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Mistakes werde made (2)

Teil 2 unserer Serie zum Aufstieg der FPÖ, den Fehlern im Umgang mit ihr, und Lehren daraus für die Linke (Teil 1 siehe hier). Heute:

Bedingungen des freiheitlichen Aufstiegs

Wer sich auf die Suche nach den Gründen für die freiheitliche Erfolgsgeschichte begibt, kommt nicht umhin, der Partei auch eine gewisse Eigenleistung zu attestieren. Zu nennen wäre etwa demagogisches Geschick, Konsequenz in der Wahl und propagandistischen Aufbereitung ihrer Themen und der erfolgreiche Aufbau einer medialen Parallelwelt (FPÖ-TV, unzensuriert.at, Straches Facebook-Präsenz, etc.).

Nichtsdestotrotz wäre der nunmehr zweimalige kometenhafte Aufstieg der FPÖ nicht möglich gewesen, hätte diese nicht sie in vielerlei Hinsicht begünstigendes Umfeldbedingungen vorgefunden. Als Österreich-unspezifisch wären dabei allem voran die systematische Produktion sozialer Ungleichheit im Kontext der warenproduzierenden Gesellschaft, Lohnarbeitszwang, systemische Krisen, Leistungsdruck und das alle soziale Interaktion durchdringende Konkurrenzprinzip anzuführen. Ihre Folgen – Abstiegsängste, soziale Atomisierung, Verunsicherung und Kontrollverluste, die Suche nach Orientierung, Welterklärung und „Identität“ – schaffen, wie vielfach festgestellt, rechtsextreme Angeboten großen Resonanzraum.Die Einrichtung der Gesellschaft generiert Alltagserfahrungen, die recht(sextrem)e Setzungen – wonach „der Stärkere“ sich durchsetzt, Schwache “verdientermaßen” auf der Strecke bleiben, Ungleichheit normal und das Leben ein ewiger Kampf sei – fortlaufend scheinbestätigen und linken Beschwörungen von Gleichheit und Solidarität den Geruch des Naiven, Weltfernen und Widernatürlichen verleihen.

Auf politisch-institutioneller Ebene spielt die über Jahrzehnte nachvollziehbareEntleerung des Politischen der extremen Rechten in die Hände: Globalisierung und die Selbstentmachtung der Politik durch Auslagerung immer weiterer Felder aus ihrem Gestaltungsbereich haben den politischen Prozess weithin auf Standortsicherung, die Exekution von Sachzwängen, Repression und Symbolpolitik reduziert und damit auch Entdemokratisierung befördert. In dieses Vakuum kann die Rechte mit ihren kulturalistischen Rahmungen und der Suggestion jener Handlungsfähigkeit vorstoßen, die den „alten Eliten“ abhanden gekommen zu sein scheint.

Das Ende des „Wirtschaftswunders“ der Nachkriegszeit führte überdies – nicht nur in Österreich – dazu, dass es immer weniger zu verteilen gab und ließ den Klassenkompromiss (in Österreich institutionalisiert im korporatistischen Modell der „Sozialpartnerschaft“) erodieren. An die Stelle positiver Identitätsmarker wie “sozialer Friede”, Wohlstand und Wohlfahrtsstaat, trat immer stärker ethnisiertes Distinktionsbedürfnis. Sozialpatriotismus wurde durch Ethnozentrismus abgelöst. Die – nunmehr im Rahmen der EU vergemeinschaftete – Verschärfung der Grenzregime und sukzessive Unterminierung menschenrechtlicher Standards im Asylwesen erlebte die extreme Rechte zurecht als Legitimierung, hatte sie doch ebendies schon immer propagiert. Zusammen mit der Sozialpartnerschaft befindet sich zudem auch das eng mit ihr verknüpfte Koalitionsmodell in der Krise: die Zusammenarbeit der beiden (ehemaligen) Großparteien wird weithin als überholt und ineffektiv erlebt.

Nicht außer Acht gelassen werden dürfen weiters historisch-kulturelle Bedingungen wie die autoritäre, paternalistische und apolitische Prägung der politischen Kultur in Österreich (Untertan_innenmentalität, fehlendes Grundrechtsbewusstsein, Anti-Individualismus, postnazistische Konsenspolitik statt Konfliktkultur, Wunsch nach „starker Führung“). Auch die auf die Zeit der Monarchie (bis 1918) zurückverweisenden völkischen Bedrohungsgefühle bzw. “Überfremdungs”-Ängste spielen, dank fortwährender agitatorischer Reaktualisierung, bis heute eine Rolle – und befördern heute wie damals einen Hang zu Selbstvergewisserung durch Abgrenzung. Als folgenschwer erweist sich auch der österreichische Weg der „Bewältigung“ der NS-Vergangenheit: personelle Integration nach spärlicher Entnazifizierung, Auslagerung von Verantwortung und Abwehr von Reeducation über den Mythos von „Hitlers erstem Opfer“, Antikommunismus statt antifaschistischer Grundkonsens. Das Aufbrechen dieses aus Mythen und Lügen gezimmerten Abwehrgebäudes ab den späten 1980er Jahren rief bei vielen Reaktionen zwischen Kränkung und Aggression hervor, die Haider mit wertschätzenden Anrufungen der „Ehemaligen“, Ambivalenz in der Bewertung des NS-Regimes und „Schlussstrich“-Forderungen geschickt in politischen Erfolg zu kanalisieren wusste.

Auch identitäre Verunsicherung infolge zunehmender Diversität und der Transformation von Geschlechterrollen wurde von der FPÖ aufgegriffen und mit entsprechend reaktionären Angeboten (männliche Privilegiensicherung, traditionelle Rollenbilder und „Werte“, Brauchtumsgedöns) beantwortet. Gerade die in den letzten Jahren um sich greifende Heimatduselei, ablesbar an Trachten-Revival und grassierender Gabalieritis, liefert ein anschauliches Beispiel eines Prozesses, den sich die FPÖ ebenso zunutze macht, wie sie ihn selbst beförderte. Auch die inzwischen hegemoniale Ethnisierung von Verteilungsfragen und die gesellschaftliche Durchsetzung des des antimuslimischen Ressentiments als wirkmächtigster Differenzmarker, wurden von der FPÖ ebenso vorangetrieben, wie sie davon profitierte.

Weiter zu Teil 3 der Serie.

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Warum sich immer mehr Frauen rechtsextremen Gruppierungen anschließen

von Magdalena Liedl

erschienen auf Broadly

Das Klischee vom rechten Heimchen am Herd gilt schon lange nicht mehr. Nicht nur Männer, auch rechtsextreme Studentinnen schließen sich an Unis zu Verbindungen zusammen. Die österreichischen deutschnational und völkisch gesinnten „Mädelschaften“ gelten dabei als Hardliner.

Es gibt Interviewabsagen und es gibt Interviewabsagen. Die österreichische Studentinnenverbindung „Akademische Mädelschaft Iduna zu Linz“ schickte mir zweiteres, als ich sie kontaktierte, um sie um ein Gespräch über ihre Gruppierung zu bitten. „Da Sie auf diversen Sozialen Netzwerken Ihre (partei)politische Einstellung offen zur Schau tragen, befürchten wir das Fehlen einer nötigen Neutralität als Fundament für eine Zusammenarbeit.“

Nach einigem Nachhaken und der Klärung des Unterschieds zwischen „ journalistischer Recherche“ und „Zusammenarbeit“ ließ mich die Führung der Iduna wissen, sie stünden „journalistischer Tätigkeit grundsätzlich skeptisch gegenüber“, man werde das Thema aber nochmals intern besprechen.

Wie ich noch erfahre, wurde bei immerhin zwei Verbindungstreffen der Iduna darüber diskutiert— mit dem Ergebnis, dass es keine Option war, mit jemandem zu sprechen, der möglicherweise eine andere politische Meinung vertrat. Mit dieser Weigerung ist die Studentinnenverbindung, die FPÖ-Nationalratsabgeordnete Anneliese Kitzmüller zu ihren Mitgliedern zählen kann, nicht alleine. Auch die Wiener Mädelschaften Nike und Freya wollten nicht mit Broadly sprechen.

Dass es unter männlichen Studentenverbindungen einschlägige Gruppen gibt, die deutschnationales und völkisches Gedankengut vertreten, rechtsextreme Redner zu Veranstaltungen einladen und oft nur knapp an NS-Widerbetätigung vorbeischrammen, dafür gibt es ein zunehmenden Bewusstsein. Doch auch Frauen schließen sich, seit sie an deutschen und österreichischen Universitäten zugelassen sind, zu sogenannten Damenverbindungen zusammen.

Die deutschnationalen und völkischen „Mädelschaften“ in Österreich gelten dabei, wie auch die österreichischen Burschenschaften, als Hardliner innerhalb der Studentinnenverbindungslandschaft im deutschen Sprachraum. Liberale Verbindungen, wie es sie in Deutschland gibt—etwa die Fridericiana, die Frauen und Männer aufnimmt—sucht man in Österreich vergeblich. Hier teilen sich die Damenverbindungen in nur zwei Strömungen auf: konservativ-konfessionelle und deutschnationale—die eigentlichen Mädelschaften.

Diese treten als harmlosen Studentinnengruppen auf, die scheinbar unpolitische Partys organisieren, bei Veranstaltungen von Burschenschaften mit Kuchen Backen und Gedichtvorträgen aushelfen und Studienanfängerinnen dabei unterstützen, sich in den ersten Uni-Semestern zurecht zu finden. Tatsächlich verbreiten sie dabei aber rassistische, deutschnationale und völkische Inhalte.

„Mädelschafterinnen sind zwar Männern nicht gleichgestellt, aber sie erfahren trotzdem eine Aufwertung, indem sie andere abwerten.“

Gerade diese rechtsextremen Frauengruppen erfahren nun an österreichischen Unis in den letzten Jahren einen regelrechten Boom. Seit 2011 gab es drei Neugründungen von rechtsextremen Frauenverbindungen, darunter auch die Iduna in Linz. „Das ist doch auffallend und ziemlich beeindruckend.“, sagt Politikwissenschaftlerin Judith Goetz, die zu rechtsextremen Verbindungen forscht, gegenüber Broadly.

„Die Partizipationsfelder von Frauen sind im modernen Rechtsextremismus breiter geworden.“, erklärt sie dieses Phänomen. „Dadurch steigt auch das Bedürfnis, sich zu organisieren.“ Die klischeehaften Rollen, die rechten Frauen von außen oft zu geschrieben werden, stimmen dabei längst nicht mehr. Sie sind in der rechtsextremen Szene genauso aktiv wie die Männer.

Aber warum es dann so schwer sei, mit Mädelschaften in Kontakt zu treten, frage ich Goetz. Burschenschafter geben durchaus Medieninterviews; rechte Gruppen wie die sogenannten „Identitären“, die aktuell auch in Deutschland Fuß fassen wollen, rufen in Wien auch schon mal zu Demonstrationen auf. „Es gibt schon eine Angst oder gewisse Scheu von Mädelschaften, an die Öffentlichkeit zu treten.“, sagt Goetz. Entscheidend ist aber ein anderer Faktor, erklärt sie: Bisher werden Mädelschaften in der Medienberichterstattung kaum beachtet. Sie waren daher nie in der Situation, ihre Positionen rechtfertigen zu müssen und meinen daher, mit Gesprächsverweigerung durchzukommen.

Rechtsextreme Frauen werden, wenn sie denn überhaupt in den Medien vorkommen, gerne als „rechte Heimchen am Herd“ verharmlost. Die einzigen spitzen Gegenstände, die Mädelschafterinnen in die Hand nehmen würden, seien keine Säbel sondern Messer und Stricknadeln, schrieb etwa die österreichische Tageszeitung Kurier. Als die deutsche Rechtsextreme Beate Zschäpe vor Gericht stand, kommentierten Medien ihre Kleidung. Inhaltlich werden rechtsextreme Frauen in der Öffentlichkeit selten konfrontiert.

Auch dass die Mitglieder von Mädelschaften den Burschenschaftern intern nicht gleichgestellt sind, verleitet dazu, sie zu unterschätzen. Mädel fechten etwa keine Mensuren. Das heißt, sie führen keine rituellen Fechtkämpfe wie ihre männlichen Kollegen in Burschenschaften durch, die so ihre „Ehre“ verteidigen und danach stolz Schnitte und Narben im Gesicht, sogenannte „Schmisse“, zur Schau stellen. „Nach der Ideologie der Burschenschaften haben Frauen keine Ehre, die sie verteidigen könnten.“, erklärt Goetz. Daher bleibt den Mädeln der Zugang zum Fechten verwehrt. Sie sind auf Männer angewiesen, die sie im Falle einer Beleidigung in Fechtduellen vertreten. Daher erhalten Mädelschaften häufig einen sogenannten symbolischen „Ehrschutz“ von befreundeten Burschenschaften.

Warum tritt aber eine junge Frau freiwillig in eine Verbindung ein, die sie dermaßen abwertet? „Mädelschafterinnen sind zwar Männern nicht gleichgestellt, aber sie erfahren trotzdem eine Aufwertung, indem sie andere abwerten“, erklärt Goetz. „Im weitesten Sinne kann man sogar sagen: Ausgleich für eigene Diskriminierungserfahrungen.“ Kurz: Sie werden als Frauen zwar diskriminiert, diskriminieren dafür aber andere.

„Frauen können genauso rassistisch und nationalistisch sein wie Männer.“

Auch Leistungsduck kann ein Faktor sein: In Mädelschaften ist zu Hause bei der Familie zu bleiben ein legitimer Lebensentwurf. „Für Frauen, die Schwierigkeiten haben, sich bei verstärkter Arbeitsmarktkonkurrenz durchzusetzen, kann das eine attraktive Position sein.“ Gleichzeitig bieten Mädelschaften Netzwerke für die Karriere für diejenigen, die eine solche anstreben—wenn auch mit Einschränkungen. So ist etwa auch die österreichische Nationalratsabgeordnete und frühere Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz Mitglied der Mädelschaft Sudetendeutschen Damengilde Edda.

Dennoch sind Mädelschaften weder reine Karrierenetzwerke noch Anhängsel von Burschenschaften, sondern stehen ihren männlichen Gegenstücken um nichts nach, was die ideologische Festigung betrifft. Zwar halten sich die österreichischen Mädelschaften bedeckt und wollten mit mir weder über ihre Ideologie noch ihre Aktivitäten sprechen, doch lassen sie in ihren Online-Auftritten einen kleinen Einblick zu, welche Art von Ideen sie bei ihren Verbindungspartys, Liederabenden und Sonnwendfeiern transportieren.

Sieht man sich beispielsweise die Iduna einmal genauer an, stößt man auf einige interessante Dinge: Eine ihrer Farben ist „kornblumenblau“. Diese Farbe stünde für Freiheit und Freundschaft, heißt es auf ihrer Website. Tatsächlich war die Kornblume Symbol und Erkennungszeichen illegaler österreichischer Nazis vor dem Anschluss 1938. Auch der österreichische FPÖ-Präsidentschaftskandidat und Burschenschafter Norbert Hofer trägt dann und wann eine blaue Kornblume am Revers. Die Mitglieder der Iduna kochen bei Veranstaltungen für die Linzer Burschenschaft „Arminia-Czernowitz“. Gegen diese ermittelte die Staatsanwaltschaft 2010 auf Anzeige der Grünen, weil die Burschenschaft NS-Sujets auf ihren Plakaten benutze. Nur ein Hakenkreuz hatten sie aus dem Originalplakat von 1931 dann doch entfernt. Anstatt „Frohe Weihnachten“ wünscht die Iduna ihren Facebook-Fans „Heil Jul!“. Die Nationalsozialisten hatten versucht, das nordische Julfest anstatt des christlichen Weihnachtsfest zu etablieren.

Aber auch die Wiener Mädelschaften Freya und Nike verwenden NS-Symbole. Die Mädelschaft Freya (mit den Verbindungsfarben Schwarz-Rot-Gold und dem Sitz in der berüchtigten Fuhrmannsgasse in Wien, wo auch mehrere deutschnationale Burschenschaften ihre „Buden“ haben) hat etwa den Text des Deutschlandliedes in der Version, in der es von den Nazis gesungen wurde, auf ihrer Facebook-Seite („Deutschland, Deutschland über alles…“). Wie die Iduna feiern auch die Mitglieder im Dezember das Julfest. Ausflüge gibt es nicht nur zu befreundeten Mädelschaften, sondern auch etwa zu einem Fallschirmjäger-Denkmal, das die Wehrmacht 1941 auf Kreta errichtete.

Die Mädelschaft Nike wiederum verkündet auf ihrer Seite, dass Südtirol zu den „deutschen Landen“ gehöre und sie den 8. Mai nicht als Tag der Befreiung feiern würden, ihre Großeltern hätten das schließlich auch nicht getan. Nike tut sich auch mit einer ganzen Reihe von rassistischen, sexistischen und homophoben Beiträgen und Seitenhieben auf Politiker_innen und Aktivist_innen hervor, die auch mal namentlich inklusive Wohnadresse genannt werden. Die Kommentare dazu können durchaus auch als Drohungen gelesen werden („Da fürchtet sich die Antifa doch glatt vor uns Mädls—na zum Glück sind wir uns am Mittwoch nicht begegnet.“)

All diese Symbole und Aussagen stehen zwar für einschlägiges Gedankengut, sind aber in Österreich nicht verboten, etwa im Gegensatz zum Hakenkreuz. Auf den ersten Blick mögen sie unverfänglich wirken—dass die Kornblume ein Nazi-Symbol ist, ist schließlich nicht unbedingt Allgemeinwissen. Für Mitglieder der rechtsextremen Szene sind derartige Symbole jedoch eindeutig.

Um sich für Frauenangelegenheiten einzusetzen, wegen der Partys oder alleine wegen der Karriere schließt sich jedenfalls niemand einer deutschnationalen Studentinnenverbindung an, schließt Goetz. Junge Frauen, die einer Mädelschaft beitreten, erkennen diese Symbolik ganz genau und schließen sich ihnen genau deshalb an. „Frauen können schließlich genauso rassistisch und nationalistisch sein wie Männer.“

Titelbild: Illustration von Sarah Schmitt; Bild von Adolf Hitler via Wikipedia | CC BY-SA 3.0 DE

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Ehre, Freiheit, Vatermord – Die Burschenschaft Hysteria

erschienen auf vice.com/alps

von Verena Bogner

Im vergangenen April haben Mitglieder der sogenannten Identitären die Aufführung von Elfriede Jelineks Theaterstück „Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene“ im Audimax gestürmt. Daraufhin wurde das Ensemble für eine Aufführung von der Stadt Wien ins Rathaus eingeladen. Bei eben dieser Aufführung hat die Burschenschaft Hysteria, laut Eigenbeschreibung die älteste Burschenschaft Österreichs, den Saalschutz übernommen. „Wir sind die wahren Hüterinnen der österreichischen Kultur und Tradition“, hieß es damals auf der Hysteria-Seite. Außerdem waren Mitglieder der Hysteria beim Bachmann-Preis anwesend, wo die Autorin Stefanie Sargnagel, die selbst Mitglied der Hysteria ist und im Netz immer wieder von Rechten attackiert wird, den Publikumspreis gewonnen hat.

Am 10. Januar 2016 wurde das erste Mal auf der Facebook-Page der Burschenschaft Hysteria gepostet—und zwar das Bild einer schreienden Hyäne, ihres perfekt ausgewählten Wappentiers. Seitdem finden sich dort regelmäßig Postings zu aktuellen Anlässen wie beispielsweise dem traditionellen Fest zur Sommersonnenwende, das die Hysteria am Donauinselfest gefeiert hatte. Die Burschenschaft Hysteria ist die feministische und längst überfällige Antwort auf deutschnationale Burschenschaften, die in Österreich immer noch Tradition haben und jeden Januar mit dem Akademikerball für Gegenproteste sorgen; und im Zuge dessen auch dafür, dass in der Wiener Innenstadt der eine oder andere umgestoßene Mistkübel wieder aufgestellt werden muss.

Die Burschenschaft Hysteria bewegt sich irgendwo zwischen Satire, Kunstprojekt und radikalem, politischen Aktivismus und macht vor allem eines: Sie zeigt durch diese Zuspitzung auf die deutlichste, brachialste Art die Schwachstellen des Gedankenguts von männerbündlerischen Burschenschaften auf. Mit denen ist sie übrigens eher zu vergleichen als mit klassischen Mädelschaften beziehungsweise Damenverbindungen, von denen es in Österreich aktuell etwas mehr als eine Handvoll gibt. Diese nehmen zwar genau wie die Hysteria nur Frauen auf, aber die Hysteria lehnt sich in ihren Werten, Zielen und Traditionen eindeutig an Männerbünde an.

Die Burschenschaft Hysteria distanziert sich (zumindest offiziell) übrigens von der Behauptung, Satire zu sein, wie sie nach einer Erwähnung im Falter als „satirisch-feministische Burschenschaft“ klarstellt. Auch das gehört zu ihren Kerneigenschaften: Die Hysteria bleibt immer „in character“ und fällt nie aus ihrer öffentlichen Rolle.

Das gilt auch für unsere Anfrage, auf die uns die Burschenschaft Hysteria erklärt, dass sie derzeit keine Interviews gibt und uns bittet, das auf ihrer Facebook-Seite zur Verfügung stehende Material zu verwenden.

Laut der dortigen Eigenbeschreibung steht die Hysteria für starke, ideelle Werte, die Unterdrückung Andersdenkender, aktiven Vaterlandsverrat und bietet neben einer Erweiterung des Horizontes auch lebenslange Freundinnenschaften. Männer sind in der Burschenschaft selbstverständlich nicht erlaubt, denn die gehören laut Hysteria nicht in die Öffentlichkeit, vielmehr sieht sie die Sphäre des Mannes klar im Privaten.

Die Hysteria verlangt von ihren Mitgliedern (und in weiterer Folge auch weltweit) die Angleichung der Zyklen, die Einschränkung des Männerwahlrechts, günstige Abtreibungen, Schleierzwang für Männer und Hodenamputation bei heterosexuellem Geschlechtsverkehr, bei dem die Frau nicht zum Höhepunkt kommt. Kurz gesagt: Das uneingeschränkte Matriarchat. Die Mitglieder der Hysteria tragen Hyänen-Jacken und rote Deckel. Was auf den ersten Blick lustig und absurd wirkt, trägt in Wahrheit zur Entmystifizierung einer Ideologie mit großem Gefahrenpotenzial bei.


Burschenschaften in Österreich:


Die Literatur- und Politikwissenschaftlerin Judith Goetz, die sich als Mitwirkende der „Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit“ intensiv mit Burschen- und Mädelschaften, beziehungsweise Damenverbindungen beschäftigt, sieht zwischen dem Auftreten und der Organisationsform der Hysteria viele Parallelen zu anderen Burschenschaften.

„Die Burschenschaft Hysteria bezieht sich in ihrer Namensgebung, ihrer Organisationsform als geschlechtshomogene Gruppe und historischen Entstehungsgeschichte nicht nur auf burschenschaftliche Traditionen, sondern auch die vertretenen Werte, Ideale und Forderungen orientieren sich an burschenschaftlichen Vorbildern“, sagt Goetz.

Diese Traditionen und Werte sind laut Goetz unter anderem: Die Verwendung von Couleurnamen (wie Sauhilde oder Sprenghilde), die gegenseitige Anrufung als „Burschen“, strenge Verbindungsprinzipien, der gemeinschaftlich organisierte Alkoholkonsum sowie die Bezugnahme auf das Ritual der Mensur zur Absicherung des eigenen Bundes nach außen. Vor allem das Kämpfen von Mensuren unterscheidet die Hysteria laut Goetz außerdem von gängigen Mädelschaften und Frauenverbindungen, da Frauen dem Weltbild von Burschenschaften zufolge nicht satisfaktionsfähig sind. Im Nichtburschi-Sprech: Sie können nach einer Ehrverletzung die Ehre nicht durch Duellieren wiederherstellen.

Themen, denen sich die Burschenschaft Hysteria immer wieder annimmt, sind auch Sexismus und veraltete Geschlechterrollen—also Konzepte, die Burschenschaften und andere rechte Gruppierungen häufig promoten und beispielsweise mit Kampagnen zum Schutz „unserer Frauen“ vor der Belästigung durch fremde Männer zu festigen versuchen.

Hier sieht Goetz auch die Besonderheit der Hysteria: „Insbesondere der von Burschenschaftern vertretene Sexismus wird von der Hysteria zugespitzt ins Gegenteil verkehrt. Anstelle der Ablehnung von Frauen*-Quoten wird beispielsweise eine Frauen*- und Transgender-Quote von 80 Prozent in öffentlichen Ämtern gefordert. Damit wird auch eine wichtige Kritik am burschenschaftlichen Gedankengut deutlich. Burschenschaften tragen durch ihre männerbündische Organisationsform maßgeblich zur Aufrechterhaltung und Reproduktion biologistischer und hierarchisch gedachter, geschlechterdualistischer Vorstellungen von Gender bei. Die männerbündische Tradition der Burschenschaften verfolgt nicht zuletzt das Ziel, Frauen* aus dem Bund wie auch der Sphäre der Politik fern zu halten. Die Hysteria macht Aspekte zum Thema, die in der Kritik an Burschenschaften lange Zeit ausgespart oder vernachlässigt geblieben sind—wie eben der burschenschaftliche Sexismus und Antifeminismus sowie auch Homo- und Trans-Feindlichkeit. Gerade weil diese Ideologien auch in der so genannten gesellschaftlichen Mitte tief verankert sind, wird oftmals übersehen, dass sie auch einen fixen Bestandteil extrem rechter Denkmuster ausmachen.“

Wie so oft, wenn es um die Diskussion geht, welche Plattform rechten Gruppierungen wie Burschenschaften oder auch den sogenannten Identitären gegeben werden soll, kann auch hier der Eindruck entstehen, dass die Hysteria durch ihr Aufgreifen von burschenschaftlichen Traditionen eben diesen zu viel Bedeutung zumisst, anstatt ihre Mechanismen zu entlarven.

Laut Goetz schenkt die Hysteria Burschenschaften jedoch eben die Aufmerksamkeit, die den oftmals unterschätzten Männerbünden zusteht: „Deutschnationale Burschenschaften wurden und werden in Bezug auf ihre gesellschaftliche wie auch politische Bedeutung bis heute unterschätzt und oftmals als marginalisierte Gruppe Ewiggestriger abgetan. Insofern wird ihnen von Seiten der Hysteria jene Aufmerksamkeit zugemessen, die ihnen tatsächlich auch zukommen sollte.“

Aufgrund ihrer provokanten Inszenierung hat nicht nur Stefanie Sargnagel als Person des öffentlichen Lebens, sondern auch die Hysteria als Ganzes mit Anfeindungen von Rechts zu kämpfen. Erst kürzlich hat die Burschenschaft Hansea zu Wien ein Foto der Hysteria mit dem Text „Besucherinnen vom Planeten der Unbeschlafenen“ und dem Hashtag #linkeweiberausknocken geteilt, was nicht nur das sexistische Gedankengut der Burschenschaft deutlich werden lässt, sondern auch zeigt, dass die Inszenierung der Hysteria am großen Ego der Burschenschaft kratzt. Die Hysteria hat der Burschenschaft daraufhin einen Besuch bei ihrer Bude abgestattet.

Der Hashtag #linkeweiberausknocken hat übrigens eine Vorgeschichte: Auf einer gleichnamigen Webseite wurden Gewaltaufrufe gegen Frauen veröffentlicht, die sich antifaschistisch engagieren, zum Beispiel gegen Natascha Strobl. Außerdem wurden Sticker mit der Aufschrift und ihrem Gesicht darauf in Wien verteilt.

Derartige Untergriffigkeiten von Burschenschaften gegenüber Frauen generell und der Hysteria im Besonderen seien laut Goetz der Versuch, das Fortbestehen der Geschlechterdifferenz und der eigenen Privilegien zu sichern, das durch Gruppierungen wie die Burschenschaft Hysteria mehr denn je infrage gestellt werde: „Mädelschaften und Damenverbindung stellten bislang keine Bedrohung dar, da sie im Rahmen strenger Geschlechterhierachien und klaren Aufgabenverteilungen bestehen. Aufweichungen dieser männerbündischen Strukturen, wie sie jedoch beispielsweise durch die Öffnung von Burschenschaften für Frauen* von statten gehen würden, werden folglich mit einer Bedrohung sowohl für den Fortbestand antiquierter Geschlechterbeziehungen als auch für die eigenen Privilegien in Verbindung gebracht und aktiv bekämpft.“

Die Burschenschaft Hysteria findet einen Weg, Rechte zu entlarven, ohne sich selbst (zumindest was Social Media betrifft) angreifbar zu machen. Sie spielt gezielt mit den Werten und Ansichten „weißer Männer“—denjenigen, die „unsere“ Frauen schützen wollen, aber im nächsten Moment Vergewaltigungsdrohungen auf Facebook verfassen oder die, für die weibliche Emanzipation immer noch der Feind der traditionellen Familie ist. So schafft sie es nicht nur, zu entlarven und uns bewusst zu machen, welches Welt- und Frauenbild ein Teil unserer Gesellschaft eigentlich vertritt, sondern motiviert junge Frauen auch, etwas gegen eben dieses Weltbild zu tun. Nach eigenen Angaben der Hysteria häufen sich inzwischen die Mitgliedsanfragen. Um es mit ihren Worten zu sagen: Noch nie hat Vaterlandsverrat so gut geschmeckt.

Verena auf Twitter: @verenabgnr

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Fantifaschistische Anstöße

Von Judith Goetz

Erschienen in Unique 1/16

Die durch feministische Antifagruppen ausgelösten Debatten rund um das Verhältnis von Feminismus und Antifaschismus regten politische sowie wissenschaftliche Auseinandersetzungen an. Ein Blick auf ihre Anliegen verdeutlicht, dass zentrale Überlegungen bis heute nicht an Aktualität eingebüßt haben.

Feministische und Frauen-Antifagruppen wurden Anfang der 1990er Jahre gegründet, vor allem als Antwort auf die männerdominierten Auswüchse klassischer gemischter Antifagruppen sowie deren geringe Bereitschaft, eigene Verwobenheiten in sexistische und patriarchale Privilegienstrukturen zu reflektieren. Wie in der Interviewsammlung Fantifa1 nachgelesen werden kann, gab es in den 90ern rund 25 deutschlandweit miteinander vernetzte Gruppen, die u. a. rechtsextreme Frauen sowie deren Bezugnahmen auf frauenpolitische Themen oder umgekehrt Anknüpfungspunkte feministischer Esoterik zu neugermanisch-heidnischen Frauenbildern kritisch in den Blick nahmen. Neben der Kritik an männlichen Dominanz- und Machtverhältnissen sowie mangelnder Sensibilität in Bezug auf Sexismus in herrschaftskritischen Gruppen, versuchten Fantifa-Gruppen, Faschismus- und Nationalsozialismusanalysen um geschlechtersensible und feministische Perspektiven zu ergänzen. Sie lieferten einen bedeutenden Anstoß zur Auseinandersetzung mit (Mit-)Täterinnen im NS und zeigten die patriarchalen Komponenten faschistischer Ideologien auf. Auch vom Mythos der friedfertigen Frauen, die kollektiv dem NS zum Opfer gefallen seien, wurde Abstand genommen.

Aufarbeitungen vergessener Frauenlager

Die von Fantifa-Gruppen initiierten Debatten lieferten zudem einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte von Frauen in den ehemaligen Arbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslagern sowie im Widerstand gegen den NS. Das männlich geprägte Bild des heroischen Partisanen wurde beispielsweise um die vielfältigen Formen, mit denen Frauen sich im Partisan_innenkampf beteiligten, ergänzt. Kritik galt u. a. dem Umstand, dass nicht nur die Geschichtsschreibung selbst, sondern auch die Erinnerung an die Shoah mit herrschenden Geschlechterbildern und -mythen durchzogen ist und bestimmte geschlechtsspezifische Erinnerungen im hegemonialen Diskurs sowie der Gedenkkultur bis heute verdrängt oder marginalisiert werden. Dies zeigt sich in Österreich u. a. am Beispiel des ehemaligen KZ Mauthausen. Weder die Geschichte der ehemaligen Frauenlager von Mauthausen, noch die der betroffenen Frauen ist substanziell in einen gesellschaftlich etablierten Erinnerungsdiskurs integriert worden. Von den rund 50 kaum bekannten Außenlagern fungierten gleich mehrere als ,Frauenlager‘. So wurden KZ-Insassinnen von Mauthausen in die ehemaligen Lager Schloss Mittersill, Lenzing, Amstetten, Schloss Lannach und St. Lambrecht deportiert und gezwungen, Fabriks- und Bahnbauarbeiten sowie Reinigungstätigkeiten zu verrichten.

Ein anschauliches Beispiel liefert auch die vergessene Geschichte des ehemaligen Frauen-KZs Hirtenberg. In der kleinen Gemeinde im Bezirk Baden erinnert bis auf wenige, von Bäumen überwachsene, Fundamentreste am Gelände der ehemaligen Produktionsanlagen und einen Grabstein am Friedhof nichts an die Existenz des ehemaligen KZs, in dem Frauen Zwangsarbeit in der bis heute bestehenden Munitionsfabrik verrichten mussten. Rund 400 mehrheitlich politische sowie wenige als ,asozial‘ verfolgte oder jüdische Frauen wurden dort ab September 1944 in zwölfstündigen Schichtdiensten zu gefährlichen und gesundheitsschädlichen Arbeiten mit explosiven Materialien gezwungen. Obgleich das Mauthausen Komitee (MKÖ) seit 2011 Begleitungen durch das ehemalige KZ anbietet, werden diese, nicht zuletzt wegen der geringen Bekanntheit des ehemaligen Lagers, selten in Anspruch genommen. 2015 wurde zum ersten Mal in Hirtenberg eine Gedenkfeier für die ehemaligen Zwangsarbeiter_innen abgehalten.

Feministisches Gedenken

Auch in Mauthausen wird erst seit wenigen Jahren von autonomen FrauenLesben versucht, ein feministisch-antifaschistisches Gedenken zu etablieren. Im Vordergrund steht die Erinnerung an die rund 4.000 Frauen2, die zwischen 1942 und 1945 aus unterschiedlichen Gründen nach Mauthausen deportiert worden waren, insbesondere jene, die als „Asoziale“ stigmatisiert im KZ Zwangsprostitution leisten mussten.3 So fand in den letzten Jahren zeitgleich zur offiziellen Befreiungsfeier in Mauthausen auch eine autonom gestaltete Gedenkfeier vor der Baracke 1, dem so genannten ehemaligen „Lagerbordell“, statt. An der Geschichte der Lagerbordelle, die die männlichen KZ-Insassen zu Mehrarbeit anspornen sollten, wird nicht nur die geschlechtsspezifische Benachteiligung innerhalb des KZ-Systems deutlich. Lagerbordelle wurden darüber hinaus nach 1945 weitgehend totgeschwiegen und Stigmatisierungen als „asozial“ nach Kriegsende fortgesetzt, sodass Betroffenen bis in die 1990er Jahre der Status „Opfer des Nationalsozialismus“ abgesprochen wurde und sie auch keine Entschädigungszahlungen erhielten. Insofern fungiert das in Mauthausen angeregte feministische Gedenken auch als bedeutsame Strategie gegen andauernde Tabuisierungen und den Ausschluss frauenspezifischer Erfahrungen aus der Erinnerungs- und Gedenkkultur.

Jedoch muss kritisch angemerkt werden, dass in den Aufruftexten leichtfertige tagespolitische Bezüge und Analogien gezogen werden und der Begriff (Mit-)Täterschaft nicht gegendert wird. Wenngleich es ein Verdienst feministisch-antifaschistischer Auseinandersetzungen mit dem NS war, diesen als auch patriarchale Ideologie zu analysieren, greift seine Klassifizierung als frauenverachtendes System, unter dem alle Frauen Opfer gewesen wären, ebenso zu kurz wie bestimmte Vorstellungen spezifisch weiblicher Täterinnenschaft. So war es auch ein Anliegen feministischer Forschung, derartige dichotome Denkschemata aufzubrechen und ihnen ein differenziertes Bild entgegenzusetzen, das Täterinnenschaft sowie die komplexen Handlungsräume von Frauen während des NS anerkennt, ohne dabei Vorstellungen vermeintlich abnormaler Weiblichkeit oder Sexualität zu reproduzieren.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die in den 90ern von Fantifa-Gruppen formulierte Kritik an männlichen (Macker-)Antifas (Sexismus, Hierarchien, Machtstrukturen und Männlichkeitsreproduktionen), an der deutschen Frauenbewegung (Entlastung von Täterinnen) sowie der Aufarbeitung frauenspezifischer Geschichte im NS (Marginalisierung, Unsichtbarmachung) kaum an Aktualität verloren hat. Umso bitterer, dass es kaum noch Fantifa-Gruppen gibt.

Anmerkungen:

1 Herausgeber_innenkollektiv (Hg.innen): Fantifa. Edition Assemblage. Münster 2013

2 Obgleich die ersten Frauen bereits 1942 nach Mauthausen gebracht wurden, einerseits um dort am ,Führergeburtstag‘ ermordet oder andererseits im ,Häftlingsbordell‘ zu einem ,Bordelldienst‘ gezwungen zu werden, kam es erst im September 1944 zur Errichtung des ,Frauenkonzentrationslagers Mauthausen‘ mit eigener Nummernserie.

3 Dem Historiker Robert Sommer zufolge wurden in zehn KZs und Vernichtungslagern rund 210 Frauen zur Prostitution in Lagerbordellen gezwungen.

Judith Goetz ist Literatur- und Politikwissenschaftlerin sowie Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (www.fipu.at).

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Die vergessenen Frauen- KZs von Mauthausen

Von Judith Goetz

erschienen in progress 2/2016

An der Geschichte des ehemaligen Frauen-KZs in Hirtenberg werden die Kehrseiten der zentralistischen Förderstruktur österreichischer Erinnerungskultur und die Marginalisierung der Geschichte von Frauen im hegemonialen Erinnerungsdiskurs deutlich.

Trotz der Bemühungen lokaler Gedenkinitiativen konzentriert sich der Großteil der österreichischen Gedenkstättenarbeit auf das ehemalige KZ Mauthausen, das seit 1949 vereinzelt und seit den 1960er Jahren regelmäßig von Schulklassen besucht wird. Bis heute sind schulische Gedenkstättenbesuche nicht verpflichtend, sondern werden lediglich empfohlen. So mag es auch nicht verwundern, dass die meisten der rund 50 ehemaligen Außenlager von Mauthausen weder Schüler_innen bekannt, noch in den hegemonialen Erinnerungsdiskurs integriert worden sind. Ein anschauliches Beispiel dafür liefert die vergessene Geschichte des ehemaligen Frauen-KZs Hirtenberg. In der kleinen Gemeinde im Bezirk Baden erinnert bis auf wenige – von Bäumen überwachsene – Fundamentreste am Gelände der ehemaligen Produktionsanlagen kaum etwas an die Existenz des ehemaligen KZs, in dem Frauen Zwangsarbeit in einer bis heute bestehenden Munitionsfabrik verrichten mussten.

Mit Kriegsbeginn waren die lokalen Arbeiter_innen der seit 1859 bestehenden Munitionsfabrik unter anderem zur Wehrmacht eingezogen und wie an vielen anderen Orten auch durch Zwangsarbeiter_innen ersetzt worden. Rund 400 mehrheitlich politische sowie wenige als „asozial“ verfolgte oder jüdische Frauen (vor allem aus Russland, Italien und Polen) wurden daher ab September 1944 in zwölfstündigen Schichtdiensten zu gefährlichen und gesundheitsschädlichen Arbeiten mit explosiven Materialien gezwungen.

Wenngleich im ehemaligen KZ Hirtenberg nur ein Todesfall bekannt ist, waren die Frauen konstanter Unterernährung und Krankheiten ausgesetzt. Insbesondere im Winter verschlechterte sich die Situation durch Kälte, da die Frauen weder über die nötige Kleidung verfügten, noch die Baracken beheizt werden konnten. Hinzu kamen, wie ehemalige Zwangsarbeiterinnen berichten, die Brutalitäten des Wachpersonals, das sich einerseits durch rund 25 für den äußeren Bereich des Lagers zuständige SS-Männer sowie andererseits durch in Mauthausen oder Ravensbrück ausgebildete KZAufseherinnen zusammensetzte, die die innere Überwachung des Lagers überhatten.

AKTIVE VERDRÄNGUNG. Gerade der Umstand, dass Aufseherinnen immer wieder aus der lokalen Bevölkerung rekrutiert wurden, das Lager selbst in Sichtweite und die Produktionsstätten in Hördistanz zur Ortschaft lagen, gibt Aufschluss darüber, dass das Wissen um das KZ nicht einfach nur vergessen, sondern auch vor Ort aktiv verdrängt wurde. Lediglich ein so genanntes „Kriegerdenkmal“ auf dem Hirtenberger Friedhof weist heute auf die Existenz des ehemaligen KZs hin, da auf dem Grabstein neben männlichen Zwangsarbeitern und zwei unbekannten SS-Männern, die bei einem Luftangriff ums Leben gekommen sind, auch das einzig bekannte Todesopfer des ehemaligen Lagers, Hulja Walja, erwähnt wird. Gleichzeitig verdeutlicht sich an Hand des „Kriegerdenkmals“ auch die im österreichischen Erinnerungsdiskurs oftmals betriebene Vermischung zwischen Opfern und Täter_innen unter dem Vorzeichen, dass Krieg für alle grausam und schlimm gewesen sei, da eine verstorbene ehemalige KZInsassin ganz selbstverständlich am gleichen Grabstein vermerkt wurde wie ehemalige SS-Angehörige.

Weitere Belege für den fragwürdigen Umgang mit dem ehemaligen Lagergelände ergeben sich auch dadurch, dass es phasenweise als Campingplatz benutzt wurde. Obgleich das „Mauthausen Komitee Österreich“ (MKÖ) seit 2011 Begleitungen durch das ehemalige KZ anbietet, werden diese, nicht zuletzt wegen der geringen Bekanntheit des ehemaligen Lagers, selten in Anspruch genommen. So mag es auch nicht verwundern, dass in Hirtenberg erst 2015 zum ersten Mal eine Gedenkfeier für die ehemaligen Zwangsarbeiter_innen abgehalten wurde.

KEIN EINZELFALL. Von den rund 50 ebenfalls kaum bekannten Außenlagern fungierten gleich mehrere als „Frauenlager“. So wurden KZ-Insassinnen von Mauthausen in die ehemaligen Lager Schloss Mittersill, Lenzing, Amstetten, Schloss Lannach und St. Lambrecht deportiert und gezwungen, Fabriks- und Bahnbauarbeiten sowie Reinigungstätigkeiten zu verrichten. Die Geschichte der Frauen in Mauthausen und der ehemaligen Frauenlager wird im hegemonialen Erinnerungsdiskurs sowie der Gedenkkultur bis heute verdrängt oder marginalisiert.

Dies liegt neben herrschenden Geschlechterbildern und -mythen in der Erinnerungskultur auch daran, wie beispielsweise Doris Neuhofer kritisiert, „dass die Förderung der Pluralität von NS-Gedenkstätten in Österreich keine Tradition hat und dass es offensichtlich auch keinen Bedarf von Seiten der Verantwortlichen gibt, dies zu verändern“. Somit behält Peter Gstettner, der sich seit geraumer Zeit um eine würdige Gedenkstätte auf der österreichischen Seite des ehemaligen KZs am Loiblpass in Kärnten/Koroška bemüht, Recht, wenn er meint: „Das Gedenken in Mauthausen zu konzentrieren, bedeutete aber auch, die anderen Verbrechensorte an die Peripherie abzudrängen und sie der Vergesslichkeit der Republik zu überantworten. An den peripheren Tatorten wurden fast alle Spuren des mörderischen Geschehens getilgt.“

Literatur: Neuhofer, Doris (2013): Österreichische Erwachsenenbildung, Erinnerungskultur und Gedenkstättenpädagogik. Eine Annäherung. In: conturen Nr. 01–04 /2013. S. 152–163. Online: conturen.net/conturen/ jahrgang-2013/

Gstettner Peter (2012): Erinnern an das Vergessen. Gedenkstättenpädagogik und Bildungspolitik. Klagenfurt/Celovec: Kitab.

Judith Goetz ist Literatur- und Politikwissenschafterin sowie Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit.

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„Diese reproduktive Selbstbestimmung ist nicht emanzipatorisch…“

Kirsten Achtelik im Interview mit Judith Goetz über Probleme pränataler Diagnostik

erschienen in MALMOE 1/2016

Im kürzlich erschienenen Buch „Selbstbestimmte Norm“ analysiert Kirsten Achtelik die Forderung nach Selbstbestimmung und dem Recht auf Abtreibung innerhalb der autonomen Frauen*- und Behinderten- bzw. Krüppelbewegungen sowie die Geschichte der pränatalen Diagnostik (PND) in Deutschland. MALMOE sprach mit der Sozialwissenschaftlerin und Journalistin über behindertenfeindliche Facetten feministischer Politiken, gesellschaftliche Normierungsprozesse sowie die Änderungen im österreichischen Fortpflanzungsmedizingesetz.

Du greifst in deinem Buch eine innerhalb feministischer Debatten lange Zeit tabuisierte Frage auf, nämlich welche Problematiken sich durch die Nichtthematisierung von pränataler Diagnostik und selektiven Abtreibungen innerhalb von Pro-Choice-Kämpfen ergeben. Welche Erklärungen hast du bei deinen Recherchen für die mangelnde Bereitschaft von Feminist_innen, sich damit auseinanderzusetzen, gefunden?

Das Thema wird entweder marginalisiert oder dem unbedingten Recht der Frau, über ihren eigenen Körper und ihre Lebensgestaltung zu entscheiden, untergeordnet. Die Forderung geht bei manchen Feminist_innen so weit, dass sie das Recht auf ein genetisch eigenes, gesundes Kind beinhaltet. Das Argument kam auch bei der österreichischen Debatte um das 2015 in Kraft getretene, sehr liberale Fortpflanzungsmedizingesetz.

Ein anderer Grund ist, dass die neue Frauenbewegung in den westlichen Ländern argumentative Strategien entwickelt hat gegen die Infantilisierung von Frauen, deren Entscheidungen als wertlos galten. In den Kampagnen gegen die Abtreibungsparagraphen hat sich der Topos herausgebildet, dass die Schwangere jene Entscheidung treffen wird, die für sie selbst am besten ist. Die Frau muss nicht über ihre Gründe sprechen, soll sich nicht rechtfertigen müssen. Daher wird jede Diskussion darüber, warum abgetrieben wird, abgelehnt und als Infragestellung der Entscheidungsbefugnis der Frau empfunden. Über einen Abbruch nach der pränatalen Feststellung einer Behinderung des Fötus und Fragen wie „Warum will die Frau* überhaupt durch PND eine mögliche Behinderung wissen?“ oder „Was findet sie so schlimm an der Vorstellung eines Lebens mit einem behinderten Kind?“ kann man dann logischerweise auch nicht sprechen.

Du zeigst auf, dass die Forderung nach Selbstbestimmung und jene nach dem Recht auf Abtreibung nicht notwendigerweise das Gleiche bedeuten, sondern sich gerade daran die Widersprüchlichkeiten feministischer Diskussionen aufzeigen lassen. Welche behindertenfeindlichen Komponenten sind (bis heute) innerhalb feministischer Debatten anzutreffen?

Die Idee der Selbstbestimmung ist häufig mit der Vorstellung von einem autonomen Subjekt verbunden, das frei und alleine über sein Leben bestimmt. Ein solches Subjekt gibt es ja aber nun gar nicht und ich finde das auch nicht besonders erstrebenswert. Menschen sind immer aufeinander angewiesen, sind soziale Wesen. Dieses Aufeinander-Angewiesensein zu problematisieren, wertet offensichtlich die Menschen ab, die stärker als andere auf Unterstützung angewiesen sind.

Daneben gibt es das gesellschaftlich tatsächlich vorhandene Problem, dass vor allem Mütter die Verantwortung für die Kinder übernehmen und dass es eine enorme Herausforderung sein kann, ein Kind mit einer Beeinträchtigung zu haben. Dieses Problem zu umgehen, indem man versucht, ein Kind mit Behinderung zu vermeiden, mag individuell verständlich sein, besonders feministisch ist es nicht. Diese Bestrebung aber im Sinne der „Selbstbestimmung“ aufzuwerten, statt für eine Verbesserung der Lebensbedingungen von behinderten Menschen, Kindern mit Behinderung und deren Familien zu kämpfen, ist eher neoliberal als emanzipatorisch.

Feminist_innen, die sich für das Recht auf Abtreibung einsetzen, sind entsetzt, wenn es um Abtreibungen aufgrund des Geschlechts geht, und sagen, dass das Diskriminierung sei. Abtreibungen wegen einer diagnostizierten Behinderung würden sie aber nicht als diskriminierend empfinden. Warum? Weil ein Kind mit einer Behinderung eine objektive Belastung sei, ein Mädchen aber nicht. Hier einen Unterschied zu machen, finde ich behindertenfeindlich.

Ob Kinder oder keine, entscheiden Frauen* alleine“, heißt es oftmals kämpferisch auf Pro-Choice-Demos. Übersehen werden dabei allerdings gesellschaftliche Normierungsprozesse, die sich auf die beschworene Wahlfreiheit auf vielfältige Art und Weise auswirken. Welche Faktoren beeinflussen deiner Meinung nach (selbstbestimmte) Entscheidungsprozesse von Frauen*, wenn es darum geht, Kinder zu bekommen oder abzutreiben, und wie stehen diese in Zusammenhang mit PND?

Die Faktoren sind so vielfältig wie bei den meisten Entscheidungen, die einen großen Einfluss auf das weitere Leben haben werden: Vorstellungen über das eigene Leben, berufliche Pläne, Einkommen, Beziehungen und Partnerschaften…, ob man sich gesettelt fühlt, oder ob man auf der Suche ist. Die Gründe für einen Schwangerschaftsabbruch ohne PND sind ja auch recht divers: Abgesehen von dem recht klaren Fall, dass eine Frau einfach keine Kinder haben will, ist es oft nicht der richtige Zeitpunkt. Da liegen ökonomische Zwänge schon auf der Hand, weil es ja nicht zwangsläufig ein Problem sein müsste, während der Ausbildung schwanger zu sein oder Kinder zu haben, bevor frau sich zu einer höheren Position vorgearbeitet hat..

Nach der PND verändern sich diese Gründe. Die Föten, die nach der Diagnostizierung einer Behinderung abgetrieben werden, waren ja gewünscht. Das Kind dann nicht zu bekommen, hat schon viel mit Angst vor Behinderung zu tun, die sich die Beteiligten meist auch in den allerschlimmsten Varianten ausmalen. Eines der Argumente, das ich am bedenklichsten finde, behauptet, man erspare damit dem Kind ein unzumutbares Leben. Das verwenden auch Feminist_innen gerne, weil es zeigen soll, wie verantwortungsbewusst diese Frauen handeln. Was sagt das aber über die vermutete Lebensqualität von Menschen aus, die diese Behinderung haben?

Du zeichnest in deinem Buch auch die Geschichte der deutschsprachigen Krüppel- und späteren Behindertenbewegung nach und zeigst dabei auf, dass es in der Vergangenheit durchaus stärkere Zusammenarbeit mit (autonomen) Frauen*/feministischen Bewegungen gab. Warum scheint dies heute anders zu sein und was kann aus der historischen Zusammenarbeit für künftige Bündnisse und gemeinsame Kämpfe gelernt werden?

Nun, zum einen sind beide Bewegungen heute sehr viel kleiner, weniger dynamisch, dafür institutionalisierter als noch in der 1980er Jahren. Dass sich eine neue Generation von Feminist_innen wieder für das Abtreibungsthema interessiert, ist relativ neu. Als wir 2008 in Berlin angefangen haben, gegen den „Marsch für das Leben“ zu mobilisieren, mussten wir uns das ganze Wissen neu aneignen. Das war ja auch einer der Gründe, warum ich das Buch geschrieben habe: Damit man die Geschichte darin nachschlagen kann und nicht jede Gruppe das selbst ausbuddeln muss. Beide Bewegungen haben sich seit den 1990er Jahren auseinanderentwickelt und ich sehe es schon als Riesenfortschritt, wenn die Aktivist_innen sich jetzt wieder kennen, die jeweiligen Kämpfe auf dem Schirm haben und sich gegenseitig sensibilisieren und unterstützen.

Wie schätzt du aktuelle Entwicklungen in Österreich in Bezug auf die neue Gesetzgebung ein, die zwar einerseits Befruchtungsmöglichkeiten für Lesben regelt, andererseits aber auch Präimplantationsdiagnostik (PID) zulässiger macht?

Der Anlass für die Reform des österreichischen Fortpflanzungsmedizingesetzes war die Klage von zwei lesbischen Frauen vor dem Verfassungsgerichtshof, die sich durch den Ausschluss von einer Samenspende diskriminiert sahen. Was dann legalisiert wurde, ging allerdings weit über die Nichtdiskriminierung von Lesben hinaus, nämlich Präimplantationsdiagnostik und Eizellen“spende“. Also einerseits eine eindeutig selektive Technik zum Ausschluss von Embryonen mit genetischen Behinderungsdispositionen. Und zum anderen eine Technik, bei der jüngeren Frauen unter starker Hormonbehandlung und mit einem invasiven Eingriff gegen Geld Eizellen entnommen werden. Aber ohne das problematische Ziel eines eigenen, möglichst gesunden Kindes würden alle diese Techniken gar keinen Sinn machen. Diese Art der „reproduktiven Selbstbestimmung“ halte ich nicht für emanzipatorisch, sondern für tendenziell behindertenfeindlich. Schockierend fand ich das Desinteresse der österreichischen Linken, Feminist_innen und Queers an den damit verbundenen Problemen und den Debatten.

In deinem Buch kritisierst du auch, dass Kritik an pränataler Diagnostik nicht christlichen Fundamentalist_innen überlassen werden sollte. Welche Versäumnisse bestehen hier von Feminist_innen, aber auch von Linken allgemein?

Wenn man die radikalen Abtreibungsgegner_innen und „Lebensschützer“ nur mit Selbstbestimmungs-Parolen zu bekämpfen versucht und an PND und PID keinerlei Kritik übt, überlässt man denen das Thema. Menschen mit Behinderung, die eine Kritik an diesen selektiven Techniken haben, aber die Möglichkeiten zu legalen Abtreibungen nicht eingeschränkt sehen wollen, haben dann in den Protesten keinen Platz. „Lebensschützer“ sind konservativ und rechts, Religion und reaktionäre Werte sind keine Antwort auf die Suche nach einem guten Leben für alle.

Wie können und sollten feministische Positionen aussehen, die sich zwar einerseits für Entscheidungsfreiheit und somit für das Recht auf Abtreibung einsetzen, andererseits aber auch gegen selektive Abtreibungen auftreten?

Kurz gesagt: Die Forderung nach der Abschaffung des § 218 in Deutschland bzw. äquivalent des § 96 in Österreich muss zusammen diskutiert werden mit Forderungen nach einem Verbot von selektiven pränataldiagnostischen Untersuchungen. Selektive Untersuchungen haben keinen gesundheitlichen Mehrwert, weder für die Schwangere noch für das spätere Kind, sondern sollen nur „Normabweichungen“ und Anzeichen für Behinderungen aufspüren. Die Selbstverständlichkeit, mit der diese Untersuchungen angeboten, nachgefragt und in Deutschland auch von den Krankenkassen übernommen werden, zeigt die ableistische gesellschaftliche Grundstruktur. Jeder Mensch sollte über seinen eigenen Körper entscheiden können, dafür müssen wir auf allen Ebenen weiter kämpfen. Wir sollten aber das Konzept von Selbstbestimmung nicht so weit ausdehnen, dass darüber eine individuelle Wunscherfüllung nach eigenen, gesunden Kindern abgeleitet werden kann!

Interview: Judith Goetz

Kirsten Achtelik: „Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung“, Verbrecher Verlag, Berlin 2015

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„Gleichberechtigung ,unserer’ Frauen mit ,unseren’ Männern“

erschienen in GENDER STUDIES ZEIT-SCHRIFT des gendup

Judith Goetz

Seit der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) und seine rassistisch motivierten Morde an mindestens zehn Menschen bekannt wurden, läuft die sensationsorientierte Berichterstattung über das deutsche Neonazi-Trio auf Hochtouren. Dass sich Beate Zschäpe im November 2011 den Behörden stellte und sich seit Mai 2013 als Hauptangeklagte in einem Prozess zu verantworten hat, bot aber auch den (längst) notwendigen Anlass, sich erneut mit der Bedeutung von Frauen in der extremen Rechten auseinanderzusetzen. Weiterlesen

 

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„Hausfrau und Teufelin“

in an.schläge I / 2016

BEATE ZSCHÄPE wird medial entweder als unbedarftes „Mädel“ oder als personifiziertes Böses inszeniert. Die Soziologin CHARLIE KAUFHOLD erklärt JUDITH GOETZ im Interview, was feminisierte Darstellungen mit deutschen Schuldabwehrstrategien zu tun haben.

an.schläge: Sie haben in Ihrem Buch zwei mediale Darstellungsweisen von Beate Zschäpe herausgearbeitet: einerseits „dämonisierende Feminisierungen“ und andererseits „bagatellisierende Feminisierungen“. Wodurch zeichnen sich diese aus?

Charlie Kaufhold: Im Zuge meiner Recherchen bin ich auf zwei Extreme gestoßen: Einerseits gab es in den Medien eine starke Bagatellisierung der Rolle von Zschäpe. Sie wurde aus der Verantwortung genommen und als unpolitische Mitläuferin dargestellt, als naive Hausfrau und teilweise verkindlicht und viktimisiert, das geschah vor allem durch vergeschlechtlichte Bilder. Ein Beispiel hierzu ist, dass sie als „liebes Mädel“ bezeichnet wurde oder nur für den Haushalt zuständig gewesen sein soll.
Das andere Extrem ist, dass Zschäpe als von der Norm abweichend, absonderlich und als personifiziertes Böses dargestellt wurde. Auch diese Darstellungsweise wurde durch vergeschlechtlichte Bilder gestützt. Ein Beispiel hierzu ist die Titelseite der „Bild“ zum Prozessbeginn: Neben einem großen Foto von Zschäpe prangte die Überschrift „Der Teufel hat sich schick gemacht“.

Unterschiedliche Zeitungen stellten Zschäpe immer wieder als „Täuscherin“ und „Fassadenfrau“ dar. Haben sich die Darstellungsweisen nach Zschäpes Aussage Anfang Dezember verändert?

Zschäpes erste Aussage, die sie im Dezember von ihrem Anwalt verlesen ließ, war wenig überraschend. Sie hat genau die bagatellisierenden Darstellungsweisen reproduziert, die ihr bisher durch die mediale Berichterstattung angetragen wurden. Mit vergeschlechtlichten Bildern von sich als emotional instabiler und abhängiger Frau versuchte sie sich zu entlasten, was übrigens eine auch im NSU-Prozess durchaus gängige Aussagestrategie von weiblichen Neonazis ist. Dabei hat sie sich jedoch zu keiner Frage geäußert, die Aufklärung in den NSU-Komplex bringen könnte, keine Details zu den Hintergründen der Morde und der Auswahl der Opfer preisgegeben und bspw. keine_n Neonazi belastet, dessen Beteiligung nicht sowieso schon bekannt war. Erstaunlich fand ich hingegen, dass genau die Medien, die diese bagatellisierenden Bilder zuvor noch produziert hatten, sich nun auch kritisch gegenüber Zschäpes Narrativ äußerten. Trotzdem blieb eine vergeschlechtlichte Darstellung von Zschäpe bestehen, sie wurde weiterhin in Bezug auf ihr Erscheinungsbild und ihre Mimik – z. B. ihr Lächeln – beschrieben, ihre vermeintliche Persönlichkeit und ihr Charakter standen im Vordergrund, keineswegs ihre politische Haltung und Vorgeschichte. Auch wurde im Dezember wiederholt der Kontrast zu der Berichterstattung über Wohlleben deutlich. Dieser wurde durchgehend als politisch überzeugter Neonazi dargestellt. Insoweit würde ich sagen, dass es bestimmte Änderungen in der Berichterstattung gibt, aber dass es weiterhin auch bestimmte Konstanten gibt – den Fokus auf Zschäpes Weiblichkeit.

Sie analysieren in Ihrem Buch außerdem, welche Effekte diese Berichterstattung für die deutsche Dominanzgesellschaft hat …

Mich hatte nicht nur interessiert, welche Bilder produziert wurden und welche Rolle Geschlecht dabei spielte. Daran anknüpfend bin ich auch der Frage nachgegangen, welche Folgen diese vergeschlechtlichte Berichterstattung hat. Was die beiden genannten Darstellungsweisen von Zschäpe angeht, denke ich, dass sie die Möglichkeit bieten, Schuld abzuwehren und mehrheitsgesellschaftliche rassistische Strukturen, innerhalb derer der NSU überhaupt agieren konnte, zu negieren. Das geschieht durch unterschiedliche Mechanismen: Durch die bagatellisierenden Darstellungsweisen können Zschäpe und ihre Taten als irrelevant dargestellt werden. Deshalb muss man sich also auch gar nicht erst damit beschäftigen. Bei den dämonisierenden Darstellungsweisen wird Zschäpe außerhalb des deutschen Kollektivs verortet, sie wird ja als von der Norm abweichend dargestellt. Dadurch muss keine Auseinandersetzung mit ihr und ihren Taten stattfinden, genauso wenig wie mit mehrheitsgesellschaftlichen rassistischen Strukturen – sie wird ja als weit entfernt von der mehrheitsdeutschen Norm dargestellt. Entsprechend wird auch rassistische Gewalt außerhalb des mehrheitsdeutschen Kollektivs angesiedelt.

Inwiefern knüpfen diese Bilder an Vorstellungen von NS-Täterinnen an?

Es gab sowohl vergeschlechtlichte bagatellisierende als auch dämonisierende Darstellungsweisen in der Berichterstattung über angeklagte nationalsozialistische Täterinnen – in der direkten Nachkriegszeit wie auch in späteren Prozessen. In medialen Repräsentationen des Nationalsozialismus, wie bspw. in Filmen wie „Der Untergang“, finden sich die genannten vergeschlechtlichten Darstellungsweisen bis heute, auch in diesen Fällen natürlich verknüpft mit der Möglichkeit der Schuldabwehr.

Wie kommt es zu dieser Schuldabwehr?

Ein Grund ist sicherlich, dass der Nationalsozialismus in Deutschland in keiner auch nur annähernd angemessenen Weise aufgearbeitet wurde. Es gibt Studien zu Folgewirkungen des Nationalsozialismus auf psychosozialer Ebene. Ganz kurz zusammengefasst ist das zentrale Argument, dass die mehrheitsdeutsche Bevölkerung auch emotional stark mit dem nationalsozialistischen System verstrickt war und sich nach 1945 verschiedener Abwehrmechanismen bediente, um sich nicht mit der eigenen Schuld auseinanderzusetzen. Die dadurch entstandene psychosoziale Struktur ist an die nachfolgenden Generationen weitergegeben worden und auch heute noch wirkmächtig.

Und in diesen Zusammenhang steht auch die Berichterstattung über Zschäpe?

Ja, hier findet sich ein möglicher Ansatz, um die vergeschlechtlichte Berichterstattung über Zschäpe zu erklären: Durch die beschriebenen Folgewirkungen des NS gibt es in Deutschland weiterhin die Neigung, Schuld in Zusammenhang mit faschistischen Taten abzuwehren. Genauso wie also durch vergeschlechtlichte Diskurse Schuld nach dem Nationalsozialismus abgewehrt wurde – z. B. in der Berichterstattung über nationalsozialistische Täterinnen – , wird auch heute noch Schuld in Bezug auf rassistische Strukturen abgewehrt. Und das zeigt sich eben auch in der Berichterstattung über Zschäpe.

Gab es auch andere mediale Darstellungen mit anderen Effekten?

Die Berichterstattung hat sich im Laufe der Zeit verändert und es gibt immer wieder auch Artikel, die sich kritisch mit dem Themenkomplex auseinandersetzen und die genannten Darstellungsweisen nicht reproduzieren. Allerdings ist die Berichterstattung insgesamt nach wie vor weit entfernt von einer emanzipatorischen Auseinandersetzung mit Neonazismus und Geschlecht, ganz zu schweigen von einer Auseinandersetzung mit rassistischen Strukturen der Mehrheitsgesellschaft auf ihren verschiedenen Ebenen. Auch das Leid der Angehörigen der Ermordeten und der Überlebenden der Bombenanschläge findet keine angemessene Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Ich finde, dass die Kritik über die konkrete Praxis der Berichterstattung hinausgehen muss: Die Strukturen, die eine solche Berichterstattung nahelegen, müssten verändert werden. Eine tiefgreifende Aufarbeitung der NS-Verbrechen und der damit verbundenen Schuld wäre ein Anfang.

Von Charlie Kaufhold ist kürzlich „In guter Gesellschaft? Geschlecht, Schuld und Abwehr in der Berichterstattung über Beate Zschäpe“ in der Reihe Antifaschistische Politik (RAP) der Edition Assemblage erschienen.

Judith Goetz ist Literatur- und Politikwissenschaftlerin sowie Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (www.fipu.at).

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[Wien]26.1., 18h, Vortrag mit Judith Goetz über Männerbund, Mensur und Antifeminismus

Deutschnationale Burschenschafter fungieren in Österreich sowohl als Sammelbecken für parteiförmig organisierte Rechtsextreme (FPÖ Funktionäre) als auch als Anhänger der militanten Neonazi-Szene und sichern sich durch ihre Männerseilschaften Einfluss, Posten und Privilegien. Die burschenschaftliche Organisation selbst baut dabei auf einer Trias auf, deren Säulen ideologisch aufeinander bezogen und zutiefst antifeministisch und sexistisch konzeptioniert sind.

Neben dem völkischen Nationalismus und dem männerbündischen Prinzip vervollständigen Brauchtumsformen wie das in burschenschaftlichen Kreisen kultivierte Mensurwesen diese Trias. So dient der Männerbund und die dahinter stehenden Vorstellungen biologistisch argumentierter Geschlechterdifferenz als sexistisches Ordnungskonzept, das die vermeintlich „natürliche“ Geschlechtertrennung und zwischenmenschliche Beziehungen im Allgemeinen regelt.

Auch die ideologische wie auch politische, antifeministische Agenda deutschnationaler Burschenschaftern zielt nicht selten auf die Renaturalisierung, also die „Wiederherstellung“ einer vermeintlich „natürlichen“ Geschlechterordnung ab. Dieses strikt duale Geschlechtermodell erfüllt dabei bestimmte Funktionen, wie beispielsweise Einflüsse von vermeintlicher Weiblichkeit aus der Sphäre des Politischen, des Männerbundes oder auch der Gesellschaft fernzuhalten.

Im Vortrag von Judith Goetz und in der anschließenden Diskussion soll der burschenschaftliche Antifeminismus vor dem Hintergrund der Prinzipien des Männerbundes und dem Wesen der Mensur näher beleuchtet werden.

Wann?
Dienstag, 26.01.2016 18:00

Wo?
w23, Wipplingerstrasse 23, 1010 Wien

Das ra.wohnzimmer findet diesmal am letzten Dienstag statt. Vortrag und Diskussion zu „Vergemeinschaftet durch das Abverlangen von Standhalten und Beherrschung“ – Männerbund, Mensur und Antifeminismus bei deutschnationalen Burschenschaften.

https://raw.at/texte/2016/maennerbund-mensur-und-antifeminismus/

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[Sbg]25.1., 19h Vortrag mit Judith Goetz: „Vergemeinschaftet durch das Abverlangen von Standhalten und Beherrschung“

– Männerbund, Mensur und Antifeminismus bei deutschnationalen Burschenschaften

Judith Goetz*

Deutschnationale Burschenschafter fungieren in Österreich sowohl als Sammelbecken für parteiförmig organisierte Rechtsextreme (FPÖ Funktionäre) als auch als Anhänger der militanten Neonazi-Szene und sichern sich durch ihre Männerseilschaften Einfluss, Posten und Privilegien. Die burschenschaftliche Organisation selbst baut dabei auf einer Trias auf, deren Säulen ideologisch aufeinander bezogen und zutiefst antifeministisch und sexistisch konzeptioniert sind. Neben dem völkischen Nationalismus und dem männerbündischen Prinzip vervollständigen Brauchtumsformen wie das in burschenschaftlichen Kreisen kultivierte Mensurwesen diese Trias. So dient der Männerbund und die dahinter stehenden Vorstellungen biologistisch argumentierter Geschlechterdifferenz als sexistisches Ordnungskonzept, das die vermeintlich „natürliche“ Geschlechtertrennung und zwischenmenschliche Beziehungen im Allgemeinen regelt. Auch die ideologische wie auch politische, antifeministische Agenda deutschnationaler Burschenschaftern zielt nicht selten auf die Renaturalisierung, also die „Wiederherstellung“ einer vermeintlich „natürlichen“ Geschlechterordnung ab. Dieses strikt duale Geschlechtermodell erfüllt dabei bestimmte Funktionen, wie beispielsweise Einflüsse von vermeintlicher Weiblichkeit aus der Sphäre des Politischen, des Männerbundes oder auch der Gesellschaft fernzuhalten.

Im Vortrag mit anschließender Diskussion soll der burschenschaftliche Antifeminismus vor dem Hintergrund der Prinzipien des Männerbundes und dem Wesen der Mensur näher beleuchtet werden.

Montag, 25.01.2016, 19 Uhr
Georg-Eisler-Hörsaal (HS3) im Unipark Nonntal, Erzabt-Klotz-Str. 1, 5020 Salzburg

Diese Veranstaltung findet in Kooperation mit dem GendUp, der StV Geschichte und dem flit*z Salzburg statt.
Der Eintritt ist frei, der Hörsaal ist barrierefrei zugänglich.

*Judith Goetz ist Literatur- und Politikwissenschafterin sowie Mitglied der Forschungsgruppe FIPU (www.fipu.at), sowie Vizeobfrau der LICRA (Liga gegen Rassismus und Antisemitismus), Mauthausen-Außenlager-Guide, (Gruppen-)Trainerin, zahlreiche Artikel und Vorträge zu den Themenbereichen Rechtsextremismus, Gedenkpolitik und Gedenkkultur in Österreich sowie zu feministischen/frauenpolitischen Fragestellungen. Lehraufträge an den Universitäten in Klagenfurt/Celovec, Salzburg und Wien.

Facebook-Link zur Veranstaltung: https://www.facebook.com/events/444840212391959/

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