AULA (Selbstbezeichnung: „Das freiheitliche Monatsmagazin“) keinen Zweifel an ihrer engen FPÖ-Anbindung, die durch regelmäßige Lobartikel und Gefälligkeitsinterviews ebenso dokumentiert wird wie durch umfangreiche Inserate der nach aktuellen Umfragen stärksten Partei des Landes.

Der Absatz ist ein Preview aus einem Artikel von Bernhard Weidinger (FIPU) für den Rechtsextremismusbericht des Grünen Klubs. [Update: Ende Mai 2016 ist der Bericht erschienen – abrufbar hier.]

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Teutonische Trilogie

Bernhard Weidinger

Das Internetmagazin VICE hat sich einem herausfordernden Unterfangen gestellt, die Wiener Burschenschaft Teutonia über einen längeren Zeitraum begleitet und daraus eine ca. 25-minütige Dokumentation in 3 Teilen gestaltet. Diese bietet seltene Einblicke – und doch kaum Erkenntnis, die das politische (nicht persönliche) Wagnis von embedded journalism unter Burschenschaftern rechtfertigen würde. Dazu ein paar unsystematische Gedanken.

  • Die Frage, ob Rechtsextremen ohne Not (d. h. ohne z.B. durch ein ORF-Gesetz dazu gezwungen zu sein) überhaupt eine Plattform gegeben werden soll – und wenn ja, warum -, soll hier nicht näher erörtert werden (Überlegungen dazu finden sich hier). VICE hat sie offenkundig mit Ja beantwortet, und das nicht zum ersten mal: u. a. wurde dort schon vor zwei Monaten dem in der Doku erneut ausgiebig gefeaturten Teutonen-Sprecher Mayer die Gelegenheit geboten, ausufernd und unkommentiert den Reiz des Burschenlebens zu schildern. In beiden Fällen kam dabei genau jene österreichische Burschenschaft zu Publizität, die in den letzten Jahren (aber etwa auch um 1990) am häufigsten und eindeutigsten im rechtsextremistischen Sinn auffällig wurde.
  • Mit der grundsätzlichen Bereitschaft, Rechtsextremen eine Bühne zu bieten, ist freilich noch nicht entschieden, wie das Ergebnis ausfällt. Variabel erschiene etwa der Anteil der Sendezeit, der den Rechtsextremen verfügbar gemacht wird, um sich in einer Weise darzustellen, die sie für sympathisch halten. (In puncto sympathieträchtiges Auftreten hat man in Burschenkreisen augenscheinlich dazugelernt, wenn eins die vorliegende Teutonen-Performance etwa mit diversen TV-Auftritten von Silesen, Brunen, Cruxen und Teutonen aus den 90er Jahren vergleicht, die eher als nachdrückliche Anti-Werbung in eigener Sache einzustufen waren.) Im vorliegenden Fall wurde ganz offenkundig sehr viel mehr Zeit und Energie in das Sammeln von exklusivem Videomaterial von burschenschaftlichen Veranstaltungen investiert als in die kritische Überprüfung/Kommentierung des dort Vorgefundenen (siehe unten) – was dem Produkt anzumerken ist.
  • Wenn eins sich entscheidet, Rechtsextreme dermaßen ausufernd ins Bild zu rücken, sich dabei aber nicht zum Teil einer Imagekampagne der Portraitierten machen will, schiene es (mir) notwendig, deren Selbstdarstellungen kritisch zu kommentieren – sei es durch die RedakteurInnen selbst, sei es durch ExpertInnen. Eine solche Kommentierung findet hier durch Judith Goetz und einen Aussteiger des katholischen Verbindungswesens auch statt, und das in durchaus kenntnisreicher Weise. Sie verbleibt allerdings weitgehend auf der Ebene des Grundsätzlichen und Allgemeinen, was freilich nicht den Interviewten anzulasten ist: sie beantworten die Fragen, die ihnen gestellt werden. Umgekehrt können die portraitierten Korporierten sehr viel konkretere Angaben machen, die für ZuseherInnen anschaulicher und greifbarer werden als die referierte Kritik – und (zu) wenig kritische Kommentierung erfahren. Eine Reihe burschenschaftlicher Nebelgranaten wird in der Sendung wiedergegeben, ohne dass sie als (falsche) Schutzbehauptungen kenntlich gemacht würden. So darf etwa Jörg Mayer vor der Ahnengalerie SS-uniformierter Teutonen insinuieren, diese seien zu ihrer (lt. Nürnberger Prozess) verbrecherischen Organisation „eingezogen“ worden – anstatt sich (in aller Regel jedenfalls) freiwillig gemeldet zu haben. Er kann die von ihm möglicherweise selbst geglaubte Erzählung der Altherrenschaft wiedergeben, wonach der neonazistischen VAPO Anfang der 90er Jahre nur zwei von zehn Aktiven angehört hätten, was schließlich nicht „repräsentativ“ sei. Tatsächlich fanden sich auf den bei Gottfried Küssel gefundenen Mitgliederlisten nicht weniger als acht Teutonen. Bernhard Rösch wiederum, Gothe und Wiener freiheitlicher Landtagsabgeordneter, darf unwidersprochen die Holocaustleugnung eines nicht namentlich genannten Olympia-Gastvortragenden – gemeint ist wohl David Irving – als „Ente“ bezeichnen.
  • Auf der Faktenebene ist gegen die Dokumentation ansonsten nicht viel einzuwenden – was auch damit zu tun hat, dass VICE selbst nicht allzu viele Fakten präsentiert. Es fehlt dazu aufgrund der gewählten Schwerpunktsetzung auf burschenschaftliche O-Töne schlicht die Zeit. Schief geraten sind allerdings die Zahlenangaben: 4000 Mitglieder erreicht das völkische Verbindungswesen allenfalls insgesamt: in Aufaddierung der Mitgliederzahlen aller akademischen und pennale Verbindungen, von Burschenschaften über Corps bis hin zu den Vereinen Deutscher Studenten. Beschränkt eins sich auf akademische Burschenschaften, ist die Zahl um ein Vielfaches überhöht – dafür wäre in diesem Fall (allerdings nur dann) die Angabe der rund 20 Verbindungen im Einleitungstext annähernd zutreffen, wenn auch etwas zu tief angesetzt.
  • Notabler noch (wenn auch nicht allzu überraschend) als die mutmaßliche Irving-Apologie Röschs scheint mir dessen Rede von der NS-Zeit als den „sechs (sic) schlimmsten Jahren“ der österreichischen Geschichte. Richtig schlimm wurde es in seiner Wahrnehmung offenbar erst mit Kriegsbeginn 1939. Das erste Jahr nationalsozialistischer Herrschaft, jenes der Pogrome, wilden „Arisierungen“ und der Dachau-Transporte, war demnach vergleichsweise erträglich – was für den durchschnittlichen Burschenschafter (männlich, „arisch“ und politisch zuverlässig) auch tatsächlich zutraf, aus dem Mund eines gewählten Mandatars im Österreich von 2015 aber dennoch eine bemerkenswerte Einschätzung darstellt. Es handelt sich um einen der Momente in der Dokumentation, an der eine kritische Nach-Frage wohltuend und interessant gewesen wäre, wie die VICE-Redakteurin sie an anderen Stellen auch tätigt.
  • Wenn aktuelle Aktive der Teutonia vors Mikrofon gebeten werden, wäre meines Erachtens von vorrangigem Interesse gewesen, wie diese sich zu rechtsextremistischen Auffälligkeiten verhalten, die sie selbst aus nächster Nähe erlebt haben oder an denen der eine oder andere von ihnen möglicherweise persönlich beteiligt war – konkret etwa diverse revanchistische, antisemitische und gedenkpolitisch eigenwillige Flugblattaktionen der jüngeren und jüngsten Vergangenheit; oder die Umtriebe des teutonischen Faktotums der heutigen extremen Rechten in Österreich, Jan Ackermeier (näheres bei Bedarf hier oder oder hier). Stattdessen spricht man über die VAPO, die ein heutiger Aktiver logischerweise nur vom Hören und (offenbar wenig faktengetreuen bis apologetischen) Sagen der Alten Herren kennt.
  • Der hohe Stellenwert von Brauchtumsfragen im Allgemeinen und der Mensur im Besonderen (gemessen an der diesen Fragen gewidmeten Zeit) in der Dokumentation entspricht einem gängigen Muster in der medialen Auseinandersetzung mit Burschenschaften: eine exotistische Herangehensweise, die den Gegenstand in erster Linie geheimnisvoll und faszinierend erscheinen lässt und über diese Faszination ideologische und politische Charakteristika tendenziell in den Hintergrund treten lässt – jedenfalls stärker, als es (mir) angezeigt erschiene. Dabei ließen diese Charakteristika sich anhand des Brauchtums vortrefflich illustrieren. Doch so ausführlich in der Dokumentation auch über das studentische Fechten geredet wird, kommt dessen ideologischer Kern – soldatische Männlichkeit (ihre Einübung, performative Herstellung und Beschwörung) sowie völkischer Nationalismus (versinnbildlicht in der symbolischen Aufopferung des Einzelnen für das völkische Kollektiv) – nicht zur Sprache.

Mein Fazit: die Dokumentation bietet einige interessante Einblicke, v. a. in Form von Charakterstudien, die – das sei fairerweise vermerkt – ohne längere burschenschaftliche Sprechpassagen wohl nicht in dieser Plastizität zu haben gewesen wären. Diese Einblicke wurden von VICE aber mit einem hohen Preis bezahlt. Ob entsprechend etwaiger vorab getroffener Vereinbarungen oder aus eigenem „Verschulden“, bewegt sich das Ergebnis (für meinen Geschmack) allzu nahe am Imagevideo nach Teutonen-Gusto: geeignet, Interesse bei potenziell Rekrutierbaren zu wecken und die restliche Öffentlichkeit zumindest aufgeschlossener (oder auch indifferenter) zu stimmen. Inwieweit das bei ausführlicherer Hinterfragung und Kommentierung der breiten Raum einnehmenden Selbstdarstellungsreden anders ausgefallen wäre, sei dahingestellt. Das Video wird VICE sicherlich viele Klicks bringen – und den Teutonen sonst schwer zu gewinnende Publizität. Insofern eine win-win-Situation. Erkenntnisgewinne für eine kritische Öffentlichkeit drängen sich dagegen wenig auf – jenseits der eher banalen Einsicht, dass Burschenschafter auch nur Menschen sind, sollte irgendjemand daran Zweifel gehegt haben.

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Preisfragen

Seit 1965 verleiht die Österreichische Volkspartei den Leopold-Kunschak-Preis. In der Sparte Wissenschaften wurde heuer auch meine Dissertation über Burschenschaften in Österreich für preiswürdig befunden. Wer sowohl mit meiner Arbeit, als auch mit der politischen Biografie Kunschaks vertraut ist, wird einen scharfen Kontrast nicht übersehen können: während die Kritik von Ideologien der Ungleichheit im Zentrum meiner wissenschaftlichen Tätigkeit steht, verbinden viele Menschen – darunter auch ich selbst – mit dem christlichsozialen Reichsratsabgeordneten, ÖVP-Mitbegründer und Nationalratspräsidenten Kunschak zuallererst wüsten Antisemitismus.

Die sich aus diesem Kontrast für manche/n wohl ergebende Frage, weshalb ich einen solchen Preis anzunehmen gedenke, lässt sich zunächst wie folgt beantworten: weil ich meine Arbeit aus eigenem Antrieb für den Preis eingereicht hatte und es mir inkonsequent erschiene, eine Auszeichnung abzulehnen, um die man sich zuerst beworben hat. Die Bewerbung entsprang einer Motivlage, in der akademische Eitelkeit ebenso eine Rolle spielte wie das meinem halben Jahreseinkommen als Unilektor entsprechende Preisgeld und die Neugier, ob die Auszeichnung einem Werk bzw. Autor verliehen würde, das bzw. der sich dem politischen Konservatismus im Allgemeinen und dem katholischen Verbindungsstudententum im Speziellen gegenüber gänzlich unapologetisch verhält. (Kunschak selbst gehörte dem katholischen Verbindungswesen als Ehrenmitglied einer CV-Verbindung etwa ebenso an wie die Vorsitzenden des Kunschak-Kuratoriums und der diesem beigestellten wissenschaftlichen Begutachtungskommission). Nun, da ich den Preis zuerkannt bekommen habe, freue ich mich darüber, insofern er eine Anerkennung meiner Arbeit darstellt – und aus einem Lager kommt, bei dem kaum von einer politisch motivierten a-priori-Begeisterung für mein Wirken ausgegangen werden kann. Gerade für einen auf politisch umkämpftem Feld Forschenden ist diese Art der Anerkennung von hohem Wert.

Insofern die jährliche Preisverleihung neben der Ehrung der jeweils Ausgezeichneten auch eine – wenn auch differenzierte – Ehrung des Namensgebers einschließt, sehe ich meine Freude über den Preis getrübt. Ja, Kunschak war – Achtung Gemeinplatz – eine facettenreiche Persönlichkeit: sozialpolitisch am linken Flügel seiner Partei angesiedelt, stärker pro-demokratisch und anti-faschistisch eingestellt als der Großteil seines Lagers (wobei seine Gegnerschaft zum Faschismus auch jenen der Heimwehr einschloss), unter NS-Herrschaft zweimal inhaftiert, Kontakte zum katholischen Widerstand; gleichzeitig war Kunschak einer der prononciertesten und fanatischsten Wortführer des politischen Antisemitismus im katholischen Lager, wobei er sich einer Rhetorik befleißigte, die von nationalsozialistischer Agitation kaum zu unterscheiden war.

Die umstrittene Frage, ob Kunschak seinen Antisemitismus auch nach 1945 beibehalten hat*, ist meines Erachtens keineswegs belanglos, nicht aber ausschlaggebend für die Beurteilung seiner Eignung als Namensgeber einer Ehrung, die nach dem Zivilisationsbruch Auschwitz und u. a. für Arbeiten zur Förderung des „friedlichen Zusammenlebens der Völker“ verliehen wird. Durchaus im Bewusstsein über Kunschaks Verdienste auf sozialpolitischem Gebiet kann ich die Aufrechterhaltung dieser Benennungspraxis seitens der ÖVP nicht nachvollziehen – umso weniger vor dem Hintergrund, dass wiederholt Arbeiten zur Aufarbeitung des Antisemitismus in Österreich mit dem Preis ausgezeichnet wurden; dass die Auseinandersetzung mit Kunschak seitens des parteieigenen Vogelsang-Instituts oder auch des CV durchaus als differenziert bezeichnet werden kann**; und dass das christlichsoziale Lager fraglos zahlreiche Frauen und Männer hervorgebracht hat, von einer Auszeichnung unter deren Namen sich auch GegnerInnen des Antisemitismus geehrt fühlen könnten.

Vor dem Hintergrund des dargestellten Zwiespalts freue ich mich, die gesamte Preissumme zu gleichen Teilen den folgenden Einrichtungen bzw. Zwecken zuführen zu können: ESRA, das als psychosoziales Zentrum der jüdischen Gemeinde Wiens die Spätfolgen dessen bearbeitet, was Rhetorik wie jene Kunschaks vorbereiten half; der Realisierung einer geplanten Publikation meiner Forschungsgruppe (FIPU) zu historischen und aktuellen Formen des Antisemitismus; dem Verein Romano Centro, weil er hervorragende Arbeit für die Interessen einer weiteren europäischen Minderheit mit umfangreicher Diskriminierungserfahrung – Roma und Romnja – leistet; sowie dem Projekt Sisters Against Violence Europe, weil es eminent wichtig (und gleichzeitig zuwenig bekannt) ist.

Bernhard Weidinger

* Vgl. zur Debatte und zum Antisemitismus Kunschaks allgemein die 2013 im STANDARD ausgetragene Kontroverse zwischen Kurt Bauer und Paul Mychalewicz.

** Dies gilt interessanter Weise nicht in selbem Maße für den Umgang des Vogelsang-Instituts mit seinem Namensgeber Karl von Vogelsang, einem weiteren katholischen Sozialreformer, und dessen Antisemitismus.

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Das Österreich-Verständnis der Parteien nach 1945

Österreich ist das einzige europäische Land, das seit den frühen 30er Jahren zwei verschiedene Faschismen nacheinander durchlebte. Dennoch wurde es von den alliierten Siegermächten nach dem militärischen Zusammenbruch des Nationalsozialismus vertraglich als »erstes Opfer« desselben deklariert. Das stellte nach dem Krieg äußerst schwierige Anforderungen an Vergangenheitsbewältigung bzw. –Verdrängung und an die Definition einer politisch-nationalen Identität. Der Beitrag verdeutlicht dies anhand der Selbstfindungsprozesse der politischen Hauptkräfte.

Von Nicolas Bechter und Carina Klammer

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Gfreit hob i mi schon, an dem Tag, an dem wir endlich den Staatsvertrag bekommen haben. Da san ma zum Belvedere gezogn, san dagstandn, unübersehbar, lauter Österreicher, wie im Jahr 1938, eine große Familie – schon a bissel klaanere, weil’s Belvedere is ja klaaner als der Heldenplatz, und auch die Menschen waren schon reifer geworden. Und da is er herausgetretn, der Bundespoldl, hat die Arme von den beiden anderen Herrschaften gepackt und hat mutig bekannt: »Österreich ist frei!« Und wie i des ghört hob, hob i gwusst: Auch das habe ich jetzt geschafft!
(Der Herr Karl, Helmut Qualtinger)


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Die Frage, warum die Österreicher_innen das sind, was sie angeblich immer schon waren und trotzdem deutsch, bildet das Spezifische der »österreichischen Seele«, die jünger ist als sie sich selbst (nicht) begreift. Nachdem die Formierung einer nationalen Identität in ihrem heutigen Sinne in Österreich erst nach 1945 erfolgte, blieb die Bewältigung bzw. die Abwehr der nationalsozialistischen Vergangenheit in der Phase der nationalen Konstitution präsent. »Nationale Selbstverständnisse formieren sich immer auch in Bezug auf historische Ereignisse, die dabei häufig verformt, heroisiert oder sakralisiert werden, soll doch aus ihnen ein positiver kollektiver Selbstwert entstehen.«1 Angesichts der totalen militärischen Niederlage des Nationalsozialismus entwickelte sich das Selbstverständnis der »neuen Österreicher_innen« zunächst wieder vorrangig in Relation zu historisch vorgängigen Phasen und Epochen. Zudem kompensierten Referenzen auf die ehemalige Großmacht der Habsburger die narzisstische Kränkung, von der der Nationalismus des nunmehr kleinen Staates gekennzeichnet war. Andere wichen auf die Hochkultur (wie Mozart oder Nestroy) aus oder wenn sonst gar nichts blieb auf Landschaft und Kulinarik. Historische Narrative werden jedoch nicht nur verformt, sondern stehen auch oft in Konkurrenz zueinander, weshalb für die Konstruktion einer gemeinsamen nationalen Identität die Etablierung eines hegemonialen Narrativs vorausgesetzt werden können muss.2

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..-Der Opfer-Mythos als konstitutives Moment nach 1945

                   »Die Sonne scheint auf alle gleich, warum nicht auch auf Österreich?«3

Anders als nach dem Ersten Weltkrieg setzten die »demokratischen Parteien« – so die Eigenbezeichnung der Gründungsparteien der Zweiten Republik: SPÖ, ÖVP und KPÖ – auf Zusammenarbeit. Sowohl die Opfer als auch die Täter_innen der NS-Greueltaten, manche unter ihnen wieder Tür an Tür lebend, sollten nunmehr wieder zu einem Kollektiv werden. Die damit einhergehenden Gründungsmythen der Zweiten Republik setzten somit nicht nur auf ein Ausblenden der Geschichte, sondern forcierten ein hegemoniales Geschichts-Narrativ, welches eine »Versöhnung« der Nation gewährleisten sollte.4 Diese ging mit einer öffentlichen Tabuisierung antisemitischer Äußerungen, aber auch mit einer speziellen Nachkriegsvariante des Antisemitismus einher, sodass der Antisemitismus konstitutiv mit der österreichischen Identität verbunden blieb5. In der bundesdeutschen Debatte werden Phänomene des »sekundären Antisemitismus« insbesondere mit einer Störung nationaler Kontinuität durch die Shoah argumentativ begründet. Für Österreich kann zwar kaum von einer Störung nationaler Kontinuität gesprochen werden, dennoch ist ein ähnliches »Bedürfnis nach nationaler Identität und einer Schlussstrich ziehenden Normalität«6 zu konstatieren. Im Unterschied zu Deutschland übernahm jedoch die Etablierung der Opferthese7 als breitenwirksames Identifikationsangebot zur österreichischen Nation eine tragende Rolle.

Ein weiterer Aspekt der Opferthese ist die Ausweitung der Zeit der Entbehrungen und des Entzugs der nationalen Souveränität bis zum Staatsvertrag 1955. Die Zeit zwischen dem so genannten Anschluss an das Dritte Reich 1938 bis zu dessen Kapitulation 1945 ist in dieser Interpretation lediglich die erste Phase der Fremdbestimmung, auf die dann zehn Jahre Besatzungszeit durch die Alliierten folgten. Kanzler Leopold Figl erklärte bekanntlich 1955 medienwirksam: »Österreich ist frei«.

:::Österreichideologie(n) der Parteien

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Noch in der Ersten Republik hatten alle Parteien Probleme mit der Idee einer österreichischen Nation, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Im Folgenden werden die Positionen der österreichischen Parteien, die in den ersten Nachkriegsjahrzehnten im Parlament vertreten waren, zur Frage der österreichischen Nation nachgezeichnet. Um Kontinuitäten und Brüche zu benennen, werden zudem deren historische Vorgängerorganisationen sowie die Phase des Austrofaschismus berücksichtigt.

Christlichsoziale Partei Österreichs und Österreichische Volkspartei (ÖVP)

Nach dem Untergang der Habsburger-Monarchie entwickelte der legitimistische Rand der Christlichsozialen ein Österreich-Bewusstsein, das vor allem gegen Republik, Demokratie, Marxismus, Liberalismus und für eine Österreich-Mission sowie für die »Errichtung eines künftigen neuen ›Heiligen Reiches‹ in ›organischer‹, ›ständischer‹ Gliederung“8 eintrat. Dies sollte in Form einer Donauföderation passieren, also nicht in Form eines österreichischen Nationalstaates.

Die Abwehr des Liberalismus und seiner Bedrohung für das Ständesystem verankerte antisemitisches Gedankengut in seiner (anti-)modernen Form auch im (Klein-)Bürgertum, welches sich im Rahmen der christlich-sozialen Lehre aber auch weiterhin aus religiösen Motiven speiste. So wurden in Österreich noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts Schriften herausgegeben, die von dem sich durchsetzenden rassischen Antisemitismus wenig beeinflusst waren. Einer der maßgeblichen ideologischen »Altväter« der christlich-sozialen Lehre, Karl von Vogelsang, der ab 1859 in Wien lebte, widmete sich der Rechristianisierung gegen die »Verjudung« der Gesellschaft und beeinflusste auch den späteren Gründer der Christlichsozialen Partei Karl Lueger.9 Nicht zufällig konnte Lueger zu einer Zeit viele Stimmen von antiklerikalen Antisemit_innen für sein Lager gewinnen, als sich die Führungsfigur der Deutschnationalen Bewegung, Georg von Schönerer, im Gefängnis befand. 1932 entstand unter Mithilfe zahlreicher katholischer und völkischer Verbindungen ein Programm zur ständischen und völkischen Ausrichtung der Christlichsozialen Partei, deren Eckpunkte deutliche Anschlussstellen an faschistische Ideologien bieten. In einem Partei-Kommentar wird die christlichsoziale Partei 1932 als »Partei der christlichen Deutschen Österreichs«10 bezeichnet, die sich »rückhaltlos zum Gesamtdeutschtum bekennt.«11 Bei der nationalen Frage wird der Spagat zwischen Gesamtdeutschtum und österreichischem Sonderweg deutlich. Österreich sollte eine führende Rolle übernehmen und die südöstlichen Völker in den Bereich deutscher Kultur führen. Die Nationalstaatsidee des Westens sei »sinnlos und unanwendbar«12. »Die staatliche Eigenständigkeit Österreichs musste mit der gesamtdeutschen Reichsideologie versöhnt werden«13. Durch die Verschlechterungen der Beziehungen zu Deutschland (1000-Mark-Sperre14, NSDAP-Untergrundaktivitäten, etc.) wurde die Reichsidee zunehmend österreichbezogener und Österreichs Rolle im Südosten Europas wurde verstärkt angesprochen. Dem Habsburger-Reich15 wurde eine spezielle Rolle zugeschrieben, da die Habsburger-Dynastie die Reichsidee zur Menschheitsidee universalisiert hatte. Trotz dieser universalistischen Rhetorik war die Österreich-Ideologie zutiefst chauvinistisch und ausschließend. Die Bezeichnung als »deutscher Bundesstaat« hatte immer auch eine antislawische und antisemitische Komponente.16 Vor allem ab der Regierungszeit Dollfuß‘, der 1932 zum Bundeskanzler gewählt wurde, war davon die Rede, dass nicht die Quantität oder die Körperlichkeit entscheidend sei, sondern die Idee bzw. die gestaltende Seele. Daraus entwickelte Dollfuß ein österreichisches Sendungsbewusstsein, das Mitteleuropa rekatholisieren und auch den Nationalsozialismus bekämpfen sollte. Allerdings sah auch die Vaterländische Front, die 1933 als Nachfolgeorganisation der Christlichsozialen Partei mit dem Anspruch, alle Österreicher_innen zu vertreten gegründet wurde, Österreich nicht als Nation im westlichen Sinne, sondern als Stamm, deren entscheidendes Merkmal die Kulturzugehörigkeit sei. Da Begriffe wie »Rasse« oder »rassisch« auf Grund der Verwendung durch den Nationalsozialismus für die Vaterländische Front nicht in Frage kamen, wurden andere Begrifflichkeiten gefunden, wie zum Beispiel: Volkstum, leibliche Abstammung, natürliche Faktoren, Grenzlinge, Fremdlinge, orientalische Herkunft, Sitte, Brauchtum, etc.17 Im Rahmen des Ständestaates nach Auflösung des Parlamentes (März 1933) fungierte die Österreich-Ideologie vorrangig als Defensivstrategie gegen einen deutschen Anschluss. Sie wurde jedoch nicht zu einer massentauglichen Österreichidentität ausgebaut.

Die ÖVP gründete sich 1945 als »nationale Integrationspartei«18 auch in Abgrenzung zu der eigenen Vorgängerin, der Christlichsozialen Partei. Dies betraf vor allem das Bekenntnis zur parlamentarischen Demokratie, den Verzicht auf religiöse Bindung sowie das Bekenntnis zur österreichischen Nation.19 Nichtsdestotrotz waren die Kontinuitäten unübersehbar: Das Führungspersonal war dasselbe, die Wählergruppe und die Ideologie der Partei blieben gleich, die Verbindung zur katholischen Kirche wurde zwar gelockert, blieb aber bestehen. In programmatischen Schriften verwies die ÖVP auf den österreichischen Sonderweg, der bereits mit dem Privilegium minus im Jahr 1156 begann (einer Urkunde, die Österreich als ein von Bayern unabhängiges Herzogtum konstituierte) und den österreichischen Nationalcharakter durch das Heilige Römische Reich hindurch bewahrte.20 Ohne auf die Österreich-Konzeptionen des Austrofaschismus einzugehen, wurde die ÖVP als einzige österreichische Partei dargestellt, da die Großdeutschen ihre Ideen aus Berlin bekämen, die Sozialdemokratie und die Kommunisten aus Moskau. In organisch-romantischer Verklärung gilt das österreichische Volkstum als der Boden, auf dem das Gedankengut der Volkspartei fußt.21

Sozialdemokratische Arbeiterpartei und Sozialistische Partei Österreichs (SPÖ)22

Zentral für die sozialdemokratische Linie in Bezug auf Österreich war der wichtigste Theoretiker des Austromarxismus, Otto Bauer. Dieser propagierte seit dem Ende der Habsburgermonarchie die Idee der gesamtdeutschen Revolution und sah »den Kampf um den Sozialismus hierzulande zunächst […] als einen Kampf um den Anschluss an Deutschland.«23 Als Außenminister (1919) verfolgte Bauer dann auch aktiv den Anschluss an Deutschland, scheiterte aber und trat von seinem Posten zurück.24 Die SDAP strich zwar 1933, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, den Anschluss-Paragraphen aus dem Parteiprogramm, Bauer sah aber den Anschluss Österreichs 1938 dennoch als wichtige Vorbedingung einer sozialistischen Revolution25 in den deutschen Ländern. Bauer argumentierte einerseits positiv marxistisch (etwa, dass die Entwicklung der Produktionsmittel keinen Kleinstaat zuließe), andererseits negativ, indem es für ihn undenkbar blieb, dass eine proletarische Partei jetzt als »Bundesgenosse derselben reaktionären Kräfte aufschiene, die ihn im Februar 1934 blutig niedergeworfen und vier Jahre gewaltsam unterdrückt haben«26.

Dementsprechend blieb die exilierte sozialdemokratische Führung lange der Anschlussidee verpflichtet. Es wurde 1939 allen Auslandsvertretern untersagt, für die Wiederherstellung eines unabhängigen Österreich einzutreten.27 Die »Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten« (AVOES), die sich rund um Otto Bauer, Joseph Buttinger und Friedrich Adler gründete, ließ noch 1940 verlautbaren:

Die österreichischen Sozialisten können den Nationalsozialismus nur dann wirksam bekämpfen, wenn sie ihre sozialistischen Überzeugungen nicht in eine vage, nebelhafte Österreich-Propaganda einhüllen müssen, sondern an die sozialistische Tradition der österreichischen Arbeitermassen anknüpfen können.28

Allein die schwedische Exil-Gruppe um Bruno Kreisky, beeinflusst von der dortigen gemeinsamen Dachorganisation mit den Kommunisten und den guten Kontakten zu alliierten Diplomaten, verfolgte eine Politik der Wiederherstellung Österreichs.29

Erst die Moskauer Deklaration30 machte einen Kurswechsel der Exil-Sozialdemokratie notwendig.31 In der Formel von der »Zweiten Republik« wurde Österreich als »sozialistisches Österreich in einem sozialistischen Europa interpretiert.«32 Rund um die Anschluss-Frage entwickelte sich eine Bruchlinie innerhalb der Sozialdemokratie zwischen den Exil-Gruppen und den Widerstandsgruppen in Österreich. Letztere wandten sich bereits ab 1941 von der Idee der gesamtdeutschen Revolution ab.33 Langsam zeichnete sich ein Wechsel der innerparteilichen Führung von exilierten Vertretern des Austromarxismus, zu den »Führern der früheren innerparteilichen Opposition, Karl Renner, Adolf Schärf, Oskar Helmer und Theodor Körner«34 ab, die eine Zusammenarbeit im Angesicht des gemeinsam erlebten Leides anstrebten.35 Dies bedeutete also eine Zusammenarbeit mit zwei ehemaligen Feinden: mit der ÖVP, der Nachfolgepartei der Christlichsozialen und der Vaterländischen Front, als auch mit der KPÖ. Allmählich setzte sich aber ein immer stärker werdender Antikommunismus innerhalb der SPÖ durch36, der 1949 im Parteiausschluss des ehemaligen Zentralsekretärs Erwin Scharf, der eine stärkere Zusammenarbeit mit der KPÖ vehement befürwortete, gipfelte.37


Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ)

Die KPÖ entwickelte bereits sehr früh eine theoretische Österreich-Ideologie und versuchte, diese in der politischen Praxis umzusetzen.38 Als theoretischer Begründer dieser Österreich-Ideologie gilt Alfred Klahr. Klahr formulierte seine Thesen zur österreichischen Nation in zwei Texten, die 1937 in Weg und Ziel, der Theorie-Zeitschrift der KPÖ, unter Pseudonym erschienen. Auf den ersten Blick mag es verwunderlich erscheinen, dass sich gerade die KPÖ so früh eindeutig für einen österreichischen Staat einsetzte. Allerdings vollzog die Kommunistische Internationale mit dem VII. Weltkongress 1935 eine Wende und orientierte sich an breiten Allianzen, so genannten demokratischen Volksfronten, in die auch nicht-faschistische Parteien des Bürgertums und die religiöse Landbevölkerung eingebunden werden sollten.39 Im Rahmen dieser Strategie sollte Österreich als Bollwerk gegen das nationalsozialistische Deutschland in Stellung gebracht werden.

Klahr bezog sich in seinem Text auf Stalins Überlegungen zur Nation aus dem Jahr 1912, Marxismus und Nationale Frage, in denen dieser vier Merkmale für eine Nation definierte40: die Gemeinschaft der Sprache, die Gemeinschaft des Territoriums, die Gemeinschaft des Wirtschaftslebens sowie die Gemeinschaft der Geistesart, des nationalen Charakters.

Anhand dieser „objektiven“ Merkmale kam Klahr zu dem Schluss, dass Österreich als eigene Nation zu verstehen, dieser Prozess aber noch nicht abgeschlossen sei. Daraus ergab sich ein politischer Auftrag für die KPÖ: Stärkung des Österreich-Bewusstseins innerhalb der Bevölkerung, um ein antifaschistisches Bollwerk gegen Deutschland zu erzeugen.41 Durch diese klare Linie kann auch »von einer einheitlichen Linie der Österreich-Politik der KPÖ in der Emigration«42 gesprochen werden.

Verband der Unabhängigen (VdU) bwz. Wahlpartei (WdU) und Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ)

Die FPÖ ging in den Jahren 1955/56 aus dem Verband der Unabhängigen (VdU) hervor, die als Sammelbecken alter Nationalsozialisten, Deutschnationaler, bis hin zu wenigen Liberalen galt.43 Die Gründung der FPÖ wurde von Beginn an dem »dritten Lager« zugerechnet, jener deutschnationalen und nationalliberalen Traditionslinie, die maßgeblich von akademischen Verbindungen und Burschenschaften mitgetragen wurde. Gleichzeitig hatte das Gros der FPÖ-Politiker der ersten Zeit – wie bspw. der erste Parteiobmann Anton Reinthaller – eine NS-Vergangenheit aufzuweisen, von denen sich nur wenige eindeutig vom Nationalsozialismus distanzierten. Ab dem Jahr 1960 jedoch sollte die FPÖ aus der (politischen) Isolation geführt und für die bürgerliche Mitte geöffnet werden. Zwar stand auch 1958 die Wahl des ehemaligen Waffen-SS-Manns Friedrich Peter zum Parteiobmann in einer deutsch-nationalen Kontinuitätslinie, jedoch bemühte sich Peter um eine liberalere Darstellung der Partei: »Nationale und Liberale [haben] in der FPÖ gemeinsam Platz«44. Dies manifestierte sich 1964 im Salzburger Bekenntnis, in dem sich auch zur »deutsche[n] Volks- und Kulturgeschichte« bekannt wurde. Die FPÖ berief sich in dieser Zeit erstmals explizit auf die Tradition der 1848er Revolution, sowie zu einer pro-europäischen Haltung.

Im Zuge der Habsburg-Krise im Jahr 1963 näherte sich die SPÖ unter Franz Olah an die FPÖ an, um diese für eine kleine Koalition zu gewinnen. Wie weit rechts die FPÖ stand, verdeutlichte sich anhand der Parteiabspaltung im Jahr 1966 rund um den Südtirol-Terroristen Norbert Burger. In Anlehnung an die bundesdeutsche NPD wurde die Nationale-Demokratische Partei (NDP) gegründet.45 Ab den 1970er Jahren erfolgte eine weitere Etablierung der FPÖ, vor allem durch den Bundeskanzler Bruno Kreisky. Während sich Burschenschaften von der FPÖ abwandten, gründete sich 1971 der so genannte Atterseekreis als liberalere Ansammlung rund um Norbert Steger, Friedhelm Frischenschlager, und andere. Diesen gelang es zwar bis in die Bundesebene vorzudringen, strukturelle Änderungen der Basis blieben jedoch erfolglos, sodass bestenfalls von einer rhetorischen Zuwendung zum Liberalismus gesprochen werden kann. Auch Steger, der die »alten Keller-Nazis«46 aus der Partei entfernen wollte, und 1980 als Ablöse von Alexander Götz nur knapp Parteiobmann wurde, stand unter massiver parteiinterner Kritik, unter anderem von Jörg Haider. Die kleine Koalition mit der SPÖ 1983 war zweifelsohne der größte Erfolg des liberalen Flügels. Die Reder-Frischenschlager-Affäre47 machte bereits 1985 den tiefen innerparteilichen Graben zwischen Deutschnationalen und Liberalen deutlich, der ein Jahr später eskalieren sollte.

Mit der Wahl 1986 von Jörg Haider zum neuen Parteiobmann ging eine programmatische Wende einher. Haider leitete eine populistische Aufwärtsbewegung seiner Partei ein, die mit einer inhaltlich rechtsextremen Orientierung und der Verdrängung liberaler Elemente einherging. Die FPÖ wurde zu einer »autoritären Führerpartei«48. Ab 1991 wurde Ausländer-Hetze zum zentralen Wahlkampfthema. Haiders Karriere zeichnete sich durch eine Reihe von Repositionierungen aus, wie den Schwenk vom offenen Deutsch-Nationalismus hin zu einem aggressiven Österreich-Nationalismus. Damit einher ging auch eine Proletarisierung der Partei, die nun vor allem Männer, jüngere Menschen, Menschen ohne höhere Bildung, Arbeiter_innen und Menschen ohne intensive kirchliche oder gewerkschaftliche Bindung ansprach. Der größte Durchbruch Haiders, die Regierungsbeteiligung im Jahr 2000, führte jedoch letztendlich auch zur Parteispaltung im Jahr 2005. Unter dem neuen Parteiobmann Heinz-Christian Strache wurde nicht nur der Einfluss der Burschenschaften innerhalb der FPÖ gestärkt und sich wieder offenkundig zur »deutschen Volksgemeinschaft« bekannt, sondern auch der Österreich-Nationalismus angesichts des Bekenntnisses zur »christlich-abendländischen Kultureinheit« auf die Höhe der Zeit gebracht, wobei das »christliche Erbe« vornehmlich gegen (muslimische) Migrant_innen und zumindest implizit gegen Jüdinnen und Juden in Stellung gebracht wird.49 Das Spannungsverhältnis zwischen Österreich-Bekenntnis und deutschnationaler Ideologie prägt die FPÖ jedoch bis heute. Umgekehrt bleibt die Frage, warum in Österreich nicht von einer breitenwirksamen Distanzierung von rechtsextremen Inhalten sowie Akteur_innen gesprochen werden kann, aufs engste mit dem gesellschaftlich etablierten Österreich-Narrativ seit 1945 verbunden.

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Nicolas Bechter
ist Doktorand am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. 2010–2011 war er Junior Researcher an der Hebrew University, Jerusalem. Forschungsinteressen sind Antisemitismus, Rassismus, Kunst und Gesellschaft, sowie politische Theorie.

Carina Klammer (M.A.) ist Soziologin mit dem Schwerpunkt Rechtsextremismusforschung und Mitglied von FIPU (Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit).

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Beitrag erschienen in:

Wissenschaft von Rechts
BdWi / fzs / GEW / ÖH / StuRa der FSU Jena (Hg.)
Rechte Ideologie, Theorie und Netzwerke an Hochschulen
BdWi-Studienheft 9 ,Januar 2014

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1 Rainer M. Lepsius 1989: »Das Erbe des Nationalsozialismus und die politische Kultur der Nachfolgestaaten des ›Großdeutschen Reiches‹«, in: Ders.: Demokratie in Deutschland. Soziologisch-historische Konstellationsanalysen. Ausgewählte Aufsätze. Göttingen: 229–245.

2 Ruth Wodak, Gilbert Weiss 2005: »Analyzing European Union discourses. Theories and applications«, in: Ruth Wodak / Paul Chilton (eds.): A New Agenda in (Critical) Discourse Analysis. Theory, Methodology and Interdisciplinarity, Amsterdam/Philadelphia: 121–135.

3 Zitat aus 1. April 2000, einem von der österreichischen Bundesregierung in Auftrag gegebenen Film zum Thema der österreichischen Besatzung (Regie: Wolfgang Liebeneiner, 1952).

4 Auf politisch-institutioneller Ebene spielte der Mythos der Lagerstraße eine entscheidende Rolle für das Demokratie-Verständnis der Parteien. Aus dem Lagerdenken der Ersten Republik wurde so der Mythos der Lagerstraße: Während der NS-Zeit wurden sowohl Austrofaschist_innen als auch Sozialdemokrat_innen in Konzentrationslagern eingewiesen. Diese gemeinsame Erfahrung auf der »Lagerstraße« begründete die konsensuale, korporatistische Ausrichtung der Zweiten Republik.

5 Kurt Schuschnigg begründete schon den widerstandslosen Anschluss an Hitler damit, »kein deutsches Blut vergießen« zu wollen. <$!#url-a>http://www.kz-verband.at<$!#url-e&gt; 2013: Österreich im März 1938. Zugriff: 18.8.2013. Eine Äußerung, die verdeutlicht, wie wenig Jüdinnen und Juden als Teil der nationalen Gemeinschaft betrachtet wurden.

6 Samuel Salzborn 2010: Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich, Frankfurt/Main: 200.

7 Unter Opferthese wird die Vorstellung verstanden, dass Österreich das erste Opfer der Aggressionen Nazi-Deutschlands gewesen sei. Bis in die 1990er Jahre war diese Vorstellung, die auf einer einseitigen Interpretation der Moskauer Erklärung beruhte, das hegemoniale Geschichtsnarrativ zur Verwicklung Österreichs in die NS-Verbrechen. Die Gräueltaten im Zusammenhang mit der Shoah konnten so auf Deutschland geschoben und externalisiert werden.

8 Anton Staudinger 1977: ࢋ»Zur ›Österreich‹-Ideologie des Ständestaates«, in: Ludwig Jedlicka, Rudolf Neck (Hg.) 1977: Das Juliabkommen von 1936 – Protokoll des Symposions in Wien am 10. u.11.Juni 1976, Wien: 198–240.

9 Vgl. Kurt Schubert 2008: Die Geschichte des österreichischen Judentums. Wien.

10 Zit. n. Staudinger 2005: 30.

11 Ebd..

12 Ebd.: 32.

13 Ebd.: 48.

14 Die 1000-Mark-Sperre war eine Maßnahme der NS-Regierung, die deutsche Staatsbürger dazu verpflichtete, 1000 Reichsmark beim Grenzübertritt nach Österreich zu bezahlen.

15 Trotz der Habsburger-Romantik hat die Reichsidee kaum legitimistische Ziele. Eventuell sei eine kleine Rolle für die Habsburger-Dynastie zu bedenken, so ein Flugblatt der Vaterländischen Front. Schuschnigg soll den Monarchismus nur als letzte Karte gegen den Nationalsozialismus gesehen haben (vgl. Staudinger 1985: 41).

16 Ebd.: 43f.

17 Ebd.: 46.

18 Robert Kriechbaumer 1985: Von der Illegalität zur Legalität. Die ÖVP im Jahr 1945. Politische und geistesgeschichtliche Aspekte des Entstehens der Zweiten Republik Wien:. 273.

19 Wolfgang C. Müller 1997: »Die österreichische Volkspartei«, in: Herbert Dachs et al.: Handbuch des politischen Systems Österreichs, Wien: 265.

20 Alfred Kasamas 1947: Wir wollen Österreich. Die Grundsätze und Ziele der österreichischen Volkspartei, Wien: 27.

21 Ebd.: 17.

22 Bis zu ihrem Verbot 1934 war die heutige SPÖ als Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) bekannt. 1945 gründete sie sich als Sozialistische Partei Österreichs (SPÖ) neu. 1991 unter Kanzler und SPÖ-Chef Franz Vranitzky wurde die Partei in Sozialdemokratische Partei Österreichs umbenannt.

23 Bauer, zit. n. Kriechbaumer 1985: 235.

24 Kriechbaumer 1985: 285; Hanns Haas 1978: »Otto Bauer und der Anschluss 1918/1919«, in: Helmut Konrad: Sozialdemokratie und »Anschluss«. Historische Wurzeln, Anschluss 1918 und 1938, Nachwirkungen, Wien/München/Zürich: 36–38.

25 Kriechbaumer 1985: 240.

26 Bauer, zit. n. Kriechbaumer 1985: 252.

27 Ebd.: 253.

28 Ebd.: 256.

29 Helene Maimann 1978: »Der März 1938 als Wendepunkt im sozialdemokratischen Anschlußdenken«, in: Helmut Konrad 1978: Sozialdemokratie und „Anschluss“. Historische Wurzeln, Anschluss 1918 und 1938, Nachwirkungen, Wien/München/Zürich: 65f.

30 Stephan Verosta 1947: Die internationale Stellung Österreichs. Eine Sammlung von Erklärungen und Verträgen aus den Jahren 1938–1947, Wien: 52ff.

31 Maimann 1978: 67.

32 Kriechbaumer 1985: 259.

33 Ebd.: 268; Adolf Schärf 1955: Österreichs Erneuerung 1945–955. Das erste Jahrzehnt der Zweiten Republik, Wien: 191.

34 Kriechbaumer 1985, 269.

35 Norbert Leser 1988: Das Salz der Gesellschaft. Wesen und Wandel der österreichischen Gesellschaft, Wien: 17f.

36 Ebd.: 61.

37 Kriechbaumer 1985: 273; Das Rote Wien. Weblexikon der Wiener Sozialdemokratie. Eintrag: »Scharf, Erwin«. <$!#url-a>http://www.dasrotewien.at/scharf-erwin.html<$!#url-e&gt;, Zugriff: 5.8.2012.

38 Kriechbaumer 1985: 260.

39 Kriechbaumer 1985: 245; Walter Baier 2009: Das kurze Jahrhundert. Kommunismus in Österreich. KPÖ 1918–2008, Wien: 84f.

40 Alfred Klahr 1994: Zur österreichischen Nation, Wien: 15.

41 Vgl. Baier 2009: 85.

42 Kriechbaumer 1985: 262.

43 Vgl. Brigitte Bailer, Wolfgang Neugebauer 1994: »Die FPÖ: Vom Liberalismus zum Rechtsextremismus« in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.): Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus, Aktualisierte Auflage, Wien: 357–495.

44 Frischenschlager, zit. nach Bailer, Neugebauer 1994: 360.

45 Die NDP wurde 1988 wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung nach dem Verbotsgesetz aufgelöst.

46 Ebd.: 366.

47 Der SS-Offizier Walter Reder, verantwortlich für das Massaker im italienischen Marzabotto (September 1944), wurde 1985 aus italienischer Kriegsverbrecherhaft entlassen und am Einreisebahnhof vom FPÖ-Verteidigungsminister Frischenschlager mit demonstrativem Handschlag empfangen.

48 Ebd.: 377.

49 Carina Klammer 2013: Imaginationen des Untergangs. Zur Konstruktion antimuslimischer Fremdbilder im Rahmen der Identitätspolitik der FPÖ, Berlin et al..

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In memoriam Ceija Stojka

Heribert Schiedel: Laudatio anlässlich der Verleihung der Professorinnenwürde an Ceija Stojka durch BM Dr. Claudia Schmied am 16. 10. 2009.

Sehr geehrte Frau Bundesministerin, liebe Familie Stojka, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Ceija!

„Das gehört nicht mir, das gehört den Zigeunern!“ hast Du vor ein paar Tagen entgegnet, als man Dir zur Verleihung des Professorinnentitels gratulieren wollte. Wer Dich kennt, weiß, dass hier vieles am Werk war – nur nicht Koketterie. Und dass es daher nicht leicht ist, eine Lob- und Dankrede auf Dich zu halten.

Wenn Du, liebe Ceija, auch jetzt eine Professorin bist – eine Lehrerin bist Du mir seit ich in den späten 1980ern die ersten Zeilen von Dir gelesen habe. Fast zehn Jahre darf ich nun schon mit Dir an Schulen gehen und gemeinsam mit Dir versuchen, Jugendlichen eine Vorstellung vom unsäglichen Grauen zu vermitteln. Hunderten, ja Tausenden Schülerinnen und Schülern hast Du mittlerweile vom Erlittenen erzählt. Öffentlich über Auschwitz und all die verlorenen Geliebten zu sprechen, hast Du einmal mit Gewalt in Zusammenhang gebracht. Ich sehe aber, wie das aufmerksame Zuhören der Jugendlichen, Eure leidenschaftliche Interaktion, Deinen Schmerz etwas mildert. Dennoch kann Dir gar nicht genug gedankt werden dafür, dass Du Dich immer wieder diesen so belastenden Situationen aussetzt.

Auschwitz, Ravensbrück, Bergen-Belsen – die Erinnerung an die Lager verfolgt Dich in den Schlaf. Dazu kommt der anhaltende Hass, der den Überlebenden entgegenschlug und ihren Nachkommen bis heute entgegenschlägt. Denken wir etwa an jenen Burgenländer, der Dich Jahre nach der Befreiung als „dreckige Zigeunerin“ beschimpfte und schrie, dass Hitler vergessen habe, Dich zu vergasen. Es sind Erlebnisse wie diese, welche Dich fürchten lassen, dass Auschwitz nur im Tiefschlaf sei.

Auf den Überlebenskampf folgte ein retraumatisierender Kampf um Anerkennung. Gerade aus den Fängen der Nazi-Schergen befreit, stießen insbesondere Roma und Sinti über Jahrzehnte auf eine mehr oder minder brüske Zurückweisung ihrer Entschädigungsansprüche. Oftmals sprachen jene Ärzte, die zuvor über die „Rassehygiene“ der „Arier“ gewacht hatten, nun den Überlebenden jede Beeinträchtigung ab, um sie ja nicht in den Genuss von Opferrenten kommen zu lassen. Fehlende Papiere oder Einträge ins Grundbuch, eine Vorstrafe wegen Bettelei, keine Belege für geraubtes Eigentum – der Einfallsreichtum der Bürokratie war schier grenzenlos, wenn es darum ging, die Ansprüche der immer noch für „asozial“ gehaltenen „Zigeuner“ abzuwehren.

1948 hieße es in einem Schreiben des Innenministeriums an alle Bundespolizeibehörden, dass sich „Zigeuner“ in betrügerischer Absicht als KZler ausgeben würden und „das Zigeunerunwesen in einigen Gegenden des Bundesgebietes wieder im Zunehmen begriffen“ sei. Offen wurde schon wieder die „Außerlandschaffung“ angedacht.

Du wurdest unmittelbar mit solcher Geisteshaltung konfrontiert: Denken wir etwa an jenen Beamten, der Dich so behandelte, wie er’s als Übermensch gewohnt war. Aber nun ernten solche Leute weniger Deine Angst als Deinen Stolz: „Ich dachte so vor mich hin: ‚Mein Gott, ist dieser Mensch arm, arm in seinem eigenen verbissenen Leben’.“

Auch den österreichischen Umgang mit dem Nationalsozialismus musstet ihr am eigenen Leib erfahren: Die von geflohenen Nazis zurückgelassene und euch zugewiesene Wohnung wurde nach wenigen Wochen euch wieder genommen und an die vormaligen Besitzer zurückgegeben. Es waren, wie Du sie immer nennst, „entnazifizierte“ – also von jeder Schuld freigesprochene – Nazis, die nach Wien zurückkehrten, nachdem sie bemerkt hatten, dass ihnen keine Gefahr drohte, ihre Verbrechen weitgehend ungesühnt bleiben würden, das Geraubte behalten werden könne.

Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Vehemenz, mit welcher über Jahrzehnte die Opferthese vertreten wurde und der übergroßen Schuld, die Österreicherinnen und Österreicher auf sich geladen haben. Wie viele andere Zeuginnen und Zeugen der Vernichtung erzählst auch Du oft, dass die SS-Männer und -Frauen aus der „Ostmark“ die anderen an Hass und sadistischer Grausamkeit noch übertrafen.

In der Erklärung der Provisorischen Regierung vom 27. April 1945 wurden die zu opportunistischen Mitläufern erklärten Nazis zur Rückkehr in die „Gemeinschaft des Volkes“ eingeladen. Wie wenig Platz auch in dieser Gemeinschaft für die wenigen Überlebenden bestand, musstet ihr früh erfahren: „Um uns hat sich überhaupt niemand gekümmert, was sollen sie sich auch kümmern? Es heißt ja, sie sind selbst besetzt worden, 1938 sind die Deutschen eingereist und haben alles kaputt gemacht. Also was hat das Ganze mit den Österreichern zu tun? Gar nichts. Vielleicht wäre es besser gewesen, wir wären drinnen geblieben in Auschwitz, dann hätten sie keine Schwierigkeiten.“

Wir wollen aber heute auch von den Gerechten reden. Wer Deine Erzählungen kennt, weiß von den Nicht-„Zigeunerinnen“, die wie Frau Brösel oder das Ehepaar Sprach geholfen haben. Erinnert sei heute auch an diejenigen, die Widerstand leisteten und die noch im Lager Menschen retteten. Du machst etwa Frau Riha, eine politische Gefangene in Ravensbrück, für Dein Überleben mitverantwortlich.

Aber nur die Schicksalsgemeinschaft mit den Jüdinnen und Juden überdauerte die Befreiung. Nur diese gaben Dir auch danach das Gefühl der Verbundenheit und Nähe, während Du Dich bei den „Politischen“ lange nicht willkommen fühltest. Als Mitarbeiter einer Institution, die von politischen Gegnerinnen und Gegnern des Nationalsozialismus gegründet wurde, beschämt es mich jedes Mal, wenn Du Deine Kränkung darüber artikulierst.

Liebe Ceija, Du wirst zu Recht für ein neues Selbstbewusstsein der österreichischen Roma mitverantwortlich gemacht. Als eine der Ersten gingst Du Ende der 1980er Jahre mit Deinen Erinnerungen an die Öffentlichkeit, wagtest Du den Schritt aus dem Verborgenen.

Gleichzeitig versperrst Du Dich allen Idealisierungsversuchen des „lustigen Zigeunerlebens“, wenn Du von der Scham schreibst, mit welcher das Hausieren belegt war. Wenn Du immer wieder betonst, wie sehr sich Dein Vater und mit ihm die ganze Familie nach einem festen Dach übern Kopf gesehnt haben. Aber jene, die ihre verpönten Freiheitswünsche auf die Roma projizieren, nehmen euren Alltag nicht war. Sie verklären ihn. Sie lieben nicht dich, sondern ein Klischee. Das gilt etwa für jene Frau mittleren Alters, die dich einmal beim Mittagessen erkannte und sogleich fragte, ob Du auch Karten legen oder gar aus der Hand lesen kannst…

Dass Du heute diese verdiente Würdigung erfährst, zeigt uns aber auch, dass sich in diesem Land etwas verändert hat. Du hast mit Deinen von Karin Berger herausgegebenen Büchern, mit den Filmen und den unzähligen Vorträgen einen wichtigen Beitrag dazu geleistet. Heute liegt es an uns, zumindest zu verhindern, dass Österreich wieder wird, was es war. Jeder Ruck nach rechts, jedes Hakenkreuz an der Wand bedeutet ein mehr an Angst – nicht nur für Dich.

Ja, wir wissen von Deiner Angst, dass wieder Züge in Vernichtungslager rollen, Deiner Angst vor Neonazis und rechten Hetzkampagnen a la „Daham statt Islam!“, deiner Angst um die Kinder, Enkel und Urenkel. Im „Friedensprojekt EU“ werden Roma und Sinti nicht nur diskriminiert – es wird wieder Jagd auf sie gemacht. Hinter den Bildern der brennenden Romahäuser in Italien und Ungarn schimmern am Horizont die Öfen von Auschwitz.

Immer wieder bittest Du am Ende Deiner Besuche die Schülerinnen und Schüler Dich, deine Familie, die Sinti und Roma, ja alle Schwachen und schwach Gemachten zu schützen. Nur dieser Schutz nehme Dir ein wenig von Deiner unsäglichen Angst. Seit ich mich zu jenen zählen darf, die Du als Deinen Schutzmantel bezeichnest, frage ich mich täglich, ob ich wirklich genug mache, um dieser Verantwortung auch gerecht zu werden.

Wie unerträglich ist der Gedanke: Für die sich ruhig verhaltenden „Arier“ hat sich nicht viel verändert. Demgegenüber steht euer Erleben: „Immer wieder verglichen wir die Zeit vor den Nazis mit der danach. Immer wieder sahen wir, wie viele Menschen uns weggenommen worden sind, wie leer wir waren.“

Nach 1945 wuchs die Fremdheit der „Zigeuner“ noch: Ihr musstet nun unter Menschen leben, die vom erlittenen Grauen nichts wissen, die nicht erinnert werden wollten.

Es sind Auszeichnungen wie die heutige, die Dir hoffentlich das Gefühl der Fremdheit ein wenig nehmen, den Schmerz der Ablehnung etwas lindern. Deine Sorge um die Kinder, Enkel und Urenkel können aber wir versuchen zu mildern: mit unserem Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus und für Verhältnisse, die keine Angst mehr machen – niemandem.

„Du stehst dort wie ein schwarzer Punkt“: So beschreibst Du, liebe Ceija, Dein Gefühl als Dir von den Nazis der Schulbesuch verboten wurde. Die Rassisten und Rassistinnen haben Dir verboten zu lernen – nun darfst Du den Titel Professorin tragen. Weil ich weiß, dass Du es nicht tun wirst: Lass mich bitte stellvertretend meine Genugtuung darüber ausdrücken! Die Genugtuung über den kleinen, späten Sieg, der nicht schmecken will.

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