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„Hausfrau und Teufelin“

in an.schläge I / 2016

BEATE ZSCHÄPE wird medial entweder als unbedarftes „Mädel“ oder als personifiziertes Böses inszeniert. Die Soziologin CHARLIE KAUFHOLD erklärt JUDITH GOETZ im Interview, was feminisierte Darstellungen mit deutschen Schuldabwehrstrategien zu tun haben.

an.schläge: Sie haben in Ihrem Buch zwei mediale Darstellungsweisen von Beate Zschäpe herausgearbeitet: einerseits „dämonisierende Feminisierungen“ und andererseits „bagatellisierende Feminisierungen“. Wodurch zeichnen sich diese aus?

Charlie Kaufhold: Im Zuge meiner Recherchen bin ich auf zwei Extreme gestoßen: Einerseits gab es in den Medien eine starke Bagatellisierung der Rolle von Zschäpe. Sie wurde aus der Verantwortung genommen und als unpolitische Mitläuferin dargestellt, als naive Hausfrau und teilweise verkindlicht und viktimisiert, das geschah vor allem durch vergeschlechtlichte Bilder. Ein Beispiel hierzu ist, dass sie als „liebes Mädel“ bezeichnet wurde oder nur für den Haushalt zuständig gewesen sein soll.
Das andere Extrem ist, dass Zschäpe als von der Norm abweichend, absonderlich und als personifiziertes Böses dargestellt wurde. Auch diese Darstellungsweise wurde durch vergeschlechtlichte Bilder gestützt. Ein Beispiel hierzu ist die Titelseite der „Bild“ zum Prozessbeginn: Neben einem großen Foto von Zschäpe prangte die Überschrift „Der Teufel hat sich schick gemacht“.

Unterschiedliche Zeitungen stellten Zschäpe immer wieder als „Täuscherin“ und „Fassadenfrau“ dar. Haben sich die Darstellungsweisen nach Zschäpes Aussage Anfang Dezember verändert?

Zschäpes erste Aussage, die sie im Dezember von ihrem Anwalt verlesen ließ, war wenig überraschend. Sie hat genau die bagatellisierenden Darstellungsweisen reproduziert, die ihr bisher durch die mediale Berichterstattung angetragen wurden. Mit vergeschlechtlichten Bildern von sich als emotional instabiler und abhängiger Frau versuchte sie sich zu entlasten, was übrigens eine auch im NSU-Prozess durchaus gängige Aussagestrategie von weiblichen Neonazis ist. Dabei hat sie sich jedoch zu keiner Frage geäußert, die Aufklärung in den NSU-Komplex bringen könnte, keine Details zu den Hintergründen der Morde und der Auswahl der Opfer preisgegeben und bspw. keine_n Neonazi belastet, dessen Beteiligung nicht sowieso schon bekannt war. Erstaunlich fand ich hingegen, dass genau die Medien, die diese bagatellisierenden Bilder zuvor noch produziert hatten, sich nun auch kritisch gegenüber Zschäpes Narrativ äußerten. Trotzdem blieb eine vergeschlechtlichte Darstellung von Zschäpe bestehen, sie wurde weiterhin in Bezug auf ihr Erscheinungsbild und ihre Mimik – z. B. ihr Lächeln – beschrieben, ihre vermeintliche Persönlichkeit und ihr Charakter standen im Vordergrund, keineswegs ihre politische Haltung und Vorgeschichte. Auch wurde im Dezember wiederholt der Kontrast zu der Berichterstattung über Wohlleben deutlich. Dieser wurde durchgehend als politisch überzeugter Neonazi dargestellt. Insoweit würde ich sagen, dass es bestimmte Änderungen in der Berichterstattung gibt, aber dass es weiterhin auch bestimmte Konstanten gibt – den Fokus auf Zschäpes Weiblichkeit.

Sie analysieren in Ihrem Buch außerdem, welche Effekte diese Berichterstattung für die deutsche Dominanzgesellschaft hat …

Mich hatte nicht nur interessiert, welche Bilder produziert wurden und welche Rolle Geschlecht dabei spielte. Daran anknüpfend bin ich auch der Frage nachgegangen, welche Folgen diese vergeschlechtlichte Berichterstattung hat. Was die beiden genannten Darstellungsweisen von Zschäpe angeht, denke ich, dass sie die Möglichkeit bieten, Schuld abzuwehren und mehrheitsgesellschaftliche rassistische Strukturen, innerhalb derer der NSU überhaupt agieren konnte, zu negieren. Das geschieht durch unterschiedliche Mechanismen: Durch die bagatellisierenden Darstellungsweisen können Zschäpe und ihre Taten als irrelevant dargestellt werden. Deshalb muss man sich also auch gar nicht erst damit beschäftigen. Bei den dämonisierenden Darstellungsweisen wird Zschäpe außerhalb des deutschen Kollektivs verortet, sie wird ja als von der Norm abweichend dargestellt. Dadurch muss keine Auseinandersetzung mit ihr und ihren Taten stattfinden, genauso wenig wie mit mehrheitsgesellschaftlichen rassistischen Strukturen – sie wird ja als weit entfernt von der mehrheitsdeutschen Norm dargestellt. Entsprechend wird auch rassistische Gewalt außerhalb des mehrheitsdeutschen Kollektivs angesiedelt.

Inwiefern knüpfen diese Bilder an Vorstellungen von NS-Täterinnen an?

Es gab sowohl vergeschlechtlichte bagatellisierende als auch dämonisierende Darstellungsweisen in der Berichterstattung über angeklagte nationalsozialistische Täterinnen – in der direkten Nachkriegszeit wie auch in späteren Prozessen. In medialen Repräsentationen des Nationalsozialismus, wie bspw. in Filmen wie „Der Untergang“, finden sich die genannten vergeschlechtlichten Darstellungsweisen bis heute, auch in diesen Fällen natürlich verknüpft mit der Möglichkeit der Schuldabwehr.

Wie kommt es zu dieser Schuldabwehr?

Ein Grund ist sicherlich, dass der Nationalsozialismus in Deutschland in keiner auch nur annähernd angemessenen Weise aufgearbeitet wurde. Es gibt Studien zu Folgewirkungen des Nationalsozialismus auf psychosozialer Ebene. Ganz kurz zusammengefasst ist das zentrale Argument, dass die mehrheitsdeutsche Bevölkerung auch emotional stark mit dem nationalsozialistischen System verstrickt war und sich nach 1945 verschiedener Abwehrmechanismen bediente, um sich nicht mit der eigenen Schuld auseinanderzusetzen. Die dadurch entstandene psychosoziale Struktur ist an die nachfolgenden Generationen weitergegeben worden und auch heute noch wirkmächtig.

Und in diesen Zusammenhang steht auch die Berichterstattung über Zschäpe?

Ja, hier findet sich ein möglicher Ansatz, um die vergeschlechtlichte Berichterstattung über Zschäpe zu erklären: Durch die beschriebenen Folgewirkungen des NS gibt es in Deutschland weiterhin die Neigung, Schuld in Zusammenhang mit faschistischen Taten abzuwehren. Genauso wie also durch vergeschlechtlichte Diskurse Schuld nach dem Nationalsozialismus abgewehrt wurde – z. B. in der Berichterstattung über nationalsozialistische Täterinnen – , wird auch heute noch Schuld in Bezug auf rassistische Strukturen abgewehrt. Und das zeigt sich eben auch in der Berichterstattung über Zschäpe.

Gab es auch andere mediale Darstellungen mit anderen Effekten?

Die Berichterstattung hat sich im Laufe der Zeit verändert und es gibt immer wieder auch Artikel, die sich kritisch mit dem Themenkomplex auseinandersetzen und die genannten Darstellungsweisen nicht reproduzieren. Allerdings ist die Berichterstattung insgesamt nach wie vor weit entfernt von einer emanzipatorischen Auseinandersetzung mit Neonazismus und Geschlecht, ganz zu schweigen von einer Auseinandersetzung mit rassistischen Strukturen der Mehrheitsgesellschaft auf ihren verschiedenen Ebenen. Auch das Leid der Angehörigen der Ermordeten und der Überlebenden der Bombenanschläge findet keine angemessene Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Ich finde, dass die Kritik über die konkrete Praxis der Berichterstattung hinausgehen muss: Die Strukturen, die eine solche Berichterstattung nahelegen, müssten verändert werden. Eine tiefgreifende Aufarbeitung der NS-Verbrechen und der damit verbundenen Schuld wäre ein Anfang.

Von Charlie Kaufhold ist kürzlich „In guter Gesellschaft? Geschlecht, Schuld und Abwehr in der Berichterstattung über Beate Zschäpe“ in der Reihe Antifaschistische Politik (RAP) der Edition Assemblage erschienen.

Judith Goetz ist Literatur- und Politikwissenschaftlerin sowie Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (www.fipu.at).

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[Wien]26.1., 18h, Vortrag mit Judith Goetz über Männerbund, Mensur und Antifeminismus

Deutschnationale Burschenschafter fungieren in Österreich sowohl als Sammelbecken für parteiförmig organisierte Rechtsextreme (FPÖ Funktionäre) als auch als Anhänger der militanten Neonazi-Szene und sichern sich durch ihre Männerseilschaften Einfluss, Posten und Privilegien. Die burschenschaftliche Organisation selbst baut dabei auf einer Trias auf, deren Säulen ideologisch aufeinander bezogen und zutiefst antifeministisch und sexistisch konzeptioniert sind.

Neben dem völkischen Nationalismus und dem männerbündischen Prinzip vervollständigen Brauchtumsformen wie das in burschenschaftlichen Kreisen kultivierte Mensurwesen diese Trias. So dient der Männerbund und die dahinter stehenden Vorstellungen biologistisch argumentierter Geschlechterdifferenz als sexistisches Ordnungskonzept, das die vermeintlich „natürliche“ Geschlechtertrennung und zwischenmenschliche Beziehungen im Allgemeinen regelt.

Auch die ideologische wie auch politische, antifeministische Agenda deutschnationaler Burschenschaftern zielt nicht selten auf die Renaturalisierung, also die „Wiederherstellung“ einer vermeintlich „natürlichen“ Geschlechterordnung ab. Dieses strikt duale Geschlechtermodell erfüllt dabei bestimmte Funktionen, wie beispielsweise Einflüsse von vermeintlicher Weiblichkeit aus der Sphäre des Politischen, des Männerbundes oder auch der Gesellschaft fernzuhalten.

Im Vortrag von Judith Goetz und in der anschließenden Diskussion soll der burschenschaftliche Antifeminismus vor dem Hintergrund der Prinzipien des Männerbundes und dem Wesen der Mensur näher beleuchtet werden.

Wann?
Dienstag, 26.01.2016 18:00

Wo?
w23, Wipplingerstrasse 23, 1010 Wien

Das ra.wohnzimmer findet diesmal am letzten Dienstag statt. Vortrag und Diskussion zu „Vergemeinschaftet durch das Abverlangen von Standhalten und Beherrschung“ – Männerbund, Mensur und Antifeminismus bei deutschnationalen Burschenschaften.

https://raw.at/texte/2016/maennerbund-mensur-und-antifeminismus/

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[Sbg]25.1., 19h Vortrag mit Judith Goetz: „Vergemeinschaftet durch das Abverlangen von Standhalten und Beherrschung“

– Männerbund, Mensur und Antifeminismus bei deutschnationalen Burschenschaften

Judith Goetz*

Deutschnationale Burschenschafter fungieren in Österreich sowohl als Sammelbecken für parteiförmig organisierte Rechtsextreme (FPÖ Funktionäre) als auch als Anhänger der militanten Neonazi-Szene und sichern sich durch ihre Männerseilschaften Einfluss, Posten und Privilegien. Die burschenschaftliche Organisation selbst baut dabei auf einer Trias auf, deren Säulen ideologisch aufeinander bezogen und zutiefst antifeministisch und sexistisch konzeptioniert sind. Neben dem völkischen Nationalismus und dem männerbündischen Prinzip vervollständigen Brauchtumsformen wie das in burschenschaftlichen Kreisen kultivierte Mensurwesen diese Trias. So dient der Männerbund und die dahinter stehenden Vorstellungen biologistisch argumentierter Geschlechterdifferenz als sexistisches Ordnungskonzept, das die vermeintlich „natürliche“ Geschlechtertrennung und zwischenmenschliche Beziehungen im Allgemeinen regelt. Auch die ideologische wie auch politische, antifeministische Agenda deutschnationaler Burschenschaftern zielt nicht selten auf die Renaturalisierung, also die „Wiederherstellung“ einer vermeintlich „natürlichen“ Geschlechterordnung ab. Dieses strikt duale Geschlechtermodell erfüllt dabei bestimmte Funktionen, wie beispielsweise Einflüsse von vermeintlicher Weiblichkeit aus der Sphäre des Politischen, des Männerbundes oder auch der Gesellschaft fernzuhalten.

Im Vortrag mit anschließender Diskussion soll der burschenschaftliche Antifeminismus vor dem Hintergrund der Prinzipien des Männerbundes und dem Wesen der Mensur näher beleuchtet werden.

Montag, 25.01.2016, 19 Uhr
Georg-Eisler-Hörsaal (HS3) im Unipark Nonntal, Erzabt-Klotz-Str. 1, 5020 Salzburg

Diese Veranstaltung findet in Kooperation mit dem GendUp, der StV Geschichte und dem flit*z Salzburg statt.
Der Eintritt ist frei, der Hörsaal ist barrierefrei zugänglich.

*Judith Goetz ist Literatur- und Politikwissenschafterin sowie Mitglied der Forschungsgruppe FIPU (www.fipu.at), sowie Vizeobfrau der LICRA (Liga gegen Rassismus und Antisemitismus), Mauthausen-Außenlager-Guide, (Gruppen-)Trainerin, zahlreiche Artikel und Vorträge zu den Themenbereichen Rechtsextremismus, Gedenkpolitik und Gedenkkultur in Österreich sowie zu feministischen/frauenpolitischen Fragestellungen. Lehraufträge an den Universitäten in Klagenfurt/Celovec, Salzburg und Wien.

Facebook-Link zur Veranstaltung: https://www.facebook.com/events/444840212391959/

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„Ich habe nichts gemacht, ich war nur in der Küche“

– Statement des Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus zur Einlassung Beate Zschäpes im NSU-Prozess am 9.12.2015

„Ach, ich habe nichts gemacht, ich war nur in der Küche.“ So zitiert die Welt am Sonntag im Januar diesen Jahres die ehemalige KZ-Aufseherin Hilde Michnia. Die Parallelen zur am 9.12.2015 verlesenen Einlassung Beate Zschäpes sind frappierend. Wenn auch in andere Worte gefasst, so versucht doch auch die Hauptangeklagte im sogenannten NSU-Verfahren vor dem OLG München, sich jedweder Verantwortung für die Morde an zehn Menschen, mehreren Bombenanschlägen und den fünfzehn dem NSU zur Last gelegten Raubüberfällen zu entziehen. Zschäpe bedient sich in erschreckender Weise dem Stereotyp der naiven Frau, die aus bloßer Zuneigung zum männlichen Täter dreizehn Jahre lang im Untergrund gelebt und dem Morden zugesehen habe. Ihre eigene aktive Rolle darin kommt auf den 53 Seiten ihrer Einlassung nicht vor.

In ihrer Erklärung begründet die Angeklagte ihre vermeintliche Unschuld im Rückgriff auf gängige weibliche Geschlechterstereotype. Sie sei nur aus Liebe und der darauf folgenden emotionalen Abhängigkeit im „Untergrund“ geblieben, habe unter dem Wissen um die Morde emotional sehr gelitten. Nur aus Sorge um ihre beiden Kameraden sei sie nicht zur Polizei gegangen. Wie schlecht es ihr gegangen sei untermalt sie damit, dass sie ihre Katzen vernachlässigt habe – ein Vergleich, der einen ob der Gefühlskälte den Opfern des menschenverachtenden NSU-Terrors gegenüber fassungslos zurücklässt.

Zschäpes grundsätzliche Strategie indes verwundert nur bedingt, hat sie doch allzu lange allzu gut funktioniert. Dass die drei überzeugten Rechtsextremen über ein Jahrzehnt unbehelligt leben, rauben und morden konnten, hat in erster Linie mit dem fehlenden Ermittlungsinteresse der beteiligten Behörden zu tun. Die Selbstverständlichkeit, mit der gerade Zschäpe am sozialen Alltag teilnehmen konnte, lässt sich dagegen auch mit dem sozialen Arrangement erklären, in dem Beate Zschäpe sich als Freundin und Schwester der beiden Männer präsentierte. Sie sorgte damit für die bürgerliche Fassade, die das Morden aus dem Untergrund heraus erst ermöglichte. Jahrelang hat die geschlechterstereotype Konstruktion also funktioniert.

Und sie wurde bis zum Beginn der Hauptverhandlung und partiell auch darüber hinaus auch durch die mediale Berichterstattung immer wieder aktualisiert. Das Bild der unwissenden „Freundin-von“, die keine Waffe benutzt, diese nur geputzt habe, dominierte nach dem Bekanntwerden der Mord- und Anschlagsserie des NSU die mediale Berichterstattung und den öffentlichen Diskurs zum Thema (Vgl. „Und warum ist das Interessanteste an einer militanten Rechtsextremistin ihr Liebesleben?“ – Offener Brief des Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus zur Berichterstattung über die Rechtsextremistin Beate Zschäpe). Spätestens mit Beginn der Hauptverhandlung gegen Zschäpe und weitere vier Angeklagte war jedoch vom Tisch, dass sie von nichts gewusst habe. Jetzt ist es ausgerechnet Zschäpe selbst, die sich auf das Bild der von Gefühlen eingenommenen, vor Liebe blinden treuen Seele beruft. Anders als der Mitangeklagte Ralf Wohlleben, der die Treue zu seinen politischen Idealen betont.

Bereits vor der Einlassung Zschäpes waren es rechtsextreme Frauen, die als Zeuginnen vor Gericht versuchten, sich auf die Rolle der unwissenden Frau an der Seite politisch aktiver Männer zu inszenieren und damit ihre dreisten Lügen auf geschlechtsspezifische Weise dem Gericht feilboten. Zschäpe treibt es mit ihrer aktuellen Einlassung auf die Spitze: Sie benennt einzig in der rechtsextremen Szene vormals aktive Männer, deren Rolle und Beteiligungen am weiten Netzwerk des NSU aus vorherigen Aussagen bereits bekannt waren, sei es der Kameradschaftsführer Brandt oder ihr eigener Cousin. Einzig neu an der Inszenierung Zschäpes: Dieses Mal geht genau dies nicht auf, kauft ihr niemand die ‚Unschuld vom Lande‘ ab. Die stereotypen Annahmen über Frauen in der extremen Rechten haben einen nachhaltigen Riss bekommen und es ist zu hoffen, dass sich dieses Wissen in den weiteren Auseinandersetzungen verstetigt.

Für die Angeklagte kommt die Erklärung zur falschen Zeit. Denn auch wenn der NSU-Prozess an Aufklärung der Morde bisher nur sehr wenig geleistet hat, so hat die Zeugenvernehmung herausgestellt, dass Beate Zschäpe keinesfalls die unbeteiligte und abhängige Rolle innehatte, in der sie sich nun inszenieren will. Die ‚Wahrheit‘ über die Hintergründe der Morde und Anschläge des NSU kennen selbstverständlich auch wir nicht – doch wird an ihren fragmentarischen Angaben deutlich, dass sie zur Aufklärung der Taten keinen Beitrag leisten wird. Dabei haben gerade die Angehörigen der Opfer ein Recht darauf zu erfahren, warum ausgerechnet ihr Vater, ihr Bruder, ihr Sohn kaltblütig ermordet wurde. Stattdessen versucht sich die Angeklagte unter Zuhilfenahme gängiger Frauen-Stereotype zu entlasten.

KZ-Aufseherin Michnia antwortet auf die Frage, warum die Menschen ihrer Meinung nach denn im Lager gewesen seien: „Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht.“ Auch Zschäpe will laut ihrer Aussage davon gewusst haben, dass Mundlos und Böhnhardt immer mit geladener Waffe aus dem Haus gegangen seien – über den Grund dafür habe sie sich nie Gedanken gemacht. Dass sie Menschen ermorden würden, sei ihr nicht in den Sinn gekommen. Und so setzt sich Geschichte auf erschreckende Weise fort…

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Die ,,Volksgemeinschaft‘‘ bröckelt

erschienen in Progress 5/2015

Der Sammelband „Geschlechterreflektierte Pädagogik gegen Rechts“ versucht theoretische Überlegungen zum Zusammenspiel von Neonazismus, Pädagogik und Geschlecht mit pädagogischen Praxen in Beziehung zu setzen. Mitherausgeber Andreas Hechler spricht mit Judith Goetz über rechte Wortergreifungen gegen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt und den fehlenden Blick auf Opferperspektiven und Alternativen.

Foto von Udi Nir/Sagi Bornstein

 

progress: Ihr schreibt in eurem Buch, dass „Neonazismus nur mit ganz bestimmten Männlichkeiten und Weiblichkeiten“ funktioniert. Was ist damit gemeint?

Andreas Hechler: N(eon)azistische Männlichkeiten und Weiblichkeiten sind exklusiv; sie sind idealtypisch weiß, (seit vielen Generationen) deutsch, christlich oder verwurzelt in der germanisch- nordischen Mythologie, gesund, heterosexuell etc. Was also de facto hyperprivilegiert und nur auf eine kleine Minderheit überhaupt zutreffen kann, ist nach neonazistischer Lesart „normal“.

Darüber hinaus stehen diese Konstruktionen im Dienst einer größeren Sache. Hier greift unter anderem eine vergeschlechtlichte Arbeitsteilung, die Frauen und Männern innerhalb der „Volksgemeinschaft“ klar definierte Aufgaben und Orte zuteilt. Zu all dem gesellen sich autoritäre und diktatorische Züge, sowohl als strategisches Element zum Erreichen der politischen Ziele als auch ganz prinzipiell in der Vision, wie Gesellschaft organisiert sein soll. Das Zusammenspiel der genannten gesellschaftlichen Positionierungen, Verhaltensweisen und Einstellungsmuster produziert ganz bestimmte Männlichkeiten und Weiblichkeiten. Anders formuliert: Es werden all diejenigen ausgeschlossen, die davon abweichen.

Stärker denn je machen sich Rechte gegen vermeintliche „Frühsexualisierung“ stark. Warum ist sie bedrohlich für den Rechtsextremismus und was kann eine Sexualerziehung im frühen Kindesalter zu einer geschlechterreflektierten Pädagogik gegen Rechts beisteuern?
„Frühsexualisierung“ ist ein schillernder Kampfbegriff, der nicht näher definiert wird. Eine altersangemessene Sexualerziehung trägt ganz maßgeblich dazu bei, Kinder in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung zu unterstützen und zu einer selbstbestimmten, verantwortlichen und gewaltfreien Sexualität zu befähigen. In dieser Hinsicht wirkt Sexualerziehung gegen Scham bzw. Beschämung, für Kinderrechte und für die freie Entscheidung, wen Menschen lieben wollen und mit wem und wie sie Sex haben möchten. Dagegen läuft das rechte Spektrum Sturm, mit den immer gleichen „Argumenten“ einer angeblich „natürlichen Scham“ und des „Elternrechts“. Zudem stören sie sich ganz maßgeblich daran, dass Kinder sich frei entwickeln können sollen, da das eben auch die Möglichkeit beinhaltet, schwul, lesbisch, bi-/pansexuell, queer, trans*geschlechtlich, nicht-binär, nicht-verheiratet, polyamourös oder was auch immer zu leben oder auch abzutreiben. Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit als Möglichkeiten gleichberechtigt neben viele andere zu stellen, ist ein fundamentaler Angriff auf ein Verständnis, das Sexualität als „natürlich“ fasst und es darüber hinaus auf Fortpflanzung (der „Volksgemeinschaft“) verengt. Der Wunsch nach Klarheit und Eindeutigkeit löst sich durch das Offenlassen von allen geschlechtlichen und sexuellen Möglichkeiten im Nichts auf – die „Volksgemeinschaft“ beginnt zu bröckeln.

Ein Beitrag behandelt die Modernisierung homofeindlicher Argumentationen. Was hat sich in aktuellen rechten Debatten gegen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt geändert?

Der angesprochene Artikel argumentiert, dass Homosexualität nicht mehr als Akt „wider die Natur“ diffamiert und die Existenz der anderen (homosexuellen usw.) Kulturen toleriert wird, solange keine „unethischen“ Vermischungen stattfinden – etwa in dem Sinne, dass Heterosexuelle mit Homosexualität „angesteckt“ werden könnten. Gesellschaftlich marginalisierten Gruppen wird so zwar offiziell eine Daseinsberechtigung zugesprochen, jedoch nur dann, wenn sie sich in die etablierte „Kultur“ integrieren, inklusive dem faktischen Verbot, ihre Interessen auch wirksam auszudrücken.

In Anlehnung an die analytischen Perspektiven eines „Postfeminismus“ können wir vielleicht für bestimmte Spektren von einer „Post-Homofeindlichkeit“ sprechen. Diese bejaht Gleichstellung, hält sie aber für erreicht und warnt vor einer angeblichen Umkehrung ins Gegenteil. Diese gesellschaftlichen Akteur_innen kämpfen gegen ihren Macht- und Privilegienverlust.

Ihr betont, dass sich insbesondere die Sozialpädagogik bis heute an einer verengten Vorstellung deklassierter (männlicher) Jugendlicher orientiert. Welche Probleme ergeben sich durch die Vernachlässigung der Erwachsenen in geschlechterreflektierten pädagogischen Auseinandersetzungen mit Neonazismus?
Die Verengung betrifft nicht nur die Sozialpädagogik, sondern auch mediale Diskurse, institutionelles Handeln etc. Große Teile der Gesellschaft bleiben durch die Projektion des Neonazis als „jungmännlichdeklassiertgewalttätigausm Osten“ unberücksichtigt. Dabei weisen gegenwärtig europaweit Menschen ab dem sechzigsten Lebensjahr – und nicht etwa Jugendliche – die höchsten Zustimmungswerte zu neonazistischen Einstellungsmustern auf. Somit wird die zurzeit zahlenmäßig größte problematische Gruppe von vornherein aus dem Aufmerksamkeitsfeld ausgeblendet.

Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass Kinder in aller Regel viel offener und weniger stereotypisierend als Erwachsene sind, wenn es um Geschlecht geht. Erwachsene geben Kindern und Jugendlichen – häufig unbewusst – ihre Vorstellungen von Geschlecht mit. Das trifft in besonderer Weise diejenigen, die sich nicht geschlechtskonform verhalten. Daher muss auch für Pädagog_innen eine selbstreflexive Auseinandersetzung mit der eigenen geschlechtlichen Sozialisation und daran gekoppelten Vorstellungen von Geschlecht gefördert werden.

Was ist eurer Meinung nach an täter_innenfokussierten Ansätzen in der Neonazismuspräventionsarbeit zu kritisieren?
In der Neonazismusprävention findet sich fast durchgehend ein Täter_innenfokus. Es ist zwar naheliegend, sich ,,den Neonazis“ – ihren Taten, Strukturen und Ideologien – zuzuwenden. Verloren gehen hingegen zwei andere Ebenen, die für eine Präventionsarbeit von großer Bedeutung sind: Einerseits fehlt der Blick auf Menschen, die von Neonazis real oder potenziell angegriffen werden, in täglicher Angst vor Bedrohungen leben und in ihrem Aktions- und Handlungsradius stark eingeschränkt sind. Wird ihre Perspektive nicht wahrgenommen, werden ihre Verletzungen unsichtbar gemacht mit der Folge, dass Diskriminierungen reproduziert und Gewöhnungseffekte in Kauf genommen werden. In einer solchen Neonazismusprävention ändert sich für die Diskriminierten überhaupt nichts. Ein erfolgreicher Kampf muss aber daran gemessen werden, ob sich real etwas für diskriminierte Gruppen verbessert hat. Andererseits fehlt der notwendige Blick auf Alternativen.

Wie könnten und sollten derartige Alternativen aussehen?
Hierzu gehört insbesondere die Stärkung nicht-neonazistischer, antifaschistischer, nicht- und antirassistischer sowie queerer Lebenswelten und Jugendkulturen. Auch das Einüben nicht-diskriminierender Verhaltensweisen, demokratischer Interessenvertretungen und Konfliktlösungsstrategien zählen dazu. Ohne diese bringt auch die beste Präventionsarbeit nichts. Neonazismusprävention ist kein Selbstzweck, sondern Teil eines gesamtgesellschaftlichen Demokratisierungsprozesses.

Zu einer erfolgreichen Neonazismusprävention gehören drei Ebenen und eine Fokusverschiebung: An erster Stelle stehen der Schutz, die Unterstützung und das Empowerment derjenigen, die von Neonazis real oder potenziell bedroht werden. An zweiter Stelle stehen der Aufbau und die Unterstützung von Alternativen zum Neonazismus. An dritter Stelle steht die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Neonazis und rechts orientierten Kindern und Jugendlichen.

Für die Pädagogik gilt es, für diese drei Ebenen zielgruppenspezifische Angebote bereitzustellen. Da die Arbeit mit Täter_innen sowohl der Schutzverpflichtung gegenüber Opfern und Diskriminierten als auch einer Stärkung von Alternativen zuwiderläuft, sollten nicht die selben Personen und Institutionen alle drei Ebenen gleichzeitig bespielen.

Pädagog_innen stecken in dem Dilemma, einerseits Ansprüche pädagogischer Unterstützung in der Arbeit mit rechtsaffinen Jugendlichen zu verfolgen und andererseits wirkungsvolle Arbeit gegen rechtsextreme Orientierungen zu leisten. Wie könnte das gelöst werden?
Ich finde, dass Michaela Köttig in ihrem Buchbeitrag auf der Grundlage ihrer eigenen pädagogischen Arbeit in einer rechten Mädchenclique viele wertvolle Impulse liefert. Das Dilemma lässt sich meines Erachtens nicht auflösen, aber es können Rahmenbedingungen für einen guten Umgang geschaffen werden. Dazu gehören unter anderem ein guter Personalschlüssel, zeitlich fest eingeplante und bezahlte Reflexionsräume (Reflexion, Intervision, fachkundige Supervision), realistisch erfüllbare Anforderungen, finanzielle und räumliche Ressourcen, eine Ausbildung, in der die kritische Auseinandersetzung mit Geschlecht und Neonazismus Teil des Curriculums ist, regelmäßige Fort- und Weiterbildungen, die Möglichkeit, bei Bedarf Hilfe von außen zu holen und angemessene Erholungszeiten.

Eine geschlechterreflektierte Pädagogik gegen Rechts kann derzeit nicht gut gemacht werden, wenn Ressourcen dafür schlicht nicht vorhanden sind. Das hat nichts mit persönlichem Scheitern zu tun; die Haltung mag noch so toll, das Wissen um Geschlecht und Neonazismus noch so profund, die Methodik ausgefeilt sein – wenn man* drei Jugendclubs parallel als einzige_r Sozialarbeiter_in betreuen muss, wie es in mehreren Bundesländern der Fall ist, wird all das nicht viel helfen. Es braucht bessere Arbeitsbedingungen für eine erfolgreiche Arbeit.

Judith Goetz ist Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit und studiert Politikwissenschaften im Doktorat an der Uni Wien.

 

Hechler, Andreas/Stuve, Olaf [Hrsg.] (2015): Geschlechterreflektierte Pädagogik gegen Rechts. Opladen/Berlin/Toronto: Barbara Budrich Verlag.

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„Don’t speak!“ – Ein Aufruf zum Boykott!

erschienen in fiber #24: boykott

Judith Goetz

Der Besuch deutschnationaler Mädelschafterinnen im Autonomen Zentrum Linz gibt Anlass, Umgangsformen mit rechten/rechtsextremen Frauen zu überdenken.

Ernst nehmen!

Um die Auseinandersetzung mit rechten/rechtsextremen Frauen (1) ist es in Österreich äußerst dürftig bestellt. Zwar besteht phasenweise ein (nicht selten sensationsorientiertes) Interesse an der Thematik, ein tiefer reichender Diskurs und daraus abgeleitete Umgangsformen stehen jedoch – auch in linken und feministischen Kreisen – weitgehend aus. Rechte/Rechtsextreme Frauen werden meist als politische Subjekte sowie als Anhängerinnen menschenfeindlicher Ideologien nicht ernst genommen und exotisiert. Damit werden sexistische Denkweisen fortgesetzt und ihre systemstabilisierende Funktion verkannt. So beispielsweise bei einer Veranstaltung über rechtsextreme Frauen im Linzer Autonomen Zentrum, zu der auch vier Mitglieder der 2013 gegründeten deutschnationalen, akademischen Mädelschaft Iduna zu Linz gekommen waren. Während bei öffentlichen Veranstaltungen zum Thema Rechtsextremismus, beispielsweise in den Hörsälen von Universitäten, Burschenschafter oftmals „toleriert“ werden, weil es kein ausgesprochenes Verständnis darüber gibt, wer bei derartigen Veranstaltungen „erwünscht“ ist oder weil Veranstalter_innen einen fragwürdigen Begriff von „Toleranz“ an den Tag legen, verhält es sich im Kontext dieses autonomen Zentrums anders. In dessen Selbstverständnis heißt es eindeutig: „Deswegen dürfen Rassismus, Sexismus, Heteronormativität, Antisemitismus, Nationalismus sowie Verhalten, das dies wiedergibt bzw. andere Personen – egal auf welche Weise – unterdrückt, keinen Platz haben.“ (2) Gerade diese Ideologien sind, wie beim Vortrag selbst auch sichtbar gemacht wurde, selbstverständlicher Bestandteil des in deutschnationalen Mädelschaften kultivierten Denkens. Dennoch zeigte sich ein großer Teil der Besucher_innen der Veranstaltung nach dem „Outing“ der Mädelschafterinnen nicht unbedingt entschlossen, sie auf Basis dieses Selbstverständnisses zum Gehen zu bewegen, und so musste der Rausschmiss erst durchgesetzt werden. Jene, die mit dem „exotischen“ Besuch Gespräche führen wollten, setzten die Diskussion sogar vor der Tür fort und wurden dafür auf der Facebookseite der Mädelschaft auch noch bejubelt: „Nach dem Rauswurf bei einem Vortrag zum rechtsextremen Geschlecht von Judith Goetz, gab es immerhin fünf, die eine angemessene Gesprächskultur an den Tag legen konnten… Danke für den vorurteilsfreien Abend!“ (3) Wenngleich der „vorurteilsfreie Abend“ eher sarkastisch gemeint sein dürfte, verdeutlicht gerade die Unfähigkeit, den „Mädels“ entschlossene Handlungen entgegen zu setzen, die mangelnde adäquate Umsetzung von linken bzw. feministischen Ansprüchen in die Praxis. Als traurige Bilanz des Abends liegt einerseits die Vermutung nahe, dass wohl andere Konsequenzen gezogen worden wären, hätte es sich um deutschnationale Burschenschafter gehandelt, die das Autonome Zentrum besuchten. Andererseits ergibt sich durch den Vorfall ein dringender Anlass, Fragen nach zufriedenstellenden Umgangsformen mit rechten/rechtsextremen Frauen und der Notwendigkeit einer Gesprächsverweigerung im Sinne eines konsequenten Boykotts erneut zu stellen.

Kritisieren!

Aber nicht nur in linken Kreisen trifft mensch auf die zunehmende Bereitschaft mit AnhängerInnen rechten/rechtsextremen Gedankenguts in Dialog zu treten. Dies lässt sich beispielsweise auch bei diversen Fernsehformaten wie Pro&Contra oder Im Zentrum feststellen, wo eine inklusive Einladungspolitik gegenüber rechtsextremen AkteurInnen unter dem Deckmantel der „ausgewogenen Berichterstattung“ zum Tagesgeschehen zählt. Gerade ihre medialen Inszenierungen tragen weniger zu einer Imageverschlechterung bei als zur Steigerung der Salonfähigkeit ihrer Positionen und zur Fortsetzung des rassistischen, sexistischen, antisemitischen Normalzustandes in Österreich. Eine Problematisierung derartiger Integrationsmöglichkeiten in öffentliche Debatten im Zuge dieser Veranstaltungspolitiken hingegen findet kaum noch statt. Im Gegenteil werden jene, die das Gespräch konsequent boykottieren, mit dem Vorwurf konfrontiert, den Rechten den Raum zu überlassen. Die logische Konsequenz wäre jedoch vielmehr eine kritische Berichterstattung über sie als das Gespräch mit ihnen oder die unkommentierte Wiedergabe rechtsextremer „Stilblüten“ und „Ausfälligkeiten“, die es Rechten/Rechtsextremen erneut ermöglicht, ihre menschenfeindliche Inhalte bei großer öffentlicher Aufmerksamkeit „unters Volk“ zu bringen. Gerade der Anschein eines Dialogs auf Augenhöhe bringt den Trugschluss mit sich, rechtes Gedankengut demaskieren oder offenlegen zu können. Doch wurde in der Vergangenheit auf vielfältige Weise evident, dass gerade die propagandistischen und manipulativen Techniken rechtsextremer Gesprächsführung, die sich hinter dem Ruf nach vermeintlicher Meinungsfreiheit verbergen, das gewünschte Resultat verunmöglichen.

Boykottieren!

Durch den Zusammenschluss rechter/rechtsextremer Frauen beispielsweise in einer Mädelschaft erfahren die beteiligten Frauen nicht nur politische Anerkennung, sondern machen sich auch menschenfeindliche Denkangebote zu eigen. Durch die Gesprächsbereitschaft einzelner Veranstaltungsteilnehmer_innen in Linz wurde den Mädelschafterinnen ein Podium für dieses reaktionäre Gedankengut gegeben, anstatt es schonungslos zu kritisieren. Dieser Propaganda selbst an einem linksradikalen Ort Raum zu geben, trägt in Folge zur weiteren Normalisierung rechtsextremer Ideologien als politisch gleichwertig bei und setzt die Legitimierung derartiger Diskurse ebenfalls fort. Zudem hat sich in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass es gerade der Einstieg in die von ihnen geführten Diskurse ist, der selbige auch befördert und nicht die Denunziation bzw. die Kritik an den in ihren Kreisen verbreiteten nationalistischen, rassistischen und antifeministischen Ideologien. Hinzu kommt, dass dabei verkannt wird, inwieweit insbesondere die Frauenpräsenz die rechte Szene auch normalisiert, weil Frauen nicht nur nach außen das Image verbessern, sondern auch leichter Eingang in zivilgesellschaftliche Bereiche wie Elternbeiräte, Vereine etc. und offensichtlich auch linke Strukturen haben. „Diese Unterschätzung kann und wird z.T. auch im rechtsextrem orientierten Milieu bewusst eingesetzt, beispielsweise bei der Anmietung von Räumen für Veranstaltungen, bei der Sammlung von Daten (vermeintlicher) politischer GegnerInnen, des [sic!] Fotografierens derselben, die [sic!] Ansprache von BürgerInnen bei Infoständen oder beim Betrieb von Internetportalen.“ (4) Mädelschaften andere Handlungen entgegenzusetzen als Burschenschaftern, bedeutet letztendlich sie immer noch nicht als potentielle Bedrohung ernst zu nehmen und somit auf sexistische Art und Weise zu verharmlosen.

Anstatt den rechten/rechtsextremen Selbstinszenierungen und -darstellungen als TabubrecherInnen und gesprächsbereite DemokratInnen in die Hände zu spielen, scheint ihre Delegitimation nicht nur an linken Orten längst überfällig. Eine „Entwöhnung“ (5) von diesen österreichischen Zuständen kann jedoch nur durch eine Gesprächsverweigerung im Sinne eines konsequenten Boykotts erzielt werden!

Judith Goetz*

Judith Goetz ist Mitglied der Forschungsgruppe FIPU (www.fipu.at).

  1. Nachdem rechte/rechtsextreme Frauen von einer biologistisch definierten, dichotomen Geschlechterdifferenz ausgehen, wird an dieser Stelle davon abgesehen, die Kategorie Frau/en mit einem * zu versehen. Politiken und Ideologien rechter/rechtsextremer Frauen richten sich explizit gegen eine sozialkonstruktivistische Vorstellung von Geschlechteridentitäten.
  2. http://az-linz.servus.at/?p=175
  3. https://www.facebook.com/permalink.php?id=621014437924467&story_fbid=819549671404275
  4. Offener Brief des Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus zur Berichterstattung über die Rechtsextremistin Beate Zschäpe: http://blogs.fu-berlin.de/gender_diversity/files/2011/11/offener-Brief-Forschungsnetzwerk-Frauen-und-Rechtsextremismus.pdf.pdf
  5. https://forschungsgruppefipu.wordpress.com/2013/02/06/entwohnung-tut-not/

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Handout geschlechtersensible Sprache

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Die Awareness der „Alphas“

*Triggerwarnung: dieser Text behandelt den Umgang mit sexualisierter Gewalt bzw. einen misslungenen Versuch, eine Debatte darüber zu initiieren.*

Ich hatte gestern eine Kontroverse auf Twitter – und wie die meisten dort ausgetragenen Kontroversen ging auch diese weitestgehend am eigentlichen Thema vorbei. Sie begann so:

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Die folgende Auseinandersetzung zwischen ZIB2-Moderator Armin Wolf und mir kreiste schließlich um die Frage, ob ich Wolf (und seinen Mitdiskutanten) unterstellt hatte, selbst Vergewaltigungsdrohungen getätigt oder sich irgendwie positiv auf solche bezogen zu haben. Let’s get it out of the way: wie bereits auf Twitter festgehalten, habe ich das nicht und liegt es mir gänzlich fern, das zu tun. Mein Kommentar bezog sich nicht isoliert auf die (im obigen Screenshot nur ausschnitthaft wiedergegebene) Kurzdebatte um die Mitgliedschaft im Alpha-Klub, sondern verortete diese als Fortführung einer Tage zuvor begonnenen, breiteren Debatte (siehe unten). Die Vergewaltigungsdrohung, die an deren Ursprung stand, war den von mir Angesprochenen offenbar verborgen geblieben.

Rückblickend war es, denke ich, ein Fehler, die Debatte auf diese zu Missverständnissen einladende Weise zu eröffnen. Auf dem Feld sexualisierter Gewalt sind solche Missverständnisse folgenschwer, lenken Aufmerksamkeit vom eigentlichen Problem auf Nebengleise ab, und bloß weil große Teile der Twitter-Gemeinde die Thematik mit der selben Rotzigkeit, Arroganz und Ignoranz handhaben wie Diskussionen über Fußball oder übers Wetter, hätte ich mich dem nicht anschließen müssen – nicht anschließen sollen [weswegen der entsprechende Tweet inzwischen von mir gelöscht wurde]. Also: ich schätze Wolf und seine Diskussionspartner für ihre Expertise in ihrem jeweiligen Arbeitsbereich. Keinem unterstelle ich Sympathien für Gewalttäter oder gar entsprechende eigene Dispositionen. Und dass Wolf sich ereifert, wenn er diesen Vorwurf gegen sich im Raume glaubt, finde ich gut. (Dass er auf Twitter auch stichhaltige Kritik an seiner Person in eher autoritärer Weise zu verarbeiten pflegt, steht auf einem anderen Blatt.)

Worum gings mir also? Es ging mir um diesen Tweet und um die Debatten, die er in Gang setzte:

w2

Dieser Tweet wurde in zahlreichen Reaktionen als Vergewaltigungsdrohung interpretiert. Und auch wenn der Begriff „Penetrationstest“ in IT-Kreisen eine spezifische abweichende Bedeutung kennt: wer es sich antut, weitere Meldungen desselben Accounts rund um das Wiener FemCamp zu lesen, kann keine Sekunde lang daran zweifeln, dass diese Interpretation zutreffend ist. (Den unterirdischen Inhalt dieser Tweets – explizite sexualisierte Drohungen gegen konkrete Feministinnen, „Witze“ über Gewalt an Frauen und sonstiger misogyner Bullshit der schlimmsten Sorte – gebe ich an dieser Stelle bewusst nicht wieder.) Peter Rabl, kürzlich von PULS4 reaktivierter Grandseigneur der (konservativen) Publizistik in Österreich, widmete dem Account offenbar genau 0 Sekunden seiner Aufmerksamkeit, bevor er den zitierten, von ihm dem Anschein nach als amüsant empfundenen Tweet teilte [Ergänzung: und tags darauf eine Klarstellung dazu vornahm*]. Was folgte, war eine Welle der Kritik an Rabl und – nachdem ein notorischer Troll mit bekannt antifeministischer Neigung sich an Rabls Seite gestellt hatte – auch an diesem.

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In der Kritik an Rabl und Fußi wurde wiederholt (und in Fortführung früherer Auseinandersetzungen) auf deren Status als „Alphas“ hingewiesen – als, so jedenfalls mein Verständnis des Begriffs, meist männliche Twitterer, die eine für österreichische Verhältnisse große Zahl an Followers aufweisen, untereinander persönlich bekannt (bzw. meist befreundet) sind und eine hohe, nicht themengebundene Twitteraktivität an den Tag legen. (Manche würden als weiteres Kriterium ausgeprägte Kritikresistenz respektive Selbstkritikunfähigkeit ergänzen.) Im weiteren Verlauf der Debatte wurde, über die Erörterung der Rabl- und Fußi-Tweets hinaus, zunehmend auch das (Nicht-)Verhalten anderer Alphas thematisiert. Weshalb, so wurde gefragt, sähen jene, die doch sonst zu alles und jedem eine Meinung absonderten, sich nicht veranlasst, ihre Verhaberung mit Rabl und Fußi für einen Tweet zu unterbrechen und sich explizit gegen deren Männersauna-artigen Umgang mit Vergewaltigungsdrohungen zu stellen [wie es der Politikwissenschafter Hubert Sickinger in einem von mir zunächst übersehenen Tweet tat, in dem er Fußi zu einer Entschuldigung aufforderte]?

Natürlich kann ein solcher Einspruch keinem (keiner) vorgeschrieben werden, und wenn Wolf und andere vor dem Hintergrund der zitierten Äußerungen mit Fußi lieber jovial über dessen neues Profilfoto parlieren, als ihn zu fragen, ob er vielleicht „wo angrennt“ sei (wie Wolf es mit mir tat), dann ist das ihre Sache. Ärgerlich fand und finde ich aber, wenn Alphas schließlich doch in die Kontroversen um das FemCamp einsteigen, dazu aber nur spöttische Kommentare über dort verwendete Begrifflichkeiten („Cis-Männer“ etc.) oder u. a. zur Hintanhaltung von Übergriffen eingesetzte „Awareness-Teams“ beizutragen haben; wenn nach allzu vielen Anlässen, sich über sexualisierte Gewalt und ihre Verharmlosung zu entrüsten, Entrüstung erst ausbricht, wenn einer sich persönlich angegriffen fühlt; und wenn Alphas die Kritik an ihnen als ebensolche zwar offensichtlich rezipieren, ihre einzige Reaktion darauf aber darin besteht, sie zum Gegenstand ihrer Scherzereien zu machen. Die von anonymen Antifeministen ausgelöste und von Rabl und Fußi angeheizte Debatte hätte den Alphas die Gelegenheit geboten, von ihrer meinungsbildenden Funktion Gebrauch zu machen, um einen Kontrapunkt zum Umgang vieler Männer (auf und abseits von Twitter) mit der Thematik sexualisierter Gewalt an Frauen zu setzen: einem Umgang, der jegliches Problembewusstsein und jegliche Sensibilität missen lässt, ja viel zu oft – ob in Form der Gutheißung, der Relativierung oder des Kokettierens – selbst als Teil des Problems bestimmt werden muss. Diese Gelegenheit wurde von vielen – nicht nur und vielleicht nicht einmal vorrangig von den im Eingangstweet Angesprochenen – versäumt. Ebenso versäumt wurde offenbar die Gelegenheit, über die eigene Alpharolle und die damit verknüpften Politiken und Privilegien ernsthaft zu reflektieren. Damit sei nicht behauptet, dass diese Reflexion individuell nicht geleistet wird; die Verwitzelung der Alpha-Kritik, die gestern auf Twitter mitzuverfolgen war, war freilich wenig dazu angetan, dahingehende Zweifel zu beseitigen.

Vor diesem Hintergrund mag mein gestriger Eingangstweet jenen etwas verständlicher erscheinen, die ihn unnachvollziehbar, überzogen oder einfach nur jenseitig fanden. Eine solche Klärung auf Twitter herbeizuführen, war offenbar nicht erschöpfend möglich. Wie Twitter – mit seiner Anfälligkeit für Fehldeutungen, seiner beschränkten Eignung zur Ausräumung derselben und seiner generellen Komplexitätsfeindlichkeit – überhaupt denkbar ungeeignet scheint, die Thematik sexualisierter Gewalt auf eine Weise zu bearbeiten, die nicht in einem kommunikativen Fiasko endet. Die Lösung kann selbstverständlich weder im Beschweigen (oft werden einer – und seltener einem – einschlägige Debatten schließlich aufgezwungen) und schon gar nicht in „mehr Gelassenheit“ bestehen. Nötig erscheint stattdessen ein Mehr an Selbstreflexionsbereitschaft, an Vorsicht und an Empathie für die Gefühle der aktiv und passiv an der Diskussion Beteiligten. Jede dritte Frau in der Europäischen Union hat seit ihrem 15. Lebensjahr physische und/oder sexualisierte Gewalt erfahren. Zynisch ist vor diesem Hintergrund nicht nur das Leugnen oder Ignorieren des Problems, sondern auch jede Verhaltensweise, die es relativiert oder trivialisiert. Dazu gehört das pubertäre Herrenwitzeln über „Penetrationstests“. Dazu gehört meines Erachtens aber auch das Lächerlichmachen von Präventionsmaßnahmen wie Awareness-Teams. Und möglicherweise gehört dazu auch das wenig selbstreflexive Geplänkel unter Meinungsmachern übers Meinungsmacher-Sein, wenn es klare Worte gegenüber den Herrenwitzlern in den eigenen Reihen ersetzt. Wo, wenn nicht beim Thema sexualisierte Gewalt wäre es angesagt, das für Twitter kennzeichnende, ewige Streben nach dem noch geistreicheren Tweet vorübergehend einzustellen? Manche „Alphas“ haben sich in diesen Tagen zum Teil des Problems gemacht. Andere haben zumindest eine Gelegenheit nicht wahrgenommen, Teil der Lösung zu sein.

-bw- (@bweidin)

* Die Klarstellung Peter Rabls:

rabl

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No balls, no game?

Geschlechterpolitiken im (österreichischen) Flag Football

Wer je einen flüchtigen Blick auf eine Partie der amerikanischen National Football League (NFL) oder ihres österreichischen Pendants (AFL) erhascht hat, wird American Football als geradezu archetypische Arena viriler Männlichkeit wahrnehmen: gestählte (oder jedenfalls schwere) Männerkörper prallen beständig aufeinander, alphamännliche Imponiergesten prägen das Bild zwischen den Spielzügen. Von Flag Football, auch geläufig als die „Speed-Variante“ des Spiels, wäre anderes zu erwarten, wird es doch – jedenfalls der Theorie nach – „körperlos“ betrieben: anders als im „richtigen“ (oder „Tackle-“)Football wird der/die Ballträger_in nicht durch Zu-Boden-Bringen gestoppt, sondern durch das Ziehen einer an ihrem/seinem Gürtel befestigten „flags“. Nicht zuletzt aufgrund der damit verbundenen Bedeutungsminderung physischer Unterschiede im Allgemeinen und von „strength“ und Masse im Besonderen stehen im Flag Football – präziser: im österreichischen Flag Football, dank entsprechender Anpassung der internationalen Wettspielordnung – häufig gemischtgeschlechtliche Teams auf dem Platz, anstatt eine Hierarchie zwischen Männer- und Frauenligen einzuziehen oder Frauen von vornherein die Rolle der Zuschauer- oder Cheerleaderin zuzuweisen (1).

Trotz dieser günstigen Ausgangsbedingungen ist die real existierende, kleine Welt des österreichischen Flag Football freilich kein herrschaftsfreies Post-Gender-Paradies. Was falsch an der Gesellschaft, stellt auch das Eierlaberl nicht kurzerhand richtig. Je kompetitiver die Liga bzw. Spielsituation, umso weniger Frauen werden in der Regel in den Teams bzw. am Feld zu finden sein. Die Frauen auf den aktuellen Kaderlisten der höchsten Spielklasse, der Flag Liga Austria (FLA), lassen sich an einer Hand abzählen. Auch in den unteren Ligen, der FLA II und der Flag Liga Start, tummeln sich zahlreiche reine Männer-Teams und stellen Frauen in Summe eine deutliche Minderheit dar. Als Ausnahmen sind die Amazing Austrian Amazones (weitgehend personalident mit dem österreichischen Damen-Nationalteam) und die Rangers aus Mödling (beide FLA II) zu nennen. Auch eine geschlechtstypische Arbeitsteilung ist spürbar – am häufigsten werden Frauen in gemischten Teams auf jenen Positionen eingesetzt, in denen Athletik (vermeintlich) am wenigsten zum Tragen kommt – Linebacker, Blitzer, Center. Wer Fotoaufnahmen des Herren-Nationalteams studiert, wird überhaupt feststellen, dass die theoretische „Körperlosigkeit“ des Spiels der faktischen Herausbildung eines bestimmten Ideal-Körpertyps (groß, schlank, athletisch) nicht entgegensteht (2).

Abseits der Frage des Frauen-Männer-Verhältnisses in quantitativer und qualitativer Hinsicht sind auch im Flag Football jene sozialen Phänomene zu beobachten, die in männerbündischer Umgebung stets zu höchster Entfaltung gelangen: Auch in Flag-Teams können Hackordnungen über interne Hahnenkämpfe ausgefochten werden; auch auf Flag-Feldern wird die eigene Männlichkeit von manchen über die Abwertung alternativer Männlichkeiten, die eigene Heterosexualität über die Distanzierung von anderen Begehrensformen bekräftigt; auch hier gilt ein flatternder Pass manchem als „schwul“, obwohl der US-Football-Lingo hierfür die schöne Bezeichnung „duck“ bereithalten würde. Wer chronisch solche Enten anstelle der als erstrebenswert geltenden „tight spirals“ oder „lasers“ produziert, wirft nach dem Urteil mancher „wie ein Mädchen“ – eine Einschätzung, die jenseits ihres sexistischen Gehalts auch pragmatischer Weise von jedem schleunigst verworfen werden müsste, dessen Defense je von Amazones-Quarterback Saskia Stribrny und ihren europameisterlichen Kolleginnen zerzaust worden ist (3).

Während Imponiergehabe und maskulinistische Selbstvergewisserung ohnehin einen fruchtbaren Boden finden, wo immer Männer zusammenkommen und vorwiegend unter sich sind, werden entsprechende Tendenzen im Flag augenscheinlich durch das Vorbild des Tackle Football noch verstärkt. Die meisten Flag-Begeisterten verfolgen insbesondere die amerikanische Profiliga mit großer Passion – eine Liga, in der Attribute wie „hard hitter“ oder „bruising back“ als Ehrentitel gelten, soldatische Tugenden wie Disziplin, Schmerztoleranz und Selbstaufopferung in geradezu religiöser Weise beschworen werden, das Fachvokabular durchmilitarisiert ist wie die Grenzregion Kaschmir („air raid“, „blitz“, „battle in the trenches“, etc.) und Reviermarkierungen („This is our house!“) zum obligatorischen Vorgeplänkel jeder Partie zählen. Wenig verwunderlich insofern, dass das bei fortwährendem Konsum dieses Produkts beiläufig erlernte Repertoire an mann-männlichen Posen und Verhaltenweisen – von der Bizeps-Flexerei bis zu den „chest bumps“ als Touchdown-Celebration – und Vergemeinschaftungsriten wie dem niedrigfrequenten Gebrüll im Huddle auch auf Flag-Feldern eifrig kopiert wird. Die Körpersprache, „attitude“ und letztlich Ideologie des American Football findet sich im Werbespruch eines AFL-Sponsors – „No balls, no game“ – prägnant zusammengefasst (4).

Spürbar ist der Tackle-Einfluss auch in der Namenswahl der Teams: zwischen „Steelsharks“ und „Studs“, „Spartans“ und „Vipers“ ist alles vertreten, was Gegner_innen Furcht einzuflößen geeignet scheint. Während Angst vor physischem Schmerz im Tackle-Football höchst rational und ihre Erzeugung daher realer Erfolgsfaktor ist (dass Chicagos NFL-Team „Bears“ heißt und nicht den Namen „Cubs” von einem lokalen Baseball-Team übernahm, war der Legende nach dem zu wenig aggressiven Charakter der „Bärenkinder“ geschuldet), erscheint dieselbe Namenswahl im Flag als Imitation – und letztlich als Ausdruck einer ausgeprägten Bereitschaft zur Selbstironisierung. [Dass diese freilich auch ihre Grenzen hat weiß, wer dem eigenen (damals) all-male-Team jemals den Vorschlag unterbreitet hat, den Teamnamen auf „Vienna Sparkleponies“ und die Trikotfarben auf Pink&Silver zu ändern. Nochmaligen Dank an dieser Stelle für die Ja-Stimmen!]

Nicht zuletzt dieser Hang zur Selbstironie ist es, der Flag Football sympathisch macht – sympathischer allemal als etwa den Männer-Fußball und die grölenden Horden Oberteil-averser Männerfanblocks, Schlägertrupps und Spiegeltrinker, die er (unter anderem) mobilisiert. Die weitverbreitete Selbstwahrnehmung als softe Variante, als kleine Schwester des Tackle, als Option für jene, denen dieser zu brutal, zu schmerzhaft oder zu körperlich fordernd ist, lässt die Flag-Community Gebräuche des „richtigen“ Football nie ganz ungebrochen reproduzieren, sondern stets mit einem gewissen Augenzwinkern. Zumindest wäre dies meine Antwort auf die Frage, weshalb ich an mancher der erwähnten Verhaltensweisen partizipiere. Mit Blick auch auf die (bei allen erwähnten Abstrichen) im österreichischen Flag realisierte Geschlechtergemischtheit erscheint alles in allem nicht unplausibel, dass Homophobie, Sexismus, Maskulinismus und Männerbündelei hier geringer ausgeprägt sein könnten als in manch etablierter Breitensportart. In diesem Sinne: Go Bees! Go Ponies! -bw-

Der Autor spielt seit 2011 Flag Football, seit 2013 als Safety/Linebacker bei den Vienna Honeybees (FLA II).
Praktische Informationen zur Sportart sind auf
www.flagfootball.at
abrufbar.

(1) Hinsichtlich der Geschlechterverhältnisse im österreichischen Tackle-Football werden von führenden Funktionären des Verbandes (AFBÖ) gemischte Signale ausgesendet: während Präsident Michael Eschlböck in seiner Funtion als NFL-Co-Kommentator auf PULS4 immer wieder auf das Bestehen von Frauen-Tackle-Teams und des Cheerleading als Option auch für Männer hinweist, propagierte einer seiner Vizepräsidenten noch kürzlich in einem Interview „einen Football für jeden Burschen, Pom-poms für jedes Mädchen” als Devise zur weiteren Popularisierung der Sportart in Österreich.

(2) Spätestens auf FLA-Niveau erweist sich, dass „kontaktarm“ eine treffendere Charakerisierung als „körperlos“ ist: (Antritts-)schnelligkeit, Wendigkeit, Körperbeherrschung, kurze Reaktionszeiten und peripheres Sehen sind nur einige der Assets, die beim Flag nicht schaden. Was, jedenfalls bei sympathischen Teams, glücklicherweise nicht bedeutet, dass sie Voraussetzung für eine spaßbetonte Mitwirkung wären.

(3) Wer narzisstische Befriedigung aus der Leistung anderer Landsleute zieht wird erfreut sein zu erfahren, dass Österreich im Flag als Supermacht gelten kann. Es sind der Sportarten wenige, in denen die Alpenrepublik über amtierende Welt- (Herren, 2012) und Europameister_innen (Damen, 2013) verfügt.

(4) Die Wahl der oberösterreichischen Gute-Laune/Dicke-Hose-Rapper Trackshittaz als Interpreten des offiziellen Songs zur Football-WM 2011 in Österreich kann insofern als passend bezeichnet werden. Die Inszenierung der Sportart in Text und Video des Songs illustriert Football-typische Maskulinität und Geschlechterverhältnisse in trefflicher Weise. Dass der Gestik, Sprache und anderweitigen Interaktion im Tackle Football auch eine gehörige homoerotische Komponente innewohnt, hat u. a. der Anthropologe Alan Dundes in seinem instruktiven Artikel „Into the End Zone for a Touchdown: A Psychoanalytic Consideration of American Football“ von 1978 ausgeführt.

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Zwischen Sexualisierung und ­Verharmlosung

Der fragwürdige Umgang mit rechtsextremen Frauen

Judith Goetz

erschienen in Malmoe 66

Seit der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) und seine rassistisch motivierten Morde an mindestens zehn Menschen bekannt wurden, läuft die sensationsorientierte Berichterstattung über das deutsche Neonazi-Trio auf Hochtouren. Dass sich Beate Zschäpe im November 2011 den Behörden stellte und sich seit Mai letzten Jahres als Hauptangeklagte in einem Prozess zu verantworten hat, bot aber auch den (längst) notwendigen Anlass, sich erneut mit der Bedeutung von Frauen in der extremen Rechten auseinanderzusetzen.

„Gefährliche Mitläuferin“?

Vor allem die anfängliche stereotype Berichterstattung, die in Beate Zschäpe eine „gefährliche Mitläuferin“ (Bild) oder ein sexualisiertes Anhängsel der „eigentlichen Täter“ Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sehen wollte, veranlasste das Forschungsnetzwerk „Frauen und Rechtsextremismus“ sogar dazu, sich mit zwei Briefen, in denen diese Aspekte auf Basis jahrelanger Forschung zur Thematik kritisiert wurden, an die Öffentlichkeit zu wenden. Auch in der rechtsextremen Szene selbst wird mit Beate Zschäpe unterschiedlich umgegangen. Stellt sie für die einen eine Heldin dar und wird mit Liebesbriefen umworben, blieben dauerhafte Solidaritätskampagnen dennoch aus.

Die Süddeutsche wiederum sprach vom „Herz der Terrorfamilie“ und in der Frankfurter Rundschau war zu lesen, dass Zschäpe „eine der wenigen aktiven Frauen in der rechtsextremen Szene“ gewesen sei und sich „politisch kaum engagiert“ habe. Damit wurde von Seiten der Medien an die Klischeevorstellung unpolitischer Frauen angeknüpft, die eine Verharmlosung und Unsichtbarmachung des politischen (und in manchen Fällen auch gewaltförmigen) Engagements von Frauen in der extremen Rechten zur Folge hat. Im Gegensatz dazu hat die seit Ende der 1980er Jahre im deutschsprachigen Kontext betriebene Forschung aufgezeigt, dass Frauen in den unterschiedlichsten Spektren des Rechtsextremismus aktiv waren und sind, und auch verschiedene Aufgaben und Positionen innerhalb rechtsextremer Organisierung übernehmen. Zudem sind es ebenso wie bei Männern meist Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus, die rechtsextremes Gedankengut für Frauen attraktiv machen, und nicht, wie oftmals fälschlicherweise angenommen, frauenpolitische Themen. Gleichzeitig stabilisiert und normalisiert die Frauenpräsenz die rechte Szene, weil sie nicht nur nach außen das Image verbessern, sondern auch leichter Eingang in zivilgesellschaftliche Bereiche wie Elternbeiräte, Vereine etc. haben. „Diese Unterschätzung kann und wird z.T. auch in rechtsextrem orientiertem Milieu bewusst eingesetzt, beispielsweise bei der Anmietung von Räumen für Veranstaltungen, bei der Sammlung von Daten (vermeintlicher) politischer GegnerInnen, des Fotografierens derselben, die Ansprache von BürgerInnen bei Infoständen oder beim Betrieb von Internetportalen.“ 1 So wird zumindest von der Bundesanwaltschaft betont, dass Zschäpe die „unverzichtbare Aufgabe“ gehabt hätte, „dem Dasein der terroristischen Vereinigung den Anschein von Normalität und Legalität zu geben“. Dabei ist sie nicht alleine gewesen. Im Gegenteil konnte der NSU laut APABIZ auf ein UnterstützerInnennetzwerk von rund 200 Personen zählen – etwa 20 % davon waren Frauen. Neben unzähligen anderen Ermittlungspannen und weiterhin offenen Fragen wird aber weder den Frauen noch dem Unterstützungsumfeld als solchem im Prozess gebührend Bedeutung zugemessen. Für den Prozess gegen Beate Zschäpe und vier weitere mutmaßliche Unterstützer des NSU stellt es tatsächlich die größte Herausforderung dar, Zschäpe die Beteiligung an den verübten Morden tatsächlich auch nachzuweisen. Zu den Anklagepunkten zählen neben der Gründung des NSU sowie der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung u.a. Brandstiftung, die Ermordung von zehn Menschen sowie zwei Sprengstoffanschläge sowie 14 Banküberfälle. Obwohl der Prozess bis Ende 2014 anberaumt ist, bleibt fraglich, ob alle Morde in dieser Zeit geklärt werden können und die Angehörigen auf diese Weise auch Aufklärung bekommen. Das komplette Versagen der Behörden sowie der hinter den Morden und Ermittlungspannen steckende Rassismus sind ohnehin kein Thema des Prozesses gewesen und so bleibt zu befürchten, dass statt Aufklären bald Abhaken auf der Tagesordnung stehen wird.

Österreichische Verhältnisse

Großes Unwissen gibt es aber im österreichischen Kontext über rechtsextreme Frauen, obwohl sich zahlreiche Beispiele finden lassen. Während im Umfeld der bekannten neonazistischen Internetplattform alpen-donau.info, die zwischen April 2009 und März 2011 online war und deren Betreiber und Initiatoren inzwischen zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, keine Frauen bekannt sind, die entscheidende Rollen übernommen hatten, sieht es im Kontext des Neonazi-Vereins Objekt 21 anders aus. Isabella Kordas, deren Künstlerinnenname als NS-„Liedermacherin“ „Sterbehilfe“ lautet, war bereits mit dabei gewesen, als der „Kulturverein“, ein Bauernhof nahe Attnang-Puchheim, aufflog. Im Mai 2009 wurden bei einer zufälligen Polizeikontrolle des Autos von Jürgen Windhofer verbotene Waffen und zahlreiche NS-Devotionalien gefunden. Im darauf folgenden Wiederbetätigungsprozess wurden Ende letzten Jahres vom Landesgericht Wels alle sieben Angeklagten u.a. wegen Verherrlichung nationalsozialistischer Ideologie schuldig gesprochen. Auch im Umfeld der „Identitären Bewegung“, die Ideen der sogenannten „Neuen Rechten“ aufgreift und in ihrer teilweise aktionistischen Agitation für die „Aufrechterhaltung“ einer nationalen bzw. europäischen Identität (gegen eine vermeintliche „Islamisierung“) auftritt, beteiligten sich Frauen immer wieder an einzelnen Aktionen. Zudem organisieren sich Frauen auch verstärkt in sogenannten „BürgerInneninitiativen“ wie beispielsweise der „Bürgerinitiative Dammstraße“ in Wien, auch bekannt als „Moschee Ade“, die sich gegen den Ausbau eines islamischen Kulturzentrums starkmacht. Ansonsten scheinen sich Anhängerinnen rechten bzw. rechtsextremen Gedankenguts in Österreich beispielsweise in der FPÖ-Frauenorganisation „Initiative Freiheitlicher Frauen“ (IFF) zu engagieren. Nicht zu vergessen sind an dieser Stelle jedoch auch die Wählerinnen rechtsextremer Parteien wie der FPÖ, die durch ihre Stimmabgabe zeigen, dass sie kein Problem mit rassistischen, antisemitischen, sexistischen und homophoben Politiken haben, und diese somit stärken. Aber auch deutschnationale Burschenschafter haben ein weibliches Pendant: Mädelschaften oder Damenverbindungen nennen sich jene Zusammenschlüsse von Frauen, die in Bezug auf völkischen Nationalismus ihren männlichen Gesinnungskameraden um nichts nachstehen. Sie unterscheiden sich einerseits durch ihren geringeren gesellschaftlichen Einfluss als auch dadurch, dass Mitglieder von Mädelschaften keine Mensuren fechten dürfen. Ihnen wird nämlich, so wie allen Frauen, die Satisfaktionsfähigkeit abgesprochen.

Nicht ernst genommen

Um die Auseinandersetzung mit rechten/rechtsextremen Frauen scheint es auch in Österreich äußerst dürftig bestellt. Zwar besteht phasenweise ein (nicht selten sensationsorientiertes) Interesse an der Thematik. Sie werden jedoch meist nicht als Anhängerinnen menschenfeindlicher Ideologien ernst genommen. So beispielsweise bei einer Veranstaltung über rechtsextreme Frauen im Linzer Autonomen Zentrum, zu der auch vier Mitglieder der deutschnationalen Mädelschaft „Iduna zu Linz“ gekommen waren. Während bei öffentlichen Veranstaltungen zum Thema Rechtsextremismus beispielsweise in den Hörsälen von Universitäten Burschenschafter oftmals „toleriert“ werden, weil es kein ausgesprochenes Verständnis darüber gibt, wer bei derartigen Veranstaltungen „erwünscht“ ist, verhält es sich im Kontext eines autonomen Zentrums anders. In seinem Selbstverständnis heißt es eindeutig: „Deswegen dürfen Rassismus, Sexismus, Heteronormativität, Antisemitismus, Nationalismus sowie Verhalten, das dies wiedergibt bzw. andere Personen – egal auf welche Weise – unterdrückt, keinen Platz haben.“ 2 Dennoch zeigte sich ein großer Teil der BesucherInnen der Veranstaltung nach dem „Outing“ der Mädelschafterinnen nicht unbedingt entschlossen, sie auf Basis des Selbstverständnisses zum Gehen zu bewegen, und so musste der Rausschmiss erst durchgesetzt werden. Jene, die mit ihnen diskutieren wollten, setzten die Diskussion sogar vor der Tür fort. Traurige Bilanz: Wären es deutschnationale Burschenschafter gewesen, die sich ins Autonome Zentrum getraut hätten, wäre wohl anders mit ihnen umgegangen worden.

Judith Goetz

(1)2. Offener Brief zum Prozessbeginn gegen die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe und zur Beteiligung weiterer Frauen im Netzwerk des Nationalsozialistischen Untergrunds http://www.frauen-und-rechtsextremismus.de/cms/images/medienarbeit/offener-brief-2013-04-12.pdf

(2)http://az-linz.servus.at/?page_id=30

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